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Full text of "Philologischer Anzeiger. "Als Ergänzung des Philologus." [serial]"

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■IV. SSM — 

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THE LIBRARY OF THE 

UNIVERSITY OF 

NORTH CAROLINA 




THE LIBRARY OF THE 

UNIVERSITY OF 

NORTH CAROLINA 




ENDOWED BY THE 

DIALECTIC AND PHILANTHROPIC 

SOCIETIES 

BUILDING ÖSE ONLY 

PA3 
.P6 
Bd.U 
1872 



This book is due at the LOUIS R. WILSON LIBRARY on the 
last date stamped under "Date Due." If not on hold it may be 
renewed by bringing it to the library. 


L//\ I IL D ITT 

DIE RET 


DATE RFT 
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Digitized by the Internet Archive 
in 2013 



http://archive.org/details/philologischeran04gtti 



*»* 



PHILOLOGISCHER 



ANZEIGER.. 


ALS ERGÄNZUNG 

DES 




PHILOLOGUS 


HERAUSGEGEBEN 




VON 

EKNST von LEUTSCH. 




VIERTEM BAND. 




| 1872. | 




GÖTTINGEN, 




VERLAG DEE DIETERICHSCHEN BUCHHANDLUNG. 


1872. 





$" r# \ 9 Januar 187Ä. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Pliilologus 



Ernst von Leutsch. 



Vorwort. 

Es kann und wird auffallen, dass, obschon von des Ph. Anzei- 
gers bd. HI (1871) lieft 11 und 12 nocb feblen, schon dieses lieft 
1 hervortritt. Davon liegt der grund lediglich in dem Verzeich- 
nisse der philologen, welche in dem deutsch -französischen kriege 
1870. 1871 gekämpft haben; je weiter nämlich ich in ihm fort- 
schritt, desto grössere Schwierigkeiten stellten sich dem in bd. III 
beabsichtigten abschluss desselben entgegen. Denn da während 
des kriegs ich oft hörte, dass die für mein unternehmen noth wen- 
digen notizen in gewünschter Vollständigkeit erst nach dem krieg 
herbeigeschafft werden könnten, war auf diesen Zeitpunkt zu war- 
ten zur genüge angedeutet : ich habe aber nichts desto weniger, 
wie die vorliegenden hefte zeigen, doch, wenn auch langsam, ohne 
Unterbrechung fortgearbeitet. Als aber nach dem ersehnten frie- 
den die lücken ausgefüllt und das ende herbeigeführt werden sollte, 
offenbarte sich bei <len> v grössern universi täten die Unmöglichkeit, 
durch diese in den Jisteju ;-voll£tätidigkek zu .erreichen , vor allem 
wegen der Unsicherheit der betreffenden vorstände und behörden 
über den verbleib der commilitoneq. Meine in den heften 9 — 12 
des bds III erscheinenden listen werden" demnach trotz aller aufge- 
wandten mühe in vieler beziehung unvollständig und ungenau aus- 
fallen; ich will aber diesem übelstand nach kräften abzuhelfen ver- 
suchen. Denn bei der zu meiner freude vielfach anerkannten mannig- 
fachen Wichtigkeit dieses Verzeichnisses bin ich entschlossen, selbiges 
zu überarbeiten und nochmals in so viel als möglich berichtigter ge- 
stalt dem publicum vorzulegen : um dabei aber billigen anforderun- 
gen zu genügen, bedarf es nach jetziger Sachlage, des mitwirken» 
der überlebenden kämpfe r selbst: an diese richte ich somit 
Philo!. Anz. IV. 1 

- 



2 Vorwort 

hier die bitte, wo sie in den bd. II und III gegebenen Verzeich- 
nissen entweder über ihre gefallenen collegen und commilitonen 
oder in betreff ihrer selbst, anslassungen oder ungenauigkeiten, irr- 
tbümer u.s.w. finden, davon mich baldmöglichst in kenntniss setzen 
zu wollen; zugleich ersuche ich aber auch an dieser stelle alle vor- 
stände und beb örden so wie die verwandten und an ge- 
hörigen der kämpf er auf das dringendste, mich für die neue 
bearbeitung bereitwillig und nach kraften zu unterstützen. 

Gleichzeitig mit dem verzeichniss gedenke ich die chronik 
abzuschliessen; liegt auch das material zu einer nach allen seiten 
gerechten darstellung des denkwürdigsten kriegs annocl) unvoll- 
ständig vor, für meine zwecke wird das vorhandene genügeu. 
Kaum steht aber Deutschland nach gewaltigem ringen als sieger glän- 
zend da, als auch im innern mit erneuter gewalt kämpfe losbrechen, 
welche in dem bei triumphen auch den gegebenen Verhältnissen 
rechnung tragenden vaterlandsfreund die besorgniss wachrufen, ob 
es denn unserm volke und seinen leitern gelingen werde, die nach 
aussen errungenen vortheile für die im innern zu lösenden aufga- 
ben befriedigend zu verwertbeu. Die lösung verlangt weitern uud 
selbständigen fortschritt : jedes diesen erstrebende volk — vor allen 
das der freunde ermangelnde deutsche — muss seine kriegerische an- 
läge auf das nachhaltigste entwickeln; es wird aber nur dann seinen 
feinden überlegen sein, wenn es diese nicht allein in der ausbildung 
des kriegers, sondern auch durch die cultur und pflege der geistigen 
anlügen weit übertrifft. Somit hängt aller gedeihliche fortschritt 
von der erzieh ung des Volkes ab, also davon, dass diese als die 
erste aufgäbe des Staats betrachtet und als solche in der Wirk- 
lichkeit behandelt werde: ist das bei uns der fall ? entspricht die 
einrichtung der dieser aufgäbe obliegenden Staatsanstalten den be- 
dürfnissen der gegen wart? Weifen wir einen blick auf die Volks- 
schule, so sind dem dieser zugewiesenen (heile deutscher natioa 
neuerdings in rascher folge grosse politische freiheiten und grosser 
politischer einfluss anvertraut und ich meinerseits wünsche ihm die- 
sen erhalten und thunlichst erweitert: aber soll dieser fortschritt 
zum segen gereichen, so muss die Volksbildung gleiche höhe mit 
der politischen freiheit erstreben; möge man, da das erreichen die- 
ses ziels die zeit von generationen erfordert, selbst wenn vor dem 
ziele für die gegenwart gar beschwerliche wirren auftreten, weise 
sich gedulden uud durch momentane Schwierigkeiten sich nur ver- 



Vorwort. S 

anlasst sehen, die zahl der schulen in innerer den Verhältnissen an- 
gemessener Verschiedenheit zu mehren, den Unterricht zu vervoll- 
kommnen und ehen darum dem lehrer einen auskömmlichen gehabt 
sichern, der staat also schon um der ehre des Staatsdienstes wil- 
len es nie an dem fehlen lassen, was hei uns allein das wahre 
gedeihen auf diesem felde noch immer hemmt, an deu der Wich- 
tigkeit der sache entsprechenden geldmitteln. 

Eine andere Stellung nimmt das gymnasium ein, jetzt leider 
nicht die ihm gebührende. Denn das gymnasium bleibt für den 
im staate einflussreicbsten volkstheil als die grundlegende die bei 
weitem wichtigste anstalt , dient am kräftigsten dem schütz und 
der förderung und der weiten Verbreitung wahrer cultur; dass es 
jetzt anders und ungünstig angesehen wird, ist eine beklagenswer- 
te und vom preussischen staat zumeist verschuldete erscheiuung. 
Denn da dieser staat in folge der ohne ausreichende kräfte zu be- 
hauptenden Stellung als grossmacht den für die geistige erziehung 
der nation erforderlichen bedeutenden aufwand sich versagen musste, 
dagegen doch diese erziehung und vor allen den gymnasial - Unter- 
richt trotz der nur eine Zeitlang mit vorliehe behandelten realsclm- 
len als für die förderung seiner hauptsächlich militairischen zwecke 
ganz besonders befähigt klar erkannte, so suchten die leitenden be- 
hörden die gymnasien für die verschiedensten kreise dadurch nutz- 
bar zu machen, dass an stelle der nur wissenschaftlichen und somit 
idealen richtung des Unterrichts eine, ich möchte sagen, enkyklo- 
pädische trat : dies führte zur einengung des Studiums der bis 
dahin vorherrschenden classischen sprachen, zur heranziehung bis- 
her ausgeschlossener lehrstoffe, zur ausdehnung schon vorhande- 
ner, zu manchen sonstigen änderungen , die alle in der verderb- 
lich genug allmählig zu einem Staatsexamen umgeschaifenen ma- 
turitäts- prüfung gipfelten. Dass diese dem deutschen wesen wi- 
dersprechenden maassnahmen bei der masse Unterstützungen fanden, 
erklart sich einerseits aus einer reaction gegen das alterthum : als 
die philologie in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts durch 
jugendlich kraftige entwicklung die schönste popularität errungen 
glaubte man nicht weit genug sie auf der schule treiben zu kön- 
nen und — übertrieb : andrerseits aus einer immer mächtiger auftre- 
tenden materialistischen Strömung, die begünstigt von engherziger 
politik und irriger auffassung des altert hu ms die ausdehnung des 
Unterrichts auf neuere sprachen, geographie, naturwissenschaften 

1 * 



4 Vorwort. 

u. s. w. laut als gewinn begrüsste. Dass bei dem durch derarti- 
ges experimentiren geübten drucke das, was geleistet worden, ge- 
leistet ist, erklärt sich aus der zäbigkeit des deutschen volksgei- 
stes, dem verhalten der kleinstaaten, die dem preussiscben system 
gegenüber sich meist abwehrend verhielten, vor allem durch die stille 
Opposition oder vielmehr durch die nicht genug anzuerkennende auf- 
opfernde hingebung des philologischen lehrerstandes. Aber ist der 
grund des drückenden Systems geschwunden, die grossmacht fest be- 
gründet, so muss auch der druck und mit ihm das auf ihn basirte System 
fallen, zumal dessen naclitheilige Wirkungen grell genug hervortreten. 
Denn die durch obiges dem gymnasium gewordene, mancher eitelkeit 
schmeichelnde Selbständigkeit hat vor allem den Zusammenhang zwi- 
schen gymnasium und Universität gelockert, ein übelstand von gröss- 
ter tragweite. Man frage nur einmal den Juristen auf der Univer- 
sität, ob für seine vortrage die kenntnisse der zuhörer im latein 
ausreichen und er wird es leugnen, auch behaupten, früher sei das 
besser gewesen. Der philolog muss leider dem beistimmen: er 
vermisst Übung im lateinsprechen, fertigkeit im lateinschreiben, Si- 
cherheit in der grammatik und anderes, vor allem passliche Vor- 
bereitung zum selbständigen arbeiten, alles dinge, die, soll die Uni- 
versität auf der ihr zukommenden hohe bleiben, von der schule mit- 
gebracht werden müssen. Damit dem gründlichst abgeholfen werde, 
bedarf es zwar der beseitigung vieler nur zum tlieil im obigen ange- 
deuteter übelstände, als völlige trennung der sg. realklassen vom 
gymnasium, Schutzmittel gegen übeifüllung der classen, entfernung 
der scliulräthe vom Vorsitz in der muturitatsprüfung, vor allem aber 
solcher erweiterung des Unterrichts in den clussischen sprachen, dass 
mit der Sicherheit in ihnen wirkliche liebe zu ihnen wieder er- 
wache. Aber das bedürfniss der zeit erheischt auch das aufge- 
ben des prineips, den Unterricht in allen gymnasien auf gleiche 
weise einzurichten ; es sollte vielmehr in den dem alterthumsstu- 
dium beigeordneten Wissenschaften Verschiedenheit walten , so dass 
während an dem einen gymnasium als zweites hauptfach die ge- 
schieh (c hervortrete, an dem andern dies der mathematik zukomme, 
andre lehrzweige dagegen zurücktreten, auch dem eignen willen der 
lernenden überlassen bleiben: es mag wohl bei der mannichfaltig- 
keit der äussern, die gymnasien beeinflussenden bedingungen hie 
und da anders zu helfen sein : nur nenne man nicht solche mittel, 
die mit dem gegenwärtigen nothstande abzurechneu suchen. Unsre 



Vorwort. 5 

vorschlage, welche errichtung noch vieler schulen in sich fassen, 
werden allerdings aufwand an geld erfordern: aber wir haben 
es ja: warum es also nicht für das edelste, für das beste auf- 
wenden ? 

Wenn nun schon aus dem gesagten dem lehrer manche vortheile 
erwachsen: bescbränkung und doch grössere freibeit des Unterrichts, 
Wegfall des Zwanges halbjährlich übergrosse partien der klassiker erklä- 
ren zu müssen : so verlangt noch ausserdem die materielle läge desselben 
dringend Verbesserung. Weniger allgemein anerkannt und doch wohl 
eben so sehr geboten erscheint aber die erhohung des etats für die 
gymnasial -bibliotheken. Denn wie soll man es nennen, dass dem 
lehrer und namentlich dem philologischen das für gründlichen Unter- 
richt durchaus noth wendige material dauernd vorenthalten wird? 
Vergil wird gelesen : es fragt aber niemand, ob dem erklärer der 
commentar des Servius, ob die ausgaben von Heyne - Wagner, von 
Ribbeck zu geböte stehen: die so nöthigen altern, wie Cerda, sind 
schon ganz verschollen. Die grossartige entwicklung unsrer Wis- 
senschaft verlangt gebieterisch Zeitschriften: kommen sie dem gym- 
nasium zu gute % Wohl hilft die regierung zuweilen aus; aber 
der natur der sache nach ungenügend: nun sehe man, wie diesem 
vom Staate verschuldeten mangel die collegien abhelfen : sie ver- 
wenden die den maturitäts- prüfungen entfliessenden gehler zu sol- 
cherlei anschaffung, sie errichten lesevereine und schenken das 
mit ihren geringen mittein beschaffte der schulbibliothek — mit 
einem worte, es entwickelt sich hier in der stille ein Patriotismus, 
wie er selten in zweigen des Staatsdienstes betroffen werden dürfte. 
Aber auch der stärkste bogen zu stramm gespannt, zerbricht: bringe 
man hülfe zur rechten zeit und somit baldigst: sie besteht auch 
hier lediglich in geld! Warum es hier nicht aufwenden? hat 
man es doch für die ausbildung des offiziers; denn wo dieser sich 
bildet, fehlt es nicht an büchern, an karten ; was aber vor allem an- 
dern ihn bildet, ist der angemessene Wechsel von theoretischen Stu- 
dien mit der praxis. Warum dasselbe nicht auch für den gym- 
nasiallehrer schaffen? warum nicht dem hoffnungsvollen jungen 
gymnasiallehrer nach den ersten jähren des amtes mittel schaffen, 
um auf der Universität oder an anderm passlichem orte ohne exa- 
mensfurcht eine Zeitlang nach eigner neigung zu studiren ? warum 
ein gleiches nach längern jähren dem bewährten lehrer nicht gön- 
nen, wenn der Wissenschaft daraus vortheil erwächst? Da wir das 



$ Vorwort. 

geld haben, warum es nicht für das edelste, das beste, für die 
erziehung der nation aufwenden? 

Die gymnasien bedingen die blütbe der Universitäten, unserer 
höchsten bildungsanstalten: daher kränkeln auch diese und zwar schon 
lange; schönfärbende reden heilen mitnichten. Vor allem krankt 
auf ihnen die philologie; denn abgesehen von ihrem vorzugsweise 
engen Zusammenhang mit der schule, abgesehen von der Unzuläng- 
lichkeit der seminare — nur in Göttingen hat man ohne irgend 
zuthun des curatorium den bedürfnissen der zeit zu entsprechen 
gesucht — hemmen der neuzeit eigenste maassnahmen befriedigen- 
den aufschwung und erfolg. Denn befindet sich nach mancherlei 
mühen des professor der studiosus kaum auf wissenschaftlicher bahn, 
plötzlich verlässt er sie — er muss in die letzten semester gelangt 
sich auf das Staatsexamen vorbereiten, muss philosophie, geographie, 
religiou, vor allem neuere geschichte und altdeutsch lernen: „habe 
ich nicht diese Vorlesungen gehört, nicht dieser societät wenig- 
stens ein jähr als mitglied angehört, so mache ich ein schlechtes 
examen", lautet es, bei guten unter klagen: mit wie viel recht, 
lasse ich natürlich dahingestellt sein. Und nun wird die philologie 
zur nebensache, eine vielversprechende, auf eigne neigung begrün- 
dete entwicklung unterbrochen, das leben des freien, beglückenden 
forschens mit der Zwangsjacke des reglements vertauscht. Daraus 
entnehme man, welche Verwüstung im Studium der philologie auf 
Universitäten die sg. wissenschaftlichen prüfungs - commissionen an- 
gerichtet haben. Ganz natürlich : denn folgerichtig verderben sol- 
che commissionen^ nicht den Studenten allein , auch den professor, 
indem die lehr- und lernfreiheit, das palladium der deutschen 
Universitäten, nun vernichtet und die Universität auf das unverant- 
wortlichste an ihrer empfindlichsten seite unheilbar geschädigt wird. 
Der edle wettkampf unter den lehrern muss aufhören, da zu dem 
mitglied der commission der hörer schon kommen muss; der Zwie- 
tracht sich thür und thor öffnen, da der onkel den neffen , der 
Schwiegervater den Schwiegersohn in die commission als das för- 
dersamste mittel für volle collegien zu bringen sucht, die Wissen- 
schaft verliert, da durch die masse der von der commission ver- 
langten höchst zeitraubenden arbeiten der professor seinem wissen- 
schaftlichen berufe entzogen und zum praktiker umgewandelt wird. 
Und was das schlimmste ist, durch all dies selbstmörderische thun 
wird der zweck, abhaltung der untauglichen vom Staatsdienst, doch 



Vorwort. 7 

nicht erreicht: es scheint eben das eigentümliche verhältniss zwi- 
schen Studenten und professoren unbeachtet geblieben, welches al- 
lein schon der einrichtung eine genügende bürgschaft für die tüchtig- 
keit des bestandenen entziehen inuss. Somit müssen die Universitäten 
aus pflicht der selbsterhaltung auf beseitigung dieser verderblich- 
sten einrichtung dringen, die, dauert sie fort und würde sie gar 
auf andre facultäten ausgedehnt, die wahre aufgäbe der Univer- 
sität, welche einer unsrer besten männer dahin formulirt, „dass 
nur die Universität blühe, in welcher die forsch ung den Un- 
terricht an die tiefe und der Unterricht die forschung an das 
leben knüpfe", grade zu unmöglich machen müsste. Und das bes- 
sere liegt ja gar nicht fern: bedarf der staat der prüfungen, so 
müssen die sitze der dazu nötbigen bebörde von den Universitäts- 
städten entfernt, diese selbst zum geringsten theil aus professo- 
ren und zwar unter stetem wechseln, zum grö'ssten aus gymnasial- 
lehrern und andern passlichen staatsdienern bestehen; dazu müsste, 
um allem zu genügen — wobei ich freilich mein gebiet über- 
schreite — , ein unsern anforderungen entsprechendes unterrichts-mini- 
sterium kommen, da die jetzige Organisation mit ihrem eingehen in das 
detail dem Ungeheuern ihr plötzlich zugewachsenen gebiet nicht 
mehr vorzustehen vermag, zugleich mit diesem aber eine von der 
Universitätsstadt entfernte mittelbehörde zwischen ministerium und 
Universität geschaffen werden, die, den frühern curatorien nachge- 
bildet, die jetzigen curatoren beseitigte: man sieht auch hier, was 
bis jetzt das neunzehnte Jahrhundert an den Universitäten geneuert, 
hat sich nur selten bewährt. Freilich verlangt dies alles geld, 
vieles geld: aber wir haben es ja: warum es also nicht für das 
edelste , für das beste aufwenden ? 

Dies über das unterricbtswesen, die sorge des vaterlandfreundes; 
tadelnswertb wäre, wegen der gegenwärtigen schwäche desselben ein- 
zelne männer, treue diener ihres königs, anzuklagen: der grund der 
sorge liegt im system: dagegen offen anzukämpfen, nicht das dulden, 
fordert unsre pflicbt. Denn wenn zum schütz des volkes und seiner 
edelsten guter das beer unentbehrlich, dieses aber den feind nur bei 
geistiger bildung niederwerfen kann — muss nicht auch der noch 
so glänzend ausgeführte oberbau , ruht er auf morscher und zer- 
fressener grundlage, unaufhaltsam zusammenbrechen? 

Ernst von Lentsch. 



8 2. Palaeographie. Nr. 1. 

2. Studia palaeographica. Scripsit I. C. Vollgraff, Phil, 
theor. et litt, doctor. 8. Lugduni - Bat. S. C. van Does- 
burgh. MDCCCLXXI. PP. 100. 

Die schrift zerfällt in acht kapitel, von denen 1, de male 
contractis et distractis } de dittograpliiis et eis , quae bis scribenda 
erant, semel scriptis, 2. de erroribus ortis ex vitios asequiorum pro- 
nuntiatione , 3. de scriptura unciali, 4. de scriptura minuscula, 5. 
de antiquissimis abbreviationibus, 6. de notis praepositionum, 7. de 
compendiis handelt. Die palaeographischen Ursachen also der 
Verderbnisse in den Schriftstellern und die heilmittel gegen sie 
sind die längst bekannten; das verdienst der schrift beruht nur 
darauf, dass anschauliche und sichere beispiele für die einzelnen 
versehen gesammelt sind. Und dass diese vorzugsweise aus 
den Schriften holländischer und englischer gelehrten entnommen 
werden, fällt bei einem Holländer nicht auf. Neben Bentley und 
Dobree wird besonders Badham , neben Hemsterhuis und 
Valckenaer namentlich Cobet angeführt. Von Badham werden 
mehrere, zum theil schöne Verbesserungen zu Piaton und Thu- 
kydides aus seiner antrittsrede in Sidney, von Valckenaer man- 
che bisher unbekannte aus seinen Schedae criticae , die sich 
in der bibliothek zu Leyden befinden , mitgetheilt. Bisweilen 
fügt der vf. auch eigene vermuthungen hinzu. Diese beziehen 
sich zum grössern theil auf die scholien zur Odyssee und sie 
treffen dann meist das richtige. So schob zu £, 162 einXni'jati 
für ov nlotosi (p. 31. 90), zu A, 568 tide für o78e und siSsvai 
f. sivai zu v. 580 (p. 34), zu i>, 10 ngoa&qaoftev für ngoOtjao- 
fiev (p. 67) und v. 14 jrooööäfAev f. ngodcofAev (p.82), zu £, 334 
vnodTQSxpai und v. 521 sV vpoißrj f. vn > äfwißjj (p. 80), zu £, 
398 xaza ns7QT]Q f. inl ntiQaq (p. 81), zu v, 142 naoamnydq- 
vui f. neQia£[iq,&7jtat (p. 85), zu §, 230 cög Qovxvdidyg f. xal 
OovxvdiStjt; (p. 92). Doch sind auch andere darunter, die der 
vf. in seinem etwas altmodischen notenjargon mit unrecht für 
sicher ausgiebt. Im schob zu v } 215 will der vf. p. 22 iit'Xms 
f. Hins schreiben. Ich meine, um hier nicht auf eine schon viel 
vorgekommene erörterung des Unterschiedes von tVeCneiv und 
Xeineiv einzugehen, dass tline für diese scholien durch das XeC- 
nei der handschriften hinreichend geschützt wird. Zu ;r, 305 
inl tov x« ö zovog will der vf. p. 27 aul lesen. Er hat also 
das scholion falsch aufgefasst: denn es muss vorher heissen to 



Nr. 1. 2. Palaeographie. 9 

r so äogiazov, wie auch nach La Roche in mehreren handschrif- 
ten steht. P. 28 vertheidigt der vf. im sehol. zu £, 199 zav 
izigav, was der cod. harl. in den worten des Kallimachos bie- 
tet, indem er Ko\o3vuku> zojv izsgoov auf die zwei demen Ko- 
lonos bezieht. Es ist gefährlich in einem bruchstück , dessen 
eigentliche beziehung und meinung man nicht kennt, wie sie 
hier auch Naeke (op. 2 p. 125 ff.) nicht festzustellen vermochte, 
irgend etwas von dem sinn des ganzen abhängiges ändern zu 
wollen : aber der gedanke an die beiden Kolonos scheint mir 
selbst für Kallimachos unpassend. Ich denke mir als das 
wahrscheinlichste , dass Theseus bei Hekale seinen weg nach 
Marathon erzählt, und dann scheint Porsons izuocov durchaus 
passend; vorher würde ich 81juov . bezüglich auf einen vorher 
von Theseus genannten , nördlich von Kolonos gelegenen ort, 
schreiben. Zu |, 222 soll der scholiast geschrieben haben k'g- 
yo»] im yijg sgyaotag für egyöv] rj yecogyla, anb tfjg pgug (p. 
43). Aber die weiteren worte des scholiasten zeigen, dass er 
meint, es müsse hier in tgyov schon eine beziehung auf den 
ackerbau liegen, weil sonst überall egyov., wenn es etwas ande- 
res bedeute, einen genetiv, wie "dgqog, bei sich habe. Also 
ist die lesart der handschriften richtig, so thöricht der gedanke 
ist, dass ega in sgyov stecke. Aber ich dächte, wir wären an 
noch andere etymologieen bei den alten grammatikern gewöhnt. 
Zu r, 174 soll rwv fit] ava^icav aus zä>r ^/} uvanCmv verdorben 
sein (p. 65). apatri'cov für unschuldig ist in diesem zusammen- 
hange kaum zulässig; vielmehr ist wohl nur ftrj a^lmv das rich- 
tige. Es sind aber zwei scholien zu scheiden: no\ino\ anav- 
rar] ort xai zäv \ir\ a^i'oov. und antmove^ (*r) iärzsg avzoig nr\- 
fiaivsaüai. Zu v, 215 will vf. p. 85 nag a zi\v uymyrjv — JjSCxt]- 
aav. Aber nsgl z\v aycoyijv ist eben so richtig: in beziehung 
auf die zurückführung in die heimath. So finden sich auch 
unter den änderungen in andern Schriftstellern neben manchen 
guten, wie Eur. Alk. 552 ?j [tägog ü für ti pägog ü (p. 55) und 
v. 1117 xugazouüv für xagazofAqj (p. 98), die jedoch längst 
von Lobeck zu S. Aias 801 gemacht war, Arist. Ach. 612 eldev 
f. olStv (p. 34), aber schon von Bergk vorgeschlagan und in cod. 
J gefunden, — neben diesen und andern finden sich auch 
manche unrichtige. Z. b. bei Athenaeos 13, p. 592. E will vf. 
p. 23 Tour' ova i/rofijas lesen, aber warum ist zoiiz' inoirjas 



10 2. Palaeographie. Nr. 1. 

(dass er die kinder ohne die mutter vorführte) nicht eben so 
gut? Bei dem bruchstück des Lysias , das Athen. 13, p. 592 
E anführt, hat vf. p. 23 übersehen, dass es noch einmal p. 
586 E sich findet und dort xal vor ht fehlt , wie vf. es will, 
weshalb es auch von mir Fragin. oratt. gr. p. 195 längst weg- 
gelassen ist. Thuk. 1, 18 will. vf. p. 30 mit Badham jut-j'/ara 
dt] iydvn lesen, wie längst H. Stephanus gewollt hatte, aber 
discpari] wird durch 2, 51. 4, 108 hinreichend geschützt. P. 
33 will vf. bei Ilomer Od. x, 314 = 366 (nicht y, 162 wie 
dasteht) und an andern orten lae für flae gelesen wissen : er 
hat nicht an eaag und die ähnlichen öfter vorkommenden for- 
men gedacht. Bei Plutarch. Fab. c. 16 will vf. p. 79 co avene- 
q>vQ7o lesen für övvenzcpvoro , aber damit bringt er einen bei 
Plutarch , wie bekannt , unzulässigen hiatus herein und av/jbrfv- 
Qsa&ai besudelt werden ist der stelle ganz angemessen. 
Die banalen phrasen also: Quantocyus repone av£7i£(pVQto i quod 
verbum in talibus unice verum esse non opus est docere. sind ganz 
an unrechter stelle. Ebenso der geschmacklose ausdruck: ubi 
necessarium esse oti ev mqwovgi vel coeeus videat p. 91 über 
Plutarchs reg. et imperat. apophth., denn ov xoivovat, nämlich 
tovzo o nqnasta^s uolvai 6 ßaaiXsvg, ist vollkommen richtig. 

J. C. Vollgraff, um zu schliessen , ist nicht ohne kritische 
begabung, aber es fehlt ihm an geschmack und bescheidenheit. 
Sonst würde er nicht p. 3 über die Deutschen geschrieben ha- 
ben: At neque (so braucht er neque einigemal falsch für ne — 
quidem) in vicina Germania criticis sua laus constat aptid omnes. 
Et olim fuit et nunc superest obscurum quoddam genus anonymorum, 
qui quidquid e scriniis philologorum, nostratium imprimis, prodit in 
lucem cupide damnant, despicatui habent, derident cum ira et stu- 
dio prope Dorvillianis. Ecquando haec natio iniqua bella compo- 
netf Nihil tarnen istorum (iixQO\pv%ia umquam movit popidares 
nostros, qui fiiya qionvovvreg illa omnia non midtum curare assolent. 
Was irgend in Holland tüchtiges geleistet wird, findet in Deutsch- 
land volle anerkennung, wie, um die früheren nicht zu erwähnen, 
Geel, Bake , Hofmann - Peerlkamp, Cobet zur genüge zeigen. 
Der entgegengesetzte Vorwurf, dass man in Holland sich gern 
abschliesst und viele sich um das, was Deutsche leisten, wenig 

kümmern, würde vielleicht eher berechtigt sein. 

H. S. 



Nr. 1. 3. Griechische grammatik. 11 

3. Leopoldi Schmidtii observationes de analogia et 
anomalia in syntaxi graeca. (Universitätsprogramm). 4 Mar- 
burg. 1871. pp. ix. 

Der Verfasser hat zu den früher erschienenen abhandlungen 
(De omissa apucl optativum et eoniunctivum äv parlicula commen- 
tatio. Marb. 1868. s. Philol. Anz. I, p. 2 — 5: De tractandae Syn- 
taris graecae ratione commentatio. Marb. 1871. s. Philol. Anz. 
III, p. 8—10) die obengenannte hinzugefügt, welche nicht min- 
der geistreich als die früheren ist. Selbst wenn man die grund- 
anschauung des verf. nicht ganz zu theilen vermag, so legt man 
doch keine seiner arbeiten aus der hand, ohne dabei tiefgehende 
anregung empfangen zu haben. Schmidt ist nämlich der ansieht, 
dass der feste usus bei der spräche vor allen dingen in be- 
tracht kommt. Bei vereinzelten abweichungen von demselben 
ist dann zuerst die handschriftliche Überlieferung in's äuge zu 
fassen; denn aus einigen schlecht überkommenen stellen gleich 
eigene Sprachphänomene ableiten zu wollen, bleibt immer eine 
gewagte sache. Etwas anderes ist es, wenn vereinzelte erschein 
nungen sich auf gute handschriftliche quellen stützen. Hier 
sind wir verpflichtet, nach der ratio der erscheinung zu forschen 
und, falls sie stichhaltig ist, die erscheinung trotz der Verein- 
zelung zu aeeeptiren. Hiebei darf jedoch nicht verschwiegen 
werden , dass die zahl der dissentirenden stellen immerhin mit 
in die wagschale bei der entscheidung gelegt werden muss. So 
sind wir, um gleich einen speciellen fall anzuziehen, vollkom- 
men mit dem verf. (p. v) einverstanden, dass die Verbindung 
des futurs mit uv statthaft ist. Der Sprachgebrauch wird aus 
Plato, für den uns so gute quellen zu geböte stehen, genügend 
festgestellt. Mit recht betrachtet der vf. Eep. X, 615 D als 
entscheidendes zeugniss und weist völlig überzeugend die con- 
jeetur Sauppe's zurück. Aus Plato lassen sich zu den bekann- 
ten beispielen noch hinzufügen: Euthyd. 274 E ftaXiot* uv 
tiQ07Qt\pe7s etg cptloaoqi'uv, wo das futurum durch den Clarkia- 
nus bezeugt ist, und das. p. 287 C, wo wahrscheinlich zu lesen 
ist y.a) vvv ot>5' uv 'miovv anoxgivti, denn der Clarkianus hat 
hier annxottet ohne accent, der Vaticanus aber anoxotiei. Steht 
av mit indicat. futuri fest, so ergibt sich weiter, dass daraus uv 
mit dem optat. futuri in der oratio obliqua wird. Also auf die 
oratio obliqua ist dieser gebrauch des uv mit dem optat, futuri 



12 3. Griechische graramatik. Nr. 1 

zu beschränken. Aber auch hier sind die beispiele sehr spär- 
lich und fussen auf keiner guten Überlieferung. Von ihnen be- 
handelt der vf. eingehend und umsichtig Lys. I, 22 elScog 8' 
syeo oti TTjvixauTa aquyfievog ovdev av ttazaX7j\pot7o otxoi iäv 
iniT7]8sio3v } um die Bekker'sche vermuthung ovdha für ovdsv 
av , welche auch Sauppe billigt, als unbegründet nachzuwei- 
sen. Wenn der verf. weiter auch Xen. Cyrop. VII, 3, 10 
ov iovto ivsvösi o ti TTsCaoizo, äXXa iL av noir)aag aoi %aol* 
aono zu vertheidigen sucht, so vermag ich ihm nicht bei- 
zustimmen. Hier liegt doch ausserordentlich nah, %aoiGai70 
zu ändern, und niemand wird statt dessen zu laoiolro grei- 
fen. Auch was der vf. über einen unterschied des futurums 
in (am und in lä vermuthet, scheint verfehlt zu sein. Den 
schluss der abhandlung bildet eine eingehende behandlung von 
PI. Symp. 175 B, wo von unwesentlichen dingen abgesehen Clar- 
kianus und Vaticanus (ich füge noch den von mir in den ver- 
gangenen herbstferien verglichenen Venetus II hinzu) geben: 
jvdvzoag Ttagatl&srSj 6n av ßov/Tja&s, ijttiSuv 7ig ifxlv (xtj ecpe- 
Orqxei' o eyco ovdsncönoTs innCijaa. In dieser stelle handelt es 
sich in erster linie um die richtige auffassung von o iyco oüß«- 
Trtan 07 s inoirjna. Es fragt sich, ob damit gesagt werden soll, 
vorher habe niemals beauf sichtigung der sklaven oder es 
habe vorher niemals nich tbeauf sich t igung derselben statt- 
gefunden. Es unterliegt keinem zweifei, dass nach dem vor- 
gange Vermehrend (Plat. Stud. p. 42) mit dem vf. im letzten 
sinne entschieden werden muss. Es fragt sich nun weiter, wie 
die worte £n£i8av — (irj icpsaztjxei zu emendiren sind. Man 
sieht, schon grammatisch sind dieselben unmöglich. Mit 
der correctur des icpsotijxei in sq>£GT>]yy ist der grammatik, 
nicht aber dem sinne genüge geschehen. Wenn aber der 
sinn der worte o — inoitjau der oben angegebene ist, so 
kann in dem vorausgehenden der gedanke liegen: sklaven, 
heute werdet ihr ausnahmsweise nicht beaufsichtigt. Es springt 
in die äugen, dass dieser gedanke nur mit inei, nicht 
mit irzsidav an das vorhergehende närzcog naQaz!&£7£ ozi av 
ßovXrjo&£ angeschlossen werden kann. Der vf. statuirt nun 
hier eine stufenweise verderbniss. Zuerst sei ov vor fit) aus- 
gefallen, dann von einem zweiten Schreiber inel in in£i8av 
verwandelt worden. Er schreibt daher: ittei rig vpiv ov /*/) 



Nr. 1. 4. Homeros. 13 

icpsGzijxr}. Allein da in den ältesten und besten handschriften 
icpeoTt'jxsi überliefert ist, so müsste der process des verderbnis- 
ses durch drei stufen hindurchgegangen sein: 1) ausfall von ov, 
2) Veränderung von sntl in sneidäv, 3) Verwandlung des eye- 
Gzijxr] in iqtaTtjxtt. Es hängt nun alles davon ab, dass die 
letzte Verwandlung nicht früher erfolgt ist, denn dann wäre 
ja kein grund abzusehen, warum ein Schreiber intl in inei- 
bav verwandelt haben sollte. Dies macht sonach die conjectur 
verdächtig. Es kommt aber noch hinzu , dass in der emenda- 
tion des vfs. das itg höchst bedenklich ist. Offenbar wäre es 
doch das natürlichste gewesen, zu sagen ovdelg fxq icpearqxy. 

Wir bitten schliesslich den verf. , uns recht bald wieder 
mit einer grammatischen abhandlung zu erfreuen. M. Seh. 

4. Homers Odyssee. Für den schulgebrauch erklärt von 
Dr K. Fr. Ameis. Zweiter bd. Zweites lieft. Gesaug XIX — 
XXIV. Vierte vielfach berichtigte aufläge besorgt von Dr 
C. Hentze. 8. Leipzig. Teubner. 1871. IV u. 163 s„ nebst 
einem anhange p. 116 — 125. — 12 gr. 

Da mit diesem hefte ein anderer als der Verfasser die 
neuen ausgaben dieses als tüchtige leistung anerkannten Schul- 
buches zu besorgen übernommen hat, erscheint es nicht unpas- 
send die arbeit des neuen bearbeiters zu betrachten. Die 
kurze vorrede lässt entnehmen, dass Hentze seine Selbständig- 
keit Ameis gegenüber festhalten und nach eigenem ermessen 
bessern und ändern wird. Mit recht. Denn abgesehen von 
manchen eigenthümlichen ansichten des verstorbenen Ameis 
schreitet doch wohl unsere Wissenschaft im laufe der zeit weiter 
vorwärts und stellt noch mehr dem wesen der sache entspre- 
chende grundsätze auf: geschieht dies, dann wird es kaum ir- 
gendwo mehr fühlbar sein, als bei Homer, wo trotz so vieler 
vortrefflichen arbeiten noch alles eigentlich im flusse und im 
werden begriffen ist. Denn da die behandlung der homerischen 
Sprache mit den ansichten über die entstehung der griechischen 
und deren Zusammenhang mit den andern gliedern des mittel- 
ländischen sprachstamms in engster Verbindung steht, hängt 
etymologie und somit die wichtige bestimmung der grundbedeu- 
tung vieler worte von den richtungen in der vergleichenden 
grammatik ab und bleibt mancherlei Schwankungen unterwor- 



ü 4. Homeros. Nr. JL 

fen. Darüber tröstet sich der philolog leichter: liegt doch, 
denkt er, der grund dieses mangels nicht auf meinem gebiet. 
Aber wie steht es denn mit dem eignen gebiet ? Zu diesem 
gehört bekanntlich die kritik ; sie gebort auch in gewisser weise 
in die Schulausgaben der für die höhern classen bestimmten au- 
toren: wie erscheint sie denn im Homer? Ich brauche nicht 
erst zu sagen , wie vortreffliche leistungen hier den forscher 
fördern: aber die Schulausgaben ignoriren kritik fast gänz- 
lich, so dass von handschriften , so wichtig sie auch sind , von 
Varianten und conjecturen, sonst das Steckenpferd des philologen, 
gar keine rede ist und man meinen sollte, der Schulausgaben 
wegen habe unser herrgott die homerischen gedichte grade so 
erhalten , wie ihr Verfasser sie vor dreitausend jähren gesungen 
habe. Es ist freilich an diesem köhlerglauben etwas wahres; 
es verdiente unter die grössten wunder der weit gerechnet zu 
werden, dass ein so uraltes gedieht, wie z. b. II. *P' in solcher 
reinheit, wie wir es jetzt noch besitzen, sich hat erhalten 
können: schon um deswillen dürfte kritik hier nicht iguorirt 
sein. Doch macht davon, wie ich erst jetzt sehe , die ausgäbe 
Kayser's eine rühmliche ausnähme: manche ihr jetzt gewordene 
schöne bemerkung verdankt der berücksichtigung der kritik ihr 
dasein. Aber im ganzen ist man auf diesem gebiet zurückgeblieben, 
es wird also, sollte man meinen, die exegese, das eigeaste feld 
des philologen, um so üppiger blühen. Aber thäte die erklä- 
rung ihre Schuldigkeit, gäbe es keine sg. Homerfrage; denn 
wird ein gedieht nach der richtigen von Schleiermacher und Böckh 
(s. Boeckh. Pindar. H, 2, praef. p. 7) schon angebahnten me- 
thode erklärt, können fragen wie die über einheit gar nicht um- 
gangen werden, weil auf diesen die auffassung und erklärung 
des einzelnen beruht: so wie aber im Homer nur erst ein- 
mal ausgesprochen war , die Homerfrage sei von der erklärung 
zu scheiden, hat man dankbar die Verkehrtheit aeeeptirt und 
erklärt ohne sie. Wo bleibt da die deutsche gründlichkeit? 

Unternimmt demnach jetzt ein philolog , der es gut mit 
seiner Wissenschaft meint, eine ausgäbe der homerischen gedichte, 
so muss er mit gar manchem jetzt bestehendem gründlichst bre- 
chen. Dies aber von uuserm vf. bei diesem hefte zu verlangen 
wäre nicht gerechtfertigt, da er vollkommen richtig iu der vorr. 
p. HI sagt: „die rücksicht darauf" (dass dem herausgeber Ameis' 



Nr. 1. 4. Homeros. iä 

handexemplar vorlag) „so wie der umstand, dass dies das letzte 
heft eiuer vom herausgeber noch selbst besorgten aufläge war, 
legten es mir nahe, mit Veränderungen sparsamer zu sein, als 
ich unter andern umständen gewesen sein würde. Ich habe 
mich daher darauf beschränkt, wo entschieden richtigeres ge- 
funden war zu bessern , manche für die auffassung der schüler 
schwer verständliche erklärung durch eine einfachere zu ersetzen 
und hie und da den anmerkungen eine zweckmässigere fassung 
zugeben: dagegen sind eine reihe von abweichenden erklärun- 
geu in die dem hefte beigegebenen zusätze und berichtigungen 
verwiesen". Diese liegen denn auf einem losen, 116 — 125 
paginirten bogen bei : man erfährt aber nicht , worauf diese 
paginirung sich beziehe: man muss als herausgeber aber 
auch auf solche kleinigkeiten aufmerksam sein. Fassen wir 
diese zusätze nun ins äuge, so bezieht sich die erste bemer- 
kung auf tftTiqg in r, 37 : sunt]*; fioi ro?%oi /Atyüomv -atX., wo 
Hentze allerdings mit recht von Araeis abweicht: aber ob die 
erklärung des i(*n^g durch certe, jedenfalls das richtige treffe, 
möchte ich bezweifeln, indem kaum abzusehen, wie dieses wort 
zu solcher bedeutung komme. Kayser zu ff, 353 beruft sich frei- 
lich auf die Zusammensetzung desselben : aber das ist doch auch 
nur vermuthung: denn Apollonios, der das wort so oft gebraucht, 
kennt es nur adversativ: auch Argon, lll, 260, wo runtjg — aber 
nur an dieser stelle wagt dies der dichter — eine rede beginnt, 
ist es der regel gemäss gesetzt. Meines erachtens war Ameis auf 
dem rechten wege, wenn er an ellipse dachte : vs. 36 spricht Tele- 
mach zweifelnd, und den gedanken: „oder soll ich schweigen 
um der «icr^/oc willen", unterdrückend fährt er mit 'i^nrjg — 
doch es leuchten — fort: dies bestätigen die worte des Odysseus 
vs. 42. 43; so auch Od. ff, 353, wo ich glaube, dass ein oder zwei 
den in r, 42. 43 entsprechende verse ausgefallen sind; 'ifAni^g 
steht also ähnlich dem aXXä, 8s u. s. w. im anfang von re- 
den, s. Philol. XXIX, p. 661. XXX, p. 197. 208: ver- 
wandt unserer stelle erscheint Theogn. 817. — Auch die 
folgende bemerkung über ai/ty t, 104 reizt mich zum Wider- 
spruch: ich meine, es stellt das pronomen die königin der Me- 
lantho gegenüber, „ich die herrin", so dass stellen wie Od. £, 
99 ÖfAtoaC zu nat ulrij zu vergleichen, und finde dies durch Pe- 
nelope's rede vs. 91 vorbereitet ; demgemäss finde ich t, 509 



1$ 4. Homeros. Nr. 1* 

einen gegensatz zu Eurykleia in avTtj. Aber um auf eine 
wichtigere stelle zu kommen, v, 14 xQadi't] de oi hSov vtuxiet, 
schliesst sich vf. an Nutzhoru die Entsteh, cett. p. 137 an, der 
übrigens keine gründe für seine ansieht beibringt: die meinung 
ist nun, dass Odysseus wirklich herzklopfen gehabt und dies 
mit hundegebell verglichen werde: so schon Eustathios. Ich 
will nun gern zugeben, dass Odysseus in seinem leben herz- 
klopfen zuweilen gehabt habe, obgleich Homer doch selbst in 
dem abentheuer bei Polyphem davon nicht spricht und mir 
dergleichen bei einem helden eben nicht in den sinn will : aber 
herzklopfen und selbst das eines heros mit einem nvwXayfibg 
zu vergleichen, scheint mir eine noch grössere — und daher 
unzulässige — hyperbel, als wenn der verwundete Ares stärker 
als 10000 mann schreit. Vielmehr ist xgadiq vlüxtti wie z. 
b. r, 92 o Gfj x.£q)u.\{\ drafid^sig aus der Volkssprache genommen 
und bezeichnet der ebenfalls volkstümlichen rydug vhamovaa, 
des Maecius (Suid. s. vlaxTovarj) und dem stomachus latrans des 
Horaz entsprechend lediglich die innere bewegung des gemüths, 
welche vs. 10 die worte nolld 8s ^{(j/jt'joi^s xr).. beschreiben, so 
dass in dem gleichniss selbst in vs. 15 fis/jtopev re (tax^aOui 
die hauptsache enthalten. So erst entspricht auch das gleichniss 
der natur der hiindin : den ihr gefährlich scheinenden unbekannten 
bellt sie in aufregung gekommen an und überlegt bei dem bel- 
len, ob sie zubeissen soll oder nicht : grade in solcher aufregung 
ist Odysseus und in ihr überlegt er, ob er die mägde tödten 
soll oder nicht. — Um mit einer allgemeinen bemerkung zu 
scbliessen, der vf. scheint mit Vorliebe die versuche der ver- 
gleichenden grammatik, homerische worte zu erklären, zu be- 
achten : wir haben gar nichts dagegen, nur möchten wir wün- 
schen, dass darüber streng philologische arbeiten nicht verges- 
sen würden: wenn bei t, 224 wegeu h-duXhtftai. auf Fulda ver- 
wiesen wird, war auch auf Merkel. Apoll. Rhod. proll. p. ci 
zu verweisen, weil man das material bei diesem am besten findet. 
Hieraus wird man entnehmen, dass der neue herausgeber 
trotz der spärlich ihm zugemessenen zeit eifrigst und mit erfolg 
bemüht gewesen, die brauchbarkeit des ihm anvertrauten buchs 
zu erhöhen: man darf sich also freuen, dass die weitere her- 
ausgäbe desselben einem gelehrten so ernsten strebeus übergeben 
woi'den. Eben deshalb kommen wir auf uusre Vorbemerkungen 



Nr. 1. 5. Alkman. H 

noch einmal zurück. Wir haben mehre sg. Schulausgaben Ho- 
mers, alle sich sehr ähnlich: warum suchen sie sich nicht durch 
einschlagen neuer wege zu überbieten? Man sollte doch um 
der aufgäbe zu genügen und fortschritte anzubahnen vor allem 
1) der kritik den gebührenden räum gestatten : es ist kein 
grund vorhanden, bei Homer anders als z. b. bei Sophokles zu 
verfahren. Dafür müssten 2) die scholien und Eustathios mehr 
berücksichtigt } zum theil wörtliche auszüge aus ihnen gegeben 
werden , wie J. A. Müller und Baumgarten-Crusius schon ver- 
sucht haben, damit die methode und spräche der alten erklärer 
bekannter würden; ein paar bogen den Ameis'schen anhängen 
beigegeben könnten hier ungemein viel gutes wirken. Ueber- 
haupt ist es ein nicht genug zu beklagender umstand, dass den 
studirenden die scholienliteratur so schwer zugänglich ist : man 
sollte dem mit aller macht zu steuern suchen; denn es wirkt 
leicht nachtheiligst in dem folgenden leben nach. Und endlich 3) 
ist auf passende weise die Homerfrage zu verwerthen: wo z. b. 
Lachmann angestossen ist, hat der erklärer, auch wenn er Lach- 
mann's ansieht nicht mittheilt , in seiner erklärung zu sorgen, 
dass der leser wo möglich auf die richtige auffassung geleitet 
und vor irrthum und Verführung bewahrt werde. Man hat ähn- 
liches schon gethan , wie in diesem hefte von xp, 296 an auf 
die unechtheit der partie öfter aufmerksam gemacht wird: aber, 
wie ich meine, für den Jüngern verwirrend; um hier richtig zu 
verfahren, dazu gehören praktische einleitungen zu den verschie- 
denen büchern, auf die bedacht zu nehmen, wir den herzusge- 
bern ganz besonders ans herz legen möchten. Es gilt dies 
auch für die kritik : Kayser's noten verlangen eine grundlegende 
einleitung. E. v. L. 

5. De Alcmane poeta Laconico. Diss. philol. scr. Theo- 
dorus Niggemeyer, presb. Paderb. Monasterii 1869. 8. 

Man war schon im alterthum zweifelhaft darüber, ob die 
blüthezeit Alkmans in die erste oder in die zweite hälfte des 
siebenten Jahrhunderts zu setzen sei: einige gaben ol. 27 oder 30, 
andere ol. 42 an. Der verf. der genannten dissertation entkräftet 
im ersten abschnitt derselben die gründe, mit welchen man die 
frühere Zeitbestimmung zu widerlegen suchte und spricht sich 
zu gunsten derselben aus. Dem negativen theil dieser beweis- 
Philol. Anz. IV. 2 



18 5. Alkman. Nr. 1. 

führung wird man zustimmen müssen ; was aber dann Nigge- 
meyer seinerseits vorbringt, um jene angäbe als besser beglau- 
bigt und wahrscheinlicher zu erweisen, ist von geringem belang, 
und mit demselben recht, mit welchem er sie auf das initium iuventu- 
üs bezieht (p. 6), lässt sie sich mit annähme einer öfter vorkom- 
menden Verwechslung, als die des geburtsjahres betrachten. — 
Der zweite abschnitt handelt de metris Alcmanis, und zwar werden 
zuerst die in den fragmenten Alkmans vorkommenden verse 
aufgezählt. Der Verfasser hält sich beinahe durchgängig an den 
Bergkschen text ; aber da derselbe häufig auf conjectur beruht, 
so bleibt auch hier vieles in hohem grade unsicher. Falsch ist 
die angäbe p. 16, dass fr. 60, v. 3 mit einem spondeus be- 
ginne. Weil der katalektische iambische trimeter am anfang 
der dritten dipodie die länge nicht zulässt, will der Verfasser 
nach dem Vorgang anderer diesen vers als „monometer trochaieus 
cum anacrusi et ühyphallicus" aufgefasst wissen (p. 17); die er- 
scheinung beruht vielmehr auf dem bekannten bedürfniss, dass am 
ende des verses das inetrum rein hervortritt. Auch bei der bespre- 
chung der Strophen Alkmans bedenkt der Verfasser nicht immer 
die art der Überlieferung; so wenn er (p. 28) fr. 25 und 27 als 
strophae betrachtet und ihnen eine maioris spatii stropha entgegen- 
stellt. Was berechtigt uns denn, jene zwei bruchstücke als voll- 
ständige Strophen anzusehen? — Das dritte capitel trägt die 
Überschrift: cuius Graecorum nationis arti lyricae Alcmanis poesis 
sit trihuenda. Neben mehreren richtigen , aber nicht gerade 
neuen bemerkungen findet sich manches , dem entschieden zu 
widersprechen ist. So die behauptung (p. 41), Alkman verleihe 
seinen eigenen gefühlen und empfindungen auch in chorliedern 
ausdruck. Das neu gefundene partheneion, auf welches sich der 
Verfasser dafür beruft (er nennt es noch irrthümlich einen hym- 
nus auf die Dioskuren) giebt dafür nicht den mindesten anhalts- 
punkt: das lob der Agido enthält nichts, was nicht auch von 
den Jungfrauen passend gesagt sein könnte, und frigayis col. 2 
v. 10 gehört zum text des gedichtes. Noch unbegreiflicher ist, 
wie der Verfasser p. 41 von dem an die Jungfrau gerich- 
teten fr. 26 sagen kann, durch den sinn ergebe sich: carmen 
a choro virginum cantatum esse. 



Nr. 1. 6. Aeschylos. lä 

6. Aeschylus Prometheus. Erklärt von Dr L. Schmidt. 
Berlin H. Ebeling und C. Plahn. 1870. 

Mit recht bemerkt L. Schmidt in einem nachworte , dass 
der Prometheus des Aeschylus in der schullektüre noch nicht 
den platz gewonnen hat welcher ihm gebührt. Die leichtigkeit 
und durchsichtigkeit der spräche, die verhältnissmässige correct- 
heit des textes, das grossartige des inhalts, der personen und 
der handlung, das interesse der ästhetischen auffassung , alles 
das sollte man meinen wäre grund genug dieses stück den 
Schülern zur bildung und zum genusse vorzulegen. Daran, 
dass es nicht geschieht oder wenigstens nicht gewöhnlich ge- 
schieht, ist vielleicht die liebe gewohnheit, zum theil auch wohl 
der mangel einer geeigneten Schulausgabe schuld. Die Schul- 
ausgabe von L. Schmidt „möchte nun das stück weiteren krei- 
sen als den fachgelehrten zugänglich machen" und gewiss hat 
sie was die grammatische erklärung betrifft einen verdienst- 
lichen beitrag dazu geliefert. „Die sachliche erklärung ist auf 
das unumgänglich nothwendige beschränkt" ; ein grösseres maass 
würde zumal bei dem Prometheus nicht nur den „weiteren krei- 
sen" sondern auch der schule sehr zu statten kommen. Der 
ästhetischen erklärung ist in einer einleitung und in einem an- 
hange bei der besprechung der bruchstücke des gelösten Pro- 
metheus soweit genüge gethan, dass die bedeutenderen ansichten 
über die composition der Prometheustrilogie besprochen werden. 
Es fehlt jedoch dabei der sichere halt und das bestimmte ziel; 
der Verfasser schwankt noch zwischen den verschiedenen an- 
sichten der gelehrten hin und her und hat sich nicht zu ei- 
nem festen Standpunkt durchzuarbeiten vermocht, ein mangel, 
der uns auch bei manchen anmerkungen z. b. zu v. 510, 860 
fühlbar goworden ist. Doch das liegt vielleicht an der sache 
selbst und an der ungenügenden Überlieferung. Um aber ins 
einzelne einzugehen , so muss als sehr lobenswerth hervorge- 
hoben werden, dass alle bernerkenswerthen eigenthiimlichkeiten 
der spräche erörtert und durch parallelstellen deutlich gemacht 
werden. Die früheren ausgaben sind fleissig und mit verstän- 
diger auswahl benutzt. Auch die Sophokles -ausgäbe von Schnei- 
dewin-Nauck ist herangezogen worden. Dass dieses immer 
stillschweigend geschehen , kann man bei dem zwecke der aus- 
gäbe nicht tadeln; weniger lobenswerth ist es freilich, wenn 

2* 



20 6. Aescbyloö« Kr. 1« 

nicht blos parallelstellen daher genommen , sondern ganze an- 
merkungen ohne weiteres einfach herübergesetzt werden (z. b. 
zu v. 458 vgl. zu Oed. Tyr. 802 f.). Einmal hat sich dieses 
verfahren gerächt, in der anmerkung zu v. 21, wo die lücke 
nach Soph. Trach. 3 sich aus den anmerkungen der Schneide- 
winschen ausgäbe zu Trach. 3 erklärt. Ebensowenig ist zu 
billigen, wenn der herausgeber eines Stückes von Aeschylus die 
gesammelten parallelstellen des Sophokles entlehnt und nicht 
die bei Aeschylus vorkommenden betrachtet oder vielmehr zu- 
sammensucht-, in erster linie soll jeder Schriftsteller aus sich 
selbst erklärt werden. Auch das muss man rügen , wenn der 
Verfasser die citate anderer nicht immer nachschlägt oder con- 
trolirt, wenn er v. 317 und 936 die bei Schütz und Blomfield 
stehenden citate Cic. Phil. I und Plat. de rep. V ohne nä- 
here bestimmung lässt, wenn er vs. 907 und 1007 in den ci- 
taten aus Aeschylus die zahlen Weils aufnimmt, der nach sei- 
ner ausgäbe citirt, während Schmidt's ausgäbe der Dindorfschen 
Zählung folgt, wenn er vs. 888 und p. 103 zu vs. 609 die bei 
Weil stehenden druckfehler oder versehen Thesm. 430 für 438, 
II. IV, 377 für 277 herübernimmt, wenn endlich vs. 163 das 
bei Schömann stehende citat Theogn. 89 in der Übertragung 
zu Hes. Theog. 89 wird. — Die textverbessungen des Ver- 
fassers zu vs. 214 tbv vvv %6lov aagovr upo%doi> aaiöidv , zu 
vs. 926 rävds ngog nanmv (Med. tcöÖc ngog xu-acoi' pr. xaxui 
rec.) , der Vorschlag zu Ag. 520 qatÖQolai irjpiog (!) opftaai 
können wir nicht billigen. An der ersten stelle wird der scharfe 
gegensatz der in naiöiuv liegt durch das epitheton afxox&ov 
abgestumpft ; an der zweiten ist das wegen seiner Stellung 
unberührt gebliebene im 8t- das deutlichste kennzeichen, dass 
xuxöJ unwillkürlich in den geläufigen casus x«xo5»» überging. 
Was der Verfasser dabei von scholien spricht , die mit ihren 
wunderlichen erklärungen auf diese lesart hinweisen sollen, das 
gilt nur dem schol. B., dessen erklärung hier ganz bedeutungs- 
los ist. Ich weiss nicht, was der Verfasser für eine ansieht 
von den scholien hat; aufgefallen ist mir nur, dass er zu vs. 
801 Schol. A. und B., nicht aber das medieeische scholion, wel- 
ches mit dem schol. A. identisch ist, anführt, und zu vs. 877 
„Schol. Med. intquivtjfict &Qijvr]Tut6t>j beibringt, was, aus verse- 
hen wie es scheint, bei Weil steht, für ögijKßÖEg inlydeynaj 



Nr. 1. 6. Aeschylos. 21 

wie es im med. scholion heisst. Sehr gut ist die änderung von 
loydai in Xayoai in dem zu vs. 675 aus Blomfield angeführten 
scholion zu Apoll. Rh. I, 1263. Wenn wir dagegen zu vs. 377 
den vers des Cicero so geschrieben finden : Mederi posse rationem 
(orationemt) iracundiae, so wollen wir nicht hoffen, dass oratio- 
nem als Verbesserung von rationem gelten solle. — Von selbst- 
ständigen erklärungen des sinnes ist nur die zu vs. 514 zu 
erwähnen ; die bisherigen herausgeber beziehen dort t?%vtj nach 
vs. 506 auf die ?tx vr I des Prometheus, Schmidt versteht dar- 
unter nach vs. 87 die kunstvolle fesslung des Prometheus, wel- 
che Zeus durch Hephästos hat vollziehen lassen : ist das mög- 
lich bei der allgemeinen fassung des satzes : rs'pjy °^ Kvdyytjg 
da&srsarsQa fia^QW? — Das metrische Schema ist zum grössten 
theile nach Weil gegeben, auch in vs. 696 , wo Schmidt ei- 
nen andern text als Weil hat; vs. 901 ist die abweichung des 
Schema vom texte wohl nur die folge eines druckfehlers (opa- 
Xbg yäfiog für bfiaXog 6 yd{iog). — Störende druckfehler sind 
nicht eben selten, im texte wie in den anmerkungen; so sind z. 
b. vs. 55 ff., v. 938 die personenangaben in Unordnung, v. 410 
steht avpaifxövcov y 493 tivd für viva, 537 iXniaiv (gegen das 
versmass) für iXniaiy vs. 1058 fehlt y. Auch andere Uneben- 
heiten finden sich; so ist z. b. zu vs. 377 von einem griechi- 
schen bezeichnenden ausdruck ayoiytivra die rede, welcher in der 
Übersetzung Cicero's verloren gegangen sei ; aber von jenem 
acpQiyävta ist dort keine spur vorhanden. Im text ist daselbst 
nebenbei gesagt aus Stobaeus öoyrjg \naxaiag aufgenommen, wäh- 
rend fiaralag doch nur als ein offenbarer gedächtnissfehler er- 
scheint und von einer boyt; paraia in der rede des Okeano8 
und bei dem zusammenhange des sinnes auch nicht im entfern- 
testen die rede sein kann. Doch genug der ausstellungen ; 
wollen wir über dem tadel das lob und das verdienst nicht ver- 
gessen , welches sich der Verfasser durch seine ausgäbe erwor- 
ben hat. Wenn derselbe wie es scheint auch eine bearbeitung 
der Perser und Eumeniden beabsichtigt, so werden wir ihm, ar- 
beitet er nur sorgfältiger, dafür nur dankbar sein. Gewiss wird 
eine gute Schulausgabe der Eumeniden auch dieser herrlichen 
dichtung eingang in die schulen verschaffen. 



22 7. Sophokles. Nr. 1. 

7. Quaestiones Sophocleae criticae. Particula prior. Scripsit 
Carolus Georgius Eggert. Paderbornae in llbraria Schoe- 
ninghiana 1868. 61 s. 8. 

Eggert hat sich redlich bemüht verschiedene meistens offen- 
bare corruptelen des sophokleischen textes zu beseitigen ; er 
behandelt zuerst fehler, welche durch falsche Verbindung, dann 
solche, welche durch falsche trennung der Wörter entstanden sind, 
hierauf wird die vertauschung gleichlautender Wörter, darauf die 
correctur, welche einen fehler der Überlieferung zu heben suchte 
und damit neue fehler in den text brachte , endlich das miss- 
verständniss des sinnes als Ursache der Verderbnisse erklärt und 
den besserungen zu gründe gelegt. Der erfolg ist kein so 
bedeutender, als man dem grossen fleisse und der gründlichen 
Sorgfalt der arbeit wünschen möchte; es ist eben leichter an 
einem verdorbenen texte herum zu corrigieren als eine evidente 
oder doch wissenschaftlich befriedigende emendation zu stände 
zu bringen. Die vorgebrachten conjecturen betreffen vier stücke 
des Sophokles, die Electra, die beiden Oedipus und die Anti- 
gone. Als das beste betrachtet ref. die änderungen zu 0. Col. 
390 Tt ö' dvr) toiovS' di>8obg SV nou^eiav är, 588 ■/} rov it- 
ysig, als das am wenigsten genügende die verschlimmbesserun- 
gen zu EL 193 £p a xdcpiazafxai rgans^ag, 363 Sfxot, ydg sötoo, 
rovg crti , [xij Ivnslv fiörov , 0. T. 600 ovx av \ yivoir' 1 ) drovg 
roaövb' | antjQ | q>Q0v<äv : 725 XQV^V 5'' (particula Heathiana) squv- 
vav, 861 'iv8ov y' anav ngä^aifi av wv ri aoi (pi\ov , 883 8ui- 
liovwv sntj (Tf'^ooj', 0. C. 1249 f. &vog. dl)' &t> ys fxovrog. Wel- 
che Wortstellung wird dem dichter zugemuthet, wenn O. T. 
328 soä ö' ab fiif nozs 7u.fi mg av sitvoov firj rd o' sxcpijto) xaxd 
coniciert wird? Und ist nicht iya im gegensatz zu ndrisg ob qpyo- 
fshs nothwendig? Wie kann man ebd. 424 dllmv 8s für cor- 
rupt erklären und in d.XV olv ys corrigieren? Oder ebd. 583 
tag oder mv soä vorschlagen? Ebd. 624 wird ro <p&nt<etr in 
TÖvS* 6lsh>[!) geändert und dieses soll „perdere velle" heissen! 
Im folgenden vers soll dlV dniar/jctoav lebhafter und geeigneter 
sein als ob8s ni.<SZBvami>. Was soll ebend. 1326 ti'ji< ys aqv av- 
8t]v hfjiov (oder qttkov) oder 0. Col. 62 sv Xöyoig bedeuten ? 
El. 76 wird inTxQaTijg für sjticnäjijg geschrieben, als ob iniatd- 
rqg nicht durchaus passend wäre. Ebd. 466 wird ro ydg 8i~ 
xvuov, obS' e%ei loyov geändert und „nam iustum hoc est" er- 



Nr. 1. 7. Sophokles. 23 

klärt. Ebenso wenig kann man etwas mit den vermuthungen 
zu Ant. 211 av tavta Qs'^sig oder av tctvt «£>' 'ioiaig und 776 
fiCaafta 7xüv anfangen. Ungerechtfertigt ist auch die änderung 
in ebd. 1182 t] nov xXvovca nuiöbg , ov tvpj, ndgu ; welchen 
grund soll der Chorführer haben den zufall zu verneinen ? Min- 
der bedenklich sind die übrigen änderungen, überzeugend ist 
keine derselben. El. 112 wird aixcog ergänzt: f,oüt\ tvvüg z? 
ainäg vTcuxXentouivovg. Ebd. 226 f. vermuthet Eggert züv yög 
not' gV . . noöaqoQOv äxovoai 'c>t' snog ; zu diesem gerlauken 
passt cfoovovvti nötigtet nicht. Ganz unstatthaft ist die änderung 
ebd. 232 von ix xa^dtav in iv xauütotg: darüber brauchte 
man nicht zu sprechen, auch wenn dnoTruvaouai dann einen 
richtigen sinn hätte. Nicht sehr geschickt hätte der dichter ge- 
schrieben, wenn es ebd. 327 zciavz' otft aXXaig hiesse. Die 
erklärung von Meineke orx eyco uövov noiä uXXu xai as ßnv- 
Xouai noiEiv ist in der kürze familiärer rede begründet. Un- 
nütz ist die änderung zu ebd. 763 OTtcons zig für 'Lncan 1 eyco: 
oniun iyo) steht nicht für bnoinantv ; während der erzahler bei 
zot»' <5' iSovöiv oirrso z'i'douev sich unter den vielen Zuschauern 
sieht, kann er bei fxtytata nüvzav oov bnton iycb xay.mv nur an 
seine eigne lebenserfahrung denken („etwas ärgeres habe ich 
noch nicht erlebt als was wir damals mit ansahen' 1 ). Ebd. vs. 
1329 vermuthet Esgert ot ov ncio , «.XXoig, («/.?»' f.v altoTaiv 
xaxoig tolow ueyiatoig), was bedeuten soll „dass ihr bei keinen 
andern als eben (mitten) unter euren ärgsten feinden seid" : 
wann kann xay.org zolaiv (Aeyiazoig „den ärgsten feinden" hei- 
ssen? Eggert führt cpiXog ut'yiatog als beleg an: wenn es nur 
auch i^&goig toig [teyCotoig hiesse. 0. T. 681 f. wird xu\ für 
falsch erklärt und Süxvsi ö' ät\ zb oder Ös toi zb vermuthet : 
ridicule si quid aliud dicitur, mordet vero etiam iniusta criminatio 
(non solum iusta). immo vel maxime multoque magis quam iusta 
mordet iniusta. mirum ni stolidissimus quisque id intellegat. Al- 
lerdings; aber y.ai gibt nicht zu zo (irj evdixov den gegensatz 
ov pötov tb adixov , sondern drückt aus, dass auch auf der 
anderen seite gefehlt worden. Ebd. vs. 702 [syxaXööi' iosig) 
schlägt Eggert für das von M. SeyfTert vermuthete iyxaXsiv 
fysig vor zu lesen lyxaXäv xvgslg, was allerdings der Überlie- 
ferung näher kommt, aber eben so unnöthig ist als lyxaXtJv 
£££«4,". Vs. 1031 verstösst die änderung ix xaxär (für iv xa- 



24 7. Sophokles. Nr. 1. 

xoig) wie die obige iv xa^droig (für in napidtcov) gegen kriti- 
sche methode, zumal da bei der annähme einer corruptel die 
lesart des Laur. iv xatgoig für die emendation massgebend sein 
muss. Ebd. vs. 1083 vermuthet Eggert tu, nävia 8fj '<-/]xei 
*aaq>tj: jedenfalls ist Nauck's Vorschlag tu nävt > a^ i^ijxsi aaqirj 
vorzuziehen. Vs. 1512 ist die vermuthung vvv de tovr" 1 ev^ 
at' ifioC (ort fxoi) nicht besser als viele andere. — 0. C. 22 
hat Eggert die conjektur von Sehrwald sv iia&stv jw' e8si in 
ev fia&sh \xs 8ei geändert: das soll heissen „propter (longum) 
tempus bene me hoc didicisse oportet" ; Eggert möge erst aus sei- 
ner grammatik lernen, was svsna bedeutet. Unnütz sind die 
conjekturen zu ebd. v. 332 co tijgSs xdfinv (seil. SvGa&Xioi tqo~ 
cput), 500 ep rd%si 7s, 625 ap|jafM/f(/). Zu dem letzteren be- 
merkt Eggert: „in verbo tjQ^dfitjr ita offendo, ut non reiciam qui- 
dem, sed tarnen praestare putem t]v^durjv iC : dieser Standpunkt der 
kritik dürfte als überwunden gelten. Werthlos ist der Vor- 
schlag zu ebd. vs. 813 (iaQTVQO(iai tovg8\ ov ah nqog ys („par- 
ticula ys cum acerba quadam indignatione intendit CfClov*") rovg 
(pilovg toiavt' uueixpei p^fta*', rjv ö' eXco noii (kann man dafür 
die anwesenden zu zeugen aufrufen ?) ; ebenso der zu ebd. vs. 
976 mv sSgmv sig ovg y 1 l'Sgcov („nesciens in quos perpetrarem 
quae patravi") : dadurch würde die stelle ausserordentlich matt; 
mit recht aber scheint Eggert die erklärung von Schneidewin, 
Oedipus habe im zorn und in blinder leidenschaft gehandelt, zu 
bekämpfen: sig ovg sdgwv ist nur eine nähere bestimmung zu 
der allgemeinen angäbe „was ich that". Grammatisch unzulässig 
ist die änderung zu ebd. 1108 rq> tsxovti y' av gu'Äa, werthlos 
die zu vs. 1118 xal aoi ys jovgyov tovto XQsrai ßga%v (vor- 
aus xolg TT]\ixOiö8s) „et tibi quidemf?) utpote seni viro (rolg ttjXi- 
xotifSe) longaeque orationis ambagibus non delectanti breviter(t) (a 
Theseo) res narrabitur (der logische Zusammenhang der gedanken 
ist mir nicht recht klar). Ebd. vs. 1132 ff. schreibt Eggert 
nag av d&)iog y 1 iym und ovx syatys ge ov8' av /u' idom, vs. 
1370 ov ti nov «r' av&ig, sineg, vs. 1640 ro ysvvaiov zgEyeiv. 
Wir hegen den wünsch, dass particula altera mit gleichem fleiss 
und eifer bearbeitet zahlreichere glückliebe emendationen auf- 
zuweisen habe. Uebrigens kann sich der Verfasser einer klei- 
nen und bescheidenen abhandlung damit trösten, dass oft grosse 
und glänzende ausgaben für die kritik und erklärung des dich- 
ters wenig oder nichts leisten. 



Nr. 1. 8. Sophokles. 25 

8. Studia Sophoclea. Commentationes criticae de Oedipi 
Colonei locis LXII. Scripsit L. Peters. 4. Gottingae 1869. 

Das erste, was man von einem kritiker der emendationen 
zu Sophokles veröffentlicht verlangen kann, ist, dass er keine 
metrischen, grammatischen und andere fehler in den text cor- 
rigiere. Diese forderung hat Peters nicht erfüllt; unter den 
60 vorschlagen zum Oed. Coloneus sind manche gradezu fehler- 
haft. V. 44 heisst bei Peters all'' IXeco 70tö' lusrtjv 8e<;uiazo, 
v. 553 yiaiov, a vvv #' 0801g sv zoia8 y cckovco (wegen des hiatus 
wird auf co ovzog v. 1627 und v. 1720 all' ins) olßicog y* 
slvasr verwiesen!), v. 912 ovd- ov jrsyvxug aazeog o'vzs atjg 
X&ovog, v. 1551 'fjöf] yuQ eonca tov isXsiöv fiov ßCov (giebt es auch 
manche verse dieser art, so ist es doch niemals gestattet den schö- 
nen rhythmus des überlieferten verses zu verunstalten) ; v. 1584 
neivöv 70i (oder ys) Seiva ßi'ozov H-eniazuao (die kürze von zoi 
wird mit 0. T. 155 äfiqn 6ol u^opsvog rl fxoi tj viov und mit 
dem kurzen oi in zoiovzog, zoiöaSs, noico belegt!)*, v. 1469 wird 
eSeiaa für dsdia eingesetzt und dabei wird vergessen, dass da- 
durch die position für die vorausgehende silbe wegfällt ; v. 135 
soll mit (ov)8ev avov&'' (für ovSsv ct£ov&') ein anapäst hergestellt 
■werden; v. 48 soll ivSsi^co ti 8gäg heissen „detulero quid per- 
petres". An anderen stellen werden rein unverständliche dinge 
zum Vorschein gebracht, so v. 402 6 zvußog Svcfiermv „tumulus 
tuus hostium (oh Jiostibus exstructusj", v. 1021 tm na.18' acr^ioii 1 
„si virgines abditas tenes", v. 1077 za% äv %a)QSiv zäv Setva 
rlaaäv „recedere a virginibus", v. 1265 TQOcpolg zolg aolaiv „eo- 
rum qui nunc tibi victum praebent iudicio", v. 1640 tläaag %ot}, 
to ö' ivvaiop qposr'', icaosiv d. i. zo ö' (ro zhtjrai) ivvalov (icrz«) 

qiQsvl (yftETgQO). 

Damit soll jedoch nicht gesagt sein, dass die arbeit von 
Peters nur eine flüchtige sei, ein fleissiges Studium des Stückes 
ist nicht zu verkennen. Mit conjekturen geht es nicht anders : 
sie befriedigen den Verfasser mehr als den leser. Einige ver- 
muthungen von Peters verdienen beachtung, wenn auch keine 
davon sicher ist; ich hebe hervor die zu v. 29 avSg'' i6t>ra 
väjv, die erklärung zu v. 71 „quam ad rem vis nuntium dicere 
vel efficere ut rex veniat?" (nimmt man fioXslv an, so gehört cog 
tigog tC nolelv zusammen; dann aber ist xal xazagziacov für 
« xctTaQTvGcov nothwendig) ; die conjektur zu v. 113 jöda für 



26 8. Sophokles. Nr. 1. 

jtoda (schon andere) , v.243 nazgbg bälg z68' ifiov fxovor, 500 
iv rettet zig TTgaaahco , v. 589 xeio\ ava%, tj^nvai (xs (voraus 
wird iyyevcov „propinquorum 11 erklärt), v. 603 i^avayuä^ei, v. 1113 
KUfie navaazov oder vielmehr navaezov , v. 1333 ngbg vvv as 
Kotvmv Kai deäjp bfJLoytnav , v. 1413 zijg ifitjg vnovgyiag von 
aXXov (enaivov) abhängig (vgl. Wunder's anm.) , v. 1685 ab&i 
ydg (schon Heimsoeth). Die übrigen änderungen, die zum theil 
ganz unnütz sind, können auf Wahrscheinlichkeit wenig oder 
gar keinen anspruch machen; es sind folgende: 55 Uoasidäv, 
ev&' o, 156 ava für Iva, 257 zäv ngoaßs zm8' slgijflsi'mv , 277 
Sita zöov ■&£Üv fioTgav ngoija&s, ^rjSaficög, 307 b8oi(l), 357 t\v 
t'aig, voluntas, Studium (l), 380 äg%ag für "Agyog , dux f actus sive 
exercitui praefectus(l), 502 rotö' vqirjyijzov 8i'%a , 523 xaxäv ö' 
(und mit Gr. Wolff axd&agzov), 570 ßga%£' spov „deme", 575 oncog 
nur ixpd&co, 658 noXXo) 5' änstXaig, 755 a.XV mg ydg sazi „ab 
— sie enim", 813 nagzvqo^ai &soi>g tovads . . Q^fiaz''' tjv o' 
eXm nozi — „testor hosce deos atque (insuper) istos tuos amicos, 
quod talibus respondes verbis ; ubi te quando cepero — , 861 Xtyeig 
ii. zoiizo, 919 — 923, welche nach v. 931 eingesetzt werden, 
1083 &mg daaaa zobfibv appa nach aluazog a<ra/(!), 1098 
ngoanortanivag, 1116 zoTg zqXixoloSs (mit Nauck, aber auf The- 
seus bezogen, der kein lobpreisen seiner thaten verlange), 1117 
f. rovSs xai kXvsiv, ndzsg, %gr] aoC ysft) zovgyov zovz'' spov 8 
iazat ßga%v, 1192 ag'' ob aog;(l), 1231 zig nXävr\ ; „nam quum 
adolescentia adest stultitias leves ferens, quis error multarum miseria- 
rum effieiens abest (ab adolescentia), quae molestia non inest", 1358 
sv jtögw, 1390 aivyvbv naväXeg sgsßog, 1436 fioi, #a*>oW inei 
ovzoi t,ävzs fx 1 av&tg „mortuum enim dum vivetis me non iterum 
habebitis" (!), 1444 7?jö' iqitivai , 1454 ivetg [*iv szega (tztga = 
infausta), 1466 f. ovgavip — zi [iat> iqitjaei zsXog; 1526 /Atjös 
KivHcdai Xöym „quae vero nefas est vel oratione tangi", 1534 
dXXd fivgiai — kuv sv zig otxrj „etiamsi quis bene administret", 
1690 f. eXoi , nazgi ^vv&atslv ysgaigm („cum patre mori laudem 
iudico magnam") , zdXaiva' nüg ('noty' b fie'XXoiv ßlog ßi<orog; 
„Versum antistrophicum ut metrum eius versui strophico aecommode- 
tur, sie mutandum conjicio: ina^^ivEi er« z\ co q<(Xa, zov nazgog 
k>8' igtjpus"' (und wie soll das zusammenstimmen?), 1695 ovtt 
Hatäfisfinz' 1 ißt] tiov, 1698 pLrßapta 8>] zi („zi vim particulae (Atj- 
dapa äuget"!), 1701 ovzi yag ovr, 1749 ig ziv ov pe, 1752 Jgvtf 



Nr. 1. 9. Aristophanes. 27 

(mit Reisig) = pariter, simul, „ubi simul (praeter obitum patris 
solatii plenumj in grato civium animo certa spes reponi possit , non 
est lugendum" (wie ist eine solche erklärung nur im entfernte- 
sten möglich?). 

9. Untersuchungen über das griechische drama von E. 
W. H. Brentano Dr phil. — Erster theil. Aristophanes. 
Frankfurt a. M. Heyder und Zimmer. 1871. — 1 thlr. 

Es ist kein gewöhnliches buch, das wir hiermit zur anzeige 
bringen, kein buch von bloss speciellem interesse oder unterge- 
ordnetem werthe, sondern ein solches, das wegen der neuheit 
und überraschenden tragweite seiner hypothesen und resultate, 
insbesondere, aber wegen der rücksichtslosigkeit des darin beob- 
achteten kritischen Verfahrens allgemeiner bekannt und gewür- 
digt zu werden verdient. 

Eine höhere kritik hat es schon längst gegeben, und an 
kühnheit hat es ihr nicht gerade gefehlt; die schritt von Bren- 
tano dagegen treibt höchste und allerhöchste kritik. Oder 
ist es nicht eine ansieht, die weit über alles hinausgeht, was in 
dieser hinsieht jemals gehört wurde, wenn der verf. in seinem 
Vorwort die behauptung aufstellt, nicht bloss das griechische 
drama, sondern die griechische litteratur überhaupt habe im be- 
ginn der byzantinischen periode eine systematische über- und 
Umarbeitung erfahren ? 

Es ist hier nicht der ort, eine derartige ungeheuerliche hy- 
pothese genauer zu besprechen, auch ist der richtige Zeitpunkt 
dazu noch nicht gekommen, da der verf. erst in einem später 
folgenden theile seiner Untersuchungen diese frage eingehender 
zu behandeln gedenkt , ausserdem auch versichert, sie sei erst 
nach den vorliegenden aristophanischen Untersuchungen entstan- 
den und demnach ohne allen ursprünglichen einfluss auf diesel- 
ben geblieben. Aber auch abgesehen von jener extravaganz — 
denn für eine solche müssen wir vorläufig die hypothese noch 
halten — bewegt sich die interessante schrift auf schwindeln- 
der höhe, und es verlohnt schon der mühe zu ihr hinaufzuklim- 
men, um von dort aus die ganze weit , insbesondere die arme 
weit der philologen in grauer, nebelhafter ferne zu unseren fü- 
ssen liegen zu sehen. 

Es sind vier aristophanische stücke, denen der verf. spe- 



28 9. Aristophanes. Nr. 1. 

ciell seine aufmerksamkeit zuwendet, die Wolken, der Plutos, 
die Vögel und die Wespen, und zwar nimmt die behandlung 
der Wolkenfrage als der schwierigsten und am meisten verfah- 
renen die grössere hälfte des buches ein. 

Im ersten abschnitt referirt verf. die ansichten der neue- 
ren über die Wolken. Er thut das mit grosser gründlichkeit 
und sicherem urtheil. Ob auch immer mit richtigem ? Wir 
wagen es zu bezweifeln. Die animosität gegen die Hegeische 
philosophie und ihre Stellung zu Sokrates, 'die sich durch das 
ganze buch hinzieht , (p. 70 giebt es eine „hegelianische wirr- 
construction", p. 146 eine „sinnverwirrende hegelei"), tritt schon 
hier mit einer stärke und heftigkeit auf, dass sie als ein 
schreiendes unrecht bezeichnet werden muss. Wie die Sa- 
che bisher lag und wahrscheinlich, trotz der scharfsinnigen Un- 
tersuchungen des verfs. auch in Zukunft liegen wird, waren 
Hegel und alle die sich ihm anschlössen, oder, wie der verf. 
p. 19 sagt, „dem banne der hegelianischen Zauberformel" sich 
nicht zu entziehen vermochten, befugt zu sagen, dass Sokrates, 
so sehr er sich auch sonst von den Sophisten unterschied, doch 
im princip sehr vieles mit ihnen gemein hatte und dass also 
der dichter recht gut auf den gedanken kommen konnte, gerade 
ihn, der in den äugen der menge auf Seiten der Sophisten stand 
und dazu ein mann von ausgeprägtem charakter und markirter 
individualität war, zum Vertreter der sophistik zu erwählen. 
Diese momente beachtet der verf. nicht genug, wiewohl er 
sie kennt, und daraus erklärt sich seine , mit nicht geringer 
Selbstzufriedenheit gepaarte Verwunderung, dass in diesen din- 
gen philologen und philosophen mit so grosser blindheit ge- 
schlagen seien. 

Im n. abschnitt werden die angaben der V. u. VI. hypothesis 
besprochen. Während man sich bisher an dem ergebniss genügen 
liess , dass die uns vorliegenden Wolken eine noch vom dichter 
selbst begonnene aber nicht vollendete Umarbeitung der ersten 
Wolken seien, gelangt der Verfasser auf grund dessen, was in 
der V. u. VI. hypothesis überliefert ist, zu folgendem resultat: 
„in dem überlieferten stück besitzen wir weder 
die I. Wolken noch die IL, sondern eine unvollen- 
dete bearbeitung der ersteren, also die III. Wol- 
k en" u. s.w. (p. 50). 



Nr. 1. 9. Aristophaneö. 29 

Es ist die V. hypothesis, auf die sich der verf. vor allem 
beruft. Aber einmal ist zu bemerken, dass sieb die angaben 
derselben doeb noeb anders deuten lassen, als er sie deutet, 
insofern unter der diaoxivtj reebt wohl die devregai NsqieXai 
verstanden werden können (s. p. 37, anm. 2), und dann lassen 
sieb die naebriebten der VI. hypothesis, die doeb allen glauben 
verdienen (s. Teuffei, die Wolken etc. p. 22), durchaus niebt 
damit vereinigen. Denn da es bier beisst, das vorliegende stück 
sei dasselbe wie die ersten Wolken , es sei nur eine Umarbei- 
tung derselben bebuts beabsichtigter aber unterbliebener auf- 
fübrung , kann da im ernst noeb eine stillschweigende Voraus- 
setzung der II. Wolken angenommen werden? Soll wirklich 
der betreffende grammatiker es für möglich gehalten haben, dass 
der diebter ein stück, das ibm bereits zwei niederlagen einge- 
tragen batte, von neuem bearbeitete, um es zum dritten male 
aufzuführen ? Nein, für den Verfasser dieser hypothesis giebt 
es ganz gewiss keine drei Wolkenkomödien, und so stehen seine 
angaben mit denen der V. im Widerspruch. Was der verf. 
dann weiter über diögßaaig und dann diaaxsvrj bemerkt, ist ge- 
sucht und kann uns nicht für seine ansieht gewinnen ; wir stim- 
men vielmehr dem bei, was Teuffei (a. a. o. p. 23) so klar 
und verständig darüber gesagt hat. 

Im III. abschnitt („Scheidung des inhalts unserer Wol- 
ken") sucht der verf. zunächst zu beweisen, dass uns Strepsia- 
des hinsichtlich des Standes als ein ,, gedoppelter" und hinsicht- 
lich des Charakters als ein „unmensch" entgegentrete. Wir 
halten diese ganze partie für völlig misslungen. Wie Strepsia- 
des nur landmann das ganze stück hindurch, nun und nimmer 
aber bäcker ist, so ist er andrerseits trotz aller Schwankungen 
in seinem wesen doch ein einheitlicher Charakter. Es wäre ein 
leichtes, die angriffe auf ihn einen nach dem andern zurückzu- 
schlagen, allein der räum verbietet uns näher darauf einzugeben. 

Die vielen ausstellungen , die an der cbarakterzeichnung 
des Sokrates gemacht werden, sind zum theil begründet und 
erklären sich hinreichend aus dem unfertigen zustande, in dem 
das stück auf uns gekommen ist, zum theil aber müssen sie 
als ganz willkürliche ansichten bezeichnet werden. Sonach 
können wir die Überzeugung nicht theilen, die vf. im IV. ab- 
schnitt ausspricht, dass von den drei Wolkenkomödien die 



30 9. Aristophanes. Nr. 1* 

erste nur den Sokrates und seine genossen persi- 
flirt und die zweite sich lediglich auf einen an- 
griff gegen die sophistik beschränkt habe (p. 76). 

Mit der indirekten Überlieferung, von welcher der V. ab- 
schnitt handelt, weiss der verf. ziemlich geschickt sich abzufin- 
den. Die platonische apologie , die seinen ausführungen direkt 
widerspricht, ist entweder überhaupt unecht, oder doch an den 
betreffenden stellen „aller Wahrscheinlichkeit nach interpolirt" 
(p. 82). Desgleichen werden die Zeugnisse aus Diogenes, Ailia- 
nos und Quintilianus , welche die ganze deduction des verf s in 
frage stellen, als sinnstörende fälschungen bezeichnet (p. 83 ff.). 
Man sieht, besondere rücksichteu kennt diese kritik nicht, ja 
sie rühmt sich dieser rücksichtslosigkeit noch und hofft von ihr 
allein errettung aus den Wirrnissen der Wolkenfrage (p. 86). 

Im VI. abschnitt („die dritten Wolken"^ wird dies unser 
stück als ein nachalexandrinisches werk bezeichnet und zwar 
soll dasselbe von irgend einem „nichtswürdigen , welcher mit 
kalter teufelsfaust jene unsterblichen kunstwerke des griechischen 
dichters zertrümmerte , um material für sein elendes machwerk 
zu gewinnen" aus Wolken I und II und auch noch aus andern 
aristophanischen und selbst nichtaristophanischen stücken conta- 
minirt worden sein. 

Dieser nichtswürdige mit der kalten teufelsfaust ist nun 
zum glücke keine wirkliche erscheinung , sondern nur ein ge- 
spenst, das in der phantasie des verf's sein wesen treibt. Wohl 
war das byzantinische Zeitalter geschmacklos , wohl hat es sich 
durch sein unkritisches verfahren, durch seine Sorglosigkeit und 
durch unzählige interpolationen am geiste des alterthums schwer 
versündigt ; aber kann man auch nur einen augenblick glauben, 
ja sich den fall überhaupt nur denken , dass ein mensch mit 
gesundem verstände, der es sich mit andern Zeitgenossen ange- 
legen sein liess , die meisterwerke der alten zu studieren und 
kommenden geschlechtern aufzubewahren, dass ein solcher mensch 
den vorsatz fasste, aus verschiedenen stücken die alle regelrecht 
gebaut waren und zu keinerlei Umarbeitung herausforderten, die 
heterogensten Stoffe, charactere und anschauungen herauszuueh- 
men und sie zu einem buntscheckigen, regelwidrigen ganzen 
zu verschmelzen? Und wenn es ein solches ungeheuer, einen 
solchen „gottvergessenen" bösewicht gegeben hätte , sollte der 



J$r. 1. D. Aristophanes. 3i 

wirklich im stände gewesen sein, ein kunstwerk zu schaffen, zu 
dem trotz aller seiner schwächen Jahrhunderte staunend empor- 
geblickt haben und das erst vor dem vernichtenden blicke un- 
seres kritikers in staub und asche zerfällt ? 

Gleich den Wolken werden noch der Plutos, die Vögel 
und die Wespen unter das scheermesser der kritik genommen, 
und auch diese stücke haben sich keiner sonderlichen gunst zu 
erfreuen. Im Plutos, meint der verf., liege eine contamination 
zweier komödien und zwar einer mit socialistischer und einer mit 
moralischer tendenz vor und die unkünstlerische Verbindung des 
völlig heterogenen materials sei durchaus nicht das werk des 
Aristophanes selber. Die Vögel erklärt er für die plumpe ver- 
quickung einer Titanen- und einer colonistenkomödie — hört es, 
ihr philologen alle, die ihr die Straffheit der composition ge- 
rade in diesem stücke nicht genug bewundern konntet! — und 
die Wespen zerfallen nach ihm ganz handgreiflich in zwei ge- 
sonderte hälften, wovon die eine heliasten-, die andere ekklesia- 
stenkomödie genannt zu werden verdienen. 

Die argumentation des verfs ist auch hier bestechend und 
ausserordentlich fesselnd , weil sie sich auf umfassende belesen- 
heit, tiefeindringendes dichterverständniss und einschmeichelnde 
combinationsgabe stützt: dessen ungeachtet sind die ergebnisse, 
zu denen er kommt, der art ; dass sie jeder vorurtheilsfreie le- 
ser perhorresciren wird. 

Es ist eben ein ganz neuer Aristophanes, den man uns 
hier im ganzen wie im einzelnen bietet. Der Aristophanes, den 
alle weit bisher dafür gehalten , wird als fratze und unerträg- 
liche carricatur bezeichnet. Die Überlieferung wird in echtes 
und unechtes geschieden, und aus dem wenigen, was dem verf. 
noch für aristophanisch gilt, wird schliesslich der wirkliche ko- 
miker mühsam reconstruirt. 

Denn dass mau ja nicht glaube , nur die genannten stücke 
hätten vor den äugen unseres kritikers keine gnade gefunden. 
Auch über die Acharner, die Lysistrate und selbst die Kitter 
,,die doch den eindruck eines leidlich einheitlichen dramas 
machen können " hat er auf der letzten seite den Stab ge- 
brochen. 

Wehe also dem jetzigen Aristophanes, wenn der verf. recht 
behält. Aber seine methode ist verfehlt, der ganze stolze bau 



32 10. Longinos. Nr. 1 

ruht auf morscher grundlage. Mit dem massstabe einer ganz 
neuen willkürlich ersonnenen und in nichts begründeten definition 
von der alten komödie, wonach dieselbe ihr Privilegium, sich 
über die regeln strenger dramatik hinwegsetzen zu dürfen, ver- 
liert, tritt er an den Aristophanes heran, und weil derselbe sei- 
nen anf orderungen natürlicherweise nicht entspricht , so zer- 
stückt, zerreisst, zerfetzt er ihn in einer weise, dass man nicht 
umhin kann, mit dem gemisshandelten mitleid zu empfinden. 

Von der wunderbaren praxis, die der verf. befolgt, um 
entgegenstehende Zeugnisse zu beseitigen, haben wir schon frü- 
her einige proben kennen gelernt; hier sei nur noch darauf 
hingewiesen, wie willkürlich er mit dem texte des dichters um- 
spriagt. Die stelle der Vögel vss. 1432 — 1452 wird einfach ge- 
strichen; die erste und zweite parabase der Vögel werden conta- 
minirt, um zu ihrer ursprünglichen einheit und reinheit zurück- 
zukehren; Wolken 991 „wird sofort als ungehörige einfügung 
erkannt"; im Plutos wird die echtheit aller der stellen ange- 
zweifelt , die für das hohe alter der greise sprechen ; dass die 
einfügung der eselepisode in den Wespen (168 — 202) eine ganz 
unvermittelte ist, soll auf der hand liegen u. s. w. u. s. w. Bei- 
spiele dieser art könnten wir noch in grosser menge anführen, 
aber wozu? können sie bei der grundanschauung des verf 's 
noch wunder nehmen? 

Nach dem allen glauben wir das buch von Brentano als eine 
weit über das ziel hinausschweifende und sowohl in ihrem ver- 
fahren wie ihren endergebnissen unhaltbare, trotz alledem aber 
sehr anziehende und lehrreiche Schrift bezeichnen zu dürfen. 
Denn das muss man dem verf. lassen , er weiss seine sache 
mit grosser gewandheit zu vertreten, dazu ist sein ton frisch 
und von stolzem selbstbewusstsein gehoben. Gälte es einer 
partie des werkes besonderes lob zu zollen, so würden wir auf 
die kritische betrachtuug des Plutos als auf ein wohldurch- 
dachtes, prächtig construirtes ganzes, als auf ein wahres meister- 
werk in seiner art hinweisen. Ch. M. 

10. Della sublimita , libro attribuito a Cassio Longino, 
tradotto da Giovanni Canna. 8. Florenz, Le Monnier. 1871. 

Die vorliegende italienische Übersetzung der schrift nsgl 
vxjjovg liefert einen neuen erfreulichen beweis, wie auch jenseits der 



Nr. 1. 10. Longinos. 33 

Alpen die klassischen Studien, insbesondere durch berührung mit 
der deutschen philologie, sich zu regem leben wiederum entfalten. 
Ich beziehe mich dabei nicht sowohl auf die Übersetzung selbst, 
als auf die vorausgeschickte einleitung, welche auf 51 seiten 
erstlich die frage nach dem Verfasser der Schrift , und zweitens 
die nach dem eigentlichen thema behandelt. Die Übersetzung 
ist in der that höchst geschmackvoll und bei aller freiheit 
doch eine durchaus treue nachbildung; aber für uns Deutsche 
könnte sie doch nur so besonderen werth haben, wenn in ihr 
und den beigefügten kurzen noten wesentliche beitrage für kri- 
tik und verständniss des textes enthalten wären. Nun aber hat 
der vf. ; dessen starke seite die niedere kritik nicht zu sein 
scheint, lediglich den SpengeFschen text zu gründe gelegt und 
sodann nach dem von 0. Jahn eine revision durchgeführt, ohne 
an mehr als drei stellen nach eigner oder fremder conjektur 
eine abweichung von dieser grundlage sich zu gestatten, s. p. 
57 f.. Er will nämlich 13, 4 für xal (podasig schreiben rag 
qiQäaeiQ, welches Subjekt zu avveftßjj*a.i sein soll , wie im vor- 
hergehenden zqlixavzd xiva zu dem von ihm für unverdorben 
gehaltenen lnuv^iü<5a.i , und vermuthet ferner 44 , 5 für das 
corrupte avvctQOi entweder avaq)7]xoc oder avncpr^oi^ endlich 
adoptirt er 21, 2 Cumanudes' conjektur arovsi für a.ya.vax'isZ. 
Mir scheint diese letztere ganz annehmlich, dagegen Canna's ver- 
muthungen an der zweiten stelle als dem Wortlaut nach zuweit 
abliegend, und seine auffassung in der erstgenannten als unzu- 
lässig, indem auch ich den fehler in iizaxftdaat suche. IJonjTi- 
xag vlaq heisst nicht selve poetiche , sondern poetische materien, 
an welches wort sich dann cpacicst? trefflich anschliesst. 

In der einleitung dagegen zeigt sich der vf. ohne frage 
als ein sowohl durch kenntnisse als auch durch gesundes ur- 
theil und klare auffassung den behandelten gegenständen durch- 
aus gewachsener philologe. Er ist vollkommen bekannt und 
vertraut mit den einschlägigen Schriften, auch Hallenser und 
Marburger dissertationen, und gibt nun zunächst von dem gange, 
welchen die Untersuchung nach dem vf. der schrift ntgl vipovg ge- 
nommen, eine ebenso genaue wie übersichtliche darstellung. So- 
dann folgt von p. 39 an die entwickelung der gegen die autorschaft 
des Longinus vorgebrachten argumente, denen er selbst noch 
manches hinzufügt. Man ist ganz für diese ansieht, die man auch 
Philol. Anz. IV. 3 



34 10. Longinos. Nr. 1. 

für die von Canna hält, gewonnen, als plötzlich, auf p. 26, die 
avaaxsvrj alles vorgebrachten beginnt und sodann , nachdem er 
dargethan , wie wenig entscheidend alle jene argumente seien, 
die Vorführung der positiven momente für Longinus (p. 34). 
Auch hier ist die Wirkung auf den leser — experto crede — 
eine gleiche wie vorhin, aber nochmals folgt auf p 40 eine art 
von avaaxsvij , und das schliessliche resultat ist , dass Longin's 
autorschaft als wahrscheinlich, wenn auch durchaus nicht als 
sicher, hingestellt wird. Es ist dies resultat wirklich das ge- 
naue ergebniss der für und wider vorgebrachten argumente-, 
jeder, dessen entgegengesetzte ansieht nicht völlig fest ist, wird 
dem Verfasser zunächst beistimmen müssen ; aber nach erneu- 
ter Untersuchung der beweisquellen selbst muss ich doch die 
autorschaft Longin's entschieden verwerfen. Wir lernen diesen 
autor aus seiner theilweise erhaltenen re%ri] qijtoqixJj und aus 
einigen fragmenten hinreichend kennen, um das urtheil fällen 
zu dürfen, dass er ein mittelmässiger und beschränkter köpf 
und weniger originell und schöpferisch als vielseitig gebildet und 
gelehrt war. In seiner techne zeigt sich der sophist der zeit, 
der am kleinen haftet und gewaltigen werth auf gewählte atti- 
sche Wörter legt , deren er einzeln eine grosse zahl empfiehlt 
und auch gewissenhaft selbst anwendet : vgl. p. 307 die Vor- 
schrift: ov yag ofioiov ovös xata fitxoöv, zo aijdsg .,&y}.svxeg iC 
slnslv , „aZsQneg' 1 rs xal ,,ovx iv %aQiti (i , und die befolgung 
derselben 311, 8: qiai'vstai yocg afivdoög te xul aa&siijg x«' 
a %ö.qi ar og, ar s gn ij g rs xai dyl svxi'j g. Das ist doch kein 
schlichter und einfacher stil , wie Canna zu meinen scheint (p. 
31), sondern ein über die massen sophistisch und geistlos ge- 
spreizter, und mag mau nun an dem stil der schritt nsgl vxpovg 
tadeln was man will, von einem festkleben an gewissen formen 
und von einem mangel an geist, lebendigkeit und Originalität in 
demselben wird man nicht reden dürfen. Ebenso ist es aber 
auch mit den gedanken. Ich verlange nicht den schwung der 
schrift nsgl vxpovg in der rhetorik wiederzufinden, wohl aber 
das philosophische und geistreiche gepräge derselben, und finde 
nun zwar recht viel philosophie, viel mehr als für die rhetorik 
irgend wünschenswerth wäre, aber eine recht triviale, langwei- 
lige und am ende anwidernde. Vgl. den abschnitt nsgi fwjjftqg 
p. 312 ff. und gleich zu anfang desselben die erörterung der 



Nr. 1. 11. Catullus. 35 

feinen frage, ob nicht das vergessen auch sein gutes habe, was 
der vf. mit gewichtigen der moral entnommenen gründen leug- 
net. Endlich zeigt sich in den fragen des stils und des kunst- 
urtheils überall die stärkste abhängigkeit von den frühern, theils 
mit theils ohne anführung derselben . So stammt nr. 3 der 
excerpte (p. 325 Sp.) ziemlich wörtlich aus Caecilius (s. Phot. 
Bibl. p. 485 Bk.), in den fragmenten des commentars zum Ti- 
maeus wird Dionysios benutzt (s. besonders nsol avv&. p. 117 f. 
Reisk.), desgleichen in der Rhetorik in dem abschnitt tvsqI %s%scoq. 
Longin's bedeutung für seine zeit scheint darin zu bestehen, 
dass er der rhetorik, statt der trockenen scholastischen, wieder 
eine mehr ästhetische richtung gab, in anlehnung an Dionysios 
und andre ; daher die ihm von den späteren gegebene bezeich- 
nung o «Qirixög oder y.Qirty.ojturog , und daher der titel der 
schritt neyl v\povg: diorvatov \ Aoyyivov , indem der Urheber 
desselben keinen andern rhetor von der ästhetischen richtung 
kannte als eben jene beiden, und deshalb meinte , dass das na- 
menlose gut entweder dem einen oder dem andern von ihnen 
gehören müsse. Auch Canna ist natürlich weit entfernt, dieser 
Überschrift besondere autorität beizumessen; doch scheint mir 
auch das noch zu viel, was er p. 41 sagt, man müsse doch wohl, 
weil sie aus einem altern dokumente stammen könne, sie mit in 
rechnung ziehen. Wir haben dasselbe, wir haben ein grösseres 
recht nach gutdünken auf einen Verfasser zu rathen wie der 
byzantinische Schreiber. Wenn aber die scholiasten des Hermo- 
genes die stelle über die Oreithyia des Aeschylus (n. v\p. 3, 1) 
aus den cptXo'Aoyoi ofxüaui des Longin citiren, so mag sie recht 
wohl da gestanden haben , aber als citat oder entlehnung aus 
der schritt negl vipovg, die dem Longin natürlich nicht unbe- 
kannt war und welche derselbe dann ebensogut verwerthete 
wie Dionysios' oder Caecilius' schritten. 

I. Blass. 

11. G. Rettigii Catulliana HL De epigrammatis in Gel- 
lium scriptis. Bernae, typis Fischeri MDCCCLXXI. 4. 15 S. 

Der Verfasser bespricht sieben epigramme Catull's ge- 
gen Gellius (74. 80. 88. 89. 90. 91 und 116) rücksichtlich 
ihres adressaten und findet mit Schwabe, dass sie sämmtlich 
auf den Jüngern Gellius sich beziehen, während von dem altern 

3* 



36 11. Catullus. Nr. 1. 

nur beiläufig in seiner eigenschaft als patruus und zielscbeibe 
der deliciae des angegriffenen Gellius die rede ist. Wa9 man 
sonst zu gunsten der person des altern Gellius, besonders mit 
rücksiebt auf die stelle in Cicero's Sestiana glaubt anführen zu 
können und was in diesem sinne Scbwabe beispielsbalber um des 
„audiatur et altera pars" willen angeführt hat, wird entkräftet, 
worauf der Verfasser sich gegen Westphal wendet, der neuer- 
dings die von Schwabe aufgestellte ansiebt insofern wesentlich 
verlassen hat, dass er einmal die gedichte zwischen den perso- 
nen des Gellius oheim und Gellius neffe theilte, nämlich jenem 
nr. 74. 80 und 116, diesem 88. 89. 90 und 91 zuschrieb, an- 
dererseits die letzteren in umgekehrter reihenfolge auf einander 
folgen lassen will , als diese durch die tradition vorgezeich- 
net ist. 

Eettig beginnt damit, die überlieferte reihenfolge der zu- 
letzt genannten gedichte zu vertheidigen. Bei 88. 89 und 90 
ist die sacbe ganz klar; 90, weil es von den folgen des incests 
von tnutter und söhn spricht, muss nach 88 und 89 folgen, da 
in denselben der incest selber erwähnt wird; 89 setzt gedieht 
88 voraus, denn sonst findet das epitheton des patruus, nämlich 
bonus, keine erkläning. Wenn aber Eettig hinzufügt, erst, wenn 
88, v. 1 — 4 vorangegangen seien, verstehe man, wer in c. 89 
die puellae cognatae seien , so ist dies nicht richtig, da in c. 88 
von puellae cognatae nichts zu finden ist. Vielmehr kann gel- 
tend gemacht werden, dass in c. 89 den in c. 88 genannten cri- 
mina ein neues hinzugefügt werde , eben das verhältniss des 
Gellius neben mutter, Schwester und tante auch noch zu den 
puellae cognatae. Eine Steigerung war vom dichter gewiss bei 
allen diesen gedichten beabsichtigt. Denn das ist doch klar, 
dass die mehrzahl dieser epigramme gegen Gellius, wenn nicht 
alle, produete gleicher zeit sind und nur dadurch eine be- 
stimmte reihenfolge für sie motivirt wird, als der dichter selbst 
in bewusster weise von einem gedieht zum andern eine steige- 
•rung eintreten lässt, die aber durchaus nicht einer in Wirklich- 
keit successive eingetretenen Verschlechterung des Gellius ent- 
spricht , sondern nur aus rücksichten dichterischer composition 
unternommen worden ist. 

Verwickelter wird die frage bei nr. 91. Westphal fasste 
das gedieht als eine kriegserklärung auf, was es aber, wie Ret- 



Nr. 1. 11. Catullus. 37 

tig zeigt , nicht ist. Weil es nun ferner nur von dem incest 
des Gellius mit mutter und Schwester spricht, glaubte West- 
phal, es den andern voranstellen zu müssen. Aber wer sieht 
nicht, dass die erwähnung der blutschande des Gellius in dieser 
fassung, wie sie das gedieht bringt, an stärke und kraft alles 
überbietet, was in den früheren gedienten darüber gesagt wor- 
den war? Welcher höhn liegt nicht darin, wenn Catull sagt, 
er habe den Gellius nur deshalb für unschädlich gehalten, weil 
Clodia nicht dessen mutter oder Schwester gewesen sei? Das 
enthält eine überaus kräftige Steigerung gegenüber den einfa- 
chen angaben der früheren gedichte, dass Gellius mit mutter 
und Schwester umgang gepflogen. Dass die in c. 88 und 89 er- 
wähnte tante, sowie die in c. 89 erwähnten cognatae puellae hier 
nicht auch noch einmal genannt werden, ist ganz passend; es 
werden hier nicht nur, wie Rettig dies erklärt, die hauptsäch- 
lichsten und gravirendsten inceste verzeichnet, sondern die mater 
steht zugleich als repräsentantin der arnita und die soror als 
Vertreterin sämmtlicher puellae cognatae. Also steht das gedieht 
auch in der Überlieferung an seinem rechten platze. 

Hierauf bekämpft Rettig die ansieht Westphals bezüglich 
der angeblich gegen den altern Gellius gerichteten epigramme. 
Mit recht erwähnt er bei c. 74, dass überall der jüngere Gellius 
subjeet sei, überall er als thäter, als Verbrecher erscheine, wäh- 
rend dem oheim nur eine passive rolle zugetheilt sei. Wie soll 
sich ferner ein gedieht auf einen mann beziehen, dessen name 
gar nicht genannt ist, der einfach als patruus eines andern be- 
zeichnet wird, dessen name ausdrücklich an die spitze des gan- 
zen gedichts gerückt ist? 

Selbst in den zwei letzten versen, die noch dazu nur etwas 
von Gellius möglicher weise beabsichtigtes (wie Rettig gut aus- 
führt) enthalten, erscheint der ältere Gellius nur als der Über- 
fallene, der jüngere dagegen als einziger übelthäter. Rück- 
sichtlich des gedichts 80 weist Rettig überzeugend nach , dass 
ein mensch, dem in c. 74, v. 5. 6 die aktive betkeiligung an 
einem verbrechen zugetraut worden ist, gewiss auch der passi- 
ven fähig sein konnte. Ferner, wie kann Catull im einen ge- 
dieht mit dem namen Gellius den neffen meinen und im andern 
ohne nähere bezeichuung denselben für dessen oheim anwenden ? 
Dann wird auf das epitheton rosea labella hingewiesen, das 



38 11. Catullus. Nr. 1. 

wohl vom jungen, nicht aher vom alten gebraucht werden 
konnte. Daran anschliessend weist der Verfasser Westphals 
emendationsversuche zu v. 7 und 8 zurück; mit recht: an Gel- 
lius waren nur die blass gewordenen lippen als auffällig be- 
zeichnet worden , nichts anderes. Dagegen ist Kettig' s vermu- 
thung, für Victoris sei appellativ uictoris zu schreiben und dar- 
unter der oheim zu verstehen, ebenfalls zu verwerfen. Vom 
oheim ist im ganzen gedieht keine rede, sonst hätte ihn der 
dichter nicht einfach mit vir bezeichnet, sondern das verwand t- 
schaftsverhältniss mit gebührendem höhn hervorgehoben. Aber 
auch ohne beziehung auf den oheim kann Victoris nicht appel- 
lativ genommen werden , weil Catull bei viri sicherlich eine be- 
stimmte persönlichkeit im äuge hatte, die er nennen musste. 
Wir halten daher an der person des Victor als irrumator des 
Gellius fest. Daneben schlägt Kettig vor , huic nach emulso 
(v. 8) einzuschieben, was allerdings das verhältniss zwischen Gel- 
lius und Victor klarer hervortreten lässt , obwohl darüber nach 
v. 1 und 2 kein zweifei obwalten kann. Die worte sie certe est 
in v. 7 möchte ref. als inhalt des clamant mit anfiihrungszeichen 
versehen wissen: es ist die antwort, welche der dichter auf seine 
v. 5 ausgesprochenen zweifei von den schreienden indicien sel- 
ber erhält. Als schliessliche meinung des dichters nehmen 
sich diese worte nach den vorangegangenen zweifeln eigen- 
tümlich aus. 

Endlich wird gezeigt, dass auch c. 116 an den jungen 
Gellius gerichtet sein müsse. Nur bin ich nicht damit einver- 
standen, dass Catull damit die ganze Gelliussammlung habe ab- 
schliessen wollen. Vielmehr enthält das gedieht lauter anzeichen 
dafür , dass es die Sammlung einleitete , wenn natürlich auch 
zugegeben werden kann, dass der zeit nach Catull dasselbe erst 
schrieb , nachdem er mit den eigentlichen schniähgedichten fer- 
tig geworden war und das geschaffene überschauen konnte. 
Dem sinne nach ist c. 116 immer ein einleitungsgedicbt , wie 
schon Rettig sah, wenn er es als eine art exordium bezeichnete, 
und wurden, wie wohl anzunehmen ist, die Gelliusgedichte in 
form eines kleinen pasquill's von Catull separat veröffentlicht, 
so musste c. 116 dieselben einleiten. Das im scblussvers ent- 
haltene siqiplicium da bis ist drastischer und zeichnet die sie- 
gesgewisshoit dos dichters bessor, wenn die gedichte erst folgen | 



Nr. 1. 12. Lateinische elegie. 39 

sollte c. 116 den schluss bilden, so würde Catull mit bezug 
auf das vorhergehende nicht dabis gesagt haben können, son- 
dern eher das oder dedisti. Dazu kommt nun aber noch die 
eigenthümliche haltung der ersten hälfte des gedichts. Catull 
spricht darin, wie sehr er sich früher alle mühe gegeben habe, 
Gellius versöhnlich zu stimmen, d. h. er stellt sich so, als habe 
er es aus furcht vor ihm um keinen preis mit ihm verderben 
wollen, vielmehr alles versucht, um ihn zu gewinnen. Denkt 
man sich nun, diese furchtbar treffenden gedichte ständen vor 
diesem, so hat darauf die Schilderung der (simulirten) früheren 
angst keine Wirkung mehr, während der effekt des contrastes 
in ungebrochener kraft uns entgegentritt, wenn man aus dem 
folgenden gleich zu seinem erstaunen inne wird , wie wenig es 
dem dichter mit der Schilderung seiner angst ernst gewesen war, 
und wie sehr er recht hatte, des Gellius' bestrafung als eine 
ohne zweifei und aufschub alsbald zu gewärtigende selber zu 
prophezeien. 

H. 

12. De Tibulli Propertii Ovidii distichis quaestionum elegia- 
carum specimen. Diss. inaug. scr. Gualtherus Gebhardi. 
Regim. 1870. 8. 

Diese sorgfältige dissertation beschäftigt sich mit denje- 
nigen pentametern der drei elegiker, welche zwei mit attributen 
versehene substantiva in verschränkter Stellung enthalten. Die 
vollständigen Zahlenangaben finden sich in einer der schrift bei- 
gegebenen tabelle, wo die beiden substantiva mit a und a, die 
beiden attribute mit b und ß bezeichnet sind. Bei weitem am 
häufigsten sind die drei formen b \ ß a a (seu vetus in trivio 
florea serta lapisj, b ß \ a a (tristia cum multo pocula 
feile bibatj f b \ u ß a (stetque peregrinis arbor operta co- 
mis). Man erkennt das gemeinsame derselben, nämlich 1) ein 
attribut steht an erster und ein Substantiv an vierter stelle; 2) das 
attribut des letzteren steht im ersten halbvers, und 3) in diesem 
halbvers folgt auf dasselbe keines der beiden anderen Wörter. 
Ganz vereinzelt sind die pentameter , wo im ersten halbvers 
drei von den vier Wörtern stehen. Tibull vermeidet solche 
verse gänzlich, bei Properz finden sich zwei fista decem men- 
ses non peperere bona , ungue nie am morso saepe querere fi- 



40 12. Lateinische elegie. Nr. 1. 

dem), bei Ovid 21. Auf das einzelne dieser erörterungen kön- 
nen wir hier selbstverständlich nicht eingehen. Am meisten 
allgemeines interesse hat die Untersuchung über den grad der 
Übereinstimmung, welcher in diesen dingen zwischen den Herol- 
den und den übrigen Ovidischen dichtungen herrscht. Bei 
einigen gewinnt die durch andere gründe festgestellte unecht- 
heit auch hierin ihre bestätigung. So findet sich z. b. in der 
epistel der Sappho dreimal hinter einander die form des penta- 
meters, in welcher am ende des ersten halbverses ein Substantiv, 
am ende des zweiten das dazu gehörige adjectiv, zwischen beiden 
ein anderes Substantiv mit adjectiv steht (70, 72, 74 : accumulat 
curas filia parva meas, non agitur vento nostra carina suo , nee 
premit articulos lucicla gemma meosj , ein fall, wie er nach Geb- 
hardi sonst bei den drei elegikern nicht vorkommt. Vieles der 
art ist freilich von sehr geringem belang und nichts von zwin- 
gender beweiskraft (worüber sich auch der Verfasser nicht 
täuscht), dankenswerth bleibt indessen jedenfalls die feststellung 
und aufzählung. Aber nicht zu billigen ist es, wenn Gebhardi 
p. 35 zusammenfassend behauptet: her oidum epistolae non 
ad amores vel artem amatoriam usu ac ratione formarum accedunt, 
sed cum exilii potius elegiis conferantur necesse est. Denn auch 
hier zeigen sich, wie gerade die Untersuchungen Gebhardi's leh- 
ren, bedeutende differenzen zwischen den verschiedenen Herol- 
den. Gegen die briefe der Oenone und der Hypsipyle z. b. 
hat Gebhardi auch nicht das geringste vorbringen können, was 
von den in den Amores und in der ars amatoria herrschenden 
regeln abwiche. — Ein versehen ist es, wenn p. 20, z. 3 als 
beispiel für die form a a \ b ß (nee facies oculos iam capit ista 
meos) der vers a verbis facies dissidet ista meis angegeben wird. 
Ebenso wenn es p. 50 heisst: Heroidum 4, 166 trux sie 
unaS, tXorixai (am schluss des pentameters), da kurz vorher 
für dasselbe adjectiv Her. 19, 144 angeführt worden. — Wenn 
Gebhardi , der die bezeichuung pentameter verbannt wissen will, 
p. 5, anm. 3 bemerkt, dass „schon" Ovid die verkehrte theorie, 
auf welcher jener nauie beruht, kenne, so mag hinzugefügt wer- 
den, dass bereits Hermesianax des [iulaxov nvttfA und nepra- 
fiiiQov ei wähnt. 



Nr. 1. 13. Justinus. 41 

13. Die Verbreitung des Justinus im mittelalter. Eine li- 
terarhistorische Untersuchung von Dr. Franz ßühl. Habili- 
tationsschrift der Universität Leipzig. 3 871. 52 pagg. 8. 

Nachdem für eine grosse anzahl namentlich lateinischer 
autoren ein, wenn nicht vollständiger, doch für die ergründung 
der textgescbichte genügender kritischer apparat gewonnen ist, 
muss man mit freuden jeden versuch begrüssen , auf grundlage 
dieses materials eine geschichte der Verbreitung der klassischen 
autoren im abendlande während des mittelalters von dem unter- 
gange des weströmischen reiches an bis zu den zeiten des Wie- 
derauflebens der Wissenschaften anzubahnen. Einem solchen 
versuche wird die vorstehende Schrift des auf dem gebiete der 
litteratur der quellen des Plutarch vortheilhaft bekannten Ver- 
fassers verdankt. Justins auszug aus Pompejus Trogus ist in 
kritischer beziehung ungemein vernacblässigt gewesen. Die 
neuesten ausgaben , wie die von Duebner und Jeep , beruhen 
auf einer allzulückenhaften und in folge dessen unsicheren hand- 
schriftlichen grundlage, als dass es bisher irgendwie möglich 
gewesen wäre, mit genauer sichtung des diplomatischen mate- 
rials an die restitution des in einzelnen worten , wie durch lü- 
cken und glosseme gleichmässig über gebühr corrumpirten textes 
des Justinus zu gehen. Wenn Justinus auch nicht zu den 
autoren geborte, welche während des mittelalters in den schulen 
gelesen und in folge dieser Verbreitung in unzähligen hand- 
schriften vervielfältigt wurden, so hat doch wenigstens die ge- 
lehrtenwelt bis zum 12. Jahrhundert hin, sowohl in Italien als 
im norden , mit Vorliebe ihre kenutniss der ausserrömischen ge- 
schichte aus diesem autor geschöpft , und in folge davon ist 
eine bei weitem grössere anzahl von handschriften des Justinus 
vorhanden, als sich vor den dankenswertheu mittheilungen des 
Verfassers ahnen liess. Wir hoffen, dass die von ihm angekün- 
digte abhandluug über die textesquellen des Justinus recht bald 
erscheinen wird. In der vorliegenden habilitationsschrift hat der 
Verfasser bei dem nachweis der mittelalterlichen autoren, welche 
direkt oder indirekt den Justinus, sei es paraphrasirend benutzt, 
sei es direkt ausgeschrieben haben, eine umfassende belesenheit 
und ein gutgeschultes kritisches talent bekundet. Die ein- 
schlägliche mittelalterliche litteratur, für welche übrigens wich- 
tige anleitungen in der meisterhaften schrift Alfred von Gut- 



42 14. Griechische alterthümer. Nr. 1. 

schmids über die fragmente des Poropejus Trogus vorlagen, 
beherrscht der Verfasser vollkommen , und wenn auch die zum 
theil minutiösen resultate der arbeit zunächst vorwiegend meh 
den historiker als den philologen interessiren, so ist doch durch 
gelegentliche philologische bemerkungen auch für diesen des 
anziehenden genug vorhanden. Wir heben vor allem den in- 
teressanten ansatz der schriftstellerei des Gellius für das jähr 
169 n. Chr. (p. 35) hervor, welcher bei Radulphus de Di- 
ceto (um 1210) geschickt eruirt ist, und welcher allem an- 
scheine nach auf eine neben Hieronymus und unabhängig von 
diesem einst bestehende chronik voll litterarhistorischer angaben 
zurückgehen dürfte. Eine genaue durchforschung der endlich 
einmal genau zu sichtenden masse mittelalterlicher lateinischer 
glossare wird hoffentlich noch mehrere auf Hieronymus nicht 
zurückführbare daten für die römische litteraturgeschichte er- 
geben, als Usener bisher herausgeschält hat. Immer mehr tritt 
ja überhaupt das bedürfniss hervor, aus dem wüste der halb- 
dunklen, mittelalterlichen Schriften neues licht für die antike 
litteratur zu gewinnen. Möchte doch der Verfasser, der selbst die 
Wichtigkeit einer erforschung der quellen des Vincenz von Beau- 
vais bei gelegenheit der besprechung des von diesem aus Justi- 
nus geschöpften betont, sich bestimmen lassen, namentlich zu- 
nächst die antiken quellen des Vincenz im Zusammenhang zu 
erörtern. Besonders anziehend ist namentlich der nachweis, wie 
namentlich der transalpinische norden seine eigene handschrift- 
liche Justinüberlieferung gehabt hat, und dieser sowohl die älte- 
ren nordischen handschriften des Justin angehören, als auch die 
excerpte der nordischen historiker entnommen sind. 

Beiläufig bemerken wir, dass der mehrmals unter richtiger, 
aber ungewohnter bezeichnung erwähnte codex Eusebianus des 
Justinus offenbar ein Vercellensis in der bibliothek des dom- 
capitels zu Vercelli (über welche zu vergleichen Neigebauer in 
Neumanns Serapeum 1857, nr. 12) ist. 

14. Griechische alterthümer von G. F. Schömann. Er- 
ster band. Das Staatswesen. Dritte aufläge. Berlin , Weidm. 
buchhandlung. 1871. VIII und 600 s. 8. — lVs thlr. 

Eine bei uns noch immer seltene Vereinigung von solider for- 
schung mit geschmackvoller darstellung hat Schöniann's behand- 



Nr. 1. 14. Griechische alterthümer. 43 

hing der griechischen alterthümer rasch und andauernd auch in 
weiteren kreisen zahlreiche freunde finden lassen, wie von den 
nicht - geschichtlichen werken kaum ein zweites der Weidmann'- 
schen Sammlung von handbüchern. Mit genugthuung begrüssen 
wir daher den beginn der dritten aufläge dieses werkes. 

Das verkältniss der neuen aufläge zu der vorhergehenden, 
gerade vor zehn jähren erschienenen bezeichnet der verf. selbst 
folgendermassen: „auch diese dritte ausgäbe erscheint nicht 
ohne einige Verbesserungen und zusätze, zu denen mich die 
benutzung neuer behandlungeu der betreffenden gegenstände ver- 
anlasste. Einiges, was sich nicht füglich durch kurze änderun- 
gen im texte oder in anmerkungen unter demselben anbringen 
Hess, was ich aber doch nicht mit stillschweigen übergehen zu 
dürfen glaubte, ist im anhange besprochen". 

Was zunächst die äussere Vermehrung betrifft, so haben die 
beiden ersten abschnitte ,,einleitung" und „das homerische Grie- 
chenland" eine solche so gut wie nicht erfahren; von dem 
dritten sind die beiden ersten kapitel („allgemeine Charakteri- 
stik des griechischen Staatswesens" und ,,geschichtliche angaben 
über die Verfassungen einzelner Staaten") zusammen etwa um 
vier seiten vermehrt ; das dritte , „der spartanische Staat" hat 
einen Zuwachs von zwei Seiten erhalten, das vierte, „der atheni- 
sche Staat" einen solchen von sieben ; endlich im anhang (p, 
573 — 588) ist bei weitem das meiste ganz neu hinzugefügt. 
Doch sind auch die im äussern umfang unverändert gebliebenen 
theile keineswegs ganz dieselben geblieben ; auch sie haben im 
einzelnen und kleinen vielfach die bessernde hand erfahren. — 
Nicht immer bloss auf fremde anregung hin sind durch das ganze 
buch änderungen und zusätze vorgenommen; die neuere littera- 
tur ist nachgetragen (auch die citate sind nach den neuen auf- 
lagen durchkorrigirt) , polemisches dagegen — soweit es inzwi- 
schen berücksichtigung gefunden hatte oder sonst erledigt war — 
ist weggelassen. Ich gehe beispielsweise die neunzehnseitige ein- 
leitung durch, gerade weil sie nur um wenige zeilen vermehrt 
erscheint. Hier finden sich p. 7 anm. 1, p. 12 anm. 1, p. 14 anm. 
2, p. 15 anm. 1, p. 17 anm. 1 citate aus der neusten literatur 
hinzugefügt; p. 18 ist die anm. 2 mit rücksicht auf Nutzhorn 
weiter ausgeführt, p. 9 eine anmerkung auf grund der Hercher'- 
scheu kritik der fahrt des Telemachos von Pylos nach Lake- 



44 14. Griechische alterthümer. Nr. 1. 

dämon ganz neu hinzugekommen ; ausserdem ist p. 5 der pas- 
sus über Hellas in Thessalien schärfer und korrekter gefasst, p. 
14 im text und der zugehörigen anmerkung die gewagte be- 
merkung über die Aegyptiden unterdrückt, in der anmerkung 
auch die Zurückweisung des Prellerschen erklärungsversuches 
weggelassen und vielmehr die stelle der neuen auüage der grie- 
chischen mythologie Preller's citirt, die des vf.'s frühere Warnung 
berücksichtigt; endlich wird p. 19 über Pheidon hinzugefügt „oder 
wahrscheinlicher des siebenten (Jahrhunderts)", und dess zur be- 
kräftigung in der anmerkung auf das (schon 1844 erschienene) 
buch von Weissenborn verwiesen. 

Eine vollständige anführung der litteratur liegt ja ausser- 
halb des Scbömann'schen planes; indessen wird von grösseren 
antiquarischen arbeiten , die in dem decennium zwischen der 
zweiten und dritten aufläge erschienen sind, kaum eine nicht 
genannt und benutzt sein. Anders steht es mit der kleineren 
litteratur, insbesondere soweit sie den nächstliegenden , vielfach 
auch in die alterthümer hineingreifenden disciplinen, wie geschichte, 
epigraphik, archäologie angehört. Mancherlei ist zwar auch hier 
gelegentlich erwähnt, eine erschöpfende ausnutzung all dieser 
arbeiten für die neue aufläge ist aber nicht erfolgt. Kein verstän- 
diger wird daraus dem hochverdienten greisen koryphaen unse- 
rer Wissenschaft einen Vorwurf machen wollen : und wenn ich 
mir erlaube ein paar beispiele anzuführen , wo der einblick 
in neuere arbeiten auch für sein handbuch von nutzen gewesen 
sein würde, so geschiebt dies nur, um meine behauptung nicht 
unbewiesen zu lassen. So hätte p. 3 neben Jablonsky's und 
Lassen's behandlungen der karischen spräche die von Lagarde 
(ges. Abb. p. 267 ff.) oder p. 19 für die chronologische fixiruug des 
lebens Pheidon's neben Weissenborn die gründliche Untersuchung 
von Unger im Philolog. XXVIII, p. 399 ff. und XXIX, p. 
245 ff. doch recht sehr die erwähnung und berücksichtigung 
verdient-, und wenn der verf. davon notiz genommen hätte, 
dass in Athen jetzt exemplare der \pi}q)o<; azgijtog oder nXt'jQtji 
und der ipqqioQ TeTQVTTtj^tvtj zum Vorschein gekommen sind (s. 
arch. Anzeig. XVIH, 1861. p. 223 f.; vgl. auch Bulletin, d. inst, 
arch. 1865 n. X), so würde er p. 516 nicht mehr von durch- 
löcherten und ganzen „kügelchen" gesprochen haben , die auch 
schon Aristoteles beschreibung bei Harpokr. u. d. w. tetqvjtij- 



Nr. 1. 14. Griechische alterthümer. 45 

fisvt] ausschliesst. So hätte p. 538, um eine Vorstellung zu ge- 
ben von der bereicherung, welche unsere kenntnisse von der at- 
tischen epbebie der späteren zeit durch zahlreiche inschriften ge- 
wonnen haben, ausser Böckh's bekanntem programm , von an- 
dern ganz zu schweigen, mindestens W. Dittenberger , de ephe- 
bis Atticis (Gott. 1863) herangezogen werden müssen. 

Von den besprechungen im anhange ist die längste, ganz 
neu hinzugekommene die zu p. 237 auf p. 573 — 577 , wel- 
che den neueren annahmen über das spartanische doppelkönig- 
thum gewidmet ist. Da sich dieselbe wesentlich gegen meine 
ausführungen in Fleckeisens Jahrb. 1868, p. 1 ff. richtet, so darf 
auch ich wohl gerade auf diesen punkt noch mit ein paar Wor- 
ten eingehen, um zu \»ersucken, den verf., den noch einige be- 
denken von der Zustimmung fern halten, für mich zu gewinnen. 
Vor allen dingen scheint ganz unberücksichtigt geblieben, dass all- 
gemeine erwägungen darauf führen, in den beiden königshäu- 
sern ursprünglich repräsentanten zweier verschiedener nicderlas- 
sungen auf dem boden des spartanischen Stadtgebietes zu sehen, 
und das institut des doppelkönigthums, als aus einem synoikis- 
mos dieser sondergemeinden hervorgegangen zu betrachten. Diese 
anschauung hat sich mir bei weiteren Studien über die altspartani- 
sche geschichte durchaus bewährt, und ich glaube manchen weite- 
ren beleg für ihre richtigkeit geben zu können, was freilich nur 
im Zusammenhang einer eingehenden behandlung der mangel- 
haften Überlieferung möglich ist. Die officielle darstellung der 
älteren Zeiten war natürlich hier, wie sonst, bestrebt die spuren 
ursprünglicher geschiedenheit möglichst zu verwischen; auch 
Tyrtäu3, der mit seinem gedieht EvtofAia eine nicht unbedeutende 
rolle in der geschichte der inneren bewegungen in Sparta spielt, 
steht auf diesem Standpunkt. Es könnte daher auch nicht wun- 
der nehmen, wenn überhaupt in der tradition gar kein direktes 
zeugniss für die Stammesverschiedenheit der beiden könige vor- 
läge. Die parallelen anderer diarchien (die von Geizer in 
der abschiedsschrift des göttinger philologenvereins für Curtius 
1868, p. 39 ff. gut zusammengestellt sind), die eigenthümli- 
che mischung achäischer und dorischer demente, welche in der 
Stellung des spartanischen königthums wahrzunehmen ist, die 
von dorischem sonderinteresse freie politik der Agiaden (s. 
Curtius gr. G. III, p. 37 und p. 751 anm. 17) würden auch 



46 14. 15. Griechische alterthümer. Nr. 1. 

dann dafür sprechen, sich diese Verschiedenheit so zurecht zu le- 
gen, dass die Agiaden Acbäer, die Eurypontiden Dorer waren. 
Allein nun sind wir so glücklich bei Polyaen. I, 10 wirklich eine 
Version der sage zu besitzen, welche die Eurystheniden in Sparta 
schon vor der dorischen einwanderung angesessen zeigt. Kann 
es da genügen zu entgegnen, dass Polyän „einer der geistlose- 
sten und stümperhaftesten compilatoren" sei? Oder haben nicht 
solche compilatoren zuweilen dennoch auch vorzügliche quellen 
ausgeschrieben und so überaus wichtige nachrichten erhalten, 
und steht es denn nicht notorisch eben so mit Polyän ? — 
Weiter hatte ich, um den bekannten ausspruch des königs Kleo- 
menes für meine ansieht verwenden zu dürfen, behauptet, dass 
die Spartaner aus dem Heraklidenthum ihrer könige keinerlei 
ethnographische consequenz gezogen hätten und finde das kei- 
neswegs dadurch widerlegt, dass Dorieus, der bruder des Kleo- 
menes, sieb in Sicilien als Heraklide gerirt. Der verf. un- 
terstellt dabei — durchaus gegen meinen sinn — , dass sich so 
Kleomenes, weil als Acbäer, nicht als Heraklide gefühlt haben 
könne. Eben das leugne ich ja, dass Heraklide sein und Acbäer 
oder Dorer sein kongruente begriffe sind; es konnte Herakliden, 
d. i. solche die ihre abstammung auf Herakles zurückführten, 
ebensogut unter Achäern wie Dorern geben (was ja der vf. p. 
574 selbst indirekt einräumt) ; erregte es den Hellenen doch 
sogar kein bedenken, Lyderkönige als Herakliden zu betrachten 
(Herod. I , 7) : es verfiel eben niemand darauf , daraus einen 
schluss auf jeuer nationalität %\\ ziehen. 

Beiläufig noch eins. Auch in dieser aufläge finde ich p. 
554 anm. 2 ein offenbares versehen wiederholt; der Pausanias, 
auf den sich Eustath. zur II. p. 1279, 40 beruft, kann unmög- 
lich, wie der verf. annimmt, der perieget sein, der I, 17, 1 
weder der '/Icptltta noch der läge auf der bürg gedenkt: es 
ist vielmehr der von Eustathius so oft benutzte lexikograph 
gemeint, worauf auch das vorkommen der entsprechenden glosse 
bei Hesych. u. d. w. Atdovg ßcopög weist. C. W. 

15. Conrad Trieber. Forschungen zur spartanischen 
Verfassungsgeschichte. 8. Berlin. Weidmann. 1871. — 15 gr. 

Das hier anzuzeigende buch von Trieber enthält zur spar- 
tanischen verfassuugsgeschichte in fünf kapiteln zwei untersu- 



Nr. 5. 15. Griechische alterthümer. 47 

chungen allgemeiner und drei Untersuchungen specieller natur. 
Was die beiden ersteren betrifft , so behandelt cap. 5 die spar- 
tanische Verfassung im allgemeinen, cap. 4 den Zusammenhang 
der spartanischen Verfassung mit der kretischen. Mit recht ist 
von Trieber betont worden, dass die spartanische Verfassung nicht 
als eine allgemein dorische aufzufassen sei, sondern aus der alt- 
griechischen, d. h. homerischen, erklärt und verstanden werden 
müsse. Dass sich manche phoenikische einflüsse in den spartani- 
schen alterthümern nachweisen lassen, darin stimmt rec. mit dem 
Verfasser überein , während ihm dagegen die tyrannenfurcht als 
motiv einzelner spartanischer einrichtungen z. b. der t-eiqluot'a 
sehr wenig bewiesen zu sein scheint. Auch mit den resultaten 
des vierten capitels darf man sich im wesentlichen einverstan- 
den erklären, dass nämlich die kretische Verfassung auf die 
spartanische, nicht umgekehrt zurückzuführen sei. Cap. 3 wird 
die geschichtlichkeit des Lykurgos einer prüfung unterzogen. 
Zuerst wird auf die Widersprüche in der Chronologie des Lykurgos 
hingewiesen und daraus weiter auf die Unsicherheit der von Erato- 
sthenes benutzten ävayQayai geschlossen. Wenn der vf. die ganze 
spartanische königsliste bis auf Leon und Anaxandridas wegen 
der unverhältnissmässig langen durchschnittlichen regierungszeit 
der einzelnen könige für unhistorisch hält, so scheint mir das 
zu weit zu gehen. An eine Vollständigkeit dieser liste darf 
gewiss nicht gedacht werden , auch einzelue personen mögen 
ungeschichtlich sein. Dagegen darf aber an der geschichtlich- 
keit der mehrzahl dieser könige nicht gezweifelt werden , wie 
dafür denn auch die angaben der bei Pausanias erhaltenen 
einheimischen tradition zu zeugen scheinen. Unterschieden muss 
werden zwischen einer altern und Jüngern recension dieser kö- 
nigslisten , von denen uns die ältere zuerst bei Herodot , die 
jüngere bei Eratosthenes vorliegt. Die jüngere unterscheidet 
sich von der altern durch hinzufügung der zahl der regierungs- 
jahre zu dem namen der einzelnen könige, und müssen diese 
Zahlenangaben auf eine reine erfindung der Alexandriner zu- 
rückgeführt werden. Dass sie wenigstens in Sparta unbekannt 
waren, lässt sich aus Pausanias mit ziemlicher Sicherheit erwei- 
sen. — Der vf. führt dann die Überlieferung der lebensschick- 
sale des Lykurgos bei Plutarch mit Wahrscheinlichkeit auf 
Ephoros zurück, wobei rec. für Plutarch nur eine zwischenquelle 



48 15. Griechische alterthümer. Nr. 1. 

annehmen zu müssen glaubt. Cap. 1. behandelt die spartani- 
sche heeresorganisation. Als richtig darf in demselben gelten, 
dass zur zeit der schlacht bei Leuktra das spartanische heer 
in 6 moren, 12 lochen, 48 pentekostyen, 96 enomotien einge- 
teilt wurde. Die moreneintheilung bereits bei Herodot anzu- 
nehmen , ist von dem verf. durch nichts bewiesen. Die ein- 
zige stelle, bei Her. 9, 60 in der aufforderuug des Pausa- 
nias an die Athener vor der schlacht bei Plataiai, dtv.uioi iais 
Vftelg nQog rijv nit£o[iSvi]v [iuliOTa räv (AOigt'atv ufAvveopisg tV- 
poli, hat einen ganz andern sinn , als der verf. ihr unterlegt. 
Pausanias unterscheidet in seiner botschaft an die Athener vor 
der schlacht bei Plataiai einestheils die Athener, anderntheils dio 
Spartaner und Tegeaten, die den angriff der Perser aufzuneh- 
men haben. Beide theile wollen sich deshalb gegenseitig un- 
terstützen. Wenn die Athener zuerst angegriffen wären , so 
würden die Spartaner und Tegeaten denselben zu hülfe geeilt 
sein. Nun aber seien sie zuerst angegriffen und deshalb seien 
die Athener verpflichtet: ngog tijp ntt^ofitiijv puXiota zäp f*oi- 
gttüv äfivvsovTEQ ispui. Die folget kann hier nur den einen 
theil des heeres bezeichnen, nämlich die ^Spartaner und Tegea- 
ten. — Der Tlizaviljtijg X6%og bei Her. 9, 53 wird von dem vf. 
ganz mit stillschweigen übergangen, eine angäbe, die in Verbin- 
dung mit Schol. Aristoph. Lysistr. 453, das der verf. ungenügend 
gewürdigt hat, und mit Her. 1, 65 den ausgangspunct für eine 
Untersuchung über die ältere spartanische heeresorganisation 
bilden muss. Ebenfalls darf auch auf eine kenntniss der moren 
bei Thukydides aus der erwähnung der polemarchen allein (Thuc. 
5, 66) mit dem verf. nicht geschlossen werden. Als gänzlich 
verfehlt endlich, sowohl was die dort gewonnenen resultate, wie 
was die methode der forschung betrifft, muss das zweite capitel 
gelten, welches „die rhetra des Lykurg nebst dem zusatze des 
Theopomp und Polydor" behandelt. Es darf als ein mangel 
aller behandluugen der spartanischen Verfassungsgeschichte bis 
auf unsere tage gelten, dass diesen authentischen Urkunden 
bei denselben nie das gewicht beigelegt ist, das sie zu bean- 
spruchen berechtigt sind. Den höchsten grad dieses fehlcrs hat 
der verf. in dem zweiten capitel des uns vorliegenden buches 
erreicht, das sich die aufgäbe gestellt hat, dio unechtheit dieser 
Urkunden nachzuweisen. Die gründe, die dafür angeführt werden, 



Nr. I. 15. Griechische alterthümer. 49 

sind so nichtssagender natur, dass sie eine Widerlegung kaum 
verdienen. Der verf. geht von dem theopompischen zusatze 
aus und behauptet, derselbe bedeute, das volk sei nicht berech- 
tigt, anders als ja und nein zu den vorschlagen der gerusie 
zu sagen. Diese neuerung des Theopomp soll dann im Wider- 
spruch stehen mit der durch diesen könig erfolgten einsetzung 
der ephorie , die der verf. als eine Schwächling der königlichen 
gewalt auffasst. Ebenso soll sich auch mit dieser rhetra des 
Polydor und Theopomp der umstand nicht vereinigen lassen, 
dass das amtssiegel der ephoren, der eigentlichen Vertreter 
des Volkes, das bildniss des Polydor trug, obwohl er zugleich 
mit der förderung der ephorie die Volksmacht in der ekklesia 
geschwächt haben soll. Zunächst scheint der einzig richtige 
ausgangspunct der Untersuchung über diese frage der zu sein, 
nach der Rhetra, die nach Plut. Lyc. 9 zu urtheilen auf Aristo- 
teles zurückgeht, — die ansieht Triebers, der name des Ari- 
stoteles sei von dem falscher der Urkunde, um derselben eine 
grössere glaubwürdigkeit zu verleihen, eingeschoben worden, ist 
eine ganz unhaltbare vermuthung — die angaben der übrigen 
autoren zu regulieren, zumal da der tradition über die Schwä- 
chung der künigsgewalt durch einsetzuug der ephorie eine eben so 
gut beglaubigte Überlieferung gegenübersteht , die die ephoren 
ursprünglich als diener der könige darstellt. Nimmt man diese 
tradition an, so ist damit jeder Widerspruch beseitigt. Endlich 
ist aber auch der Inhalt des theopompischen Zusatzes ein ganz 
andrer, als der verf. in demselben gefunden hat. Aus fast noch 
unhaltbareren gründen wird die lykurgische rhetra selbst verwor- 
fen. Weil der Ztvg 'EXXdvtog und die 'Adavä 'EXXaiia „ein 
wahres kreuz der erklärer" gewesen sind, weil die zahl 30 in 
der rhetra schwierig zu erklären ist, deshalb muss die rhetra 
selbst unecht sein. Darauf soll ferner auch die einrichtung 
neuer phylen durch Lykurg bei dem Vorhandensein der alten 
dorischen hinweisen. Wenn jede Schwierigkeit der erklärung 
ein argument für die unechtheit der betreffenden stelle sein 
soll, dann hat man allerdings ein sehr bequemes mittel, einen 
jeden bericht, der einer vorgefassten meinung nicht entspricht, 
zu beseitigen. Die identificierung des Knakion mit dem Oinus 
bei Plut. Lyc. 6 hält der verf. für unzuträglich, weil nach den 
neuern topographen der Knakion im Süden der Stadt fliessen 
Philol. Anz. IV. 4 



50 16. Archa'eologie. Nr. 1. 

müsse. Die neuern topographen können doch selbstverständlich 
den Knakion nur nach den angaben der alten Idealisieren und 
wie man dann denselben im süden der Stadt Sparta ansetzen 
kann, während die alten ihn im norden der stadt localisier- 
ten, ist mir unerfindbar. Wenn endlich der verf. glaubt, der 
falscher habe die rhetren aus Tyrtaios entlehnt, so ist das ein- 
fach deshalb unmöglich , weil in der stelle des Tyrtaios (fr. 4. 
Bergk.), wie eine genaue betrachtung ergiebt, die lykurgische 
rhetra und der theopompische zusatz bereits verarbeitet erschei- 
nen und weil aus einer solchen einheitlichen behandlung die 
trennung in zwei verschiedene rhetren ganz unerklärlich sein 
würde. Wenn der verf. glaubt, mit Göttling in dem satze 
übereinstimmen zu können : wer die drei kleinen (rhetren) für 
erfunden hält, muss auch die grössere für erfunden halten, so 
ist das ganz verfehlt. Diese drei rhetren, (Plut. Lyc. 13), un- 
zweifelhaft erflndungen einer späten zeit, werden durch die be- 
zeichnung al y.a%ov(i£vai tgst*; ql^gai (Plut. Ag. 26) als eng 
zusammengehörig bezeichnet und treten dadurch in einen be- 
stimmten gegensatz zu der lykurgischen rhetra und dem theo- 
pompischen zusatz. Dem rec. hat deshalb denn auch diese 
Untersuchung des verf. nur von neuem die Überzeugung befe- 
stigt, dass jede betrachtung der spartanischen Staatsverfassung, 
wenn sie fruchtbringend werden soll, ihren ausgangspunet von 
der lykurgischen rhetra und dem theopompischen zusatz neh- 
men muss. 

16. Der Parthenon, herausgegeben von Ad. Michaelis. 
Atlas in fol., XV taf. Dazu: text, gr. 8. XVI und 370 s. 
Mit einer hülfstafel. Leipzig, Breitkopf und Härtel. 1871. — 
6 thlr. 

Das endliche erscheinen des schon auf der pbilologenversamm- 
lung zu Halle 1867 angezeigten, 0. Jahn gewidmeten buche9, an 
dessen früherer Vollendung der Verfasser leider durch die schmerz- 
lichsten Verluste, die ihn in seiner familie betroffen haben, verhindert 
worden ist, wird gewiss in weiten kreisen freudig begrüsst wer- 
den. Das hauptwerk eines berühmten autors, von dem bis 
jetzt nur bruchstücke und zwar vielfach verdorben, vielfach in 
schlechter Überlieferung bekannt gemacht waren, wird hier zum 
ersten male vollständig und in gutem getreuen texte veröffent- 



Nr. 1. 16. Archaeologie. 51 

liebt, viele stellen die bis dabin gar keine oder böebst mangel- 
hafte erklärung gefunden batten, erhalten im commentar durch 
genauere feststellung des textes oder durch herbeiziehen von 
parallelstellen neues licht , und dadurch ergiebt sich auch für 
das ganze, das man bis dahin gewohnt war als aus einzelnen 
wenig oder gar niebt unter einander zusammenhängenden tbeilen 
bestebend anzuseben, ein neuer ungeahnter Zusammenhang. Und 
war der rühm des autors sebon gross wegen der einzelnen 
theile, wie viel mehr wird er jetzt gefeiert werden wo man er- 
kennt ; dass vom ersten bis zum letzten tbeile seines werkes al- 
les auf ein gemeinsames ziel hinausläuft! Der autor ist Phi- 
dias, sein hauptwerk der Partbenon, die einzelnen tbeile die met- 
open, die giebelfelder, der fries und die goldelfenbeinerne statue. 
Es würde leiebt sein in der spräche der philologischen 
kritik weiter zu reden über jenes buch, in welchem der Verfas- 
ser abgeseben von dem hauptzweck die vielfach zerstreuten und 
meist schlecht publicirten sculpturen des Parthenon zu sammeln 
und zu sichten, zugleich den nebenzweck verfolgt hat, durch ein- 
richtung der tafeln zu zeigen, dass die archäologie, die leider 
nach der meinung noch vieler philologen nur ein tummelfeld 
für unbegründete und unbewiesene vermuthungen ist, an ebenso 
strenge regeln gebunden ist wie nur irgend die pbilologie, 
ja dass für beide zweige der alterthumswissenschaft ganz genau 
dieselben gesetze gelten; ich könnte fortfahren zu reden von 
text und den darunter gestellten Varianten, von conjeeturen und 
ergänzungen früherer bearbeiter u. s. w., wenn es überhaupt der 
zweck dieser zeilen wäre eine genaue eingehende besprechung 
des buebes zu liefern ; doch kann dies unmöglich meine absieht 
sein: einmal weil ich dann den mir gestatteten räum weit über- 
schreiten müsste , dann aber auch weil zu einer genauen Ver- 
knüpfung aller der vielen im „Parthenon" aufgehäuften einzel- 
heiten ein bedeutend längerer zeitraum erforderlich wäre als 
mir jetzt zu geböte steht. Und selbst wenn es einem recen- 
seuten gelänge nachzuweisen, dass ein oder das andre sculptur- 
fragment sich den scharfen bücken des Verfassers entzogen 
habe, oder dass er bei anführung der Zeugnisse eins oder das 
andere übersehen habe, so könnten dies doch nur kaum in be- 
tracht kommende kleinigkeiten sein und würden dem Ver- 
dienste von Michaelis , zuerst die erhaltenen reste gesam- 

4* 



52 16. Archaeologie. Nr. 1, 

melt und dem allgemeinen urtheil zugänglich gemacht zu ha- 
ben , keinen abbruch thun. Nein, es kann nur mein zweck 
sein in kurzen Worten das werk anzuzeigen , plan und einrich- 
tung desselben zu entwickeln und auf das , was für einzelerklä- 
rung und für deutung des ganzen neues vorgebracht wird, hinzu- 
weisen ; gelingt es mir damit die aufmerksamkeit solcher, die sonst 
vielleicht gleichgültig an dem werke vorübergegangen wären, auf 
dasselbe hinzulenken, so ist meiner absieht genüge geschehen. 

Der erste, historische theil handelt von der geschichte des 
Parthenon, von der grundsteinlegung auf dem nur wenig er- 
weiterten unterbau des ehemaligen von den Persern zerstörten 
hekatompedos an durch alle phasen der geschichte hindurch 
bis auf die neueste zeit. Der architektonische theil, wenn auch 
nur kurz, ist doch mit grosser genauigkeit behandelt, nament- 
lich den farbenspuren viel aufmerksamkeit geschenkt. Von ein- 
zelheiten wäre hervorzuheben, dass der name hekatompedos der 
tempelcella zukommt, die mit der westlichen scheidemauer (nach 
dem opisthodom zu) fast genau 100 attische fuss misst *j, wäh- 
rend mit „Parthenon" im eigentlichen sinne nur der unmittel- 
bare räum vor der statue des Phidias bezeichnet wird. Für 
sie wird mit Bötticher, dessen neueste Untersuchungen für den 
architektonischen theil überhaupt zu gründe gelegt sind, als 
aufstellungsplatz ein räum an der westlichen cellawand nachge- 
wiesen, wo zwei mauervorsprünge eine nische bilden ; die wei- 
ter nach osten sich findenden spuren (zu tage liegende Paros- 
quadern), die früher als rest der aufstellung des bildes galten, 
werden mit grosser Wahrscheinlichkeit für ein bema in anspruch 
genommen, von dem aus an den panathenäen die Siegerpreise 
vertheilt wurden. Gitter zwischen den säulen trennten die cella 
in mehre räume die nach ausweis der inschriften zur aufbe- 
wahrung der bei processionen gebrauchten heiligen kostbaren 
geräthe und anderer weibgeschenke benutzt wurden; zwei 
thüren zu beiden seiten der nische führten aus der cella 
in den opisthodom, das schatzhaus der Athener. Ueberhaupt 
war der zweck, als schatzhaus und als aufbewahrungsort der 
heiligen geräthe zu dienen, eine der hauptbestimmungen des 
gebäudes ; es war nicht ein kulttempel , sondern vielmehr mit 

1) Die breite des stylobats, die zufällig auch 100 attische fuss 
beträgt, hat nichts mit dieser benenuung zu schaffen. 



Nr. 1, 16. Archaeologie. 53 

allem seinem inhalt gleichsam ein weihgeschenk der Athener an 
die göttin, der sie den segen des landes und schütz in allen 
gefahren verdankten. Daher auch der schmuck an der statue, 
in den giebelfeldern und metopen darauf berechnet ist, die macht 
der Pallas, sei es im kämpfe mit einem gott um die herrschaft 
des landes, sei es gegen die erdgeborenen Giganten, sei es wo 
sie dem athenischen volke oder einzelnen athenischen helden 
beisteht, zu zeigen. Schön schliesst sich daran der fries, das 
fest der panathenäen darstellend, den dank, den das athenische 
volk seiner göttin bringt. 

Die Schicksale des tempels nach seiner Vollendung, wie er 
unter der habgier der dreissig zu leiden hatte, dann durch Ly- 
curg wieder mit kostbarkeiten angefüllt wurde, seine entwei- 
hung durch Demetrios, seine beraubung durch Lachares, bis zur 
endlichen Zerstörung der statue durch die Christen und zur Um- 
wandlung des tempels in eine kirche der mutter gottes werden 
anschaulich geschildert; die vermuthung dass die entwendung 
des goldenen gewandes durch Lachares nur auf einer falsch 
verstandenen wendung eines komikers ' beruhe, ist sehr wahr- 
scheinlich; denn wie wäre es denkbar, dass der dieb, dem es 
darauf ankommen musste die gestohlenen werthsachen transpor- 
tabel herzurichten, das gewand in einem zustande zurückgelas- 
sen habe, der die Wiederanfügung an die statue erlaubte? 

Von den Umänderungen, die der Parthenon erfuhr, als man 
ihn zur christlichen kirche weihte, ausführlich zu berichten würde 
zu weit führen; nur so viel sei bemerkt, dass die sculpturen 
bis auf eine platte des ostfrieses (die man aber sorgfältig auf- 
hob) an ihrer stelle blieben , dass aber die langseiten des frie- 
ses dadurch, dass das alte dach abgebrochen und durch ein 
kleineres nur bis zur cellamauer reichendes ersetzt wurde, al- 
len einflüssen der Witterung preisgegeben wurden. Diesem um- 
stände vorzüglich ist die grosse Zerstörung, die einzelne platten 
durch abblätterung des marmors getroffen hat, zuzuschreiben. 
Auch die Umwandlung der kirche in eine moschee durch die 
Türken führte wenig Veränderungen herbei; desto mehr die ver- 
hängnissvolle belagerung durch Morosini im jähre 1687; ein 
glück dass wenigstens ein grosser theil der sculpturen durch 
Carrey, den Zeichner des französischen gesandten in Constanti- 
nopel, Nointel, vorher gezeichnet waren! 



54 16. Archaeologie. Nr. 1. 

Die nachherigen Schicksale des terapels nach der Zerstö- 
rung durch die Venetianer lassen sich in wenigen worten zu- 
sammenfassen. Absichtliche Zerstörung durch die Türken und 
Verstümmelung durch die reisenden gehen hand in hand. Da 
kann man das auftreten Elgins nur mit genugthuung begrüssen, 
man kann sich freuen, dass die sculpturen dem sichern verfall 
oder der Verschleppung und Zerstörung entzogen und die haupt- 
stücke wenigstens nach London geschafft wurden. 

Der Verfasser lässt lord Elgin gerechtigkeit widerfahren : 
so wenig die art und weise gebilligt wird , mit welcher theile 
des gebäudes der sculpturen wegen zerstört worden, so sehr 
nimmt er ihn gegen unberechtigte angriffe in schütz 2 ). Und 
wahrlich, wenn man sieht dass auch noch im jähre 1871 die 
sculpturfragmente allen unbilden der Witterung ausgesetzt auf 
der Akropolis herumliegen (das p. 51 erwähnte museum auf 
der bürg ist noch nicht über das unterste Stockwerk hinaufge- 
kommen, und scheint definitiv aufgegeben; ein anderes grösse- 
res museum, das man in der Patissiastrasse einrichten wollte, 
scheint gleichfalls ins stocken gerathen zu sein), kann man nur 
zufrieden sein, dass ein grosser theil dieser meisterwerke schon 
seit langer zeit allen weiteren Zerstörungen entzogen worden. 

Der zweite theil enthält übersieht und kritik der quellen. 
Unbedingte glaubwürdigkeit gebührt natürlich nur den origina- 
len; da wo diese verloren oder zerstört sind, treten zumeist 
gypsabgüsse ein, die, von den originalen in einer zeit genom- 
men, wo diese besser erhalten waren , manches und theilweise 
höchst wichtiges überliefert haben. An dritter stelle folgen die 
Zeichnungen, vor allen die vor der venetianischen belagerung ge- 
machten von Carrey, dem trotz mancherlei versehen, die er sich hat 
zu schulden kommen lassen (er zeichete von unten ohne gerüste), 
doch die grösste glaubwürdigkeit für den inkalt zukommt, wäh- 

2) Ich bemerke hier, dass die englische regierung darauf ausgeht, 
sämmtliche zum Parthenon gehörige fragmente in gypsabgüssen 
zu vereinigen. Im mai dieses Jahres hatte der formatore Martinelli in 
Athen den auftrag erhalten, alle auch die kleinsten fragmente sammt 
allen noch an ort und stelle befindlichen platten abzuformen, so dass 
zu hoffen steht, dass man in kurzer zeit die sämmtlichen sculpturen 
auf das bequemste in London wird studiren können. Die kleinen 
versehen oder auslassungen, die auf den tafeln des vorliegenden Wer- 
kes sich finden, können dann bei einer zweiten aufläge berichtigt 
werden. 



Nr. 1. 16. Archaeologie. 55 

rend er, der schaler Lebruns , den styl des Phidias nicht wie- 
derzugeben wusste. Für einige metopenplatten sind noch die 
Zeichnungen von d'Otiere' s ingenieuren wichtig. Getreuer im 
styl als Carrey, doch dafür nicht frei von willkürlichen Zusä- 
tzen und ergänzungen ist Stuart , um der andern weniger in 
betracht kommenden zu geschweigen. Die tafeln sind demge- 
mäss so angeordnet , dass in hauptstreifen der text , d. h. die 
durch die originale überlieferte gestalt gegeben ist ; wo diese 
uns fehlen oder die bildwerke in gypsen oder Zeichnungen 
besser erhalten sind, werden diese in den text gesetzt, doch 
durch hellere sehraffirung kenntlich gemacht ; die abweichungen 
der anderen Überlieferungen, so weit sie jedesmal von Wichtig- 
keit sind , werden in halber grosse als Varianten unter den 
hauptstreifen gegeben. 

Somit wären wir bei dem atlas und dem theil III des 
textes, dem entschieden wichtigsten theile des buches, bei der 
erklärung der tafeln angelangt. Von den 15 tafeln enthalten 
I und II ansichten und plane vom Parthenon und architekto- 
nisches ; t. III— V die metopen; VI bis VIII die giebelgruppen, 
und IX bis XIV den fries der cella. Taf. XV endlich behan- 
delt die Athena Parthenos. Auf der dem texte zugegebenen hülfs- 
tafel ist eine Zeichnung des westgiebels von Dalton, und eine 
darauf beruhende reconstruction des ganzen giebelfeldes abge- 
bildet. Was die Zeichnungen anbetrifft, so lässt sich sagen dass 
sie mit grosser Sorgfalt ausgeführt sind ; kleinere versehen und 
auslassungen fehlen zwar nicht, sind aber regelmässig im texte 
angemerkt. 

Die erklärung geht vor allen dingen darauf aus nachzu- 
weisen, dass nicht beliebig zusammengewürfelte scenen den 
schmuck des Parthenon bilden , sondern dass alles auf einen 
gesichtspunkt, die Verherrlichung der Athene und damit die 
Verherrlichung ihrer lieblingsstadt hinausgeht. Im ganzen kann 
man sagen, dass dies dem Verfasser gelungen ist; bleiben der 
scenen auch noch viele in den metopen, die einer wahrscheinli- 
chen deutung sich entziehen und wegen ihrer schlechten erhal- 
tung wohl immer entziehen werden, so ist ja der Centauren- 
kampf auf der Südseite (die menschlichen kämpfer sind nicht 
Lapithen, sondern Athener, die unter Theseus dem Peirithous 
zu hülfe kommen) nicht angezweifelt; der Gigantenkampf und 



56 15. Archa eologie. Nr. 1. 

der gegen die Amazonen auf ost- und Westseite scheinen sicher 
und eine scene wenigstens auf der nordseite 3 ) wird, glaube ich, 
mit recht auf die Zerstörung Troja's bezogen, an der die Athe- 
ner nicht verabsäumt hatten, durch die söhne des Theseus ihren 
antheil sich zu sichern. Ob der Verfasser mit recht annimmt, 
dass auf süd - und nordseite metopen mit andern darstellungen 
zwischen die fortlaufende scene eingeschoben sind, nur um die 
lange reihe gleichartiger darstellungen zu unterbrechen , lasse 
ich dahingestellt; äusserliche umstände könnten ebenso gut 
schuld daran gewesen sein, ohne dass deshalb der rühm des 
künstlers verringert würde. 

Bei den giebelfeldern verwahrt sich der Verfasser gegen 
die neuesten annahmen Böttichers, der gegen allen augenschein 
und gegen die Überlieferung den torso der Nike (taf. VI n. 
14, I) aus dem ostgiebel in den westgiebel versetzt, ebenso 
wie gegen die einmischung der Minerva Medici. Die figuren des 
ostgiebels werden von ihm genannt: Helios, die liegende figur 4 ) 
Dionysos (?) , dann Persephone (?), Demeter (?) , Iris, weiter auf 
der rechten seite Prometheus (?), Nike, Pandrosos (?), Thalia (?), 
Karpo(?), Selene, die des westgiebels Kephisos, (Morea?), Askle- 
pios, Hygieia, — Demeter, Iakchos, Köre, Nike, Hermes, Athena, 
Poseidon (hippokampen), Nereide, Amphitrite, Palaimon, Leuco- 
thea, Eros, Aphrodite, Thalassa, Nereide, Ilissos, Kalirrhoe. 

Der fries wird hingestellt als eine ideale darstellung des 
panathenaeenfestes. Der künstler hatte nicht nöthig allen die 
festkränze aufzusetzen; einige genügten (und diese sind vor- 
handen), um bei allen gleiche bekränzung annehmen zu lassen. 
Der zug bewegte sich nach zwei Seiten hin, nicht der Wirklich- 
keit entsprechend, sondern aus künstlerischen gründen wegen 
der anordnung um den tempel; auf der ostseite, als im tempel 
sitzend zu denken, erwarten die götter den zug, als solche deut- 
lich bezeichnet durch die gegenwart der Nike und des Eros, 
unsichtbar thronend ; zwischen ihnen die priesterin der Polias 
und der Schatzmeister, jene beschäftigt stuhle mit polstern von 
den zuerst angekommenen der procession in empfang zu neh- 

3) Metope XXIV und XXV. Mehrfach wird es wahrscheinlich 
gemacht dass zwei auf einander folgende metopen zu einer scene ge- 
hören. 

4) Die fragezeichen hat Michaelis selbst dazugesetzt. 



Nr. 1. 16. 17. Archaeologie. 57 

men, dieser im begriff den ihm überreichten peplos, das ge- 
schenk an die göttiu, zu falten. Mit recht wird Böttichers Übungs- 
marsch zurückgewiesen ; die sitzenden götter werden der reihe 
nach links von der mittelgruppe als Hermes, Dionysos, Deme- 
ter, Triptolemos, Nike, Hera, Zeus, die rechte als Athena, He- 
phaistos, Poseidoü, Apollon, Patroos, Peitho, Aphrodite, Eros 
bezeichnet. 

Der erläuterung von taf. XV geht eine Sammlung aller 
auf die Parthenos bezüglichen stellen voraus; darnach wird die 
statue reconstruirt ; die auf jene statue zurückgehenden statuen, 
reliefs und münzen finden sich auf taf. XV in grosser Vollstän- 
digkeit abgebildet. 

Nicht wenig mühe hat der Verfasser auch auf die beigege- 
benen anhänge verwandt, die die inschriften über den bau des 
Parthenon, die Schatzverzeichnisse und nachrichten über restau- 
ration (vgl. zu anh. I, 2 noch nachtrage, p. 366) möglichst 
vollständig geben; nicht weniger verdienstvoll ist eine neue Zu- 
sammenstellung aller auf panathenäen, agone, festzüge und opfer 
bezüglichen stellen, und der HI und IV. anhang: „Aeltere be- 
richte über den Parthenon bis 1688", und „aktenstücke über 
Elgins erwerbungen'', werden nicht weniger beifall finden. Ein 
vollständiges register macht den schluss. 

So kann denn dies buch „der Parthenon" allen freunden 
der alten kunst auf das wärmste empfohlen werden. Nament- 
lich steht zu hoffen dass alle Schulbibliotheken nicht versäu- 
men werden dies werk anzuschaffen , zur anregung und beleh- 
rung für lehrer und schüler. 

R. E. 

17. Griechische kunstmythologie von J. verbeck. Be- 
sonderer theil. Erster band. Erstes buch: Zeus. (Mit 14 li- 
thographirten tafeln und 17 holzschnitten). Leipzig, verlag von 
Wilhelm Engelmann, 1871. — 6 thlr. 

Dass eine neue kunstmythologie ein bedürfniss für die ar- 
chäologische weit ist, weiss jeder, der sich mit dem handbuche 
von Otfried Müller — bisher dem einzigen buche dieser art — 
auch nur einigermassen vertraut gemacht hat. So verdienstlich 
die in demselben enthaltene Zusammenstellung für ihre zeit auch 
war, bei der jetzt riesenhaft angeschwollenen menge des Stoffes 



58 17. Archaeologie. Nr, 1. 

kann Müllers arbeit nicht länger genügen. Dass seit vierund- 
zwanzig jähren kein neuer versuch gemacht worden ist, die ge- 
sammten resultate jener Wissenschaft systematisch zu verarbei- 
ten, erklärt sich wohl hauptsächlich aus der Schwierigkeit und 
mühseligkeit des Unternehmens. Um so verdienstlicher ist der 
entschluss Overbecks , die lange reihe seiner archäologischen 
arbeiten durch ein solches werk zu krönen. Bis jetzt liegt ein 
stattlicher band von 600 selten vor, ausschliesslich die auf Zeus 
bezüglichen denkmäler behandelnd; der zweite band, Hera, Po- 
seidon und Demeter umfassend, soll bald nachfolgen. 

Overbecks arbeit bietet, wie dies die sache mit sich bringt, 
neben den speciell kunstmythologischen auch kunsthistorische 
erläuterungen , und es entspricht dieses verhältniss eben nur 
demjenigen , welches im alterthume selbst zwischen mythologie 
und kunst obwaltete. So dankenswerth es nun auch ist, dass 
der Verfasser seinem buche eine historische Übersicht der künst- 
lerischen entwicklung der gestalt des Zeus vorausgeschickt hat, 
so will es uns doch bedünken , als ob bei besprechung der 
einzelnen denkmäler, die doch meistens nur von mittelmässigem 
werthe sind, die ästhetische beurtheilung noch mehr, als es ge- 
schehen ist, hätte in den hintergrund treten können. — Bei 
der anordnung des Stoffes, der classificirung der einzelnen Zeus- 
darstellungen ist Overbeck nicht, wie man vielleicht erwarten 
möchte, von religiösen gesichtspunkten ausgegangen, sondern 
hauptsächlich von äusserlichen formalen kriterien, Verschieden- 
heiten der bekleidung, der Stellung und dergleichen. Es ent- 
spricht aber dieses verfahren durchaus dem gegenwärtigen Stand- 
punkte der Wissenschaft, die sich bisher allerdings sehr ausge- 
breitet, aber nicht in gleichem masse vertieft hat. Ob es je- 
mals gelingen wird, mit der nöthigen Sicherheit die verschiede- 
nen kultusgestaltungen des Zeus und der andern götter auch 
im bilde nachzuweisen und die kunstmythologie zu der wün- 
schenswerthen wissenschaftlichen höhe zu erheben, darüber mö- 
gen die ansichten verschieden sein. Aber dass nach diesem 
ziele gestrebt werden muss, wenn die kunstmythologie anders 
ihrer aufgäbe gerecht werden will, dürfte wohl niemand leugnen, 
und Overbecks buch wird hoffentlich einen nachhaltigen anstoss 
zu grösserer Vertiefung der kunstmythologischen Studien geben. 
Die beigefügten abbildungen, vorzugsweise müuzen und ge- 



Nr. 1. 17. Archaeologie, — Theses, 59 

schnittene steine darstellend, zeichnen sich durch genauigkeit 
und charakteristische auffassung vor vielen andern vortheilhaft 
aus, und erwecken ein sehr günstiges vorurtheil für den ver- 
sprochenen atlas der kunstmytkologie, der die grösseren werke 
(statuen, büsten, reliefs u. dergl.) umfassen soll. Hoffentlich 
wird dieses unternehmen nicht an financiellen Schwierigkeiten 
scheitern. Wie freilich die Verhältnisse in Deutschland liegen, 
ist es sehr wahrscheinlich, dass das unerwünschte geschieht, da 
es den freunden der kunstwissenschaft meistens an den mittein 
zur anschaffung kostspieliger werke fehlt, und den bemittelten 
meistens an interesse. Den letzteren ist daraus auch kai;m ein 
Vorwurf zu machen ; denn wie sollen sie sich für eine sache in- 
teressiren , von der sie in der schule nicht einmal den namen 
gehört haben ? So lange unsere gymnasien die künstlerische 
seite des alterthums gänzlich unberücksichtigt lassen und sich 
fast ausschliesslich mit grammatik und phraseologie beschäftigen, 
so lange muss auch die kunstwissenschaft auf jede theilnahme 
von Seiten des grösseren publikums verzichten. 

L. G. 

THESES quas . . in universitate Fridericia Gruilelmia Ehe- 
nana . . . d. XVI m. Decemb. a. MDCCCLXXI , . in publico 
defendet Georg. Kaibel: I. Diogenem Sinopensem cynicum 
comicus nescioquis cavillatur apud Iulian. or. VI, p. 105 B. Sp. 
versibus hisce leviter immutatis : 

anoXiq uoixog naTQidoq laxsoriiiivoq, 

ovx oßoXov ov doa%[ir]v fywv ovd* oixhqv, 

aXk ovSe (id£av. 
cod. ovx oßoXov ov doayjiriv ovx olxhrjv h'%u)v. Deridet autem 
comicus tragici cuiusdam verba ap. Laert. D. VI, 38 (coli. Ael. 
V. H. HI, 29); — II. Pomponii comici vv. 21 sq. Ribb. sie 
in duas personas dispertiendi : 

immo mane, 

non esuribis diutius! — Qua re? — rogas? 
(Nonii codd. roga.) coli. Terent. Andr. 909 ; — III. Arist. 
Pac. 1220 M. scripsit: xqsTttov yao bnovv (codd. w ruv) lanv 
i} firiötv laßelv coli. Demosth. XX, 16 ; — IV. Valerius Mar- 
cellinus (Capit. vit. Max. et Ball. IV, 5) et Fabius Marcellinus 
(Vopisc. Prob. 11, 7 coli. Lamprid. Alex. Sev. 48, 6) duo 
unius hominis nomina sunt ; — V. Arist. Eccles. 69 spurius 
coli. vs. 25; — VI. Herodes Atticus a. 115 Athenis archon 
fuit eponymus; — VII. Arist. Eccles. 72 scribendum: iifiiXg de 
xi <jpaV; — s'xovcif' xavarevovat yuq. (codd. ri (fdre; (paaC)] —■% 



60 Neue auflagen und Schulbücher. — - Bibliographie. Nr. 1. 

VIII. Varron. Atac. Argon. III. fr. 2 ed. R. prirao libro vindico; 
■ — IX. Arist. Plut. 184 sq. emblema sunt; — X. Anth. Pal. 
VII, 18 Leonidae Tarentini est; — XL Statuae, quam Lolliano 
sophistae Phjlostr. V, 5. 1, 23 in foro Atheniensi positam re- 
fert, epigramma superest in Ephem. arcb. 53; — XII. Adde 
lexicis substantivum to epyog ex tit. ap. Le Bas. part. V, p. 
205 n. 640 [An. PrE02) et ibid. p. 428 n. 1720: egysai aal 
Gocpiq. Utrumque temere mutavit Waddington. 

NEUE AUFLAGEN. 18. Homer's Odyssee erklärt von J. 
H. Faesi. Dritter bd., gesang XVII— XXIV. Fünfte aufläge 
besorgt von W. C. Kayser. 8. Berlin. Weidmann. 1871; 15 
ngr. — 19. Sophokles. Erklärt von F. W. Schneidewin. Er- 
stes bändeben. Allgemeine einleitung. Aias. Sechste aufläge 
besorgt von A. Nauck. 8. Berlin. Weidmann. 1871; 12 gr. 
— 20. T. Lucretii Cari de rerum natura libri sex. Gar. Lach- 
mannus recensuit. Editio quarta. 8. Berol. G. Reimer. 
1871; 1 thlr. 10 gr. — 21. Kühner ausführliche grammatik 
der griechischen spräche. 2. thl. 2. abth. 8. Hannover. Hahn ; 
2 thlr. 10 gr. — „22. J. Scherr, allgemeine geschichte der 
literatur. 4. aufl. 2. Ifg. 8. Stuttgart. Conradi, ä 8 ngr. — 
23. H. Göll, kulturbilder aus Hellas und Rom. 2. aufl. 3. bd. 
8. Leipzig. Hartknoch; a 1 thlr. 6 gr. — 24. G. F. Puchta, 
Institutionen. 2. bd. 7. aufl. besorgt von F. A. Rudorff. 8. 
Leipzig. Breitk. u. Härtel; 3 thlr. 15 gr. — 25. H. Allmers, 
römische schlendertage. 3. aufl. 8. Oldenburg. Schulze ; 1 thlr. 
26 ngr. 

NEUE SCHULBUECHER. 26.27. Freund's schülerbi- 
bliothek. 1. abth. Präparationen zu den griechischen und latei- 
nischen schulklassikern. Präparation zu Xenophons Memora- 
bilien. 2. heft. 16. Leipzig. Violet; 5 ngr. — 28. E. Ber- 
ger griechische grammatik für den Unterricht auf gymnasien 
nebst einem anhange vom homerischen dialekt. 8. Berlin. G. 
Reimer. 1871; 20 gr. — 29. P. D. Ch. Hennings elemen- 
tarbuch zu der lateinischen grammatik von Ellendt - Seyffert. 
1. abthl. für Sexta. 2. aufl. 8. Kiel. Homann; 8 ngr. 

BIBLIOGRAPHIE. Unter neuern erscheinungen nicht 
streng philologischen inhalts bemerken wir ausser den fortsetzun- 
gen von Spinoza's und Kant's werken, s. Phil. Anz. III, nr. 
8, p. 417, Sanctorum Patrum opuscula sclecta. Ed. H. Hurter. 
Vol. XVI. Augustini enchiridion ad Laurentium et Fulgentii de fide. 
16. Insbruck, Wagner; 9 ngr. — R. Reif f er scheid, biblio- 
theca patrum latinorum italica. 2. Ed. 2. hft. IV. Die biblio- 
theken Piemonts. 8. Wien. Gerold's s. ; 26 ngr. — Aus- 



Nr. 1. Kleine philologische zeitung. 61 

wähl aus den kleinen Schriften von Jacob Grimm. 8. Ber- 
lin. Dümmler; 1 thlr. 10 ngr. 

Georg Reimer versendet: Ephemeris epigraphica, heft 1, 
deren titel unter p. 62 genauer angegeben: er sagt auf dem 
Umschlag, es sei das unternehmen hervorgerufen durch den 
wünsch, das unter der autorität der berliner academie der Wis- 
senschaften herausgegebene Corpus inscriptionum Latinarum nicht 
veralten, sondern von den neu aufgefundenen inschriften die 
wichtigsten so bald als möglich veröffentlichen zu lassen: 
deshalb sollen jährlich vier hefte zu 4 — 5 bogen erscheinen, 
in denen, gestattet es der räum , auf dem gebiete der epigra- 
phik sich bewegende Untersuchungen mitgetheilt werden sollen; 
der preis des bandes beträgt 2 thlr. — Die Meyer' sehe hof- 
buchhandlung in Detmold bietet A. Fr. Pott's Etymologische 
forschungen auf dem gebiete der indo - germanischen sprachen, 
bd. 1 — 3. 2. aufl. in völlig neuer Umarbeitung zu dem ermä- 
ssigten preise von 25 thlrn. an. 

Cataloge von antiquaren: antiquarischer anzeiger von Felix 
Schneider in Basel, nr. 21; XXIX. catalog einer auswahl 
von werthvollen, seltenen und grösseren werken aus allen Wis- 
senschaften, vorräthig auf dem antiquarischen lager von Max 
Cohen und söhne in Bonn; Köhler's in Leipzig Antiquari- 
sche Anzeigehefte nr. 228 auetores graeci et latini } nr. 229 ver- 
mischte Schriften und Zeitschriften, geschichte u. s. w. enthal- 
tend, Leipzig. 1872. 

Nuovo Catalogo di libri rari e di occasione vendibili presso 
Detken e Rocholl. IX. Napoli, piazza del plebiscito. 1871. 

KLEINE PHILOLOGISCHE ZEITUNG. Das „Journal 
für buchdruckerkunst'' brachte nach dem Börsenblatt 1871, 
nr. 287 die nachricht, dass der kronprinz des deutschen reichs 
die buchdruckerkunst erlernt habe. Auf desfalsige anfrage bei 
der privateanzlei sr. königlichen hoheit erfolgte die rückantwort, 
dass die angäbe des Journals auf Wahrheit beruhe. Somit steht 
jetzt für die buchdrucker fest , dass der künftige kaiser des 
deutschen reichs „einer der ihrigen" ist: mögen sie sich der 
ehre würdig zeigen ! 

Das zu St. Petersburg am 8. dec. 1871 begangene fest 
des Ordens des heiligen märtyrers und siegbringers Georg wird 
genau beschrieben vom Staats-Anz. 1871 n. 193, 2te beilage. 

Sehr beachtenswerth erscheint die thätigkeit, welche in 
Oesterreich die gelehrten, denen die schulfrage am herzen liegt, 
auch in Zeitungen entwickeln. So hat die in Wien erscheinende 
„Deutsche Zeitung" eine eigne rubrik unter dem titel „Un- 
terrichts-Zeitung " eingerichtet , ein unsern Zeitungen höchst em- 
pfehlenswerther Vorgang. In nr. 2 vom 18. december findet 
sich ein äusserst lesenswerther aufsatz von Wihelm Hartel 



62 Kleine philologische zeitung. Nr. 1» 

„die österreichischen gymnasien" tiberschrieben, der offen eine 
menge mängel, von deren gar manchem auch wir leiden , und 
kenntnissreich bekämpft. Dieselbe nummer enthält ferner einen 
aufsatz: „mangel an schulen in Wien", der auch auf grössere 
Städte bei uns passt, eine sehr hübsch geschriebene anzeige von 
Trendelenburg' s Kleinen Schriften, mit besonderm anschlusse 
an dessen rede ,,die übernommene aufgäbe unsrer Universitäten". 
Wir wünschen diesen anstrengungen besten erfolg. 

Wie wenig und wie oberflächlich unsre tagesblätter die 
wichtigsten ereignisse der gegenwart beachten , zeigt das still- 
schweigen über die Veränderungen, welche Ungarn im Schul- 
wesen macht. Die Oesterreicher nämlich sprechen offen aus, 
dass dadurch , dass die schulanstalten in Ungarn mit einem 
schlage auf eine neue basis gestellt seien, eine unüberbrückbare 
kluft zwischen West- und Ostösterreich geschaffen worden, ein 
riss tiefer und nachhaltiger, als sich durch den politischen dua- 
lismus allein hätte herausbilden können. Man sieht hieran, wie 
man die macht der volkserziehung dort erkannt hat und wie 
eifrig die Ungarn ihre plane verfolgen. Es kann und darf uns 
das nicht gleichgültig sein. 

In dem Preuss. Staats. -Anz. 1871 n. 193 lte beil. p. 
3912 und nr. 200, p. 4085 liegen aus dem Athenäum nähere 
mittheilungen über die von J. T. Wood geleiteten ausgrabun- 
gen in Ephesos vor. Schon vor zwei jähren stiess Wood auf 
die von Augustus errichtete mauer, deren vier inschriften diese 
mauer als die bezeichneten , welche den tempel der Diana und 
das Augusteum umschloss. Man verfolgte die mauer mehre 
hundert fuss weit und stellte innerhalb des heiligen weichbildes 
mehre versuchsnachgrabungen an, wobei man das pflaster des 
tempels so wie stücke von weissen marmorsäulen und zwei ca- 
pitäle von kolossalen dimensionen fand. Später fand man die 
aus dem fussgestell und dem untern theile bestehenden Über- 
reste einer der äussern säulen, die 6 fuss 4 z. im durchmesser 
hatte. Das fussgestell scheint roth gewesen. Die ausgrabun- 
gen werden fortgesetzt und Wood hofft in einem werke über sie 
die noch bestehendeu controversen über den bau des tempels der 
Diana lösen zu können, da im laufe des december eine anzahl 
der erfahrensten Unteroffiziere des königlichen genie-corps zu 
Chatham nach Ephesus abgegangen sind , um die arbeiten zur 
freilegung des tempels der Diana zu leiten und zu überwachen. 
Vom sultan ist die erlaubniss zur vornähme dieser mit gro- 
sser anstrengung fortgesetzten ausgrabungen erwirkt worden. 

Eine neue Zeitschrift kommt uns von Berlin zu: Ephemeris 
epigraphica, corporis inswiptiomim latinarum Svpplcmentum. Edita 
jussu instituti Archaeologici Romani. MDCCCLXXII. Fasciculus pri- 
mus. Venu Romae apud intstitutum, Bcrolini apud Georgium Reimerum. 
1871. gr. 8; der erfreuliche aufschwuug, den die epigraphik 



Nr. 1. Kleine philologische zeitung. 63 

bei uns genommen, erklärt dies unternehmen, dem wir bestes 
gedeihen wünschen : aber warum von Berlin aus nicht ein unter- 
nehmen für die griechischen inschrifteu begründen, da diese 
doch bedeutenderes interesse zu bieten pflegen? 

Das immer von neuem wieder auftauchende gerücht, die 
Universität Kiel solle nach Hamburg verlegt werden, scheint 
jetzt seine bestimmte Widerlegung gefunden zu haben, indem 
nach der Voss. Ztg. definitiv beschlossen ist, ein würdiges, neues 
Universitätsgebäude im schlossgarten zu Kiel unter leitung des 
prof. Gropius aufzuführen. Es ist übrigens ein trauriges zeug- 
niss für die gedankenlosigkeit , mit welcher das grosse publicum 
die Universität betreffende fragen behandelt, dass als ausgemachte 
Wahrheit gilt, Verlegung einer Universität in eine grosse Stadt sei 
ohne weiteres ein fortschritt und gewinn. Jeder , der die Ver- 
hältnisse kennt, wird im gegentheil der meinung sein, dass 
solche Verlegung nicht zum besten der deutschen Wissenschaft 
gereicht ; Berlin wie München liefern dafür die schlagendsten 
beweise, da sie den erwartungen , welche man für die Wissen- 
schaft und die erziehung der jugend bei ihrer gründung hegte, 
auch nicht im entferntesten entsprochen haben. 

In Phokäa am aegeischen meere und nicht weit von der 
nordseite des golfs von Smyrna ist ein Bas - relief gefunden, was 
der besten zeit der griechischen kunst anzugehören scheint. Es 
stellt einen hahn in streitbarer Stellung dar , worin ein gelehr- 
ter zu Smyrna das Sinnbild der alten Phokäer erblicken will. 
(Augsb. Allg. Ztg. 1872, nr. 2). 

AUSZUEGE aus Zeitschriften : Augsburger allgemeine zeitung, 1871, 
nr. 350 : das Braunsberger gymnasium : klage den religionsunterricht 
betreffend. — Beil. zu nr. 350: ausgrabungen auf der ebene von 
Troja (IV), von Dr H. Schliemann; auf die alte Troia ist er noch 
nicht gekommen und zweifelt, ob sie da, wo er gräbt, gelegen: mit- 
getheilt wird eine unlesbare inschrift. — Auss. beil. zu nr. 353 : re- 
gierung und kirehe in Ungarn. — Nr. 354: zur Braunsberger schul- 
frage. — Nr. 355: die Universität zu Strassburg. — Beil. zu nr. 355: 
die ältesten denkmäler Armeniens. — Auss. beil. zu nr. 356: die 
dreitägige debatte über die schulirage in Bern. — Nr. 359: Bern- 
hurd Schmidt das Volksleben der Neugriechen und das hellenische alter- 
thurn bd. I : lobende anzeige. — Festsitzung des Instituts für archäolo- 
gische correspondenz: wichtig wegen angaben über neue ausgrabun 
gen. — Nr. 36 1 : die Braunsberger angelegenheit. — Nr. 363 : die antrage 
zum etat des cultusministeriums in Berlin. — Universitäts- comniis- 
sion in Strassburg. — Beil. zu nr. 363: Zeuss , keltische grammatik 
in neuer bearbeitung. — Studentische sitten vor drei Jahrhunderten. 
— O. Keller's forschungen über das Oehringen der Bömerzeit. — 
Beil. zu nr. 364: L. Friedländer 's darstellungen aus der Sittenge- 
schichte Roms. Dritter bd.: anzeige. — Beil. zu nr. 365: ein ge- 
retteter dichter des 12. Jahrhunderts : bezieht sich auf 2 J a?inenborg's 
abhandlung über den Ligurinus: man vrgl. Philol. Anz. II, nr. 5, p. 
266 flg.: die anzeige ist von dem leider jüngst verstorbenen Dr Co- 
hen, der noch eine reihe verwandter anzeigen folgen sollten. 



64 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 1. 

1872, nr. 1: die jüngsten alterthumsfunde in der umgegend von 
Bologna: der aufsatz bezieht sich erstens auf das werk von Ant. 
Zannoni , sugli scavi della Certosa. Bologne. 1871 — es ist eine 
ganze nekropole, wahrscheinlich die eines theils der alten stadt Fel- 
sina und aus dem dritten jahrh. v. Chr. stammend gefunden, — und zwei- 
tens auf zwei Schriften des grafen Giov. Go zzadini, di uri antica 
necropoli a Marzaboito nel Bolognese, Bologna , 1 865 und Di ulteriori 
scoperte neu' antica necropoli ä Marzabotto, ib. 1870. — Beil. zu nr. 
2: die debatte über den cultus- und unterrichtsetat im abgeordneten- 
haus zu Pesth. 

Ephemeris epigraphica, corporis inscriptiouum latinarum supple- 
nientum , edita jussu instituti archaeologici Romani. MDCCCLXXEI. 
Fasciculus I. Venit Romae apud institutum, Berolini apud Georgium 
Reimerum : p. 1 — 6 kurzes von Gail. Henzen und J. Bart, de Rossi 
zu Rom, Th. Mommsen zu Berlin, Gust. Willmanns zu Dorpat unter- 
zeichnetes vorwort, worin das sup. p. 61. 62 mitgetheilte ausführlicher 
gesagt wird; p. 7 — 32, additamenta ad corporis volumen I. Ad in- 
scriptiones bello Hannibalico anteriores , von G. Wilmanns , meistens 
schon bekannte: darunter 12 die aus Präneste: dabei sind ab und zu 
bemerkungen von Th. Mommsen eingeschoben, in denen tbeils frühere 
ansichten zurückgenommen, theils verbessert, theils neue beitrage 
zur erklärung der inschriften gegeben werden, wie p. 17. 18 über 
namen der männer wie frauen. — P. 33 — 41: additamenta ad Fastos 
anni iuliani, von Th. Mommsen, mit einem kurzen vorwort die neuer- 
dings gefundenen akten der fratres arvales , in gewöhnlicher Schrift: 
sie ergänzen C. J. I, p. 293 — 412. — P. 42—43: additamenta ad fa- 
stos co?isulares, aus Hermes V, p. 379. — P. 44 — 48 : additamenta ad 
Corporis vol. II, von A. Hiibner , spanische inschriften, — P. 49 — 
54 : additamenta ad corporis vol. IV, von R. Zangemeister .• meist 
schon publicirtes : dabei wichtige nachtrage ; den schluss bildet ein 
distichon: lectum a nie Romae in montis Palatini parietinis hoc: 
OMNIA FORMONSIS CVPIO DONARII PVIILLIS 
S1IT MIHI DU POPVLO NVLLA 
PVLILLA PLAC1IT 
P. 55 — 80: Observationes epigraphicae , von Th. Mommsen; I. Ursus 
togatus vitrea qui primus pila mit besonderin bezug auf Bücheler's Anth. 
epigr. specimen (s. Phil. Anz. II, heft I, p. 17) ; II. De Juniis Sila?iis, 
mit einem stemma; p. 57, III. de Jide Leonhardi Gutenstenii, p. 67: 
die art seiner interpolation wird sicher bestimmt; IV. Grammatica ex 
actis Arvalium, p. 77, von Th. Mommsen : nach allgemeinen, sehr be- 
achtenswerthen bemerkungen über die anwendung und benutzung der 
lateinischen inschriften — sie sind ganz anders zu behandeln als die 
griechischen — werden die jetzt mehr als 200 (von den letzten jäh- 
ren des Augustus bis auf Gordian) umfassenden akten der fratres 
Arvales als besonders lehrreich für Orthographie und grammatik an- 
gegeben und bemerkungen über die Schreibung von collega, collegium, 
dann über den gebrauch von suns mitgetheilt. 

Fichte, Ulrici und Wirth, Zeitschrift für philosophie und philoso- 
phische kritik; neue folge, bd. LX, heft 1, 1872: p. 1—38, H. Sie- 
beck, die lehre des Aristoteles von dem leben und der beseelung des 
Universum. — Folgen recensionen, darunter von F. Brentano über 
Fr. F. Kampe die erkenntnisstheorie des Aristoteles, p. 81. 

Peizholdt, neuer anzeiger für bibliographie und bibliothekswis- 
senschaft, 1871, heft 12: Dr Pichler und der St. Petersburger bücher- 
diebstahl. — Zweite beispiehsanimlung aus der französischen kriegs- 
literatur (schluss). — Allgemeine bibliographie. 



Kr. 2. Februar 1872. 

Philologischer Anzeiger, 

Herausgegeben als ergänzung des Philologus 

von 

Ernst von Leutsch. 



30. Index lectionum in univers. litter. Vratislaviensi per 
aestatem anni MDCCCLXX a. d. XXV april. habendarum. In- 
est locus Piatonis (Conv. p. 182 sq.) enarratus et eraendatus a 
Martin o Hertz. 4. Vratisl. — 10 pp. 

Hertz bebandelt in diesem proömium eine der vielversuch- 
testen stellen des Symposion. Indem er den text von Jabn 
zu gründe legt, bekennt er sich zunächst an der stelle: u h t ig 
joXftcärj noitiv ä).V otiovv dia/.cav xui ßovlöftsvog dianQit^anOui 
nXtjP toi to \<(i\()GO(\Ca*.\ ra {ity/aza y.ai)T70i^ uv oi'sidr] , nicht 
für die ansieht des herausgebers , der q>iloffO(piag als glossem 
ansieht und darin dem Vorgang von Schleiermacher, Bekker, 
Zeller, Prantl, ßaiter, Vögelin und Lehrs folgt, welche die weg- 
lassung des wortes theils mit theils ohne argnmeute vollzogen 
haben. Hertz ist der ansieht, dass die bisherigen Übersetzun- 
gen oder Interpretationen wenigstens so viel erreicht haben, 
dass es besser als früher in den gedankenzusammenhang passt, 
aber dass keiner durch seine erklärung das wort dem gedan- 
ken ganz habe anpassen können (p. 5 narn ut plane zVs, quae iure 
h. I. expectes, vocabulum hoc responderet , nemo effecit). Auch sei 
es nicht einmal allen geglückt, den nachweis zu führen, dass 
der inbalt, der ihrer meinung nach darin liegen soll, wirklich 
dahinter steckt. Z. b. führt er den versuch von Ast an, der 
übersetzt : ,,ohne den grössten Vorwurf der philosophie davon- 
zutragen", in der anmerkung aber erklärt : d. h. so, dass jeder 
gesittete und gebildete ihm den Vorwurf darüber machen würde". 
Auch die zweite WolPsche ausgäbe fasst das wort im weiteren 
sinne, und ebenso will es Stallbaum uubedingt konserviren, ob- 
schon seine gründe nicht stichhaltig sind. Selbst wenn (filo- 
aoqiu hier so viel bedeuten könne, als weiter unten naibtvaig 
Philo!. Anz. IV. 5 



66 30. Piaton. Nr. 2. 

und Gorpfu (p. 184 D), so würde es doch nicht hier passen, 
wie Vögelin und Schleiermacher richtig eingesehen hätten. Auch 
Hommel, Hirschig und Teufel hätten es vorgezogen (pdoGocpCag 
als glossem auszuscheiden. Hertz nimmt schliesslich nicht ein 
glossem , sondern eine korruption des vorhandenen textes an. 
Sowohl Zeller, der roviov für jovto und tptXoGotpluv für (fiXo- 
üocpiuq, als auch Teufel, der zeitweilig fpiXoiijxiug vorgeschlagen 
habe, seien von ihren versuchen zurückgekommen. Ersterer 
habe auch die vermuthung von o.cpiXooocfiug (mit vergleiclmng 
von Rep. IH, p. 403 B) wieder aufgegeben. Endlich seien 
vorschlage, wie (pXvagfu von Creuzer und (pXr t vaofa von Schenkl, 
aber nur mit vorbehält gemacht und könnten ebensowenig als 
das gezwungene itjg uiomug von Rückert , (pi'Xoig ocp&tfg von 
Badkam oder die schon von Zeller wiederlegte konjektur C. 
F. Hermann's nlijv (tovto) oder nXqv roviov tpiXiug zur lösung 
der Schwierigkeit beitragen. Der verf. selbst glaubt yilonovlug 
lesen zu müssen , weil erstlich tptXoGotpiag kurz vorhergehe 
(182 B), woher die Verwechselung seitens der abschreiber er- 
klärlich sei und weil zweitens dieses wort dem geforderten sinn 
am meisten entspreche. Indessen sind die beweismittel, welche 
der verf. zur empfehlnng seiner emendation verwendet, für mich 
nicht schlagend und überzeugend genug. Denn trotz des ci- 
tates aus Alcib. I, p. 122 C, wo unter den hervorragenden 
eigenschaften der Spartaner die yiXonovkt neben der cpiXoreixia 
und rpiXonfiCa glänzt, ist doch bis jetzt noch aus keiner stelle 
erwiesen , dass Plato den ausdruck in malam partem gefasst 
habe. Ausserdem spricht die aus den bqoi IIXut. p. 412 C. 
citirte definition der <ptXonov(a als einer e£ig ujiokXiGtixj] , ov 
uv itQOfX)]iui, xuoreolu ixovGiog, e%ig uStußXtjwg ngbg novor, eher 
gegen als für die ansieht des Verfassers. In den Piaton. Stu- 
dien von Vermehren (p. 55) findet sich endlich noch der Vor- 
schlag (piXeoaoTiuc, ist aber schon von Peipers im Piniol. Anz. 
IH, 7, p. 376 zurückgewiesen. Es ist nun die frage, ob man 
einfach zur annähme des glossems zurückgehen müsse oder ob 
es sich der mühe lohne, noch einen andern weg einzuschlagen. 
Versuchen wir das letztere und gehen wir zunächst von der 
erkenntniss der thatsache aus, dass die rede des Pausanias für 
die des Socrates propädeutischen werth hat , dass sie einzelne 
züge, wenn auch nur flüchtig enthält, die in der nachfolgenden 



Nr. 2. 30. Piaton. 67 

rede des Socrates alle berücksichtigung finden. Schon des Pau- 
sanias rede gebt darauf aus , neben der sinnlichen seite der 
kuabenlifbe eine ideale nachzuweisen und die letztere als die 
wahre und berechtigte und von dem gesetz geheiligte darzu- 
stellen, gleicliwie die rede des Socrates die liebe zur gestalten- 
scbönbeit (tu tn tl'd'ti xakov p. 210 A) nur als Vorstufe der 
liebe des absolut schönen, der idee , gefasst wissen will. Also 
von vornherein soll auch den mit Sinnlichkeit behafteten be- 
strebungen vorschweben der höhere, der philosophische zweck. 
Das Vorgefühl oder die ahnung von dieser sokratischen er- 
kenntniss prägt sich meiner ansieht nach in den spätem worten 
des Pausanias aus, nämlich p. 184 C: de! 6rj iw vofjoj tovtü) 
%v[ißaliXv dg iuvtc , tov ts nioi ir t v nuidtouGx(uv xui rov mql 
xr\v (pü oGoyiuv is xui tt])' uIXyjv ugarj)', tt fiiXXst ^vfjkßqvut xa— 
7,vv yfiiodou ib iguGTtj ttuiÖixu yuoiGuG&ui» Es wäre wunder- 
bar , wenn keiner der vorhergehenden gedanken darauf bezug 
nähme. Unzweifelhaft findet sich die erwähnung beider Seiten, 
des sinnlichen und des nicht sinnlichen, in den worten von 
182 B : jolg yug ßuoßuootg diu rüg xvquwidug alß^qov tovto 
Tt xui r\ ys tpiXoGocplu xui fj (piXoyv/xvuGiCu. Noch mehr be- 
dürfen wir des scharfen gegensatzes zwischen der edlen und 
unedlen liebe in der folgenden entwickelung. Dieser gegensatz 
aber bietet sich an der fraglichen stelle ebenfalls, wenn wir an- 
statt TtXijv rot/70, cpiXoGoyCug tu fiiyiGw xuqtioXt uv ovtidr] mit 
Veränderung von zovzo in tuvto und von yiXoGocpCug in t7\ yt- 
).oGO(pia lesen: aXX' önoiiv diuixwv xui ßovXöfttvog diunou^aG&ut 
tcXtjv tuvto ifi (fiXoGo(f)i'u, tu /JtyiGTu xuotioIt uv ove(6q } d. h. 
wenn der touGT^g irgend etwas anderes verfolgte und erreichen 
wollte, als den mit der philosophie (d. h. der wahren philoso- 
phischen erkenntniss und läuterung) identischen zweck, so würde 
er sich den grössten schimpf zuziehen". Dann findet sich darin 
zugleich eine anspielung niedergelegt auf das wesen des wahren 
iuuGitjc , wie es erhellt aus p. 183 E: ö ds tov ij9ovg xqtjgjov 
bi'iog iouGirjg diu ßtov fjttvsi, uts ^oii'/jm Gvvtuxtlg. 

In der emendation der folgenden stelle (183 A), welche 
erreicht wird durch die weglassung des als interpolation be- 
zeichneten ofivvvieg und die dadurch gewonnene mitbeziehung 
von notov^troi auf die nicht als glossem zu verwerfenden 
worte xui xoifirJGHg ini &vouig } kann ich dem verf. meine volle 

5* 



68 30. 31. Piaton. Nr. 2. 

Zustimmung nicht versagen. Auch kann ich ihm nur beipflichten, 
wenn er p. 183 B die von Jahn acceptirte konjectur Osann's, 
den zusatz von t^nolvi^iov zu den an das bekanute sprüchwort 
erinnernden Worten: ücpgoötGiov yuo oqxov ov (puGiv tlvut für 
überflüssig erklärt; indessen geht er in seinem bestreben, die 
worte durch Wiederholung von oqxov vor ov (puGiv in wünschens- 
werten fluss und gute abrundung zu bringen , zu weit. Z. b. 
haben auch die herausgeber der Züricher ausgäbe die worte so, 
wie sie waren in den text aufgenommen, jedenfalls in der Über- 
zeugung, dass ein so bekanntes nugotfxiov auch in dieser knap- 
peren form jedem Griechen verständlich sein musste. 

Zum schluss sei mir noch eine bemerkung erlaubt über 
p. 182 A, wo die worte des herkömmlichen textes lauten: 
Xi/ovat de dg rovjovg unoßliTtovng, bgcovieg uvrtZv itjv üxuigtav 
xui äöixiuVj intl ov dij tcov xoG^fiog ye xal va/ilpoug onovv 
■nqurrö^xivov vjöyov uv Sixuiwg cjpiooi. Anstatt äxaigfur, welches 
in dieser bedeutung, nämlich „Unanständigkeit*', sich nur für 
diese eine stelle aus Plato verzeichnen lassen würde, während 
es Legg. IV, 709 D. im andern sinne, Phaedr. 272 A. als ge- 
gensatz von evxuigia und Polit. 305 D. als gegensatz von 
iyxuigiu sich findet, würde uxoGfiiu erstlich aus dem gründe 
richtiger sein, weil es unstreitig das frecbe und ungebührliche 
betragen kennzeichnet und zweitens deshalb, weil es dem nach- 
folgenden ov xoGfi,(cog am schlagendsten entspricht, ebenso wie 
das dabeistehende udixia mit dem folgenden ov vofiffiojg be- 
grifflich am besten korrespondirt. Sollte man nicht diesen pa- 
rallelismus der glieder und der analogen begriffe in die wag- 
schale fallen lassen ? Uebrigens findet sich uxoGfifw unter 
andern Symp. 188 B, und in der bedeutung Unordnung Gorg. 
508 A. und in der fortsetzung der erstgenannten stelle (p. 
188 C) lassen sich für die erklärung des gedankens unstreitig 
noch die worte heranziehen : nuna yug t] uGtßtiu yiXeT yfyvs- 

O&Ut, luv (llj Jig 7M XOGflf(0 "EgiüTl XUQlt.JIMU fi1]Sk JlfJU IE ßü- 

xbv xui ngsoßivi] iv nuvü tQyw, uXXu rov eiiQov x. 7. A. 

C. Liebhold. 

81. Commentatio de Piatonis Phaedii aliquot locis. Scr. 
Albert Grumme. (Programm von Gera). 4. 8 ss. 

Der verf. behandelt in dem vorliegenden programm fol- 



Nr. 2. 31. Piaton. 69 

gende stellen : 233 D vertheidigt er mit Heindorf und Stall- 
baum rwv aXXiüv in dem glauben , dass dies die lesart des 
Clarkianus sei; er scheint sonach das fragezeichen in Bekker's 
comment. crit. p. 7, 15, 4 nicht beachtet zu haben. In der 
that liegt aber hier ein übersehungsfehler Gaisford's vor, denn 
da meine collation zu Hermann keine abweichung aufzeigt, 
so glaube ich berechtigt zu sein , auch dem Clarkianus mit den 
übrigen handschriften Bekkers (G ausgenommen) iciig uXXoig 
zu vindiciren. Dass dieses nicht haltbar ist , davon bin ich 
überzeugt; nebenbei bemerke ich, dass Badham, dessen ausgäbe 
verf. nicht zu kennen scheint, xuv roXg üXXoig vermuthet hat. 
P. 229 C wird richtig die einsetzung des äv nach rputr]) 1 , 231 C 
das Hermanu'sche o'C y' oGwv, 270 D das Hermann'scbe ugifr- 
fxrjGufiivovg vertheidigt } im letzten fall aber ein beispiel beige- 
bracht , dem keine beweiskraft zuzumessen ist. — P. 230 B 
nimmt der verf. nach dem vorgange auderer wg als exclamandi 
particula; vielleicht ist das wort zu streichen, s. p. 231 A. Un- 
glücklich ist der verf. mit den zwei conjecturen, die er vor- 
bringt : p. 240 E liest er nämlich irtulvovg rs xul v.xuigovg xul 
vmgßäXXovrug für uxutgovg rs xul Inuivovg xul vjregßuXXovTug. 
Hier soll nun ts dem vorausgehenden is, xul dem nachfolgenden 
xul entsprechen. Es wäre sonach rs von xul abzutrennen , was 
wohl durch kein beispiel erhärtet werden kann. Es ist zu le- 
sen u/.utgovg xt iautvovg xul InsgßuXXovrag, da xul hier nach 
i« ebenso interpolirt ist wie Euthyd. 283 E : xul 6 KiiqGnvnog 
uxovGug rjyuvuxjrjGtp re xul vnsg xwv mtidixtui 1 xal tlnsv, und an 
andern stellen im Piaton. Falsch ist auch die conjectur uviog 
für uviu) 246 B, wie schon aus den gegenüberstehenden Worten 
1% ivuptiiav rs xul ii'uvriog hervorgeht. Endlich interpretirt der 
verf. noch zwei stellen, 235 A, wo er tovto ds richtig auf 
ro grjTogtxuv bezieht und 235 E • — 236 A. Aus diesem re- 
ferate wird ersichtlich sein, dass der verf., wenn er auch in den 
meisten fällen ein richtiges urtheil zeigt, doch keinen fortschritt 
in der kritik des Phädrus durch seine arbeit begründet hat. 

M. Seh. 

32. Ueber den mythus bei Plato. Vom Oberlehrer Dr. 
Volquardsen. Progr. Schleswig. 1871. 4. — 21 ss. 

Die vorliegende abhandlung, welche sich mit der „geschichte 



70 32. Piaton. Nr. 2. 

der ansichten über den mythus" befas^t, soll nur der Vorläufer 
von einigen andern sein , in welchen die kritik der verschiede- 
nen ansichten, die gcnesis dieses philosophischen künstlerischen 
mythus und die theorie Piatons, endlich die platonischen my- 
then selbst dargestellt und auf ihren wissenschaftlichen werth 
hin geprüft werden sollen. 

Es ist ein entschiedenes verdienst des Verfassers, die an- 
sichten der verschiedenen gelehrten über den mythus möglichst 
vollständig gesammelt und auch in dieser Schrift schon mit ei- 
nigen kritischen bemerkungen begleitet zu haben. Indem er 
die meinungen der gleichzeitigen Schüler Plato's in dieser ab- 
handlung vorläufig übergeht , referirt er in chronologischer rei- 
henfolge die ansichten von Aristoteles, den Epikuräern, Macro- 
bius, Meiners, Eberhard, Morgenstern, Tennemann, Herder, 
Schleiermacher, Ast, Marx, Hegel, Ackermann, Bauer, Hermann, 
Jahn, Brandis, Krische, Deuschle, Steinhart, Susemihl, Stallbaum 
und Zeller. 

Trotzdem dass diese abhandlung ihrem ganzen inhalt nach 
wenig für die kritik bietet, sei es mir doch erlaubt, einiges zu 
berühren und auf einige gesichtspunkte in der behandlung der 
mythenfrage aufmerksam zu machen. — Wenn sich z. b. der 
verf. wundert (p. 5) , dass Tennemann den Timäus einen my- 
thus nennt, so ist freilich für den ganzen dialog der ausdruck 
nicht zutreffend , aber im allgemeinen kann man dem urtheil 
von Deuschle (Piaton. Mythen, p. 11) beistimmen, wenn er 
sagt, dass im Timäus ,,die dialektische betrachtung der natur 
von mythischen dementen ganz durchzogen sei", wenn auch die 
folgenden worte: „oder der mythus von der natur erscheine 
hier in annähernd dialektischer form " weniger glücklich ge- 
wählt sind. In der kritik der ansieht von Schleiermacher hebt 
der verf. mit recht hervor, dass Plato in der gattung allegori- 
scher mythen unter den vorsokratischen philosophen Parmenides, 
unter den Sophisten Prodikos und Gorgias zu Vorgängern ge- 
habt habe. Mit gleicliem recht wird die ansieht von Ast, wel- 
cher behauptet, dass in den mythen die erkenntniss und das 
dogma gebunden und befestigt werde, verworfen (p. 8). Denn 
gebunden wird die erkenntniss allerdings nicht, sondern höch- 
stens veranschaulicht in einer dem volksbewusstsein möglichst 
angemessenen form. Mit unrecht tadelt der verf. dagegen 



Nr. 2. 32. Piaton. 71 

Krische (p. 16), wenn er als quelle mancher platonischer mythen 
das dialektische Unvermögen bezeichnet. Denn unbedingt hat Plato 
in der frühem periode seiner philosophischen entwickelung man- 
ches objekt in mythischer form darstellen müssen, das er später 
in rein dialektischer weise behandelt und über die objekte der 
transscendeutalen philosophie hat seine darstellung meistens nur 
eine mythische bleiben können! Welchen werth aber und 
welche kraft selbst Aristoteles dieser mythischen hülle zuschrieb, 
erhellt unter andern aus Met. II , 3 , 2 : i» o'<q tu fxv&wör] xui 
nuiduoiwörj /xiT^ov tö/vet tov yiyvaiGxtiv nsol uviütv diu lo 
t&og (vom verf. citirt auf p. 1). Diesen begriff der nuiöiu 
gebraucht auch Plato mit Vorliebe, wenn von einer derartigen 
darstellung die rede ist, z. b. Polit. p. 268 D: G%tdbv nuidiuv 
iyxsouGufxii'Ovg und ähnlich nuiduQiwSr] xul gadiu im Phileb. 
14 D; denn er musste sich sagen, dass es der menschlichen 
demuth geziemt, einen naiven und kindlichen Standpunkt einzu- 
nehmen in dem begreifenwollen der ausserhalb der menschlichen 
erfahrung liegenden dinge. 

Das wesen des platonischen mythus kann überhaupt nur dann 
richtig ergründet werden , wenn man die verschiedenen arten 
dieser darstellungsform unterscheidet und definirt, und wenn 
man genau die stellen ermittelt, wo einmal der mythus ein- 
treten musste , d. h. zur Unterstützung dialektischer partien, 
zweitens platz greifen konnte an stellen , wo seiner form vor 
einer reinen , aber ermüdenden dialektischen beweisführung ein 
Vorzug gegeben ward. Daraus wird sich besonders die noth- 
wendigkeit der eschatologischen mythen neben der möglichkeit 
der kosmologischen und politischen ergeben. Auch darf bei 
dieser frage nicht unberücksichtigt bleiben der ganze bilduugs- 
gang unseres philosophen, sein kultus der tragischen muse im 
jugendlichen alter , die unverkennbare einwirkung früherer und 
gleichzeitiger philosophen und die nach dem massstab der dia- 
lektischen Sicherheit gemessenen verschiedenen perioden seiner 
philosophischen erkenntniss. Dazu kommt, dass Plato unstreitig 
den inhalt des religiösen volksbewusstseins weiter ausgesponnen 
und bisweilen begriffe oder sittliche kräfte wie die liebe perso- 
nificirt und damit der plastisch gestaltenden phantasie seiner 
nation auf diesem gebiete rechnung getragen hat. 



72 33. Isokrates. Nr. 2. 

Mit nicht geringem interesse sehen wir nach diesem der 
fortsetzung der vorliegenden fleissigen aibeit entgegen. 

C. Liebhold. 

33. TA AT1QPPHTA TOT I20KPAT0Y2 H I1EPI 
AOrS2N EZXHMATIZMENS2N, vnu A. Kvnoiuvov, yvfi- 
vuGid(j%ov 70v iv ^A&rjvcug ß\ yvfjraßCov. ^Ev *Adi\iaic } ix tov 
Tvnoyoayttov 'Eopov. 8. 1871. XX u. 235 ss. 

Die vorliegende schritt des im juli 1859 verstorbenen gym- 
nasialdirektors Aristides Kypriantfs in Athen , der sich schon 
früher durch seine arbeit über Xenophons Hellenika bekannt 
gemacht hat, zeigt schon in ihrem titel, dass sie; gleichwie jene, 
der darlegung einer paradoxen behauptung gewidmet ist. Sämmt- 
liche reden des Isokrates sollen anders aufgefasst und anders 
erklärt werden als bisher immer geschehen , nämlich nicht in 
dem sinne wie sie sich selber geben, als hoyot unlol, sondern 
als Xdyoi iG%r][jaTt6~fiivo(,, d. h. als solche die einem andern als 
dem ostensibeln zwecke dienen. Hierin beständen, meint Ky- 
prianos, die uTtogQrjzu iov 'laoxgaTovg , welche nach einer notiz 
bei Diogenes Laertius (IV, 1, 6) Speusippos zuerst veröffentlicht 
habe. Es seien nun in walnheit die reden nicht für das grös- 
sere publikum, sondern lediglich für den engen kreis der schule 
bestimmt, und sie seien nicht enkomien , berathende und ge- 
richtliche reden, sondern Sammlungen von material, welches 
Isokrates' Schüler für solche hätten verwerthen sollen, und wel- 
ches Isokrates an einem faden aufgereiht hätte , wie wenn man 
beispiele für grammatische regeln zu einer äusserlich zusammen- 
hängenden darlegung verarbeite. Hierdurch werde auch Iso- 
krates' ehre wiederhergestellt , der in folge der bisherigen auf- 
fassung seiner reden, mit grund bei den modernen den ruf ver- 
wirkt habe, der im alterthum seinen namen geschmückt, während 
nunmehr die an dem redner gemachten schweren ausstellungen 
einfach wegfielen , dagegen sein rühm als lehrer und als stylist 
hell und ungetrübt hervortrete. 

Man sieht nun allerdings: was der Verfasser gewinnt, ver- 
lieren die werke, zu deren Vorzügen, die auch sonst nicht eben 
unbedeutend noch wenig zahlreich sind, bisher immer auch der 
gerechnet wurde, dass sie kunstvoll und durchdacht componirt 
seien, während jetzt sie lediglich als aggregate und conglome- 



Nr. 2. 33. Isokrates. 73 

rate gelten sollen. Es ist nun aber, nach dem urtheile des rec. 
Kyprianos der beweis seiner bebauptung nicht gelungen. Die 
art, wie er denselben zu führen sucht, sowie der inhalt und 
gang seiner schritt ist in kürze folgender. 

Nach einer vorläufigen darlegung der leitenden idee (p. 
1 — 10) folgt zunächst als einleitung eine darstellung von Iso- 
krates' leben ( — 43) und lehrweise ( — 75), dann wird, eben- 
falls noch einleitend , die art der löyoi iG^fiunßfiivoi erörtert. 
Von p. 102 an beginnt die durchführung des aufgestellten 
satzes, zuerst einzeln am Panathenaicus , der rede vom vermö- 
genstausch , der Helena und dem Panegyricus , und dann noch 
summarisch an den übrigen reden, woran sich eine zusammen- 
fassende Würdigung des Isokrates anschliesst. Dass nun der 
verf. seinen Isokrates gründlich studirt hat, geht aus allem her- 
vor , und es sind insbesondre in denjenigen theilen der Schrift, 
die sich nicht mit dem beweise der these beschäftigen, viele 
gute gedanken und darlegungen enthalten. Aber wo er auf 
sein eigentliches tbema kommt , ist was er sagt nirgends über- 
zeugend, trotz der ermüdenden breite, mit der zumal die haupt- 
gedanken immer von neuem eingeprägt werden. Beim Pana- 
thenaicus zunächst ist das ja von Isokrates selbst ausdrücklich 
ausgesprochen, dass diese rede weder einfach, noch ihrem ei- 
gentlichen zwecke und ziele nach offen und unverhüllt, mit an- 
dern worten, dass sie ein Xoyog fiixröq und ia^tj/janGfitiog ist. 
Ebenso gibt sich die Antidosis zwar den anschein einer ge- 
richtlichen rede, ist aber nichts weniger als das, und der Pane- 
gyricus ist weder einfach eine lobrede noch eine berathende, 
sondern etwas aus beiden gemischtes. Ferner hat Kyprianos 
auch das richtig dargelegt, dass diese reden dem zwecke, den 
sie zur schau tragen , an vielen stellen gar nicht entsprechen, 
wie denn z. b. auch der Philippos, der zuletzt noch etwas ein- 
gehender besprochen wird, eiue menge in dieser hinsieht höchst 
anstössiges enthält. Aber Kyprianos hat mit nichts bewiesen, 
dass der wirkliche zweck ausschliesslich der von ihm behauptete 
sei, und dass Isokrates reden an kein grösseres publikum als 
das seiner schule sich richteten. Nach meiner meinung suchte 
er in der that ernstlich für die ziele zu wirken , denen seine 
reden gewidmet sind, also für den nationalkampf, für die Her- 
stellung gesunderer zustände und richtungen in Athen u. s. w., 



74 33. Isokrates. Nr. 2. 

aber er ist neben dem politiker immer auch sophist, der sein 
lesepublikum und dessen beurtheilung und bewunderung im 
ange hat. Drittens ist er lehrcr, und seine reden sind aller- 
dings auch musterstücke für seine schüler; es lasen sie aber 
nicht bloss diese, sondern überhaupt die litterarisch interessirten 
leute in ganz Hellas, und dass diese sie auch nach Isokrates' 
absieht lesen sollten, geht einfach aus ihrer Veröffentlichung 
hervor. Nun kann es nicht fehlen, dass manches, was für den 
einen zweck gut, für den andern minder passend ist, und dass 
in sofern gewisse Unebenheiten in den reden sich zeigen. Ky- 
prianos aber, der dieselben als kunstwerke auflösen und zer- 
stören will, betont diese discrepanzeu über gebühr, und macht 
ferner auch solche Widersprüche mit allem nachdruck geltend, 
die entweder von Isokrates mit voller absieht zugelassen waren 
— z. b. Panegyr. 4 (14) und 187 — oder unwesentlich 
sind und nur in der form beruhen; ja er vermehrt die zahl 
noch durch eigne missverständnisse. So ist es keineswegs ein 
Widerspruch, wenn Isokrates im Panegyr. §. 20 und 99 einerseits 
die hegemonie für Athen in ansprach nimmt, und andererseits 
§.17 eine theilung derselben zwischen Athen und Sparta ver- 
langt, sowie §. 166 tadelt dass man sich um die hegemonie 
zanke statt gegen den perserkönig krieg anzufangen. Denn 
auch an jenen ersten stellen verlangt er nur die hegemonie zur 
see, wie im Zusammenhang ganz klar ist (§. 17 ou xul ngo- 
Tf qov fj nolic Tjftuiv dixafwg rijg 9uluaßrjg rj^s xal vvv ovx 
udixwg afjKpiaßrixii rij'g rjysfjovfag), und dies ist dann die thei- 
lung, welche er §. 20 will; der tadel aber §. 166 richtet sich 
natürlich nur an diejenigen welche sich dem widersetzen , d. h. 
an die Spartaner. Noch in andrer weise hat Kyprianos wie- 
derholt stellen des redners missverstanden , um ihn selbst zum 
zeugen für seine hypothese zu gewinnen. Antid. 12 gibt Iso- 
krates seinen lesern anweisung, wie sie die rede lesen sollen, 
und ermahnt sie dabei it. a. : nQogtyuv xov vovv cn fiüXXov loig 
TAytü&m ^iXkovGiv i] roTg ijdr] noofioiifiFvotc, d. h. stets zu den- 
ken dass das beste noch kommt, eine für eine so lange und 
langweilige rede wohl angebrachte regel. Aber Kyprianos setzt 
so zu sagen stillschweigend Ityofjiroig für )Jys<r9-ai /jtXXovm,, 
und behauptet dass Isokrates hiermit zugäbe, dass die theile 
sich widersprächen und dass jeder theil und jedes theilchen für 



Nr. 2. 34. Lykurgos. 75 

sich zu nphmen sei. — Paneg. 98 sagt Isokrates, dass er über 
den vorliegenden gegenständ nicht alles sagen wolle was sich 
sagen Hesse , sondern nur was besonders bedeutungsvoll und 
ferner loig noouorifitvoig 6fi,o%oyovf*sva sei. Also, meint Kypria- 
nos , gibt es in der rede auch manches was mit dem vorherge- 
sagten nicht zusammenstimme. — Ebend. 165 heisst es: di- 
Seixiai yäg, omv Tic noXsprj noog ui'frqLojiovc ix tioXXüjv icnutv 
cvXfoyofjiiovg, ort Sil (/,)] jregi/j£i>eiv xik.: „es versteht sich, ist 
durch die erfahrung erwiesen, dass'' u. s. w. Der verf. aber 
meint, es heisse: „ich habe bewiesen", und da nun vorher in der 
rede nichts derartiges vorkommt, so schliesst er, dass Isokrates 
sich auf frühere mündliche Unterweisung beziehe und dadurch 
nun die rede als lediglich einen theil dieses Unterrichts be- 
zeichne. Endlich die Zeugnisse aus dem alterthum, auf die Ky- 
prianos sich noch beruft, wollen gar wenig bedeuten, und das 
enkomion auf die byzantinischen gelehrten , welches er anläss- 
lich seines hauptzeugen Photios vorbringt, wird wohl das von 
ihm so stark getadelte abschätzige urtheil der deutschen philo- 
logen über dieselben nicht zu ändern im stände sein. 

Uebrigens wiederhole ich, dass die schrift, wiewohl in ihrem 
eigentlichen ziele verfehlt , doch nebenher manches gute bei- 
bringt, wie gegen den schluss die erörterung über die angeb- 
liche jtyvri des Isokrates. 

B. 

34. Quaestiones Lycurgeae. Dissertatio inauguralis quam 
... scripsit Samuel Elias. Halis Saxonum 1870. 8. 58 ss. 

Die dissertation behandelt in zwei capiteln das genus di- 
cendi des Lykurg im allgemeinen und die in der Leocratea vom 
redner angewandte beweisführung. Eine gewisse belesenheit in 
den attischen rednern soll dem Verfasser nicht abgestritten wer- 
den; auch die Würdigung des rhetorischen characters des Ly- 
kurg, im anschluss an die urtheile des Dionys und Hermogenes 
vorgetragen, fasst die wesentlichen gesichtspunkte sachgemäss 
zusammen, des reduers Vorliebe für Übertreibung (au'^Gig) und 
Schwarzmalerei (ötfrwGig) , für langathmige parekbasen , für 
kühne Übertragungen (selbst das monströse im roTg boioiq rov 
ßfov §. 109 sucht Elias durch eine gewagte translatio zu ret- 
ten : „an der grenzmark ihres lebens") , den mangel an urba- 



76 34. Lykurgos. Nr. 2. 

nität in seiner ausdrucksweise. Im übrigeu aber ist die arbeit 
eine durchaus verfehlte. Zwar erkennt der verf. im zweiten 
capitel die schwäche der lykurgischen argumente an, bemerkt 
auch richtig (p. 22), dass die Sprecher vor den attischen ge- 
schworenen nicht sowohl auf das rechtsgefühl, als auf die leicht 
erregbaren affecte der hörer speculirten , aber in der gesammt- 
auffassung wie im einzelnen wimmelt es von groben irrthümern 
und missverständnissen. Der redner konnte, nach Elias' an- 
sieht, anstatt der weitschichtigen argumentation einfach den 
volksbeschluss (§. 53) : ho^ovq tlvai Trj -wgodoGfa tovg (ptvyovrag 
(Schäfer, Demosthenes III, 11) gegen Leokrates geltend machen; 
da er dies nicht gethan, so ergebe sich daraus, dass er zur 
zeit der Leocratea wieder aufgehoben gewesen sei (p. 34); er 
sieht also nicht ein , dass Leokrates gerade die anwendbarkeit 
des begriff's cpvyrj, 6 cpsvyuv auf seinen weggang, der angeblich 
zu handelszwecken erfolgt war, bestritt, dass sonach der be- 
weis dafür, dass das psephisma den Leokrates mit in sich be- 
greife, selbst erst wieder durch einen Cro^aff^oe zu erbringen 
war. Wenn Elias aus §. 147 (p. 50. 53) schliesst, die eisan- 
gelia habe nicht bloss auf ngodoGfo, sondern wirklich auch auf 
drjfiov xuru),vGig } uGißuttj yoriwv xdxwciq, Iutotu&ov (der verf. 
schreibt beharrlich Xswiom&ov , trotz Cobet, Nov. lect. 78) und 
ußigartCa gelautet, so verkennt er in praxi den vorher in thesi 
anerkannten satz von des Lykurg stieben nach uv^rjciCj ebenso 
wenn er (p. 10. 55) aus §. 133 herausliest, Leokrates sei aus 
Rhodos ausgewiesen worden, und darin einen Widerspruch 
zu §. 21 findet. Zuzugeben ist dem Verfasser, dass die beweis- 
führung, Leokrates' handlungsweise characterisiere sich als ngo- 
doGtu, kaum möglich war ; moralisch mochte sein thun verächtlich 
erscheinen, aber nach den gesetzen war die auswanderungsfrei- 
heit unbeschränkt (zu Lys. XIV, 38; XXXI, 6). Dagegen 
weiss er (p. 48) nichts von dem bei den redneru so beliebten 
beweis ex consecutione (ad Herenn. II , 5 , 8) , wenn er die ver- 
nünftigkeit des antieipierten einwandes §. 90 bestreitet (zu Lys. 
XII, 85) ; den vergleich zwischen der auswanderung des Leokra- 
tes nach Rhodos und der der Athener nach Salamis §. 68 findet 
er (p. 48) so absurd, dass die (fvrijyogot, ihn jedenfalls gar nicht 
vorgebracht haben würden ; aber er ist nicht gewagter , als die 
parallele zwischen des Alkibiades' auftreten gegen sein vater- 



Nr. 2. 34. Lykurgos. 77 

land und dem befreiungskatnpf der patrioten im jähre 403, 
durch welche der jüngere Alkibiades bei Isokr. XVI, 13 seinen 
vater zu entschuldigen sucht und welche Lys. XIV , 32 zurück- 
wies. Mindestens ein schiefer ausdruck ist es, wenn er die 
athenischen geschworenen p. 21 als a populo quotannis delecti 
bezeichnet, ein handgreiflicher irrtbum, wenn er p. 50 als- die 
bei der yoaipq uGißtiag herkömmliche strafe die geldstrafe 
(Meier, Process 306) nennt. Auch in der interpretation der 
worte des redners ist Elias wiederholt sehr fehl gegangen; 
p. 37 findet er in tu fivrjfieia uvrwv (züiy loxewv) uyavtf^wv 
§. 147 eine fälschung , nam maiorum monumenta excisa non sunt; 
offenbar heisst ucpavt&tv , „verfallen lassen" ; Leokrates sorgte 
während seiner achtjährigen abwesenheit nicht für instandhaltung 
des erbbegräbnisses ; auch die versagung der todtenehren (r« 
vofjLt^ö/jivu) gehörte zur xdxwaig yoriwv (Meier, Process 288, 
vgl. van den Es, de iure familiarum apud Athenienses p. 142 f.). 
P. 41 macht ihm das xtvt 6' uv tqv nuiQida Truoidwxs fiet^ova 
[noodoßfa] §. 78 scrupel; er fasst xin = noaco und will lieber 
xt corrigieren; schon Mätzner hat tivb richtig als masculin ge- 
deutet und so Rosenberg in der num. 35 angeführten schrift 
p. 9 ; in dem ephebeneid hiess es ja : i\v nurqidu nuoudwaui 
nXfiu) xal uQttuj oarjg av Ttaoudi'%tjj{iai , in welchen Worten bei 
nuQfxduüGio ein tchc dutäe%Oft£vfHg (Lys. XIII, 62) vorschwebt. 
Selbst die auf den ersten blick bestechende ausscheidung von 
uv §. 78 (p. 40 und in den thesen) ist unnöthig ; ijfiwsv uv 
ist potentialis praeteriti: „wo — hätte eintreten können". (Aken, 
Tempus und Modus §. 72, beispiele zu Lys. I, 27. 44; 
XXV, 12). 

Noch ein wort über die form. Man ist ja in inaugural- 
dissertationen an conflicte mit dem seligen Donat gewöhnt, aber 
die anspräche der philosophischen facultät zu Halle an die la- 
tinität ihrer doctorandi sind doch, wenn man aus der vorliegen- 
den arbeit den schluss machen darf, allzu bescheiden. Das la- 
tein ist durchaus schülerhaft und durch und durch germanistisch; 
dies beweist nicht nur der falsche gebrauch von adhuc, sane> 
passus, plane, etiam, iam (für vel, p. 22. 29. 34. 57, ein lieb- 
lingsschnitzer von obersecundanern), etiam non für ne — quidem, 
iste , aliquis für quisque (p. 22), exspectare mit folgendem accus, 
c. inf. (p. 35 ; hat der verf. Keisig's Lat. sprachwissensch. p. 789 



78 34. Lykurgos. Nr. 2. 

Haas, oder Döderleins Lat. syn. und etym. 3, 57 nicht gelesen?), 
post hac für postea (p. 32), paullulum für paullisper (p. 30. 58), 
sondern auch die fast habituelle Vernachlässigung der consecutio 
temporum (z. b. p. 31: institerit, impediverit; 36: ostendi oportuiti 
cur — sit; 41 : ostendat; 49: populus decrevit, ut fuga — pu- 
niatur; 51: habucrint u. ö.), der indicativ im ideellen rdativ- 
satze (p. 42: quifugit), condemnari als hypothetischer iofinitiv 
(p. 58), potuissent für potuerunt fp. 36), durch die ganze disser- 
tation geht der falsche gebrauch von antiquare im sinne von 
abrogare. Und nun gar anfängerfehler wie ut haud scio an 
(p. 14), a nomine (p. 16), duodeviginti annorum natus (p. 40), ali- 
quod für aliquid ) und logische Ungeheuerlichkeiten wie apud Iso- 
cratem saepe ea reperiuntur , quae Lycurgi proprio esse videbimus 
p. 16, tum temporis (nach der Schlacht bei Chäroneia), ea mens, 
quae in Lycurgo semper vigebat, in omnibus Aiheniensibus inerat 
p. 55. Anderes mag auf druckfehlern beruhen, wie videbitur für 
videretur (wo freilich quemvis für quemeunque steht) , exercitio für 
exercitu (p. 37), motus quae (p. 56 j, obschon man nach den son- 
stigen proben von des Verfassers sprachkenntniss einigermassen 
misstrauisch sein darf. In summa erscheint die selbstrecension, 
die vf. p. 56 ausspricht: mihi hac disputatione (t) clariorem lucem 
aecusationi offudisse videor, doch als ausdruck eiues wenig be- 
gründeten Selbstgefühls, und die Veröffentlichung der im index 
angekündigten , durch die kürze der arbeit vorläufig ausge- 
schlossenen ferneren drei capitel : de Leocratea ex Anaximenis 
praeeeptis iudicium, de transitionibus in Leocratea adhibitis, locorum 
quorundam Leocrateae interpretatio , wird ohne eine gründliche re- 
vision des inhalts und der form wohl nur eine arbeit von sehr 
problematischem werthe zu tage fördern. 

Hermann Frohbcrger. 

35. De Lycurgi orationis Leocrateae interpolationibus. Dis- 
sertatio inauguralis quam . . scr. Emil. Rosenberg. Greifs- 
walde 1869. 46 s. gr. 8. 

Auch eine doefordissertation, aber auf's vorteilhafteste von 
der vorher besprochenen verschieden. Dem Verfasser stfht nicht 
bloss eine umfassende belcsenheit wie überhaupt in der attischen 
dekas so speciell in der literatur über Lykurg zur seite; von 
den älteren ausgaben scheint er nur die von Friedrich Osann, 



Nr. 2. 35. Lykurgos. 79 

Jena 1821 , recensiert (zugleich mit der von Heinrich) in der 
Hall. A. L. Zeitung 1822, märz, nr. 63, p. 498— 512 und von 
Novalis in der Jen. L. Zeitung, Ergänz. Bl. 1827, nr. 26, p. 
201. 204, übrigens ein buch von geringem werthe , ohne selb- 
ständige kritik, nicht gekannt zu haben, von der sonstigen li- 
teratur findet sieh Jenicke, symhölae criticae in Lycurgi Leocra- 
team, Leipzig 1843, nicht citiert; sondern auch Scharfsinn und 
gesundes urtheil in der entscheidung bäkliger fragen. Die lati- 
nität ist fast mustergiltig, nur dass er, freilich ein auch bei 
routinierteren Stilisten beliebter usus, iam vero einfach als über- 
gangsformel, ohne die darin liegende gradatio („nun gar, nun 
vollends'', Seyffert, scholae latinae p. 29. 35) anzuerkennen, ge- 
braucht und ohne ersichtlichen grund p. 36 nisi forte mit dem 
conjunctiv verbindet, zuwider der feststehenden regel (Krüger, 
lat. Gr. §. 603 , anm. 2 u. a.). Auf welcher autorität die lo- 
cativform Marathon* beruht (p. 36 zweimal), gesteht ref. nicht 
zu wissen; ist's eine unwillkürliche reminiscenz an Mugudu/vi? 
Germanistisch klingen die Wendungen iusiurandum joraestare 
p. 44 und imparem esse ad quaestionem absolvendam p. 41. Un- 
richtig ist die p. 30, anm. 75, ausgesprochene behauptung, 
dass bei den attischen rednern selten vergleichungen regelrecht 
durch beide glieder durchgeführt würden; es genügt, dem ge- 
genüber darauf hinzuweisen, dass die bekannte correlative an- 
wendung des zweifachen xui in vergleicbungssätzen aus den 
rednern sich vielfach belegen lässt (zu Lys. XIV, 24). Eine 
yQuyrj TvQuvvCdog (p. 4) gab es wohl nicht zu Athen, sondern 
drjfiov xuTalvGewg, wofür die grammatiker jvquvvldoq setzen. 

Seinen stoff hat Rosenberg in drei capitel zerlegt. Im 
ersten (p. 2 — 13) behandelt er die vor der ausgäbe Scheibe's 
bereits ermittelten oder doch vermutheten interpolationen. Bei 
der besprecbung von §. 26 hatte er sich der Bekkerscbeu ver- 
muthung angeschlossen, derzufolge trjv *ASriiüv — oficovvfiov 
aiifi ausgeschieden werden sollte-, aufmerksam gemacht durch 
eine conjectur Schöne's (Jahrb. f. Philol. 1869, p. 739) hat er 
neuerdings (Jahrb. 1860, p. 806) diese ansieht aufgegeben und 
setzt hinter eiXrj/vTuv ein nfxwvxsq ein, wogegen er das erste 
blAiürvjjov uvrij und ol rt/jtZvng tilgt. Adhuc sub iudlce lis est; 
dass freilich Lykurg selbst den aecusativ tijv y A3r\var gesetzt 
und dann duich ein hartes anakoluth die periode gestört habe 



80 35. Lykurgos. Nr. 2. 

(Polle, Jahrb. 1869, p. 748), kann ref. nicht glaublich finden. 
An der vielbesprochenen stelle §. 109 entscheidet vf. sich, al- 
lerdings faute de mieux , für Wurni's ini xoig fjQioig für bgfocg 
und die ausscheidung von xov ßfov; neuerlich (Jahrb. 1870, 
p. 809) ist er auf die freilich äusserst gewagte vermuthung ge- 
kommen, der ganze passus von §. 105 108 sei das einschieb- 
sei eines gelehrten grammatikers, der bei der belobiguDg der 
Athener die Spartaner nicht habe zu kurz kommen lassen wol- 
len ; die weitere consequenz dieser bypothese ist, dass auch das 
simonideische epigramm auf die Spartaner nebst den worten 
ixtiroig fiiv und idig de vfitiiqoig ngoyovotg §. 109 in Wegfall 
kommen muss; unter diesen Voraussetzungen billigt Rosenberg 
die vermuthung Schöne's (Jahrb 1869, 744) ini idig r^ajoig iov 
Thfißov. Was wird von den alten schliesslich übrig bleiben, 
wenn das seciermesser der kritik so unverdrossen arbeitet? Ref. 
ist schon lange der ansieht, dass die so überflüssige Ortsbestim- 
mung ini roig ögloig ein unverständiges glossem aus §. 47 und 
ßiov eine durch jotacismus und compendium herbeigeführte Ver- 
stümmelung des dort am rechten platze stehenden Botwjfug ist; 
die Veränderung des artikels war dann die nothwendige folge 
der corruptel; uvaysyQafjifiiva bedarf natürlich keiner Ortsbestim- 
mung, der gedanke ist: die Zeugnisse ihrer tapferkeit sind 
schriftlich überliefert, nicht bloss uxoTj. §. 124 billigt Rosenberg 
Scheibe's Supplement vnc %(Sv %eru)v hinter 'EkXqvutv, mit aus- 
stosBung des sinnlosen rfeliaas (Polle, Jahrb. 1869, p. 755 ver- 
muthet dafür i'^tavuGs, nicht recht deutlich; Meutzner, de inter- 
polationis apud Demosth. obviae vestigiis quibusdam, Progr. Plauen 
1871, ergänzt ntnor&e aus ntnor&ortg, ein gedanke, der sich 
schon bei Jenicke , p. 28 der oben genaunteu schrift, findet); 
ich glaube Philol. p. XXIX, 629 nachgewiesen zu haben, dass 
durch den gebrauch der redner 'vno xüJv noXffitwv mehr em- 
pfohlen wird, wie er auch §.18 gegenüber Rosenberg's behaup- 
tung (p. 11), die dittologie xaiu%frtig xui uyixo/jeiog (l^'Pudov 
sei unverfänglich , bei seiner vermutbung uvux&etg (ib. p. 628) 
stehen bleibt. 

Im zweiten capitel (p. 13 — 29) recensiert Rosenberg die 
interpolationsvermuthungcn der Holländer (van den Es, v. Her- 
werden), die diesen äbnlicben Dobree's und die von Jacob, 
der in den emendationcs Lycurgeae (Progr. Cleve 1860) einige 



Nr. 2. 35. Lykurgos. 81 

conjecturen von van den Es , theils ablehnend theils billigend, 
besprochen hat. Mit recht weist er darauf hin, dass viele ver- 
muthungen der erstgenannten auf den hohen ansprüchen beru- 
hen, die sie an Lykurg stellen als einen redner , der tag und 
nacht an seinen reden gefeilt habe und dessen Leocratea ein 
lieblingsgegenstand der lectüre in den rhetorenschulen gewesen 
sei. Diese behauptungen sind unbeweisbar und der darauf ge- 
baute schluss , dass man dem Lykurg keine nachlässigkeiten, 
keinen mangel an concinnität, keine Wiederholungen u. dgl. zu- 
trauen dürfe, beruht auf falschen prämissen, die daraus gefol- 
gerten conjecturen also auf einem nowTOv tpsvdog. Die reich- 
haltigkeit der arbeit gestattet nur einzelnes hervorzuheben. Mit 
recht wird p. 18 van den Es abgewiesen, der §.71 rcy^'wg 
ausscheiden will , sonach nichts weiss von dem ironischen ge- 
brauche des wortes (Andok. IV, 27) und, wie ich hinzufüge, 
des noch häufigeren tu%v ys (Demosth. XXI, 209. XXV, 95. 
Aesch. I, 191. Aristoph. Wölk. 547), — p. 21 mit gleichem rechte 
Herwerden, der §. 116 in egyco xul ov löyo) eine lästige ditto- 
logie findet und xul ov Xoyco streicht , mit verkennung einer 
ganz gewöhnlichen amplificatio (zu Lys. XIII, 19. Rehdantz, 
Demosth. I, index u. d. w. „erweiterung", 2. aufl.) Im §. 134 will 
van den Es das lafiTiowg hinter rtrQi7]QuQxr]xs streichen, weil 
es nur zu xoQqysiv passe , als ob nicht auch bei der trierarchie 
der eine sich mehr als der andere „splendid" erwiesen habe! 
Man weiss ja, wie sehr manchen die rpilonfiCa kitzelte ein übri- 
ges zu thun und concurrenten auszustechen ; die zweite rede 
des Lycurg, Demosth. L, 7, LI, 5 f. mögen als belege dienen. 
Von p. 22 an bespricht Eosenberg die stellen , wo er die re- 
sultate der holländischen kritik acceptirt ; doch hätte §. 40 
TiiQicpoßovi vor xanniriyviaz, an einer stelle von poetischem co- 
lorit, schon durch das homerische öuauvis xuzanirJTrjv (II. VIII, 
136) geschützt sein sollen; §. 105 ist o? utl ßuffiltvovdtv iv 
^jiuQirj nicht ein insipides einschiebsei (van den Es) , sondern 
qualificiert die Herakliden als erbliche repräsentanten der 
virtus imperatoria, denen gegenüber die bevorzugung des Athe- 
ners durch das orakel um so bedeutsamer erscheinen musste. 
Die vermuthung Rosenberg's zu §. 107 i^iCTQuiavfiivoi (an die 
übrigens auch van den Es annot. ad Lyc. Leoer. 52 gedacht 
hat) anstatt des kaum zu deutenden ixoiquitvofisvot, trifft mit 
Piniol. Anz. IV. 6 



82 35. Lykurgos. Nr. 2. 

einer randnotiz in meiner handausgabe zusammen, wie ich mich 
denn auch mit der ansieht, dass Lys. XX, 4 die worte diu t« 
TfQcG&ev ufiuQTrjfi-ura hinter imdvftTJGai zu tilgen seien (p. 16, 
anm. 52) in Übereinstimmung befinde (Philol. XXIX, 628). 

Im dritten capitel (p. 30 ff.) entwickelt Rosenberg fünf von 
ihm selbst aufgestellte interpolationsbypothesen, die den beifall 
Bücheler's im greifswalder philologischen seminar gefunden ha- 
ben. Es bedarf nicht der erwähnung , dass derartige vermu- 
thungen in der regel mehr noch disputabel sind als solche, die 
in den bereich der diplomatischen kritik gehören. §. 15 will 
Rosenberg den passus ot Xgugi — oviu ausgeschieden wissen. 
Ohne sonst in die controverse einzutreten, bemerke ich nur, 
dass das schon von Bekker geltend gemachte, von Rosenberg 
wiederholte argument, öiunsnqayuivoi könne nicht passivisch 
gebraucht werden, auf einem irrthum beruht; Rosenberg hat 
nicht an jiuviwv diantnQayuivwv bei Lys. I, 38 gedacht. §. 25 
streicht er xul ehat o&vtla iij %ujqu , namentlich wegen der 
nimia laquacitas , ein ästhetisches bedenken, das freilich nach 
dem auf p. 16 von Rosenberg erörterten nicht allzuschwer in's 
gewicht fallen sollte; §. 48 soll der ganze passus von tlxorcog 
— Ökxxsivzui in wegfall kommen , wobei zugegeben werden 
muss, dass der vergleich nach strenger logik nicht recht zur 
begründung des vorhergehenden gedankens passt, da r; &qi\puGa 
(yrj) nicht nothwendig auf die vielgerühmte autochthonie der 
Athener hinweist, sondern schlechthin attribut des Vaterlands 
als altrix ist; für die autochthonen dagegen ist das Vaterland 
jQocpog xal (ir\ir\Q (Isokr. IV, 25. Plat. Menex. 237 C. : i\ ts- 
xovGu xul &Qi\puGa , parens altrix Cic. p. Flacco 26, 62, wo 
neuerdings Kayser nach einer handschrift die der stelle des 
Isokrates nachgebildeten worte gestrichen hat). Allzu scrupulös 
dagegen ist das zu den folgenden Worten erhobene bedenken, 
die kämpfe von Chäroneia könnten nicht durch die worte cha- 
ractei'isiert werden : ioTg ugiGioig uvdQuGiv f£ Xaov twv xirdvrwv 
usTaGxovTtg , similes aut pares optimis viris , vielmehr müssten sie 
nach des redners gedanken selbst als optimi viri bezeichnet wer- 
den. Welcher unterschied ist zwischen par optimo viro und 
optimus vir? Und wenn Rosenberg meint, rolg ugiGioig «v- 
Öqügiv müsse eine bestimmte beziehung haben auf irgend eine 
besonders ausgezeichnete kämpferschaar (weshalb er nach Bü- 



Nr. 2. 35. Lykurgos. 83 

cheler's vermuthung in den worten eine corruptel sucht, hinter 
welcher eine andeutung der kämpfer von Marathon stecke), so 
verkennt er merkwürdiger weise, wie correct der gedanke ist: 
sie haben den besten männern gleich „gekämpft", aber nicht 
„dem entsprechend" (bpolwg) glück gehabt, wobei es wenig in 
frage kommt, ob dem redner bei ol ugiffroi, uvdgsg der ideelle 
begriff „die denkbar besten" oder der empirische, die erfahrungs- 
mässig besten vorgeschwebt hat. In §. 60 verwirft Rosen- 
berg den allerdings Schwierigkeiten bietenden abschnitt von 
äaneg bis ävddiuxot yivwvxai; ich glaube, dass der stelle we- 
niger gewaltsam durch die Verbesserung wjg dxv^tug für tt}v 
dxv/Cav (van den Es) abgeholfen werden könne ; zum beleg für 
die redensart nigug iX HV 1ll 'og, den höchsten grad {nigug = per- 
fectio) in etwas erreicht haben (hier : das Unglück der Staaten 
ist vollendet, wenn u. s. w.) will ich nicht auf die angefochtene 
stelle Lys. XII, 88 verweisen, wohl aber auf Aristot. Polit. I, 
2 , p. 3 Bekker. : t\ ix tvXuovcüv xwfiöjp xotvcoviu xiXsiog noXig, 
rj Sr\ ndffijg t%ovGa negag xrjg uvtagxHug , über deren sinn kein 
zweifei möglich ist; vgl. auch Aristid. or. XXXIV, (I, 654 
Dindorf.): unanlrfeiug doxü nigug ilvui. Den wortreichthum der 
stelle und die allerdings überflüssige erklärung il yug dtl yivia- 
&ut, kann ich nicht weiter auffällig finden. §. 94 möchte Eo- 
senberg die worte dxöxwg — fiiytaxov ußtßrjfiu iüxtv tilgen, ohne 
jedoch die authentie der worte unbedingt zu verneinen. End- 
lich inissfällt ihm (p. 40, anm. 79) der schluss von §. 80, der 
passus von ov aS,iov bis ugsirjv, erstens weil die beziehung von 
ov undeutlich sei; aber die folgenden worte lassen ja keinen 
zweif'el, dass der von den Hellenen ehedem geleistete, nicht der 
zur zeit noch in Athen bestehende eid gemeint ist; ausserdem 
würde nach Streichung der angefochtenen worte gegen uviöv hin- 
ter uvuyiyvwoxt sich das gleiche bedenken, und nur mit grös- 
serem rechte geltend machen lassen ; alsdann weil die folgenden 
worte prorsus inepta seien; aber der gedanke: ,,die thatsachen 
liegen zwar weit hinter uns , aber die schriftliche aufzeichnung 
giebt genügendes zeuguiss für ihre trefflichkeit", ist doch nicht 
anzufechten; der eid war vermuthlich wie andere documente 
(selbst der problematische cimonische friedenstractat) auf einer 
säule aufgezeichnet. Allerdings das handschriftliche lap'wg 
Zguv idilv ist nicht zu Reuten; la%v(Zg als ästhetisch kritische 

6* 



84 35. Lykurgos. Nr. 2. 

randglosse eines lesers zu betrachten (Polle, Jahrb. 1869, 
p. 754) scheint nicht räthlich , da eine beziehung zu nuXuiuiv 
erwartet wird ; Scheibe's av/vaig ist mir unverständlich ; Ixavwg 
scheint am meisten sinnentsprechend und liegt der Überlieferung 
nicht fern. 

Anhangsweise bespricht Rosenberg (p. 39 ff.) noch die viel- 
fach ventilierte frage, ob die §.81 angeführte eidesformel acht 
sei ; er kommt zu einem verneinenden resultate ; die weitere 
frage, ob überhaupt jemals ein solcher eid vor der schlacht bei 
Platää geleistet worden oder ob er eine erfindung der Athener 
in maiorem patriae gloriam sei , beantwortet er dahin , dass eine 
absichtliche Verwechslung mit dem zu anfang des krieges von 
den Hellenen geleisteten eid (Herod. VII, 132) vorliege; be- 
kanntlich bezweifelte schon Theopomp die von den panegy- 
rikern adoptierte angebliche thatsache (Wesseling zu Diodor. 
XI, 29). Aehnlich hat unlängst Schöne (Jahrb, 1869, p. 743) 
sich erklärt. Uebrigens irrt Rosenberg, wenn er Grote für den 
einzigen Verfechter der authentie der Überlieferung des Lykurg 
(Diodor und Isokrates) hält ; TeMfy macht in seinem Corpus iuris 
attici (p. 331) daraus sogar, nach seiner gewohnheit, ein ge- 
s e t z (Graeci hoc iusiurandum invicem sibi dentj. 

Habe ich also auch manchen Widerspruch erheben müssen, 
so stehe ich doch nicht an , die arbeit Rosenberg's als einen 
beachtenswerthen beitrag zur kritik des Lykurg zu bezeichnen. 
Von druckfehlern ist mir nur nou für nois p. 17 a. e. aufge- 
fallen. Nebenbei bemerke ich noch , dass §. 28 für nuQtxuXt- 
Gufjrjv unzweifelhaft ji()ovxuXiGÜfj,r]v (so schon Taylor), aber auch 
avzov für avTovg gelesen werden muss, dass §. 29 hinter ä dei 
wohl ein (idircu ausgefallen ist, und dass §. 65 der paralle- 
lismus, so gut wie in den beiden folgenden gliedern, zu tnnt^tov 
ein besonderes verbum, etwa tnoi>](>ur, zu fordern scheint. 

Hermann Frohberger. 

36. De Dionysii Thracis grammaticae epitoma partim 
inedita quae est in codice Veneto Marciano 531, scripsit A d ol- 
fus Hart. 4. Berolini. 1871. 35 ss. 

Diese dankensvverthe schritt handelt von einem byzantini- 
schen lehrbuch dor griechischen grammatik , welches , wie der 
Verfasser p. 24 zusammenfassend urtheilt , zur grundlage die 






Nr. 2 36. Dionysius Thrax. 85 

rtX vt l des Dionysios Thrax hat, daneben aber eine beträchtliche 
anzahl von lehren und erörterungeu aus anderen quellen (und 
zwar besonders aus den scholien zu Dionysios) enthält. So 
richtig wie diese angäbe , ebenso unbegreiflich ist es . weshalb 
der Verfasser fortwährend das buch epitome grammaticae Diojiysii 
Thracis bezeichnet: worunter sich doch jedermann nur eine Ver- 
kürzung der r£x rr l denken wird und nicht eine erweiterung von 
viel bedeutenderem umfang. Die schrift ist vollständig enthal- 
ten im codex Marcianus 531 (saec. 15 — 16). Der erste theil 
war bereits von Titze aus einer Königgrätzer handschrift ver- 
öffentlicht und ohne grund dem Manuel Moschopulos zuge- 
schrieben worden [Manuelis Moschopuli opuscula grammatica p. 
17 — 43). Aus dem Marcianus wurde nun das zweite buch von 
Studemund, Hart und Scholl abgeschrieben, das erste von Stu- 
demund und Hart nach dem gedruckten text collationirt. So- 
weit sich nach dem publicirten theil und nach Hart's angaben 
über den zweiten theil urtheilen lässt , bietet uns das buch für 
unsere kenntniss von den Studien der älteren zeit nichts neues 
von wesentlichem belang. Einen gewissen werth hat es nur 
für die beurtheilung der byzantinischen Studien, sowie dadurch, 
dass sich aus ihm die Bekkersche ausgäbe der schoben zu Dio- 
nysios zuweilen verbessern lässt. Harts bemerkungen verbreiten 
sich in sorgfältiger weise über mehrere auf die geschichte der 
alten grammatik bezüglichen punkte. — Zu anfang des zwei- 
ten theils wird von dem unterschied zwischen der bedeutung des 
nomen und der des pronomen gehandelt: rä filv yuq ovofiaTU 
Or\ixalvu ouGluv xul noiojrjta diu zrjg <pix)vr)g, r) J« (sc. uvKOWfiia) 
oGov xuru (pwvrjv fxovov ovGluv ar\{xuCvn , it xal (puvsQOvrui rj 
noioTrjg diu zrjg dsC^iwg (p. 26 , 3 ff.). Statt tl vermuthet Hart 
i] ; mit unrecht , xuza (pwv^v (oder diu zrjg (ftüvrjg) und diu zr t g 
öfC&uig stehen sich entgegen: „durch die de7%ig wird mittelbar 
(nämlich durch die Verbindung und den Zusammenhang im satze) 
auch die noiozrjg bestimmt; aber wenn dies auch der fall 
ist, das wort an sich, die (pwvrj, bezeichnet lediglich die ovGtu"._ 
— Weiterhin heisst es vom unterschied des verbum und parti- 
cipium: il d av nufov r\ cpwrr] Gr\^,ulvu ovöiag dtu&eGiv rj ivig- 
yeiav (fw/iuzo^ rj ipvxrjg diädsGiv avsv nzwGmg xt%u)oiG[j,ivrig, 

iftOflSV TO Q^fM*. 7] Gt][XUlV£l OVGlUV XUI dlU&SGlV XUZU ZUVZO XUI 

jtoih zqv fiiioxrjv (z. 12 ff.): vor xui tioisi ist vielleicht 



86 36. Dionysius Thrax. Nr. 2. 

/ma mwöeioc, im gegensatz zu uvev mwGeoig, einzuschieben. — 
P. 29 : oGa de räiv em&eiojv tt]v uliiuv e% tjfiwv t%H XeyeG&ai, 
Tuvxa enuivov ij ipoyov ffrjfiuvnxu. rä de fiy oviiog e'xovia /jeGa' 
wg Tftvrjg vytfjg likwßrjfjivog. ravia de utio tujv ixrog eGnv wg 
Ix Tv%rig Gvfißaivovra , 5 (irfi enuivov e^et fjtijie ipoyov ' ov yäg 
eTtaivovfiev tov vyia «AA« rlqg eviv^iag olxieiQOfxev. Hier bricht 
die mittheilung dieser stelle ab , und mit Sicherheit lässt sich 
daher über die Verbesserung der corrupten Schlussworte noch 
nichts sagen. Es scheint , dass mehreres ausgefallen : ov yag 
Inaivovfiev xov vyiä v.Xla rTjg eviv^Cag fiuxag Ct,o fiev , ovde 
zöv it ivvza tpe y o [i ev dXX > olxreigoaev. Oder ergiebt sich 
etwa aus dem folgenden , dass die worte durch Umstellung zu 
heilen sind? Auch die entsprechenden worte bei Bekker p. 865 
sind fehlerhaft : vytr t g ußd-evrjg TtlovGiog mvrjg. zuvtu ärco zöjv 
ixzog tGzt xqg ipvx^g (sie) Gv/jßuivoviwv } u jjrjze h'jtouvov /u>;Ve 
ipoyov SrjXovöiVj ukku fxuxagi^ovGi xul ipeyovGi. Hier ist olxzeC- 
govGv an die stelle von tpeyovGt zu setzen. — Mehrfach stimmt 
die schrift genau überein mit dem dialog des Maximus Planudes 
über die grammatik. Unter den gründen, weshalb man diesen 
nicht als quelle betrachten dürfe , führt Hart auch an : quod in 
Philemonis quoque Xe^ixov xtxvoloyixov s. v. JrjfioG&err} et *Enl- 
&ezov orofia particulae nonnullae similes reeeptae sunt. Id autem 
lexicon duobus saltem saeculis ante Maximum conscriptum et uber- 
rimis optimorum fontium copiis instruetum est , quarum iacturam 
quodammodo hodie resarciat (p. 29). Kennt Hart nicht die (so- 
viel ref. weiss bis jetzt noch nicht widerlegte) ansieht von Lehrs 
über diesen Philemon ? Herod. scr. tria p. 439 : Philemo qui 
fertur descriptus ex Phavorino. Qui si Apuleio Pseudographo et 
Draconi Stratonicensi idem dixerit quod Dionysius tyrannus amicis 
Pythagoreis apud Schillerum , non poterunt detreetare. — P. 33: 
ftol^og o zov rcvQog xzX. xdgxaigog rJx°S i^dwv zuv xqexövzojv In- 
nuiv. ßofifiog xul t« zoiavza. Statt ßöfjfiog ist ßö/ußog zu 
schreiben. 

37. The Mostellaria of Plautus with notes critical and 
explanatory, prolegomena and excursus. By William Kam- 
say, M. A. formely Professor of humanity in the university of 
Glasgow. Edited by George G. Kam say, M. A. trin. coli. 



Nr. 2. 37. Plautus. 87 

Oxoo. Professor of humanity in the university of Glasgow. 
London. 8. Macmillan and Co. 1869. XII. CXVI. 295. 

Ist die beurtheilung eines postumen Werkes , an das der 
Verfasser selbst nicht mehr die letzte hand angelegt bat, schon 
an sich eine missliche sache , so ist dies in gauz besonderem 
masse bei dem vorliegenden buche der fall. Denn wie der 
herausgeber in der vorrede mittheilt, hat er dasselbe erst aus 
den von seinem oheim incomplete and inarranged hinterlassenen 
materialien mit mähe zusammengestellt. Allerdings kann unter 
diesen umständen ein etwaiger tadel — und tadellos ist ja fast 
nur die äussere ausstattung des werkes — umso weniger als 
gegen die person des Verfassers gerichtet erscheinen , der als 
one of the most accomplished scholars, and certainly one of the most 
distinguished and successful professors, that Scotland ever produced, 
das buch wohl nicht in dieser gestalt veröffentlicht haben würde; 
dagegen muss den herausgeber schwerer tadel treffen , dass er 
sich durch falsche pietät und nicht ausreichende kenntniss die- 
ses gebietes hat verleiten lassen, zum weit überwiegenden theile 
so wenig werthvolle aufzeichnungen der öffentlichkeit preis- 
zugeben. 

Die 116 seiten umfassenden prolegomena enthalten in ihren 
drei capiteln, the text, the orthography of Plautus , the metres and 
prosody of Plautus, des nützlichen verschwindend wenig, dage- 
gen des völlig werthlosen die fülle. Besonders gilt dies von 
dem letzten capitel, von dem es allerdings in der vorrede heisst: 
the MS. of this portion of the work was in much confusion, 
had evidently undergone little or no revision , and had apparently 
ieen written at different times. Die in demselben besprochenen 
metra sind in ganz oberflächlicher weise behandelt; bezeichnend 
für die au gründe liegenden anschauungen von plautinischer 
verskunst sind z. b. folgende messungen Tace dtque muliebri 
parce supellectüi ; Trapezitae mille" drachumarum Olympicum ; Quo 
nemo adaeque iuventute ex omni Attica; Ego servabo, quasi seque- 
stro detis: neütri reddibo dönicum (apparently Jamb. Tetr. Acat.l). 
Ganz oberflächlich ist auch die wichtige hiatusfrage abgefunden, 
in bezug auf welche sich ziemlich deutlich die ansieht ausspricht, 
dass man sich der heiligkeit der Überlieferung unterwerfen 
müsse. Zur beseitigung der prosodischen Schwierigkeiten dient 
als Universalmittel die Silbenunterdrückung; nichts ist dabei so 



88 37. Plautus. Nr. 2. 

unwahrscheinlich , dass es nicht als möglich hingestellt würde. 
Messungen wie aljos , hodje, muljeris , satjetas , patrja, quonjam, 
nuncjam, simlem, homnem, opram, facle, Phlölacheti ff Philolacheti), 
trähre (f. trahere), zum theil wo keine nöthigung vorliegt, z. b. 
um ganz unverfängliche auflösungen in bacchischen versen zu 
beseitigen, sind noch nicht das schlimmste; Plautus soll auch 
z. b. esse, necesse, omnis, eccum (man vergleiche besonders Stich. 
577), interim (vgl. bes. Most. 1094), inter (vgl. bes. Cist. 1. 1. 
54), inde (vgl. besonders Pers. 394) u. a. einsilbig, resp. zweisilbig 
gebraucht haben. Doch es ist wahre Zeitvergeudung, auch nur 
noch ein wort über diese offenbar nur so auf's papier hinge- 
worfenen erörterungen zu verlieren. 

Besondere erwartungen erregt der kritische apparat zur 
Mostellaria nach den mittheilungen in der vorrede, dass der 
Verfasser selbst a careful collation der vaticanischen handschriften, 
besonders des Vetus veranstaltet und der herausgeber dieselbe 
an zweifelhaften stellen nachgeprüft habe, und dass die kriti- 
schen noten embrace a considerable number of readings not recor- 
ded by Ritschi and in sorne few instances correct Ms errors. Ueber 
die Zuverlässigkeit der Ramsay'schen angaben mögen andere 
urtheilen, die die handschriften nach Ritschi erneuter prüfung 
unterworfen haben; soviel aber glaubt ref. mit bestimmtheit ver- 
sichern zu können, dass unter den neuen lesarten keine einzige 
enthalten ist, aus der sich ein wirklicher gewinn für die gestal- 
tung des textes ergäbe. Was den text selbst betrifft , der sich 
fortunately in a completed State vorfand, so ist derselbe über alle 
begriffe roh. Die notwendigsten besserungen des metrums sind 
unterlassen, wie auch die vorrede, natürlich in lobendem sinne, 
hervorhebt die rigorosität in ihe demand for definite evidence before 
admitting an emendation of the text on ihe ground of metre only ; 
beseitigt sind fast nur die obvious oder evident blunders der hand- 
schriften, wie gleichsam zur entschuldigung meistens hinzugefügt 
wird, soweit sie in früheren Jahrhunderten von den bearbeitern 
des Plautus verbessert sind , von denen auch hin und wieder 
anderweitige vermuthungen, und oft ganz offenbar falsche, auf- 
nähme gefunden haben, die neueren haben höchst selten berück- 
sichtigung erfahren, auch wo sie zum mindesten besseres als 
ihre Vorgänger geben; ein nennenswerther eigener versuch, den 
text lesbarer zu machen, ist nirgends gemacht. Es giebt kaum 



Nr. 2. 38. Commodianus. 89 

einen grelleren contrast als zwischen dieser leistung und dem 
Bentleyschen Terenz, dessen beispiel ohne jede anregung geblie- 
ben zu sein scheint. 

Von den erklärenden anmerkungen , die oft gerade da im 
stiche lassen, wo eine erklärung erwünscht wäre, lässt sich auch 
nicht viel rühmenswerthes sagen, vielmehr wären bei näherem 
eingehen recht bedenkliehe mängel und irrthümer (z. b. der un- 
sinn von der construktion von clam mit dem genetiv) zu berüh- 
ren \ auch hinsichtlich der XVII excurse möge die bemerkung 
genügen, dass sie in ihren recht kritiklosen Zusammenstellungen 
wenigstens für uns in Deutschland nichts neues enthalten. 

38. Ueber Commodians Carmen apologeticum adversus 
Gentes et Iudaeos. Von reallehrer pfr. L ei m ba eh. 4. Pro- 
gramm der höheren bürgerschule zu Schmalkalden 1871. 28 s. 

Das vorliegende programm zeigt so recht wieder den gros- 
sen übelstand bei der bearbeitung der antiken christlichen lite- 
ratur, dass entweder die nöthige theologische oder philologische 
bildung fehlt. Recensent sieht sich grade aus diesem gründe 
genöthigt auf eine beurtheilung der theologischen seite des pro- 
grammes zu verzichten, muss aber offen gestehen, dass dem Ver- 
fasser die erforderliche philologische bildung zur behandlung 
seines Stoffes abgeht. Vor begründung dieses urtheils verzeich- 
nen wir kurz den inhalt der Schrift. Nach einleitenden bemer- 
kungen über die literatur zu Commodian , speciell zu seinem 
Carmen apologeticum, über den inhalt desselben, die besonder- 
heiten in metrik und spräche folgt eine ziemliche anzahl von 
emendationen, aus denen ein resultat auf die thätigkeit des er- 
sten und bisjetzt einzigen herausgebers des carmen, (Pitra im 
spicil. Solesm. 1. bd. p. 20 ff.) und auf die beschaffenheit der 
handschrift gezogen wird; dann beweist Leimbach aus form und 
inhalt, dass der Verfasser des carmen apologeticum und der schon 
früher unter dem namen Commodian's bekannten instruetiones 
per literas versuum primas der nämliche ist, was übrigens schon 
Pitra gesehen hatte; hieran reiht sich schliesslich ein kurzes 
urtheil über die beiden werke Commodian's. 

Leimbach hat an manchen stellen den text Pitra's ent- 
schieden verbessert z. b. v. 56: merent quod ab ipso ridentur; 
142: sit licet nunc pulvis; 228: dum respuunt forma s; 481: 



90 38. Commodianus. Nr. 2. 

nugaces aestimat esse; 776: et in poena sero declamat; 
824: hunc ipse senalus. Wie sollte er es aber auch nicht 
besser machen als ein mann, der, so ausgebreitet auch sonst 
seine gelehrsamkeit sein mag, doch so tief unter dem niveau 
der gewöhnlichsten philologischen bildung steht, dass er unter 
anderm behauptet , Lucrez habe in omnis die vorletzte silbe, 
Vergil in potest die letzte als kürze gebraucht ! In den bemer- 
kungen über die äussere gestalt des gedichtes verräth Leimbach 
jedoch selbst auch den mangel genügender philologischer kennt- 
nisse: das gute alfclassische wort f acuta stellt er ohne weiteres 
neben die späten bildungen aeramen und excusamen; dass finis 
in einer menge klassischer schriftstellen femininum ist, scheint 
ihm unbekannt zu sein; die Schreibart der handschrift (oder 
gar Pitra's ?) sequutus rechnet er unter die besonderheiten der 
biegung; die ganz gewöhnlichen fehler der handschriften lebior 
st. levior , primitibus st. primitivus, dimissum st. demissum unter 
die besonderheiten der Schreibung Commodian's; dass über 
die ausspräche von diabulus als zabulus anderweitig Untersuchun- 
gen geführt worden sind, weiss er nicht; aus missverstand von 
v. 465 nimmt er eine construktion ponere de vita st. vitam an : 
ipse potestatem habeo de illa ponendi et sumendi iterum habeo po- 
testatem in illam ; warum also nicht auch sumere in illam st. il- 
lam? Am schlimmsten tritt der mangel philologischer Sorgfalt 
hervor bei dem urtheile Leimbach's über die metrische form. 
Hier konnte er sich ausschliesslich auf das vorliegende gedieht 
beschränken ohne weiterer eigentlich philologischer kenntnisse 
zu bedürfen , und doch kommen auch in diesem abschnitte die 
sonderbarsten behauptungen vor. So heisst es im anfaug des- 
selben: „nicht nach längen und kürzen, nach natürlich oder 
durch position langen silbeu fragt der dichter beson- 
ders unregelmässig sind die ersten fünf halbfüsse, 

die folgende vershälfte ist in der regel correkt gebaut; na- 
mentlich ist der fünfte fuss fast stets ein daktylus 1 '. Nach die- 
sen Worten muss jedermann glauben , .der fünfte fuss sei fast 
stets ein prosodisch richtiger daktylus , schlägt man aber das 
gedieht nach, so sieht man sich arg getäuscht: es finden sich 
alle möglichen füsse statt des daktylus vom tribraehys bis zum 
molossus und manche davon gar nicht selten. Weiter unten 
behauptet Leimbach: „die synizesis kommt öfters vor. So wird 



Nr. 2. 38. Commodianus. 91 

deus und deum meist einsilbig gebraucht". Dabei bezeichnet er 
die behauptung von L. Müller de re metr. p. 444, dass der ge- 
brauch der synizesis in der rythmischen poesie sehr selten sei, 
als irrig. Nun hat aber grade Müller recht, und was speziell 
deus mit den dazugehörigen casusformen betrifft , so hat recen- 
sent in dem carmen 96 fälle gezählt, in welchem zweisilbige 
messung eintreten kann oder muss , und nur einen, der noth- 
wendig synizesis verlangt 609: ipsa spes est tota deo credere qui 
ligno pependit; aber grade hier tilgt Leimbach das allerdings 
sinnlose ipsa, was aus dittographie von spes entstanden zu sein 
scheint und so haben wir auch hier deo zweisilbig, wofür dann 
Leimbach ganz ohne grund domino einsetzt! Eine richtige ein- 
sieht in die gesichtspunkte , welche Commodian bei abfassung 
seiner quasi -hexameter beobachtet hat, ist bei dem gegenwär- 
tigen stand der dinge kaum möglich : die instruetiones kennen 
wir nur aus älteren collationen, das carmen apologeticum hat Pitra 
„raptim u abgeschrieben, wir entbehren also einstweilen eine ir- 
gendwie zuverlässige grundlage ; allein wenn Leimbach etwas 
genauer hätte zusehen wollen , so wäre er doch vor manchem 
missgriffe bewahrt worden. Wegen mangel an räum heben wir 
nur einzelnes hervor. V. 133 ist nach Leimbach hypermetrisch: 
quis potent scire quid sit trans 'Oceani finem. Aber Commodian 
verletzt n i e im sechsten und wohl auch nicht im fünften vers- 
fusse den wortaccent , er lässt auch keine synalöphe in der 
mitte der verse eintreten, also sicher nicht am ende; der vers 
war demnach zu skandiren : quis poterü scire quid sit trdns Oceani 
finem; auch 637 ist nach Leimbach hypermetrisch: surge, inquit, 
iuvenis; surrexit ille de feretro; der codex hat et resurrexit ; zu 
schreiben ist: surge inquit iuvenis; resurrexit ille feretro; v. 537 
steht nach Pitra, dessen worte Leimbach ganz merkwürdig miss- 
verstanden hat, im codex : respiciunt cervicosis et is rectis; daraus 
macht Leimbach : respiciunt ipsi cervicosi caeci et erecti , oder mit 
synalöphe: caeci et erecti, beides gegen die metrik des carmen; 
die constante endung is in den adjektiven weis't darauf hin, 
dass ein ablativ, etwa animis, ausgefallen und so zu lesen ist: 
respiciunt animis cervicosis caecis erectis, oder vielleicht mit rück- 
sicht auf 473 : caecis superbis. Den unterschied zwischen plan- 
losem umhertasten und methodischer emendation hätte Leimbach 
v. 802 sehr wohl empfinden können, wo er ohne rücksicht dar- 



92 39. Cornelius Nepos. Nr. 2. 

auf, dass im carmen fast immer die cäsur nach der dritten arsis 
eintritt, sehr selten die nach der zweiten und vierten arsis ver- 
bunden, andere fälle aber mit ausnähme offenbar corrupter verse 
nicht vorkommen, folgenden vers zu stände bringt: ecce iänua 
pülsat-är et cogitur ipsa , der ausserdem einen sehr schlechten, 
auch von Commodian gemiedenen anfang hat. Ebert dagegen 
schreibt zufolge einer an Leimbach ergangenen mittheilung statt 
des handschriftlichen ecce ianua pulsat eben mit rücksicht auf 
die cäsur durchaus richtig : ecce idm ianudrn pulsat. Aus dem 
gesagten wird ersichtlich sein, dass wir philologen es nicht sehr 
zu bedauern haben , wenn Leimbach auf seine ursprüngliche 
absieht verzichtet hat , das ganze gedieht auf's neue zum ab- 
druck zu bringen. 

39. Cornelii Nepotis quae supersunt. i Apparatu critico 
adiecto edidit Carolus Halm. 8. Lipsiae in aedibus B. G. 
Teubneri. MDCCCLXXL 136 pp. 24 gr. 

Nicht vielen alten autoren ist es beschieden gewesen, im 
laufe weniger jähre zwei so bedeutende herausgeber zu finden, 
wie sie dem unbedeutenden Nepos in Nipperdey und neuerdings 
in Halm zu theil geworden sind. Denn obgleich die jüngste 
ausgäbe sich nur als Sammlung des kritischen apparats 
ankündigt, so gibt sie doch eine selbständige recogni- 
tion des textes, wie sich von Halm nicht anders voraus- 
setzen liess. Die kritische grundlage , welche von Roth und 
Nipperdey festgestellt worden ist , hat auch der neue heraus- 
geber nicht erschüttert ; vielmehr sucht er den von Roth ans 
licht gezogenen und von Nipperdey zuerst verwertheten Par- 
censis noch strenger zur richtschnur bei der constituirung des 
textes zu nehmen. Daneben kommen noch namentlich der Gu- 
dianus und Sangallensis, sowie die Ultraiectiua in betracht; von 
dem codex des Collegium Romanum stand eine collation von 
A. Wilmanns , von einer 1482 zu Ulm geschriebenen münche- 
ner handschrift wahrscheinlich eine eigene collation zu geböte. 
Im Atticus sind auch die lesarten eines Haeneüanus mitgetheilt. 
Leider aber hat es Halm unterlassen , prolegomena über das 
gegenseitige verhältniss und den relativen werth der Neposma- 
nuscripte zu geben , so dass seine bearbeitung, die doch zu- 
nächst , wie auch die beigefügte sylloge der fragmente 



Nr. 2. 39. Cornelius Nepos. 93 

zeigt , eine abschliessende sammelausgabe sein will , nun doch 
die kenntnissnahme der abhandlungen von Roth im Aemilius 
Probus p. 207 — 257 uud im Rheinischen Museum VIII, 626— 
639 , ferner der andeutungen von Nipperdey vor seiner text- 
ausgabe (1867) und von Vischer im Philologus XXVI, 706 — 
707 voraussetzt ; wenn die einzelnen lesarten entsprechend ge- 
würdigt werden sollen. In merklich höherem grade als Nip- 
perdey gönnt Halm der emendation Spielraum, was der jun- 
gen und fehlerhaften Überlieferung gegenüber gerechtfertigt ist. 
In der aufnähme eigener vermuthungen ist jedoch Halm zu- 
rückhaltend gewesen. Zwar wird in den kritischen noten eine 
nicht geringe zahl mitgetheilt , die zum grössern theile mit ge- 
linden mittein die latinitat in einer weise herstellen , dass man 
wünschen möchte, Nepos habe so und nicht anders geschrieben; 
aber in den text sind nur verhältnissmassig wenige conjecturen 
Halm's aufgenommen. Diese im einzelnen anzuführen oder gar 
zu besprechen ist an dieser stelle nicht möglich. Es sollen da- 
her nur zwei punkte, in welchen man anderer meinung als 
Halm sein kann , erörtert werden , nemlich die frage der 
transpositionen und der glosseme. 

Gegen die von anderen vorgeschlagenen Umstellungen 
hat sich Halm ablehnend verhalten ; uud doch scheinen folgende 
stellen durch transposition richtig gebessert zu sein : Them. 1. 
4. 10, 3 von Dederich, Arist. 2, 2 von Kellerbauer, Alcib. 1, 
3 vom ref. (Philol. Anz. II, 448), Epam. 10, 1 von Puteanus, 
Euro. 11, 3 von Nipperdey, 11, 5 von Bosius, Phoc. 2, 5 von 
Bremi, Hann. 10, 2 und Att. 18, 5 von Fleckeisen. Einige 
andere stellen bedürfen noch einer transposition, wie hier ge- 
zeigt werden soll: Dion. 7 , '6 id eiusmodi erat, ut , cum milites 
reconciliasset, amitteret optimates, quarum verum cura frangebatur et 
insuetus male audiendi non animo aequo ferebat, de se ab iis male 
existimari, quorum paulo ante in caelum fuerat elatus laudibus . 
vulgus autem offensa in eum militum voluntate liberius loquebatur 
et tyrannum non fercndum dictitabat. Die letzten zeilen sprechen 
von der ungünstigen Stimmung der Soldaten gegen Dion so un- 
befangen, als ob nicht kurz vorher das gerade gegentheil aus- 
gesagt wäre, dass nemlich Dion durch seine contiscationen und 
largitionen die soidaten für sich gewonnen habe. Nun ist al- 
lerdings ein plötzlicher Umschlag dieser günstigen Stimmung 



94 39. Cornelius Nepos. Nr. 2. 

der truppen in das entgegengesetzte verhältniss leicht möglich ; 
dann würde aber doch Nepos wahrscheinlich auf den gegensatz 
der gereizten haltung gegenüber der früheren ergebenheit auf- 
merksam gemacht und dadurch auch den schein eines Wider- 
spruchs vermieden haben. Bedenkt man nun noch — was 
übrigens nicht von besonderem gewicht ist — dass mit aus- 
nähme des Romauus die guten handschriften Ms (Parc. hiis) bie- 
ten, wodurch die beziehung des pronomen auf optimales auch 
ohne erläuternden relativsatz verständlich ist , so wird sich fol- 
gende Ordnung der sätze empfehlen : id eius modi erat, ut, cum 
milites reconciliasset , amitteret optimates . quarum verum cura 
frangebatur et insuetus male audiendi non animo aequo ferebat, de 
se ab his male existimari . vulgus autem offensa in eum militum 
voluntate, quorum paulo ante in caelum fuerat elatus 
laudibus , liberius loquebatur et tyrannum non ferendum dictita- 
bat. — Durch den hinblick auf den zuletzt angeführten satz 
erscheint noch an einer anderen stelle eine transposition ange- 
zeigt, die .sich jedoch auf die Versetzung von zwei Worten be- 
schränkt. Da es nemlich nur vom pöbel heisst, dass er in 
Dion den unerträglichen tyrannen sah , während von den Sol- 
daten nur berichtet wird , dass ihre geneigtheit gegen den herr- 
scher einen stoss erlitten habe {offensa in eum militum vo- 
luntate) : so wird auch 8 , 2 statt der überlieferten Wortfolge 
propter offensionem populi et odium militum zu lesen sein : propter 
odium populi et offensionem militum. Dadurch wird auch 
die richtige beziehung des folgenden quod auf periculum deut- 
lich, die vorher durch das neben quod stehende neutrum odium 
verdunkelt war. Dass odium mit populi und nicht mit militum 
verbunden sei, wird auch 10, 2 vorausgesetzt, wo es heisst: 
nam qui vivum eum tyrannum vocitarant [cf. 7, 3 vulgus . . ty- 
rannum non ferendum dictitabat] , eidem liberatorem patriae tyran- 
nique expulsorem praedicabant . sie subito misericordia odio succes- 
serat. — Att. 13, 4 neque tarnen horum qucmquam nisi domi 
natum domique factum habuit: quod est signum non solum conti- 
nentiae , sed etiam diligentiae . nam et non intemperanter coneu- 
piscere , quod a plurimis videas , continentis debet duci , et potius 
diligentia quam pretio parare non medioeris est industriae. Da die 
begriffe continentia und diligentia im folgenden erläutert werden, 
so sind die worte continentis debet duci ebenso natürlich, als der 



Nr. 2. 39. Cornelius Nepos. 95 

schluss non mediocris est industriae unerträglich ist. Hier müsste 
diligentiae eingesetzt werden , selbst wenn der Zusammenhang 
keine erklärung für die ersetzung dieses begriffs durch indu- 
striae in den handschriften böte. Nun ist aber diligentia an 
einer anderen stelle des satzes überliefert, wo industria ebenso 
gut passt. Die Umstellung beider begriffe ist demnach ein sehr 
gelindes mittel, um die richtige Ordnung der gedanken herzu- 
stellen. Man lese also: . . . continentis debet duci, et potius 
industria quam pretio parare non mediocris est diligentiae. — 
Kühner und darum nur mit vorbehält zu weiterer erwägung 
vorzulegen ist eine transposition Att. 13 , 7 atque hoc non au- 
ditum, sed cognitum praedicamus. Diese worte bieten zunächst 
keinen anstoss. Aber im vorausgehenden satze ist scimus als 
überflüssig und ungehörig von Bosius erkannt und von Halm 
ausgeschieden worden ; doch bleibt das bedenken , was denn 
durch scimus glossirt worden sei. Eine lösung ergibt sich durch 
die annähme, dass das verbum aus dem folgenden sich hieher 
verirrt habe und dass in folge der auslassung von scimus an 
seiner richtigen stelle die worte des betreffenden satzes so 
geordnet wurden , wie unsere Überlieferung sie aufweist. Ur- 
sprünglich aber würde der satz gelautet haben: atque hoc non 
auditum praedicamus , sed cognitum scimus. — Eine 
transposition hat Ziuk vorgeschlagen Thras. 1, 4, wo die Über- 
lieferung lautet: sed illa tarnen omnia communia imperatoribus cum 
militibus et fortuna, quod in proelii concursu abit res a consilio ad 
vires vimque pugnantium . itaque iure suo nonnulla ab imperatore 
miles, plurima vero fortuna vindicat. Statt der unhaltbaren worte 
ad vires vimque pugnantium, die weder durch die von Halm an- 
genommene conjectur Lambins virtutemque } noch durch Madvig's 
Vorschlag usumque emendirt sind, hat Ziuk geschrieben: ad vires 
pugnantium vimque fortunae. Die einsetzung von fortunae er- 
scheint nothwendig, wenn man den folgenden satz erwägt ; aber 
in Verbindung mit einer Umstellung ist die einfügung eines di- 
plomatisch gar nicht angedeuteten wortes zu gewaltsam , zumal 
da die Verbindung vimque pugnantium mit Heerwagen als mög- 
lich anerkannt werden muss. Man wird aber ohne transposition 
mit änderung eines buchstabens auskommen, indem man schreibt: 
ad vices fortunae vimque pugnantium. Die zurückbeziehun" - der 



96 39. Cornelius Nepos. Nr. 2. 

folgenden begriffe miles und fortuna ist hier cbiastisch geordnet, 
was auch sonst dem usus des Nepos nicht fremd ist. 

Viel unbedenklicher als mit der durchführung von trans- 
positionen zeigen sich die herausgeber des Nepos überhaupt und 
insbesondere Halm mit der annähme von glossemen und 
interpolationen. Wenn Halm fast zweimal so viele glosseme 
bezeichnet hat, als einst Fleckeisen annehmen wollte , so kön- 
nen wir nicht überall beipflichten, da wir vom Schriftsteller Ne- 
pos eine geringere meinung haben. Stellen wie Milt. 3, 2; 
Cim. 3, 1 ; Con. 3, 3 scheinen uns mit der Schreibart des Ne- 
pos nicht im Widerspruch zu stehen. Manches , was wirklich 
ungehörig ist und daher von Halm ausgeschieden wird , lässt 
sich durch transposition beseitigen , worauf schon im vorausge- 
henden zu Epam. 10, 1; Eum. 11, 5; Phoc. 2, 5 hingewiesen 
worden ist. Hie und da kann man, wo Halm ein glossem zu 
erkennen meint, bei der bekannten breite im stile des Nepos 
eher an eine lücke denken, z. b. Paus. 3, 3 aditum petentibus 
conveniundi non dabat, wo Halm conveniundi als glossem expun- 
girtj während wir vermuthen, dass veniam nach veniundi ausge- 
fallen sei und dass demnach geschrieben werden müsse : con- 
veniundi veniam non dabat. Manches hat wiederum weder 
Halm noch, soweit wir wissen, ein Vorgänger angetastet, was 
unseres bedünkens dem rbetor Nepos kaum zugemuthet werden 
darf und als interpolation auszuscheiden ist. Arist. 2 , 2 neque 
aliud est ullum huius in re militari inlustre factum quam huius im- 
perii memoria, iustitiae vero et aequitatis et innocentiae multa. Die 
worte et aequitatis scheinen von einem leser interpolirt zu sein, 
welcher, da er in dem reste des capitels ausser der iustitia auch 
die aequitas erwähnt fand, diesen begriff auch in obiger stelle 
für nöthig hielt, weil er nicht beachtete, dass im folgenden iu- 
stitia und aequitas nur als synonyme bezeichnungen für einen 
und denselben begriff verwendet sind, wie auch cap. 3 der be- 
griff innocentia durch abstinentia variirt wird. — Eum. 8, 1 
Hie in Paraetacis cum Antigono conflixit, non acie instrueta, sed in 
itinere, eumque male aeeeptum in Mediam hiematum coegit redire. 
Es ist ebenso sachgemäss, dass von einem feldherrn gesagt 
wird, er habe seinen gegner zum rückzug in ein anderes gebiet 
gezwungen , als es sinnwidrig ist zu sagen , er habe den feind 
zurückgedrängt, damit dieser in den Winterquartieren ruhe 



Nr. 2. 40. Tanzkunst. 97 

finde. Dies lassen aber die handscbriften und ausgaben den 
autor sagen, indem sie schreiben: hiematum coegit redire. Es 
muss daher hiematum gestrichen werden , mag es nun aus der 
folgenden zeile, wo es in anderem zusammenhange richtig steht, 
auch oben in den text gerathen sein, oder mag eine bewusste 
interpolation stattgefunden haben , indem ein leser der worte 
§. 4 ex Medis , ubi ille hiemabat , diese geistreiche bemerkung 
schon bei der ersten gelegenheit angebracht wissen wollte. — 
Doch wir brechen ab , ohne diesen aphoristischen bemerkungen 
weiteres hinzuzufügen. Halms kritische methode bedarf unseres 
lobes so wenig als seine ausgäbe unserer empfehlung. 

A. B. E. 

40. Die tanzkunst des Euripides von Hermann Buch- 
holtz. 8. Leipzig, Teubner. 1871. VIII und 190 s.— 20 gr. 

Ueber die tanzbewegungen, von denen die aufführung grie- 
chischer tragödien begleitet war, haben schon August Böckh 
und Otfried Müller viele interessante aufschlüsse gegeben. Aber 
eine geraume zeit ist seit dem erscheinen ihrer Schriften ver- 
strichen und bedeutend hat sich unterdess die philologische lit- 
teratur vermehrt. Während früher Müllers Eumeniden, Böckhs 
Pindar und Antigone als die hauptsächlichsten , um nicht zu 
sagen einzigen werke über metrische und dramatische fragen 
von jedem philologen zu rathe gezogen wurden, sind jetzt, zu- 
mal was die metrik betrifft, bequemer eingerichtete und leichter 
zu beschaffende bücher an ihre stelle getreten, in denen das 
dort gebotene nach den verschiedensten seiten hin verwerthet 
und ausgebeutet ist. Das dort über den tanz gesagte jedoch 
drohte in Vergessenheit zu gerathen. Gewiss ist es darum eine 
zeitgemässe aufgäbe, auch was über die tanzbewegungen im 
antiken theater theils durch jene männer ermittelt ist, theils 
sich durch erneute forschung feststellen lässt, zu einem gesammt- 
bilde zu vereinigen. Was der Verfasser in dem oben genannten 
buche schildert, ist auch nicht sowohl die specielle praxis des 
Euripides, als vielmehr die griechische orchestik überhaupt. 

Sicheren boden findet die forschung nach orchestischer dar- 

stellung zunächst an den anapästischen marschliedern. 

Man braucht ja nur die ausdrücke -dioig niedersetzen, ägctg 

aufheben des fusses, novg aufsetzen eines, dmoöCa (auch ßdaig 

Philol. Anz. IV. 7 



98 40. Tanzkunst. Nr. 2. 

oder passus) aufsetzen zweier füsse genau anzusehen, um zu 
wissen, wie viele silben sowohl bei den kriegsmärschen der spar- 
tanischen kampfer als bei den friedlichen aufzögen der atheni- 
schen choreuten je auf einen schritt kamen. 

Den nächsten anhält findet sodann der verf. an dem eph- 
hymnion der päane. Betrachten wir die über den trochaios 
semantos und den spondeios der alten processionslieder erhal- 
tenen notizen in Verbindung mit den in tanzlieder der tragödie 
regelmässig eingestreuten spondeischen anrufungen der gottheit, 
so wird es uns zur gewissbeit, dass jene rufe , die das eigent- 
liche wesen des päan oder gebetliedcs ausmachten, aus lauter 
langgedehnten silben wie unsre choralnoten bestanden , und 
denkt man sich diese schwerwiegenden silben mit tanzschritten 
verbunden, so wird man gerne mit dem Verfasser an besonders 
starke tritte für solchen refrain denken. Dieser refrain, wie er 
ausser im cult des Apollon auch in dem anderer götter, beson- 
ders des Pan und Dionysos erschollen sein soll, lautete nach 
Buchholtz lrj nuu'jwv. Derselbe citirt dafür den homerischen 
hymnus auf Apollon v. 182 (wir fügen bei: Kallimachos auf 
Apollon v. 21. 97. 103. Apollonios Argonaut. 702) und misst 
ihn als katalektischen anapästischen trimeter oder prosodiakos, 
und nimmt an , dass dabei je ein starker tritt auf die beiden jj 
und ein schwächerer auf die schlusssiibe gekommen sei. So 
sollen jene kretischen männer geiufen und getanzt haben, die 
sich Apollon nacb der erzählung des homerischen hymnus zu 
priestern in Delphi auserseben. Hier müssen wir jedoch wi- 
dersprechen, indem wir daran erinnern, dass der im delphischen 
culte eingebürgerte päansruf jedenfalls nicht im ionischen, son- 
dern im dorischen dialekt eesuugen wurde, so dass er vielmehr 
ir] nuiüv lautete. So lautete in der that auch der refrain des 
auf Lysander gesungenen päan (Plut. Lys. 18), und dasselbe 
ist der Wortlaut des ephhymnion bei Athenäos 15, 52 (vgl. 
ebd. 62), Terentianus Maurus 15, 91, Macrobius Sat. 1, 17, 17. 
Andere Schriftsteller weichen zwar im Wortlaute etwas ab; doch 
auch bei ihnen bleibt jener ruf viersilbig 1 ), ist also kein tri- 



1) Bei Athenäos 15, 62 gibt Klearch von Soloi den refrain in 
der form Oj i\uu>Lv , ebenso Aristophanes im Frieden 453 (vgl. Ritter 
406). Nach Heraklides Pontikos in der eben angeführten stelle des 
Athenäos lautet der ruf : i>) mawv, Ir, rtcawv, itj Tiaiüy. Claudian. praef. 



Nr. 2. 40. Tanzkunst. 99 

meter, sondern ein dimeter. Wir können demnach dem verf. 
nicht recht geben, wenn er (zum theil schon 1864 im Cottbuser 
programm de Euripidis versibus anapaesticis) alle in ausschliess- 
lich langen silben gehalteneu anrufungen einer gottheit auf 
fünfsilbiges mass bringen möchte. In den Trachinierinnen 221 
lu> toi Uuiuv und im Aias 693 tut tu) Uav Tläv ergeben sich, 
je nachdem man tut einsilbig oder (was weniger wahrscheinlich) 
zweisilbig fasst, entweder vier oder sechs silben. Sechssilbige 
rufe finden sich zweimal im Ion. 125 f. und in den Hiketiden 
des Aeschylos 162, ein achtsilbiger im Philoktet 829. Im Ion 
907 und den Phönissen 246 ist die fiinfzahl der silben minde- 
stens zweifelhaft. Die ansieht von der ausschliesslichen herr- 
schaft des katalektischen prosodiakos in allen päanen ist wohl 
damit genügend widerlegt, und wir glauben der Zustimmung der 
leser gewiss zu sein , wenn wir als die im päau auf Apollon 
ursprünglich übliche formel die worte ?/) IJaiüv bezeichnen. Sie 
bildeten vermuthlich den gedehnten orthischen rhythmus, nach 
analogie dessen Terpander den trochaios semantos bildete (Plut. 
de mus. 28). 

Wirklich gebraucht aber wurde der von Buchholtz so sehr 
in den Vordergrund gestellte katalektische prosodiakos in den 
nomen des Olympos, jenes Phrygiers, auf dessen namen nicht 
nur die einführung der asiatischen flöte in den Peloponnes, son- 
dern noch manch andere musicalische neuerung zurückgeführt 
wird. Für die nomen dieses musikers hat der verf. das vor- 
kommen jener silbenreihe erwiesen durch eine recht scharfsin- 
nige combination mehrerer stellen Plutarchs de musica, durch 
welche zugleich auf eine andre metrische frage überraschendes 
licht fällt. 

Nach Plutarch cap. 33 hat Olympos, nach demselben in 
cap. 28 hat auch Archilochos im eingang von liedern, die sich 
im weiteren verlauf iambisch oder trochäisch gestalteten , den 
Huiwv imßuzög angewandt, jenen aus fünf langen silben (Aristid. 
Quint. 38, 34) bestehenden rhythmus, den man bisher kretisch 
oder fünftheilig messen zu müssen glaubte. Nun berichtet aber 
Glaukos, Plutarchs (c. 10) bester gewährsmann, päonen und 

in Rufin. 11 gibt io Paean. Nach Hesychios v. wva^ wäre vielmehr 
(oi'ßl lhauy die form des rufes gewesen; so steht auch im rasenden 
Herakles 820. 

7* 



100 40*, Tanzkunst. Nr. 2. 

kretischer rbythmus seien von Archilochos noch nicht gebraucht 
worden, erst Thaletas , des letzteren schüler habe solche rhyth- 
men in anwendung gebracht. Also — schliesst Euchholtz mit 
recht — kann der von älteren dichtem angewandte päon epi- 
batos kein kretischer rhythmus sein. Der Phryger Olympos 
hat aber nach Plutarch 29 den ngoaoduixog erfunden und in 
seinem nomos auf Ares gebraucht, nach einer stelle in den 
scholien zu Pindar hat er in eben diesem nomos den nqooodiu- 
xbg nouciv angewendet. Auch für Archilochos ist der gebrauch 
des prosodiakos von Plutarch bezeugt. Was wird also der 
imßuTog naiwv anderes sein als der beim hintreten zum altare 
gesungene päan, der bei anderen jiQo6odiuy.be nutdv oder 
schlechtweg ngoGodiuxog heisst? 

Das von uns dem apollinischen päan abgesprochene me- 
trum ist also durch jene aus Asien stammende schule aller- 
dings in Griechenland heimisch geworden und Archilochos hat 
dasselbe angewandt. Ob auch Terpander, der in Delphi am 
meisten begünstigte sänger des kilharodischen nomos , sich des- 
selben bedient, ist zweifelhaft. Plutarch erwähnt mit keiner 
silbe eines prosodiakos bei jenem Lesbier. Aber für das feier- 
liche Ziv nuvTCüv ag^d müssen wir gestehen, dass uns keine 
andre abtheilung besser zusagt als die in je fünf silben. Es 
ist natürlich, dass, nachdem durch Olympos, Archilochos und 
andre das fünfsilbige ephhymnion sanktionirt war, dasselbe 
auch in der tragödie 2 ) nicht verpönt ist. Was wir oben leug- 
neten , war ja nur die ausschliessliche herrsebaft der fünfsil- 
bigen formel. 

Wir glauben, dass Buchholtz manchmal besser gethan Latte, 
das über bestimmte gegenden , religionen oder dichtgattungen 
tiberlieferte schärfer zu sondern und vor Vermischung zu be- 
wahren. Besonders ist das der fall, wenn wir lesen, was p. 
71 ff. über entstehung des dithyrambos gesagt ist. Auch 

2) Sicher gehört hieher w ßa yas nal Ztv Aesch. Hiket. 892, 
vielleicht auch 890, wenn dort wirklich ßoav einsilbig zu messen, 
äggyf dgofnov im König Oed. 454, iv yn xgovovaat Iph. in Aulis 1043, 
ßiix/ut y.ttö'fjttlai, Bakch. 1160, auch wohl fttai t' w Wolga* Eumen. 961, 
wo freilich der auftakt eine kürze. Weniger passen die worte vaiov 
ovgiyywy Ion. 498 zu einem ephhymnion. Dagegen ist der prosodiakos 
bei Hephästion 7 'l^t Bcuop wohl zu beachten, vielleicht ist das 7^«« 
jAUt Ilatd» im König Oed. 154 dichterische ausschmückung dieses 
bekannten anrufs. 






Nr. 2. 40. Tanzkunst. 101 

dieser gesang nämlich soll aus dem iepäeon hervorgegangen 
6ein. Aber ist es denn wahrscheinlich, dass die art und weise, 
in der die nordischen Thraker den stürmisch betäubenden wein- 
gott anriefen, mit der in Kreta und dem Peloponnes herrschen- 
den Verehrung des mild erleuchtenden Apollon auch nur das 
geringste gemein hatte? Während im Peloponnes und in Delphi 
die aus Asien gekommenen kü'nstler sich abmühten unter den 
starr am hergebrachten klebenden Doriern neuen formen wie 
dem prosodiakos berechtigung zu verschaffen, sollte da nicht 
im norden Griechenlands völlig unabhängig von jenen formen 
und neuerungen Dionysos in einer seinem wesen entsprechenden 
weise verehrt worden sein? Und auch in jenen nördlichen ge- 
genden fehlte es nicht an Jüngern der kunst, die berufen wa- 
ren den im volksmund hergebrachten weisen festere fügung und 
schönere form zu geben. Gerade in jenen gegenden waren ja 
die Musen heimisch und die namen Orpheus und Thamyris 
bürgen dafür, dass es ihnen dort weder an gehorsamen noch 
an widerstrebenden sängern fehlte. Dass die dorische Apollo- 
verehrung mit dem thrakisch-thessalischen Dionysoscultus zumal 
in bezug auf den tanz nichts gemein hat, beweist schon die 
thatsache, dass der spartanische chor immer im viereck stand, 
während der dithyrambische einen kreis bildete (Buchholtz p. 
75. 83). Von der letzteren art werden gewiss immer die tanze 
gewesen sein, welche die muntere jugend , sei es zur eigenen 
belustigung oder zum dienste einer fröhlichen gottheit wie Dio- 
nysos , unter dem schalle der jedermann geläufigen lyra auf- 
führte. So drehen sich in der nach Klemens urtheil interpo- 
lirten stelle der Ilias 18, 594 Jünglinge und mädchen in lustigem 
ringeltanze älXftwv inl xuontn x^Q a S f^ovref. Wenn auch 
Apollon im homerischen hymnus v. 182 ff. bei einem ähnlichen 
tanz betheiligt gedacht wird, so ist er da nicht als der ernste 
delphische gott, sondern rein menschlich aufgefasst, und es will 
uns gar nicht nöthig erscheinen, dass er dabei , wie Buchholtz 
p. 73 meint, „die das ganze weihenden schritte" (des iepäeon) 
thue. In den bei Homer geschilderten kreistänzen werden wir 
also nicht „ebensowohl Vorboten des dithyrambos als des ver- 
vollkommneten päan" erkennen, sondern werden vielmehr fest- 
halten, dass der im Dionysoscult zum dithyrambos ausgebildete 
rundtanz etwas wesentlich anderes sei als der päan und die aus 



102 40. Tanzkunst. Nr. 2. 

ihm hervorgegangenen ernsten chorgesänge. Beim kitharodischen 
nomos, bei den apollinischen prosodien, auch bei festzügen zum 
altare anderer ernst erhabener götter wie z. b. der Athene, 
erklang im gegensatze zur begleitung jener harmlosen tanze 
die grosse mit prunkenden zierrathen versehene kithara (vgl. 
den parthenon-fries), deren spiel besondere ausbildung erforderte. 

Erhaben und feierlich waren diese gesänge , ruhig gemes- 
sen und nicht im kreise wirbelnd die bewegungen der füsse. 
Etwas lebhafter zwar wurden die rhythmen , als an stelle der 
spondeen und anapästen der kreter Thaletas seine kreti- 
schen maasse in den gymnopädien und pyrrhichien zur gel- 
tung brachte; aber auch bei ihm drehte sich der chor nicht im 
kreise , er stand sich vielmehr in reihen gegenüber (so auch 
Buchholtz p. 59 ff.). Die bewegung war dabei die , dass bei 
der ersten länge ein fuss vorwärts stark aufgesetzt, bei der 
kürze der andre fuss nur nachgezogen, nicht vorgesetzt wurde, 
Während bei der zweiten länge wieder derselbe fuss wie zuerst 
vortrat. Der nächste kretiker wurde sodann mit dem bisher 
zurückstehenden fusse angetreten. So nimmt Buchholtz p. 61 
gewiss mit allem rechte an. Wenn er nun aber verlangt , dass 
nach jedem versfusse die tanzenden einen augenblick ruhig ste- 
hen sollen, so erscheint uns dies sehr bedenklich. Unmöglich 
darf doch ein kretiker, dessen Hauptmerkmal die fünf moren 
sind, durch eine pause zum ditrochäus verlängert werden. Ein 
ritardando aber, ein aufheben des taktes nach jedem versfusse 
will uns ebensowenig in den sinn. Wir wissen nicht, wie wir 
uns jenes ruhig stehen denken sollen , ohne dass der rhythmus 
vollständig zerstört wird. 

Von den ruhigen anapästen gehören je zwei zu einer ßuffig 
oder einem doppelschritt , ebenso verhält es sich bei iamben 
und trochäen. Es wird also bei diesen metreu auf die kürze 
kein niedersetzen des fusses kommen, der tänzer schreitet, 
er tanzt eigentlich nicht. Ein kretiker aber bildet schon alleiu 
eine ßdoig, da bei ihm auch auf die kürze ein fuss niederge- 
setzt wird ; die bewegung ist also lebhaft, nicht gehend, sondern 
hüpfend. Kretiker und ebenso daktylen werden im gegensatz 
zu jenen erstgenannten metren nicht geschritten, sondern ge- 
tanzt. Hier kommt auch auf jede kürze ein kleiner schritt, 
so löst sich auf höchst plausible weise das räthsel, warum ana- 



Nr. 2. 40. Tanzkunst. 103 

pästen dipodisch, daktylen monopodisch gemessen werden (p. 
102 f.). Weniger sicher als diese sätze ist wiederum des verf. 
ansieht über den tanz bei aufgelösten längen. Es soll 
nämlich immer, wo zwei kürzen statt einer länge stehen, ein 
und derselbe fuss zweimal rasch hintereinander aufgetreten ha- 
ben und dadurch eine hastige unruhe durch den tritt sowohl 
wie durch das wort ausgedrückt worden sein. Dieselbe auffas- 
snng findet sich an verschiedenen stellen des buchs bei den 
verschiedenartigsten metren wieder und es lässt sich nicht leug- 
nen, dass die dafür beigebrachten beispiele etwas bestechendes 
haben , indem sich manche dichterische Schönheit durch solche 
auffassung nachweisen lässt (p. 107 f. 136). Aber für alle 
beispiele von auflösungen kann dieser trippeltritt unmöglich an- 
gewendet worden sein, (man nehme Ant. 159 ort cvyxXrjTov 
rrjvde ytQOPTwv 7rgov&sro Xißxqv oder ein beliebiges andres 
beispiel), das fühlt wohl der verf. selbst p. 106 und 111. Es 
wäre doch auch zu auffallend, wenn man auf die beiden kürzen 
des anapäst und ebenso auf die kürze des iambus gar keinen 
vollen schritt gemacht, auf jene illegitimen kürzen dagegen im- 
mer gewissenhaft zwei schrittchen gebracht hätte. Da der 
dichter selbst auch den tanz zu seinem stück einübte, so wird 
er wohl die fälle, in denen auflösungen mit dem fusse zu mar- 
kiren waren, jedesmal angegeben haben ; immerhin aber können 
fälle der art nur eine ausnähme, nicht die regel gebildet haben. 
Was den tanz der iamben und trochäen betrifft, so 
wurde da natürlich immer auf der rationalen länge ein fuss nie- 
dergesetzt, und zwar begann, wenn iambische trimeter getanzt 
wurden , der rechte fuss : das erfahren wir aus Marius Victori- 
nus. Der trochäus ist, wie schon sein name andeutet, zu hastig 
laufenden schritten geeignet, das sagt besonders deutlich die 
fortsetzung des vom verf. nur zum theil benutzten scholion der 
Acharner 204. Oft soll er ein mühevolles weiterstreben be- 
gleiten, bei dem der gehende grosse anstrengungen macht und 
wenig vom flecke kommt, und dies erscheint in der that nicht 
unpassend für das heraneilen des kranken Philoktet. Ein sol- 
cher eindruck wird um so leichter erreicht, wenn, wie Buch- 
holtz annimmt, der einmal vorgesetzte rechte fuss immer der 
vorgeschobene blieb , während der linke beim zweiten , vierten 
u. s. w. versfuss zwar nachgezogen , nicht aber dem rechten 



104 40. Tanzkunst. Nr. 2. 

wirklich vorgesetzt wurde. Bei ruhigen tanzen, meint der verf., 
wäre dann immer derselbe fuss der vorgeschobene geblieben, 
bei fröhlicheren, lebhafteren habe man dagegen öfter mit dem 
vorgeschobenen fusse gewechselt. Erst im zehnten capitel, das 
von dochmien und anderen lebhaften rhythmen handelt, gibt er 
zu, dass auch zuweilen im iambus und trochäus auf die kürze 
ein fuss niedergesetzt sein könne. Diese lebhaftere tanzart mag 
wohl nicht ganz selten gewesen sein. 

Nachdem wir oben im Widerspruche mit der meinung des 
verf. angenommen haben , dass bei auflösuDg einer länge die 
füsse der tanzenden in der regel nicht betheiligt , also von der 
bewegung der zunge und lippen emancipirt waren, sei hier noch 
eines anderen damit verwandten falles erwähuung gethan. Es 
kann keinem zweifei unterliegen , dass wenn in den marschlie- 
dern der parömiakos eintrat, die vorletzte silbe zu vier moren 
gedehnt wurde, ohne dass die bewegung der füsse darum eine 
Verzögerung erlitt. War auf die vorletzte silbe der linke fuss 
niedergesetzt, so wurde während derselben auch noch der rechte 
erhoben und zur letzten silbe niedergesetzt. Derselbe fall tritt 
bei der katalektisch iambischen dipodie ein. Bei einem vers 
wie ßovlsa&e Srjia xoivfi muss zur vorletzten silbe nicht nur 
der rechte fuss aufgesetzt, sondern auch noch der linke erhoben 
worden sein, um zur schlusssilbe wieder niedergesetzt zu wer- 
den. Das wird uns Buchholtz und jeder andre leser gewiss 
sofort zugeben. 

Da die Choriamben zu den lebhaftem rhythmen zählen, 
wird man sich gerne in ihnen auf jede silbe einen fuss nieder- 
gesetzt denken. Dasselbe ist der fall bei den dochmien, 
deren namen Buchholtz aus den schräg nach der seite hin füh- 
renden tanzschritten erklären zu können glaubt. Der durch 
die Sprünge der Kybele - priester eingebürgerte ioniker wird 
ebenfalls so gedacht, dass auf jede kürze ein fuss auftritt. Der 
verf. lässt beim ionicus a minori zuerst mit beiden füssen einen 
kurzen anlauf nehmen , bei der ersten länge soll dann der 
rechte fuss (nach Eur. Bakch. 94, 3) einen kräftigen abstoss 
zum sprunge geben, bei der zweiten der andere fuss den kör- 
per auffangen. Die heftigkeit dieser bewegung wird in tanz 
und melodie zugleich gemässigt bei der anaklasis. 

Drei capitel, das sechste, eilfte und zwölfte sind dem tanz 



Nr. 2. 40. Tanzkunst. 105 

im attischen theater gewidmet. Im sechsten wird mit hülfe der 
aus Hesychios bekannten drei linien die gewöhnliche Stellung 
des tragischen chors in drei gliedern zu je fünf mann angege- 
ben, wie dies in der hauptsache schon in Müllers Eumeniden 
geschehen ist. Dass die choreuten sich unter einander ansehen 
sollen ohne der bühne oder den Zuschauern deu rücken zuzukeh- 
ren, veranlasst den verf. zu mehreren hypothesen. Alle laufen 
übrigens darauf hinaus, dass die choreuten, die durch eine 
schräg durchgezogene linie in eine rechte und eine linke ab- 
theilung gesondert sind , aus der frontstellung mit dem einen 
flügel eine viertel-, mit der andern eine dreiviertelwendung 3 ) 
nach der mitte zu machen. Sie sehen sich dabei allerdings an, 
zeigen aber auf dem einen flügel den Zuschauern, auf dem an- 
dern der bühne doch noch den grösseren theil des rückens. 
Uns kommt es wahrscheinlicher vor, dass die auf dem linken 
flügel stehenden zwei choreuten jeder reihe einfach rechtsum, 
die rechts stehenden einfach linksum machten und der mittlere 
mann einer jeden reihe entweder die bewegung der rechten 
oder der linken abtheilung mitmachte. So wurde zwar noch 
immer den am ende de-? halbkreises sitzenden Zuschauern von 
den zunächst stehenden choreuten der rücken gekehrt , den in 
der mitte des theatron auf den hauptplätzen sitzenden aber 
drehte niemand den rücken, und das scheint uns den gegebenen 
anforderungen genügend zu entsprechen. 

Das eilfte capitel zeigt uns den chor in bewegung. Nächst 
den eigentlichen tanzliedern oder hyporchemen bot dem chore 
am meisten gelegenheit zu entfaltung seiner tanzkunst die p a r- 
odos. Die möglichen bewegungen des chors zu der parodos 
der Phönissen werden p. 165 fi°. eingehend geschildert. Nach 
beendigung der Strophen und gegenstrophen der parodos zog 
sich der chor in seine grundstellung zurück, und zwar geschah 
dies, wenn der Chorführer oder einige wenige stimmen eine 
epodos zu singen hatten, so dass die rhythmen derselben ge- 
tanzt wurden; fehlte jedoch die epodos, dann begab sich der 
chor in ruhigen schritten ohne tanz an seinen platz. Während 
der stasima lässt der verf. die gesammtheit des chors den 
platz behaupten, nur einzelne choreuten führen, wie auch Müller 

3) Dieser ausdruck ist so zu verstehen , dass linksum als eine 
halbe Wendung angesehen wird. 



106 40. Tanzkunst. Nr. 2. 

annahm, bewegungen aus, wobei sie gegenseitig die platze tau- 
schen. Wie sich Buchholtz diese bewegungen im einzelnen 
denkt, zeigt er p. 170 ff. an dem ersten stasimon der PLönis- 
sen. Er gibt zu, dass sich dabei vieles immer wiederholte, 
während mannigfaltigkeit und neuheit der formen vielmehr in 
der parodos am platze gewesen sei. Für die stasima des Ae- 
schylos wird sich vieles jetzt genauer und sichrer bestimmen 
lassen, seitdem Westphal das gesetz von der nomos-artigen tri- 
chotomischen theilung derselben entdeckt hat. Von den hyp- 
orchemen der sophokleischen und euripideischen stücke gibt 
der verf. p. 93 nur einen allgemeinen überblick , da eine ge- 
naue beschreibung der tanzart gerade bei diesen liedern denn 
doch nicht möglich ist. Dagegen bespricht Buchholtz im letz- 
ten capitel seines buches noch zwei monodieen des Euri- 
pides, die eine ohne antistrophische responsion (Iph. Taur. 831), 
die andre mit einer solchen (Androm. 1173). Bei diesen stü- 
cken fällt das hauptgewicht nicht auf den tanz mit den füssen, 
sondern vielmehr auf die gesten der hände und arme, die sich 
aus dem gesprochenen schon mit ziemlicher Sicherheit entneh- 
men lassen. 

Nachdem wir den hauptinhalt des buches dargelegt mit 
hervorhebung gerade der Seiten , an denen wir etwas zu mä- 
keln fanden, sei jedoch der Wahrheit gemäss nun auch erwähnt, 
dass diese schrift unter dem vielen neuen das sie bietet auch viel 
des guten und richtigen enthält. Der verf. bekundet eine ge- 
naue bekanntschaft mit der gesammten poetischen litteratur der 
Griechen und ein feines vei*ständniss für die metrischen Schön- 
heiten derselben. Neben vielfachen hübschen einzelbemerkungen 
finden sich auch längere excurse über die metra einzelner lie- 
der oder dramatischer abschnitte. So ist besonders gut p. 77 
das hyporchem des Pratinas behandelt, aus den tragödien des 
Aeschylos nennen wir die parodos des Prometheus p. 111, aus 
Sophokles das tanzlied der Trachinierinnen p. 140, von Aristo- 
phanes den ersten chor aus dem Frieden p. 146, endlich von 
dem bevorzugten Euripides das auftreten der Hekuba und des 
Ion in den gleichnamigen stücken p. 103 und 108, sowie das 
tanzlied der Bakeken p. 140. Da trockener citatenkram ver- 
mieden, die darstellung dagegen fliessend und lebendig gehalten 
ist, liest sich das buch durchweg höchst angenehm. Gern ge- 



Nr. 2. Theses. 41. Neue auflagen u. s. w. 107 

steh ich aus demselben vielfache anregung und belehrung empfan- 
gen zu haben und möchte recht vielen lesern dasselbe wünschen. 

J. 

THESES quas ... in academia Friclericia Guilelmia Rhe- 
nana . . d. XX m. Ianuar. . . . publice defendet Carolus 
Rubel: 1. Vit. Getae 2, 1 pro „septenario" scribendum „ca- 
pite varia" ; — 2. Vit. Nigri 10, 9 pro ,,perniciem" scribendum 
„per vitam", pro ,,magis'" „minus"; — 3. Vit. Albin. 4, 1 ,,Vene- 
riae" scribendum est pro „anarbo" (cf. vit. Max. et Balb. 7, 6); 

— 4. Vit. Alex. Sev. 1, 7 „severat" corruptum est ex „crea- 
verat" ; — 5. Proelium Lngdunense a. 196 neque 197 commis- 
sum est; — 6. Auetor chronici Paschalis nisus est factis qui 
vocantur Idatiani ; — 8. Fidelissimus auetor belli Cautabrici 
Orosius ist. 

NEUE AUFLAGEN. 41. F. Ueberweg, grundriss der 
geschichte der philosophie der neuzeit. 3. aufl. 8. Berlin. 
Miller; 2 thlr. 

NEUE SCHUf/BUECHER. 42. Freund's schulerbiblio- 
thek. 1. abth. Präparationen u. s. w. Präparation zu Xeno- 
phons Memorabilien. 6. hft. 3. aufl. Leipzig. 16. Violet; 5 ngr. 

— 43. 0. Eichert, vollständiges Wörterbuch zu den ge- 
schichtswerken des C. Sallustius Crispus. 2. aufl. 8. Hanno- 
ver. Hahn; 12 ngr. — 44. H. Schmidt's u. W. Wen seh, 
Elementarbnch der griechischen spräche. 1. abth. 7. aufl. 
Halle. 8. Waisenhaus; 20 ngr. — 45. K. H alm, anleitung zum 
übersetzen aus dem deutschen ins griechische. 1. thl. 1. cur- 
sus. 9. aufl. 8. München. Lindauer; 12*/2 ngr. — 46. M. 
Seyffert, Palaestra Musarum. 1. thl. 7. aufl. 8. Halle. 
Waisenhaus; 15 ngr. — 47. G. Fischer, Übungsbuch zum 
übersetzen aus dem deutschen ins lateinische für mittlere gym- 
nasialclassen. 2. aufl. Besorgt von Dr. Otto Müller. 8. 
Braunschweig. Vieweg; 15 ngr. — 48. C. Wernicke, ge- 
schichte der weit. 1. thl. Geschichte des alterthums. 2. und 
3. lieferung. 5. aufl. 8. Berlin. Paetel; ä 5 ngr. 

BIBLIOGRAPHIE. Von den mittheilungen der verlags- 
handlung B. G. Teubner ist nr. 6 erschienen, in denen von 
A. Böckh's gesammelten kleinen Schriften der 6. bd. ange- 
kündigt wird, akademische abhandlungen aus den jähren 1836 — 
58 und bd. 7 recensionpn enthaltend; ferner Acta Socictatis phi- 
lologae Lipsiensis edidit Fr. Ritsch elius. T. I. fasc. II; Fr. 
Rühl die textesquellen des Justin fs ob. nr. 1, p.41); Claudiani 
carmina, recognovit Lud. Jeep, zur Bibl. Teubneriana gehörig. 



108 Bibliographie. Nr. 2. 

Neue erscheinungen sind: Max Müller, Essays, 3. bd., 
beitrage zur literaturgescbichte, biographie und alterthumskunde. 
Mit einem anhange : Briefe Bunsens an Max Müller aus den 
j. 1848 — 59. Aus dem engl, übertragen an F. Liebrecht. 
8. Leipzig. Engelmann; 2 tblr. 15 gr. — Catalogus codicum 
manuscriptorum bibl. regiae Monacensis. T. III. P. II, Codices 
latinos continens. Secundum A. Schmelleri indices composuerunt 
Car. Halm, G. Laubmann, G. Meyer. Tom. I, p. II, add. num. 
2501 — 5250 complectens. gr. 8. Müncben. Palm, in comm.; 

1 tblr. 20 gr. — Bei Fr: A. Brock haus ist von Er seh 
und Grubers allgemeiner encyclopädie sect. I. Bd. 91 er- 
schienen, von Grias-Grizi gebend. — Neuer verlag von S. Hir- 
zel in Leipzig aus dem jähre 1871 : enthält mancherlei philo- 
logisches; Mauke's verlag (H. Dufft) in Jena ermässigt den preis 
von M. Schmidt's ausgäbe des Hesychius, 5 bde, 4, auf 16 thlr. 

Cataloge von antiquaren: E. Carlebach in Heidelberg an- 
tiquarisches verzeichniss n. 31 (Sprachwissenschaft, heidelberger 
dissertationen), n. 32 (alterthumskunde, editt. Bipontinae); St. 
Boas in Frankfurt a. M. , verzeichniss n. 26, eine werthvolle 
Sammlung von werken aus dem gebiete der linguistik, klassi- 
schen philologie und alterthumskunde; bücher-anzeiger nr. 6 
von Graff und Müller in Braunschweig; Kirchhoff, und Wi- 
gand in Leipzig, antiquarisches bücherlager, nr. 332 (literärge- 
schichte); K. F. Köhler' s in Leipzig antiquarische anzeige- 
hefte nr. 230 (linguistik; mit ausschluss jedoch der werke die 
speciell griechische und lateinische spräche betreffen); 58. ver- 
zeichniss einer Sammlung bücher aus der philologie, alterthums- 
kunde u. s. w. , welche bei J. D. Meusel und söhn in Co- 
burg zu haben sind; 59. verzeichniss einer Sammlung bücber 
aus der theologie, pbilosophie und pädagogik, welche bei J. D. 
Meusel und söhn in Coburg zu haben sind; B. Seligsburg 
in Bayreuth, catalog nr. 129 des antiquarischen bücherlagers 
(geschichte); Ernst Wagner in Augsburg, antiquarische an- 
zeigen nr. 12; catalog 105 des antiq. bücherlagers von Frie- 
drich Wagner in Braunschweig (philosophie und pädagogik). 

Preisermässigungen zeigt St. Goar in Frankfurt am M. an 
von Ast Lexicon Platonicum, zu 6 thlr. 20 gr., dess. Piatonis 
Opera 11 voll, zu 7 thlr. 15 gr., Aristophanes von Enger zu 

2 thlr., Buttmann's Lexilogus zu 1 thlr. 10 gr., Dicaearch von 
H. Fuhr zu 20 gr. , Alexandri et Philemouis rell. von Mei- 
neke zu 1 thlr. 12 gr. , Valerius Cat. von Naeke zu 1 thlr. 
10 gr., Vitruv von A. v. Eode zu 2 thlr. 20 gi\, Sallust von 
Ger lach, 3 bde. 4, zu 2 thlr. 20 gr. 

Bücherauction am 20. märz in Leipzig, durch H. Francke, 
die bibliothek des weiland g.-dir. Jastrebzoff zu Dünaburg. 



Nr. 2. Kleine philologische zeitung. 1Ö9 

KLEINE PHILOLOGISCHE ZEITUNG. Bernb. Freyer's 
annoncenbüreau kündigt einen universal-zeitungs-catalog an, der 
ausser der eigentlichen zeitungsstatistik auch noch allerlei son- 
stige nützliche mittheilungen enthält, so eine illustrirte maass- 
und gewichtstabelle ; geheftet 15 gr. 

Ueber Schenkungen und begünstigungen der neuen biblio- 
thek zu Strassburg stellt mehres zusammen Börsenbl. nr. 11. 

Die französischen Zeitungen (s. unt. p. 112) haben schon 
länger es sich zum geschäft gemacht, lügenhafte berichte über 
Th. Mommsens verhältniss zum kaiser Napoleon zu verbreiten. 
Daher folgender brief, deu die Vossische zeitung mittheilt: 

Geehrter herr redacteur! 

Ich finde in der französischen correspondenz ihres heutigen blattes 
den auszug aus einem jetzt durch die pariser blätter die runde machen- 
den artikel, der mich betrifft. Demselben zufolge hat der krieg mich 
des mir von dem kaiser Napoleon für meine beihülfe (collaboration) an 
dem leben Cäsar's ausgesetzten jahresgehaltes von 10,000 fr. beraubt. 
Ich habe mich ferner nach dem frieden an herrn Kenan gewendet, um 
die fortführung dieser Studien (les etudes commencees) durch die pa- 
riser akademie und den fortbezug dieser pension zu erwirken, jedoch 
ohne guten erfolg. Der correspondent knüpft daran die wohlmeinende 
bemerkung, dass ich nicht verfehlen werde, diesen verleumderischen 
anschuldigungen die gebührende abweisung widerfahren zu lassen. 

Einer solchen directen aufforderung der deutschen presse nicht 
folge zu leisten , könnte , ich will nicht sagen missverstanden werden, 
aber doch seltsam erscheinen. Ich will denn also erklären, dass ich 
nie für Napoleon's leben Cäsar's eine zeile geschrieben habe, noch sonst 
in irgend einer weise dafür thätig gewesen bin ; dass ich nie von der 
französischen regierung oder dem kaiser persönlich auch nur einen 
franc empfangen, vielmehr bei einer bestimmten, an sich völlig legiti- 
men Veranlassung ( es handelte sich um die herausgäbe der werke 
Borghesi's) die mir von dem dortigen gouvernement angebotene lite- 
rarische Vergütung zurückgewiesen habe, um möglichen missdeutungen 
aus dem wege zu g-ehen ; dass ich endlich zwar nach dem frieden mich 
pflichtmässig bemüht habe, das früher zwischen den akademien von 
Berlin und Paris bestandene gute einvernehmen, insbesondere in betreff 
des inschriftenwerkes, nach möglichkeit wieder herzustellen, dass dabei 
aber weder Napoleon's ,, angefangene Studien' 1 noch irgend eine geld- 
frage in betracht gekommen sind. 

Ich würde diese erklärung nicht abgegeben haben , wenn jene 
deutsche correspondenz sie mir nicht abgefordert hätte. Für die äusse- 
rungen der französischen presse habe ich keine antwort und nicht etwa 
blos ihrer albernheit wegen; wie denn dieser letzte article de Paris 
nicht verfehlen kann, in allen der literarischen Verhältnisse einiger- 
massen kundigen kreisen heiterkeit zu erregen , theils wegen der mir 
darin beigemessenen mitschuld an Napoleon's Cäsar, theils wegen des 
feinen gedankens, die unterbrochenen „Studien" des exkaisers durch die 
pariser akademie vollenden zu lassen. Es ist eine ernsthaftere erwä- 
gung, die mir gegen solche angriffe schweigen auferlegt. Seit dem 
letzten kriege hat der pariser klatsch und sein niederschlag , die fran- 
zösische presse, es sich zum System gemacht, gefälschte und, wenn sie 
wahr wären , ehrenrührige thatsachen gegen die in Frankreich be- 
kannten und dort missliebigen deutschen gelehrten in umlauf zu setzen. 



110 Kleine philologische zeitung. Nr. 2. 

Was mich betrifft, so könnte ich, wenn ich es der mühe werth hielte, 
von pasquillen dieser art erbauliche proben vorlegen, und die in glei- 
cher läge befindlichen haben ähnliche erl'ahrungen gemacht. Eine öf- 
fentliche meinung, an die der Deutsche in Frankreich appelliren könnte, 
giebt es nicht mehr. Wie es meritorisch zu sein scheint, den dort an- 
wesenden Deutschen todtzuschlagen, so scheint es gleichfalls der Patrio- 
tismus zu fordern , den abwesenden um seine ehre zu bringen , indem 
man Verleumdungen gegen ihn theils erfindet, theils verbreitet, theils 
dazu schweigt. Wenn der zweck ist, den Deutschen gleichgültig gegen 
das zu machen, was man in Frankreich aut seine rechnung erzählt, so 
ist er nahezu erreicht. Unsere landsleute aber werden es billigen, wenn 
der deutsche gelehrte jeden aus französischer quelle stammenden be- 
richt über deutsche persönlichkeiten behandelt wie eine ligurische in- 
schrift, zu deren kritik die angäbe der quelle ausreicht. 

Berlin 3. Januar 387*2. Th. Mommsen. 

Am 3. januar wurde zu Hanau an dem geburtshause von 
Jacob und Wilhelm Grimm eiue noch nicht ganz vollendete 
gedenktafel aus weis-em marmor aufgestellt. Man denkt am 
24. februar, dem geburt*tag Wilhelms, fertig zu sein. 

13. Januar. Auf ein gesuch des strassburger bibliothekars 
erliess der metropolitanbisehof in Athen Theophilos ein schrei- 
ben an die gelehrten Griechenlands mit der aufforderung ihre 
sämmtlichen druckschriften an die bibliothek zu Strassburg zu 
schicken. 

Börsenblatt nr. 1 7 enthält unter der Überschrift: „Verbote" 
folgende auffallende mittheilung: ,, Mittelst patents vom 23. de- 
cember v. j. ist vom hiesigen königlichen handeisgericht im be- 
zirksgericht auf autrag von gebr. Bornträger in Berlin das werk: 
Diudorf, G., Lexicon Sophocleum fasc. 1 — 8. Leipzig. 1870. 
71. Teubner, als widerrechtlicher uachdruck des im verlag von 
gebr. Bornträger erschienenen Lexicon Sophocleum von Fr. El- 
len dt. Köuigsb. 1835 provisorisch mit beschlag belegt wor- 
den''. Es ist das eine ganz unbegreifliche maassrege!, nach der, 
consequent durchgeführt, z. b. eine ganze reihe von bei Teub- 
ner , Weidmann u. s. w. erschienenen ausgaben ohne weiteres 
mit beschlag belegt werden könnten ! Aber abgesehen davon, 
hat das werk von W. Diudoif eine solche Verschiedenheit von 
dem Ellendt's , hat ferner vor .diesem eine menge jedem sach- 
kundigen in die angen springenden Vorzüge voraus , dass man 
wirklich nicht weiss, was mau bei solchem urtheile denken soll. 

lieber den Phil. Anz. 111, nr. 10, p. 517 erwähnten archäolo- 
gischen congress in Bologna ist eine besondre Schrift von J. Me- 
Btorf. 8. Hamburg. Meissner. 1871 erschienen. 

Es ist die drucklegung eines catalogs der überaus reichen 
kaiserlichen privat- und familien-bibliothek zu Wien angeordnet 
worden (Allg. Ausgb. Ztg. beil. nr. 5). 

Die erste nummer der Wochenschrift für literatur , kunst 
und öffentliches leben „die gegenwart" (vorlag von G. Stilke, 
redacteur P. Lindau) soll am "20. jauuar erscheinen. Die „Ge- 



Nr. 2. Kleine philologische zeitung. 111 

genwart" will nach ihrem program m alle wichtigen erscheinun- 
gen auf dem gebiete des öffentlichen lebens und des geistigen 
Schaffens in den bereich ihrer besprechungen ziehen. 

Bei Lussowo ist ein urnenfeld und pfahlbauten entdeckt, 
die der Reichs - Anz. nr. 8 näher beschreibt: eine desgl. bei 
Thorn ebendas. nr. 27 erste beil. beschrieben. 

Im königlichen münzkabinet zu Berlin ist jetzt eine aus- 
wahl von münzen aller zeiten (diese münzsammluug gehört zu 
den ausgezeichnetsten) für das publicum auf schautischen neu 
ausgelegt worden und ein gedruckter leitfaden daselbst zu ha- 
ben, welcher nachrichten über die münzen enthält. 

Ueber bibliotheken in Ostindien giebt der Keichsanz. nr. 
16 einige interessante nachrichten. 

Am 24. jan. starb zu Berlin der professor rlr. Friedrich 
Adolph T rend elen bur g, geboren am 30. octob. 1802 zu Eu- 
tin : ein verzeichniss seiner Schriften giebt Eeichsanz. nr. 23. 

Eiue statue des Apoll von bronze, welche für das etruski- 
sche museum in Florenz angekauft ist, bespricht der Eeichsanz. 
n. 27 in beil. 1, p. 597. 

28. jan. An diesem tage constituirte sich zu Münster ein 
westphäliscber provinzialverein für Wissenschaft und kunst, wor- 
über die westphälische zeitung dd. das nähere berichtet. 

Am 30. jan. starb zu Puckolet, grafschaft Down, der beson- 
ders durch seine Euphrat-forschungeu bekannte general C hes n ey. 

Der Reichsauz. nr. 31 giebt p. 686 genauere nachrichten 
über die bis jetzt hinsichtlich der gründung der Universität 
Strassburg von Seiten der regierung entwickelte thätigkeit. 

Am 8. f'ebr. ist dem hause der abgeordneten von der re- 
gierung das schul-aufsichtsgesetz vorgelegt. Es lautet: 

Wir Wilhelm, von gottes gnaden könig von Preussen etc., ver- 
ordnen in ausführung des art. 23 der Verfassungsurkunde vom 31. Ja- 
nuar 1850 mit Zustimmung der beiden häuser des landtages für den 
umfang der monarchie was folgt : 

§. 1. Die aufsieht über alle öffentlichen und Privatunterrichts- und 
erziehungsanstalten steht dem Staate zu. 

Demgemäss bandeln alle mit dieser aufsieht betrauten behörden 
und beamten im auftrage des Staates. 

§. 2. Die ernennung der lokal- und kreis- schul -Inspektoren und 
die Abgrenzung ihrer aufsichtsbezirke gebührt dem Staate allein. 

Der vom Staate den Inspektoren der Volksschule ertheilte auftrag 
ist, sofern sie dies amt als neben- oder ehrenamt verwalten, jederzeit 
widerruflich. 

Diejenigen personen , welchen die bisherigen Vorschriften die in- 
spektion über die Volksschulen zugewiesen, sind verpflichtet, dies amt 
gegen die etwaigen bisherigen dienstbezüge im auftrage des Staats fort- 
zutühren, oder auf ertordern zu übernehmen. 

Alle entgegenstehenden bestimmungen sind aufgehoben. 

Urkundlich etc. 



112 Auszüge aus Zeitschriften. &r. 2. 

AUSZUEGE aus Zeitschriften: Augsburger allgemeine zeitung: beil. 
zu nr. 4: Ludwig Lange, römische alterthümer: übertrieben lobende 
anzeige : s. ob. III, nr. 1 1, p. 548. — Nr. 5 : Nekrolog 1871. — Beil. zu nr. 
7: ausgrabungen in der ebene von Troia. V: Fortsetzung der berichte 
von IT. Schliemann. — Die troianische inschrift: G. P. Heller liest sie: 
'ifoiiov. — Nr. 8: das brittische museum und seine gründer. — Beil. 
zu nr. 9: zu Fr. Diez' 5 (»jährigem Jubiläum. — Nr. 10: Th. Mommsen 
und Napoleon's Cäsar: bnef Mommsen's — s. ob. p. 109 — , zu dem die 
redaction noch ähnliche angriffe der schlechten Franzosen fügt: 8. unt. 
n. 27. — Beil. zu nr. 10: Felix Dahn, die könige der Germanen, abth. 
V: zu beachtende anzeige. — Beil. zu nr. 11. 12: zur geschichte der 
katholischen reformbestrebungen : II. Fra Andrea d'Altagene: sehr le- 
senswerth. — Pirkheimer und Scheurl: dabei kommt Luther und Me- 
lanchthon betreffendes zur spräche. — Beil. zu nr. 12: Pompeji und 
seine wandinschriften. I: anzeige von F. Zangemeister Corp. Inscr. 
Lat. t. IV , welche ins einzelne eingeht und nr. 575 genauer bespricht. 

— Beil. zu nr. 13. 14: Pompeji und seine wandinschriften. II. III: be- 
achtenswerthe characteristik der inschriften. — Nr. 15: die , .Studen- 
tinnen" auf der Züricher hochschule: es wird ernsthaft für sie plaidirt: 
vrgl. ob. III, nr. 12. — Nr. 17: Lyceum in Colmar. — Minister's v. 
Mühler rücktritt. — Auss. beil. zu nr. 17: die Universität Strassburg. 

— Beil. zu nr. 19: Sammlung von sanskrit-handschriften in Benares. — 
Nr. 18: hr. Falck und hr. v. Mühler. — Nr. 23: die schulfrage in 
England. — Beil. zu nr. 23: Sebastian Brands narrenschiff, von L. 
Simrock: anzeige. — Beil. zu nr. 26: pariser chronik. I. — Die deut- 
schen schulen in Wälschtirol. — Nr. 27: dieMommsen'sche angelegenheit: 
neue belege für die französische Verleumdung: s. ob. n. 10. — Das cultus- 
ministerium in Berlin. — Beil. zu nr. 27: Dr. H. Schliemann: notizen 
zu dessen leben. — Nr. 28: das alter der deutschen Universitätslehrer. 

- Nr. 29: Rothe's ethik: anzeige. — Nr. 30: der Wechsel im preus- 
sischen ministerium für kirchen- und schulsachen. — Nr. 31: die ge- 
halte der Gymnasiallehrer. — Nr. 32: die schulinspectionen. — Ein- 
führung des minister Falck. — Nr. 33: General von Werder predigten- 
recensent. - Nr. 35 : das budget der strassburger Universität. — Das 
schulaufsichtsgesetz. — Nr. 30: gründung einer römischen bibliothek 
in Rum. — Hettnei's literaturgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts. 

— Beil. zu nr. 37: pariser chronik. III. — Zur musikliteratur. — 
Beil zu nr. 38 : ein stück aus der hinterlassenschaft des hrn v. Mühler': 
anzeige der schrift, welche nachzuweisen unternimmt, dass unter Mühler 
die evangelisch-theologischen facultäten Preussen's mit entsetzlichem (?) 
erfolge Verwahrlust worden seien. — Nr. 39: strengere schuldisciplin in 
Berlin. — Fürst Bismark gegenüber dem ultramontanismus ; höchst 
beachtenswerthe darlegung, wie die ansichten des reichskanzlers über die 
ziele und das wesen der päbstlichen tendenzen in der gegcnwart an- 
noch ungenügend seien. 

Göttingische gelehrte anzeigen 1872, nr. 1: Franciscus Fabricius 
Markodurauus. Ein beitrag zur geschichte des humanismus von Wil- 
helm Schmitz. Köln. 1871: anzeige von L. Geiger, welche die beur- 
theilung des Fabricius zu lobend findet. — St. 2 : kulturpflanzen und 
hausthiere in ihrem übergange ans Asien nach Griechenland und Italien 
so wie in das übrige Europa. Historisch-linguistische Studien von Victor 
Huhn. 8. Berlin. 1870: anzeige von J. G. Kohl, die eben die lin- 
guistische seite ganz übergeht. — St 3: Mythology of the Aryan na- 
tions. By George W. Cok. 2 Bde. 8. Lond. 1870: ausführliche 
anzeige von F. Wilken. 



flr. 3. März 1873. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Philologus 



von 

Ernst von Leutsch. 



49. Novae commentationes Platonicae. Scripsit Marti- 
nus Schanz. 8. Wirceburgi. Typis et Sumptibus Stahelii. 
MDCCCLXXI. X und 168 s. — 1 thlr. 

Der verf. bespricht in §. 1 die formen tavrö und Tavrov, 
toiovzo und joioiTor, 7oaov70 und 7oaov70v und weist ihr nu- 
merisches verhältniss nach ; dasselbe geschieht in §. 2 mit ov- 
tcag und ovzoi. Der §. 3 behandelt die anaphora und palin- 
dromie der periode, §. 4 die figur ix naouX'kißov , besonders 
bei adverbien der zeit. Dabei ist zu bemerken , dass Legg. 
III, 701 D zt'fot; 8/j %agiv tfsau x. t. X. wohl weniger an 
eine Verschiebung einer von beiden präpositionen , als an eine 
Interpolation gedacht zu werden braucht. An sich wäre es ja 
gleichgültig , welcher von beiden man den Vorzug geben soll, 
wenn nicht die grössere Wahrscheinlichkeit für idoiv spräche 
wegen der vorhergehenden Wendung: tivos 8tj xai tuvü" 1 rjfxlv 
av %<igiv iliy&ij. §. 5 enthält ein räsonnement über die beiden 
attischen redensarten cpi.vaosig, XtjQslg ?%u)i> und über die Zusam- 
menstellung roür' sxsivo. Die letztere scheint mir nicht überall 
aufrecht erhalten werden zu können ; z. b. würde ich Symp. 210 
E, um den begriff der identität zu urgiren, schreiben: i^aCqivtjg 
mtzoxpetaC ri üavftaazov zr t v (pvaiv xu).6v , ravzo ixstvq), w 
^(axQuzsg , ob Ö/j 'tvtxfv xal ol euttoogOev näv7sg noroi tjaav. 
Ebenso bedarf man des identitätsbegriffes im Phaedr. 242 C, 
wo demnach richtiger zu schreiben ist: i'/ACog rj yz auia [sc. 
7ov nuüoi's] xai zo näOog rä>v igmvitov 7 alt 6 ixeCvcp [sc. 
to) "E(j(oti] ivyfävu li, weil gesagt werden soll, dass „der zu- 
stand der liebenden und dessen grund" in den dichterischen 
Worten mit dem Eros identisch gesetzt werden müsse. Mit den 
PMlol. Anz. IV. 8 



114 . 49. Piaton. Nr. 3. 

Schwurformeln bei Plato beschäftigt sich §. 6, sodann §. 7 mit 
formein zur Stärkung der kraft des imperativs , §. 8 mit der 
neigung der abscbreiber, die enge Verbindung verschiedener 
tempora, wie des imperfekts und des aorists zu beseitigen, §. 9 
mit der figur dmXaaiaafiög , §. 10 mit der konstruktion Xafi- 
ßdveiv, 8tü< u.s.w. und der präposition eV, §.11 mit der auslas- 
sung der kopula und §.12 mit der geschickte der stelle Euthyd. 
289 B. lieber den codex Clarkianus , der für den verf. fast 
unbedingte norm und oberstes gesetz für die platonische kritik 
geworden ist, enthält §. 13 zunächst vorläufige andeutungen 
und berührt unter andern das bedürfniss, welches ihn bestimmt 
hat, nach der kollation von Gaisford noch eine neue, eindring- 
lichere vorzunehmen. Von einzelnen dialogen existirt auch 
sonst noch eine kollation, wie die des Symposion von Jowett, 
die der verf. ebenfalls für ungenau hält und deswegen vornehm- 
lich auch für diesen dialog eine gewissenhaftere mit hülfe der 
ausgäbe von C. F. Hermann veranstaltet. Das ergebniss die- 
ser kollation ist unter andern die erkenntniss, dass der Clar- 
kianus und Vaticanus viel häufiger übereinstimmen, als man 
bisher geglaubt und dass alle Verbesserungen, weil aus ganz 
später zeit, nur von geringem werthe sind. In §. 14 folgt 
eine reihe von emendationen. Euthyd. 302 E lautet der über- 
lieferte text : tujv 8t ys ^cücor, s q q , mfioXoytjxag tavt tfoui ad } 
vaa uv aoi i^ij xal öovvai xat anodüadai xai dvoai uv &tw orcp 
uv ßoLiliß. Das uv hinter Ouaai glaubt Stephanus streichen zu 
müssen und ebenso Heindorf. Die Züricher und Hirschig 
klammern es ein , während es von Badham ausgelassen, von 
Stallbaum und C. F. Hermann vertheidigt wird. Die gründe, 
welche Schanz dagegen anführt, sind anzuerkennen, die Ver- 
besserung in 8i'j , selbst wenn es mit denique wiederzugeben 
wäre, nicht; denn es handelt sich um eine selbstverständliche 
aufeinanderfolge der begriffe Bovrai, anodoa&at und dvoai, 
und ein zwischengeschobenes öi'j würde die handlung des letzten 
verbi nur mühsam nachschleppen. Da aber einmal die meisten 
anzeichen das Vorhandensein einer silbe vermuthen lassen, » 
so dürfte das ominöse dvaai uv am leichtesten in dvaaa&ai 
zu verändern sein , zumal da die mediale form dieses verb's 
gar häufig bei attischen Schriftstellern sich findet und durch das 
vorangehende Gut eher berechtigt, als überflüssig gemacht wird. 



Nr. 3. 49. Piaton. 115 

Dieselbe stelle giebt dem verf. Gelegenheit , den nachweis zu 
versuchen, dass an vielen stellen eine vertauschung von 8f] 
und uv anzunehmen sei. Das lässt sich zwar für eine anzahl 
derselben einräumen, aber selbst nicht für alle diejenigen, wo 
av neben einer indicativform , wie itfti* oder slatv zu stehen 
kommt, weil in einigen der sinn vielmehr ein bewahren von 
av und demgemäss eine Veränderung des indicativ in die ent- 
sprechenden optatiyformen tu] oder thv zu fordern scheint. Mit 
recht schreiben daher die Züricher Gorg. 492 E: Ol ).C9oi yag 
av ovtco ys neu ol vexool evdaifxuvicfTazoi, da ovzco offenbar die 
stelle eines in den vorhergehenden Worten (xyStvog Stousvot ent- 
haltenen konditionalen nebensatzes vertritt, während der verf. das 
von mehreren codd. beglaubigte tlaiv bereitwillig aufnimmt, um 
die beliebte Verwandlung von av in 8r] vornehmen zu können. 
Um ferner das in Clark. Vat. 0. Vindob. vorhandene iaxiv 
zu halten, sieht er sich Euthyd. 298 A B: ovxovv xal 6 Xui- 
gedt'ifAog i(ft] BTBQOg av TmTQOs ovn av auTrjQ sitj, genöthigt , die 
worte ovx av fallen zu lassen, o'vxovv zu accentuiren anstatt 
ovxovv und dadurch eines wirksamen gegensatzes verlustig zu 
zu gehen. Dieser gegensatz würde aber, vorausgesetzt dass die 
lesart der guten codd., iauv, richtig wäre, ungeschwächt erhal- 
ten, wenn man das zu dem indicativ nicht passende ovk av in 
ovdajxr^ verwandeln könnte. An einer andern stelle, die in 
§. 15 besprochen wird, nämlich Euthyd. 295 A, hat Schanz 
die von Clark. Vat. 0. beglaubigte auslassung von GjMoXo- 
yovvxa adoptirt und ausserdem xüv oni anstatt xal a& geschrie- 
ben, indem er sich auf die bekannte struktur deixvvvai xi lv 
iivi beruft. Indessen hat doch der Vorschlag von Badham, 
ouoicog s%ovta die meiste Wahrscheinlichkeit. Dagegen hat 
unter andern die konjektur zu Euthyd. 301 A r]8r] ö' 18 ia 8s 
roh up8qoiv xtjv ooqiuv ine%tiQOvv fAifitladai anstatt ißt] 8s xolv 
ävSoolv sehr viel empfehlenswerthes. Zu Protag. 312 A, wo 
die textesworte lauten : ii av eirzoipev avzov sivat, od J^ooxgareg, 
Tj imaT(i.7r}v xou tzoiqoai Seuov Xsyeiv glaubt Schanz , indem er 
sich durch die weglassung von r\ in den bessern handschriften 
gebunden fühlt, xC uv, ti t'inoifxEv x, x. X. verbessern zu müs- 
sen, natürlich nicht ohne ergänzung von Xiyoig oder si'noig. 
Zu gleicher zeit glaubt er , dass diese wendung der schüchter- 
nen haltung des Hippokrates besser entspreche, führt aber als 

8* 



116 49. Piaton. Nr. ». 

gewähr für dieselbe keine stelle aus Plato, sondern nur zwei aus 
Aristophanes an (Nub. 154 und Lys. 399). Jedoch wäre mei- 
ner ansieht nach viel einfacher die Veränderung von rl av in 
Ti «/.?-.', weil dem v sehr leicht ein doppeltes X zu gründe lie- 
gen kann und weil die konstruktion dann weiter nichts auffallen- 
des bietet. Die Worte würden dann lauten: ti aW 1 sinointv av~ 
tov mai, w ^cüx/mret,', )j iniarätr t v tov notijaai deitnv. Aehn- 
lich findet sich die aufeinanderfolge von ti und aXXo , wenn 
auch durch einige worte getrennt , im Phaed. 63 D und den 
stellen, welche der verf. selbst p. 86 citirt. Von der thatsache 
ausgehend , dass die platonischen codd. interpolirt sind , weist 
der verf. (§. 14) nach, dass die bessern oft mehr, als die 
schlechteren an interpolation gelitten haben. So wird z. b. 
Gorg. 461 C -nai vißls als interpolation bezeichnet und an Euthyd. 
278 B nachgewiesen, dass iai zweimal auszulassen sei. Die 
autorität des Clarkianus ist für den verf. so zwingend, dass er, 
weil Euthyd. 276 D dieser codex und der Vaticauus xai hinter 
tjQOjra nicht haben, auch dies letztere wort als überflüssig ver- 
wirft. Im Euthyd. 300 C lautet der überlieferte text: olxovv 
xal ia Xt'yovra ötya^ , sirrtg tcöv andvTwv iari sc. ia Xt'yorta, 
wie der verf. in gedanken ergänzen will. Die lesart Winkel- 
mann's \t-y6fitra ist nicht zu halten und leyovtn, was^ Vat. 
bietet, kann allerdings für eine interpolation gelten, aber noth- 
wendig ist es nicht; denn in dem sophistischen schluss ist eine 
Wiederholung des Wortes , auf welches das volle gewicht der 
rede fällt, durchaus nicht so überflüssig. Dagegen ist vollkommen 
zu billigen die ansieht des verf. 's, dass Protag. 319 D der müssige 
zusatz des Bodl. und Vat. ötoix/JtftoK zu tilgen sei und nur zu 
schreiben nsg) tä>v iq^ wo'Xfcoc, was allerdings mehr platonische 
färbung verräth. In den folgenden stellen (p. 63 ff ) weist der 
Verf. nach , dass in viele platonische partien konjunetionen 
eingeschmuggelt sind, die nach gewähr der besten codd. uud 
nach aualogie anderer stellen entfernt werden müssen, wie nXXoi 
vor ort in Euthyd. 274 B. Dass derselbe process in einigen 
ßtellen auch mit ovv vorzunehmen sei, lasst sich wohl anneh- 
men; wenn aber der verf. diese partikel auch aus Phaedr. 246 
inkta. (»UV ovv ovaa xat MiTSQUifJLSPlj (itTtcononoyti te xut 
nuvTa tov xoafiov dioixti. tj 8f. TTTEoocipvi'jauaa cpt^erui, sag ccv 
ortQtov tivoa ml. entfernen will, so kann ich dieser mass- 



Nr. 3. 49. Piaton. 117 

regel nicht beistimmen, da es sich hier um eine nothwendige 
Schlussfolgerung aus der ganzen vorhergehenden entwickelung des 
mythus handelt und ich nicht durch eine der kleinen ungenauig- 
keiten, von denen eingestandenermassen selbst die besten codd. 
nicht frei sind, den gedanken selbst beeinträchtigt sehen möchte. 
Der Euthydemus, den der verf. mit Vorliebe behandelt und von 
dem er eine besondere ausgäbe verheisst, wird in §. 20 noch- 
mals einer besondern durchsieht unterworfen und es werden, 
abgesehen von der an diesem dialog im ganzen glücklich geüb- 
ten kritik zu p. 279 D und anderen stellen bemerkungen ge- 
macht, die für die kenntniss des platonischen Sprachgebrauchs 
von grosser Wichtigkeit sind. Hinsichtlich des textes von p. 
280 D ist mir die verderbniss der Worte dög ovöh oytXog rijg 
xr/Juioos' yiyrEjai ebensowenig zweifelhaft wie dem verf. , aber 
ich weiche in der herstellung der richtigen lesart ein wenig 
von ihm ab , indem ich nicht aXXtog hinter mg ergäuze, sondern 
annehme, dass mg das noch vorhandene Überbleibsel von aXXcog 
sei, wie ich schon Philol. XXX, p. 685 nachgewiesen zu haben 
glaube. Auch ist ja in keiner der drei vom verf. angezoge- 
nen belegstellen (Rep. HI, 390 E. Gorg. 525 B. Charm. 168 
D) ein mg vor äXXmg zu entdecken. Ferner will der verf. p. 
290 B statt avirjg schreiben ctv^r}, was wegen der folgenden 
Wendung im nXsov ean'v sich wenig empfiehlt. Dem sinne 
kommt die konjektur von Heindorf dvvafiig und die von Orelli 
uGxitaig am meisten entgegen. Indessen vermuthe ich, dass 
hinter avt^jg die worte « X X r\ rs^vi] verborgen sind, so dass zu 
lesen sein würde: ovdtfiia sqiJ] rrjg &7]Q8vrmtjg uXXi] ri^v?] im 
nXtov £oz)r, /} ogov &rjQnvaai neu ysiQmaaa&ai. Nach recht ein- 
gehenden Untersuchungen über die krasis bei Plato (§. 22), 
werden in §. 25 die sckicksale des cod. Clarkianus erzählt, das 
werthvolle buch selbst einer genauen beschreibung gewürdigt 
und in seiner eigenthümlichkeit und seinen charakteristischen 
formen dargestellt. Die zahl der compendien ist gering, grösser 
verhältnissmässig die zahl der schadhaften stellen. Der§. 27 han- 
delt von den scholien des Clarkianus, von denen besonders zwei 
hauptklassen, die eine vor, die andere nach saec. XH unter- 
schieden werden. Dann beschäftigt sich §. 28 mit emendation 
von stellen aus Phaedon (nach den codd. Clark, et Tubing.), und 
in §. 29 werden zwei rezensionen dieses dialogs mit hülfe der- 



118 49. Piaton. Nr. 3. 

selben codd. unterschieden und diese Scheidung auf mehrere 
stellen mit erfolg angewendet. Es wird mit diesem kritischen 
apparat unter andern der beweis geführt, wie gar oft von spä- 
terer hand die kopula , verschiedene pronominal - und arti- 
kelformen, endlich auch falsche tempora sich in den text einge- 
schlichen haben , wenn die abschreiber an den ursprünglichen 
anstoss nahmen. Bei dieser gelegenheit wird auch an das ver- 
ständige urtheil von Cobet appellirt und weiterhin (p. 142) 
bemerkt , dass manche interpolationen aus dem bestreben der 
abschreiber hervorgegangen seien, den lesern zu zeigen, dass der 
schriftsteiler auch so und so hätte schreiben hönnen oder wie sie 
wohl wünschten, dass er geschrieben hätte. So kann man un- 
ter andern die annähme von svlaßovfxsvoi als interpolation im 
Phaed. 91 C entschieden billigen , entstanden aus der absieht, 
die wendung itavxi Xoycp avTizsivstE , oncog (iq thunlichst zu 
erklären. Dass die abschreiber bisweilen durch eine glückliche 
konjektur den schwankenden text hergestellt , wird nach Co- 
bets Vorgang nicht bezweifelt und an mehreren stellen erläutert 
(p. 148 ff.). Gegen ende dieses paragraphen werden die ver- 
hältnissmässig wenigen differenzen zwischen dem tübinger codex 
und dem Clarkianus aufgezählt und endlich das verhältniss, 
in welchem Vat. A und Ven. II zu den oben besprochenen 
codd. stehen, dargelegt. Welche änderungen in einzelnen for- 
men vorzunehmen seien, besonders hinsichtlich der mit er oder 
£ anfangenden Wörter, des i subscriptum und des v icpsXxvoTixöv, 
wird in §. 30 behandelt, sodann in §. 31 der cod. Tubing. ge- 
nauer beschrieben, in §. 32 die auffallenden spuren einer ma- 
wus seeunda, wie früher am Phädon, an andern dialogen nach- 
gewiesen und endlich in §. 33 mit der emendation einer klei- 
neren anzahl von stellen der beschluss gemacht. 

Wirft man noch einen kurzen rückblick auf Phaed. 70 C 
(p. 134), so scheint die verbessernde hand, von welcher das 
marginale des Clarkianus stammt, das richtige wenigstens an- 
gedeutet zu haben, weil das pronomen oviog bei der patheti- 
schen einführung von mythen oder mythisch gehaltenen stellen 
häufig wiederkehrt, so dass nicht, wie Schanz annimmt, zu schrei- 
ben ist: naXatog [iev ovv eati iig o Xöyog, ov fiefirtjfie&a , son- 
dern mit verwerthung von ovrog, das hinter ovv verborgen sein 
kann und indem man zig als dittographie der letzten silbe von 



Nr. 3. 50. Galenus. 119 

iöii bezeichnet, vielleicht: naXaihg ^sv ooiog sariv 6 Xöyog, 
ov [A8^p^[xeda t womit zu vergleichen p. 97 D und ähnliche stellen. 
Dieser für die fülle des materials nur kuze bericht zeigt 
doch wohl, wie durch dies buch die platonische kritik und ne- 
benher auch die kenntniss des platonischen Sprachgebrauchs 
wesentlich gefördert worden ist. 

C. Liebhold. 

50. Regiae Friderico - Alexandrinae literarum universitatis 
prorector Dr. C. Hegel — successorem suum — commendat. 
Praemissae sunt Iwani Muelleri quaestiones criticae de Galeni li- 
bris n £ gl i <äv x a #' 'lnnoxgäzi]v xal Jlldt a> v a So y p «- 
tod»'. Erlangae, 1871. 4. pp. 19. 

Prof. Müller will diese neun bücher Galens neu herausge- 
ben und hat dafür die vergleichungen dreier handschriften , ei- 
ner der Marcusbibliothek in Venedig (284), des 15. Jahrhun- 
derts, einer der Laurentiana (74, 22), des 14. Jahrhunderts, 
und einer Cambridger (47), ausserdem zweier auszüge, die sich in 
Paris finden. Aber für die florentiner und die Cambridger er- 
giebt sichj dass sie die sich ergänzenden theile einer und der- 
selben handschrift sind (p. 10). Wie verdorben der text Ga- 
lens sei, klagt auch der vf. mit vollem recht; wie viele lücken 
sich füllen, wie viele sinnentstellende fehler sich verbessern las- 
sen, wenn man die handschriften zu rathe zieht, so jung und 
nachlässig geschrieben sie sein mögen , zeigen die acht stellen, 
die p. 15 ff. besprochen werden. In den meisten derselben leuch- 
tet die richtigkeit der aus den handschriften gewonnenen Ver- 
besserungen ohne weiteres ein. Auch p. 495, 15 ist es si- 
cher, dass zu lesen sei: ovötig yovv [iür yug) insrifiijasv iavzcp 
nore xal dagyia&i], 8iöti tmv dxai'gmg (doch wohl dxaCgav) ini~ 
&Vfniäv äqitöiao&ai ngoaigsiiai. zig (f. ngoutgshai. ei'neg rig) 
ydg Iv voacp räv ufis'rgcog diaxato ft iv oo v In i& v fiovvt cav 
TS n 6 [iazo g \pv%gov (für dphgoog avyxaiofit'pcov ogeyoftevog 
nd\na io \pv%gov ögixrjv nXeovu^ovauv, ivrev&sv negt no/Autog xpv- 
%gov), Xoyiad/xevog 6).s&gov o'iativ avrw (1. avrcjj) io nö\xa xal 
ßXdßrjv ia%äT?]v (für ib nofia iaxuTijv), tlt iniaiav ttjv ogfxtjv 
xaid TTjv xpv^ijv BTiszlftrjaev avTap (für aurcö) xal (hoyioOrj, 8i6ti 
xaXäg iXoyiauTo ; ovdslg, cog olftut, dndviwv. Bis auf eine än- 
derung, die von Iw. Müller selbst herrührt. Statt xard rrjv 



120 51. 52. Antiphon. — Dinarchus. Nr. 3. 

ipv%r]v haben die ausgaben und handschriften xal xatd rag \pv- 
%oig cii,'. Das dafür vermuthete nara rqv ipv%i]i> liegt weit ab 
und wäre ganz überflüssig. Auch drückt sich Galen sonst nir- 
gend so aus. Vergleicht man dagegen p. 794 z. e. aal noXld* 
mg [asv EXQCttrjGEv afia 7(jj XoytG(*q) ir/g ufitTQov xivtjoeoog 10V 
dxolda-iov r7jg tyv%rjg ei'dovg, so ergiebt sich, wie ich glaube, 
mit grosser Wahrscheinlichkeit die besserung: rijv ögurjv rov 
dy.o'käßtov rtjg xpv^tjg instCfAtjaEv — . Der ausgäbe der 
galenischen schrift darf man also mit schöner erwartung ent- 
gegensehen. H. S. 

51. Antiphontis orationes et fragmenta adiunetis Gorgiae 
Antisthenis Alcidamantis quae feruntur declamationibus edidit 
Fridericus Blass. 8. Lipsiae. Teubner. 1871. — 15 ngr. 

52. Dinarchi orationes adjeeto Demadis qui fertur fragmento 
edidit Fridericus B lass. 8. Lipsiae. Teubner. 1871. — 15ngr. 

Wir nehmen diese beiden ausgaben, die sich schnell folg- 
ten, nicht blos deswegen in eine anzeige zusammen, weil sie 
von dem gleichen gelehrten veranstaltet sind, sondern auch aus 
dem gründe, weil der text der beiden redner durch die glei- 
chen handschriften repräsenlirt ist: was wir also allenfalls über 
das verhältniss der Codices zu einander und über die art, wie 
der herausgeber sich zu der handschriftlichen Überlieferung stellt, 
zu bemerken haben, trifft beide redner und beide ausgaben 
gleichmässig. 

Die von Blass in der bibliotheca Teubneriana besorgten edi- 
tionen der redner (ausser den beiden hier zu besprechenden be- 
kanntlich noch Hypereides 1869 und Andocides 1871) sind 
sehr zweckmässig und bequem eingerichtet. Die frühere sitte, 
die adnotatio critica in die vorrede zu verweisen , mag für das 
äuge gefälliger sein: die jetzt bei Weidmann und Teubner nach 
altern mustern wieder eingeführte einrichtung, einen kurzen ap- 
paratus criticus unten am rande mit dem texte fortlaufend an- 
zubringen, ist nicht bloss für den gelehrten viel bequemer, son- 
dern hat auch den noch höher anzuschlagenden vorzug, den 
herausgeber zu consequenter rechenschaft und zu einer gewis- 
sen Vollständigkeit zu nöthigen. Blass hat es nun verstanden 
in knappem räum das wesentlichste des handschriftlichen mate- 
riales sowie der besserungsvorschläge der gelehrten vollständig 



Nr. 3. 51. 52. Antiphon. — Dinarchus. 121 

und genau mitzutheilen. Das erstere hat er aus den frühern 
ausgaben, unter denen besonders die von Mätzner hervorzuhe- 
ben sind, zusammengestellt: eigenes bietet er dabei wenig, nur 
sporadisch hat er an besonders schwierigen oder wichtigen stel- 
len (s. praefatio zu Antiphon, p. III, zu Dinarch. p. VII) den 
Crippsianus (cod. A) selbst eingesehen und insbesondere sich 
bemüht, den zweiten corrector vom ersten in dieser handschrift 
genauer zu scheiden als es bisher der fall war: doch theilen 
wir den wünsch R. Schölls (in der anzeige der ausgäbe des 
Antiphon in den neuen Jahrb. f. phiiologie 103, p. 298), es möchte 
dies noch consequenter geschehen sein; das bedürfuiss hiezu 
empfand, wie es scheint, Blass erst bei Dinarch (praef. p. III 
note) und zwar zu einer zeit, wo er ihm nicht mehr vollstän- 
dig gerecht werden konnte. Hier und da ist uns auch die 
Tragweite der ausdrücke, deren sich Blass im apparatus criticus 
bedient, nicht ganz klar. Z. b. Dinarch 1,77, hat der text 
Httßövrag: in der adnotatio steht: laßoviag pr. A corr 1 . Ist 
nun Xaßoptag die ursprüngliche Schreibart oder die durch cor- 
rectur entstandene? Ferner wodurch unterscheidet sich A. corr 1 
von A corr, welche bezeichnung nach praefat. p. VII not. 
doch auch nur die correctur von erster hand ausdrücken soll? 
Din. 1, 102 extr. sollte wohl statt vuszigag stehen: rm er s q a g 
NAB Bk Turr. 

Die vorreden geben eine dankenswerthe Übersicht über die 
kritischen fragen, die sich bei diesen beiden rednern und über 
die kleinen ihnen angehängten stücke von zum theil sehr be- 
strittener echtheit erheben ; ausserdem führen sie die literatur, 
die sich an diese fragen knüpfte, die monographien, abhandlun- 
gen neuerer gelehrter vollständig an. Unter den vertheidigern 
der echtheit der reden des Dinarch praef. p. IX, note *** hätte 
auch Leopold Schmidts aufsatz : die politik des Demo- 
sthenes in der harpalischen sache im Neuen Rhein. Mus. 
XV, p. 212 ff. (vgl. insbes. über Dinarch p. 217, p. 232: 
über die stilistische eigenthümlichkeit des Dinarchos) genannt 
werden sollen. 

In der gestaltung des textes selbst ist der herausgeber mit 
Scharfsinn , aber auch mit ziemlicher kühnheit verfahren. Er 
nimmt eine reihe von conjecturen anderer, so wie eigene, wor- 
unter mehrere treffend zu nennen sind , in den text auf : eine 



122 51. 52. Antiphon. — Dinarchu3. Nr. 3. 

ziemliche zahl neuer vorschlage macht er ferner frageweise un- 
ter dem texte geltend. Wir besprechen zunächst in zwanglo- 
ser folge solche stellen, in welchen die handschriften überein- 
stimmen : Din. 1, 5 ist die Verwandlung des sonderbaren aus- 
druckes itjv niativ tijv tzbq! avt^g in t?]v ni'aziv irjv nat g {av 
avttjs beifallswerth ; unnöthig 1, 6 die conjectur ovaiag statt 
tfjv^tjg, vgl. die von Maetzner beigebrachten beispiele 5 1, 66 ist 
uns die tilgung von tiqmtov unverständlich: denn die übrig blei- 
benden worte sind ein ganz nichtssagender von jedem bestoche- 
nen gültiger zusatz und der von Mätzner herausgefundene Wi- 
derspruch gegen 3, 7 hat bei einem solchen redner wahrlich 
keine bedeutung. 1, 80 schiebt Blass zur herstellung eines 
richtigen erst mit insidi] (yag) beginnenden satzes vor avaaxeva- 
aäfisvog ein cpx eT0 e i Q ; m ^ dem grundgedanken einverstanden, 
möchte ich doch im vorhergehenden statt xazaaxtvdaag einfa- 
cher xatsaxsvd cssv schreiben, wodurch das verbum finitum herge- 
stellt ist, vgl. 103: ixsivov vvv asavzbv xaraaxsvd^eig. 1, 105 
ist es gewiss ein sehr richtiger gedanke des herausgebers nach 
arzocpdasai einen punkt zu setzen und das folgende /ttj^oa&tvtjg 
siadysrai ngärog als selbständigen satz zu fassen: im vorher- 
gehenden leuchtet uns dagegen die Verwandlung der corrupten 
Worte: zb yeyevqfjie't'ov sldog in avzov zo y s ysP^f*B*o $ elöo- 
zog nicht viel mehr ein als andere zu dieser bedenklichen stelle 
beigebrachte Verbesserungsvorschläge. Ich glaube hier den 
gleichen sinn statuiren zu müssen wie 3, 5 ov rag dnotfdatig 
ol/xai vvv xoüeaftai, ... dlla negi fiovTjg zijg zi^oogiag vfiäg dtir, und 
conjicire also hier: ov zo ytyevquiiov i l-ez «' a ovz s g, nfimoiag 
ö' eWx«. ..: über das part. fut. vrgl. 3, 16. Hübsch ist 2, 7 die 
conjectur ov Sixaimg ov8e iacog statt ovÖtlg ws' von N und A, 
wenn wirklich die ergänzung xavvq mazevasi in A nur dem zwei- 
ten corrector angehört; warum aber nicht einfach ov Öixaioog, 
welches so leicht in ovdelg d>g übergehen konnte? 3, 4 wird 
von Blass mit recht ein s v g eingeschoben , was der gegensatz 
/4&?]i>aiovg ndvzag verlangt, 2, 22 in dXXd xonovg xai xaia rüp 
aXXoov dv&Qmnojv ist nicht dirdtzcov , wie Blass meiut, statt av- 
domnaiT zu schreiben; denn das passt nicht in den Zusammen- 
hang, wohl aber ein begriff wie xaxäv oder döixcov oder 
7Tov7]Qmv einzuschieben: s. 3, 14. 2, 4. 

In Antiphon 1, 3 hätte das von Lehner und Mätzner ge- 



Nr. 3. 51. 52. Antiphon. — Dinarchus. 123 

strichene nsol xaTn\ptj<fCaecog nicht wieder in den text einge- 
setzt werden sollen, ebenso wenig nvdnfjth'rjin 1, 14; denn dass 
die angeklagte damals noch nichts von dem vorhaben des Phi- 
loneos wusste, geht aus dem folgenden alu&ofiei")] xtX. her' 
vor. In 1, 10 ist Mätzners conjectur: dlnuiöv iartv elvai, 
welehe Blass in den text aufnahm statt des von den handschrif- 
ten gebotenen dwcuov sazai, falsch; denn nicht was er jetzt 
darüber denkt, sondern was er damals dachte, soll angegeben 
werden; dass dies in indirecter rede geschah beweist der 
ohne einen vorhergehenden accus, c. infinitivo oder ort unbe- 
greifliche optativ uvayxätoi im folgenden. Ref. schreibt sae- 
G&ai, und ixavov statt Sixatov, das letztere mit Eeiske. 1, 
1, hat Blass richtig 7« vor avra eingeschoben. Dagegen be- 
greifen wir nicht , was die conjectur nagaitela&ai statt alrsT- 
c&ai in 1, 12 bedeuten soll: man vrgl. die nämliche construc- 
tion in 1, 23: iya> <5' vfiäg vnlg roh itüngog fiov Ts&iewzog al- 
zovfiai, oncoq navt\ zoönoa dw. Und 5, 32 : vvv 8s avtoi r\Gav 
xai ßaGariGTal ttat inni^r/zul (,u£7«) räv acpiotv avzoTg avfxcps- 
qovtcov , leuchtet uns dieses eingeschobene i*etu ebenso wenig 
ein als R. Scholl in Jahrb. f. Philol. 103, p. 303. Indessen ist 
auch dessen erklärung nicht befriedigend. Wir schreiben in t- 
fislrjtai 7wv aqti'aiv xtX. 

An der oben angeführten stelle Antiphon 1, 23 hat codex 
A: vmo Trjg ^rj7Qog zijg avTOii ^äarjg ; N lässt das erste rijg 
weg; ibid. A: vnso rov nargög pov re&vsöozog ; N bloss vnso 
narnog pov. Blass hat nur dem codex N zu liebe nach Franke 
geschrieben: vnso nqzoog und vjtsq nargbg roifiov. Wir ge- 
ben zu, dass auch dies griechisch ist; aber es entspricht nicht 
dem gewöhnlichen Sprachgebrauch und am allerwenigsten dem- 
jenigen unserer rede ; dann narijn und i^r^tjo haben, wenn sie mit 
einem pronomen possessivum oder einem genetiv verbunden sind, 
den artikel immer vor sich: vgl. 3,6,7,9, 14,15, 16. 19 (in 6 
zrjg [ir]7Qviäg 7ijg l/ui/g), 20, 24 u. s. f. : nie steht der artikel 
bloss nach dem Substantiv. Ebenso wenig können wir es bil- 
ligen, wenn von Blass 1, 12 demselben codex N zu lieb 7ov- 
7cov öeXoptcov statt l9slöv7(ov geschrieben wird gegen die 
regel (Kuehner Ausf. gr. gr. I, p. 148), dass &s'\co nur nach 
vocalen oder diphthongen stehe mit ausnähme des formelhaften 
av &sog &tXrj, welches z. b. Din. 2, 3 vorkommt. Nach unse- 



124 51. 52. Antiphon. — Dinarchus. Nr. 3. 

rer beobachtung wäre dies das einzige beispiel im ganzen An- 
tiphon, welches dieser regel widerspräche. Ebenso ist 1 , 30 
nai dt]\o7<Tiv fc»qp' <äv av annXwvtai , was Blass dem av anoXnvv- 
rai desselben N zu liebe in den text gesetzt hat, falsch; denn 
was soll hier der begriff von quicunque? (s. Scholl p. 301): und 
so kommen denn auch wir zu dem resultate , dass Blass die 
consequenz, die lesarten des Oxoniensis zum ausgangspunkt zu 
nehmen, zu weit getrieben hat. 

Es führt uns dies auf die allgemeine frage über das ver- 
hältniss der handschriften in unsern beiden rednern. Folgendes 
sind die von Blass darüber aufgestellten grundsätze: 

1) der Consensus von NAB gegenüber den andern (LZM) 
ergiebt überall oder fast überall das richtige. — In der tbat 
stimmen diese drei handschriften z. b. im ganzen Dinarch an 
17 oder 18 stellen gegen die andern; und nur an einer (Din. 
1, 113, NAB: sri; LMZ: ort) könnte a priori ein zweifei an 
der richtigkeit ihrer lesart aufgestellt werden ; 

2) sehr bedeutsam ist der consensus von N und A, d. h. 
mit abzug dessen was der zweite corrector in A hineinbrachte. 
Die zahlen, welche Blass besonders in der vorrede zum Dinarch 
gegeben hat, sind im ganzen richtig — wir unserseits haben 
in dem letzten redner zwischen 50 — 60 solche fälle gezählt; in 
circa 40 sind alle ausleger einig, NA zu folgen. 

Wir erhalten nun freilich darüber keinen aufschluss, wie 
sich Blass das verhältniss von BLZM zu einander denkt. 
Ich rechne dieselben als repräsentanten einer familie und 
mache aufmerksam auf Din. 1, 71, wo BLZM gemeinsam iv 
toig statt ivrog haben; Din. 1, 83 und 84 ist ihnen ferner ge- 
mein die auslassung von -ipijCfiafia und ?} ßnvltj. Weiter bilden 
aber LZM innerhalb dieser familie eine für sich stehende gruppe: 
B steht ihnen coordinirt gegenüber und nähert sich A. 

Es erhebt sich aber eine zweite wichtige frage, wie sich die 
gruppe BLZM zu A verhalte. Ist dieselbe aus A durch cor- 
rectur, interpolation, willkür u. s. w. entstanden oder stammt sie 
aus einer andern familie, die für sich kritische gewähr hat, 
wenn auch ihre quelle getrübt erscheint? Blass scheint das 
letztere anzunehmen; nach ihm schöpfte der zweite corrector von 
A (p. IV in vorr. zu Din.) aus einem Über omnibus numeris dete- 
rior, ab, immerhin also aus einer handschrift; praef. p. VI meint 



Nr. 3. 51. 52. Antiphon. — Dinarchus. 125 

er ceteros ex A correeto ßuxisse non improbabile est ; vielleicht 
verhält es sich in dieser letzten beziehung umgekehrt. So viel 
ist aber sicher : A 2 (der zweite corrector von A) gehört zur 
gruppe BLZM; schöpft er aus einer vom A unabhängigen 
handschrift? wenn ja, wie verhält sich diese zu A selbst? 

Man könnte nun freilich einwenden, diese frage sei irrele- 
vant, da A (resp. A 1 ) und N meistens ausreichen, und da Blass 
als dritten grundsatz aufstellt bei abweichungen von N und A 
ist dem erstem unbedingt der vorzug zu geben. Hierin stimmt 
nämlich Blass mit Mätzner und Franke gegen Sauppe, welchem 
sich R. Schoell im genannten aufsatze angeschlossen hat. Un- 
beschadet der oben gemachten bemerkung, dass Blass die con- 
sequenz seines dritten satzes übertrieben hat , bemerke ich hier 
nur soviel, dass auch ich in dem Schreiber des codex N nicht 
jenen homo doctus und emunctae naris entdecken kann, welchen 
Sauppe sich unter ihm vorstellt : dazu hat er zu viel sinnloses 
geschrieben. Er scheint mit der griechischen moduslehre auf 
sehr gespanntem fusse zu stehn ; er verwechselt oft t und rj, o 
und oj: s. Din. 2, 102, Antiph. 1 , 29. — Din. 1, 80 hat N 
sinnlos ^QijfASvag ; es liegt aber dem richtigen ^Qrjfif.vag näher 
als das auf einer art subjectiven Verbesserung der Wörter be- 
ruhende siotjuhag ; und so könnten wir noch mehrere stellen 
der art anführen , die sich an das von Blass selbst citirte ztjv 
avtrjv r(QX>) v Diu. 2, 10 (cf. praef. Din. p. VI) anschliessen. 

Auf der andern seite aber lassen sich auch die von Sauppe 
und neuerdings von Scholl nachgewiesenen willkürlichkeiteu im 
N nicht alle wegdisputiren ; sie finden sich allerdings weniger in 
Dinarch als im Antiphon. Aber auch Din. 1, 7 ist acpuXegwg 
statt £t}Ttiv und das wahrscheinlich verdorbene anqXd$aze für 
inrjiiauzs doch nicht reine corruptel: wahrscheinlich sollte 
ayalegtüc den gegensatz zu dem vorangegangenen uacfaXzg bil- 
den und das trügerische spiel , weiches Demosthenes und an- 
dere mit dem areopag getrieben hätten, bezeichnen: statt unrj- 
Xü'lurs. stand wohl ursprünglich a na X i a a t s. Allein der Schrei- 
ber des codex N selbst ist es sicher nicht gewesen, der der- 
gleichen etwa wagte : auch nicht ein gelehrter, der desultorisch 
an dieser handschrift herumcorrigirte: denn von correctuien 
ist sie fast ganz frei. Was folgt daraus? dass wir eine 
gemeinsame behauptung von Sauppe und Blass 



126 51. 52. Antiphon. — Dinarchus. Nr. 3. 

(praef. ad Din. p. VI: videtur autem Crippsianus , quae etiam 
Sauppii nunc sententia est, ex eodem exemplari descriptus esse quod 
Oxoniensis fons fuitj nicht für wahrscheinlich halten 
können. Vom Standpunkte Sauppe's aus, der den Schreiber 
von N selbst für den scharfsinnigen interpolator hält, ist sie 
übrigens berechtigt ; mit dem Blass'schen Standpunkte steht sie 
aber in Widerspruch. Sind nämlich N und A wirkliche abschrif- 
ten aus demselben codex, so lässt sich eine so colossale abwei- 
cbung wie sie zwischen den beiden vorliegt, nicht nur durch 
blosse nachlässigkeit erklären, sondern wir müssten systema- 
tische correctur des einen oder des andern annehmen: bei 
N nimmt Blass diese nicht an, bei A wird er sie noch weniger 
statuiren wollen. Dagegen lassen sich die vielen discrepanzen, 
wenn man sie successiv durch mehrere glieder hin- 
durch bald in der form von nachlässigkeiten bald in derjeni- 
gen kecker einfalle auftreten lässt, recht wohl erklären. Die 
nachlässigkeit des Schreibers von A ist entschieden noch grösser 
als die von N : er hat offenbar sehr unsicher geschrieben, sich 
sehr oft versehen, so dass er genöthigt war, durch radiren und 
corrigiren nachträglich wieder so viel wie möglich gut zu ma- 
chen. Aus diesem gründe halten wir auch nicht viel auf die ra- 
suren dieses codex. Ebensowenig als Din. 1, 82: qv. yüöag, 
oder 1, 13: xaza . . . zrjg nargCSog auf eine andere im ori- 
ginal von A pr. zu gründe liegende lesart hindeutet, ebenso 
wenig ist dies der fall 1, 70 in iovg fisv . . . igya^ofisvovg 
oder in 1, 84: ngoyaeode nybg rovg . . & . . ovg evofflttav, 
wo allerdings unser Schreiber vielleicht zuerst äi'&Qoonovg ge- 
schrieben haben mag, wie Blass annimmt, aber ohne dass wir 
darin etwas anderes als eines seiner vielen versehen erblicken. 
Auf der seite von N liegt dagegen eine grössere keckheit der 
neuerungen, die jedoch einem frühem Vorgänger oder corrector, 
nicht aber ihm selbst zuzuschreiben ist. 

Eine besonders schwierige frage bilden die häufigen abwei- 
chuugen in der Wortstellung. Mätzner und Blass sind hier ein- 
fach N gefolgt; und es lässt sich nicht leugnen , dass die von 
diesem codex befolgten Stellungen in der regel glücklich , alle 
unanfechtbar, die des codex A und der übrigen öfters fehlerhaft 
oder gesucht sind. Zur völligen eutscheiduug aber darüber, 
ob die oft so trefflich scheinenden abweichungen von N auf 



' 



Nr. 3. 53. Horatius. 127 

conjectur oder handschriftlicher gewähr beruhen, können wir 
erst dann kommen, wann eruirt sein wird, wie sich BLZMA 2 
zu A verhalten. Stammen diese aus einer dem gemeinsamen 
Stammvater von A und N coordinirten alnchrift eines frü- 
hem archetypus, oder liegen sie schon auf der sehe von A? 
Im ersten falle wird die kritik vom consensus von ABLZM aus- 
gehen müssen, die abweichungen von N sind subjective ände- 
rungen ; im letztern falle dagegen steht N als gleichberechtig- 
ter zeuge dem consensus von ABLZM gegenüber: zufällig ist 
dann diese letztere familie durch viele glieder repräsentirt, die 
familie von N nur durch eines. Dann haben wir so viel als 
zwei gleichberechtigte handschriften und das verfahren wird 
einfach ein eclectisches sein müssen; in der Stellung würden 
wir dann unbedingt N folgen , wie es Blass gethan hat. Zur 
lösung der frage mag eine nochmalige genauere vergleichung 
des Crippsianus mit möglichster Scheidung der correcturen bei- 
tragen, wie dies auch Scholl hervorgehoben hat. Jedenfalls 
ist sie noch einer näheren prüfung werth. 

A. H. 

53. De Acrone, qui fertur, Horati scholiasta. Ernesti 
Schweikerti epistola critica ad Hermannum Usenerum. 4. 
Confl. 1871. 15 pag. 

Der vf., der schon 1865 eine dissertation De Porpnyrionis et 
Acronis scholiis Horatianis herausgegeben , auch im Philol. bd. 
XXII einen beitrag zu Horaz geliefert hat, wendet sich wieder 
der heiklen frage über die sg. acronischen scholien zu und be- 
rücksichtigt insbesondere das ihm in seiner ersten schrift ent- 
gangene berner programm Useners von 1863 und die sich daran 
schliessende literatur. Er hält Usener und Keller gegen- 
über an der ansieht von dem einen Acro fest, gewinnt zum 
theil im anschluss an des ersteren mittheilungen als äusserste 
zeitgrenzen für diesen saec. IV — IX und sucht nachzuweisen, 
commentarium Acronis iam antiqulssimis temporibus mutilatum esse, 
novissimos autem Acronis libros manuscr. multifariam descriptos 
ideo non integra exhibere scliolia , quod extrema commentarii pars 
iam in illius aetatis, cuius liber B land - anti quissimus fuit, 
libris manuscr. evanuerit. Die schrift enthält mancherlei wissens- 
werthe mittheilungen, so über die veronesische handschrift, mit 



128 54. Horatius. Nr. 3. 

recht jedoch macht der verf. die endgültige entscheidung der 
höchst verwickelten frage von dem nachweis der Verwandtschaft 
der handschriften abhängig. Bei der bisher unvollständigen 
mittheilung derselben ist man, allen takt des letzten herausge- 
bers in der auswahl vorausgesetzt, doch nicht im stände sich 
ein einigermassen zuverlässiges urtheil über ihren Zusammenhang 
zu bilden; auf weiteres entdecken solcher notizen, wie Usener 
eine des Bonaventura Vulcanius bekannt gemacht hat, darf man 
aber ebensowenig warten wie rechnen. 

Th. Fritzsche. 

54. Horatius en zijne uitgevers. Een bibliographisch over- 
zicht door Dr H. Riedel. Niet in den handel. Leeuwarden, 
Gr. T. N. Suringar. 1870. 42 s. 8. 

An bibliographischen Zusammenstellungen namentlich der 
älteren Horazliteiatur fehlt es nicht, doch ist diese Übersicht 
willkommen durch glückliche auswahl des wesentlichen (auf Voll- 
ständigkeit macht der vf. von c. VII an ausdrücklich keinen an- 
sprach) und klare, anziehende darstellung. Die schritt, die 
wohl aus langjähriger liebhaberei für Horaz und seine literatur 
hervorgegangen ist (vorwort fehlt, aber vf. erzählt gelegentlich, 
dass er schon 3 831 die Epist, ad Augustum edirt habe) und 
meist nach autopsie, zum theil auch die eigne Sammlung be- 
schreibt (p. 10, 11, 12, 13, 28) zerfällt in sieben capp., die 
füglich hätten mit Überschriften versehen sein können. C. I — 
III enthält gesamm tausgaben, I — Bentley, II Bentley und 
die antikritiken, III von Baxter bis auf unsre zeit, c. IV aus- 
gaben einzelner werke, c. V Übersetzungen, c. VI Prachtaus- 
gaben etc., c. VII erklärungsschrit'ten, scholien, vitae etc. c. VIII 
die radicale kritik, Peerlkamp, Gruppe, Lehrs. Neues bringt der 
vf. ausser einigen unbedeutenden berichtigungen seiner Vorgänger, 
p. 27. 28, nicht, hat aber vor Brunet, Ebert u. a. den Vorzug 
kurzer darlegung des wissenschaftlichen Zusammenhanges der ein- 
zelnen ausgaben. Die folioausgaben hören mit dem siebenzehn- 
ten Jahrhundert ganz auf, die quartanten reichen bis ins acht- 
zehnte Jahrhundert, wo auch sie durch die modernen „dunlijvge" 
octavaus-gahen (deren erste die Aid. 1 v. 1501) verdrängt wer- 
den. Die tür einen grösseren leserkeis bestimmten ausgaben 
beginnen mit J. Bond, Loud. 1606 (46. aufl. Orleans 1767). 






Nr. 3. 54. Horatius. 129 

Castrirte ausgaben zuerst Horatius obscoenitate Romae purgatus, 
Keulen 1603, besonders verbreitet die des Jesuiten Jos. de Jou- 
vency (Juventius) , Par. 1696, zuletzt aufgelegt Par. 1869 2 
voll. 18°. Bei dem ^praktischen Engelschman" fand die Desprez- 
sche ausgäbe in usum Delphi ni wegen ihrer prosaischen Um- 
schreibung die grösste Verbreitung (24. auf]., v. 1694 — 1824). 
Cap. II gibt nächst dem, was wir durch Zangemeister bereits 
wissen, eine interessante Zusammenstellung der anti - Bentley- 
schen Horaze in England, das seinen spieen auch hier nicht 
verleugnet. In Übersetzungen hat Frankreich das meiste 
geschafft; dort sind allein bis 1830 152, meist prosaische, nach 
Tanaq. Faber und den Daeiers, erschienen. Unter den luxus- 
drucken ist nächst der berühmten Locherschen mit holzschuitteu, 
Strassb. 1498, der Parmensischen typ. Bodonianis 1752, der Lon- 
doner, John Murray 1849, namentlich die Pariser Firm. Didot 
fr., 1855. 16°, „ein echte kunstiuwecl der drukkunst'. Als rarität 
bemerkenswerth die kleinste Liliputausgabe , London, Picke- 
ring 1824 in 48° (192 pag.). Bei aufzählung der neueren in 
Deutschland erschienenen ausgaben zeigt der vf. seine Vertraut- 
heit mit unsrer gelehrtengeschichte; hin und wieder eingestreute 
urtheile beschränken sich meist auf attribute der herausguber ; 
Orelli's commentar heisst ,, verstandig", Nauck und Krüger „heu- 
rig bewerkt", Dillenburger „zeer gezochl", Fr. Ritter „zeer prijzens- 
waard", Doederlein „smaakvoll" , Meineke „vor de critiek bijzon- 
der belangrijk a , während sonst die hurnanität des verf. auch 
mancherlei unbedeutendes noch belangrijk findet. Das einz'ge- 
mal, wo er sich echauffirt, geschieht es über G. Braunhard, in 
dessen ausgäbe der vf. an loordelijk afgedrukt uittrckscl (!) ut zijn 
eegen commentaar op de ep. ad Aug. to lezen het pleizier hed u . 
Ueber des vf. Stellung der modernen radicaleu kritik gegenüber 
finden sich einige auslassungen in c. VIII; Giuppe und Lehrs 
sind ihm schon als nachfolger seines landmanns Peerlkamp (der 
beiläufig nur 664 verse der öden für unächt erklärte) ehrwürdig, 
Lehrs kritik ist „noch scherpzinniger" als die„Peerlkamps", man wird 
dem vf. aber beistimmen in dem satze p. 37: „Hoe wenig men 
ook möge geneigd zijn den uit de mss. in de vier laatste eeuwen opge- 
maakten en gezuiverden tekst 200 willekeurig te besnijden en een 
groot deel als geheel onecht te beschouwen, zal inen toch moeten er- 
kennen, dat door diezel/de radicale critiek een geheel nieuw leven 
Philol. Anz. IV 9 



130 55. Julius Caesar. Nr. 3. 

in de interpretatie en wardeering van Horatius is ontstaan". Auf ein- 
zelnheiten lässt er sich nicht ein ; nur über die Archytasode be- 
merkt er ganz richtig p. 41: De 20 eerste reg eis , dit stemmen 
wij volgaarne aan Lehrs toe, mähen zonder twijfel een fraai geheel 
uit; maar wij taten de IQ volgende aan latere critici over, om hun 
oorsprong of beteekenis op voldoende wijze te onderzoeken en te ver- 
klaren". Ungern vermisst man die anführung der Haupt'schen 
texte p. 16, die als Prachtausgaben — man sieht , wohin rein 
bibliothekarischer Standpunkt führen kann — erst p. 29 ge- 
nannt werden ; Eibbecks Epp. stehen unter den einzelausgaben p. 
19 als laatste belangrijke editie der Epp. ohne dass im schluss- 
capitel die erwartete beziehung auf das buch genommen ist. 
Unbegreiflich, dass Lucian Müllers ed. Teubn. übersehen ist, zu- 
mal deren herausgeber der holländischen philologie so nahe steht. 
Belehrend ist es , das interesse der verschiedenen nationen am 
Horaz und ihre eigenthümlichen Verdienste um ihn zu verfol- 
gen; wir Deutschen dürfen auch in diesem wettkam pf einige 
genugthuung empfinden , wenngleich der Holländer sich wohl 
hütet, dies gefühl in uns zu nähren. Dem für solche gesichts- 
punkte empfänglichen sei das behagliche schriftchen empfohlen. 

Th. Fritzsche. 

55. C. Iulii Caesaris de bello civili commentarii tres. Für 
den schulgebrauch erklärt von Dr AlbertDoberenz. Dritte 
aufläge. 8. Leipzig, Teubner. 1871. — 15 gr. 

In dieser neuen aufläge seines buchs hat Doberenz die all- 
gemeinen Inhaltsangaben vor den verschiedenen büchern weg- 
gelassen und sie der leichteren Übersicht wegen abschnittsweise 
in die anmerkungen eingeschaltet. Ferner sind jetzt von ihm 
eben da die abweichungen des textes der Kramer -Hoffmann- 
schen ausgäbe, welche allerdings wohl vielfach neben der seiui- 
gen in den klasseu gebraucht werden wird, angegeben, auch 
einige vermuthungen Köchly's angemerkt. Die hauptaufgabe, 
welche der Verfasser bei seiner bearbeitung der commentarien 
sich gestellt hat, ist bekanntlich, den schillern das übersetzen 
zu erleichtern und dabei zu einer guten ausdrucksweise im deut- 
schen anzuleiten. Zu diesem zweck gibt er selten die Über- 
setzung selbst, gewöhnlich deutet er nur an, wie sie hergestellt 
Werden solle: mit recht will er den schülern die sache wohl 



Nr. 3. 56. Julius Caesar. 131 

leicht, aber nicht allzubequem machen. Ob diese andeutungen 
von den tertianern immer verstanden werden, ist fraglich. Der 
Verfasser sagt z. b. p. 1 „summa — contentione; ablativ mit 
concessivem sinne"; werden die schüler durch diese bemerkung 
auf die präposition geführt werden, welche er haben möchte? 
„non defuturum: übersetze durch ein Substantiv; denn häufig 
vertreten lateinische Infinitive deutsche Substantive"; werden sie 
auf das substantivum kommen, welches er meint? und wenn 
sie es finden sollten, entspricht der entstandene positive aus- 
druck wirklich ganz genau dem vom schriftsteiler gewählten 
negativen? Der Verfasser räumt auch der grammatik in seinen 
bemerkungen eine bedeutende stelle ein und in den meisten 
fällen ganz richtig so, dass er den schülern die regeln selbst 
zu finden aufgiebt. Auch hier ist ihnen wegen der kürze viel- 
leicht nicht immer die meinung des Verfassers verständlich. Wenn 
er z. b. p. 17 sagt: „ante — iturus sit, definire, ut , si — non 
profectus esset, — videretur: beispiele für die lehre von der con- 
sec. temp." , so glaube ich, dass die schüler vielmehr auf die 
abweichung von der regelmässigen consecutio temporum , welche 
hier gerade wegen des bedingungssatzes stattfindet, hätten auf- 
merksam gemacht werden müssen. P. 16 zu quonam — perti- 
nere (I ? 9) heisst es: „diese oratio obliqua giebt beispiele vom 
relativ mit dem infinitiv". Es soll heissen: giebt ein beispiel 
zu dem gebrauch des interrogativ -pronomens mit dem infinitiv; 
denn die relativsätze stehen in dieser indirecten rede — wie 
es bei wirklichen, relativsätzen , die nicht der anknüpfung we- 
gen bloss demonstrative sätze vertreten , auch der fall sein 
muss — alle im conjunctiv. — Die verdiente anerkennung, 
welche die Doberenzsche bearbeitung als Schulausgabe sich er- 
worben hat, weil sie im allgemeinen im bereich der fassungs- 
kraft der schüler bleibt, wird sie gewiss sich auch fernerhin 
erhalten. 

56. Cäsar und die Gallier. Vortrag von H. Köchly. 
Berlin. Franz Duncker. 1871. — 10 gr. 

Der professor Köchly, zu anfang dieses jahres als reichs- 
tagsabgeordneter in Berlin anwesend , hat vor einer Versamm- 
lung von bürgern mehrerer zu geselligen und politischen Zu- 
sammenkünften vereinigter bezirke diesen Vortrag gehalten, zu 

9* 



132 56. Julius Caesar. Nr. 3. 

welchem ihm offenbar der deutsch -französische krieg die Ver- 
anlassung gegeben hat. Er benutzt sehr geschickt eine stelle 
aus Cicero's rede de prov. cons. (cap. 13), um in einer einlei- 
tung diesen kämpf nach seinem wesen und seiner entwicklung 
mit dem römisch -gallischen kriege Cäsar's in vergleich zu stel- 
len. Er geht sodann zu einer Schilderung des gallischen Vol- 
kes und seiner eroberungszüge über und findet, wie der ehe- 
malige kaiser Napoleon, dass ein krieg gegen diesen erbfeind 
in Eom für ganz besonders volksthiimlich gelten musste, giebt 
jedoch bei diesem unternehmen dem persönlichen ehrgeiz Cä- 
sar's und streben nach der herrschaft über sein Vaterland den 
gebührenden antheil, den Napoleon aus naheliegenden gründen 
übergangen hatte, und lässt dann , knapp wie es der rahmen 
eines abendvortrags erfordert, die verschiedenen kriegsunterneh- 
mungen Cäsar's an dem zuhörer vorübergehen. In dem ganz 
gerechtfertigten bestreben, die ehemaligen Gallier den beutigen 
Franzosen als ähnlich an die seite zu stellen, begegnet es frei- 
lich dem Verfasser, sich hier und da auch wohl in dem rechten 
ausdruck zu vergreifen. Er schreibt den Galliern , wohl mehr 
an die jetzigen Franzosen denkend, p. 17 ^sittliche rohheit, vom 
glänzenden firniss äusserer civilisation bedeckt" zu ; diese Schil- 
derung „des glänzenden firniss äusserer civilisation" widerspricht 
gänzlich der von dem verf. p. 9 — 11 gegebenen darstelluug des 
eulturzustandes der Gallier und der characterisirung Cicero's 
gentibus immanibus et barbaris, welche er selbst anführt und be- 
zieht sich wohl eher auf die beschreibung , welche Tacitus (z. 
b. A. III, 40) ein Jahrhundert später von den Aeduerh giebt. 
Köchly kommt zuletzt wieder auf die Franzosen unsrer tage 
zurück und führt anerkennend an , dass sie , im gegensatz zu 
den Galliern der zeit Cäsar's, gegen äussere feinde stets einig 
und seit Jahrhunderten das gewesen sind, was wir erst jetzt 
anfangen zu werden — „eiue nation ". Den beifall, wel- 
chen der verf. vor seinen zuhörern gefunden hat, wird mau 
sicherlich auch dem zum besten der deutschen invaliden - Stif- 
tung herausgegebenen büehlem zollen. Es ist auch in der form 
recht anziehend. Nur ist es mir aufgefallen, dass der verf. 
häufig die dem französischen eigenthüinliche art der inversion 
zur anwendung bringt: „das erste mal ist's, dass Deutschland 
mit Frankreich ordentlich krieg geführt" ; „das war es ja, was 






Nr. 3. 57. Julius Caesar. 133 

seit Jahrhunderten jeder klar erkannt hat etc."-, „es war nicht 
über ein Jahrhundert, dass das heutige Oberitalien — romanisirt 
worden war; „das ist es, was wir nicht mehr partei-, sondern 
cliquenregiment nennen" u. s. w. Nicht erst seit dem letzten 
kriege, sondern seit längerer zeit schon hat man bei uns mit 
recht angefangen, diese aus der fremde ohne bedürfniss einge- 
führte wendung aus der deutschen rede zu verbannen. 

57. Gallische zustände zu Cäsars zeit. Von Labarre, 
Programm des Friedrica - Wilhelms - Gymnasiums zu Neu Kap- 
pin. 4. 1870. 

Der verf. glaubt, dass die darstellung der zustände Gal- 
liens zur zeit der eroberung des lande s durch die Kömer bisher 
weder erschöpfend noch durchweg zuverlässig dargestellt wor- 
den ist; er führt allerdings von den bisherigen arbeiten darüber 
nur 0. Klemm's „allgemeine kulturgeschichte der menschheit'* 
und des ehemaligen kaisers Napoleon 111. „geschichte Julius 
Cäsar's" an, übersieht also, dass derselbe gegenständ auch sonst 
schon tbeils in besonderen monographien, theils in ausführlichen 
aufsätzen in Zeitschriften behandelt worden ist. Er benutzt fer- 
ner als hauptquelle nur Cäsar's bellum GalUcum, Strabo und 
Diodor; und doch lässt sich das leben und der eulturzustand 
der Gallier nicht erschöpfend behandeln, wenn man nicht auch 
die denkmäler und die münzen , welche in der letzten zeit in 
überraschender fülle zu tage gefördert worden sind und die auf 
veranlassung des kaisers unternommenen ausgrabungen, welche 
über so viele dinge licht verbreitet haben, zugleich berücksich- 
tigt. Die abhandlung ist in drei abschnitte getheilt : 1) die po- 
litischen und socialen Institutionen ; 2) die localen eigenthümlich- 
keiten ; 3) die militairischen einrichtungen ; von diesen ist die 
letzte abtheilung, aus mangel an räum, nur theilweise veröffent- 
licht. In dem ersten theile der abhandlung vermisst man eine 
deutliche abgränzung der angemassten macht der prineipes von 
den gesetzlichen befugnissen des senats, so wie die klare Schil- 
derung der von Cäsar doch so stark hervorgehobenen gegen- 
überstellung einer demokratischen und einer aristokratischen 
partei in den sämmtlichen gallischen staateu. Da die plebs, 
wie Cäsar sagt, für sich keine bedeutung hatte, so konnte eine 
demokratische partei nur dann zur geltung kommen, wenn sich 



134 57. Julius Cäsar. Nr. 3. 

ein princeps an ihre spitze stellte , wie Dumnorix bei den Ae- 
duern, Casticus und vor ihm Catamantaloedes bei den Sequanern 
u.s.w. Hatte der adel die überhand, so war der ganze staat 
aristokratisch, wie die Aeduer vor dem principatus des Dumno- 
rix unter der leitung seines bruders Divitiacus. Der streit der 
Sequaner und der Aeduer war ein ähnlicher wie derjenige, wel- 
cher Athen und Sparta entzweite , der kämpf eines demokra- 
tisch und eines aristokratisch regierten Staates. Die demokra- 
tischen Sequaner hatte Ariovist gegen die aristokratisch regier- 
ten Aeduer zu hülfe gerufen-, wenn gleichwohl der aristokrat 
Divitiacus sich für die Sequaner bei Cäsar verwendete, so that 
er es in der hoffnung, dass die aristokratische partei durch 
das einschreiten desselben bei ihnen das übergewicht bekom- 
men würde. Der senat (oder adelsausschuss) stand im gegensatz 
zu den principes, wenn diese demokraten waren ; er war ihnen 
ergeben, wenn sie der aristokratischen richtung angehörten; die 
magistrate ( Vergobrete) waren bisweilen aus der aristokratischen, 
bisweilen aus der demokratischen partei hervorgegangen, je 
nachdem die eine oder die andere partei die überhand hatte 
und befanden sich daher hier und da im gegensatz zu den 
principes oder denen , welche nach der königlichen macht streb- 
ten, ein andermal waren sie ihnen befreundet. Die aristokrati- 
sche partei, welche unter andern bei den Remern und gewöhn- 
lich auch bei den Aeduern die oberhand hatte, schloss sich an 
Cäsar an; dies zeigt das beispiel des Divitiacus, des Tasgetius 
u. s.w.; und wenn die demokratischen principes, wie im zweiten 
kriegsjahr bei den Suessionen, das volk zum krieg gegen die 
Römer aufgefoi'dert hatten, genügte ihre flucht, um es, unter 
vortritt des Senats , zur Unterwerfung unter Cäsar zu bringen. 
Wenngleich diese und manche andre Verhältnisse, so klar sie 
auch in den commentarien hervortreten, nicht genau genug in 
der abhandlung dargestellt worden sind, so ist doch die Zu- 
sammenstellung des verf., weil er überall seine quellen für sich 
sprechen lässt, ganz verdienstlich ; dass ihm in seiner kleinen 
stadt eben keine anderweitigen hülfsmittel zu geböte gestanden 
haben, ist wenigstens nicht seine schuld. 



58. Observationes grammaticae in Sallustium. Scripsit 
Guil. Lilie. Progr. des gymnasiums zu Jauer 1870. 22s. 4 






Nr. 3. 58. Sallustius. 135 

Im gegensatze zur mehrzahl der neueren arbeiten über den 
Sprachgebrauch einzelner autoren beschränkt sich die abhand- 
lung von Lilie keineswegs auf die statistische Zusammenstellung 
einzelner sprachlicher erscheinungen , sondern behandelt ihren 
stoff streng rationell. Ia der vf. ist in diesem löblichen stre- 
ben sogar entschieden zu weit gegangen, indem er nicht sowohl 
die thatsachen durch seine abhandlung beleuchtet, als vielmehr 
seine theoretischen erörterungen in den mittelpunkt stellt und 
durch die als belege angeführten thatsachen illustrirt. So bie- 
ten diese Observationes grammaticae etwas ganz anderes , als der 
titel erwarten lässt; sie sind eher ein capitel aus der allgemei- 
nen grammatik mit belegen aus Sallustius, als ein beitrag zur 
kenntniss sprachlicher eigenthümlichkeiten des Schriftstellers zu 
nennen. Das thema betrifft den unterschied zwischen der par- 
ticipialconstruction und der anwendung vollständiger nebensätze. 
Von den drei theilen, in welche die Studie zerfällt, wird in der 
vorliegenden schrift nur der erste behandelt, welcher die als 
adjectiva zu Substantiven gefügten participia erörtert. Der 
zweite theil, welcher die als substantiva gabrauchten participia 
behandelt, und der dritte über diejenigen participia, welche ih- 
ren verbalen Charakter bewahrt haben, soll später nachfolgen. 
Was zunächst hier geboten wird, ist mit gründlichkeit, ja Um- 
ständlichkeit ausgeführt; das schwerfällige ein mal (p. 7) auch 
durch einen sinnstörenden fehler entstellte latein, die einförmige 
darstellungsweise und die zahlreichen Wiederholungen in gedan- 
ken und phrasen machen die leetüre weniger erquicklich. Mit 
eingehender Sorgfalt versucht der verf. aus der je nach form 
und bedeutung verschiedenen natur der participia bestimmte 
regeln über die beschränkung ihres gebrauches zu entwickeln; 
aber während er einzelne unbequeme beispiele hinweg zu inter- 
pretiren versucht , ist er bisweilen zu künstlichen oder auch 
nachweisbar unrichtigen auffassungen und deutungen gelangt. 
Wenn z. b. p. 6 behauptet wird, man könne Jug. 46, 6 mu- 
nito agmine (incedere) und 100, 1 quadrato agmine (incedere) als 
absolute ablative fassen, so widerlegt sich dies durch beispiele 
wie or. Lep. 24 tanto agmine atque animis incedit oder Hist. fr. 
III, 71 D. ire laxiore agmine. — In der stelle ep. Pomp. 6 
quid deinde proelia aut expeditiones hibernas, oppida excisa aut re- 
cepta enumerem, weist sowohl der ganze Zusammenhang als auch 



136 59. Sallustius. Nr. 3. 

der begriff enumerare unzweifelhaft darauf hin, dass an einzel- 
nes zu denken ist. Dennoch behauptet der vf. p. 17 f., dass 
nicht singulae urbes, sondern totum genus urbium zu verstehen 
sei ; von einem totum genus proeliorum oder einem genus expedi- 
tionum hibemarum aber schweigt der vf. ; freilich könnte hier 
nicht einmal der schein für seine künstlich ersonnene deu.ung 
sprechen. Doch bildet eine reihe feinsinniger erklärungen ein 
volles gegengewicht gegen solche deutelnde Übertreibungen und 
machen die schrift von Lilie zu einer wirklich belehrenden, de- 
ren fortsetzung man mit Spannung erwarten darf. 

59. Quo iure Sallustius Tacito in describendis Germanorum 
moribus auctor fuisse putetur. Scr. Carol. Breuker. Progr. 
des Friedr -Wilh.-gymn. zu Köln 1870. 14 s. 4. 

Nach strengen Worten gegen die conjecturalkritiker wird 
vom vf. dieser schrift als optima ratio vitia, quibus peccant multi 
iicpie praeclarissimi homines , perspicue demonstrandi ein exempel 
verheissen, wozu R. Köpke's deutsche forschungen und Th. 
Wiedemann's abhandlung über eine quelle von Tacitus Germa- 
nia den stoff bieten sollen. Aber dieser stolzen ankiindigung 
folgt die überraschende Vertröstung auf einen zweiten theil, in 
welchem erst der beweis geführt werden soll , homines Mos do- 
ctissimos nimia narium sagacitate deeeptos magis verborum quam 
rerum studlosos mera somnia pro veris venditasse. Der vorliegende 
theil gibt nichts weiter, als eine recapitulation des von jenen 
beiden forschem gebotenen bevveises. Es will daher bei dem 
mangel selbständiger forschungsergebnisse des vfs. für die be- 
urtheilung seiner schrift wenig bedeuten, wenn manche punkte 
in seiner darstellung als bedenklich bezeichnet werden, z. b. 
über die angeblich gleiche Ordnung in den übereinstimmenden 
stellen des Vergilius und Tacitus ; über die aus den worten des 
vfs. keineswegs erhellende nothwendigkeit, die directe benutzung 
der Georgica in der Germania zu leugnen; über den durch 
nichts gerechtfertigten satz, dass Tacitus von zwei Schrif- 
ten (duobus scriptis) für seine Schilderungen über wohnung und 
kleidung und über sitten und gewohnheiten der Germanen ge- 
brauch gemacht habe ; über die von Sallustius und Tacitus ge- 
gebene Charakteristik, die nur auf jenen vollständig passt. Auch 
steht es einer schrift, die über die methode anderer forscher 






Nr. 3. 60. Tertullianus. 137 

den stab bricht, übel an, wenn sie in den einfachsten dingen 
sich selbst widerspricht, wie wenn Cornelius Nepos unter die 
scriptores summt ingenii atque artis excellentissimae gerechnet und 
gleich darauf als scriptor tanta negligentia atque credulttate bezeich- 
net wird. Aber das schlimmste ist der man<rel irgend weicher 
andeutungen, an welche die in aussieht gestellte kritik im zwei- 
ten theile anknüpfen könnte. Er lässt befürchten, dass dort eine 
Wiederholung dieser Wiederholung geboten werde ; uud dadurch 
wird die beweisführnng nur breit, nicht stark. — Soll ref. seinen 
Standpunkt zur vorwürfi-ren frage kennzeichnen, so muss er die 
beriihrungspunkte zwischen Vergilius Georgica III (über die Scy- 
then) und Horatius III , 24 (über die Geten) mit Tacitus Ger- 
mania als spuren gemeinsamer benutzung der Historien des 
Sallustius für unzweifelhaft erklären. Dagegen scheint ibm die 
frage, ob jene uns nicht erhaltene stelle des Sallustius auch auf 
die Germanen bezng genommen habe, noch nicht erledigt. Je 
nachdem man diese sicher entscheiden kann, wird dann ent- 
weder Sallustius als eigentliche quelle der Germania gelten 
müssen oder wird anzunehmen sein, dass Tacitus manches von 
Sallustius über Scythen (vgl. Just. I, 8, 7) erzählte auf die 
Germanen übertragen habe, wie auch eine stelle (5) seiner Schil- 
derung Germaniens an die angaben des Sallustius über Afrika 
(Jug. 17, 5) erinnert. In letzterem falle ist Sallustius nicht 
historische quelle, sondern auch hier nur stilistisches vorbilddes 
Tacitus gewesen. 

60. Das neue testament Tertullians. Aus den schritten 
des letzteren möglichst vollständig reconstruirt, mit einleitungen 
und anmerkungen textkritischen und sprachlichen Inhaltes. Von 
Hermann Rons eh. 8. Leipzig. Füs's verlag (R. Reisland). 
1871. — 4 2 / 3 thlr. 

H. Rönsch, bereits durch sein werk Itala und Vulgata rühm- 
lichst bekannt, hat auch in dieser neuen schrift seinen beruf zu 
solchen arbeiten bethätigt. In den höchst lesenswerthen be- 
merkungen (p. 1 — 44) bringt er zum verständniss das nöthige 
über Tertullian's lebensverhältnisse , schritten (besonders über 
die mutmassliche reihenfolge ihrer abfassung) und biblische 
citate bei. Dann widmet er ein besonderes capitel dem neuen 
testamente Tertullians, indem er die bezeichnungen der bibel 



138 60. Tertullianus. Nr. 3. 

und ihrer theile bei Tertullian, ihre eintheilung und den be- 
stand nach den einzelnen büchern bespricht (p.45 — 54). Hier- 
auf folgt das eigentliche neue testament Tertullian's in zwei 
haupttheilen, den evangelica instrumenta (den vier evangelien) 
und den apostolica instrumenta (den übrigen Schriften des neuen 
testaments). Die einrichtung ist der art, dass die erste columne 
jeder seite die directen citate enthält, welche den eigent- 
lichen Wortlaut des textes, der bisweilen durch ausdrück- 
lichen hinweis eingeleitet ist , vor äugen stellt , die zweite co- 
lumne dagegen die indirecten anführungen in der oratio 
obliqua beibringt , ferner neutestamentliche ausdrücke, anklänge 
u. s. w., nebst proben tertullianischer exegese und reflexion (p. 
55 — 574). Angefügt sind anmerkungen zu den neutestament- 
lichen citaten (p. 575 — 726). Den beschluss macht ein regi- 
ster über die in den anmerkungen besprochenen Wörter u. s. w. 
Die citate sind nach der Semmler'schen ausgäbe des Tertullian, 
doch mit eigener auswahl anderer lesarten , wo die von Semm- 
ler aufgenommenen nicht zu genügen schienen , weshalb unter 
dem texte die discrepantia lectionis nach der Oehlerschen aus- 
gäbe (von der sonst der verf. nicht viel zu halten scheint) ab- 
gedruckt ist. 

Wir haben für unsere zwecke hier nur die anmerkungen 
zu berücksichtigen , aus denen wir daher unsern lesern das 
wichtigste vor äugen führen wollen. 

P. 583 wird retro = antea, olim , prius besprochen und 
mit stellen aus den Eccl. belegt, welche in den Lexicis fehlen. — 
P. 584 wird über aemulus = adversarius, inimicus, über aemu- 
latio = adversatio, invidia, über aemulor = adversor u. dgl. ge- 
handelt. — P. 587 wird die bedeutung von sub = coram bei 
Petron. 118 durch den häufigen gebrauch bei Tertullian bestä- 
tigt. — P. 595 wird advocare = naoaxa'ke.iv (trösten, auf- 
richten) in drei stellen des Tertullian gegen Hildebrand zu 
Apul. Met. 1, 21, p. 65, der avocare lesen will, mit recht in 
schütz genommen. — P. 595 f. wird über expungere = aus- 
thun (streichen) und = abthun, auszahlen, zufriedenstellen, ge- 
handelt. — P. 598 werden tubicinare und tubare = aaXnC^eip 
aus alten bibelübersetzungen nachgewiesen, wozu wir bemerken, 
dass tubicinare auch so bei Augustin. in Psalm. 76. no. 4 (noli 
tubicinare ante te) steht. — P. 602 ff. wird si forte = et iv%oi in 



Nr. 3. 60. Tertullianus. 139 

verschiedenen bedeutungen bei Tertullian nachgewiesen. — P. 
604 wird über famulo als factitivum von famulor gesprochen, 
wozu wir bemerken, dass famulo sich aucb Diom. p. 360 P. 
(= p. 368, 18 K.) findet. — P. 604 f. handelt der verf. aus- 
führlich über ableitung und bedeutung von suggilare, wobei er 
bemerkt, dass suggilo (nicht suggillo) wohl die älteste Schreibart 
zu sein scheine. Allerdings hat auch Varr. Sat. Men. (lex Mae- 
nia) 48, 6 (2) cod. Leid, suggilent, und Gloss. „suggilatus vtio- 
s7/«(7t>£/V" 5 und Mommsen schreibt Ulp. Dig. 2, 4, 10, §. 12 
auch suggüat. Wir erinnern dabei an focilo früher auch facillo in den 
ausgaben geschrieben. — P. 612 bespricht consistere als t. t. der 
fechtersprache = sich feststellen, dann übertragen auf das forum 
= vor gericht streiten, und seine sache wider jemand behaup- 
ten. — P. 613 f. wird gesprochen über capit absolut oder mit 
folgendem infinitiv, oder mit folgendem ut = es ist möglich, 
zulässig, kann füglich oder recht wohl. — P. 620 ff. wird 
ausführlich über dispungere gehandelt, dessen bedeutungen in den 
lexicis noch nicht genau genug ertörtert sind. Es ist bald = 
vergleichen und berechnen, bald = vergleichen und ausgleichen. 
— Zu dem p. 623 über lactans (== saugend, von jungen thie- 
ren) gesagten bemerken wir, dass diese form (nicht lactens) 
nicht blos in den alten bibelübersetzungen, sondern auch Edict. 
Diocl. 4, 46 (wo porcellus lactans) vorkommt; auch Pelagon. vet. 
12, p. 55, wo statt vel etiam iactans occiditur, gelesen werden 
muss: vel etiam lactans (sc. porcellus) occiditur ; vgl. Gloss. Labb. : 
„lactans, yaXovyovfxsvog ; yuAa&rivög" , weshalb Schuch Apic. 8. 
§. 387 wohl auch mit cod. Vat. 1145 und 1146 in porcello 
lactante (nicht lactente) schreiben musste. — Die behauptung 
p. 632, dass antistes durchgängig nur = tempelvorsteher , wird 
durch zwei vom verf. aus Tertullian selbst angeführte stellen 
widerlegt, nämlich Apol. 1 in., wo Romani imperii antistitis, und 
Pall. 4 extr., wo latrinarum antistites ; ausserdem s. Colum. 3, 
21, 16. — P. 633 wird merito mit genitiv = kraft, auf grund, 
wegen, besprochen, und mit stellen aus den EccI. und dem 
Cod. Just, belegt. Dieselbe wendung findet sich auch oft bei 
den Scriptor. hist. Augustae, z. b. Capitol. Maxim, et Balb. 9, 5. 
Treb. Poll. trig. tyr. 22, 7. Lampr. Heliog. 6, 2. — P. 641 
wird laciniosus in übertragener bedeutung genauer als in den 
lexicis durch schwülstig, schwerfällig, weitschwei- 



140 61. Culturgeschichte. Nr. 3. 

fig erklärt. — P. 649 wird die existenz des Wortes sonium = 
cura nachgewiesen. — P. 667 f. wird genauer als in den lexi- 
cis über passivus (von pando) = keinen unterschied machend, 
ohne unterschied und beliebig geschehend, unstät , regellos, ge- 
handelt. — P. 676 f. handelt der verf. über die verba auf — 
ficare (z. b. ludificare) und bespricht dann ausführlich ableitung 
und bedeutung von prodificare , welches er als gleichbedeutend 
mit ludificare nachweist. — Wenn Rönscb p. 684 strumentum 
= instrumentum bei Tertull. ad uxor. 1, 7 in. (wo Oehler in- 
strumentum) durch Apul. Met. 8, 30 belegen will, so ist diese 
autorität sehr zweifelhaft, da Hildobrand und Eyssenhardt dort 
stramentis lesen, nicht strumentis, wie Rönsch aus ed. Bip. p. 187 
citirt. — P. 685 weist der verf. detexere in der bedeutung 
unten einsäumen, verbrämen aus Fronto laud. fumi §. 
4 (p. 211 Nab.) und Tertull. pudic. 14 und resurr. 43 nach. 
— Zu p. 688 ad summam bemerken wir, dass diese verbiudung 
nicht Cic. ad Attic. 15, 5, sondern 7, 7, 7; 14, 1, 1 und ad 
Fam. 14, 14, 2 steht. — P. 695 bespricht der verf. das ver- 
bum praevaricari in der bedeutung sich der untreue, des 
abfalls (der apostasie) schuldig machen. — Zu p. 
709 bemerken wir, dass aqualiculus bes. = schweinsmagen, s. 
Schuch zu Apic. 7, 7, §. 289 (wo im texte agualiculum zu le- 
sen ist). 

K. E. G. 

61. Hellas und Rom. Populäre darstellung des öffentli- 
chen und häuslichen lebens der Griechen und Römer. Von 
Albert Forbiger. Erste abtheilung : Rom im Zeitalter der 
Antonine. Erster band. Leipzig. 1871. 8. 420 s.— 2 thlr. 

Ueber den zweck des vorliegenden buches spricht sich 
der Verfasser in der vorrede dahin aus , dass es nicht etwa 
für die zunft der gelehrten bestimmt sei , sondern die kennt- 
niss des culturlebens der Griechen und Römer in weitere 
kreise bringen soll. Daher kann der werth desselben nicht so 
sehr in neugewonnenen resultaten bestehen, als vielmehr in ei- 
ner sorgfältigen und übersichtlichen Zusammenstellung des vor- 
handenen materials. Nur auf die Vermehrung der citate legt 
der Verfasser gewicht; denn die anmerkungen seien allerdings 
für die gelehrten geschrieben, während der text auf ein grosse- 



Nr. 3. 61. Culturgeschichte. 141 

res publicum berechnet sei; daher sei „um die aufmerksamkeit 
des lesers mehr zu fesseln , die form einer reisebeschreibuug 
oder eines von einem gleichzeitig lebenden Griechen abgefassten 
tagebuchs a gewählt; die besprechung von einzelnbeiten dage- 
gen in die anmerkungen verwiesen. Ob man dieses verfahren 
gutheissen darf, ist mindestens sehr fraglich; wenigstens ist 
wohl heutzutage, besonders nachdem Friedländer in seinem vor- 
trefflichen, jetzt vollendeten werke gezeigt hat, in welcher art 
solche darstelluDgen populär und doch streng wissenschaftlich 
gegeben werden können, kaum mehr ein zweifei darüber, dass 
die ähnliche einkleidung in den bekannten werken Becker's, 
Charikles und Gallus, keineswegs dazu beigetragen hat, den 
werth dieser sonst überaus verdienstlichen arbeiten zu erhöben. 
Ein historischer roman darf kein lehrbuch sein und ein lekr- 
buch kein roman, denn die form ist nicht etwas rein äusser- 
liches, sondern bedingt die ganze anläge uud disposition des Wer- 
kes. Man kann nicht leugnen, dass die von Forbiger gewählte 
einkleidung sich ungleich leichter dem gegenstände anpasst: 
eine reisebeschreibung hat immer ein didactisches element in 
sich und ist sehr geeignet, in das kulturleben eines fremden 
Volkes einzuführen. Aber geschick gehört freilich auch dazu 
und dieses geschick, die darstellung einigermassen zu belebten, 
zu individualisiren und auch nur für einen moment d-n eindruck 
zu erwecken, dass man es wirklich mit einem reisenden Griechen 
zu thun habe, auf den der anblick von Rom und von römischem 
leben unmittelbar einwirkt — dies geschick fehlt Forbiger leider 
gänzlich. Mit eingestreuten bemerkungen, wie p. 14 über die 
fischsauce (garum) : ,,doch gestehe ich offen, dass ich nicht recht 
begreife, wie die Kömer so grossen geschmack daran finden 
können, wenn ich auch nicht leugne, dass es ein sehr pikantes 
geriebt ist", oder p. 251: „nun aber wäre es unverantwortlich 
gewesen, das brautpärchen noch länger stören zu wollen", oder 
p. 284: „wäre es mir nun auch ungleich erwünschter gewesen, 
meine neugier (nämlich bei der toilette zu assistiren) im hause 
einer anständigen dame befriedigen zu können" — mit solchen und 
ähnlichen bemerkungen glaubt der Verfasser seiner pflicht zur cha- 
racterisirung des erzählers genug gethan zu haben und wohlweis- 
lich wird derselbe sofort aller nationalität durch seine eigene 
erkläiung (p. 13) entkleidet: „ich werde, wie in allen folgen- 



142 61. Culturgeschichte. Nr. 3. 

den Schilderungen, auch was mit den griechischen sitten völlig 
übereinstimmt, so darstellen, als ob es mir neu wäre". 

Man wird vielleicht einwenden , dass das hervortreten der 
persönlichkeit und seiner individuellen anschauung nicht dem rein 
didactischen zwecke des buches entsprechen würde, mag sein, 
aber was beweist das anderes, als dass auch diese form der dar- 
stellung dann eine verfehlte ist? Und doch, selbst wenn die person 
desbescbreibers ganz im hintergrunde bleiben sollte, so konnte doch 
der stil wenigstens und die darstellung einigermassen geschickt 
und belebt sein. Aber das ganze buch liest sich wie eine un- 
gelenke Übersetzung aus einer fremden spräche und zahlreiche 
parenthesen hemmen den leser auf schritt und tritt ; man sieht 
eben überall , dass Forbiger nichts weiter im sinne hat , als 
nur ja keine kostbare notiz, die er in seinen excerpten ver- 
zeichnet fand, dem leser vorzuenthalten und ist es ganz un- 
möglich, dieselben sofort zu verwerthen, so tröstet er uns mit der 
öfters wiederkehrenden Versicherung , dass er darauf noch an 
einem anderen orte eingehend zurückkommen werde. War gar 
keine passende stelle zu finden, so musste ein anhang am 
Schlüsse des kapitels gemacht werden, wenn derselbe auch mit 
dem vorhergehenden absolut nichts zu thun hat ; geradezu ko- 
misch ist es z. b., in welcher weise der Verfasser eine ausein- 
andersetzung über die entstehung und entwickelung der patri- 
cier, plebejer und ritter, die überdies auf einem äusserst niedri- 
gen niveau steht, am ende des ersten kapitels angeknüpft hat. 
Unser Grieche wird nämlich von seinem vornehmen römischen 
gastfreunde Sulpicius seiner geraahlin vorgestellt, „die gleich 
ihrem gatten einem alten patricischen geschlechte angehörte"* 
. . . „Diese erwähnung ihrer patricischen herkunft aber bestimmt 
mich, alles was ich namentlich durch mittheilung des Sulpicius 
und Narcissus, aber auch aus büchern , die mir letzterer aus 
seinem laden lieh, über die Verhältnisse der drei stände(!) in 
Rom, patricier, ritter und plebejer, in erfahrung brachte, unten 
am ende dieses kapitels meiner erzählung als anhang kurz zu- 
sammenzustellen". Schon am folgenden tage, nachdem er mit 
Narcissus (einem freigelassenen des Sulpicius, der einen buch- 
handel eröffnet hat) eine grosse rundreise in Rom gemacht und 
bei seinen gastfreunden unter sehr belehrenden gesprächen sou- 
pirt hat, wird das versprechen eingelöst: „ich zog mich auf 






Nr. 3. 62. Griechische antiquitäten. 143 

mein zimmer zurück, um noch bis in die nacht hinein in 
den mir von Narcissus geliehenen geschichtswerken zu studiren 
und theile schon hier das resultat meiner forschungen über die 
entstehung und Verhältnisse der drei stände Korns als anhang 
meiner heutigen erlebnisse mit" : wir hätten gern auf die fol- 
genden theils trivialen, theils falschen ausführungen verzichtet 
und dem müden Griechen etwas mehr schlaf gegönnt , um sich 
für die Wanderungen des folgenden tages und ihre beschreibung 
zu stärken. 

Es ist nicht unsere absieht, ihn auf allen seinen irrfahrten 
zu begleiten; zum theil sind es auch bedenkliche orte, in die ihn 
sein führer Narcissus bringt, aber wir sehen mit befriedigung, 
dass der keusche Grieche, seinen übrigen landsleuten jener zeit 
wenig ähnlich, überall nur die gelegenheit benutzt, seine und 
unsere kenntnisse zu bereichern. 

Wir wollen nicht ungerecht gegen den Verfasser sein : er 
hat sich redlich bemüht, ein grosses material aus ursprüngli- 
chen und seeundären quellen zu sammeln und zu verwerthen, 
und man wird den abhandlungen über das römische haus, villa, 
landleben, familienleben, Schauspiele u. s. w., wenn sie auch we- 
nig neues enthalten, fleiss und genauigkeit im detail nicht ab- 
sprechen ; aber zu einer populären darstellung fehlt ihm durch- 
aus alle begabung. Hätte er sich damit begnügt, eine Schilde- 
rung dieser interessanten erscheinungen etwa für vorgerückte 
schüler zu geben, so würde das buch, obgleich ein eigentliches 
bedürfniss dafür nach B< j cker's und Friedländer's arbeiten ebenfalls 
nicht vorlag, nicht ganz ohne nutzen gewesen sein ; hoffent- 
lich wird der Verfasser, wenn er die versprochene fortsetzung 
liefern sollte, auf eine solche halb romanhafte einkleidung ver- 
zichten und sich auf eine einfache und übersichtliche darlegung 
des materials beschränken. O — d. 

62. Lehrbuch der griechischen privaialterthümer mit ein- 
schluss der rechtsalterthümer von Karl Friedrich Her- 
mann. 2. auf!., unter benutzung des vom Verfasser hinterlas- 
senen handexemplars neu bearbeitet von Dr Karl Bernh. 
Stark, professor in Heidelberg. Heidelb. Mohr. 1870. 8. 
XIX und 595 seiten. — 2 l / 2 thlr. 

Wir haben den ersten theil dieses bandes im Philol. An- 



144 62. Griechische antiquitäteü. Nr. 3. 

zeiger bereits besprochen. Auch der zweite theil enthält über- 
all reiche Zusätze, wie z. b. der ganze §. 50 über hühere be- 
rufszweige eingeschaltet ist: daher der index, welcher früher 
16 seiten betrug, jetzt deren 35 enthält. 

Ich erlaube mir wiederum einige nachtrage zu machen. 
§. 33 anm. 39 konnte bei dem xslidöriafAa bemerkt werden, 
dass noch jetzt die kinder in Griechenland am 1. märz ein 
ähnliches lied singen , während sie eine hölzerne schwalbe auf 
einem cylinder umdrehen. Das. anm. 27 handelt von puppen: 
man vgl. dazu Heydemaun im Bull. d. inst, di corr. arch. Rom 
1868, welcher p. 38 solche auf attischen grabmälern nachweist, 
p. 35 einen drachen, dsrög, auf einer vase in Neapel. Eine thon- 
puppe, ein mädchen, mit beweglichen gliedern aus einem grabe 
der Krim bildet Stephani compte-rendu pour 1868 auf taf. 1, 
no. 18 ab, G. Krüger im programm des Charlottenburger pro- 
gymn. (Berl. 1866) über Charon und Thanatos ein spielwerk 
aus Athen, wohl einen kinderkahn, Valentin im Jubelprogramm 
für Gerhard 1865 eiaen knaben, welcher einen kleinen wagen 
zieht, von einer vase aus Canosa zu München. Dies würde zu 
23, 25 gehören. §. 37, 16 bei dem (paivii öVspiel ist schob ad 
Clem. Alex. vol. 4 p. 135 Klotz, mit recht ausgelassen als 
aus Pollux entlehnt. Auf kunstwerken weist dies spiel Ste- 
phani compte-rendu pour 1863 p. 13 anm. 3 nach. Ich ver- 
misse §. 33 den aay.roXiaapirx; , über welchen ausführlich Gras- 
berger Eos 1865, p. 329 handelt, und die ecoloxQaoia bei Pho- 
tius, Bekker Anecd. I, 258, Eust. zur Od. 1451, 56, Apostol.prov. 
18, 70 mit Leutschs anm. , und Stephani compte-rendu pour 
1868 p. 89 f., welcher sie auch auf einer vase findet. Zu 
37, 3 kommt noch Clarac mus. de sculpt. band 4, pl. 712, no. 
1696, ein Faun, welcher über einen geschwungenen strick spriugt. 
Das reifeuspiel (33, 20) ist auf vielen vasen in Sicilien darge- 
stellt, besonders auf lt]xv&ois: s. Benndorf arch. anz.1867, p. 114*. 
So viel zu den spielen. Zum Unterricht §. 34 gehöriges bietet 
noch 0. Jahn handwcrk p. 288 ff. — §. 35, 5 wird der scliüler- 
tafeln aus ägyptischen grabern gedacht. Vgl. dazu Fröhner 
soc. de numism. et d'arcMol. Paris 1867, p. 5 ff. f wo vier sol- 
che zu Marseille und eine in New - York genau beschrieben 
werden, die letzto nach besserer copie als von Welcher Khein. 
Mus. XV, p. 155. Ein schwarzer ziegel zu Athen mit einge- 



Nr. 3. 63. Archäologie. 145 

ritzten buckstabirübungen ag ßao u. s. w. sg ßsg u. s.w. r}Q und 
so fort durch alle vocale ist behandelt Philistor 4, p. 527. — 
Zu § 35: über das rechnen der Griechen s. Cantor rnathem. beitr. 
p. 126. — Zu §. 48, 8 über Wechsel fehlt das gelehrte buch 
von Gneist: die formellen vertrage des neueren römischen 
Obligationenrechts in vergleichung mit den geschäftsformen des 
griechischen rechts. Berlin 1845 , besonders p. 414 — 482. — 
Zu §. 65 : über die bei der adoption gebräuchlichen ausdrücke s. 
Keil Rhein. Mus. XX, p. 535: yorcp, yevei, vpvast, qvaixog na~ 
tqg — \'>yty, k«#' vjinOtGi'ar , xaza noiqaiv. In Attika wenig- 
stens bleibt der alte name, doch tritt der neue demos dazu. — 
Diese notizen mögen als kleine beitrage zu dem in der bear- 
beitung von B. Stark sehr verbesserten handbuche dienen. 

Gustav Wolff. 

63. Der Parthenon, herausgegegeben von Adolph Mi- 
chaelis. Mit einem atlas und einer hülfstafel. 8. Leipzig, 
Breitkopf und Härtel, 1871. — 10 thlr. 

Bei l ) der ungemeinen Wichtigkeit, welche der Parthenon für 
die kunstwissenschaft besitzt , und bei der Schwierigkeit, die es 
für den einzelnen hat , sich mit dem überall zerstreuten künst- 
lerischen und wissenschaftlichen material vollständig bekannt zu 
machen, war eine erschöpfende Zusammenstellung und kritische 
Sichtung des vorhandenen schon längst zur nothwendigkeit ge- 
worden, zumal da jetzt wohl kaum noch eine weitere Vermeh- 
rung des Stoffes durch neue entdeckungen zu erwarten steht. 
Der Verfasser hat dies dankbare aber auch mühselige unterneh- 
men, über welches er bereits früher auf der philologenversamm- 
lung zu Halle mittheilungen gemacht hatte, jetzt in einer weise 
zu ende geführt, die dem werke eine hervorragende stelle in der 
archäologischen literatur sichert. Für die einrichtung des atlas 
ist eine neue und sehr praktische methode angewendet worden, 
die dem philologen übrigens so nahe liegt, dass man sich wun- 
dern muss, sie jetzt zuerst angewendet zu sehen. Wie bei der 
herausgäbe eines alten Schriftstellers eine bestimmte handschrift 
zu gründe gelegt wird und die abweichungen der übrigen nur 
in form von noten unter dem texte ihre stelle finden , so 
enthält auch der atlas grössere zusammenhängende textstreifen 

1) S. ob. nr. 1, p. 50 flgg. Die Wichtigkeit des werks wird diese 
zweite anzeige rechtfertigen. — E. v. L. 

Philol. Anz. IV. 10 



146 63. Archäologie. Nr. 3. 

— abbildungen der originale resp. der der Carreyschen Zeich- 
nungen — während alles andere, was zur ergänzung oder be- 
richtigung dienen kann, in kleinerem formate, so zu sagen in 
notenform, darunter beigefügt ist, und zwar nicht in überflüssi- 
ger Vollständigkeit, sondern nur in den jedesmal wichtigen thei- 
len. Dadurch wurde die wünschenswerthe Übersichtlichkeit ge- 
wonnen und unnöthiger luxus vermieden. In ebenso sparsa- 
mer und übersichtlicher art wird auch das umfangreiche wis- 
senschaftliche material mitgetheilt ; die verschiedenen erklärungs- 
versuche früherer sind mehrfach in tabellenform oder sonst in 
möglichst knapper fassung mitgetheilt. Trotzdem ist aus dem 
texthefte, welches der titel des atlas verspricht, ein recht ansehn- 
licher band geworden, wofür man dem Verfasser nur dank wis- 
sen kann. Namentlich ist die Sammlung aller auf die panathe- 
näen bezüglichen stellen und der den parthenon betreffenden 
inschriften eine erwünschte zugäbe. Dass übrigens ein buch, 
welches einen so oft untersuchten gegenständ behandelt, nicht 
viele neue entdeckungen bringen kann, versteht sich von selbst. 
Die kritik der bisher aufgestellten eiklärungen musste in den 
Vordergrund treten, und sie wird durchweg mit einsieht und 
Unparteilichkeit und ohne wortaufwand geübt. 

Referent hat in dem buche nur wenige punkte gefunden, 
bei denen er sich mit dem Verfasser im Widerspruch weiss. 
Der wichtigste unter diesen punkten ist die erklärung der sta- 
tue D des ostgiebels als Diouysos. Michaelis widerlegt sich 
aber gewissermassen sogleich selbst, wenn er sagt : , ; nächst Dio- 
nysos hätte wohl der attische gott Herakles die nächsten an- 
spräche auf diese figur". Ist dies wirklich so, kann die statue 
sowohl für einen Dionysos wie für ein Herakles gelten , so hat 
Phidias von charakterisiruug keinen begriff gehabt. Ueberdies hat 
Dionysos so wenig wie Herakles irgend ein anrecht auf einen 
platz im ostgiebel, da beide zur zeit der geburt Athene's noch 
nicht existirten. Der künstler kann zwar unter umständen von 
der Chronologie absehen , wie z. b. Lukas Kranach sich selbst 
bei der kreuzigung darstellt. Hier ist aber eine geistige ge- 
meinschaft vorhanden , was von den im ostgiebel vermutheten 
personen nicht gilt. Hier müssen wir uns au die thatsachen 
halten, dass in D ein junger mann von eisenfester muskulatur 
dargestellt ist, dass es einer der Olympier sein muss, und dasa 



Nr. 3. 63. Archäologie. 147 

er ehedem als attribut einen stab von bronze (eine lanze) in 
der hand gehabt hat, auf dessen befestigung noch ein bohrloch 
hinweist. Alles dies passt ausschliesslich auf Ares. 

Die erklärung der erwähnten giebelstatue wirkt wiederum 
ein auf die erklärung der figur 25 des östlichen frieses, in der 
Michaelis ebenfalls den Dionysos erkennen will. Auch diese 
gestalt zeichnet sich durch ihren kraftvollen körperbau aus, 
und die erhebung der linken hand wird nur verständlich, wenn 
man eine lanze als attribut annimmt. Da überdies zur erklä- 
rung der götterversammlung schon sämmtliche namen der Olym- 
pier in anspruch genommen sind, so bleibt auch hier nur Ares 
übrig. 

Der irrthum des Verfassers hat schliesslich auch noch auf 
die beurtheilung stylistischer besonderheiten eingewirkt. Er 
meint, dass bei der ausführung der gibelstatuen verschiedene 
hände thätig gewesen sind, und beruft sich hierfür auf den un- 
terschied zwischen dem Dionysos, der einen anflug von sche- 
matischem, akademischem, stilisirtem habe, und dem Kephisos, 
der voll des allerindividuellsten lebens sei. Er übersieht, dass 
der unterschied nicht bloss in der ausführung, sondern schon 
in der auffassung liegt , dass er bereits in der ersten skizze, 
falls Phidias eine solche angefertigt hat, sich geltend gemacht 
haben muss. In der figur des Ilissos oder Kephissos , wie Mi- 
chaelis ihn nennt, beruhet der reizvolle fluss der Knien, so an- 
gemessen für das bild des flussgottes , auf dem doppelten mo- 
tive der bewegung, welches einigermassen an Corregio erinnert; 
für den ruhig daliegenden kriegsgott hingegen ergab sich die 
anwendung eines grossen styles aus der bedeutung des gegen- 
ständes. Diese Verschiedenheit deutet aber nicht auf verschie- 
dene hände. Phidias besass — ebenso wie Beethoven — nicht 
einen styl , sein universales genie vereinigte alle stylarten in 
sich, und seine eigenthümlichkeit besteht gerade darin, dass er 
jedem gegenstände die am meisten passende behandlung zu 
theil werden liess , dass er also z. b. einen strengen styl wie 
in D wohl bei einem Ares anwendete, aber nicht bei einem 
Dionysos. 

In der götterversammlung des ostfrieses bezeichnet Michae- 
lis zwei figuren, die sonst Aeskulap und Hygieia hiessen, als 
Athene und Hephästos, und findet sogar bei der sitzenden ge- 

10* 



148 63. Archäologie. Nr. 3. 

stalt des gottes eine andeutung des hinkens heraus. Hiernach 
muss es auffallen, dass das hinken in einem andern falle über- 
sehen worden ist, wo es weit deutlicher sich geltend macht, 
nämlich bei dem schreitenden manne in metope 17 der 
Südseite. Ich wenigstens kann auch hier nur Hephästos neben 
Athene erkennen. Der viereckige kästen oder korb in den 
händen der göttin, den übrigens Carrey sehr undeutlich ge- 
zeichnet hat, weil er die sich herausriugelnde schlänge nicht 
erkannte, deutet darauf hin, dass metope 17 und 18 zusam- 
mengehören, wie auch Michaelis annimmt. In 18 erkennt 
man allgemein die Schwestern der Pandrosos , welche wahnsin- 
nig zum abhänge der akropolis eilen, um sich herabzustürzen. 
Phidias folgte also jener sage, welche den Erichthonios zu ei- 
nem söhne des Hephästos und der Athene machte und die 
doppelmetope ist im wesentlichen nach Ovid. Metam. 2, 552 sq. 
zu erklären. Diesem zusammenhange schliesst sich dann me- 
tope 19 trefflich an, wenn wir hier mit ßröndsted Pandrosos 
als angehende priesterin der Athene sehen, wie sie von Telete 
oder Thenios belehrung über ihr priesteramt empfängt. Dies 
ist der natürliche Übergang zu 20 und 21, welche auf den kul- 
tus der Athene bezug haben. Nur dadurch, dass in 21 die 
Verehrung des vom himmel gefallenen bildes der Athene selbst 
dargestellt ist, enthält der mit 13 beginnende cyklus seinen 
abschluss; dieser abschluss fehlt aber, wenn wir mit Michaelis 21 
zur folge der Centaurenkämpfe ziehen. Als idee aller neun me- 
topen ergiebt sich unschwer die entwicklung der kultur in Attika, 
und es ist wohl nicht ohne bedeutung, dass diese bilderfolge 
mitten zwischen die Centaurenkämpfe eingereihet ist, denn jene 
entwicklung vollzog sich nicht im frieden, sondern war begleitet 
von heroischen kämpfen gegen kulturfeindliche mächte. Eine 
symbolische auffassung des metopenfrieses aber wird zur noth- 
wendigkeit durch seine nahe Verbindung mit dem panatheuäi- 
schen friese. Beide zusammen sind der künstlerische ausdruck 
der ideen, welche in der berühmten leichenrede des Perikles 
bei Thucydides enthalten sind. L. G. 

64. Kritische bemerkungen zur ältesten geschichte der 
griechischen kunst von Dr Eugen Petersen. 4. Programm 
des gymnasiums zu Ploen 1871. 



Nr. 3. 64. Archäologie. 149 

Diese mit reifem urtheil wie mit grosser schärfe und 
klarheit geschriebene abhandlung gehört unbedingt zu dem be- 
sten, was über die anfange der griechischen kunstgeschichte 
in neuerer zeit gesagt worden ist. Den ausgangspunkt der 
dreigetheilten Untersuchung bildet die frage nach der berechti- 
gung der annähme eines mehrhundertjährigen Stillstandes zwi- 
schen der homerischen zeit und den ersten historischen nach- 
richten über die anfange der griechischen plastik. 

Bei der besprechung der kuust des homerischen Zeitalters, 
die den ersten abschnitt der eigentlichen Untersuchung bildet, con- 
centrirt sich das hauptinteresse natürlich auf den Achillesschild. 
Petersen schliesst sich hier der neuesten von Brunn herrühren- 
den besprechung dieses gegenständes insoweit an , als er aner- 
kennt, dass derselbe kein willkührliches phantasiegebilde sei, 
sondern der dichter rücksichtlich des Stoffes und der form nach 
analogien schildere. Mit recht ist er dagegen der ansieht, dass 
man auch nicht weiter gehen dürfe , und namentlich von einer 
räumlichen disposition der scenen über die einzelnen streifen 
durchaus absehen müsse, welche sich vorstellig zu machen der 
dichter auch nicht den geringsten anhält bietet. Brunn hatte 
ferner darauf aufmerksam gemacht, dass zwischen diesen äusse- 
rungen eines kunsttriebes , der allein darauf ausgeht ein ge- 
räth reich zu verzieren , und selbständig losgelösten kunst- 
werken ein sehr grosser unterschied sei. Auch Petersen ist 
dieser ansieht und er spricht es entschieden aus, dass diese ho- 
merische im wesentlichen vom Orient abhängige kunst mit nich- 
ten einfach als eine unvollkommene stufe der späteren be- 
trachtet werden dürfe. 

Der in der beschreibung des homerischen Schildes als ver- 
fertiger des tanzplatzes der Ariadne angeführte Daidalos bildet 
den gegenständ der Untersuchung des nächsten capitels. "Wenn 
man in ihm immer noch den personificirten Vertreter einer wenn 
auch dem räum und der zeit nach weit auseinanderliegenden 
kunstübung sieht, so betont Petersen gewiss richtig, dass sich 
bis dahin niemand die mühe genommen, die auf ihn bezüglichen 
notizen in ihrer geschichtlichen abfolge zu prüfen. Geschieht 
dies, so ergiebt sich das einfache resultat, dass die ältere Über- 
lieferung in ihm durchaus nur einen mythischen tausendkünst- 
ler erblickt, der seinen statuen leben und bewegung, ja spräche 



150 64. Archäologie. Nr. 3. 

zu verleihen weiss , ganz in Übereinstimmung mit den an wun- 
dern so reichen sagen, die sich an seinen aufenthalt in Kreta, 
Sicilien uud Athen anknüpfen. Erst eine spätere stark rationa- 
listisch gefärbte richtung versucht es erhaltene bildwerke mit 
seinem namen in beziehung zu setzen. Daidalos sollte es gewe- 
sen sein, der zuerst die figuren schreitend mit losgelösten armen 
und geöffneten äugen dargestellt habe. Indem die archäologie, 
wenn auch den Urheber selbstverständlich negirend, doch das 
factum jenes angeblichen fortschrittes anerkennt, so übersieht 
sie dabei wie jene nachricht sich schon dadurch als eine ge- 
machte erweist, dass sie nicht im stände ist das zu erklä- 
ren , was in der älteren Überlieferung als das wesentliche an 
den dädalischen gebilden hervorgehoben wird : die selbststän- 
dige bewegung. Auch wird es nicht zufällig sein, dass sich die 
Unterscheidung vordädalischer und nachdädalischer statuen nach 
den von den alten selbst an die hand gegebenen merkmalen 
an den uns erhaltenen bildwerken schlechterdings nicht durch- 
führen lässt. Diese betrachtungsweise wirft ein helles und schar- 
fes licht auf ähnliche fabelhafte gebilde, die bei Homer vor- 
kommen und für welche etwas wirkliches vorauszusetzen man 
daher bedenken tragen muss. Hat sich so ergeben, dass der 
daidalosmythus nichts weniger als einen historischen kern hat, 
so hört auch die Verpflichtung auf ihn chronologisch unterzu- 
bringen ; jener unbequeme Zeitraum von 300 jähren stillstand 
— denn vor Homer musste Dädalus doch wohl gelebt haben 
(II. 2, 599) — fällt in sich zusammen und damit natürlich 
auch die nothwendigkeit ihn zu erklären. 

Wie wenig begründet die bisherige annähme eines hierati- 
schen zwanges sei, ist Petersen bemüht im dritten abschnitt darzu- 
legen. Drei nachrichten, auf die man sich hauptsächlich dabei 
stützte , werden als nicht hierhergehörig abgewiesen. Auch an 
uns erhaltenen werken lässt sich die existenz eines solchen nicht 
nachweisen, und wenn behauptet wird, dass gewisse theile: 
gewand, haar und gesicht mit scheinbar verhaltener kunst im 
gegensatz zu den körpern gebildet seien, so erklärt sich das 
nicht aus einer Vorschrift der priester, auch nicht daraus, dass 
auf diese theile die nachahmung von so angekleideten kultus- 
bildern eingewirkt, sondern aus der naturgemässen entwicke- 
lung der kunst selbst, die diese theile, welche gewisse schwie- 



Nr. 3. 65. Archäologie. 151 

rigkeiten boten, eben noch nicht anders zu bilden vermochte. — 
Doch ist es nicht unsere absieht durch diese mittbeilungen die 
leetüre dieser vortrefflichen und gehaltvollen schrift tiberflüssig 
zu machen , auf die wir um so nachdrücklicher hinweisen , je 
näher die gefahr liegt, dass sie das gewöhnliche Schicksal der 
schulprogramme theile. Z. 

65. Vortrag über zwei antike köpfe des Baseler museums, 
gehalten an der elften Jahresversammlung des Vereins schwei- 
zerischer gymnasiallehrer von W. Vis eher. 4. Aarau, buch- 
druckerei von H. E. Sauerländer, 1871. 

Die kleine schrift behandelt zwei für Basel erworbene an- 
tiken, erstens einen Apollokopf, der mit dem belvederischen 
die grösste ähnlichkeit hat und zweitens einen dem farnesi- 
schen verwandten Herakleskopf. Den in Basel befindlichen 
Apollo hält der Verfasser nach dem vorgange von Kekule" für 
das original, die belvederische statue für copie. In betreff des 
Herakles sagt er : „er ist wenn nicht selbst original, was dahin 
gestellt werden muss, doch nach dem griechischen originale in 
griechischem geiste, wenn auch vielleicht in Born gearbeitet; 
der farnesische ist unter römischem einflusse nach dem gleichen 
original, aus dem griechischen typus gleichsam in den römischen 
übersetzt". 

Derartige Untersuchungen über original und copie sind 
heutzutage bei den archäologen sehr beliebt, und der uneinge- 
weihte würde über die feinheit der beobachtungen erstaunen, 
wenn nur nicht leider die einzelnen beobachter sich gewöhn- 
lich direkt widersprächen , wie z, b. im vorliegenden falle Ke- 
kule* und Brunn. Hat man aber erst die Überzeugung gewon- 
nen, dass die sichere entscheidung solcher fragen zu den Un- 
möglichkeiten gehört, und muss man trotzdem sehen, dass man- 
che archäologen mit gleicher ernsthaftigkeit wie Cicero's au- 
gurn die entscheidung fällen, so wird das erstaunen ganz ande- 
rer art. Giulio Romano konnte das portrait des papstes Leo, 
an dem er selbst in gemeinschaft mit Rafael gemalt, nicht von 
del Sarto's copie unterscheiden ; und dass unsere kunstrichter 
in dieser beziehung auch nicht klüger sind, hat der streit über 
die Holbeinschen Madonnen sattsam bewiesen. Und doch müsste 
bei der neueren maierei eine solche kritik noch am ersten zu 



152 66. 67. Archäologie. Nr. 3. 

ermöglichen sein, weil man hier sicher beglaubigte originale 
von der hand der grossen meister in genügender anzabl be- 
sitzt, um sich daraus über die besonderbeiten eines jeden gründ- 
lich unterrichten zu können; aber wo ist bei der antike auch 
nur diese Vorbedingung erfüllt? Und wenn sie es wäre, ist 
nicht schliesslich jedes marmorwerk immer nur eine copie nach 
einem thonmodelle, so dass man niemals wissen kann, wie viel 
der meister und wie viel seine gehülfen daran gethan ? Für 
die Verschiedenheiten, welche bei Wiederholungen desselben ge- 
genständes vorkommen, lassen sich überdies so vielerlei erklä- 
rungen aufstellen, dass man es lieber ganz unterlassen sollte, 
diese gleichungen mit zehn unbekannten aufzulösen. 

L. G. 

66. Epigraphische und archäologische kleinigkeiten von 
Wilhelm Vischer. Mit zwei lithographischen tafeln. Ba- 
sel, Carl Schultze's universitätsbuchdruckerei, 1871. 

Ausser verschiedenen schleuderbleien, unter denen eins mit 
dem bilde des blitztragenden adlers und dem namen des De- 
metrius besonderes interesse erregt, publicirt der Verfasser auch 
noch einige auf das gerichtswesen der Athener bezügliche al- 
terthümer. Als besonders seltenes und merkwürdiges stück ist 
unter diesen ein athenisches stimmtäfelchen hervorzuheben, des- 
sen gestalt sich am besten mit einem farbenkreisel vergleichen 
lässt. Aus der abbildung ersieht man deutlich, was Aristoteles 
sagen will, da er von dem avltanog spricht, den diese stimm- 
täfelchen in der mitte gehabt hätten. L. G. 

67. Römische hochzeits- und ehedenkmäler erläutert von 
August Eossbach. 8. Leipzig. 1871. — 1 thlr. 14ngr. 

Schon in seinem buche über die römische ehe hatte der 
vf. in einem besondern abschnitte anhangsweise auch die be- 
züglichen kunstdenkmäler betrachtet. Da er dabei jedoch nur 
auf die grade für diesen gegenständ besonders unzuverlässigen 
publicationen angewiesen war, so Hess sich voraussehen, dass 
die ergebnisse seiner besprechung sich nicht überall als sicher 
und richtig bewähren würden. Ausserdem fehlte ihm damals 
offenbar die nöthige Vertrautheit mit der ganzen gattung von 
monumenten, die für seinen zweck besonders in betracht kommt. 



Nr. 3. 67. Archäologie. 153 

Gerhards paradoxon: qui unum monumentum vidit nulluni vidit, 
gilt ganz eigentlich von den römischen Sarkophagen. 

Auf einer reise nach Italien und insbesondere bei einem 
längeren aufenthalt in Eom hat nun der vf. gelegenheit gehabt 
die in frage kommenden monufnente selbst zu untersuchen und 
unter einander so wie mit verwandten zu vergleichen. Das er- 
gebniss dieser Studien sind sehr zahlreiche berichtigungen in der 
einzelerklärung, und, was wichtiger ist, eine wesentliche Verän- 
derung des standpunctes von dem die betrachtung ausgeht. 

Naturgemäss schreiten wir von den einfachen zu umfang- 
und inhaltsreicheren darstellungen vor. Der act der eheschlie- 
ssung, welcher durch die dextrarum iunctio ausgedrückt wird, 
ist als der wichtigste moment, wie die grosse zahl der uns er- 
haltenen denkmäler beweist, besonders gern zur darstellung ge- 
bracht ; aber es musste den künstler reizen auch damit unmittelbar 
zusammenhängendes, wie das opfer, das hier wie bei keiner 
feierlichen handlung fehlen durfte, oder den zug glückwünschen- 
der gaste vorzuführen. Endlich konnte er auch die hocbzeit 
als den höhepunct des ganzen lebens betrachten und dieselbe 
von scenen umgeben erscheinen lassen, die andere wichtige mo- 
mente desselben veranschaulichen, oder den rang und die lebens- 
verhältnisse oder die lieblings -beschäftigung der verstorbenen in 
bunten und bewegten bilde™ zur anschauung brachten. So sehen 
wir denn das neugeborene kind mit seiner amme, im hinter- 
grund bedeutungsvoll die drei Parzen ; ferner den knaben wie er 
von seinem pädagogen Unterricht erhält. Als den mann beson- 
ders ehrende beschäftigungen galten noch in der späten kaiser- 
zeit jagd und krieg. Hierauf bezügliche darstellungen sind des- 
halb besonders beliebt. Bald erblicken wir den verstorbenen 
von einem schwärm seiner begleiter umgeben auf einen mäch- 
tigen eber einstürmend, bald erscheint er als sieggekrönter feld- 
herr, vor dessen stuhl gefangene barbaren geführt werden. Alle 
diese darstellungen haben sowie die der mythischen Vorgänge et- 
was typisches und eine Zusammenstellung lehrt, dass wir es hier 
mit nichts weniger als mit individuell erfundenem zu thun 
haben. 

Was nun die hochzeitsdarstellungen selbst betrifft, so ist 
es ein unbestreitbares verdienst Eossbachs gegen seine eigene 
frühere ansieht zum ersten male ohne rückhalt ausgeführt zu 



154 67. Archäologie. Nr. 3. 

haben, dass, einzelner auf den ersten blick täuschender realisti- 
scher details ungeachtet der Vorgang stets idealistisch geschil- 
dert wird und namentlich nie auch nur der versuch gemacht 
ist, seine in Wirklichkeit so überaus wichtige juristische seite 
hervorzuheben , die eben künstlerisch durchaus unfruchtbar sein 
musste. Dass bei der herstellung des stehenden typus der 
gruppe der dextrarum iunctio griechische Vorbilder theilweise be- 
nutzt worden sind, hebt Eossbach mit recht hervor. Unver- 
kennbar ist dies, wenn man das wundervolle in mehrfachen re- 
pliken erhaltene terracottarelief bei Campana: Overe in plastica 
tav. 64 vergleicht : zugleich werden aber auch die sehr tiefge- 
henden änderungen klar, die sich der römische künstler im 
sinne seiner nationalen anschauungen erlaubt hat. Man wird 
doch zugestehen müssen, dass mit jenem material von ihm et- 
was durchaus neues geschaffen worden ist. Der Grieche als 
ächte künstlernatur legt hier, wie überall, den hauptnachdruck auf 
das psychologische element. Die Schüchternheit und Verschämt- 
heit der braut in dem moment, wo sie dem manne zugeführt 
wird ist es, der der dichter wie der bildende künstler eine fülle 
der anmuthigsten und wirksamsten motive abzugewinnen weiss. 
Zögernd naht sich die Jungfrau, ja von ihrer begleiterin muss 
sanfte gewalt angewendet werden; sie ist tief verschleiert und 
ihr blick auf den boden geheftet, während der mann in fester und 
entschiedener Stellung ihr gegenüber steht. In den römischen dar- 
stellungen ist daraus ein steifer ceremoniös feierlicher act gewor- 
den. Zwar ist der blick der braut noch immer gesenkt, aber 
sie erscheint, in ihrer ganzen haltung selbstbewusster und, wenn 
man will, würdiger. Das sanfte vorwärtsschieben durch die be- 
gleiterin war nicht mehr nöthig , und nur mitunter finden sich 
an dieser noch schwache spuren dafür, dass das hauptmotiv aus 
der griechischen darstellung abgeleitet ist. In dem gewand der 
braut, das aus einem weiten sie ganz umhüllenden tuche be- 
steht kann man die römische palla erblicken ; wichtig ist es, 
dass die für diese gelegenheit vorschriftsmässige tracht, zu der 
auch das flammeum gehörte, vom künstler nicht nachgebildet 
worden ist-, dagegen ist dem bräutigam die feierlich umgewor- 
fene toga gelassen worden, und ihm um den eindruck des gan- 
zen noch etwas ceremoniöser zu machen die den geschriebe- 
nen ehecontract enthaltende rolle in die band gegeben. 



Nr. 3. 67. Archäologie. 155 

Nicht zugeben kann ich dem verf., dass die eben ange- 
deutete Umbildung und namentlich die einschiebung der Inno 
pronuba doch schon von griechischen künstlern vorgenommen sei, 
Eossbach beruft sich hier für diese seine behauptung auf mehrere 
römische Sarkophagreliefs mit scenen mythischer begebenheiten, 
namentlich auf einen Medeasarkophag im Louvre, Clarac pl. 199, 
210, n. 373, und ein merkwürdiges relief, welches den ehebruch 
des Ares und der Aphrodite darstellt (Winckelmann M. I. n. 
27) - 1 ). Aber je deutlicher uns dort in den mythischen scenen 
griechische typen entgegentreten, um so unverkennbarer ist doch 
der römische Ursprung grade dieser darstellung, welche in die- 
sen und den verwandten fällen durchaus als eine äusserlich 
angeflickte erscheint. Was für einen grund konnte ein griechi- 
scher künstler auch haben in dem einen wie in dem andern fall 
grade den moment der eheschliessung zur darstellung zu brin- 
gen? Dem römischen künstler dagegen, dem es darauf ankam, 
möglichst viele bezüge auf das wirkliche leben zu gewinnen und 
der die köpfe der beiden mythischen verlobten wohl noch als 
porträts auszuarbeiten beabsichtigte, lag dagegen wieder nichts 
näher. Wenn auf dem Medearelief, wie zugestanden werden 
muss, namentlich durch die Seitenwendung der Iuno die Steifheit 
des ganzen etwas gemildert scheint, so verdient das bestreben 
des künstlers die scene dem lebendigen linienflusse der be- 
nachbarten griechischen composition einigermassen zu assimi- 
liren, allerdings lob. Römisch bleibt im gründe die gruppe aber 
dennoch; und die disharmonie der beiden völlig heterogenen 
theile springt noch immer unangenehm genug ins äuge. 

Die allgemeinen bemerkungen über diese scene gelten nun 
im besondern vor allem für das weitaus vorzüglichste denkmal 
dieser art, den berühmten Sarkophag in San Lorenzo fuor delle 
mura, von dem wir leider noch immer keine auch nur einiger- 
massen genügende publication besitzen. In betreff der auf die- 
sem nach links folgenden darstellung kann ich Rossbach nur 
beipflichten. Es ist hier wiederum kein bestimmter, weder für 
die confarreatio , noch für eine andere form der römischen ehe 

1) Ich weiss nicht worauf die nachricht beruht, das relief existire 
poch in Villa Albani (Jahn Ber. d. s. ges. d. wiss. 186S, p. 212), schon 
Winckelmann sagt in seiner Allegorie, dass er den Standort nicht 
wisse. Ich habe es in ganz Rom vergebens gesucht. 



156 67. Archäologie. Nr. 3. 

characteristischer moment zu erkennen, sondern der durch seine 
rolle auch hier wieder characterisirte bräutigam empfängt vor 
seinem hause stehend einen zug göttlicher heil und segen brin- 
gender gestalten. Auch hier liegt wieder im wesentlichen ein 
griechisches vorbild zu gründe, das sich wie Rossbach hervor- 
hebt bis auf eine bekannte darstellung der Francoi9vase zurück- 
verfolgen lässt. Nur möchte ich in der hauptfigur nicht den 
zum opfern stets bereiten, sondern den wirklich opfern- 
den bräutigam erkennen, dem gradein dem moment des opferns 
der besuch der götter zu theil wird. Ist nämlich , wie auch 
Rossbach annimmt, die rechte hand des bräutigams mit einer 
patera zu ergänzen, so kann der mit fruchten beladene cylin- 
der vor ihm auch nur ein altar sein trotz des flechtwerks mit 
dem er überzogen ist. Ein blosser fruchtkorb wäre an dieser 
stelle ein ganz unverständlicher gegenständ ; auch sind mir 
keine von solcher höhe auf antiken monumenten bekannt. 
Ausserdem sprechen für eine ara entschieden die Vorbereitun- 
gen zum opfer : der bekannte opferdiener, der den widder führt 
und die beiden camilli im Hintergrund. * Dass jener an die 
stelle eines widderführenden Hermes getreten sei ist eine ver- 
muthuug Rossbachs, die wohl berücksichtigung verdient; je- 
denfalls durfte er aber aus der körperbildung desselben keine 
stütze für dieselbe entnehmen. Die erklärung der auf ein tä- 
feichen gereihten rundlichen körper auf opferfladen (p. 51) ist 
durchaus überzeugend. (Zoega denkt in seiner ref. vorliegenden 
beschreibung des Sarkophags gewiss mit unrecht an die bei der 
hochzeit eine gewisse rolle spielenden nüsse.) Mit unrecht 
stellt Rossbach als zweifelhaft hin, dass der andere camühis die 
doppelflöte geblasen. Es ist richtig, dass heute der köpf und 
eine hand fehlen , aber analogien sprechen entschieden für die 
von Sante Bartoli vorgenommene ergänzung. Rossbach hätte 
sich nur des von ihm selbst veröffentlichten Sarkophags der 
villa Taverna in Frascati zu erinnern brauchen , ausserdem 
kannte er wenigstens nach einer ihm von mir mitgetheilten be- 
schreibung das mittelstück eines Sarkophags von bedeutenden 
dimensionen , welches sich in der villa Rössler (via quattro fon- 

2) So auch schon auf der Coburger Zeichnung Monatsber. der 
berl. Academie 1871, p. 497 n. 234 uud dem daraus abgeleiteten Pi- 
ghianus. 



Nr. 3. 67. Archäologie. 157 

tane) befindet. Hier erscheint zwischen den beiden ehegatten 
über einem leider weggemeisselten altar der bekränzte tibicen. 

Von den vier nach rechts schreitenden figuren ist die 
erste wohl sicher als Venus zu betrachten, wenn auch das sehr 
zerstörte und abgeriebene attribut nicht ganz sicher zu deuten 
ist. Mir schien es wie Rossbach ein vogel, also wohl eine 
taube. Grössere Schwierigkeiten macht die deutung der beiden 
folgenden. Für eine frühlingshore ist die lorbeerguirlande eine 
so unpassende beigäbe , dass es mir unmöglich ist diese deu- 
tung zu adoptiren. Für den folgenden Jüngling hat Eossbach 
jetzt mit recht den von ihm vorgeschlagenen namen Talassio 
aufgegeben, aber ein männlicher Stellvertreter der Polyhymnia ist 
hier kaum zu rechtfertigen , wenigstens nicht mit dem Sarko- 
phag des vaticanischen museums, Visc. M. P. Cl. IV, 15, auf 
welchem knabengestalten mit attributen von Musen erscheinen, • 
weil der verstorbene ein knabe war. Hier liegt nicht der ge- 
ringste grund zu einer solchen vermummung vor. Unzweifel- 
haft ist wieder die durch füllhorn und mauerkrone deutlich cha- 
racterisirte figur der städtischen Tyche. Mit unrecht scheint 
uns Rossbach die nebenseiten von der hauptseite zu trennen, die 
an und für sich durchaus unselbständige und durch die rich- 
tung ihrer figuren so entschieden als möglich auf die frontseite 
hinweisende scenen enthalten. Allerdings ist der Zusammenhang 
nur ein sehr loser und vielleicht sogar nicht einmal dem sinne 
nach ganz zu rechtfertigender. Aber wie soll man mit Ross- 
bach erkennen , dass die drei opferdiener links sich zu einem 
opfer an die Manen und Laren anschicken? 

Was die höchst merkwürdige mittelgruppe des deckeis an- 
langt, so kann der vf. das verdienst in anspruch nehmen zum 
ersten mal das thatsächliche genau festgestellt zu haben, was 
bei der Zerstörung gewisser characteristischer theile trotz der 
so überaus günstigen aufsteilung des monumentes nicht leicht 
war. Niemand wird mehr bezweifeln können, dass die nackte 
zeusartig gebildete mittelfigur in der rechten einen speer hielt, 
in der linken dagegen die leine des neben ihm sitzenden hun- 
des fasste. Beides wird durch die coburger Zeichnung, die 
das monument an diesem theile besser erhalten gekannt haben 
muss, bestätigt. Rossbach hat nun diese als , Jäger" characteri- 
Birte figur für Hades, von seinen begleiterinuen die zu seiner 



158 67. Archäologie. Nr. 3. 

linken für Persephone, die zur rechten für die herbstbore er- 
klärt. Bei gänzlichem mangel an analogen darstellungen wird 
man zu einem ganz sicheren resultate hier vorläufig nicht ge- 
langen können. Bedenklich scheint ref. an Rossbachs deutung 
die gegenüberstellung zweier so verschiedenartiger gottheiten 
und der gedanke, den er in den ganzen complex hineininterpre- 
tirt, entspricht nicht der sich sonst nicht grade in besonders tie- 
fer Symbolik ergehenden phantasie der alten Sarkophagkünstler. 
Die deutung der figur zur linken auf Demeter hat auch jetzt 
noch für ref. viel wahrscheinliches. 

Bei der kürze des hier zugemessenen raums kann sich ref. 
über die übrigen zur besprechung kommenden monumente nur 
einzelne bemerkungen erlauben. Für den Sarkophag des Belve- 
dere tritt bei der heutzutage sehr starken Verwitterung der 
.Oberfläche des monumentes als erwünschtes hülfsmittel die co- 
burger Zeichnung ein (Ber. der berl. academie 1871, p. 497, n. 
236), die noch manche details deutlicher wieder giebt , als sie 
sich jetzt erkennen lassen , namentlich die geräthe des opfer- 
schlächters und die palrae des siegesdämons. Die erklärung 
der rechten querseite auf den todtenritt ist hervorgegangen aus 
einer pbase archäologischer hermeneutik, die wir hinter uns zu- 
rückgelassen zu haben glaubten. Was Rossbach p. 113 über 
den gestus des reiters und über die rapide geschwindigkeit des 
j,todtenführers sagt" ist mir deshalb unfassbar. 

Der grund, weshalb auf den nebenseiten des Sarkophags 
von Monticelli Jäger - und hirtenleben einander gegenüber ge- 
stellt sind, ist von Rossbach richtig erkannt und ausgesprochen 
worden ; weshalb aber die ganz betreffenden scenen , die ohne 
künstlerisches verdienst sind, einer weitläufigen erörterung für 
würdig gehalten weiden und wie der vf. dazu kommt anzuneh- 
men, die eine sei nach einem gemälde copirt, gesteht ref. 
nicht einzusehen. 

Auf der einen nebenseite des Sarkophags von Mantua 
(Mus. di Mantova I, 47 a) will Rossbach die drei Grazien erken- 
nen. Aber abgesehen davon dass eine Grazie in der tracht eines 
kurzgeschürzten camülus etwas ganz unerhörtes wäre, so las- 
sen solche unterschiede in der äusseren erscheinung, wie sie 
sich hier bemerklich machen, in dem betrachter gar nicht den 
gedauken aufkommen, dass es sich hier um drei wesen handele, 



Nr. 3. 67. 68. Archäologie. 150 

die man unter sich so eng verbunden dachte. Ist die figur zur 
linken wirklich weiblich , was ref. sich vorläufig noch zu be- 
zweifeln erlaubt, so mag man anstatt eines camillus hier an 
eine camüla denken. Diese reliefplatte erregt übrigens bei mir 
keinen geringen zweifei, ob in den entsprechenden, auch sonst 
auf die nebenseiten verwiesenen darstellungen, wie man allge- 
mein annimmt, in der that die drei Grazien zu erkennen seien 
und nicht vielmehr freundinnen der braut, welche geschenke 
bringen. 

In dem etwas ungeschickt angedeuteten erdboden in der 
betreffenden scene des Sarkophags von Frascati sollen wir hin- 
gestreute aromata erkennen ; aber auch für andere werden sich 
diese steine schwerlich in Weihrauch und myrrhen verwandeln. 
Unmöglich ist es mir auch Rossbach's urtbeil über die arbeit dieses 
Sarkophags zu theilen, von welchem eine Zeichnung dem buche bei- 
gegeben ist. Die worte grazie und leichtigkeit scheinen mir 
nicht die richtigen bezeichnungen für diese unangenehm gereck- 
ten ja zum theil verzerrten gestalten und von einem hauch acht 
griechischen Stiles habe ich auch vor dem originale nichts ge- 
spürt. 

Auf absolute Vollständigkeit in der aufzählung der antiken 
reliefs und relieffragmente, welche die dextrarum iunctio darstellen, 
hatte es der Verfasser von vorn herein nicht abgesehen. Er 
hat dafür eine lehrreiche Zusammenstellung von münzen gege- 
ben, auf denen diese scene in derselben weise wie auf Sarko- 
phagen dargestellt ist: es ist gewiss nicht zufällig, dass sich 
diese münzen nicht vor Antoninus Pius finden, während dessen 
regierungszeit die sitte Sarkophage mit reliefschmuck zu verzie- 
ren allgemeiner ward. Vielleicht gehört auch das eine oder 
das andere der monumente, die uns hier beschäftigt haben, noch 
dieser zeit an. Jedenfalls fehlt in Eossbachs buch von den 
wichtigeren denkmälern keines und ref. hätte ausser dem er- 
wähnten relief in Villa Eössler höchstens noch zwei bruchstücke 
einer gut gearbeiteten replik des Sarkophags in Frascati nach- 
zutragen, die sich in Villa Wolkonsky befinden. z. 

68. Schultz, bericht über eine ausgrabung. Mit einer 
lithographischen tafel. 4. Zweite abhandlung des programms 
von Neu -Kuppin v. 1871. 



160 68. Archäologie. Nr. 3. 

Die ausgrabung, über welche direktor Schultz in dem vor- 
liegenden programm bericht erstattet, ist von ihm in den pfingst- 
ferien 1868 in der nähe von Rheinsberg unternommen worden. 
Die gefundenen gegenstände sind , wie zu erwarten war , von 
derselben art, wie unsere vaterländischen museen sie zahlreich 
aufweisen. Sehr beachtenswerth ist jedoch, was der Verfasser 
über die continuität in der fabrikation der verschiedeneu gegen- 
stände an ein und demselben orte bemerkt. Die eigenthü'm- 
liche technik, welche bei anfertigung der kranzartigen kopfringe 
aus bronze angewendet wurde, und über welche Lindenschmitt 
zuerst aufklärung gegeben hat , findet der Verfasser wieder in 
manchen alten griffen an kirchthüren, welche die sage ob ihrer 
wunderbaren biegungen und verschlingungen oft dem teufel zu- 
schreibt. Diese merkwürdige thatsache ist in den äugen des 
Verfassers noch kein beweis, aber doch ein wahrscheinlichkeits- 
moment für die continuität in der anfertiguug derartiger arbei- 
ten in derselben gegend. Nun ist es aber von höchster Wich- 
tigkeit, durch weitere Untersuchungen diese Wahrscheinlichkeit 
zur gewissheit zu erheben. Damit wäre bewiesen: 1) dass die 
alterthümer der bronzezeit nicht importirt , sondern an ort und 
stelle fabricirt sind; 2) dass sie nicht, wie gewisse naturforscher 
behaupten, von einer untergegangenen kleinen und zierlichen 
menschenrasse, sondern von uusern vorfahren herrühren , und 
3) würde damit auch für die ältere deutsche kunsfgeschichte 
manche aufklärung gewonnen sein. Ein wichtiges material für 
eine solche Untersuchung bieten die bauwerke des romanischen 
Stils. Man unterscheidet hier auf den ersten blick formen, wel- 
che aus griechischer wurzel hervorgewachsen, und andere, wel- 
che einheimischen Ursprungs sind. Zu den letzteren gehören 
das zickzak - und zinnenoruament , der kugelfries , die nagel- 
köpfe, Sterne und schachbrettverzierungen , die man in gleicher 
weise schon an den alterthümern der fränkischen, alemannischen 
und nordischen grabstätten findet ; und zwar zeigt es sich, dass die 
fränkischen, alemannischen und nordischen formen sich vorzugs- 
weise in Süddeutschland erhalten haben, die nordischen mehr in den 
bauwerken der Normanneu und Skandinavier. Ausser den eigent- 
lichen Verzierungen findet man auch ganze gegenstände nach- 
geahmt, z. b. die gewundenen halsringe als Ornament an säu- 
lenhälsen und portaleinfassungen Weiteres material bietet die 



Nr. 3. 69. Eömiscbe antiquitäten. 161 

kleinkunst des mittelalters. Eine gründliche durchfuhrung der 
hier scizzirten Untersuchung möchte ein recht zeitgemässes und 
dankbares unternehmen sein, namentlich seitdem Karl Vogt und 
genossen die Urgeschichte der menschheit zu ihrem tummelplatze 
erkoren haben. L. G. 

69. Oeuvres completes de Bartolomeo Borghesi, pu- 
blikes par les ordres et aux frais de S. M. l'Empereur Napolöon 
III. — Paris, imprimerie imperiale. Vol.I — VI. 1862 — 1869. 4. 

Im april 1860 starb in San Marino der graf Bartolomeo 
Borghesi. An die hohe bedeutung zu erinnern, welche das 
wirken dieses echten gelehrten für das Studium des römischen 
alterthums gehabt hat, ist für leser dieser blätter überflüssig. 
Nur insofern dasselbe für die entstehung und gestaltung der 
vorliegenden bände massgebend gewesen ist , soll seiner in den 
folgenden zeilen gedacht werden, welche übrigens nichts enthal- 
ten, was nicht allen durch ihre wissenschaftliche besckäftigung 
an Borghesi's arbeiten gewiesenen längst bekannt wäre. — Leider 
konnten die unzähligen herrlichen fruchte seiues unermüdlichen 
eifers, welche im laufe eines halben Jahrhunderts vereinzelt, 
wenn auch in rascher folge reiften, weder zu allgemeinerer 
kenntniss noch zu voller Wirkung gelangen, sie konnten nicht 
gemeingut der jünger der Wissenschaft werden, theils weil sie 
meistens in den schwer zugänglichen Schriften der gelehrten ge- 
sellschaften Italiens, vielfach auch nur in privatbriefen nieder- 
gelegt waren, theils wegen des noch heutzutage höchst mangel- 
haften buchhändlerischen Verkehrs zwischen Italien und Deutsch- 
land. — Borghesi hat ein langes, rastlos und unermüdlich — 
man kann sagen von kindheit auf — seinem Studium gewidme- 
tes leben auf sorgfältigste Sammlung und sichtung der materialien 
zu einer umfassenden darstellung der römischen familienver- 
bände verwendet, von welcher die herstellung der consulver- 
zeichnisse nur einen theil bildet. Diese materialien aber wurden 
von ihm nicht roh in die magazine gelegt, sondern sofort von 
allen seiten beleuchtet und bearbeitet , ihre berührungspunkte 
mit dem bekannten aufgesucht und , wenn sie sich nicht un- 
mittelbar in das mosaik einfügen liessen, ihnen gleichsam ange- 
schliffen, wenigstens ihre wahrscheinliche läge und Stellung in 
dem grossen tableau angewiesen. Eine gesammtanschauung des- 
Philol. Anz. IV. 11 



162 69. Römische antiquitaten. Nr. 3. 

selben zu gewähren, sei es in einer systematischen Übersicht 
der gewonnenen generellen und speciellen resultate, sei es in 
einer zusammenfassenden darstellung besonders wichtiger oder 
minder lückenhafter gruppen, — mit einem worte , in seinem 
schaffen einen abschluss zu machen und ein relativ fertiges 
werk hinzustellen, wozu auf diesem gebiete ganz unbestritten 
Borghesi wie keiner ausgerüstet und berufen war, das war ihm 
nicht vergönnt. Und so blieben seinen unmittelbaren und mit- 
telbaren schülern, seinen mitarbeitern, nacheiferern und Vereh- 
rern gleich einer köstlichen reliquie nur die als muster gründ- 
licher forschungsmethode, als documente umsichtigsten sammler- 
fleisses und scharfsinnigster combination schwerlich übertroffe- 
nen einzelarbeiten und zahllose gelegenheitserörterungen, zu 
welchen der liebenswürdigen zugänglichkeit und bereitwilligkeit 
des von weit und breit wie ein orakel in anspruch genomme- 
nen gelehrten von San Marino fast unausgesetzt und auch 
wohl nicht unwillkommene veranlassung geboten wurde. — Diese 
für das Studium und die erkenutniss des römischen alterthums 
unendlich reiche fundgrube unschätzbarer materialien zum 
theil aus der Verborgenheit des Privatbesitzes herauszuziehen, 
theils zur förderung der Wissenschaft aus ihrer Zerstreuung zu 
sammeln und allgemein zugänglich und nutzbar zu machen, war 
ein wünsch, der namentlich in Deutschland und Frankreich, wo 
das thätige interesse an den bestrebungen und arbeiten des ar- 
chäologischen instituts in Kom dem eifer der Italiäner die wage 
hielt, ebenso tief gefühlt, ein bedürfniss, welches ebenso stark 
empfunden werden musste, wie die hoffnung auf erfüllung und 
abhülfe nur eine schwache, wenigstens nur eine weitaussehende 
sein konnte. 

Das verdienst die Sammlung von Borghesi's Schriften mit 
einschluss der briefe in kürzester frist ermöglicht und die her- 
ausgäbe in würdiger ausstattung und der fortschreitenden wis- > 
senschaft angemessen veranstaltet zu haben , ist lauteren dan- { 
kes werth und dieser dank gebührt Napoleon III. — Wenige 
wochen nach Borghesi's tode reiste in des kaisers auftrage Er- i 
nest Desjardin nach Italien, um die erforderlichen schritte zur 
herbeischaffung des materials zu thun , und schon am 9. august ; 
1860 verkündete der Moniteur, dass Borghesi's werke auf kosten 
der civilliste publicirt werden sollten und eine commission, be- • 



Nr. 3. 69. Römische antiquitäten. 163 

stehend aus Leon Renier , Jean - Baptiste de Rossi , Noel des 
Vergers und Ernest Desjardins mit der leitung der herausgäbe 
betraut sei. Diese commission verstärkte sich, kraft der im 
patent ertheilten befugniss , sofort durch Zuziehung von sechs 
correspondenten : Cavedoni in Modena, Henzen in Rom, Miner- 
vini in Neapel, Th. Mommsen in Berlin, F. Ritschi (damals) in 
Bonn, Roccbi in Bologna. Später sind wohl noch H. Wadding- 
ton und E. Hübner dazugekommen. — Die Vereinigung sol- 
cher kräfte, welche (ein jedes blatt legt davon zeugniss ab) 
mit ganzer liebe sich ihrer aufgäbe widmeten, musste wohl ein 
würdiges denkmal literarischen fleisses, ein werk, welches allen, 
die daran theil haben, zur höchsten ehre gereicht, zu stände 
bringen. — Leider hat der krieg hier einen schaden angerichtet, 
an dessen ausgleichuDg in den massgebenden kreisen wohl noch 
kaum gedacht sein mag. Die herausgäbe des schönen werkes 
ist natürlich unterbrochen, ja durch den stürz des imperators 
die weiterführung zunächst ganz in frage gestellt, die Vollen- 
dung wenigstens in unabsehbare ferne gerückt. Wer wird, 
wenn auch die Wissenschaft hellen auges über die hass- und 
neiderfüllte kluft, welche leidenschaft und Verblendung zwischen 
Frankreich und Deutschland aufgerissen hat, hinwegschauen 
sollte, die geldmittel gewähren? Möchte die regierung der 
französischen republik es nicht verschmähen , ein rühmliches 
unternehmen, welches kaiser Napoleon begonnen, in würdiger 
weise zu ende zu führen — und das deutsche reich die kosten- 
summe an den milliarden der kriegscontribution erlassen. 

Der nach dem „Vorwort" vom 15. juli 1862 vollständig 
im besitz der commission befindliche, zur herausgäbe bestimmte 
gedruckte und handschriftliche nachlass Borghesi's ist in vier 
selbständige, in sich chronologisch geordnete, gruppen getheilt: 
Oeuvres numismatiques , 2 bände (I 1862. II 1864); oeuvres epi- 
graphiques, 3 bände (HI 1864, IV 1865, V 1869) ; lettres, von 
welchen der erste band (VI 1868) erschienen ist, einer oder 
zwei(?) noch rückständig sind; und endlich die fastes consulai- 
res, von denen nur die in wenigen exemplaren für die heraus- 
geber bestimmte , also nicht in den buchhandel gelangende, 
nackte namensliste als manuscript gedruckt ist. — Abgesehen 
von den fastes consulaires , welche natürlich ein in sich abge- 
schlossenes ganze bilden und allein einen band füllen werden, 

11* 



164 69. Komische antiquitäten. Nr. 3. 

erscheint die sonderung der übrigen aufsätze in drei gruppen 
dem obersten zwecke der Sammlung, nämlich eröffnung und zu- 
gänglichkeit des mannichfaltigen inhalts, nicht eben förderlich, 
zumal da ein einheitliches princip der Scheidung nicht festge- 
halten, wenigstens nicht ersichtlich ist. Es wäre meines erach- 
tens zweckmässiger gewesen, die „briefe" als solche nicht zu 
einer besonderen abtheilung zu machen, sondern sie den Oeu- 
vres numismatiques und epigraphiques einzuordnen, wobei immer- 
hin einige briefe zerstückt werden durften. Schon, dass da- 
durch die zahl der indices , die den schlussbänden der gruppen 
beigegeben sind und ohne welche ein umfassender gebrauch 
des buches überaus schwierig und zeitraubend geblieben sein 
würde, sich von drei auf zwei reducierte , war ein grosser 
gewinn; falls es nicht im plane lag nach Vollendung des gan- 
zen werkes generalregister über alle bände auszuarbeiten. — 
Die aussonderung der numismatischen aufsätze bedarf keiner 
rechtfertigung; sie war schon dadurch, dass Borghesi selbst sie 
zum theil in decaden vereinigt publicirt hatte, angedeutet. Wenn 
es aber angemessener erschien, denselben wegen ihres speciell 
numismatischen inhalts die ,, briefe" an Sestini (1823) sulV era 
Bitinica, und an Cavedoni (1849) delle variazioni sofferte dal 
bronso monetario sotto Vimpero anzureihen , so durfte man aus 
demselben gründe auch die erst in band VI aufgenommenen 
sieben briefe aus den jahreu 1820 — 1829 (Opp. VI, p. 162. 
168. 306. 323. 349. 371. 397), sämmtlich nur von münzen han- 
delnd , schon unter den oeuvres numismatiques im zweiten bände 
zu finden erwarten; oder jene beiden mussten für den 6. oder 
7. band verspart werden. Ebenso auffallend ist es, die briefe 
vom 20. august 1837 (sul luogo del congresso triumviralej , vom 
1. juli 1842 (Familie Sejans), vom 7. novbr. 1845 (über Vel- 
lej. 2, 116) und vom 23. febr. 1847 (über Vibius Crispus), die 
beiden letzten aus Annali 1844 und Bullett. 1846 unter die 
oeuvres epigraphiques in band IV aufgenommen zu sehen, wäh- 
rend die briefe über die quinquefascales (Bullett. 1843) und über 
die beiden ersten alimentarpiäf'ecten (Bullett. 1844) sich nicht 
hier vorfinden, sondern wohl erst in band VII abgedruckt wer- 
den sollen, wie der lange brief vom 1. juli 1813 über Vespa- 
sians tribunenjahre die reihe der lettere in band VI eröffnet. — 
Eine solche Zerstreuung des überreichen vorrathes erschwert die 



Nr. 3. 69. Komische antiquitaten. 165 

zugänglichkeit statt sie zu erleichtern; es war genügend, nach 
ausscheidung der aufsätze und briefe numismatischen inhaltes 
alles andere (die epigraphische und literarische Überlieferung 
behandelnde) zu einer einzigen, nach der abfassungszeit chrono- 
logisch geordneten, gruppe zu vereinigen. — Vermisst wird 
in der Sammlung ein brief an Orioli aus dem j. 1824 über die 
inschrift des L. Mummius Niger, Q. Valerius Vigetus (Henzen 
6634), erwähnt Annali 1829 p. 176, der sich weder im dritten 
noch im sechsten bände vorfindet, dessen original also wohl ver- 
loren gegangen ist. Ferner fehlt eine abhandlung sugli Ottoviri, 
die im Bullett. 1839, p. 53 — als im Giornale di Perugia fasc. 
aprile, maggio, giugno 1838 abgedruckt — erwähnt wird. 

In allen übrigen beziehungen ist, was die herausgeber für 
das werk gethan haben, ein muster von fleiss und Sorgfalt. 
Der text der abhandlungen ist zunächst ohne alle und jede än- 
derung wiedergegeben ; die Seitenzahl früherer abdrücke ist am 
rande bemerkt, so dass jedes ältere citat einer borghesischen 
Schrift benutzt werden kann ; Borghesi's eigene citate sind theils 
präcisiert, theils durch hinzufügung eines hinweises auf neuere, 
leicht zugängliche inschriftenwerke vervollständigt. Sodann aber 
ist überall durch anmerkungen, deren inhalt die einzeln unter- 
zeichneten Verfasser vertreten, dafür sorge getragen , auf eine 
später veränderte auffassung oder wiederholte behandlung des- 
selben gegenständes von seiten Borghesi's hinzuweisen, so wie 
jede durch neuere entdeckungen oder forschungen evident un- 
haltbar gewordene darstellung zu notieren und zum theil zu 
berichtigen, auch die behandelten inschriften und münzen in der 
jetzt bestbeglaubigten lesung vor äugen zu führen. 

Da die Überschriften der aufsätze sehr häufig die darin ab- 
gehandelten gegenstände nicht erkennen lassen, gebe ich eine 
auswahl des wichtigeren inhaltes der einzelnen bände. 

Vol. I (oeuvr. num. I) beginnt mit einer abhandlung über 
eine münze des kaisers Heraclius, welche Borghesi im j. 1792 
als elfjähriger knabe verfasst hat ; es folgt — im inhaltsver- 
zeichniss des bandes übergangen — dodici sesterzj illustrati, 
(1808) ; dann die berühmte abhandlung della gente Arria und 
decade I — X der osservazioni numismatiche (Giornale Arcad. 1821 — 
1823) fast ausschliesslich über münzen aus der zeit der repu- 
blik und des zweiten triumvirats ; VI, 5. 6 und X, 4. 5 über 



166 69. Römische antiquitäten. Nr. 3. 

proconsularmünzen von Africa unter August und Tiber; VIII, 
10 : familie der Valerii Messallae. 

Vol. II (oeuvr. num. II) enthält zuerst decade XI — XVII 
(Giorn. Are. 1824—1828 und 1840), darin XI, 3: C. Antius 
A. Iulius Quadratus ; XV, 3 : Agrippa und sein haus ; XV, 8 — 
10: münzen und Statthalter von Moesia inferior im zweiten und 
dritten Jahrhundert. Es folgen abhandlungen sulV era Bitinica 
(1823), über die münzen des Augustus mit dem bogen von Ari- 
minum (1825), über die zeit der annexion von Cyrenaica (1843), 
über die kupferprägung unter den kaisern (1849), delV era Efe- 
sina (1857); ferner ausser ein paar kleineren Sachen die be- 
leuchtung des mailänder medaillons der kaiser Marc Aurel cos 
III und L. Verus cos II mit dem revers vict. Germ, und eines 
ähnlichen von Sever und Caracalla. — Den schluss des ban- 
des bilden vier indices: 1) table des noms p. 489—525 mit spe- 
cieller angäbe der personalien ; 2) legendes des monnaies nach 
den familien alphabetisch geordnet ; 3) index epigraphique ; 4) 
index des choses, in welchem unter anderem die in dem werke 
vorkommenden beamten bei den namen der betreffenden pro- 
vinz zusammengestellt sind. 

Vol. III (Oeuvr. epigr. I) umfasst die aufsätze aus den j. 
1819 — 1835, darunter: museo lapidario Vaticano (voreitern des 
L. Verus p. 10); über die beiden Domitiae Lucillae p. 35; 
ara scoperta in Hainburgo (die Orfiti p. 51); sul digesto antegiu- 
stinianeo [== fragm. Vatic], darin Pompeianus cos 209, p. 124; 
arco di Fano (inschrift der Turcii p. 159); iscriz. di Urbisaglia 
(C. Salvius Liberalis und leg. V Maced. p. 177); excerpta Vati- 
cana (die töchter M. Aureis p. 237, wozu jedoch vol. V, 425 
zu vergleichen ist); marmo di S. Paolo (Statilius Barbarus; Ver- 
waltung von Thrakien) p. 264; C. Eprio Marcello p. 285; iscr. 
Veneta (Valusii Saturnini p. 313 ; praef. Urbis bis Domitian p. 323); 
due tessere gladiatorie (das haus der Asinii p. 344; die Petronii 
p. 356); fasti sacerdotali [Henz. 6053 1 (Egnatii Lolliani p. 415); 
lapide Gruteriana [271, 4 = Henz. 5587] (Fab. Titianus p. 465 ; 
Pasiphilus p. 472; Simonius Iulianus p. 477; sondername an 
der spitze z. b. Triturii p. 503). 

Vol. IV (oeuvr. epigr. II) abhandlungen aus den j. 1836 — 
1846; darunter: über die censoren seit 662 p. 1 — 88; über 
Burbuleius p. 103 — 178 (darin: leg. IX Hisp. p. 113, curatores 



Nr. 3. 69. Bömische antiquitäten. 167 

viarum p. 121 — 134, leg. XVI p. 139, Verwaltung von Cappa- 
doeien, Judäa, Syrien p. 157); iscriz. del Reno (die legionen in 
Germanien bis Gallienus p. 200 — 265); diploma di Decio ["Henz. 
5534] (die Fulvii Aemiliani p. 299 — 310); tre consolati di Mu- 
ciano p. 345; figuline Vellejati p. 367 — 388, darin über das 
consulat des Cn. Nerius p. 368; iscriz. del museo Campana (fa- 
milie Sejans) p. 435; Vellej. II, 116 (Aelius LamiaJ p. 455; 
iscriz. Latine (vorname Sergius p. 493); due Aviti coss. 144 und 
209 p. 507; i Lolliani p. 519; über Vibius Crispus (und Pas- 
sienus Crispus) p. 529. 

Vol. V foeuvr. epigr. III) abhandlungen aus den j. 1846 — 
1857, darunter: due iscriz. di Fuligno (Haterius Nepos; orna~ 
menta triumphalia) p. 3 — 39 ; etä di Giovenale p. 49 — 76 ; fasti 
di Lucera [Henz. 6441] (die familien der Sullae und Scauri; 
die Pompeji] die consulate des Augustus) p. 109 — 161; lapide 
di Giunio Silano [Ins. Neap. 641] e della sua famiglia p. 165 — 
232; darin: über praef. fabrum p. 206; iscriz. Perugina [Orell. 
94] (benennung der colonien mit kaisernamen) p. 257 — 287; 
anmerkungen zu Tacitus Annalen und Historien [für Nipper- 
dey's ausgäbe] p. 287— 328; iscriz. di Sepino (die Neratii; über 
item und et) p. 345; iscriz. di Concordia [Henz. 6485] (praetores 
tutelares; juridici Italiae) p. 383; lapide di Narona [Henz. 7416 
77=(?) Berl. M. B. 1870 p. 626] (Schwiegersöhne Marc Anrels) 
p. 425; Mario Massimo p. 455; kaiser Pupienus p. 485; an- 
merkungen zu Juvenals satiren p. 529. — Es folgen dann: 
Additions et Corrections aux volumes I ä V, bei welchen indessen 
noch immer eine ganze anzahl von druckfehlern übersehen wor- 
den ist. Z. b. man lese vol. III, p. 107, 5: 296 st. 196; — 
p. 107, 9 : 9 febr. st. 8 febr. ; — vol. IV, p. 367, 26 : 741 st. 
740; — ib. not. 1 : lib. ni st. X; — p. 394 not. 6: Annal. XIV 
st. XIX; p. 402 not. 3: Grut. p. 50 st. 40; — Vol. V, p. 176 
not. 8: Vellej. II, 72 st. 64; — p. 279 not. 1 : Orelli n.997 st. 
977. — Die indices über band IH bis V bestehen in 1) table 
des noms, die personen senatorischen und ritterlichen Standes 
betreffend; 2) index epigraphique. Ein Sachregister ist für diese 
bände nicbt beigegeben. 

Vol. VI [Lettres I) enthält briefe aus den j. 1813 bis ende 
1833. Die orientirung in diesem bände ist, bis dereinst recht 
reichhaltige und genaue indices vorliegen werden, überaus schwie- 



168 Theses. Nr. 3. 

rig, da nirgends die geringste andeutung über den gegenständ 
der einzelnen briefe gegeben ist. Die columnentitel bieten nur 
jähr und monat der abfassung, die Überschriften eben nichts 
als die adresse. Die jetzt so vielfach angewendeten kurzen 
inhaltsangaben am rande hätten hier eine leichte und sehr dan- 
kenswerthe aushülfe gewähren können. Ein paar kurze nach- 
weisungen werden für diesen band deshalb vielleicht am ehe- 
sten erwünscht sein: Borghesi behandelt die tribunenjahre des 
Vespasian und Titus p. 3 — 46 ; kaiser Julian und die familien 
der Didii und Salvii p. 49 ; die inschriften der Postumia Paulla 
und Juventius secundus p. 47 und p. 154: die Nonii Mucianus 
und Macrinus p. 64; die Insteji p. 139; die tilgung von Ale- 
xanders namen in Henz. 6523, p. 233; M. Cluvius Rufus und 
P. Clodius Turrinus in Insc. Neap. 2224 (vergl. Opp. II, 74) 
p. 258; M. Claudius Fronto in Henz. 5479 p. 263 ; die cos. suff. 
des j. 756 p. 272 ; die S er ii Augurini und den titel 6 xociriGioq 
p. 298 ; L. Bellicius Sollers = Ti. Claudius Alpinus p. 329. 411 ; die 
allmähliche Verkürzung der consulate p. 359; Q. Petillius Cerialis 
p. 474; die consulate Domitians p. 478; die bezeichnung cos. ord. 
und Ser. Calp. Dom. Dexter cos 225 p. 483. — Von druckfeh- 
lern bemerke ich : man lese p. 6 not. 2 : Doctr. num. vet. tom. VI 
p. 321 (statt 391) und füge hinzu: „und p. 342. — p. 6 not. 
3: tom. VIII p. 409 (st. 419); — p. 420 not. 1: Henzen 6039 
statt 5705; — p. 363 not. 1: lib. IX Epist. XIII statt XVIII; 
ib. not. 5: tav. XXXII p. CXLV sqq. statt p. 148. — Au- 
sserdem war p. 250 not. 5. hinzuzufügen: „voyes plus haut vol. 
III, p. 428"; — p. 413 not. 3 das citat zu nr. 4: Henzen 
5134; — zu p. 483 not. 4 am Schlüsse: Henzen 6503. 

St. 

THESES quas ... in alma literarum universitate Via- 
drina . . d. IX m. April. MDCCCLXX . . publice defendet 
G. Fries: II. Soph. Oed- R. 1136 propono: Enlyato^ov rooöe 
7av5oe tqsii; olovg: III. Nominativi et accusativi qui dicuntur 
absoluti aut ab anacoluthia profecti sunt aut per appositionem 
explicari possunt; IV. Iuvenalem in Aegypto militasse, in Sco- 
tia exulasse auctore Trajano contendo. 

Theses quas .... in acad. Fridericiana Halensi cum Vi- 
tebergensi consociata . . . d. XXIX m. Iulii a. MDCCCLXXI 
. . defendet Bern. Lengnick Berolinensis : I. falso adhuc 
A. Cornelius Celsus sub Tiberii demum imperio vixisse crede- 



Nr. 3. Theses. 169 

batur. — II. Cic. or. p. Süll. 1, 1 in verbis bis: in ceteris malis 
facile patior ollatum mihi tempus esse, in quo loni viri lenitatem 
meam misericordiamque . . agnoscerent , improbi ac per diu cives re- 
domiti atque vidi, . , . vehementem me fuisse . . . faterentur, seri- 
bendum est pro redomiti: re domiti. 

Theses quas amplissimi philosophorum Marburgensium or- 
dinis auctoritate .... die XV m. Decemb. a MDCCCLXXI 
publice defendet E. C. F. Eeuss Solitariensis: I. Eur. Iph. 
Taur. v. 15 haecce levis medicina admoveuda est: 8sii'f, 8 
anvoi'a TTvsvfiäzcav ivrvy^ävcov Elg i^nvo t]).&e xzk.; II. Ihu- 
cydideum illum I, 39 in summam controversiam vocatum ita 
vere seribendum esse profero sententiam : niuai 8e xow'vr- 
oavreg tjjv dvvafiiv xoiva xa) zu. änoßuCi'Ovza ?xeiv, iyxlijfturav 
8s zovzcov d[iez6%oig ovza zwv fiera. rag ngä^stg fiovoav (ir\ y.oi- 
voavHv. III. A vulgata ceterorum scriptorum opinione , Tbemi- 
stoclem ipsum manum sibi attulisse, Tbucydidis memoria non 
abhorret. — VIII. Lex Hortensia post quartam plebis seces- 
sioriem a. 287 a. Chr. lata non ad legem Publiliam (a. 330) 
redit, sed ad infimam plebem potestatemque tribuniciam augen- 
dam valet. 

Theses quas ... in universitate Fridericia Guilelmia Rhe- 
nana . . . d. XXIV m. Februarii a. MDCCCLXXII . . in publico 
defendet Frid. Schultess: I. Seoec. Quaest. Nat. 3, 1, 1 et 
3, 26 , 6 (quorum locorum conexum difificile est non videre) 
haec scribo (cf. Koeler p. 464): 3, 1, 1 : Eleus Sicnlis de fonti- 
bus exsilit amnis : 3, 26, 6: hoc et a te creditum exstat in 
primo cett. : II. Ovid. ex Pont. III, 3, 43 legas : praemia nee 
Chiron ab alumno talia cepit : III. Xen. Symp. 9, 7 scripsit 
oncog zoinvzcov zv^oiev: VI. Virg. Aen. I, 396 recte Weidner 
(Comm. p. 172) comparatiouis rationem declaravit: idem acu- 
tius quam probabilius tradita defendit: seribendum videtur cap- 
tis iam respeetare" cett.: VII. Plat. ßeip. 370 E fin. part. av 
tertia sede (tu»' av avroig ^oft«) movenda est ; similiter quidem 
media sede apud Sen. Ep, 41, 5 coli. Fickerti edit. : IX. Se- 
nec. Dial. II, 7, 4 scribe remixtum: X. Senecae dialogi II 
et IX circa idem tempus scripti sunt (coli. IX , 7, 5 — II, 
1, 3 — II 7, 11): XI. Eis quae Muetzell, Teuffei, nuper- 
rime Eussner (Philol. XXXII, 157) de Curtii historici aetate 
exponunt, quem Claudio imperitante scripsisse statuunt, addi- 
derim : verbis illis X, 9, 28 v huius ortus lucem c alig anti red- 
didit mundo 1 ' scriptorem ludere videri ; quandoquidem ad istud 
verbum quivis homo Latinus imperatoris Caligulae nomen sub- 
audire putandus est. 

Theses , quas . . auctoritate . . . ordinis philosophorum 
Marburgensium ... die XVIII m. Mart. MDCCCLXXII publice 
defendet C. Fl o eck Rhenanus: I. Soph. Ant. 23 rectissime 
Caesar iq^azoig coniecisse videtur: III. Soph. Oed. 321 cum 



170 Neue auflagen und Schulbücher 70 — 92. Nr. 3. 

Herwardeno lego „eW äöeAqDoV: VI. Errant, qui in structura, 

quae perfecti infinitivum post quaedam verba pro praesente 

praebet, Latinos Graecorum dicendi morem esse imitatos putent. 
Theses . . quas . . in univ. literarum Gryphiswaldensi . . . 

publice defendet d. XXVII m. Mart. MDCCCLXXII. Leop. 

Reinhardt: I. Bellum, quod Aethiopes contra populum Ro- 

manum moverint, annis 23 et 22 a. Chr. gestum esse contendo. 

(Cf. Peter H. rom. III, p. 27) : II. Plaut. Amphitr. 510. 11 sie 

legendura esse censeo : 

'Edepol tunc si istis rebus te* sciat operära dare 

ego faxim ted Amphitruonem mälis esse quam Iovem : 

III. Frontonis Arion. p. 237 N. lego: cognovit socios , qui vehe- 

rent, cupidinis potiri. 



NEUE AUFLAGEN. 70. Pape, handwörterbuch der 
griechischen spräche. 2 bde. 8. Braunschw. Vieweg. 1872: 
6 thlr. : ist fünfter unveränderter abdruck der zweiten aufläge. — 

71. A. Forcellini totius latinitatis lexicon .. cura V. de Vit. 
4. Distr. 43. Padua. Prati (Leipzig, Brockhaus) ; 25 ngr. — 

72. E. Guhl und W. Kon er: das leben der Griechen und 
Römer. 3. aufl. 1. lief. 8. Berlin. Weidmann; 10 sgr. — 

73. F. Kugler, handbuch der kunstgeschichte. 5. aufl. be- 
arbeitet von W. Lübke. 5. lief. 8. Stuttgart. Ebner u. S. ; 
1 thlr. 6 ngr. — 74. A. v. Reumont, geschichte der Stadt 
Rom. Neue ausgäbe. 6. lief. 8. Berlin. Decker ; 1 thlr. — 
75. K. Bädeker, Italien, handbuch für reisende. 2 thl., Mit- 
telital. und Rom. 3. aufl. 8. Coblenz. Bädeker; 1 thlr. 20 
gr. — 76. K. Bädeker, Italien, handbuch für reisende. 3 thl. 
Unter - Italien und Sicilien. 3 aufl. 8. Coblenz. Bädeker ; 
1 thlr. 20 gr. — 77. Dr Ed. von Hartmann, philosophie 
des unbewussten. 8. 3. beträchtlich vermehrte aufl. Berlin. 
C. Duncker; 3 thlr. 10 ngr. 

NEUE SCHULBUECHER. 78—82. Freund's schüler- 
bibliothek. 1. abth. Präparationen u. s.w. Präparation zu Plato's 
Apologie des Sokrates. 1. heft. 16. Leipzig. Violet ; 5 ngr. ; 
Dess. zu Xenophons Cyropädie. 2. aufl. 5. hft. , ebendas. ; 
5 ngr.; Dess. zu Piatons Apologie. 2. hft. ebendas.; 5 ngr.; 
desselben präparationen zu Livius römische geschichte. 2. 
aufl. 5. hft. 16. Leipzig. Violet; 5 ngr. — zu Ovids Meta- 
morphosen. 2. hft. 4. aufl., ebendas.; 5 ngr. — 83. C. Sehen kl, 
Chrestomathie aus Xenophon. 5. aufl. 8. Wien. Gerold; 1 
thlr. — 84. M. Seyffert, lesestücke aus griechischen und 
lateinischen Schriftstellern. 4. aufl. 8. Leipzig. Holtze ; 22 x / 2 
ngr. — 85. Th. K rafft griechisches vocabularium für den 
Schulunterricht. 8. Nürnberg. Korn; 8 gr. — 86. W. Bäum- 



Nr. 3. Bibliographie. 171 

lein, griechische schulgrammatik. 4. aufl. bearbeitet von W. 
Gaupp. 8. Stuttgart. Metzler; 1 thlr. — 87. G. Lang- 
reuter, anleitung zum übersetzen aus dem deutschen ins grie- 
chische für tertia bearbeitet. 8. Celle. Schultze ; 13 ngr. — 
88. Fr. Ellendt's lateinisches lesebuch für die unteren klas- 
sen höherer lehranstalten. 17 aufl. v. M. Seyffert. 8. Ber- 
lin. Bornträger; 15 gr. — 89. E. Brock, lateinische syn- 
tax. Eegelbuch für quarta und tertia. 8. Leipzig. Brauns ; 
5 gr. — 90. R. Minzlaff, literaturgeschichte der Völker des 
alterthums. 2. ausg. 8. Hannover, Hahn; 12 ngr. — 91. 
E. Rohde, historischer schulatlas zur alten, mittlem und neuern 
geschichte. 9. aufl. qu. fol. Glogau. Flemming; 1 thlr. 15 
ngr. — 92. W. Ropp, römische literaturgeschichte. 2. aufl. 
gr. 16. Berlin. Springer ; 8 ngr. 

BIBLIOGRAPHIE. In nr. 1 v. j. 1872 der „mittheilun- 
gen der Verlagshandlung B. G. Teubner in Leipzig" werden 
als künftig erscheinende bücher genannt: Homeri Ilias, ad fidem 
librorum optimorum ed. J. La Roche, welcher auf grund des Venetus 
A, Laurentianus D, vier anderer neu verglichenen handschriften, 
des Eustathius und der fragmente alter handschriften den text neu 
constituiren will ; handbuch der griechisch-lateinischen metrik von 
W. Christ, in dem auch die metra der lateinischen komiker berück- 
sichtigt werden sollen, sonst wird nur sehr im allgemeinen der 
Standpunkt des vrfs angegeben; geographie von Griechenland von 
C. Bursian, II, 3; germanistische alterthümer und zugleich 
erklärung von Tacitus Germania. Vorlesungen an der Uni- 
versität Heidelberg gehalten von Holtzmann. Herausgegeben 
von A. Holder; ist nach den eignen heften Holtzmann's ge- 
arbeitet; endlich des P. Cornelius Tacitus Germania. Für den 
schulgebrauch aus dem nachlass von Ad. Holtzmann erklärt von 
Alfred Holder. Dann folgen noch angaben über fortsetzung 
der Bihliotheca scriptorum Graecorum et Romanorum Teubneriana, 
Schulausgaben u. s. w. 

Cataloge der antiquare: antiquarischer catalog nr. 57 der 
T h. B a r t ling' sehen buch- und antiquarhandlung in Dan- 
zig; bericht 25 von Calvary, darin I. Bekker's Homer- 
sammlung: es sind darin vorwiegend neuere Schriften: wir he- 
ben hervor das handexemplar Bekkers von den ScJwlia Veneta 
in Hom. Iliadem mit handschriftlichen noten behufs einer neuen 
ausgäbe , namentlich lexiealiseben und grammatischen inhalts, 
z. th. in den homerischen blättern benutzt; Schul-Catalog. Ue- 
bersicht der neuesten philologischen und pädagogischen werke, 
welche im Hahn' sehen Verlage zu Hannover und Leipzig er- 
schienen sind ; K. F. K ö h 1 e r 1 s in Leipzig antiquarische an- 
zeige -hefte, nr. 231, gottesdienstliche, Staats- und privat-alter- 
thümer enthaltend; Verzeichnis nr. 149 des antiquarischen bü- 



172 Kleine philologische zeitung. Nr. 3 

cherlagers der Otto'schen buchhandlung in Erfurt, literaturge- 
schichte , deutsche spräche enthaltend ; Antiquarischer anzeiger 
(nr. 127) der S chletter'schen buchhandlung in Breslau; VII. 
Antiquariats- katalog von Simmel u. Co. in Leipzig, literatur- 
geschichte und bibliographie , Sprachwissenschaft enthaltend; 
Ernst Wagner in Augsburg, antiquarischer anzeiger nr. 13; 
Friedrich Wagner in Braunschweig, catalog 92 des an- 
tiquarischen bücherlagers. 

Bibliotheca Venetiana. Supplernento II. al catalogo d'una 
raccolta di libri, carte geografiche e vedute di Venezia e del 
suo territorio vendibili presso H. F. et M. Münster: auch 
Sache« von Aldus darin. 

Fortegnelse over en del af de paa den Gyldendalshe bog- 
handels forlag udkomne skriften, der fra 20de Oktober 1871 
til 31te december 1872 saelges til de vedfejede betydelig- ned- 
satte priser: es sind einzelne sachen von Dorph (Virgil) Hen- 
richsen, Koes, Madvig (auch politische), Ussing u. s. w. darin. 

Livres anciens modernes en vente au prix marque's chez 
Martinus Nijhoff ä la Haye ; linguistik und orientalia. 

Frederik Muller zu Amsterdam, verzeichniss von Co- 
bet's und anderer holländischen philologen werke zu ermässig- 
ten preisen: auch die Mnemosyne zu 29 holl. gülden, Cobet's 
ausgaben des Lysias und Xenophon, Hirschig Aristoph. Vespae, 
Cicer. de orat. von Baake, Luzac lectiones atticae u. s. w. 

Bücher auctionen: bei A. Hoyer in Göttingen am 29. april : 
bei H. Härtung in Leipzig am 22. mai. 

KLEINE PHILOLOGISCHE ZEITUNG. John Under- 
wood, der bei seinem im j. 1733 erfolgten tode in Wittlesea 
begraben wurde, vermachte seiner Schwester sechstausend pfund 
unter der bedingung, dass seine beerdigung auf folgende excen- 
trische weise stattfinden müsste. Als nämlich das grab zuge- 
schüttet und mit rasen bedeckt war, sangen sechs seiner freunde, 
die er namentlich dazu bestimmt und männiglich mit zehn gui- 
neen bedacht hatte, die zwanzigste ode des zweiten buchs des 
Horaz, wobei sie nicht schwarz gekleidet sein durften. Auch 
das glockengeläute war untersagt , und nur sie allein folg- 
ten dem sarge. Dieser war Underwood's bestimmung zufolge 
grün angestrichen, der leichnam vollständig bekleidet. Unter 
seinem köpf lag Sanadon's Horaz, zu seinen füssen Bentley's 
Milton, in seiner rechten band hielt er ein kleines griechisches 
neues testament mit vergoldetem titel , in seiner linken eine 
taschenausgabe des Horaz mit dem titel „Musis Amicus J. U.", 
unter dem rücken lag Bentley's Horaz. Nach beendigung des 
gesanges kehrten die sechs herren in des verstorbenen haus 
zurück, woselbst ein sehr gutes abendbrot sie erwartete; sobald 
dies verzehrt war, sangen sie die 31. ode des ersten buchs des 



Nr. 3. Kleine philologische zeitung. 173 

Horaz, leerten noch heiter eine flasche und begaben sich dann 
heim. Alles dies war aufs genaueste in seinem testament vorge- 
schrieben, welches mit folgenden worten schloss : „hierauf wün- 
sche ich dass sie noch heiter eine flasche leeren und nicht wei- 
ter an John Underwood denken mögen". (Percy Anecdotes). 

Unter der leitung des studieuraths Dr I. H. Müller in 
Hannover soll im verlag der Schlüter'schen hofbuchhandlung 
eine ,, Zeitschrift für deutsche kulturgeschichte " erscheinen, 
welche nach ihrem programm auch die Universitäten berück- 
sichtigen und von männern, die auf die kultur des deutschen 
volks für längere zeit bedeutungsvoll (?) eingewirkt haben, bio- 
graphien bringen wird. 

Die in Wien erscheinende Deutsche Zeitung enthält in 
ihrer nr. 28 einen aufsatz zur maturitäts-prüfungs -frage, eben 
so mittheilungen über das pädagogium in Wien , auf welche 
unsre leser aufmerksam zu machen wir nicht unterlassen wol- 
len. Näher berührt uns ein „die österreichischen Universitäten'' 
überschriebener aufsatz von Wilhelm Hartel in nr. 14, in 
welchem als erste bedingung für die regeneration derselben gefor- 
dert wird, dass man tüchtige lehrkräfte erlange uud dabei nicht 
den heimathschein entscheiden lasse, nicht den gebornen Oe- 
sterreicher allen andern vorziehe, sondern aus Deutschland sich 
recrutire. „Fürwahr , jeder österreichische minister sollte gott 
danken, dass es ein Deutschland giebt, welches die tüchtigsten 
kräfte ihm bietet und reichlich zu ernten gestattet, was nicht er 
gesäet. Aber freilich , die besten kräfte sind auch die theuer- 
sten. Doch sollte man meinen, dass ein Staat, der für gute 
kehlen und flinke beine hunderttausende, für Schauspielhäuser 
und kasernen millionen verausgabt, noch ein kleines Sümmchen 
für diesen posten des budgets einstellen könnte, zumal ja keine 
weise unsern Staatslenkern geläufiger geworden ist, als die: 
Wissenschaft ist macht". Man sieht , wie die zeitung ihr pro-" 
gramm, den Zusammenhang mit Deutschland in dem volksbe- 
wusstsein der Oesterreicher wach und lebendig zu erhalten, 
kräftig ausführt : es wird aber auch jede berufung aus Deutsch- 
land gerade von oben mit grossem misstrauen verfolgt. Daher 
thut auch, um diese lehrkräfte zu erhalten, „ein wahrer Sturmwind 
neuen und freien geistigen lebens noth, der den mittelalterlichen 
plunder", (z. b. den hochwürdigen kanzler, die canonicate, die 
doctoren - coüegien), „der an allen ecken und enden sich zäh er- 
halten, wegfege und die luft von dem confessionellen und reac- 
tionären dünsten, die schwer auf dem universitätsieben nament- 
lich der beiden grössten hochschulen des reichs lasten, reinige". 
Was aber an die stelle des veralteten setzen? Das 1870 vom 
minister Stremayer vorgeschlagene genüge nicht : vielmehr müsse, 
solle die universitas literarum nicht bloss phrase sein, ein kräfti- 
ges centralorgan geschaffen werden: das Hesse sich erreichen 



174 Kleine philologische zeitung. Nr. 3. 

mit directer wähl des rectors durch sämmtliche professoren, 
dadurch dass jeder decan vier jähre dem academischen Se- 
nat angehöre und aus jedem collegium eine bestimmte anzahl 
von mitgliedern für bestimmte zeit in denselben gewählt 
werde. Der vf. scheint dies nur als andeutungen gegeben zu 
haben : auch hier mag nur andeutungsweise gesagt sein , dass 
zum gedeihen einer deutschen Universität vor allem zwei 
dinge gehören, die freilich jetzt grade schwer herzustellen sein 
dürften: 1) ein aus sämmtlichen ordiuarien bestehender senat, 
von denen wenigstens viele wissen, was eine deutsche Universi- 
tät sein soll und dass der professor nicht bloss beamter und 
Schulmeister ist, und 2) eine dem wahren wesen der Universität 
entsprechend handelnde, wohlwollende regierung, die trotz ihres 
regiereus der Universität die nöthige freibeit gönnt: für beides 
giebt das curatorium in Hannover und GöttiDgen bis c. 1850 ein 
vortreffliches, bis jetzt viel zu wenig erkanntes beispiel: denn 
von ungefähr 1850 an war auch das curatorium in Hannover 
ohne festes Steuerruder und System und — - vielleicht ohne seine 
schuld — den verschiedensten einflüssen zugänglich. 

In der sitzung der archäologischen gesellschaft zu Berlin 
vom 6. febr. gab Adler eine Chronologie der dorischen bau- 
kunst, indem er von Böttichers nachweis ausging, dass die do- 
rische beleuchtung der tempel durch metopen ursprünglich nur 
einen tempel in antis gestatte, und erst der ionische tempel, 
weil hypäthral, ein peripteros sein könne. Der mit Säulengang 
rings umgebene dorische tempel zeige schon die entartung, so 
617 v. Chr. in des lihoikos lunotempel zu Samos, schon 
früher in zwei tempeln zu Selinus und im Apollotempel in Or- 
tygia zu Syrakus. Letzterer, um 680 gegründet, sei noch mo- 
notriglyphos, er habe je einen tropfen zwischen den säulen, wel- 
che sehr eng stehen. Nachher erweiterte man die intercolum- 
nien und nahm nur halbe tropfenplatten; so in zwei, nach äl- 
terer art noch oblongen tempeln zu Selinus, um 580. Doch 
hat dort bei dem sogenannten tempel C ein umbau stattgefun- 
den* der zweite pronaos mit einer inschrift etwa vom jähre 
490 sei erst später zugesetzt, vom älteren bau sei jetzt aber 
eine ecktiiglyphe gefunden worden. Auch der dorische perip- 
teros zu Assos sei wohl erst später an den Schmalseiten erwei- 
tert ; hier wie sonst setze Texier in seiner abbildung vieles aus 
eigener erfindung hinzu. — Nach einer gegenbemerkung des 
prof. Lohde zeigte prof. Curtius die sterbende Medusa (wohl 
eher eine Amazone) der Villa Ludovisi in einer genauen ab- 
bildung des Dr Dilthey vor. Adler macht darauf aufmerk- 
sam, dass Schlüter, welcher Rom besucht, die masken am zeug- 
hause danach gebildet habe. — Curtius zeigte ferner einen klei- 
nen widdertragenden Merkur aus bronze vor, welcher, in Bo- 
logna gefunden , jetzt dem berliner museum angehört. Ob- 



Nr 3. Kleine philologische zeitung, 176 

wohl die Statuette sehr alt, sei Merkur doch unbärtig, wie ihn 
wohl noch Kaiamis gebildet habe. Einen gleichen Merkur 
wies Curtius auf einer münze und einer terracotta für die zeit 
vor der kunstblütbe nach, uud besprach die verschiedene art des 
widdertragens in solchen darstellungen. Endlich bebandelte Cur- 
tius neu gefundene inschriften von einer quelle zu Opus. 
Dr Scholl besprach Kumanudes sammluug attischer grabin- 
schriften, von denen etwa 1600 noch nicht herausgegeben 
waren. Von den gegen hundert athenischen inschriften, welche 
Franz Lenormant im rheinischen Museum veröffentlicht hat, ist 
keine wieder aufgefunden worden. — Prof. Müllenhoff zeigte 
eine glaspaste aus Alsen mit drei rohen figuren. — Prof. Hüb- 
ner besprach einige Schriften über ausgrabungen in Deutsch- 
land und neu herausgegebene spanische inschriften und eine aus 
Portugal über den schriftsteiler L. Cornelius Bocchus, tribunus 
militum der legio III. Augusta, welche in Africa stand. Es sind 
ausserdem aus zwei spanischen orten inschriften über ihn be- 
kannt. Aus seinem werke über Spanien schöpfte Plinius , aus 
seiner weltchronik Solin. — Schliesslich gab Adler über einige 
inschriften zu Jerusalem auskunft. 



AUSZUEGE aus Zeitschriften : Augsburger allgemeine zeitung, 
1872: nr. 33. 40. 47. 54. 61. 75. 82. Döilinger über die Wiedervereini- 
gung der christlichen kirchen I. VII. — Nr. 40 : die schulinspectio- 
nen. — Beil. zu nr. 40 : zur kriegsgeschichte : weis't nach , dass die 
falsche nachricht von einem siege Mac-Mahon's nicht am fünften, 
sondern sechsten august eingetroffen sei, in folge deren Paris in 
diesem kriege zum ersten und letzten male geflaggt hat. — Beil. zu 
nr. 41: Ad. Trendelenburg: nekrolog. — Nr. 43: die poesie im neuen 
Deutschland: besprechung der unter diesem titel erschienenen broschüre 
von F. K. Schubert. — Beil. zu nr. 44 : Mäelarts trojanischer krieg. 

— Die mitrailleusen und ihre leistungen im kriege 18/ 70 / 71 . — Zopf- 
abschneiderei in Halle a. d. S. — Nr. 45 : das schulaufsichtsgesetz. 

— Nr. 46: das herrenhaus und das schulaufsichtsgesetz. — Beil. zu 
nr. 47: M. Heinze's lehre vom logos in der griechischen philosophie. 

— Nr. 48: zur abstimmung über das schulaufsichtsgesetz. — Beil. zu 
nr. 48 : die reichshochschule und die fachschulen des reichs. — Nr. 
53 : Dr Ernst Nizze f. — Nr. 54 : statistisches über den besuch hö- 
herer lehranstalten. — Nr. 55 : H. v. Lutz und das bayrische cultus- 
ministerium. — Beil. zu nr. 55. 58. 59. 77. 78. 79. 80. 81 : zur Darwin- 
literatur. — Beil. zun. 55: Berichtigung zu dem vortrage Döllingers. — 
Beil. zu nr. 56 : Heilmann, antheil des II. bayerischen armeekorps am 
feldzug 1870 — 71. — Das bevorstehende Jubiläum der Universität 
München. — Nr. 58: M. A. Levy f. — Beil. zu nr. 59: Dahn, die 
könige der Germanen. — Beil. zu nr. 60: eine autobiographie von 
Gervinus. — Nr. 62 : herrenhaus und schulaufsichtsgesetz. — Beil. 
zu 63: zwangslose briefe über deutsche Universitäten. 1. Die neu- 
gründung in Strasburg; sehr zu beachtender artikel, wenn gleich 
wohl zu scharf gegen einzelne persönlichkeiten: es werden am aus- 
führlichsten die berufungen in der philosophischen facultät bespro- 
chen: „aber allerdings beruhen die für jene fächer geschehenen berufun- 



176 Auszüge aus Zeitschriften. Kr. 11, 

gen ausnahmslos und ausschliesslich auf den Weisungen des berliner 
akadeniie-hauptquartiers, „jener kleinen aber mächtigen" partei, 
welche im preussischen cultus-ministerium nicht ohne stütze, für ihre 
protectionen vor allem „Verwandtschaft" oder „zugethansein" fordert, 
erst in zweiter linie, wenn überhaupt, auf wissenschaftliche leistun- 
gen oder gar auf „lehrerfolge" sieht": auch sonst habe sich Roggen- 
bach zu sehr an „diese Unfehlbarkeit an der Spree" gehalten, so dass 
doch bei der neugründung Strassburgs vielfach das so nachtheilige 
„durch Mühler in Preussen zu ehren gebrachte Universitätssystem" 
sich nur zu deutlich zeige. — Nr. 64: die kunst- und reliquienschätze 
zu Maestricht : betrifft das mittelalter. — Nr. 66 : Zeller lehnt einen 
ruf nach Berlin ab. — Unterstützung der bibliothek in Strassburg 
durch den deutschen kaiser. — Nr. 67: die theologische disputation 
in Rom. — Nr. 69. 70. 71: das schulaufsichtsgesetz im herrenhause: 
ausführliche mittheilung der debatten. — Beil. zu nr. 72, zur kir- 
chen- und schulfrage. — Nr. 73: zur abstimmung im herrenhause. 
— Beil. zu nr. 76: Joh. Sturm, Strassburgs erster schulrektor. — 
Nr. 80: ausgrabung zu Pompeji vom 8. märz in gegenwart des prin- 
zen Friedrich Karl. — Beil. zu nr. 81. 82 (schluss) : zwischen Rom und 
Neapel. — Nr. 84: der kirchliche liberalismus in Preussen. — Beil. zu 
nr. 84. 85. 86 : französische kriegsliteratur. III. — Nr. 85: Michaud 
und das katholische Frankreich. — Beil. zu nr. 87 : Th. Benfey, ent- 
deckung der ältesten recension des Pantschatantra. — Beil. zu nr. 
88: der Rumänen herkunft. — Nr. 91: schulnachrichten aus Lon- 
don. — Beil. zu nr. 93: zur geschichtsliteratur : bezieht sich auf die 
römische kaiserzeit im anschluss an Höfner. — Beil. zu nr. 94: re- 
ligion und staatsidee. — Beil. 97 : zum schulaufsichtsgesetz: bezieht 
sich speciell auf Hannover. 



Bekanntmachung. 

Mit allerhöchster genebmigung wird die achtundzwanzigste 
Versammlung deutscher philologen und Schulmänner in rück- 
sicht auf die für den herbst gleichfalls in Leipzig beabsichtigte 
naturforscher -Versammlung bereits in den tagen von 22 — 25 mai 
d. j. in Leipzig stattfinden, zu welcher das unterzeichnete Präsi- 
dium hierdurch ergebetist einladet. Indem dasselbe die geehrten 
fachgenossen ersucht, beabsichtigte vortrage sowohl für die allge- 
meinen Sitzungen als auch für die Verhandlungen der sectionen, 
deren Präsidenten die herren professoren Fleischer, ver- 
beck und Zarncke sind, baldmöglichst anmelden zu wollen, er- 
klärt es sich zugleich bereit, anfragen und wünsche, die sich 
auf theilnahme an der Versammlung, namentlich auch auf Woh- 
nung beziehen, entgegen zu nehmen und zu erledigen. 

Leipzig den 1. märz 1872. 

Das präsidium 
der achtundzwanzigsten Versammlung deutscher philologen und 

schulmäuner. 
G-. Curtius. F. A. Eckstein. - 



Ur. 4. April 1873 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Philologus 



Ernst von Leutsch. 



93. Ed. Lübbert, De structura participii perf. passivi 
pro substantivo verbau positi. Giessen. 1872. 20 s. 4. 

Diese cornmentatio , von welcher das Giessener Ludwigs- 
programm von 1871 den atifang bietet, bildet die part. I einer 
reihe von Commentationes syntacticae, welche Lübbert damit in 
aussieht stellt. Die abhaodlung geht aus von der redensart 
provincias decretas rescindere bei Cic. de dorn. 9, 24 und will 
gegen Nägelsbach (Lat. Stil. p. 96; vgl. in kürze auch schon 
Savels im programm des Essener gymnasiuins von 1833, p. 
18 f.) nachweisen, dass jene ausdrucksweise unciceronisch sei. 
Zu dem ende wendet sie sich zuvörderst zu einer allgemeinen 
darlegung de vi ac potestate jener struetur, nach welcher ein 
part. perf. passivi an die stelle eines Verbalsubstantivs tritt, und 
einer Zusammenstellung ihrer varia genera et modi. — Die 
behandlung ist methodisch und gründlich, nimmt auch mit recht 
rücksicht auf die geschichtliche entwicklung dieser construetion 
bis auf Livius, in welchem sie eulminirt. Man folgt daher gern 
und mit interesse , wenn man sich auch noch keineswegs der 
zweifei erwehren kann, ob es dem vf. schliesslich gelingen werde 
wirklich das unciceronische der betreffenden redensart zu erhärten. 
Der verf. steht in betreff der vier von Fr. A. Wolf ange- 
griffenen reden zwar nicht geradezu auf dessen seite, aber doch 
auch keineswegs auf seiten derjenigen, welche — nach unserer 
meinung mit recht — in neuerer zeit jene reden in schütz 
genommen haben (vgl. über den stand der sache Philol. XXI, 
p. 300, 25 ; ausserdem J. Jeep im Wolfenb. Progr. 1863, p. 
5 f . ; Literar. Centralbl. 1865, p. 1094). Er sucht vielmehr eine 
gewisse mittelstellung zu behaupten; er mag zwar im allgemei- 
PhiloL Anz. IV. 12 



178 93. 94. Lateinische grammatik. Nr. 4. 

nen die echtheit der rede de domo nicht bezweifeln, nimmt aber 
erhebliche corruptelen innerhalb derselben an , welche omnino 
fidem orationis infirmant, so dass auch in rebus ad antiquitates 
iuris publici pertinentibus haud iam eadem fiducia, quam ceteris 
orationibus tribuimus, huius orationis testimoniis uti licebit (p. 5). — 
In dieser beziehung ist , gleichfalls in Giessener programmen 
und ausserdem in den römischen alterthümern in den letz- 
ten jahren die rede de domo mehrfach herangezogen von 
L. Lange, jetzt in Leipzig; und ich glaube, Lange braucht 
sich zunächst darob noch keine sorge zu machen. Wenig- 
stens scheint das, was der Verfasser vorläufig p. 17, 5 über 
Cic. Tusc. I, 12, 27 und Caes. de b. G. 1, 4, 1 gesagt hat, 
keineswegs so einleuchtend und zweifellos, dass gerade für den 
accusativ (denn für den nominativ wird p. 13 alle freiheit zu- 
gestanden; vgl. z. b. Tac. ab exe. d. A. 1, 8 cum occisus dieta- 
tor Caesar . . . pulcherrimum facinus videretur) die beschränkung 
anerkannt werden dürfte: illa struetura in aecusativo tum solum 
admittitur, si substantivum quod pro obiecto est iam ^rect. velj per 
se aliquam cum verbo praedicativo communionem habet (p. 16). — 
Doch wollen wir das urtheil suspendieren, bis die abhandlung 
zu ende geführt ist, worauf wir hoffentlich nicht lange werden 
zu warten haben. 

Auf seine eigene latinität muss der verf. allerdings etwas 
mehr Sorgfalt verwenden ; er gebraucht z. b. wiederholt ita ut 
(== so dass), p. 11 non possum quin und meritissimus (= hoch- 
verdient), p. 14 und p. 18 uterque in unstatthafter weise, p. 12 
vigorosius. Dergleichen findet man freilich viel bei neueren la- 
teinern; aber ein so tüchtiger spraclikenner, wie der verf., muss 
sich fern davon halten. 

94. Karl Abel, dr: über einige gruudzüge der lateini- 
schen Wortstellung. Zweite aufl. 8. Berliu. 1871. 23 s. 

Dass dies schriftchen die zweite aufläge erlebt hat, kann 
Verwunderung erregen. Denn zunächst findet sich ein wesent- 
licher theil des zu behandelnden Stoffes in jeder grösseren 
grammatik, und zwar vielfach richtiger dargestellt, klarer ge- 
fasst uud übersichtlicher geordnet. Auf specialia feinerer art, 
wie man sie iu einer solchen monographie erwartet, ist der 
vf. mehrfach nicht eingegangen (so hätte p. 7 zur Stellung der 



Nr. 4. 94. Lateinische grammatik. 179 

römischen namen auf Philol. XXII, p 481 ff. bezug genommen 
werden können) ; und wenn derselbe eigene beobachtungen mit- 
theilt, so werden diese nur durch wenige beispiele belegt und 
mehr als axiome hingestellt, an deren richtigkeit doch um so 
eher zweifei erlaubt ist, als es der verf. bei seiner schrift of- 
fenbar an der erforderlichen Sorgfalt hat fehlen lassen. 

Das zeigen schon die zahlreichen druckfehler. Auf p. 8 
allein finden sich drei (Mitatae st. Usitatae • viden , Cutric. st. 
videntur, Cic. ; maioris moliri st. maiora moliri). — Was soll 
man zu regeln sagen, wie p. 18: „Qwwm tritt immer (!) hinter 
sein subject, indem es einen eigenen Zwischensatz bildet; und 
hat der hauptsatz ein anderes subject und sein eigenes kann 
(construction ! ) weil es im verbo liegt, ihm nicht voraufgehen, so 
pflegt es wenigstens einen objectsaccusativ vor sich zu nehmen" ! 
— oder p. 8 : „bei amtsbezeichnungen galt in der republik 
der eigenname für das erste, zur kaiserzeit der der würde: 
Cicero consul , Imperator Augustus", — als ob nicht auch zur 
zeit der republik rex meistens vor den namen gesetzt wäre, 
und andererseits Imperator in der späteren zeit durch seine Vor- 
stellung nicht eine specifische bedeutung erhalten hätte. — 
Was auf derselben seite über fratres gemini angeführt wird , ist 
schon von Freund in seinem Wörterbuch s. v frater widerlegt. — 
Nach p. 9 soll man immer sagen: mea manu. Ja, wenn es ei- 
genhändig heissen soll! Ueberbaupt ist bei dem Possessiv- 
pronomen übersehen, dass drei fälle zu unterscheiden sind: 
1) sie werden im lateinischen ganz weggelassen, wenn der sinn 
sie entbehren kann; 2) wenn die deutlichkeit sie verlangt, so 
werden sie gesetzt, stehen aber hinter ihrem nomen ; 3) vor 
ihrem nomen (was nach dem verf. das gewöhnliche sein soll) 
nur dann, wenn ein nachdruck auf ihnen ruht. 

Schliesslich sei noch erwähnt, dass auf p. 6 nicht nur Bona 
Dea einfach für Ceres erklärt wird, mit hiuweisung auf Juven. 
2, 86 (wo schon Heinrich's note den verf. eines besseren hätte 
belehren köunen), sondern auch dem verf. das arge quidproquo 
passiert ist, dass er in Plin. N. H. 9, 3, 15 (secundas partus) 
den gen. singularis partus für den acc. plur. fem. generis (!) hält 
und dem entsprechend in umgekehrter sttllung seinerseits bildet: 
partus secundae, zweite niederkuuft. 



12* 



180 95. Metrik. Nr. 4. 

95. Observationes metricae in poetas elegiacos Graecos 
et Latinos. Pars prior. Scripsit Fr. C. Hultgren. 4. Pro- 
gramm des Nicolaigymnasiums. Leipzig 1871. 

In dieser schrift werden, in der art der forschungen vonDro- 
bisch , die hexameter und pentameter der griechischen distichen 
einer Untersuchung namentlich in bezug auf zahl der dactylen 
und spondeen und auf den dactylischen oder spondeischen an- 
fang unterworfen-, die hexameter mit dem spondeus im fünften 
fuss werden meistens von der betrachtung ausgeschlossen, mit 
recht, da sie eine specielle behandlung verdienen und theilweise 
auch bereits erhalten haben. — Bei dem grossen reichthum 
der griechischen spräche an dactylen ist hier bei weitem über- 
wiegend die zahl der ,, dactylischen hexameter", d. h. nach der 
ausdrucksweise des Verfassers derjenigen , unter deren vier er- 
sten füssen sich drei dactylen befinden. Was speciell den er- 
sten fuss betrifft, so ist der spondeische anfang bei den älteren 
dichtem nur um ein geringes seltener als der dactylische, am 
wenigsten beliebt bei den Alexandrinern, wo ungefähr von drei 
hexametern zwei mit dem dactylus beginnen. Ganz anders ge- 
staltet sich dieses verhältniss bei den Römern. Hier müssen 
bei der geringeren anzahl dactylischer wortformen viel mehr 
spondeen zugelassen werden; um aber gleichsam ein gegenge- 
wicht dagegen zu bilden und den dactylischen Charakter des 
verses nicht allzusehr zu beeinträchtigen, wird nun der dacty- 
lus an der ersten stelle, welche für den rhythmus des 
ganzen verses am wichtigsten und beinahe bestimmend ist, das 
weitaus gewöhnlichste. Am wenigsten gilt dies noch von Ca- 
tull, welcher, was dactylischen und spondeischen anfang betrifft, 
ungefähr den Alexandrinern gleichsteht, am meisten von Ovid, 
der auch abgesehen vom anfang die zahl der dactylen möglichst 
zu vermehren sucht. — Für manches andere, z. b. für die 
Untersuchung über die silbeuzahl der den vers schliessenden 
wöiter verweisen wir auf die schrift selbst. Nur darauf wollen 
wir noch aufmerksam machen, dass im dritten buch der Tibul- 
lischen Sammlung, wie die tabellen p. 19 und 20 zeigen, die 
zahl der spondeischen anfange und der spondeen überhaupt im 
verhältniss viel beträchtlicher ist als im ersten und zweiten 
buch ; die athetese des dritten buches würde damit eine neue 
gewichtige stütze erhalten , wenn eine solche überhaupt noch 



Nr.. 4. 95. Metrik. 181 

nöthig wäre. Weiterhin zeigt der Verfasser auch den noch 
beträchtlicheren unterschied der verse des Lygdamus von denen 
des Ovid, um die hypothese Gruppe's zu widerlegen; dieselbe 
hat indessen wohl niemals einen erwäbnenswerthen anhänger 
gebabt. — Niemand wird verkennen , dass solche scheinbar 
auf äusserliche dinge gerichtete forschungen zu interessanten 
resultaten führen können. Der versbildner steht unter dem 
einflusse des in den sprachformen vorherrschenden rhythmus; 
er muss sich bei der behandlung eines recipirten metrums nach 
dem rhythmischen charakter der spräche richten ; mehr oder 
weniger bewusst wird er, wo dem letzteren das wesen des me- 
trums nicht ganz entspricht, nacb einem ausweg suchen, der 
beiden mögliebst ihr recht wiederfahren lässt. Der Verfasser 
ist sich wohl bewusst gewesen , dass nur wenn solche allgemei- 
nen und wichtigen gesichtspunkte im äuge behalten und conse- 
quenzen für dieselben gezogen werden, Untersuchungen über 
die Zahlenverhältnisse in den verschiedenen versformen ihren 
werth und ihre berechtigung haben. Dagegen können wir ein 
bedenken über seine arbeit nicht unterdrücken. Er beschränkt 
sich bei der Untersuchung über die griechischen dichter durch- 
aus auf den ersten theil von Bergks anthologia lyrica. Dies 
verstand sich , was die dichter bis auf Theogois betrifft, von 
selbst ; aber für die späteren dichter hat er sich auf diese weise 
die sache doch etwas gar zu bequem gemacht. Dass es nicht 
etwa seine absieht war , das epigramm auszuschliessen , zeigt 
der umstand, dass die epigramme des aristotelischen Peplos be- 
rücksichtigt sind fp. 6). Wie lässt es sich nun rechtfertigen, 
dass die weit wichtigeren epigramme des Simonides , des Kalli- 
machos, des Leonidas u. s. w. ganz ausser acht gelassen sind, 
da doch die Sicherheit solcher Untersuchungen durch die menge 
der herbeigezogenen verse- bedeutend erhöht wird? Es be- 
fremdet einigermassen, wenn der Verfasser p. 13 sagt: quo mi- 
nor fuit versuum copia quam nostris de disticho Graeco commen- 
tationibus subieeimus , eo uberiorem materiam nobis praebent Roma- 
norum poetae, als wenn die geringe copia bei den späteren 
Griechen nicht seine eigene schuld wäre. Wir geben ihm da- 
her diesen punkt für eine weiterführung seiner dankenswerthen 
forschungen, die wir nur wünschen können, zu bedenken. 



182 96. 97. Homeros. Nr. 4. 

96. Schwarz, über die Boeotia des Homer, namentlich 
in ihrem verhältniss zur composition der Ilias. 4. Programm 
des gymnasiums zu Neu-Ruppin, 1871. 

Der Verfasser , der in der homerischen frage sich zu der 
vermittelnden richtung bekennt, sieht in dem schiffskatalog 
und in den zunächst vorhergehenden partien ( Thersites auftre- 
ten, Odysseus und Nestors reden , wozu noch die gleichnisse 
kommen) die poetische darstelluug einer grossen Volksver- 
sammlung mit alien vorkommenden einzelnheiten, eine pane- 
gyris , also ein ursprünglich selbständiges werk, das erst spä- 
ter in den Zusammenhang der Ilias eingefügt worden sei. 

Das bedenkliche am schiffskatalog ist bekanntlich — we- 
nigstens für moderne leser — seine ungebührliche länge; das 
missverhältniss wird aber ganz unerträglich, wenn diese beiläufig 
300 verse gar als schluss eines kürzeren liedes gelten sollen. Eine 
so ausführliche armeeliste bat wohl sinn, wenn sie der beschrei- 
bung des krieges zur orientirung vorausgeschickt ist, nicht aber 
als theil einer panegyrie. Am wenigsten lässt sich begreifen, 
worin das vermittelnde der oben angeführten ansieht bestehen 
soll. Die vermittelung muss doch davon ausgeben, dass in 
beiden einander gegenüberstehenden ansiebten das richtige her- 
ausgefunden und anerkannt wird. Nun lässt sich nicht leug- 
nen, dass diejenigen, welche den schiffskatalog aus der Ilias 
entfernen und für ein selbständiges lied erklären wollen , dabei 
von einem richtigen poetischen gefühle geleitet werden ; aber 
nicht weniger sind auch die im rechte, welche es unbegreiflich 
finden, wie ein solches lied habe für sich allein interesse er- 
wecken können. Die vermittelung zwischen beiden ansichten 
kann nur darin liegen, dass der schiffskatalog von vorn herein 
zu dem zwecke gedichtet wurde, in die bereits fertige Ilias 
eingeschoben zu werden, und dass weniger poetische, als 
vielmehr patriotische erwägungen dabei bestimmend waren, 
woraus sich dann auch die trockenheit des ganzen Stückes 
erklärt. L. G. 

97. Beiträge zur syntax der causalsätze bei Homer, von 
Pfudel. 4. Osterprogramm der ritterakademie zu Liegnitz. 
1871. 

Mit recht statuirt Pfudel für die kausale Satzverbindung 



Nr. 4. 97. Homeros. 183 

bei Homer drei verschiedene formen: 1) beide sätze sind haupt- 
sätze, welche unverbnnden neben einander treten. Diese kind- 
lich naive Sprechweise findet sich nur in reden, und zwar meist 
dann, wenn die beiden gedanken von verschiedenem werthe 
und gewichte sind, so dass eine Verschiedenheit des satztones 
möglich ist z. b. Ä, 204. 2) Beide sätze sind hauptsätze; der 
begründende satz wird durch eine partikel angeknüpft, welche 
das kausale verhältniss auch äusserlich bezeichnet. Dazu dient 
y(tQ, häufig auch das unbestimmtere Sp. 3) Der begründende 
satz tritt zum hauptgedanken auch äusserlich in ein unterge- 
ordnetes verhältniss und erscheint entweder in der form eines 
wirklichen relativsatzes oder eines nebensatzes , der mit subor- 
dinirenden conjunktionen meist relativen Ursprungs wie o , on, 
otvexa, <»(,* und inet eingeleitet ist. Wenn Pfudel bei der ein- 
theilung der causalsätze nach ihrer bedeutung zu den begrün- 
denden und erläuternden als dritte klasse noch motivi- 
rende hinzufügt, so ist dies nur zu billigen; nur hätte es sich, 
um eine nahe liegende Verwechslung zu verhüten, empfohlen, 
dieselben „elliptische" zu nennen. Vrgl, «, 208, an welcher 
stelle die worte zu ergänzen sind: ich darf dies wohl be- 
haup ten. 

Nachdem die Zusammensetzung des ydg aus yi und aya 
gebilligt und Aristarch als derjenige genannt ist , der den ge- 
brauch des proleptischen 8s zuerst bemerkt habe , geht Pfudel 
zum proleptischen ydg über und vermittelt zwischen denjenigen, 
welche diesen gebrauch auf zu enge grenzen eingeschränkt ha- 
ben, und denen , welche ihn ohne zwingende gründe zu weit 
ausdehnen. In 36 fällen entscheidet sich Pfudel für die an- 
nähme des proleptischen yäg. Ich stimme ihm zunächst bei für 
«, 337. <, 431. B, 802. e, 318. H, 73, nicht für K, 378. X, 
66. An jener stelle begründet yüg den vorhergehenden satz: 
ich werde (und kann) mich loskaufen, denn ich habe 
viel erz, gold und eisen; davon würde mein vater viel ge- 
ben, wenn u. s. w. An der zweiten der beiden stellen finde 
ich mit Ameis blos eine motivirung der vorher ausgesproche- 
nen bitte. — Während die eben behandelten stellen sich auf 
das explicativ - proleptische yäg bezogen, handeln die folgenden 
vom kausalen proleptischen: a) der nachsatz wird mit äXXd 
oder 8s eingeleitet: N, 735. f, 890. x, 226. 190. i, 70. x, 



184 97. Homeros. Nr. 4. 

174. (x, 154. \f), 248. x, 383. p'j 320. r, 406. m, 208. er, 259. 
t, 350. Bios {>, 78 folgt der nachsatz ohne dlld oder de. Fast 
bei allen diesen beispielen geht eine einfache anrede im voca- 
tiv vorher. Auch ich sehe (mit Pfudel) nicht im mindesten ein, 
wie Ameis in dem satze mit ydg eine begründung der nach- 
drucks vollen anrede finden kann; eine solche würde blos 
dann berechtigt sein, wenn an der anrede etwas sonderbares 
haftete, zu dessen erläuterung der redende einige worte hinzu- 
fügen zu müssen glaubte; dies ist aber an keiner der obigen 
stellen der fall. b) Im nachsatz steht im = deshalb und 
weist auf den Vordersatz mit ydg zurück; H, 327. P, 220. iV, 
228. P, 338. O, 737. *P, 606. c) Der causalsatz mit yä Q unter- 
bricht den hauptgedanken parenthetisch : A, 286. M, 326. ß, 
223. a, 301. £, 354, t, 589. H, 242. Alle diese beispiele ge- 
hören eben deshalb, weil ydg nicht völlig proleptisch voransteht, 
nicht hierher, wohl aber W, 857, wo die parenthese zwischen 
dem Vordersatz und hauptsatz eingeschoben ist. — Demnach 
bleiben von den 36 stellen, die Pfudel annimmt, blos 27 als 
berechtigt stehen. 

Die annähme, dass der satz mit ydg den vocativ begründe, 
ist zu billigen für ß, 334. s, 29. W, 156. P, 475. — Auf 
das vorgehende, nicht auf das folgende bezieht sich ferner ydg in 
den eigentlichen und rhetorischen fragesätzen mit näg ydg und 
ztt; ydg; in ihnen ist ydg in eigenthümlich - elliptischem sinne 
gesetzt, wie Pfudel richtig annimmt für die stellen X, 424. 61. 
X 182. x, 501. £, 115. A, 122. K, 337. Ebenso sind zu er- 
klären &, 154, A, 293. |, 402. 0, 201; auch A, 421. v, 271. 
o, 545. Auf dieselbe einfache und leichte weise lassen sich 
auch drei andere stellen *, 417. o, 509. n, 222 deuten , wo 
manche editoren ohne allen grund r' dg vorziehen ; daher hat 
Pfudel nicht recht, wenn er an der ersten stelle nach Bekker's 
und Düntzer's Vorgang sich für die einfiihrung dieser lesart 
entscheidet. Folgender gedanke ist daselbst zu suppliren : da- 
ran hast du sehr unrecht gethan, dass du meinen 
söhn nach Pylos und Sparta schicktest; warum denn 
hast du ihm das nicht gesagt, dass er mich nicht treffen würde? 

Klar schildert der vf. die erstarrung des ursprünglichen 
casus zur conjunktion und belegt diesen Übergang mit beispie- 
len. Mit recht erklärt er sich gegen die hypothese Bekkers, 



Nr. 4. 98. Hesiodos. 185 

dass on nicht elisionsfähig sei und deshalb eine form ö is 
[o t') zu statuiren sei. Iu der Ilias ist Vorliebe für transitives 
ort , in der Odyssee für causales o, wogegen transitives o und 
causales Ott verhältnissmässig gleich oft in beiden gedienten 
erscheinen. Im ganzen wird o häufiger transitiv , oti häufi- 
ger causal gebraucht. 

Nachdem sodann Pfudel die homerischen beispiele für ei- 
gentliche causalsätze mit o und ort gesammelt und die fälle 
des hypothetischen "re besprochen hat, geht er zu den expli- 
cativen und motivirenden o und ort über und weist ersterem 
sechs, letztem achtzehn stellen zu. Für die letzte derselben, rp, 
253, kann ich diesen gebrauch nicht zugeben. Die stelle er- 
klärt Pfudel so: ,, sondern ich klage, wenn wir so sehr an 
kraft hinter dem göttlichen Odysseus zurückstehen; (ich darf 
dies aber behaupten) , weil wir den bogen nicht spannen kön- 
nen." Ich ergänze weder oSvgoftai, noch nehme ich oz im 
sinne von ,,dass"; ich lese r\ 8r'j statt et dt] und erkläre, in- 
dem ich oV im hypothetischen sinne = et nehme, wie folgt: 
wir sind doch wahrlich rechte Schwächlinge , wenn wir nicht 
einmal den bogen spannen können ! C. Härtung. 

98. De prooemio Theogoniae Hesiodeae. Pars prima. 
De prooemio vere Hesiodeo sive de versibus 1 — 35. Diss. in- 
aug. quam scr. Gustavus Ellger. 8. Berolini 1871. 

Fragen von so schwieriger, verwickelter und unsicherer 
art wie diejenigen , welche die höhere kritik der hesiodischen 
gedichte betreffen, sollten nicht zu Stoffen für promotionsschrif- 
ten gewählt werden; fehlt es doch nicht an aufgaben, welche 
weniger hohe anforderungen stellen und zu bestimmteren er- 
gebnissen führen können. Der Verfasser der genannten göttin- 
ger dissertation über das erste proömium der Theogonie hat of- 
fenbar die darauf bezügliche litteratur fleissig studirt und be- 
rücksichtigt und über sein thema ernstlich und eifrig nachge- 
dacht; aber die complicirte Untersuchung über dasselbe, bei 
welcher die scharfsinnigsten gelehrten zu so verschiedenen re- 
sultaten gelangt sind , in wesentlichen punkten zu fördern ist 
ihm nicht gelungen. Er ist der ansieht, dass von Hesiodos, 
dem Verfasser der Theogonie , den er für identisch mit dem 
Verfasser der werke und tage zu halten scheint (p. 11 f.), als 



186 98. Hesiodos. Nr. 4. 

prooemium zur Theogonie gedichtet worden sei: v. 1 — 4. 9 f. 
22—24. 26—35. Die beiden folgenden theile (v. 36—115) 
spricht er dem Hesiodos ab. Was nun zunächst die ausge- 
schiedenen verse 11 — 21 betrifft, so stimmen wir mit dem vf. in 
der ansieht überein, dass dieselben wahrscheinlich (mehr lässt 
sich nicht sagen) nicht vom dichter der Theogonie herrühren, 
wenn wir auch keineswegs seine beweisführung in allen ein- 
zelheiten für zutreffend halten. Sie wären daher für einsebieb- 
sel zu halten, wenn es sicher wäre, dass der rest des ersten 
prooemiums ganz oder theilweise von jenem dichter abgefasst ist. 
Aber dies ist nichts weniger als sicher , und die gründe , die 
Ellger dafür vorbringt, sind äusserst schwach. Er geht aus 
von 26 noi[*?v£<; nygavXot, x«V fXsy%ta, yactT? geg olnv. Dieser 
vers, so meint er, sei älter als der des Epimenides KgTJieg dsl 
iptvcsrai, x«x« ötjoia, yuan-'oeg ägyai. Gestehen wir der kürze 
halber zu, dass letzterer vers dem Epimenides angehört und 
dass er dem hesiodischen nachgebildet ist: wie kann der vf. 
daraus folgern (p. 10), dass der vers von den hirten im sieben- 
ten Jahrhundert sich bereits an dieser stelle befunden habe? 
Kann derselbe z. b. nicht ein alter spottvers sein? Dem vf. 
aber scheint seine folgerung so sicher , dass er auf der folgen- 
den seite unbedenklich sagt: hanc partem (v. 22 — 35) antiquis- 
simis temporibus iam in Theogonia infuisse demonstravi. Tref- 
fen wir also hier auf einen fehlschluss, so ist auch was weiter für 
die autorschaft des „Hesiod" in bezug auf v. 22 — 35 geltend ge- 
macht wird, völlig bedeutungslos: der dichter nenne sich selbst 
Hesiodos und ein mendacium könne man jenen alten zeiten 
nicht zutrauen; gegen die annähme einer interpolation spreche 
die ungewöhnliche form des prooemiums ; es zeige sich in dem- 
selben der stolz und das Selbstvertrauen des dichters der werke 
und tage (!) u. s. w. Also wie gesagt : rührt das erste prooe- 
mium in seinen wesentlichen theilen vom dichter der Theogonie 
her, so hat der vf. recht, v. 11 — 21 für eine interpolation zu 
halten. Im anderen falle aber fehlt dazu eine genügende ver- 
anlassung. — Gegen die sehr gegründeten bedenken , welche 
jener v. 26 erregte, hat der vf. weiter nichts zu sagen als: at 
quis est, qui Hesiodo id ipsum dicendum /wisse concedat , quod 
Deitersius in eius locum substitutus narraturus fuissett (p. 16) 
Glaubt er in der that, mit dieser leichtfertigen bemerkung eine 



Nr. 4. 99. Theokritos. 187 

Widerlegung gegeben zu haben? Dagegen soll der formel- 
hafte vers 25 unecht sein , weil er sich auch an anderen stel- 
len unserer Theogonie findet (52. 965. 1022), weil die Musen 
hier nicht helikonische, sondern olympische genannt werden und 
weil er wider die sonstige kürze des ersten proömiums ver- 
stösst — lauter nichts entscheidende gründe. Es lässt sich 
hier, wie so häufig in der kritik der he*iodischen gedichte die 
spätere hinzufügung eines in der that überflüssigen verses we- 
der mit Sicherheit behaupten noch mit Sicherheit bestreiten. — 
Ganz unmöglich ist endlich Ellgers erklärnng von v. 35 i'tlXu 
7tr] fioi luvtet nsQi 8(>7v // niroi nh^qv ; Er verbindet ntQi 8gvi> 
q nty} nfTgrjv (in örtlicher bedeutung) mit lavia und erklärt: 
„warum soll ich von diesem ereinniss erzählen, welches ich am 
fusse des Helikon erlebte ? Supplendnm enim est: potius id, 
quod Musae iusserunt, exsequens deorum genus praedicare volo. Auf 
ungefähr dieselbe erklärung verfiel bereits Wolf ,# verwarf sie 
aber mit recht ; Klausen ist ihr dann beigetreten , Rhein. Mus. 
III, 1835, p. 441. Der gedanke der so interpretirten stelle 
wäre noch erträglich; aber ist es glaublich, dass ein dichter, der 
(wer er auch gewesen sein mag) doch von seinem publikum 
verstanden sein wollte, den besuch der Musen mit den worten 
tuvia ntf)) 8qvv rj neot n?Ty?]v, also durch einen gleichgültigen 
nebenumstand, bezeichnet habe? Denn bei jenem von Ellger 
angenommenen gedanken ist es völlig gleichgültig, wo der be- 
such stattgefunden. Dazu kommt ferner, dass, wenn es sich 
um den bestimmten ort handelt, wo Hesiodus seine schafe wei- 
dete , die conjunction /} durchaus unstatthaft ist. (Anders 
bei der Schömannschen erklärung, nach welcher sich nen) öqvv 
% 7?fp« aeTQtjv auf die einsamkeit des ländlichen aufenthaltes 
bezieht). Somit fällt auch die vermuthung, dass jener zu 
supplirende gegenständ vom dichter ausgedrückt, aber in un- 
serem texte weggefallen sei. 

99. De locis aliquot primi idyllii Theocritei difficilioribus. 
Scr. Adrian. (Glogau, Osterprogramm 1871). 

Während der erste theil der schrift über die strophenab- 
theilung des von I, 64 ab beginnenden liedes handelt, werden 
im zweiten einige stellen des idylls kritisch besprochen. Neues 
wird darin nicht geboten, sondern Adrian folgt der strophischen 



188 99. Theokritos. Nr. 4. 

eintbeilung, die M. Haupt im Rhein. Museum veröffentlicht hat. 
Danach zerfällt das lied, wie aus inhalt und form nachgewiesen 
wird, in drei theile , deren erster von v. 70 — 83 reicht ; der 
zweite umfasst v. 94 — 113, der dritte v. 114 — 136. Vorauf 
geht ein exordium mit zwei versen und ein prologus mit vier 
versen, den schluss bildet ein in zwei abschnitte zerfallender 
epilogus von 137 — 145. Dass der dichter eine strophische ein- 
theilung beabsichtigte und dass obiger strophenbau sehr viele 
Wahrscheinlichkeit für sich hat, lässt sich nicht läugnen; nur 
das eine bestreite ich , dass die versus intercalares an den an- 
fang der Strophen gehören. Freilich scheint der umstand, dass 
sie eine aufforde rung enthalten, für diese Stellung zu spre- 
chen; doch da der refrainvers in den Volksliedern aller natio- 
nen an den schluss der Strophe gesetzt wird und da in den 
übrigen strophischen compositionen der griechischen und latei- 
nischen dichter dieselbe Stellung sich nachweisen lässt, so stelle 
ich denselben mit Ahrens {^Bionis ßmyrnai epitaph. Adon. p. 29 : 
de ephymniis bucolicis) ans ende. 

Der kritische theil bietet weiter nichts, als eine eingehende 
aufzählung und beleuchtung der zu jeder stelle gemachten ver- 
muthungen und erklärungen. I, 15 betont Adrian, dass av- 
QtaStv gesagt sei im gegensatz zur asidsiv, dass also der grelle 
schreiende ton der pfeife dem melodischen gesang gegenüber- 
stehe. — V. 19 entscheidet er sich für die lesart alysa sl- 
dsg. — An zwei stellen will Adrian etwas neues bieten; 
denn v. 51 conjicirt er, indem er sich auf die worte des scho- 
liasten stützt: 

(patt 7TQiv tj annunGum sni fyootm xa&iSr] 
und eiklärt : priusquam vulpes ientaculo eum (puerum) privarit. 
Hätte er die grosse kritische ausgäbe Fritzscke's von 1865 bd. 
I, heft 1 nachgelesen, so hätte er gefunden, dass dort dieselbe 
conjectur schon gemacht ist. Nur in der erklärung ge- 
hen beide aus einander: während Fritzsche die stelle so er- 
klären zu müssen glaubte: ,, durch sein pfiffiges gesicht verräth 
der fuchs, dass er das knäblein nicht eher locker lassen wolle, 
als bis er das frühstück, das in dem ranzen ist, in nummer si- 
cher gebracht d. i. wegstipitzt habe", deutet er jetzt die stelle 
60 : dicit se puerum non prius dimissuram , quam ille ad siccum 
ientaculum sonsederit = bevor sich jener zu einem nüchternen 



Nr. 4. 100. Aeschylos. 189 

frühstück niedergelassen habe d. i. durch den fuchs der speise 
beraubt und ohue frühstück sei. Er macht also den knaben, 
nicht den fuchs zum Subjekte des letzten satzes und nimmt 
w>t&lt,£iv im intransitven sinne, wie es immer bei Theokrit vor- 
kommt. Wie Adrian erklärt, haben wir oben schon gesehen; 
er beachtet nicht, dass tnt hjQoiat xudi&tv tird = einen aufs 
trockene setzen = „prellen, berauben", nicht nachweisbar ist. 
— An der zweiten stelle v. 85 passirt dem Verfasser dasselbe 
versehen. Den Vorschlag, den er macht, daselbst £arei o' == 
„sie sucht dich" zu lesen, hat seiner zeit schon Fritzsche in 
seiner Schulausgabe des Theokrit von 1857 gemacht ; neuer- 
dings in der grossen kritischen ausgäbe schreibt er mit aus- 
stossung des vorhergehenden versus intercalaris das particip £a- 
Toirj' = suchend. Da jedoch einerseits dieser vers der regel- 
mässigen responsion zuliebe beizubehalten ist und andrerseits 
das an der spitze der antistrophe stehende particip nur schwer- 
fällig auf das in der vorigen Strophe stehende hauptverbum sich 
zurückziehen Hesse, so ist die lesart £urtl <j' vorzuziehen und 
die erklärung, die Adrian gibt, zu billigen: immo ipsa te quae- 
rit, quum tuum sit eam ubique quaerere; tu vero hie iaces miser 
et tabescens et tantopere amore deperditus, ut nihil agas teque puel- 
lamque morti devoveas. — Zum schluss noch eine mehr pä- 
dagogische bemerkung! Wenn Adrian in seinem vorwort sagt, 
er habe diese kritischen Übungen für die primaner eines 
gymnasiums oder für Jünglinge, die sich der philologie wid- 
men wollen, niedergeschrieben, so muss ich ihm bemerken, 
dass handschriftliche kritik zunächst für den fachphilologen be- 
rechnet ist und für den schüler nur äusserst sparsam zur an- 
wendung kommen darf, am allerwenigsten an Theokrit. 

C. Härtung. 

100. Aeschyli quae supersunt in codice Laurentiauo veter- 
rimo quoad effici potuit et ad Cognitionen! necesse est visum 
typis descripta edidit R. Merkel. Oxonii e typographeo Cla- 
rendoniano 1871. Londini apud Alexandrum Macmillan. 8. 
und 139 s. 

Bei den sorgfältigen collationen der medieeischen hand- 
schrift des Aeschylus vermisste man bisher genaue angaben 
über die versabtheilung der handschrift wie sie für Sophocles 



190 101. Euripides. Nr. 4. 

in der Oxforder ausgäbe von Dindorf vom j. 1860 geboten 
sind; man vermisste sie um so mehr, seitdem man angefangen 
der alten kolometrie der handschriften grössere aufmerksamkeit 
zuzuwenden und höheren werth beizulegen. Diesem bedürfnisse 
ist durch das trefflich ausgestattete werk von K. Merkel in der 
befriedigendsten weise abgeholfen. Nach kurzer einleitung über 
die haudschrift und die metbode der ausgäbe giebt Merkel ohne 
irgend welchen anderen zusatz den text nach einer in den j. 
1863/4 angefertigten abschritt und zwar so, dass rasuren durch 
punkte, stellen wo nachbesserungen ersichtlich sind durch ge- 
sperrten druck , Verbindungszüge der schritt durch ein strich- 
lein (z. b. diä durch 8-a) angezeigt, die handschriftliche tren- 
nung und Verbindung von silben und Wörtern sowie die ver- 
theilung der verse und zeilen auf die eiuzelnen Seiten beibehal- 
ten wird. So wird uns ein anschauliches bild der handschrift 
geboten, welches manches vor einem facs;mile voraus hat, in an- 
derem hinter einem solchen zurückbleibt. Ueber die Zuverläs- 
sigkeit der abweichungen von früheren collationen lässt sich 
nicht ohne weiteres urtheilen. Näheres hierüber wird der dem- 
nächst im Philologus XXXI und XXX II erscheinende Jahresbe- 
richt über Aeschylus bringen. Der hauptwerth des vorliegen- 
den Werkes ist oben bezeichnet; der textkritik werden beson- 
ders die in aussieht gestellten angaben über die unter den 
rasuren noch lesbaren bnchstaben , über correkturen und nach- 
trage verschiedener bände und anderes der art zu gute kommen 
müssen, wenn man sich viel versprechen darf nach den w orten 
der vorrede: de quibus rebus exponetur in voluminibus aliquot, 
quibus quiequid instrumenti critici Aeschylei maximam partem ignoti 
adhuc restat, congestum est. 

W. 

101. E\iwtduv Btixxut'. The Bacchae of Euripides with 
a revision of tbe text and a commentary by Robert Yel- 
v ertön Tyrell, fellow and tutor of Tiinity College, Dublin. 
8. London. Longmanns Green cett. 1871. — Lli u 9.'i 8. 

Der Verfasser, sclion in England durch seine schönen me- 
trischen Übersetzungen im dubliner Kottabos bekannt, hat hier 
eine sehr nützliche schulau>gabe der Bakcheu herausgegeben. 
Die erklärungen sind bisweilen knapp, und die textveibesserun- 



Nr. 4. 101. Euripides. 191 

gen vielleicht etwas kühn, aber im ganzen zeigt das buch ein 
freies urtheil und gute kenntniss des tragischen Sprachgebrauchs. 
Die vorrede handelt unter auderm über den zustand des textes, 
und über den theologischen Standpunkt des dichters. Leider 
hat der Verfasser die zwei handschriften P und C, auf denen 
unsere ausgaben beruhen , nicht selber verglichen. Er stützt 
sich auf Kircbhoff s vorrede zu dessen gesammtausgabe des Eu- 
ripides, macht aber mehrere treffende beinerkungen über die 
Verhältnisse dieser quellen. Die fehler des P (Vaticanus) hält 
er meistens für Schreibfehler, und darum leichter als die feh- 
ler des C (Florentinus) zu verbessern, da die letzteren mei- 
stens verschlimmbesserungen eines mönches sind. Das eigen- 
tümliche aber dieser ausgäbe ist doch der verständige ge- 
brauch der nachahmungen im Christus patiens und in den 
Dionysiaca des Nonnus, da zur zeit dieser Schriften bessere 
handschriften noch da waren. Aus diesen quellen sind et- 
liche Verbesserungen geschöpft. Seine correcturen theilt der 
Verfasserin zwei classen : die erstem, wo er sich den handschrif- 
ten näher als andre herausgeber gehalten hat, die zweiten wo 
er bisher unverdächtigte stellen aus eigenen gründen geändert 
hat. Als beispiele der ersteren dürfen wir folgende stellen an- 
führen : v. 25 piloi; der handschriften statt des Stephanus ds'Xog 
da das letztere wort gar nicht von dem thyrsus gebraucht , ja 
ihm gar (v. v. 761. 2) entgegengesetzt werde. Vs. 235 svoaumv 
nöfA^q. V. 406 nücfav #' uv #' exatöat opot. V. 447 m>8wv 
statt Meineke's neSöiv, mit vergleichung von Hom. Hymn. ad 
Dionys. vs. 13. Vs. 451 interpungirt er gut fiudtaOf yeiyiüv 
tovö 1 e* unxvatv yuQ wr und veriheidigt die Stellung des yao 
durch Sophokles Phil. 1451, und hier v. 477. V. 1Ü01 liest 
er in dieser schwierigen stelle yiw/iuv nwiypo* 1 u&dvnrov , ohne 
Madvigs Adversaria gelesen zu haben, übersetzt aber ä&ävu- 
7oj, unerschütterlich, fest, was mir sehr zweilelhaft erscheint. 
Vs. 1020, tO, U) pax%t Otjfj, {ftjyit.yoira p'uxjfüv kzX, und meint 
Or,Q sei vor folgendem OijQaygeTa herausgefallen. Vs. 1060 
ovx i^mtouftai fiiiitudoji' oaaoiv töOooi, und bestätigt es durch 
starke grüude. Diese correctur ist wohl eine seiner besten. 
Vs. 1091 schreibt er fyovatu und übersetzt, „in ihrem laufe 
aushaltend", was er aus Fragm. 776 Nauck. bestätigt. Vs. 
1352 u.{ßdr t p av ö' q zuXaiut , statt KirchhofFs conjeetur nut- 



192 102. Aristophanes. Nr. 4. 

tsc, aus der paralJelslelle im Christ. Pat. 1701 gezosen. Denn 
in derselben stelle kommt dies u(td/ji vor, und Tyrell, denkt der 
Verfasser hätte es, ein seltenes wort, nicht geschrieben, hätte 
er es nicht vor äugen gehabt. 

Aus den stellen die er verdächtigt sind wohl folgende die 
wichtigsten: v. 54 setzt er zwischen vv. 22 und 24. Vs. 100 tiOtv 
aytjtiv | &t]QnzQoqoi> fxatriidiss y-il. wo der abschreibet' des codex C 
&vQ(>o(f6i)Oi verbessert haben soll. Vs. 209 di<u(jdjt> für die vulgata 
öt' uQid/jüJi, da StuQiOnwi unrichtig im activum stehen würde. Vs. 
506 (/.Q elatTi £rjc, ovo' oquc §&' onnc ti ; was er aus dem Christ. 
Patiens entnommen, v. 279 mit der bemerkung dass das wort 
eiö&Ti dem Verfasser anderswoher wahrscheinlich nicht bekannt 
wäre. Vs. 864 für dtgav will Teyrll doyuv. Vs. 1157 vüg&ijxd 
t' inuntov Aihav und noch mehreres dergleichen. Solche kritische 
Untersuchung des textes fällt unter englischen philologen auf, 
die doch meistens sich schülerhaft an den recipirten text halten. 
Ueber das ästhetische der Bakchen ist viel verständiges be- 
merkt, auch hat der Verfasser Pfandeis und andere deutsche Schrif- 
ten gut verwerthet. Als palinodie will er nicht mit K. 0. Müller 
diese tragödie halten, zeigt auch recht treffend wie sie sich ganz 
gut mit dem viel früheren Hippolytus verträgt. Ueber die ge- 
ringschätzung des dichters bei neuern wegen seiner treuen und 
bisweilen an das gemeine herangehenden characterzeichnung 
spricht Tyrell sehr gut; möge sein rath auch auf die kritik an- 
derer Schriftsteller angewandt werden. Schliesslich dürfen wir be- 
merken, dass die philologischen Studien der Universität Dublin 
denen der englischen Universitäten gar nicht nachzustehen scheinen. 

J. P. Mahaffy. 

102. De Nubibus Aristophanis. Diss. inaug. philol. quam 
scripsit Paulus Wey lan d Pommerauus. 8. Gryphiswaldiae. 
MDCCCLXXI. 

Der Verfasser dieser dissertation hat sich die aufgäbe ge- 
stellt, die ersten und die zweiten Wolken mit einander zu ver- 
gleichen und spcciell diejenige stelle der sechsten hypothesis, 
welche von der dtaGxsvij handelt, eingehender zu prüfen. Dern- 
gemäss ist im ersten capitel der schrift von der parabase , im 
zweiten von der logossccue, im dritten von der schlusspartie 
des Stückes die rede. Mit der einschlägigen litteratur die im 



Nr. 4. 103. Apppianos. 193 

laufe der zeit so sehr angewachsen ist, besitzt der verf. die 
nöthige bekanntschaft und aus der fülle der hypothesen weiss 
er mit geschick die wichtigsten herauszuheben und klar zu ent- 
wickeln. In den meisten punkten schliesst er sich, wie das 
ganz natürlich ist, an bewährte Vorgänger an, wiederholt ist er 
aber auch dazu fortgeschritten eigene ansiclrten aufzustellen. 
Können wir die letzteren auch nicht alle für stichhaltig erklä- 
ren, wie denn namentlich diejenigen auf sehr schwachen f'üssen 
stehen, welche die vv. 854 ff. und dann die Strafvollstreckung 
am ende betreffen, so haben doch einige unsern vollen beifäll, 
und hierher gehören in erster reihe die besprechungen, welche 
das epirrhema und die vv. 783 — 804 gefunden haben. Chr. M. 

103. Appianus und seine quellen von Dr Emanuel Han- 
na k. — Allgemeines über Appian und sein werk. Die frag- 
mentarisch überlieferten bücher, 8. Wien, Beck. 1869. 184 s. 

— 24 ngr. 

Nachdem Hannak. nach den andeutungen Appians prooem. 
§. 15. — ohne freilich wesentlich neues zu dem von Schweig- 
häuser App. III, p. 118, p. 8 bemerkten zu liefern — die äu- 
sseren lebensumstände desselben besprochen hat, geht er p. 12 
zur eintheilung def appianischen schritten über. Er unterschei- 
det nach des Schriftstellers eigener andeutung zwei hauptabthei- 
Irnigen : die eine geht bis zur eroberung Aegyptens durch Au- 
gustus, die zweite bis auf die zeit Appiaos (p. 1 3 J : die Unterab- 
teilungen, die Hannak nach Appians andeutungen statuirt, 
können wir hier übergehen und bemerken nur , dass vf. richtig 

— nach App. Civ. V, 145, vrgl. dazu Schweighäuser — die 
'IWvQiyq als anhaug zur May.tdoviY.fj, die Niioicnrty.fi zur £i/.£- 
\ixfj. die Ki(0^t l 8(iny.fj uud NoftuiSiy.fi zur ydifivyf/ (s. Photius) auf- 
fasst. Ebenso wird p. 18 mit recht eine "Aoiavt] als selbständige 
schritt neben der 'Ei).t]iiy.^ und 'lcaiixfj angenommen und die 
Tluudiv.fi als ein eignes buch hinter die bürgerkriege gestellt. 
Die erklärung des ig zu ivv ovta p. 26 ist nicht originell, da 
schon Schweigliauser übersetzt: donec . . . Carthago in eum quo 
nunc est statum devenit (prooem. c. 12, z. 42). 

Ueber die beuutzung der quellen sind Hannaks bemerkun- 
gen meist zutreffend, wenn auch nicht neu (s. nur Nissen, quellen 
des Livius p. 11 4j; p. 31 zu frgt. Ital. 9 hätte E. Schulze's 
Pbilol. Anz. IV 13 



194 103. Appianos. Nr. 4. 

emendation (de exe. constant. p. 33) zu gründe gelegt werden 
sollen. P. 34 findet sich eine ungenauigkeit, da Dionys. AR. VIII, 
39 die Valeria nicht gemahlin, sondern Schwester des Poplicola 
nennt. Die von Hannak betonte rationalistische Verbesserung 
Appians in der tradition — um chronologischen Schwierigkeiten 
aus dem wege zu gehen — findet sich auch bei Plutarch (Momm- 
sen, Hermes IV, 31). Wenn für das proömium Dionysius als rnu- 
ster genannt wird, so ist dies zutreffend, aber keineswegs durfte 
die ähnlichkeit mit Polybius, auf die schon Schweighäuser hin- 
weist, übersehen werden. 

Nach kurzen, nur die form berührenden bemerkungen über 
die constantinischen excerpte, Suidas und Photius, geht Hannak 
zu seiner hauptaufgabe über und bespricht zunächst I. die kö- 
nigsgeschichte. Dass Dionys hauptquelle, ist entschieden 
zuzugeben, nicht zu billigen aber ist, dass auf Fabius Pictor 
als nebenquelle hingewiesen wird; jedenfalls stimmt an einzelnen 
stellen das reiche detail weniger mit den älteren als den jün- 
geren annalisten. Was einzelnes anlangt , so ist der Vorwurf 
der ungenauigkeit, den Hannak p. 49 macht, wohl dem Pho- 
tius zuzuweisen; die von Dionys abweichende Chronologie aber 
wird richtig der flüchtigkeit Appians zur last gelegt. Dagegen 
ist nicht zu billigen, was Hannak p. 56 sagt. Die worte: 6 de 
dsvieyog ovösv ijt7ov ßfßaolXsvxß)^ ti [xi] xat fiuXXov , tov iav- 
zov ßiop izelsvTijtys £rjoag ... sollen so durchaus dem berieht bei 
Dionys II, 76 entsprechen, dass man keinen anstand zu neh- 
men hätte, aus diesem die ausgefallene anzahl der jabre zu er- 
gänzen. Diese sucht aber, für die unbedeutendsten und abge- 
blasstesten fragmente quellen nachzuweisen, zeigt sich klar frgt. 
5. 6. Zudem ist Hannak hier eine arge Verwechselung passirt, 
denn das iSiö^eroi; des fragmentes entspricht keineswegs dem 
tSh> naQÖviwv rig des Dionys III, 8. 

IL Italische geschieht e. Auch für diese wird Dio- 
nys als quelle angenommen und wahrscheinlich gemacht. Für 
Plutarchs Coriolan freilich brauchte dieser nicht mehr als 
quelle vermuthet zu werden (s. Peter quellen Plutarchs p. 8 ff., 
den Hannak gar nicht zu kennen scheint). Unrichtig wird p. 
71 von einem schatzhaus der Massalier geredet, da Appian 
ausdrücklich sagt: iv •*■<£ Poi^afcop x«J MaaaulnjTcäf d>jn<tV(jM. 
Auch für frgt. 8 weist vf. Plutarchs Camillus (s. Peter 1. 1. p. 22) 



Nr. 4. 103. Appianos. 195 

und Dionys als quelle nach. Aber für frgt, 9 weist Mommsen 
Hermes V, 255 mit recht darauf hin, dass die notiz bei Appian 
über schuldenerlass u.s. w. durchaus nicht isolirt steht. 

III. Samnitica. Auch hier weist Hannak Dionys als 
quelle nach; eine besprechung der wichtigsten stelle frgt. 4, c. 6, 
p. 26, 15B. avftnaptsg oaoi fj.tzu rovg ÖitqdaQuevovg //pjfov, frei- 
lich sucht man vergebens; auch irrt Hannak, da Appian wie 
Plut. Pyrrh. 16 von Pyrrhus erster ankunft in Tarent han- 
delt; dass aber die quelle Plutarchs Dionys ist, sagt er selbst 
c. 21, s. Peter 1. 1. p. 70 ff. Mit unrecht ist auch p. 93 der 
bericht des Polybius 1,7 — der durchaus frei ist von der 
rhetorischen Übertreibung bei Livius 24, 28, — der unwahrschein- 
lichere genannt; und wenn p. 99 Hannak von einer durch 
Livius Perioch. 13 bezeugten gesandtschaft nach der Schlacht 
von Asculum redet, so findet sich bei Livius 1. 1. von einer 
solchen durchaus nichts, und schwebt desshalb die polemik ge- 
gen Mommsen E. G. I, 511 401 4 in der luft. 

IV. Celtica. Wichtig ist hier, dass Appian selbst einige 
male quellen zu nennen scheint, so fr. 1, p. 36, 16 B. Paulus 
Claudius — s. Schweighaeuser III, 172 Peter 1. 1. p. 162 — 
frgt. 6 Cassius — s. Schweigh. p. 117. Hannak p. 118. 11 1, 
— frgt. 17. tcvv 7ig avyyfjucftaiT qrjci und o de Kulaao sv tolg 
idiai^ avayQntpalg imv Jqiijfjeocov ?{jyc»v. Die Übereinstimmung 
mit Plut. Caes. 22 ist nicht weiter verfolgt, eben sowenig das 
p. 131 gezogene resultat, s. p. 124 und vrgl. Peter 1. 1. p. 121. 
Auch Wijnne, de fiele et auetoritate Appiani scheint Hannak 
nicht zu kennen. 

Die besprechung über die sicilische gesebichte be- 
stätigt nur das urtheil Nissens (1. 1. p. 114), dass Appian erst 
vom zweiten punischen krieg ab Polybius benutzt habe. Pur 
frgt. 3. 4. 5 wird auf Übereinstimmung mit Livius, d. h. mit 
Polybius hingewiesen, die besprechung von frgt. 6 und 7 führt 
zu keinem resultat. Für die numidische geschichte, in 
der Appian mehrfach von Sallust abweicht, vermüthet Hannak 
p. 146 Juba als quelle, freilich ohne zulänglichen grund, für 
die macedonische geschichte beruht er ganz auf Nissen, 
den er nur in einigen puneten von untergeordneter Wichtigkeit 
corrigirt. 

Neues von durchschlagender Wichtigkeit wird demnach in 

13* 



196 104. Menippos. Nr. 4. 

dem Hannak'schen buche nicht geboten; die leetüre desselben 
aber wird durch die häufigen druckfehler, von denen einer frei- 
lich — excerpatoren — so stehend ist, dass man ihn fast als 
etwas anderes anzusehen geneigt sein möchte, nicht gerade an- 
genehmer gemacht. 

104. Menipp und Horaz. Ein beitrag zur geschichte der 
satire. Festschrift von The o dor Fri tzs ch e. Güstrow. 1871. 
VI und 30 s. 8. 

In dieser dem director der domschule zu Güstrow, Dr 
Raspe, zu seinem 25jährigen directorjubiläum im namen des 
lehrerkollegiums dargebrachten festschrift beabsichtigt der vf. den 
Zusammenhang, der zwischen der menippeischen satire und der 
horazischen besteht, nachzuweisen, indem er verschiedene von sei- 
nem vater theils in academischen Schriften, theils in vorreden und 
noten zu seinem Lukian (insbesondere in den prolegom. zu vol. II, 
part. II 1870, §. 6 und 7) ausgesprochene gedanken weiter ver- 
folgt uud zu einem gesammtbild abrundet. Zu diesem behuf 
handelt er über die vorlauter des Menippos, als welche er den 
Borystheniten Bion und den Phliasier Tinion hinstellt, dann des 
genaueren über Menippos, seine Persönlichkeit und seiue Schrif- 
ten, sowie über das verhältniss des Varro und Lukianos zu Me- 
nippos und sucht schliesslich nachzuweisen, dass sich in Horaz 
selbst spuren der kenntniss und benutzung der menippeisek- var- 
ronischen satire finden; und diese bestrebungen lauten in die 
behauptung aus, dass das genaue Studium der schritten des Lu- 
kianos, der aus denselben quellen wie Horaz geschöpft habe, 
nämlich den menippeischen Satiren, noch wichtige ausbeute für 
das verständuiss des Horaz verheisse. So wird mit emsigkeit 
ein ganzes künstliches netz von zarten Verbindungsfäden gespon- 
nen : sobald man sie aber anfasst, zerreissen sie. 

Für die natur dieser Untersuchungen sehr bezeichnend ist 
gleich die zur exempliticirung der „feinen fäden, mit denen der 
schaffende poetische geist an bereits vorhandenes anknüpft" an den 
aufaug gestellte behauptung, dass die alte komödie „natürlich durch 
mancherlei mittelglieder auf den Homer zurückgreifen muss, des- 
sen Thersites eine fruchtbare anregung für sie wurde". Dass 
Lukianos des Timon sillen kannte, studierte, ja unmittelbar 
ausbeutete, soll die wörtliche Übereinstimmung des Lukianos im 



Nr. 4. 104. Menippos. 197 

Hermotimos §. 74 mit Timon bei Sextus Empir. adv. geom. 3, 
10 erweisen. Und da nun die wesentlich aus der menippeischen 
abzuleitende satire des Lukianos die beiden vorzüglichen eigen- 
schaften der Timonischen sillen, dialogische form und geschick- 
tes parodiren zeige, so dürfe wohl angenommen werden, dass es 
Menipp war, welcher diese beiden eigenthümlichkeiten der Ti- 
monischen darstellung dem Lukian vermittelte und diesen „über- 
haupt auf das Studium des Timon hinführte". Nun ist die auf- 
fallende Übereinstimmung zwischen Lukianos und Sextus ein- 
fach die, dass beide gegen die geometrie als Wissenschaft den 
bei den Skeptikern landläufigen Vorwurf erheben, dass sie von 
gewissen unerwiesenen gruudvorstellungen ausgehe und dass 
beide sich dabei des bildes bedienen , das auf diesem morschen 
fundament [aaOgoig &ffisllotg) errichtete gebäude von schluss- 
folgerungen könne nicht haltbar sein. Zugegeben, was möglich, 
aber durchaus nicht nöthig ist, dass beide dabei einer und der- 
selbe quellen , der schritt irgend eines Skeptikers folgen : woher 
weiss der vf., dass dieser Timon ist? Er meint p. 6, des Sextus 
quelle sei nach seiner eigenen aus sage Timon gewesen. Soll 
diese eigene aussage etwa die bemerkung im anfang der schrift 
ngng yscoutTgag sein, wo gesagt wird dass in ähnlicher weise, 
wie Timon bei seinem angriff gegen die j)hysiker vorgegangen, 
er (Sextus) gegen die geometer vorgehen werde? oder soll gar 
die anführung der figürlichen (sprichwörtlichen) redeweise mit 
den worten aattnoig ag qi a a i dt/Atlloig als ein hinweis auf 
Timon gedeutet werden ? Und selbst, wenn eine philosophische 
schrift Timons hier von Sextus und Lukianos benutzt wäre, so 
wäre damit für den Zusammenhang zwischen den sillen Ti- 
mons und der lukianischen satire doch noch gar nichts erwie- 
sen. Ferner ist es eben so incorrect, in der dialogischen form 
einen „besondern vorzog" der Timonischen sillen zu erkennen, 
wie ihre dialogisch gehaltene partie mit den lukianischen dialo- 
gen zu parallelisiren; denn was es mit diesem dialog bei Timon 
für eine besondere bewandtniss habe, zeigen die genauen worte 
eben bei Laert. Diog. IX, 111 qialvszai yovv avcoiglvcav iSevoxpctpqv 
zov Ko)~oqo3ii,ov nsgl ixiiazcov , 6 8s avzoSitjyovfietog sazi. 
xat sv fisv zä> 8svzs'gq> nsgl zdiv c/.QXatozs'gcav, sv 8s reo rgircp nsoi 
tcov vazs'gcav. Und wiederum, selbst wenn das alles richtig wäre, 
wie würde es anhält geben zu der vermuthung über Men ipp os? 



198 104. Menippos. Nr. 4. 

Aehnlicb verhält es sich mit den übrigen beitragen znr 
„geschiente der satire" in dieser Schrift, soweit sie eigen- 
tümlich sind ; ref. darf sich wohl begnügen nur noch das 
nach des Verfassers ansieht wichtigste ergebniss dieser Un- 
tersuchungen kurz zu prüfen, dass Lukianos und Horatius öfter 
übereinstimmen, dass beide aus der gemeinsamen quelle (Menip- 
pos) geschöpft haben und so Lukianos öfters den einzigen Schlüs- 
sel zum richtigen verständniss des Horatius biete. Der schla- 
gendste beweis ist dieser.' Die worte bei Hör. serm. I, 1, 20 
quid causaest merito quin Ulis Iupiter ambas iratus buccas infletl 
Würden nur verständlich durch die stelle in Lukian. Ikarome- 
nipp. c. 26, wo Zeus geschildert wird, wie er durch eine him- 
melsöffnung die gerechten wünsche der menschen durchlässt und 
sie neben sich legt, die ungerechten aber zurückbläst. Die- 
ses bild hat Lukiauos aus dem Menippos-, das lässt sich zwar 
nicht beweisen, aber „es giebt dinge , die nur neben einander 
gestellt zu werden brauchen, damit ihre Zusammengehörigkeit 
einleuchtet" ; und eben aus Menippos hat Horatius dieses bild 
entlehnt, das er als reminiscenz hier einflicht. Nun handelt es 
sich ja aber — von allem übrigen, wie von dem unterschied, dass 
hier gerade von den beiden entscheidenden zügen jener komi- 
schen scene, der himmelsöffnung und dem wegblasen der wün- 
sche, nichts gesagt ist, oder von der gänzlichen unmotivirtheit 
des ,,fast unmerklichen" Übergangs aus einer Situation in eine 
ganz verschiedene andere und aus dieser wieder zurück in jene, 
von alle dem ganz zu schweigen — , es handelt sich ja aber 
hier gar nicht um zu gewährende oder zu verweigernde wün- 
sche: denn Iupiter hat ja die auf den tausch des lebenslooses 
mit einem andern stand gerichteten wünsche der unzufriedenen 
bereits erhört : „iam faciam quod voltis", und nur die menschen 
Wollen nicht auf diesen ihnen bewilligten tausch eingehen ; und 
eben so wenig kann man an die zukünftigen wünsche der be- 
treffenden denken , die Iupiter künftighin (posthac) nicht so 
leicht erhören zu wollen droht, da er ja doch nicht in eventum 
um diese wegzuscheuchen , gleich jetzt die backen aufblasen 
kann. — Durfte das der vf. p. 27 wirklich einen „nachweis" 
nennen? und er das im wesentlichen sich genügen lassen zu 
der behauptung: „den gefundenen spuren weiter nachzugehen 



Nr. 4. 105. Ovidius. 199 

ist eine 6ehr wichtige aufgäbe, die sicher noch mehr ausbeute für 
die Sermonen, vielleicht auch einige für die Episteln verheisst 1 ' ? 

C. W. 

105. Ovidius und sein verhältniss zu den Vorgängern und 
gleichzeitigen dichtem, von Dr A. Zingerle, professor zu 
Innsbruck. Zweites heft: Ovidius, Ennius, Lucrez, Vergib 
Innsbruck. Wagner, 1871. XXII und 121 s. 

Wie das 1869 erschienene heft das verhältniss Ovids zu 
den römischen elegikern, so betrachtet dieses seine Stellung zu 
den dichtem des hexameters, epikern und didaktikern. Die 
nachahmung derselben in ganzen beschreibungen, einzelnen Sä- 
tzen, versanfängen und' versausgängen, im anklang von versthei- 
len und in einzelnen Wendungen ist von so massenhaftem und 
dadurch überzeugendem umfange bisher noch nicht zusammen- 
gestellt worden, und müssen wir dem vf. für seinen fleiss und 
für die aufklärung, die uns nun deutlicher als bisher über die- 
sen punkt der technik der römischen dichter gegeben ist, dank- 
bar sein. Denn nicht nur der geistvolle Ovid und mit ihm die 
andern dichter seines Jahrhunderts erscheinen nun als ausseror- 
dentlich häufige nachahmer oder als wiederholer ihrer eigenen 
Wendungen; sogar Ennius schon hat dem Naevius manches ent- 
lehnt und auch (vgl. p. 5 und 7, worauf der vf. nicht auf- 
merksam machte) sich selbst wiederholt *). In der begründung 
dieser thatsachen aber müssen wir Zingerle entschieden wider- 
sprechen. Er nimmt die in Köne's buche über die spräche der 
römischen epiker ausgeführte ansieht von der ungeeignetheit der 
römischen spräche für das daktylische metrum wieder auf, wo- 
durch die dichter genöthigt seien , an einer einmal gefundenen 
Wendung , in ermangelung einer bessern möglichkeit , fest zu 
halten. Auch die beabsichtigten (oft pikant genug angebrach- 
ten) reminiscenzen seien ursprünglich aus diesem gefühl der dürf- 
tigkeit hervorgegangen. Wäre diese grundfalsche ansieht rich- 
tig, so verdiente wahrlich die römische dichtung nicht, dass ein 
gebildeter heutigen tags sich nur im geringsten mit ihr befasste. 
Zum glück aber ist's anders, und zeigt uns gerade Ovid, wie 
unendlich mannigfaltige nuancirung ein gewandter dichter in 

1) Enn. v. 30, 162, 343; ferner v. 168, 404 sind auch hierher zu 
ziehen. 



200 105. Ovidius. Nr. 4. 

die spräche des römischen hexameter legen konnte. Weiter: 
wenn auch Ennius, dem die flüssigkeit der poetischen spräche au- 
sserordentlich viel verdankt, schon dem Naevius entlehnte (Cic. 
Brut. 19, 76), der noch in saturniern schrieb, so that er es 
doch nicht etwa, weil die für den hexameter richtige form durch 
Naevius gefunden war? Die Ursache ist vielmehr eine ganz andre. 
Von anfang an fand das alterthum im Homer unzählige selbst- 
wiederholungen, und zwar bei weitem nicht nur in den sg. ste- 
henden epischen versen, — was theilweise eben aus der ent- 
stehungsait der homerischen gedichte zu erklären ist; — und 
was das ideal der dichtkunst (o nnirjTv^) darbot, musste nach- 
ahmungswerth sein. Daher herrscht diese sitte weiter in der 
griechischen, besonders alexandrinischen poesie , und ebenso 
aus diesem Ursprung von anfang an in der römischen bis zu 
ihrem spätesten ausleben ; allmählich wurde die sache immer 
äusserlicher gefasst und es entstand die centouendichtung, deren 
frühesten repräsentanten, noch unter Augustus, man in der Ci- 
ris finden darf. 

Zingerle's buch beginnt mit den nachahmungen aus Ennius. 
Obgleich Ovid diesen als Urvater der dichtung ehrt (nicht: 
lobt; er nennt ihn „kunstlos"), hat er doch keine direkte nach- 
ahmung aus ihm, wird ihn auch wohl nicht viel studirt haben. 
Von den neun beispielen , in denen Zingerle directe nachah- 
mung findet, sind zwei durch Horaz vermittelt 2 ) (Met. 6, 597 
durch Herrn. I, 4, 61; A. a. I, 459 durch Serm. H, 2, 52), an- 
dre sind als nachahmungen unsicher (Enn. 37. 94. 264. 357), die 
letzten mögen durch verlorene dichter (Varro Atacinus oder 
ähnliche?) vermittelt sein. Interessante beispiele des weitgrei- 
fenden mittel- oder unmittelbaren einCusses, selbst in gering- 
fügigen einzelnheiten, von Ennius finden wir p. 7 ff. — P. 12 — 
47 finden wir die nachahmungen aus Lucrez zusammengestellt 
(hier ist jedenfalls direkte entlehnung anzunehmen), und zwar 
auch 1) in ganzen Situationen, 2) in gleichen versausgängen, 3) 
in anklingenden versen und verstheilen, 4) in gemeinsamen 
Wendungen. Lucr. 6, 515 (p. 23) ist übrigens vielleicht durch 

2) Auch p. 4 zu rumore secundo vgl. Horaz Epp. I, 10, 19 und 
Sucius (?) bei Macrob. 6, 1, 57 referant petita rumore secundo), wo 
schon die stellen, welche Zingerle anführt, L. Müller's Umstellung 
rumore petita secundo widerrathen, von dem an solcher stelle des he- 
xameter unschönen und seltenen amphibrachys ganz abgesehen. 



Nr. 4. 105. Ovidius. 201 

Vermittlung von Verg. Ecl. 8, 79 bei Ovid. Met. 3, 487 nach- 
geahmt 3 ). Zu Ov. Met. 4, 6 (p. 22) vgl. auch 9, 770. Ist 
Anth. Lat. 4, 72 aus Verg. 7, 390 oder aus Ovid Met. 4, 7 
oder aus beiden entlehnt? Desselben gedichts v. 100 ist auf 
p. 88 sowie Anth. Lat. 726, 18 auf p. 21 zu notiren. Ueberhaupt 
müsste nun dieselbe arbeit auch auf die spätem dichter ausge- 
dehnt werden: gewiss ergäbe sich im einzelnen manches auch 
literarhistorisch interessante. Dass selbst die textkritik dabei 
nicht ganz leer ausgeht (vorsieht ist natürlich geboten) zeigen 
die bemerkungen auf p. 86 f. heft III , p. 25. — Ganz be- 
sonders reichhaltig ist natürlich die Sammlung vergilischer nach- 
ahmungen p. 48 — 113. Käme jemand etwa auf den gedanken, 
alle solche stellen in einer ausgäbe des Ovid durch andern 
druck hervorzuheben, so würden dessen dichtungen stellenweise 
ein halbcentonenartiges aussehen erhalten! Ein neuer beweis, 
wie wenig, bei der eminenten formbegabung Ovids , die obige 
begründung Zingerle's die richtige sein kann. — Zu p. 76 : 
hier steht Ov. Met. 39 vario sermone levemus mit Verg. 8, 309 
varioque viam sermone levabat zusammen. Wenn nun auch Varro's 
Menippeen sowohl Endym. fg. 6 E. (wo schon ein citat aus Ennius 
vorkommt) sermone cenulam variamus, als besonders Pr. par. fg. 
1 itiner longum sermone levare bieten, so wird die vermuthung 
nicht gewagt erscheinen, dass dieselbe phrase sich schon bei 
Ennius fand und von ihm zu Varro und zu Vergil gelangte. 
Zu demselben resultat ennianischen Ursprungs wird man p. 
96 für moriemur inulti unter hinzufügung von Hör. Serm. II, 8 ? 
34 gelangen. So dürfte wohl durch vergleichung der ausdrucks- 
weisen gerade für Ennius noch mancher gewinn zu erlangen 
sein. Möge die dankenswerthe arbeit des vf.'s hierzu an- 
regen! Dass er der kürze halber manches ihm weniger wich- 
tig scheinende aus seinen Sammlungen unterdrückt hat, ist nicht 
zu billigen, da möglichste Vollständigkeit hier durchaus wün- 
schenswerth ist. Vielleicht findet er noch gelegenheit , diese 
nachtrage anderweitig — und hoffentlich wenigstens mit Zuzie- 
hung der kleineren sg. Vergiliana, die doch zum theil der zeit 
und auch den kreisen Vergils entstammen — zu veröffentlichen. 

3) Zum ersten heft ist nachzutragen: Catull 64, 132: 143; vgl. 
Ov. Fast. 3, 469; 471. 

A. R. 



202 106. Publilius Syrus. Nr. 4. 

106. Publilii Syri Senteutiae. Ad fidem codicum optimo- 
rum primum recensuit Eduardus Wölfflin. Accedit in- 
certi auctoris liber qui vulgo dicitur de moribus. 8. Lipsiae in 
aed. B. G. Teubneri 1869. — 1 thlr. 

Bereits 1853 bat der herausgeber seine Studien auf diesem 
gebiete mit der vergleichung der freisinger bandscbrift begon- 
nen, 1865 im Pbilologus seine bahnbrechende abhandlung „der 
mimograph Publilius Syrus" veröffentlicht, 1869 folgt auf grund 
sorgfältigster vorarbeiten endlich die ausgäbe des textes, die 
somit erwarten darf, als reife frucht einer lieblingsarbeit auf 
ungewöhnlich krautigem felde mit freuden begrüsst zu werden. 
In der erforschung des handschriftlichen materials ist Wölfflin seit 
1865 weiter vorgedrungen, wie die beurtheilung der handschriften 
in Proll.p. 15 verglichen mit Philol. XXII, p. 437 zeigt. Doch ver- 
misst man in diesem dankenswerthen abschnitt noch mancherlei; 
abgesehen von der doch nur sehr relativen Vollständigkeit, von 
der Wölfflin am besten wissen wird , dass sie der sache nicht 
schadet, fehlt es an dem versuch, die handschriften nacb an- 
dern gesichtspunkten zu ordnen, als nach dem umfang ihrer 
Überlieferungen, und verwöhnt wie man jetzt ist möchte man 
mindestens die erklärung haben , dass eine aufstellung ihrer 
Verwandtschaft bei dem chaos der traditionen eine kaum loh- 
nende arbeit sein würde. Besondere belehrung gewähren Pro- 
legg. cap. IV über die kriterien der ächtheit, c. V über die In- 
terpolationen, und c. VI über die emendation , wo eine reihe 
interessanter thatsacben zusammengestellt ist; gewiss wünschte 
mancher diese abschnitte auf kosten der früheren, in denen sich 
Wölfflin häufig mit einem citiren des Philologus hätte begnü- 
gen können, noch weiter ausgeführt und namentlich wäre eine 
aufstellung der aus den Sententiae selbst für deren emendation 
sich ergebenden gesetze, beispielsweise des 1 o gi sehen gegen- 
satzes dercorrespondirenden hauptbegriffe will- 
kommen gewesen. Von einem genaueren referat sehe ich ab 
und glaube dem berausgeber die beste anerkennung durch 
eingehen auf einige einzelheiten zu bezeugen. Proll. p. 11 
hätte wohl bei dem vs. Desunt inopiae die frage erörte- 
rung verdient , ob nicht ein derartiges citiren aus dem köpfe 
zur emendation zu brauchen ist, d. h. welche lesart unter den 
bereits im alterthum verbreiteten vom dichter selbst her- 



Nr. 4. 106. Publilius Syrus. 203 

rührt. Denn darauf kommt doch alles an. — P. 52 note 
und vs. 9 fehlt der nachweis, dass aspicere überhaupt bedeuten 
könne oculis custodire. Vgl. auch vs. 47. — P. 54 soll Tzschu- 
cke's conjektur valeat in vs. 348 nicht ins metrum gehen: aber 
dech wohl mit Maehly's Umstellung , s. vs. 375. — Vs. 50 
musste emori schon nach Bentleys und Ritschis vorgange ent- 
fernt werden. — Vs. 75 ist vielleicht zu schreiben: brevis 
summae ipsa est memoria iracundiae. — Vs. 90, wo mir die 
quantität oderunt praef. p. 56 bei der beschaffenheit der codd. 
keineswegs gesichert erscheint, steckt die corruptel in cives. Ich 
vermuthe, der vers heisst : Cuius mortem amici expectant , filius 
vitam oderat. — Vs. 110 (die verszahl ist im commentar ausge- 
fallen) ist der anfang stark verdorben. Vermuthlich hat der vers 
gelautet Consilium in dubiis inveniunt multi , docti se explicant. 
Vgl. vs. 593. — Vs. 137 wird durch vs. 542 nicht erklärt; 
ich dachte zuerst, dass in Dies vielleicht Danaus stecke — ver- 
derbungen durch nichtverstehen von eigennamen sind ja häufig, 
s. Bergk Arist. Xub. 282 u. a. — allein durch vergleichung von 
382 ita ludit dies und vs. 480 intellegere quid donet dies, ist es 
mir doch wahrscheinlich geworden, dass dies unverderbt ist und 
den zufall den der tag bringt, bedeutet. ■ — Vs. 151 
verlangt deest nothwendig superest anstatt superat, wie schon 
Bentley sah. — Vs. 152 ist für quid sis mindestens mit Bent- 
ley qui sis zu schreiben, sehr möglich aber bei der Unklarheit des 
gedankens , dass die corruptel weiter gegangen ist und qui seit 
da stand, wo dann auch expedit natürlich nicht richtig sein 
könnte. — Vs. 181 macht die vergleichung von vs. 39 nicht 
das eo der vulgata überflüssig, das daher auch Eibbeck mit recht 
beibehalten hat. — Vs. 187 wird man sich mit des Pithoeus 
otium wohl begnügen müssen, wie Wölfflin gethan hat. Der 
vers heisst dann : man erspart viel zeit und sorge, wenn man 
darauf verzichtet, die weiber zur vernunft bringen zu wollen. 
Oper am perdere et otium,, was nahe genug liegt, lässt sich 
wegen de3 unentbehrlichen desperare nicht herausbringen. — Vs. 
248 heisst es bei Ribbeck und Wölfflin : Invidia tacite sed ini- 
mice irascitur. Mancherlei unbefriedigende änderungen sind ver- 
sucht; der gedanke in der reeipirten lesart ist wo nicht gradezu 
unsinnig, doch gewiss nichts weniger als geistreich. Ich möchte 
glauben, dass irascitur eine verschreibung aus ira nascitur 



204 106. Publilius Syrus. Nr. 4. 

ist; dann ergiebt sieb, die schlagende gegenüberstellung invidia 
und ira. Durch inimicum an derselben stelle des folgenden ver- 
ses ist offenbar die richtige lesart verdrängt; erfordert wird ein 
gegensatz zu tacite; vermuthlich ist ilico oder manifeste zu schrei- 
ben. Wem diese änderung zu kühn scheint, der findet Proll. 
c. V interessante aufklärung. — Vs. 325 ist kein senar, die 
auch von Ribbeck beibehaltene vulgata ist nicht zu ändern ; 
vs. 347 ist des schlechten ictus wegen tarnen cogitat umzustel- 
len. — Vs. 348 und in ähnlichen fällen halte ich die ausfü'h- 
rungen p. 54 nicht für zwingend, das fragepronomeu, das Mähly 
hier richtig hergestellt, abzuweisen. So ist z. b. vs. 373 si 
scias quod nescias unmöglich und nur die wähl zwischen quid 
nescias oder quod nescis. — Vs. 380 ist opteritur wohl etwas 
gesucht. (NB. in der Orthographie sind gewisse neuerungen mit 
recht festgehalten; unliebsam ist auf derselben seite vs. 52 ac- 
commodas und vs. 57 adeommodat). — In den Provv. p. 90 
n 6 und 7 ist offenbar ein gleichmässiger bau, daher neges oder 
petes zu schreiben, wofür auch handschriftliche anhaltspunkte 
da sind, — Ib. p. 91 vs 17 ist ein hexameter; für Nulla pu- 
silla domus quae multos reeipit amicos ist reeepit mit weglassung 
von quae wiederherzustellen, vielleicht auch nidlos für multos 
zu setzen. — Vs. 412 ist für Meyers sehr gesuchtes facultas 
wohl Gruters felicitas mit Ribbeck beizubehalten. — Vs. 430 
ist nicht recht klar ; man erwartet wohl hier in morte mortali, cf. 
vs. 286. — P. 94 Pro v. 31 ist ein senar: Peccandi oportet odium 
non facias metum. 

Damit mag es genug sein. Die conjecturalkritik hat be- 
greiflich einen weiten Spielraum in versen, die bis zu ihrer fixi- 
rung als Sententiae im munde des volks vielfachen Wandlun- 
gen unterworfen waren und nachher die Schicksale der hand- 
schriften des Seneca u. s. w. zu theilen hatten. Dass sich der 
text von Wölfflin durch eine reihe eigener emendationen aus- 
zeichnen würde, war zu erwarten ; zu deu trefflichsten gehören 
z. b. vs. 24 und 230. Im allgemeinen hätte wohl Bentley noch 
öfter gefolgt werden sollen, wie vs. 44. 45. 54. 151 (wo auch 
Eibbeck die vulgate beibehält) 191 u. ö. Doch soll der Schwer- 
punkt dieser ausgäbe offenbar nicht sowohl in der gestaltung 
des textes im einzelnen, als in der unendlich schwierigeren er- 
forschung des wahren eigenthums des Publilius Syrus beruhen, 



Nr. 4. 107. Griechische antiquitäten. 205 

das sich incl. der Sententiae Turicenses nunmehr auf 639 verse 
149 zeilen prosaischer ausspräche beläuft, während Bentley nur 
273 ächte verse, Bothe dagegen deren 10'20 zählte. Eine wei- 
tere aufgäbe bleibt noch die herstellung eines comtnentars nach 
art von Ahrens' Theocrit mit angäbe der auctores und imi- 
tatores, der für dies gebiet unerlässlich ist und für den bereits 
mancherlei dankenswerthe vorarbeiten in dieser ausgäbe vorlie- 
gen. Mit Spannung erwarten wir die zweite aufläge der Co- 
mici latini, in denen Bibbeck sich die gründliche arbeit Wölff- 
lins zu nutze gemacht haben wird. Th. Fritzsche. 

107 Adolph Philippi, beitrage zu einer geschickte des 
attischen bürgerrechts. 8. Berlin 1870. 296 s. — 1 thlr. 20 gr. 

Der Verfasser dieses beachtenswerten buches, der in die- 
sem gebiet zuerst durch seine Untersuchungen über die authen- 
tie der unter JDemosthenes' namen gehenden rede gegen Zeno- 
thernis (Jahrb. f. Phil. 95, 577 ff.) vor die Öffentlichkeit getre- 
ten ist, sucht nachzuweisen, dass sogut wie im alten römischen 
staat ; auch in Athen eine reine geschlechterverfassung bestan- 
den, dass bis auf Sol o n jeder volibürger einem ges ch 1 ec hte 
{yitog) und nur dadurch der phratria, der phyle uud als bürger 
dem Staate angehört habe, dass durch Solon an stelle der 
gentilität die angehörigkeit an eine q-QazQta die bedingung der 
civität geworden und zu den altbüigern, den ytvvijtai oder 
OfioyäXaxreg, die neubürger, die ayytavki; hinzugekommen seien, 
dass endlich Kleisthenes das bürgerthum an die einordnung in den 
einen demos geknüpft habe, wodurch die geschlechterverbände 
zw r ar nicht aufgehoben , aber politisch bedeutungslos wurden, 
wogegen die einführung des neubiirgers in eine phratrie ais noth- 
wendig beibehalten ward. Durch diesen historischen process 
w r ard allmählich aus dem g e n t i lic i seh en Staate der vor- 
wiegend dem alterthum angehört, derauf corporativer grund- 
lage coustituierte, der an seine bürger nicht mehr die forderung 
adliger, sondern nur reiner bürgerlicher abkunft (xa&aQiäs oder 
fx dvolv 'ddr/iatar, bei theoretikern wie Aristot. Polit. III, 
2, p. 60 Bekker. auch e| ufsqfnsijwi nuXtiäv ytyovirui) stellt. 
Den nachweis für diese entwickelung giebt Philippi nament- 
lich in der einleitung (p. 1 — 27) und dem vierten und fünf- 
ten abschnitte des buches (p. 147 — 229j; ausserdem enthält 



206 107. Griechische antiquitäten. Nr. 4. 

das buch sorgfältig ausgeführte Untersuchungen über die Stel- 
lung der halbbürtigen (lo'flo/) zum attischen bürgerrechte und die 
wiederholt ergriffenen massregeln zur Säuberung des bürgerstan- 
des von unberechtigten eindringlingen (capitel 1 ; p. 31 — 65), 
über das das matrimonium iustum begründende connubium (ini- 
ycLI*ta) und die formen der eheschliessung bei den Athenern 
(capitel 2, p. 69 — 78), über die Stellung der unehelichen im 
eigentlichen sinne (auch diese heissen vd&oi) zum bürgerrechte 
(capitel 3, p. 81 — 143), endlich im 6. capitel (p. 233 — 296) 
die durch klarheit und präcise berichterstattung über den derma- 
ligen stand der frage besonders ausgezeichnete erörterung über 
die bildung des attischen gesammtstaates tavi o/xmuoV), die al- 
lerdings nicht in allen punkten mit dem plane des buches in 
engem zusammenhange steht. 

Die arbeit Philippi's ist ein muster von besonnener for- 
schung, massvoller polemik (namentlich in der frage über die 
Stellung der vö&oi und die epigamie gegen die hypothesen in 
van den Es' de jure familiarum apud Athenienses libri III t nicht 
selten auch gegen K. F. Hermann u. a.), umfassender benutzung 
der quellen, auch der Inschriften im C. I. und in Ross' Demen 
von Attika, und der hülfsmittel, von denen ihm nur einzelne 
monographieen entgangen zu sein scheinen; die durch die römi- 
sche geschlechterverfassung gebotenen parallelen sind , nament- 
lich auf grund der von Mommsen gefundenen ergebnisse, tref- 
fend zur vergleichung herbeigezogen , die rückschlüsse aus der 
historischen, sicher beglaubigten zeit auf die ältere minder oder 
gar nicht durch positive quellenangaben beleuchtete verlieren 
sich nicht in ein gewagtes conjecturiren, wenn schon, der uatur 
der erörterung gemäss, die acten noch nicht allenthalben ge- 
schlossen sind; der Verfasser hat in seinem bescheidenen Vor- 
wort diese prätension auch nicht erhoben, sondern seiner arbeit 
ausdrücklich den character einer weitere forschungen auzuregen 
bestimmten vindiciert. Bei der benutzung der quelleu hat Phi- 
lippi hier und da, so glaubt wenigstens referent , die behaup- 
tungen der redner im interesse ihres dienten (man gestatte 
der kürze wegen das wort), namentlich ihre invectiven gegen 
die gegner, zu schnell für baare münze genommen (vgl. beson- 
ders p. 119jj man weisss ja, dass das calumniari audacter, mit 



Nr. 4. 107. Griechische antiquitaten. 207 

seltenen ausnahmen, den Sprechern vor den geschwornen wenig 
gewissensscrupel machte. 

Referent giebt nachstehend einige nachtrage, resp. berich- 
tigungen zu dem reichen inhalte des buches. Bei der begriffs- 
bestimmung des bürgers nach Aristoteles (p. 4) fehlt das aus 
Polit. III, 13, p. 81 Bekker. zu entnehmende merkmal, der hin- 
weis auf die p flicht, sich der bestehenden Ordnung zu fü- 
gen (o [ieTt%(ap tov ctQ%eiv hui ag^sa&ai), P. 18 wird mit 
recht die politische theorie, dass die civität abhängig sei vom 
grundbesitz, zurückgeführt auf den ethischen fundamentalsatz, 
den Menander bei Stob. Floiil. 56, 5 ausspricht: uy 1 lai}v dgs- 
t7jg xflt/ ßtov SiduoxtiXng iXsv&sgov roig nuaiv an&goanoig uyoögi 
der ackerbau galt nicht bloss als der dixaioiuTog räv xorjua- 
TiGfJicöv (Plut. Philop. 4), sondern auch, im gegensatz zum 
handvverk und handel, als garantie für die Gmrpgooüvq und da- 
mit für conservative gesinnung im staatsieben, eine idee , die 
nicht bloss als theorem des Aristoteles (Polit. VII, 4, p. 182 
Bekker.), sondern als die volksthümliche aus den dichtem, Xe~ 
nophon u. a. hätte belegt werden hönnen. Schief ist der aus- 
druck p. 20, der bekannte antrag des Phormisios unter dem ar- 
chontat des Eukleides habe ,,aus dem grundbesitz bürgerloose 
machen wollen'' ; Dionysios iudic. de Lys. sagt: yvcopifv tUrjyijaaro 
irjv noÄirelav rolg ytjv eyovßi jiuquöolkh. — Bei der sorgfältigen 
Untersuchung über die ygo.qi\ &*iag p. 38 ff. findet sich nicht 
citiert die abhandlung von de Bruyn de Neve Moll, de peregri- 
norum apud Athenienses conditione (Dortrecht 1839), die p. 56 
ff. diese sowie ihre möglichen consequenzen sehr eingehend be- 
handelt. Dass die Säuberung der bürgerschaft unter Perikles 
nicht durch das mehrmalige verfahren der diayjijcpiaig , sondern 
durch yoacpal %eviag erfolgt sei, schliesst Philippi mit recht aus 
dem plutarchischen berichte (Perikl. 37J ; es wurden damals 
gegen 5000 noXliai naQfyyQajtroi ausgestossen und , nach 
Plutarch, en masse als sclaven verkauft; dass diese letztere an- 
gäbe ungenau ist, bemerkt vf. p. 35 f. ; nach seiner ansieht be- 
zieht sich das innä&ijaur bei Plutarch nur auf die, die bei dem 
Spruche der heliasten sich nicht beruhigten, sondern ,,appel- 
lierten". Aber eine ,,appellation" (i'qriötc) von der heliaea, 
die ja die höchste instanz bildete, war unmöglich ; Philippi hat 
an die appellation von dem spruch der demoten an das ge- 



20Ö 107. Griechische antiquitäten. Nr. 4. 

schwornengericht , wie sie bei der diapsephisis statthaft war, 
gedacht; wohl aber konnte der %uviag verurtbeilte die restitu« 
tions - oder nullitätsklage (avadixiu) anstellen, denn die yoaqrj 
^sviag war „qivadiitoQ" (de Bruyn, p. 67 f.); der verlust der 
persönlichen freiheit traf jedenfalls damals diejenigen, die nach 
dem verlust des bürgerrechts vergebens eine rescissio judicii an- 
gestrebt hatten. — P. 70 konnte als beleg dafür, dass die epi- 
gamie auswärtiger Staaten auch ohne gleichzeitige Verleihung 
der civität geschenkt werden konnte, auch das cyprische Sala- 
mis angeführt werden, welches unter Euagoras von den Athe- 
nern durch' das connubium ausgezeichnet war (Isokr. IX, 5ü). — 
Bei der besprechung der doxifAaaia f«V ardyug (p. 104) ist nicht 
angeführt die wenigstens in citaten sehr reiche dissertation von 
Heinrichs, de ephelia attica (Berlin. 1851), ob absichtlich (vgl. 
Vorwort p. v), steht dahin — Die p. 113 erwähnte Urkunde über 
die Verleihung des bärgerrechtes an die mörder des Phryniehos 
ist nicht von Ussing zuerst veröffentlicht, sondern, allerdings 
in drei stücken, von Pittakis (vgl. Westermann , de locis aliquot 
orat. att. intcrpolatione corruptis, Leipzig 1859, p. 9), recon- 
struiert von Velsen, dessen redaction Kirchhoff besprochen hat 
in den Abhandl. der berliner akad. der wissensch. 1861, juui- 
heft. — Wo Philippi die etymologie und Schreibung des Wortes 
CpQUToia (euphonisch q^argta) bespricht (p. 177), hätte die ge- 
wichtige autorität von Curtius (Grundzüge der griech. etym. 
272) doch nicht unerwähnt bleiben sollen bei dem nachweise, 
das (fQargia collectivbegriff" ist zu qroar//y, frater ^Hesych. tj>{H]T/]Q 
= a8e\q>6<i) die „brüderschal t". — Nicht befriedigend erscheint 
dem ref. die vermuthung, . der übliche ausdruck ti<; reflJ«; qp^u'rf- 
gag {eUdytd&ai und dgl.) sei nicht auf sämmtliche genossen 
der phratrie, sondern nur auf einen ausschuss, etwa einen „con- 
gress der näc h s tb et h ei 1 igten verwandten 1 ' zu beziehen. 
Bei der reeeption der söhne von neu bürgern in die phra- 
tria wenigstens lässt sich dies nicht füglich denken ; glaubwür- 
diger ist, da allerdings nicht wohl die ganze „brüderschaft" um 
jeder eiuführung willen sich vollständig versammeln konnte, 
dass jede phratria an den apaturien jedesmal durch einen ge- 
wählten ausschuss vertreten war, der eben die anmeldungen 
zur reeeption abstimmungsweise richtete (vergl. A. Mommsen, 
Heortologie p. 306, aum. l.J, worauf die eintragung der nameu 



Nr. 4. 107. Griechische antiquitäten. 209 

der recipierten in's qgazogtxov ygaptitureiov durch den cpgargCao- 
%og protokollmässig erfolgte (zu Lys. XXX, 2). — Bei der vor- 
trefflichen darstellung der Verknüpfung der demen - und nau- 
krarienverfassung durch Kleisthenes (p. 151 ff.) ist nicht ange- 
führt die abhandlung : Herodoti et Aristotelis de Nuvxgdgoig te- 
stimonia , in Hulleman's quaestiones graecae p. 19 ff. — Ein 
irrthum ist es, wenn p. 195 behauptet wird, die Verpflichtung 
zur blutrache habe schon Drakon beschränkt auf bestimmte 
Verwandtschaftsgrade (ßixQi apexpiaÖäv Demosth. XXXXVII, 72, 
ivrng apetytOTtjtog Demosth. XXXXIH, 57, vgl. Piaton Legg. IX, 
871 B), ohne dieselbe auf die gesammtheit der verwandten und 
phrateren auszudehnen ; Drakon hat im gegentheil ausser den 
consanguinei bis zu den vetterskindern auch die nächsten af- 
finitätsgrade und in dritter linie die phrateren gesetzlich ver- 
pflichtet, wie ein im j. 1843 in Athen aufgefundenes, früher von 
Pittakis und Rhangabe, neuerdings correcter von Köhler, Her- 
mes II, 1, 27 ff., edirtes fragment der dracontischen legislatur 
über qötog uxovaiog beweist; es heisst dort (Köhler a. a. o. 
p. 31) ganz bestimmt : ngoeiTtetv tw xttlvavri in uyogci ivzog 
avsxpiözqiog y.al upsipiov, ovtötcüxstv 8s xul dvsxpiovg y.al uvtxpiäv 
Ttuldug xai yuftßgovg xai nsv&sgnbg xai cpgu7ugag. 

Im letzten abschnitte entscheidet sich Philippi, nach licht- 
voller auseinandersetzung seiner gründe, für die ansieht, dass 
die vier sogenannten ionischen phylen nicht durch rangun- 
terschiede abgestufte berufskasten, sondern alle vier gleichbe- 
rechtigte adelsstämme gewesen seien, die nicht durch colonisa- 
tion so zu sagen importiert, sondern auf attischem boden er- 
wachsen und von da nach Milet und Kyzikos übertragen wor- 
den seien; in Attika hätten sie sich gebildet durch die Ver- 
schmelzung einer autochthonen und einer später zugewanderten 
bevölkerung, aus welcher letzteren namentlich die hopleten her- 
vorgegangen seien ; diese vier phylen hätten von haus aus für 
sich getrennt, in örtlich geschlossenen Wohnsitzen existirt ; sie 
seien theilkönigthümer gewesen, aus denen nach der tradition 
unter Theseus sich der gesammtstaat zusammensetzte; die in 
der historischen zeit vorkommende sacrale behörde der (fvlo^a- 
aiXttg sei so gut eine remiuiscenz an die fürsten der alten par- 
ticularkönigreiche wie der rex sacrificulus zu Rom und der ug%aov 
^uaiXti'g in Athen eine erinnerung an den monarchen des ge- 
Philol. Anz. IV. 14 



210 108. Römische antiquitaten. Nr. 4. 

sammtstaats (p. 246). Die Überlieferung über die dodekapo- 
lis, die in verschiedener fassung bei den lexicographen und bei 
Strabon vorliegt, habe nur problematischen werth (p. 269) und 
sei vermuthlich spätere combination, um die über die zahl der 
partikularstaaten schweigende stelle Thukyd. II, 15 zu ergän- 
zen. — P. 273 vermisst ref. die anführung der monographie von 
Müller, de primarum quatuor populi Athen, tribuum origine (Mar- 
burg 1849), in welcher p. 83 ebenso wie bei Schümann und 
Duncker die deutung der 'doyadeii; als ackerbauer (nicht hand- 
werker ; wie die Interpretation durch Squmvoyo'i bei Plut. Solon 
23. Strabon VIII, p. 383 erklärt) vertreten wird. 

Druckfehler sind dem ref. nicht aufgefallen ; ein versehen 
ist es, wenn p. 61 f. das archontat des Eukleides identificiert 
wird mit dem j. 404 /3 v. Chr.-, es muss 403 /2 heissen. Ein 
missverständniss sucht p. 72 in der phrase ?fpjj ovds u?i%arri 
oi>8?fjtä einen sinn, der den begriff der worte Ttpt] und fttj/air] 
urgiert; sie bedeutet doch nur: „in keinem falle, unter allen 
umständen nicht" (zu Lys. XIII, 95). Die deutung der stelle 
Lys. XXX, 2 auf p. 123 macht nicht deutlich genug, in wie- 
fern dem Nikomachos der Vorwurf der erschleichung des bür- 
gerrechtes gemacht werden konnte; ref. hofft in seiner bemer- 
kung zu der stelle, (wo statt Demosth. XXXXVI, zu lesen ist 
XXXXIV, 41) den richtigen gesichtspunkt angedeutet zu ha- 
ben. Endlich war p. 133, aum. 137 als officieller ausdruck für 
die erwerbung von grundbesitz neben p^ xal oixiat; syxrijöig 
noch anzuführen der in bürgerrechts - verleihungsdecreten vor- 
kommende terminus: yriniftmv eyxzqaig. 

Hermann Frohherger. 

108. Handbuch der römischen alterthümer von Joachim 
Marquardt und Theodor Mommsen. Erster band: römi- 
sches Staatsrecht von T h. Mommsen. I. Leipzig. Verlag von 
S. Hirzel. 1871. 8. XVIII und 527 s. — 3 thlr. 

Ein vierteljahrhundert hindurch ist das Becker- Marquardt- 
sche bandbuch der römischen alterthümer ein unentbehrliches 
und vorzügliches hülfsmittel bei den Studien, welche sich 
dem leben des römischen volkes zuwandten , gewesen , ein ge- 
wissenhafter rathgeber und treuer Wegweiser auf der ruinen- 
stätte, der mit seiner fackel überall herum- und hineinleuchtete, 



Nr. 4. 108. Römische antiquitäten. 211 

mit aufmerksamkeit und Sorgfalt auch die kleinsten fragmente 
sammelte und das gebäude des römischen Staatslebens, in seinen 
einzelnen theilen so weit als möglich hergestellt , in den ver- 
schiedenen hauptepochen seiner erscheinung zur anschauung zu 
bringen versuchte. Doch schon seit längerer zeit machte sich 
das bedürfniss einer neuen aufläge der ersten bände des Wer- 
kes geltend, äusserlich, weil sie nur noch im antiquarischen 
buchhandel zu haben waren, innerlich, weil das material inzwi- 
schen vielfach bereichert und dadurch hie und da die gesichts- 
und ausgangspunkte bei der behandlung verändert waren, weil 
mit einem worte das ganze einer vervollständigenden, theilweise 
berichtigenden Umarbeitung bedurfte. — Der erste band des 
Beckerschen handbuchs (die topographie der Stadt Rom) ist in 
den kreis des neuen Unternehmens nicht hineingezogen worden; 
er wird durch den ersten band von H. Jordan's buch ersetzt 
werden. Dagegen ist nun eine neue bearbeitung^ der bände 
II bis IV des Becker -Marquardtschen handbuchs durch J. 
Marquardt und Th. Mommsen in angriff genommen, von wel- 
cher der erste theil des römischen Staatsrechtes vorliegt. — 
Vor allem dürfen wir wohl dem „zunächst zu dieser arbeit be- 
rufenen, dem Vollender des Beckerschen handbuchs" aufrichtigen 
dank dafür aussprechen, dass derselbe — und wäre es auch 
nur, um die Vollendung des buches zu beschleunigen, „denn 
handbücher sind nun einmal bestimmt noch kürzer zu dauern 
als andere gelehrte arbeiten " — mühe und rubmeslohn der 
so umfangreichen wie anstrengenden arbeit nicht für sich allein 
genommen hat und wir es „seinem eigenen wünsche" zu ver- 
danken haben, dass Th. Mommsen eine „vor vielen jähren mit 
leichterem sinn gegebene zusage die neue bearbeitung des zwei- 
ten bandes des Beckerschen handbuchs, wenn sie einmal nöthig 
werden sollte, zu übernehmen" jetzt zu lösen veranlasst wor- 
den ist. — Wir erhalten dadurch endlich von des Verfassers 
System der römischen Verfassung ein vollständig nach allen Sei- 
ten ausgeführtes bild. Waren auch die grundzüge desselben 
durch seine „römische geschichte" längst bekannt und einige 
haupt- und kernfragen theils in den „römischen forschungen", 
theils in der „rechtsfrage zwischen Cäsar und dem Senat" und 
dem „stadtrechte von Malaca und Salpensa", manches andere 
in zahlreichen abhandlungen und gelegentlichen bemerkungen 

14* 



212 108. Römische antiquitäten. Nr. 4. 

an den verschiedensten orten und zu den verschiedensten Zei- 
ten entwickelt und zu einem vorläufigen abschluss gebracht, so 
blieb es doch überaus schwierig, immer und überall die einwir- 
kung veränderter anschauung im einzelnen auf die Verhältnisse 
des ganzen sich zu vergegenwärtigen und von der errichtung 
des römischen Staatsgebäudes , wie es im geiste des verf. sich 
gestaltet hatte, ein einheitliches bild zu gewinnen, während unab- 
lässig der ausbau in den einzelnen theilen gefördert und hie 
und da ein umbau im innern nöthig wurde. Solch ein grosses 
einheitliches bild wird vor uns liegen, wenn die drei bände von 
Mommsens „römischem Staatsrecht", auf welche die Umarbei- 
tung von Beckers zweitem bände berechnet ist, nach der ver- 
heissung der Verlagshandlung in nicht langer zeit vollendet sein 
werden. Wir können uns nur freuen, dass der vf. seinem wün- 
sche „die schwierige arbeit noch länger zurückzuhalten, insbe- 
sondere um die vorhandene literatur vollständiger dafür auszu- 
nutzen", im interesse der beschleunigung der herausgäbe nicht 
nachgegeben hat. Einmal musste doch ein strich gezogen wer- 
den. Und je eher dies jetzt geschieht, desto besser für alle 
diejenigen, deren Unterstützung und mitarbeit bei seinem bau 
der meister nicht verschmäht. Denn nun erst werden, von 
ihm selbst bezeichnet, die weiterer forschung oder genauerer Un- 
tersuchung bedürftigen theile nach umfang und Wichtigkeit deut- 
lich zu tage treten und von den „vielen geschäftigen leuten, 
welche auf dem antiquarischen bauplatze bloss die balken und 
ziegel durcheinanderwerfen, aber weder das baumaterial zu ver- 
mehren noch zu bauen verstehen", doch einer und der andere 
sich noch zu nützlichen arbeitern heranzubilden in den stand 
gesetzt werden. Und dies wird um so eher sich erfüllen kön- 
nen, als die anläge des buches sich in einem sehr wesentlichen 
stücke von der des früheren unterscheidet: es wird uns — um 
in dem bilde zu bleiben — vor dem aufriss des gebäudes der 
grundriss gezeichnet. 

Der vorliegende erste band enthält die darlegung der recht- 
lichen grundanschaunngen und grundbedingungen in ihrer all- 
gemeiuheit und ihrem innern zusammenhange , denen sich die 
faktisch und äusserlich in den verschiedeneu magistraten des 
römischen Staates in die erscheinung tretenden speciellen gestal- 
tungen unterordnen. Erst durch eine solche darstellung gelangt 



Nr. 4. 108. Römische antiquitäten. 213 

die locale und faktische Zusammengehörigkeit der erscheinungen 
zu einer begrifflichen einigung, und in dieser anordnung finde ich 
einen hauptvorzug der neuen bearbeitung. — Auch darin kann 
man dem vf. beistimmen, dass durch das aufgeben der sonderung 
nach historischen entwicklungsepochen als des obersten einthei- 
lungsprincipes die Orientierung erleichtert wird. — Was im 
übrigen das verhältniss des inhalts zu dem des Beckerseben 
handbuchs betrifft, so sagt der verf. in der vorrede, dass „des- 
sen gesammter lehrstoff, so weit sich dies mit dem arbeitsplan 
irgend vertrug, auf dies handbuch übernommen worden sei 
und über dasjenige, worüber bei Becker belehrung zu finden 
war, man sie hier nicht vermissen werde". Nun, so weit sich 
darüber aus dem vorliegenden bände ein urtheil abgeben lässt, 
wird diese zusage nicht nur in vollem masse erfüllt , sondern 
ein reichliches mehr, namentlich auch an detail , geliefert wer- 
den ; den 1171 seiten (zu 37 zeilen) des Beckerschen bandes 
II, 1 — 3 werden circa 1500 Seiten (zu 39 zeilen) entsprechen; 
bei der bekannten conciesen darstellungsart des verf. beweist 
dies zahlenverhältniss zur genüge. 

Ein näheres eingehen auf den inhalt des vorliegenden ban- 
des in diesen blättern wird niemand erwarten. Von besonde- 
rem interesse erscheinen mir die ausführungen über die maior 
und par potestas, über das coercitions- und intercessionsrecht, die 
schärfere Scheidung der patricischen und plebejischen magistratu- 
ren, die wesentlich berichtigte lehre von der intervallierung der äm- 
ter. — Dass es, abgesehen von dem streit über prineipienfragen, 
an anfechtungen und manchen bedenken gegen einzelne ausführun- 
gen und vermuthungen nicht fehlen wird , dürfte den verf. we- 
der überraschen noch beunruhigen; jedenfalls wird zur sicheren 
begründung und durchführung solcher einwände erst das er- 
scheinen der folgenden bände abzuwarten sein. — Nur ein, 
wie mir scheint , guter alter brauch wird wohl nicht von mir 
allein in dem buche vermisst werden; es ist das vor den haupt- 
abschnitten die Zusammenstellung der bedeutenderen darüber 
handelnden literatur, namentlich der älteren, wo möglich mit 
einer kritischen notiz. Für ein handbuch halte ich einen der- 
artigen nachweis für eine unerlässliche zugäbe; es ist jedoch 
vielleicht eben nur für diesen ersten band wegen seines allge- 
meineren inhaltes davon abstand genommen worden. 



214 109. Vergleichende grammatik. Nr. 4. 

Es wäre unbillig in einem werke mit einer solchen Un- 
zahl von citaten einen ganz fehlerfreien druck zu verlangen; 
mir sind, bei genauerer vergleichung einiger partieen , verhält- 
nissmassig nur wenige einer berichtigung bedürftige stellen auf- 
gefallen. Z. b. p. 243 z. 10 unt. F. Hofmanns programm ist 
1851 (nicht 1861) erschienen; — p. 377 anm. 1 muss auf 
p. 376 anm. 4. 5 (nicht, 6) 7 zurückgewiesen werden; — p. 
448 anm. 1 lies L. (statt C.) Fulvius Aemilianus; — p. 457 anm. 
1 gehören die worte „gilt davon das" an den anfang der nächst 
vorhergehenden zeile; — p. 473 anm. 2 lies cos 108 (statt 
109) im 33. (statt 34.) lebensjahre; — p. 475 anm. 3. Tibe- 
rius war am 16. (nicht 15.) november 712 geboren. — Nicht 
ohne Verwunderung aber bemerkt man bei der her Übernahme 
der amts - und standesbenenuungen auf atus in betreff des gram- 
matischen geschlechts ein fortwährendes schwanken. Es ist füg- 
lich ziemlich gleichgültig, ob man im deutschen an stelle des 
altgewohnten neutrums das richtigere masculinum gebrauchen 
will; aber: entweder — oder! Denn z. b. p. 455 im texte 2mal 
(z. 5. 18) „den volkstribunat" und in der anmerkung zu der 
letzten stelle gleich in der ersten zeile „das tribunat" zu le- 
sen (vergl. p. 437 p. 20 mit 29), beleidigt auch ein minder 
feines ohr. Auf den pp. 107 bis 458 habe ich bei nur flüchti- 
ger durchsieht 16mal „das oder sein (accus.) consulat", 
keinmal das masculinum gefunden, — 8tnal „das", 24mal 
„der tribunat", — einmal „das", 6mal „der vigintivirat, — 
eiumal „das", 4mal „der patriciat"! Wenn danach es scheint, 
dass der verf. dem masculinum im deutschen den Vorzug gibt, 
so war es sache, mein' ich, des correctors bei der durchsieht der 
probebogen die leidige inconsequenz zu beseitigen. 

St. 

109. räXa [räla-ATo^] Lac (Lactis) der graecoitalische name 
der milch. Ein monographischer beitrag zur ältesten empfin- 
dungsgeschichte der indogermanischen Völker. Von dl Her- 
mann Brunnhofer. Aarau 1871. 44 s. 8. 

Bekanntlich gehören ynla und lac zu den Wörtern, die 
seit begründung der wissenschaftlichen etymologie den Scharfsinn 
der meister und jünger derselben mehrfach beschäftigt, und be- 
reits eine ausführlichere monographische behandlung (Hugo We- 



Nr. 4. 109. Vergleichende grammatik. 215 

bers Etymologische Untersuchungen I. Halle 1861) erfahren ha- 
ben. Der verf. beginnt daher mit der besprechung und Zurück- 
weisung seiner Vorgänger. Die deutung Potts, Benfey's und 
Leo Meyer's aus wz. marg = melken wird gewiss mit recht ent- 
schieden verworfen; auch Bopps (A. Webers, Max Müllers) er- 
klärung, wonach yülaxr aus yu = skr. gäus, kuh und Xaxz = 
lad (= dukta oder rahta oder ragas) zusammengesetzt sei, wird 
wegen der unerklärbaren gestalt des ersten theils als verfehlt 
betrachtet werden müssen; wiewohl der einwand Bruunhofers 
p. 6, ydXaxz könne schon darum nicht ,,kukmilch" bedeuten, 
weil es die animalische milch überhaupt, ja den pflanzensaft be- 
zeichne, nicht stichhaltig ist. Denn es ist keine seltene er- 
scheinung, dass der Ursprung des ersten theils einer Zusammen- 
setzung aufhört empfunden zu werden und das wort eine all- 
gemeinere bedeutung erhält: so im skr. go - pä kuhhirt, hirt: 
go-juga rinderpaar, aber ushtra-go-juga ein paar kameele, go-shta 
kuhstall , aber agva-go-shta pferdestall u. a. bei Benfey Vollst, 
skrtgr. 233, Innoi ßov -xoXeqvto Hom. T221, Inno-ßov-xoloi Eurip. 
Phoen. 28, ßov-Ovrsi vv Ar. Plut. 819, mo-toxsl nuxoa Ösid^ea 
Emped. 286, vinrag i-epvo-%6ei z/ 3, yigovTa natb-aycoy^Gm Eur. 
Bacch. 193, tojV oxt'Xeai %hqo-vouuv Herodt. VI, 129, oixo-do- 
fi£?i> nvQapida Herodt. VIII, 71, aeclificare naves u. a. Die be- 
zeichnung des pflanzensaftes als milch ist überdies im indischen 
wie im griechischen spät und jedenfalls durfte der verf. aus 
dieser jedem volke sehr nahe liegenden Übertragung eine der- 
artige Verwendung des wortes in der indogermanischen Ursprache 
nicht erschliessen. Wenig schlagend erscheint die Widerlegung 
der ansieht H. Weber's, der eine wz. gal = glänzen augesetzt hatte 
mit Zustimmung von Curtius Gr. Et. 3 p. 164. Denn wenn auch 
Brunnhofer mit recht sich gegen das alles mögliche und unmögliche 
in glänz und Schimmer auflösende etymologisieren Webers wendet, 
so ist doch eine benennung grade der milch von ihrer hellen färbe 
sehr wohl denkbar, wie schon Schweizerin Kuhn's Ztsch. XVI, 130 
beiläufig bemerkt hat, und widerspricht keineswegs dem naiven 
naturleben jener urzeit, da ja naturmenschen und naturvölker be- 
kannter massen eine kindliche freude an allem hellen und glän- 
zenden haben und die Indogermanen insbesondere in folge der 
temperaturverhältnisse ihrer Urheimat allen grund hatten des 
lichten und leuchtenden froh zu sein , wie sie denn auch im 



216 109. Vergleichende grammatik. Nr. 4. 

allgemeinen licht und gutes, finsterniss und böses identifizierten 
und die zahlreichen wurzeln mit der grundbedeutung des glän- 
zens, hellseins reiche sprossen in allen töchtersprachen getrieben 
haben. Brunnhofer selbst setzt ydla = skr. gala-rn ursprünglich 
gala-m wasser , wovon auch ydlax-eg = skr. galaha muschel, 
und führt beides zurück auf wz. gal: gar essen, trinken, wo- 
von skr. gara trank, ydgog, yär>ov brühe u. a. Eine herleitung 
von ydXa aus einer wz., die „trinken" bedeutet, ist an und für 
sich recht ansprechend, wenn man die milchnamen skr. pajas 
n. von pä pT, dadhi und dhenä v. dhe trinken vergleicht (die ab- 
leitung von Jcshira von wz. ghas essen ist zu wenig sicher, um 
sich darauf zu berufen, vgl. Bß. II, 557 Justi Zendspr. p. 23); 
wohl aber ist die gleichsetzung von ydla. und skr. g'alam unmög- 
lich, da einem altindischen galam einzig ydXov entsprechen 
kann. Die von Brunnhofer p. 14 f. angeführten angeblichen ana- 
logieen sind, abgesehen von der theilweisen Unsicherheit ihrer 
erklärung, schon darum ohne beweiskraft, weil sie ganz andern 
gebieten der Wortbildung entnommen sind, und die Ebelsche er- 
klärung (Kuhn Z. V, 65) des ersten theiles von da- ntdov aus skr. 
dam haus wird eben dadurch noch verdächtiger, abgesehen von 
der nichtberücksichtigung von £dns8ov (Ahrens Aeol. Dial. 46. 
Curtius Gr. 2 Et. 548). Die vermeintliche ursprüngliche form yd- 
Xav im heutigen trapezuntischen dialekt erklärt sich einfach aus 
Mullach Gr. vulgspr. 163. Es ist ydXaxz nun nach Brunnhofer aus 
ydla durch zwei diminutivsuffixe erweitert, die dem ganzen die 
bedeutung, der - „liebe, liebe trank" geben sollen. Dagegen 
spricht ungefähr alles. Liebkosende diminutivbildungen sind 
durchaus nur ausdruck einer momentanen Stimmung und für 
den augenblicklichen gebrauch von der volks- oder dichterspra- 
che geschaffen; undenkbar aber ist es und ohne jede analogie, 
dass ein volk bei dem recht ernsten geschäft der benennung 
eines seiner hauptexistenzmittel in so liebenswürdig kindlicher 
weise verfahren wäre. Ferner stützt Brunnhofer sein diminutives 
t 7i einzig auf die sehr zweifelhafte erklärung von vtjnvttog Cur- 
tius Gr. 3 451, denn yaldtiov erklärt richtig Schwabe de di- 
min. p. 53. „Weniger selten, fährt Brunnhofer fort, begegnet 
to ; Curtius erblickt es p. 6 in rvvvov-zo-g". Die logik dieses 
eatzes richtet sich von selbst. Ebenso wenig kann der verf. 
eine Verbindung dieses t mit dem diminutiven xo nachweisen ; 



Nr. 4. Neue auflagen u.s.w. 110 — 117. — Bibliographie. 217 

und schliesslich wäre die abstumpfung beider zu xr selbst für 
die graecoitalische periode schwer möglich. Die erklärung Brunn- 
hofer's ist also, so scharfsinnig sie sein mag, entschieden ver- 
fehlt; weit einfacher kann man aber die verschiedenen formen 
des wortes mit yaX trinken auf die nämliche weise vereinigen, 
wie es Curtius a. a. o. mit yäl glänzen macht. Zu derselben 
wz. gal stellt Brunnhofer auch ßdXavog glano (die essbare frucht, 
nicht unwahrscheinlich, wenn auch die beweissteilen aus den 
Schilderungen des goldnen Zeitalters bei späten dichtem nicht 
bindend sind, doch vgl. yrjyög von cpay , axvXog von skr. ag 
essen) gut-tur = gul-tur, vultur der „fresser" (ginge also mit 
guttur auf eine grundform gvultur zurück, daher besser mit Cors- 
sen Ausspr. II 2 157 zu var zerreissen), vultus die „fresse" (! der 
Sprachgebrauch spricht für eine der bisherigen deutungen s. Auf- 
recht KZ. I, 154. Corssen Ausspr. II 2 157. Fick Wtb. 2 397), 
yavXog milchnapf = yavXog schiff, ydXomg ydXcog glas (grdf. ga- 
lavas, für die deutung „milchschwester'', „die mit (derselben) 
milch begabte" fehlt grade der eingeklammerte hauptbegriff, vgl. 
u-dtXcpeog, a-yäXaxrsg u. a.). 

NEUE AUFLAGEN. 110. Homer's Iliade erklärt von 
J. U. Fähsi. 2. bd. 5. aufl., besorgt von F. R. Franke. 
8. Berlin, Weidmann; 15 ngr. — 111. Schwegler römi- 
sche geschichte. 3, bd. 2. aufl. 8. Tübingen. Laupp; 2 thlr. 
— 112. J. M. v. Mauch, die architektonischen Ordnungen 
der Griechen und Römer. 6. aufl. besorgt von L. Loh de. 1. 
heft. 4 imp. Berlin. Ernst und Korn; 4 thlr. 25 ngr. 

NEUE SCHULBUECHER. 113. Bell er mann griechi- 
sche schulgrammatik nebst lesebuch. 1. thl. Grammatik. 3. 
aufl. 8. Leipzig. Felix; 1 thlr. — . 114. Freund Schüler- 
bibliothek. 1. abth. Präparation zu Horaz' werken. 2. aufl. 
2. heft. 16. Leipzig. Violet; 5 ngr. — 115. Wörterverzeich- 
niss zu "Weller's lateinischem lesebuch aus Livius. 3. aufl. 8. 
Hildburghausen. Kesselring; 5 ngr. — 116. E. Dettmer, 
Vocabularium und Übungsbuch für den griechischen elementar- 
unterricht. 5. aufl. 8. Braunschweig. Bruhn ; 12 ngr. — 117. 
G. Weller, lateinisches lesebuch aus Herodot. 12. aufl. 8. 
Hildburghausen. Kesselring; 10 gr. 

BIBLIOGRAPHIE. Verlagsbericht für 1872 von F. A. 

Brockhaus in Leipzig; enthält wenig eigentlich philologisches. 

Verzeichniss im preise ermässigter werke aus dem verlage 



218 Bibliographie m\ 118 — 137. Nr. 4. 

von W. Weber in Berlin: es sind bücher von Böckh, Bonitz, 
Christ, Mützell,Dirksen, Engel, Meineke, Vater, Villoison darunter. 

Versendet ist ein prospect von der Sammlung gemeinver- 
ständlicher wissenschaftlicher vortrage, herausgegeben von J. 
Virchow und Fr. v. Ho 1 tz e n d or ff : die ersten sechs Se- 
rien umfassen nr. 1 — 144; aus dem von der Vllten Serie an- 
gekündigtem erwähnen wir hier: B. Stosch, aus dem reiche 
des Tantalos und Krösus, eine reisestudie; Dr W. Masing 
über das tragische: Dr Abel, der begriff der liebe in alten 
und neuern sprachen. 

Preisherabsetzung werthvoller philologischer werke zeigt 
Mauke' s verlag in Jena an: darunter die ausgaben des He- 
sychius von M. Schmidt, Eichstädt's Opuscula oratoria, 
Weissenborn' s Hellen u. s. w. 

Wichtigere werke der ausländischen literatur: 118. F. Ravais- 
sou la Venus de Milo. (68 pp. 8 s. u. 3 pl.) Paris; 119. Scip. 
Maffei della antiche epigrafi Veronesi in volgare; frammenta 
dal autografo nella capitolare biblioteca di Verona (IV. 4 pp. 
4) Verona; 120. H. Rezi, essay sur le droit prive* athenien. 66 
pp. 8. Toulouse; 121. P. V idal- Lablache, commentatio 
de titulis funebribus graecis in Asia minore (100 pp. 8.) Paris; 
122. desselben Hdrode Atticus, dtude critique sur la vie cett. 
(188 pp. 8.), Paris; 123. V. Duruy, bistoire des Romains de- 
puis les temps les plus recules jusqu'a la fin du regne des An- 
tonios. T. 3 (HI. 571 pp. 8.), Paris; 7 fr. 50 c. (der vierte 
band fehlt nocb>, 124. E. G erm er- Dur and, decouvertes ar- 
cb^ologiques faites ä Nimes et dans le G-ard pendant l'anne'e 
1869 (84p. 8.), Nimes; 125. H. Martin, etudes d'arche'olo- 
gie celtique. Notes de voyages dans les pays celtiques et 
scandinaves (IV, 480 p. 8.1, Paris; 126. B. G. de Lagrece, 
Pomp&, les catacombes, l'Alhambra, etude k l'aide des monu- 
ments de la vie pai'enne ä son declin, de la vie chretienne a, 
son aurore, de la vie musulmane ä son apogee. Ouvrage illustre 
de 95 grav. dessinees par Eacinat. Retard cett. (496 pp. 8.) 
Paris; 127. J. C. Moffat a comparative history of religions. 
Part. I. Ancient scriptures (250 p. 12), London; 128. G. Long, 
the decline of the roman empire. Vol. 4 (160 p. 4), 75. bd.; 
129. Le Bas et Wad d ingt o n voyage archeologique en Grece 
et en Asie mineure, fait par ordre du gouvernement francais 
pendant les anneSes 1843 et 44. Livr. 75. 76. 77 (p. 649- 
744), Paris; 130. La Colonne Trajane d'apres le surmoulage 
exe'cute ä Rome en 1861 — 62, reproduite en Photographie par 
G. Arosa. 220 pl. imprimees en couleur, avec texte orn6 de 
nombreuses vignettes, par W. Fro ebner. Liv. 7 — 12 (4 p. 
fol. et 11 pl.), Paris, 30 fr.; 131. P. A. Curti Pompei et le 
sue vovine. Vol. I. (XVI, 302 p. 16. con incisioni), Milano; 
132. A. Matsch eg Cesare ed il suo tempo. Vol. III (234 p. 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 219 

8.), Venezia; 133. L. Becq de Fouquieres, Aspasie de 
Milet. Etüde historique et morale (Vlll. 376 p. 8.), Paris, 
3 fr. 50 c; 134. W. Froehner, les Musees de France, recueil 
de monuments antiques (glyptique, pointure, ceramique, verre- 
rie, orfevrerie). Keproductions en Chromolithographie, eaux-for- 
tes, gravures sur bois, phototypographies cett. Liv. 1. 2. (16 p. 
fol. et 8 pl.), Paris; 135. J. Crametz, etude sur le divorce 
romain et la Separation de corps , suivie d'un essay contre le 
rätablissement du divorce (216 p. 8.), Abbeville; 136. Du 
Mesnil- Marig ny histoire de Feconomie politique des anciens 
peuples de Finde, de FEgypte, de la Grece. 2 voll. (937 p. 
8.), Paris; 137. Biographie universelle (Michaud) ancienne et 
moderne. T. 9. (638 p. 8.), Paris; 8 fr. 50 c. (Aus 
Zarncke's Lit. C e ntr albl a tt). 

Cataloge der antiquare: Sam. E. Taussig in Prag, Anti- 
quarisches verzeichniss nr. 7: Ernst Wagner in Augsburg, 
antiquarischer anzeiger, nr. 14. 

Catalogue du magasin de livres anciens et modernes de 
E. Gr. B rill, libraire- editeur, imprimeur de Funiversite ä Leyde. 
Vol. III, Auteurs grecs et latins, philologie, archeologie cett. 

Bücher -emotionen: zu Bonn bei M. Lempertz am 2. mai, 
verzeichniss der von den hh. Dr Passow zu Lingen, Dr F. Köh- 
ler in Marburg, pfarrer Jonas in Emden nachgelassenen biblio- 
theken ; zu Halle a. d. S. bei J. F. Lippert und M. Nie- 
meyer am 13. mai, verzeichniss der von Dr Wiegand, GR. 
Winkler, pastor Jacobi nachgelassenen bibliotheken. 

KLEINE PHILOLOGISCHE ZEITUNG. Der oberst von 
Cohausen hat bei dem dorfe Nieder-Ockstadt (provinz Hessen- 
Nassau) spuren eines römischen Castells gefunden. Die 
auffindung ist insofern von werth, als durch dieselbe eine bis- 
her bestandene liieke in dem römischen befestigungsnetze jener 
gegend ergänzt wird. Es werden in nächster zeit sorgfältige 
nachgrabungen vorgenommen werden. 

A utoren em pf i nd lichkeit] 1870 erschien im Hahn- 
schen verlage zu Leipzig die „griechische schulgrammatik für 
alle klassen, auch zum Selbstunterricht, von Dr. B. Suhle, 1. 
th. formenl gr. 8, VIII und 53 ss. 1 /3 thlr. Vor diesem buch 
ist bereits im Anzeiger III, p. 287 gelegentlich wegen ungründ- 
lichkeit der documentirten kenntnisse gewarnt. Jetzt scheint es 
das interesse des philologischen oder doch des lehrerpublicums 
in anderer weise herausfordern zu wollen — eiue sturmfluth 
ungezogener antworten des verf. auf ihm unliebsame kritiken 
sind erschienen , insbesondere gegen die ganz unverfängliche 
besprechung des Dr Kohl im 11. heft der Jahrb. f. philol. und 
päd. Suhle hat nicht bloss zwei flugschriften mit den klassi- 
schen titeln : „Anti-Kohl, nachweisung wundersamer aber zweck- 



220 Kleine philologische zeitung. Nr. 4. 

massiger angriffsmittel gegen eine neue griechische schulgram- 
matik, die man nicht todtschweigen kann" und „Anti-Kohl, - 2. 
theil, der unfehlbare recensent" in die weit geschickt, sondern 
es haben sich ihm auch die für besseres zu nutzenden Jahrbb. 
d. philol. und päd. im 1. hefte d. j. zu „einem letzten wort 
gegen Dr Kohl's polemik" aufgethan. Wenn sich ein durch werth- 
volle ausgaben des Thukydides, Xenophon, Arrian u. s. w. be- 
rühmter Verfasser einer ausgezeichneten grammatik nicht beru- 
higen konnte über die von Herold , Bäumlein und namentlich 
Curtius drohende concurrenz und zu auslassungen seine Zuflucht 
nahm, deren gallige natur aus krankhafter Verbitterung stammte, 
oder wenn nicht minder bekannte lexicographen sich in die 
haare geriethen, weil es dem sonst trefflichen altern herrn nicht 
mehr recht begreiflich werden wollte, dass die Wissenschaft keine 
privatdomäne kennt — so war es immerhin zu bedauern, dass 
so bedeutende männer ein kleinliches Schauspiel gaben ; aber sie 
hatten durch ihre Verdienste um die Wissenschaft ein recht, das 
gelehrte publicum zum Schiedsrichter ihres zwistes aufzurufen. 
Wo aber ein solches verdienst durchaus fehlt, sollte man nicht 
durch Zänkerei eine bedeutung prätendiren wollen, die nur durch 
reelle leistungen erworben werden kann. [S. unt. hft. 5, p. 226.] 

Es ist das verzeichniss der Vorlesungen , welche an der 
Universität Strassburg im sommersemester 1872 vom 1. mai 
bis 15. august gehalten werden sollen, erschienen; einen aus- 
zug davon giebt auch der Eeichsanzeiger nr. 64. 

In Medun, einem dorfe am eingange nach Fayum in Egyp- 
ten, ist ein altes grabmal entdeckt. Dasselbe ist eine für- 
stengruft, 100 meter lang und 50 meter breit, wahrscheinlich 
aus der zeit vor der dritten dynastie, folglich älter als irgend 
ein bisher entdecktes grabmonument. Man fand darin zwei herr- 
liche statuen. Mariette Bey liess sie sorgfältig einpacken und 
nach Cairo überführen, wo sie im museum zu Bulak bald zur 
allgemeinen besichtigung aufgestellt sein werden. Auf dem 
eingange zum grabmal fand man eine arabische, 500 jähre alte 
inschrift, in welcher der Schreiber die personen verflucht, welche 
ihm den rath gegeben, in dem grabe nach schätzen zu suchen. 

Mr. Wood hat im laufe des jahrs 1871. — s. Philol. Anz.III, 
nr.10, p. 517, ob. hft. 1, p. 62 — einen grossen theil desDiana-tem- 
pels in Ephesos blosgelegt, und — wie der „Times" aus Smyrna ge- 
schrieben wird — verschiedene, mehr oder weniger verstümmelte 
architektonische marmorblöcke, Säulen u. s. w. aufgefunden, aus de- 
nen sich schliessen lässt, dass die proportionen dieses bauwerkes 
weit grossartiger waren, als die irgend eines anderen Überbleibsels 
griechischer architektur. — Die säulen nämlich, welche noch so 
da lagen, wie die Zerstörer der byzantinischen zeit sie liegen 
Hessen , messen nicht weniger als sechs fuss im durchmesse^ 
und das ungeheuere gewicht derselben hat es nothwendig ge. 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 221 

macht, das englische marine- ministeriura um hülfeleistung anzu- 
gehen. Dieses stellte dann auch das panzerschiff ,,Caledonia" 
zur Verfügung, und seit anfang januar ist dasselbe mit dem 
einladen der von Mr. Wood für das britische museum ausge- 
wählten marmorsäulen beschäftigt. Der grösste block , welcher 
über 11 tons wiegt, ist ein theil einer der von Plinius erwähn- 
ten 36 elevatae columnae und zeigt Herkules, wie er mit einer 
weiblichen gestalt ringt, während auf einem anderen bruchstück 
die unteren hälften einiger sitzenden und stehenden weiblichen figu- 
ren zu sehen sind. Der tempel war im ionischen styl aufgeführt, 
und Mr. Wood hat die bruchstücke so gewählt, dass sich ein ur- 
theil bilden lässt, wie die basis, das kapital und die anordnung 
im allgemeinen gewesen ist. Noch ende januar sollte die „Ca- 
ledonia" mit ihrem werthvollen kargo nach England absegeln. 

Ueber die am 24. febr. vollzogene enthüllung der marmor- 
tafel, welche in Hanau zu ehren von Jacob und Wilhelm 
Grimm gestiftet worden (s. ob. heft 2, p. 110) giebt der 
Reichsanz. nr. 49 ausführliche nachricht. 

Aus Zürich wird vom 8. märz gemeldet, dass in dem be- 
cken des Untersees zwischen dem weissen Hörn und dem sg. 
Staad in der nähe von Ermattingen alte pfahlbauten entdeckt 
sind. 

Unter den letzten erwerbungen des britischen museums 
befindet sich auch die statue eines jungen mannes, ohne drape- 
rie, dargestellt in dem akt, wie er sein haupt mit einem stirn- 
bande schmückt. Dieses kunstwerk wurde im theater zu Vais- 
son, dem alten Vasio, in Frankreich entdeckt, und scheint kein 
zweifei darüber zu herrschen, dass es eine copie des berühmten 
Diadoumenos von Polykletos ist. Der entwurf ist edel, die aus- 
führung verhältnissmässig dürftig. 

In der kirche zu Seligenstadt ist das grab von Egin- 
hard und Emma kürzlich, wie das ,, Mainz. Abendblatt" er- 
zählt, durch das bischöfliche Ordinariat von Mainz geöffnet wor- 
den. Ausser den gebeinen von Eginhard und Emma fanden 
sich die einer dritten leiche, einer tochter Eginhards, Gisela ge- 
nannt, wie die bei derselben befindliche inschrift besagt, die bis- 
her in der geschiebte Eginhards nicht geuannt ist und erst 
durch diese inschrift bekannt wird. Man kannte nur einen 
söhn desselben, Vussinus genannt, den er seinem freunde Rha- 
banus Maurus, nachherigem bischof von Mainz, damals abt in 
Fulda, zur erziehung übergab. Von den gebeinen Eginhards 
fehlt das haupt. 

Ueber im Wilhelms - Gymnasium zu Berlin aufgestellte 
marmortafeln, welche die namen der im deutsch -französischen 
kriege 18 70 /u gefallenen lehrer und schüler dieses gymnasiums 
enthalten, giebt nähere nachricht der Reichsanz. nr. 73. 

Am 12. märz feierte der procurist der B. G. Teubner'schen 



222 Kleine philologische zeitung. Nr. 4. 

buchhandlung August Schmidt den tag, an welchem er vor 
25 jahien in dieses haus eingetreten war: näheres giebt Bör- 
senbl. n. 64. Wir theilen hier die tabula gratulatoria mit, mit 
welcher Fr. Ritschi den Jubilar beehrt hat: 

Viro omni humanitatis laude ornatissimo | Henrico Au- 
gusto Schmitt | Hachenburgo-Nassoviensi j inclutac libra- 
riae Teubneriae Lipsiensis curatori | redimendis libris praepo- 
sito | postqaam per quinque lustrorum spatium cum illius pos- 
sessoribus atque | moderatoribus honestissitnis | Ad. Rossbachio 
et A. Ackermanno | felicissima laborum negotiorum consilio- 
rum societate coniunctus | in administrando munere tarn et 
praedicabilem industriam gnavitatemque | et singularem pruden- 
tiam atque intellegentiam comprobavit | ut officina Teubneria 
edita librorum utilissimorum insigni multitudine | cum de aliis 
litterarum partibus egregie meruerit tum in philologicis potissi- 
mum | disciplinis sine controversia hodie principatum teneat tarn 
autem strenua | contentione publicis commodis praeclare inser- 
vierit I laetissimi diei sollemnitatem ex animo gratulatur | plu- 
rimorumque annorum parem et vigorem et prosperitatem ex- 
optat Fridericus Ritschelius | iucuuda mutuorum officio- 
rum consuetudine coniunctissimus amicus | Lipsiae die XII men- 
sis Martii anni MDCCCLXXII. 

Ans dem regierungsbezirke Merseburg sollen der Magdebur- 
ger Zeitung zufolge seit einem halben jähre über 70 lehrer 
ausgetreten und nach dem königreich Sachsen gegangen sein. 

Ein erlass des ministers von Lutz vom april empfiehlt auf 
königlichen befekl allen lehranstalten die anschaffung von Pe- 
stalozzis werken, herausgegeben von L. W. Seyffarth, 16 bde. 

Anfang april ist auf dem kircbliof zu Bonn das von colle- 
gen und Schülern gestiftete, von Robert Cauer in Kreuznach 
ausgeführte monument Fr. G. Welcker's aufgestellt. Ein por- 
traitmedaillon von weissem marmor giebt getreu die edlen ziige 
des verewigten wieder, darunter auf der geschmackvoll ausge- 
führten stele Welcker's name mit geburts- und todestag. 

Zu Baden im Aargau sind vor kurzem nach der 
,, Neuen Züricher Zeitung" bei der fundamentirung des neuen 
kursaales ansehnliche Überreste römischer gebäulichkei- 
ten aufgedeckt. Bis jetzt sind zwei seiteumauern, jede von 24' 
länge und 2' 7" stärke, zu tage getreten, welche sich noch 
weiter auszudehnen scheinen. An dieselbe schlieset sich unmit- 
telbar der sogenannte hypokaust oder die heizeinrichtung an, 
von welcher in sieben reihen je zwölf ca. 2 fuss hohe mauerpfeiler 
sichtbar geworden. Der estrich und die Steinplatten, die auf 
diesen pfeilern ruhten, sind eingebrochen, und der Zwischen- 
raum mit schuft erfüllt; bruchstücke von heizröhren zeigen sich 
überall massenhaft. Eine weitere nachforschung dürfte viel- 
leicht auch verschiedene alterthümtr zu tage fördern, wie sie 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 223 

im letztvergangenen herbst bei der herstellung eines Waschhau- 
ses gefunden wurden. Man stiess dabei nämlich auf mauern 
zweier aneinander stosseuder gebaude, deren konstruktion allein 
schon die Wohlhabenheit des erbauers bezeugte. Iu dem engen 
räume zwischen diesen beiden häusern fand man in verschiede- 
nen tiefen von 8 bis 11' eine menge gerät hschaflen , die sich 
entweder auf die bauliche eiurichtuug des hauses oder die aus- 
rüstung der verschiedenen gemacher bezichen, wie z. b. dach- 
ziegel, heizröhren, stücke von bemalten wänden, handmithlen- 
steine, amphoren, Scherben von kochgeschirr und aretinischer 
(rother) erde, thonlampen, sodann verschiedene dinge aus bronze 
und endlich eine menge eiseugeräthe, ketten, beschlage an thüren, 
und wagen, schlüssei , acker- und gaitengeräthe. Von den 
bronzegegenstäuden sind zu erwähnen eine weibliche büste (höhe 
Mieter 0,14), eine Statuette des Merkur (höhe m. 0,8) und ein 
höchst seltsames bronzebild, welches das gewicht einer schnell- 
waage gebildet hat. Das bild besteht aus einer doppelfigur, 
einem wohlbeleibten manne von völlig fratzenhaftem aussehen 
und einem rehbocke, sodann noch aus verschiedenen weiteren 
attributen. Die abbilclung oder erwähnung einer ähnlichen figur 
ist bis jetzt in archäologischen werken und Zeitschriften nicht 
gefunden worden. bämmtliche aufgefundene alterthümer sind 
in der nr. 1 des Anzeigers für schweizerische alterthumskunde 
pro 1872 beschrieben und zum theil abgebildet. 

Auf der sg. Emeraner- breite bei Kegensburg sind ansehn- 
liche partien eines römischen todteufeldes augefunden, deren 
blosslegung sich der historische verein zu Kegensburg besonders 
angelegen sein lässt. Auffallend erscheint besonders, dass zu- 
weilen an einer und derselben stelle sich fünf bis sechs ver- 
schiedene begräbnissarten finden: so zeigen sich einzelne aschen- 
urnen, dann mehrere zusammen in einer art gewölbe (columba- 
rien) , ferner sorgfältig ausgemauerte gräber und platten , die 
den Stempel der dritten legion tragen. Auch eine grosse menge 
starker steinsärge siud gefunden. Augsb. Allg. Ztg. beil. zu nr. 103. 

Im münchener kunstverein ist eine neuerdings bei Kehl- 
heim ausgegrabene Statuette des Bacchus aufgestellt. 

Von Strassburg ist ein rundschreiben einer commission, an 
deren spitze der maire Ernst Lauth steht, vor kurzem verbrei- 
tet worden, welches um Zusendungen von büchern und dgl. 
bittet, um die bei der belagerung zerstörte Stadt bibliothek wie- 
der herzustellen: dieses unternehmen wird als eine von franzö- 
sisch gesinnten Strassbuigern ausgehende demonstration von 
Petzholdt im Börsenbl. nr. 82 dargestellt. 

AUSZUEGE aus Zeitschriften: Augsburger allgemeine zeitung, beil. 
zu nr. 95: italienische lexicographie : bezieht sich nur auf die italie- 
nische spräche, zeigt aber die Vorliebe der Italiener für arbeiten die- 
ser art.— Beil. zu nr. 08: beitrage zur Völkerpsychologie. Betrach- 



224 Kleine philologische zeitung. Nr. 4. 

tungen eines Franzosen aus der zeit des krieges. I: nach G. Mo- 
nod, Souvenirs de campagne. Paris. 1871, jedenfalls bei allen ihren 
schwächen eine beachten swerthe schritt: das ergebniss seiner benier- 
kungen über Deutsche und Franzosen drängt er in den satz zusam- 
men, dass die deutschen Soldaten verglichen mit den französischen 
männer waren, welche gegen kinder fochten. — Nr. 99 .• Frosscham- 
mer, die philosophie und die Darwinsche lehre : vertheidigt die Phi- 
losophie gegen die vorwürfe vom 31. W. in nr. 80. 81 der allgemei- 
nen zeitung. — Joh. Wolff's Jerusalem: kurze anzeige. — Nr. 100: 
eine Universität in Bromberg. — Bericht über die erste generalver- 
sammlung des Vereins von lehrern an bayerischen Studienanstalten. — 
Beil. zu nr. 102. 103. 104: beitrage zur Völkerpsychologie. II. III. — 
Beil. zu nr. 103: Römergräber bei Regensburg: s. ob. p. 223. — Beil. 
zu nr. 104. 105. 107 : Uhlands Schriften zur geschichte der dichtung 
und sagen I: besprechung. — Beil. zu nr. 109: die processacten des 
Hugo Grotius: höchst interessanter aufsatz, an holländische Schriften 
über diesen gegenständ anknüpfend. — Beil. zu nr. 110: der cultus- 
minister und das oberconsistorium zu Berlin: das schulaufsichtsgesetz 
betreffend. — Nr. 111: zur eröffnung der Universität Strassburg. — 
Beil. zu nr. 112: zur ophirfrage. — Nr. 113: Konrad Halder, nekro- 
log. — Das ziel der ultramontanen. — Beil. zu nr. 114. 115: zwei 
französische werke über deutsche litteratur: bezieht sich auf G. A. 
Heinr ich , histoire de la litlerature allemande , 2 voll., und A. Bos- 
sert, la litteratur e allemande au mögen age et les origines de l'epopee 
germanique, welche beide sehr empfohlen werden. 

Blätter für das bayerische gymnasialschulwesen , redigirt von TV. 
Baur und Dr Friedlein, bd. VII, München 1871, heft 10, p. 335: 
des Pseudo -Ovidius XX und XXI. heroide von J. Mahly: Dilthey's 
behauptung, dass die planudeische Übersetzung der heroiden für die 
kritik völlig werthlos sei , gehe zu weit. Für einzelne stellen 
sei sein text der bessere und ursprüngliche. Unter theilweiser 
bezugnahme hierauf wird vorgeschlagen: XX, 2 promissam satis; 
eben so XXI, 4 promissam scires; XX, 4 ut meus est le ulla; und 
v. 13 Oudendorp's teneo und acrius urit; v. 19 ut erant tua verba; v. 
20 sei unverdorben: coma = capite, dicta tulisse sei durch Planudes' noog- 
dide/ftai, r« tlotj/uiva gerechtfertigt; v. 36 sei zu schreiben: teque, pe- 
tam caveas te licet, usque petam; v. 53 tu si esses; v. 87 qua?nvis 
violens satiaverit; v. 74 parta mihi; v. 93 fac quoque, quod tu vis, 
sit scriptum; v. 101 aper quo scimus et ipsa; v. 127 in caput en 
nostrum; v. 134 adsideoque toro : v. 140 Candida percontans; 
V. 153 tibi, nostif dicimus; v. 175 hoc a deunte; v. 189 at mo- 
nita es; v. 193 haec repetensque alias audita oder repetensque an- 
tehac audita; v. 215 nube proco; v. 220 inveniet votis; v. 228 
talis avendus erat; XXI, 24 et pacta dat ; v. 30 sed melius iusto 
quamque mereris ago; v. 41 quam exortus in altum : v. 59 perdere 
feile velis; v. 98 in sanctis; v. 119 nullus Amazonius caelato; 
v. 180 a noslraque tuast spreta; v. 189 spem tibi dira mei; v. 
193: de re ; v. 197 adjicit; v. 203 subit in de voluptas ; v. 205 
mens nisi laeva foret; v. 227 vellem me, ut et ipse ; v. 231 moe- 
stis vocibus; v. 235 hoc deus en vates. — P. 343: equus , etymolo- 
gisch behandelt von Zehetmayr. — P, 351: Horat. carm. III, 5, 27 
sqq, von A. Therm : weist die von Ohlenschläger im 4. hefte gege- 
bene erklärung von fucus als nicht neu und ungeeignet energisch 
zurück. — P. 355: Cornelius Nepos und sein ende von Adam Fuss- 
ner. Von literarhistorischem interesse. Schliesslich wird dem autor 
für schulzwecke das wort geredet und die ausgäbe Dähne-Fbeling im 
ganzen empfehlend besprochen. 



Nr. 5. Mai 1872. 

Philologischer Anzeiger, 

Herausgegeben als erganzung des Philologus 



von 



Ernst von Leutsch. 



138. Ueber aufgäbe und Stellung der classischen philolo- 
gie insbesondere ihr verhältniss zur vergleichenden Sprachwis- 
senschaft. Academische antrittsrede gehalten in der grossen 
aula zu Giessen am 4. november 1871 von Dr Wilhelm 
Clemm, a. professor der classischen philologie. 8. Giessen 
(Kicker) 1872. 

Diese mit voller sachkenntniss und recht lebendig geschrie- 
bene rede erörtert zuerst die aufgäbe der classischen philologie 
als der Wissenschaft des gesammten griechischen und römischen 
alterthums und die Stellung , welche dieselbe gegenüber den 
anderen Wissenschaften einnimmt. Hierauf handelt der verf, 
von dem Verhältnisse der classischen philologie zur vergleichen- 
den Sprachwissenschaft, deren hohe bedeutung für die gramma- 
tischen und etymologischen Studien er mit recht hervorhebt, 
und fordert die Vertreter der classischen philologie auf die Ver- 
mittlung der beiden richtungen in der grammatik , der histo- 
risch-kritischen und der historisch -comparativen, zu überneh- 
men und ein für die Wissenschaft sehr gedeihliches zusammen- 
wirken derselben herbeizuführen. Man wird in der darstellung 
und begründung dieser ansichten kaum etwas vermissen, nur 
darauf konnte wohl noch hingewiesen werden, dass mit dem 
bestreben die indogermanische Ursprache in ihrem baue und 
Wortschatze wieder herzustellen zugleich auch und zwar we- 
sentlich auf etymologischer grundlage die forschung nach dem 
culturzustande jenes indogermanischen urvolkes, nach dem ge- 
meinsamen in silte, religion u. s. w. bei den einzelnen zweigen 
des grossen Stammes, immer weiter schreitet, und dass daher 
auf alle zweige der griechischen und römischen antiquitäten, 
Philol. Anz. IV. 15 



226 139. Griechische grammatik. Nr. 5. 

namentlich auf die mythologie , ein reiches licht fällt , welches 
besonders die früher so dunklen anfange wunderbar erhellt. 
Der rede sind reiche anmerkungen beigegeben, welche für viele, 
namentlich für junge philologen ein willkommenes repertorium 
über die einschlägige literatur bilden dürften. Der verf. hat 
darin manche treffende bemerkungen niedergelegt, z. b. über die 
art und weise, wie der angehende philologe seine Studien an 
der Universität mit rücksicht auf die vergleichende Sprachwis- 
senschaft einzuriahten habe, über die noth wendigheit, dass der 
lehrer der classischen sprachen an gymnasien von der bürde an- 
derer gegenstände enthoben und bloss auf sein fach beschränkt 
werde, über die verschiedenen richtungen in der indo -germani- 
schen Sprachforschung u. s. w. Wir zweifeln nach dieser rede 
nicht, dass der verf. das, wozu er die Vertreter der classischen 
philologie auffordert, nach seinem vorbilde, Georg Curtius, in 
wahrhaft gedeihlicher weise leisten wird. 

K. S. 

139. Eine neue erklärung der sogenannten epischen zer- 
dehnung. Von Berthold Suhle. 8. Leipzig. 1872. 8 s. 

Die neue erklärung läuft , wenn ich den Verfasser recht 
verstehe, darauf hinaus, dass der durch contraction entstandene 
vocal nicht zwei, sondern drei moren enthalten und folglich 
nicht bloss für die arsis, sondern auch für die halbe und bei 
hinzutretender position für die ganze thesis ausreichen soll. 
Erst später habe mau sich veranlasst gesehen, dies verhältniss 
durch die schrift anders zu bezeichnen; „die schriftliche tren- 
nung ist nichts weiter als späteres zeichen für die vom metrum 
erforderte vertheilung auf arsis und thesis; je nach der stelle 
im verse musste die theilung verschieden ausfallen, bald o<u, 
bald coo u. s. w." Der gedauke, dass bei einem aus kurzem 
und langem vocal, z. b. aus «a>, hervorgegangenen contractions- 
vocal (oj) noch eine nachwirkung in der Quantität sich fühlbar 
gemacht, derselbe also den rhythmischen werth von drei moren 
gehabt habe, ist an sich nicht widersinnig, zumal formen wie 
oQoietoi>, OQitofitv nur contraction, nicht distraction erleiden; es 
wäre das ein analogon zu der s. g. ersatzdehnung, bei der eine 
verloren gegangene positionslänge durch dehnung des vocals er- 
setzt wird. Auf die frage, wie man die zerdehuung oooo statt 






Nr. 5. 140. Lateinische grammatik. 227 

(oo zu erklären habe, giebt der Verfasser (p. 7) die antwort, 
man solle die ursprünglich vorhandene position herstellen, also 
etwa statt ftaificomai ftai/AODOvzt = /aui^ooizi aus [Aai/jäortt u. s. 
w. schreiben oder lieber dehnung des die halbe thesis füllenden 
vocals annehmen. Das letztere auskunftsmittel möchte sich 
mehr empfehlen als das erstere. Gegen die annähme von G. 
Curtius — angleichung nebst ersatzdehnung des ersten oder 
zweiten vocals für ausgefallenes j — hat der Verfasser das 
,, schwere" bedenken, dass durch ersatzdehnung im ionischen 
und attischen in onav , onjn , ovtt stets o zu ov werde. Al- 
lein zeigt nicht der dorische dialect z. b. Xoyug für Xöyovq 
aus \üynvii } und ist es unmöglich, dass in einer altern periode 
der spräche diese art der ersatzdehnung einen weitern umfang 
hatte? Empfiehlt es sich doch unter anderm sehr, die form 
[lifiucüTs^ durch ersatzdehnung aus fx^fiupons^ abzuleiten. 

Jedenfalls möchte die einführung der neuen erklärung in 
den Schulunterricht, die der Verfasser wünscht, ,,da das beste 
für den schüler eben gut genug sei", so lange beanstandet 

! werden müssen, bis er dieselbe gegen alle bedenken sicher ge- 

, stellt haben wird. 

H. D. M. 

140. Regeln und wörterverzeichniss für die lateinische Or- 
thographie zum schulgebrauch herausgegeben von einem gym- 
nasial- Oberlehrer. (Berlin, H. Ebeling und C. Plan). 7 s. — 
1 sgr. 

Dass eine einheitliche Orthographie, mit Zugrundelegung der 
Schreibweise des quintilianischen Zeitalters, in unseren gelehrten- 
schulen dringend noth thut , darüber kann nur eine stimme 
sein. Ebenso ist es erwünscht, dass jedem schüler, bis er sich 
an die neue Orthographie gewöhnt bat, ein verzeichniss , wie 
das vorliegende es sein will, in die band gegeben werde. Aber 
man sollte doch ein solches verzeichniss von druckfehlern rein 
halten können, zumal es eigentlich nur fünf Seiten umfasst. 
Aber da liest man p. 6 lauterna statt lanterna, ebds. ne (nicht 
ne naea) statt ne (nicht nae]; auch in dem Schlussworte dieser 

I Seite ist falsche Silbentrennungsbezeichnung. Pag. 3 zeile 33 
steht zu anfang ein den sinn arg verwirrendes Gai. Es ist 

) fast unglaublich, dass sich auf diesem geringen räum eine in- 

15* 



228 141. Griechische lexikographie. Nr. 5. 

consequenz findet, wie p. 6 für eluor auf nr. 4 verwiesen wird, 
wo aber von helluor nichts steht. Auch dürfte es noch keines- 
wegs ausgemacht sein, dass illico, und nicht ilico zu schreiben 
ist; ebensowenig, dass Kalendae und haput (legis) nur mit an- 
lautendem K geschrieben werden müssen: denn so stehend auch 
für die abkürzungen (notae) bei diesen Worten das anlautende 
K ist, weil die notae hierfür eben in einer zeit aufkamen , in 
welcher K zur bezeichnung des harten gutturalen angewandt 
wurde, so grundlos ist doch die anwendung des K im anlaute, 
sobald diese worte ausgeschrieben werden. Manches, was noth- 
wendig zu besprechen war, ist fortgelassen, wie der unterschied 
von discribo und describo, ob, wenn scaena zu schreiben ist, des- 
halb auch etwa proscaenium etc. geschrieben werden solle. Ohne 
weitere bezeichnung der bedeutung wird der schüler es nicht 
verstehen können, wenn p. 4 ihm befohlen wird tempto mit p, 
aber tento ohne p zu schreiben, vollends da es p. 7 heisst: 
„tento und tempto 1 '. P. 4 unter nr. 3 war einfacher zu sa- 
gen , dass die adjectiva auf -icius überhaupt mit c zu schrei- 
ben sind, dabei aber war propitius zu besprechen. Doch wir 
wollen mit dem flüchtigen machwerke, desseu verf. zu seinem 
glücke anonym geblieben ist, nicht mehr zeit verlieren. 

141. Griechisch- deutsches Wörterbuch für den schul- und 
handgebrauch von Dr Val. Christ. Friedr. Rost, ober-schul- 
rath und gymnasialdirector in Gotha. Vierte, gänzlich um- 
gearbeitete aufläge, siebenter abdruck, unter mitwirkung von 
prof. Dr Karl Fr. Am eis und Dr Gustav M üb 1 mann. Er- 
ster band XX und 616 s. Zweiter band 673 und eigennamen 
150 s. gr. 8. Braunschweig, druck und verlag von George 
Westermann. 1871. — 

Die vorliegende ausgäbe des allbekannten trefflichen Wer- 
kes ist leider nur ein unveränderter abdruck der schon im j. 
1851 erschienenen neuen bearbeitung des Kostschen Wörterbuchs. 
Dass in den seitdem verflossenen zwanzig jähren die ganze 
griechische lexikographie durch sorgfältige recensionen der 
Schriftsteller und durch die fülle neuer auf'schliisse der verglei- 
chenden Sprachforschung in ein ganz neues Stadium eingetreter 
ist, dass in folge dessen vieles hier gebotene längst nicht raehl 
stichhaltig, anderes aber in reichem masse nachzutragen ist, 



Nr. 5. 141. Griechische lexikographie. 229 

bedarf keines ausführlichen nachweises. Wohl aber dürfte es 
angemessen sein , hier in der kürze die grundsätze darzulegen, 
nach welchen ein so hochverdientes, immer noch vielgebrauch- 
tes und weitverbreitetes werk neu zu bearbeiten wäre. Das 
buch soll ein „Schulwörterbuch" sein, und auf p. vi heisst es: 
„weil aber das bucb auch für solche bestimmt sein soll, die 
nach ihrer Schulzeit noch einen Griechen aus irgend einem 
nichtphilologischen gründe zu lesen gedenken, so sind alle übri- 
gen schriftsteiler bis auf die Byzantiner herab nicht unbeachtet 
geblieben. Selbst die Septuaginta, das neue testament und 
die kirchenschriftsteller sind mit ihrem eigentümlichen wort- 
vorrathe herbeigezogen". Solche zwecke in einem buche von 
eng begrenztem umfange zu erreichen, ist kaum möglich; für 
einen philologen bietet das Wörterbuch immer zu wenig, für 
einen schüler zu viel und doch auch in mancher beziehung 
nicht genug. Die wenigen aber welche vielleicht „aus nicht 
philologischen gründen" einen spätem Schriftsteller lesen, wer- 
den leicht andere hülfsmittel finden und kaum darauf kommen, 
grade dieses Wörterbuch zu wählen. Mit weglassung aller ne- 
benzwecke würde sich nun das buch am besten für den schul- 
gebrauch und etwa noch für den bedarf von theologen umge- 
stalten lassen, da ja das neue testament ohnehin auch für die 
schule zu beachten ist. Die in der schule gelesenen autoren, 
namentlich Homer und Sophokles, Xenophon und die redner 
wären möglichst vollständig zu berücksichtigen, fragmente, In- 
schriften und spätere Schriftsteller dagegen würden fehlen müs- 
sen. Die in den zu beachtenden schritten vorkommenden ei- 
gennamen wären überall unter die übrigen Wörter einzureihen, 
geographische und geschichtliche mit einer kurzen orientirenden 
notiz zu versehen; die behandlung der partikeln könnte sehr 
knapp sein, da der schüler sich selten im lexikon darüber raths 
erholen wird. Die etymologie müsste durch Zerlegung der 
composita in ihre bestandtheile , durch beisetzung der Stamm- 
wörter zu ihren ableitungen angedeutet werden. — Ein grö- 
sseres lexikon der griechischen spräche, wie es den jetzigen an- 
forderungen der Wissenschaft entspricht, lässt sich auf so en- 
gem räume natürlich nicht geben. Auch ist uns schon von 
höchst competenter seite die forderung der etymologischen an- 
ordnung nach Wortfamilien gemacht worden ; wir glauben je. 



230 141. Griechische lexikographie. Nr. 5. 

doch mit unrecht. Ein etymologisch geordneter Sprachschatz 
wird immer nur für einige wenige eingeweihte bequem zu 
gebrauchen und wirklich brauchbar sein ; für die mehrzahl de- 
rer aber, welche ein solches buch benutzen könnten und möch- 
ten, würden die so aufgespeicherten schätze für immer unter 
schloss und riegel liegen. Alphabetisch muss die Ordnung sein 
mit den nöthigen literarischen nachweisen bei den einzelnen 
grundwörtern ; auf diese wiederum muss bei den abgeleiteten 
verwiesen werden. Um jedoch zugleich den streng wissenschaft- 
lichen forderungen gerecht zu werden, könnten etymologische 
indices beigegeben werden. Diese würden auch den vortheil 
bieten, dass sie sich leichter erneuern Hessen als ein umfang- 
reiches theures werk. Ueberhaupt um umfang und preis nicht 
übermässig gross zu machen und der bequemüchkeit des käu- 
fers und benutzers nach möglichkeit gerecht zu werden, dürfte 
es sich ferner empfehlen, die partikeln, präpositionen und con- 
junctionen besonders zu behandeln, in dem wortschalze selbst aber 
nur einen kurzen überblick über deren gebrauch und bedeutung zu 
geben, um auch dem ein vollständiges lexicon zu bieten , wel- 
cher sich den band partikeln u. s. w. nicht anschaffen will. Der 
übrige Wortschatz wäre aber so zu behandeln, dass der Sprach- 
gebrauch der attischen redner, komiker und historiker zu gründe 
gelegt und vollständig aufgeführt würde; das bei andern Schrift- 
stellern übereinstimmende wäre kurz anzudeuten, das abweichende 
genau und vollständig zu verzeichnen. Vorarbeiten sind jetzt 
eine grosse zahl in specialwörterbüchern und einzeluntersuchun- 
gen vorhanden, noch mehr fehlen jedoch und müssen vor beginn 
einer so umfassenden arbeit gemacht werden. Es ist hier und auf 
grammatischem gebiete ein ebenso reiches als ergiebiges feld 
für kleinere abhandlungen und gelegenheitsschriften ; neues bie- 
tet jede durcharbeitung eines noch so gelesenen Schriftstellers, 
und doch sieht man so wenig in dieser weise arbeiten. Es 
ist eben bequemer, ohne mühsame Sammlungen, denen man bei 
ihrem geringen umfange nicht sogleich die darauf verwandte 
zeit und arbeit ansieht, raisonnirende abhandlungen zusammen- 
zuschreiben, denen meist die feste basis gewissenhafter beob- 
achtung gänzlich gebricht. Doch wollen wir hoffen, dass sich 
bald eine anzahl tüchtiger gelehrten zu einem ähnlichen werke 



Nr. 5. 142. Euripides. 231 

wie wir es eben skizzirt haben und wie es wirklieb noth tbut, 
sich vereinigt. 

H. Ebeling. 

142. De Orestis Euripideae versibus 836 — 1010 (ed. Kirch- 
hoff. 1855) scr. Henricus Schäfer. 8. Diss. inaug. Be- 
rolini (typis Muelleri) 1871. 

Nacb einer ziemlich breiten und nicht immer streng lo- 
gisch gehaltenen einleitung giebt der verf. einen kritischen und 
erklärenden commentar zu Euripides Orestes vv. 844 — 1012 
(N.) , dem er noch eine lateinische Übersetzung dieser stelle 
beifügt. Es ist nicht recht abzusehen, welchen zweck eine sol- 
che arbeit hat, und zwar um so mehr als der commentar nicht 
nach einem bestimmten principe verfasst ist, indem sich darin 
neben kritischen erörterungen auch ganz gewöhnliche dinge, z. 
b. das imperfectum des conatus, noch dazu bisweilen mit einer 
ausführlichkeit behandelt finden, die selbst in einer Schulausgabe 
nicht am platze wäre. Wie breit die darstellung ist und wie 
sehr sie einen niederen standpunet des lesers voraussetzt, mag 
die note zu v. 984 lv iv fry/jvoioiv dvaßodaa) beweisen : ,,tV« par- 
ticulam hoc loco finalem, non localem vim habere, ita ut coniuneti- 
vus aoristi avaßoäaco sequatur, inde cognosci potest, quod verbi uva- 
ßoäv futurum activum non exstat". Offenbar hätte der verf. bes- 
ser gethan , wenn er sich auf die behandlung einiger schwieri- 
gen stellen beschränkt hätte. Ganz überflüssig ist die lateini- 
sche Übersetzung, die ein gemisch von poetischem und prosai- 
schem stile darbietet und auch an ungenauigkeiten leidet. Wenn 
wir nun weiter über den werth des commentares ein urtheil 
abgeben sollen , so erkennen wir gern den fleiss des verf. und 
die meist sorgfältige benutzung der literatur an, müssen aber 
andrerseits uns dahin aussprechen , dass die arbeit wenig 
selbständiges enthält und auch dieses wenige schwerlich ir- 
gendwo Zustimmung finden wird. So ist es gewiss unwahr- 
scheinlich , wenn der verf. behauptet Euripides habe in diesem 
drama mit "Aofoq beide städte, Argos und Mykenä, wegen ihrer 
nähe gleichsam als glieder eines leibes bezeichnen wollen. Die 
scene ist sicher in Argos und , wenn manchmal Mvvqvaloi ne- 
ben '/ioydoi vorkommt , so ist dies eine art concession an den 
mythos. — Ganz undenkbar ist die construetion v. 859 f., wo- 



232 142. Euripides. Nr. 5. 

nach die beiden accusative fjv und zh /aHXov von qnßovfulrt] abhän- 
gen sollen; es ist vielmehr zo uiXlov mit cpoßovfjsvj] und fjv mit ?£e- 
rrjxn/irjv ycoig zu verbinden. Dass xqe(6v v. 938 richtig ist, klingt 
unglaublich. Da die rede des angelos mehrfach interpoliert, der 
vers 938 sehr matt und überflüssig, ausserdem v. 941 durch die 
Wiederholung der wendung xov tp&dmi &rtjaxeov zig av verdächtig 
ist, so vermuthe ich, dass die verse 938 und 941 zu streichen 
sind und v. 942 zu lauten hat: xtivrjg (oder zavztj<) ys z6X— 
[it]g ov anätig yevtjoe.zai. Vs. 990 entspricht die erklärung von 
neXüye'Si Sutblyobvai- durch „ad mare usque curru vectus est" weder 
dem Wortlaute noch dem zusammenhange, man muss vielmehr 
jTulciytai als localen dativ „am meere" und diadwpQeveiv in der 
bedeutung ,, hindurchfahren, den weg fahrend zurücklegen" fas- 
sen. Auch lässt ä(i(ia7e vaag [v. 994) die deutung nicht zu, 
welche der verf. den versen 992 ff. geben will, dass Pelops 
am festlande gegenüber von Gerästos den Myrtilos ins meer 
gestürzt habe, abgesehen davon, dass die allerdings wohl nicht 
ursprüngliche sage die that nach Gerästos verlegte. Die (aovg- 
ncolog umg (v, 1004) erklärt sich weder durch Verweisung auf 
philosophische doctrinen noch durch die bemerkung, dass Euri- 
pides hierbei hauptsächlich an den yaxsqiöyog oder ecsTiEQog ge- 
dacht habe, sondern durch die notiz des scholiasten: die Eos 
reite auf dem Pegasos oder fahre mit demselben, wie denn der 
Pegasos auch dem Zeus zum reitross dient oder dessen wagen 
zieht (vgl. die von Klotz z. d. v. angezogenen stellen). Vcs. 1007 
wird mit unrecht die erklärung G. Hermanns gebilligt, wonach 
das subject von afxe/ßsi : za incovvfia dtinva Qviarov und za 
XsnTQa Kyijaaag sein soll; denn woher entnimmt man, dass 
unter zuivds Atreus und Thyestes zu verstehen sind , und wie 
verträgt sich damit die nennung des namens Thyestes im fol- 
genden? Dagegen aber erklärt sich zävSs leicht, wenn man 
es auf das ganze geschlecht der Pelopiden bezieht, wobei man 
natürlich mit Matthiä, dem Dindorf beistimmt, als subject Ztvg 
ergänzen, dtinva aber und XtxzQu als object, wie Oaräiovg fas- 
sen muss. Uebrigens findeu sich noch in dem schriftchen man- 
cherlei ganz seltsame grammatische erklärungen, so von ös (v. 
874), dem nach des verf. meinung eigentlich immer ein per 
vorhergehen soll, von <ag xaläg (901), das mit „quam probe" 
wiedergegeben wird, von ozsyavou* (924), wozu man folgende 



Nr. 5. 143. Valerius Flaccus. 233 

note liest: ,,non GTscput <är>ai , quia agricola censet non uno Mo 
die, sed omnibus deinceps diebus Orebtem coronandum esse" 1 ; cog 
(959) soll „exclamandi vim" haben, TtoXvnoroig aväyxaig (1012) 
soll eiu dativus commodi sein u. dgl. mehr. Hie und da wie- 
derholt auch der vf. ansichten von Kirchhoff, welche dieser in der 
grösseren ausgäbe vorgebracht, aber schon längst aufgegeben 
hat, z. b. v. 729, wo Kirchhoff früher nach A ttqo äciTstog 
schrieb, während die neuere textausgabe richtig di aareoag bietet. 
"Was über v. 901 bemerkt wird, liest man schon in der neuen 
ausgäbe der Poetae scenici graeci von Dindorf, welche der verf. 
besser hätte benutzen sollen. Das schriftchen ist sehr nach- 
lässig gedruckt und daher durch viele fehler entstellt; einige 
davon, wie p. 22 VlO rjryoiv , p. 23 davaXSäv (statt /Javaidär), 
p. 64 tu navvatata ö' (für 8') mögen wohl dem verf. zur last 
fallen. 

Karl Schenkt. 

143. De Valerii Flacci in adhibendis comparationibus usu. 
Von Oberlehrer Dr Bussenius. Gymnasialprogr. 4. Lü- 
beck. 1872. 

Indem der verf. seinen stoff im steten hinblicke auf die 
anderen epiker von Homer an behandelt, gibt er eine willkom- 
mene Übersicht über die Verwendung der gleichnisse in der 
epischen poesie überhaupt Avie bei den einzelnen dichtem und 
stellt eben durch diese vergleichung die kunst des Valerius in 
das rechte licht. Nach der vorliegenden berechnung hat Vale- 
rius in 5600 versen 111 gleichnisse angewendet, zeigt also in 
dieser beziehung einen grösseren reichthum als Vergil, bei wel- 
chem auf 9896 verse nur 105 vergleichungen kommen. Frei- 
lich ganz genau ist die rechnung des verf. nicht, da er einiges 
derartige übersehen hat, z. b. II, 453 (wo mit Schott ceu für 
cum zu schreiben ist), 461 (wo man ebenfalls cum in ceu ändern 
muss , vgl. meine "Studien zu Val. Flacc. p.14), IV, 531, 564 
und dgl. Es sind daher auch die folgenden zahlen vielfach 
nur als vorläufige zu nehmen. Die gleichnisse des Valerius 
sind gewöhnlich kurz gefasst, entsprechend der übrigen diction, 
wegen welcher man nicht unpassend den Valerius als den Ta- 
citus unter den dichtem bezeichnet bat; nur 15 überschreiten 
den umfang von vier versen , während sich bei Vergil unter 



234 143. Valerius Flaccus. Nr. 5. 

105 vergleichungen 42 länger ausgeführte finden. Häufungen 
von gleichnissen kommen bei Valerius dreizehnmal (eigentlich 
zwölfmal, denn VI, 334 gehört ja nicht hieher und auch 355, 
was etwa gemeint sein könnte, lässt sich nicht so fassen) vor, 
also gerade so oft wie bei Vergil , der bei freilich grösserem 
umfange zwölf solcher vergleichungen gebraucht. Bemerkens- 
werth ist, dass Valerius mit sehr richtigem tacte die meisten 
gleichnisse für die hauptfiguren seines gedichtes verwendet, wo- 
nach für Iason 22, für Medea 17 entfallen. 

In dem zweiten abschnitte spricht der verf. über die quel- 
len, aus denen die vergleichungen geschöpft sind, und unter- 
scheidet drei: mythen, natur, das menschliche leben mit seinen 
beschäftigungen, wie kunst, Jagd, schifffahrt u. dgl. Während 
nun Vergil nur vierzehnmal seine gleichnisse aus der mythologie 
geschöpft hat, hat dies Valerius 43mal gethan und zeigt sich 
so als einen gelehrten dichter. Die natur hat ihm etwa 50mal 
den stoff dazu dargeboten, wobei er allerdings wie Vergil den 
Homer nachgeahmt hat , aber viel seltener und zum theil 
mit grösserer Selbständigkeit, Der verf. giebt hierüber p. 9 
eine art tabelle, die aber nicht immer genau ist. So erinnert 
z. b. Arg. VII, 581 ff. weit mehr an Aen. XI, 624 ff. als an Aen. 

VII, 528 ff.; Aen.X, 272 ff. stimmt mehr mit Arg. V, 368 ff.,. als mit 
Arg. VI, 607 f. Welche ähnlichkeit besteht übrigens zwischen 
Arg. HI, 581 ff. und II. XU, 299 ff., Aen. IX, 339 ff.? Viel- 
leicht ist v. 587 ff. gemeint, obwohl die drei stellen nichts als 
dasselbe bild des löwen gemein haben, sonst aber ganz ver- 
schieden sind; die vergilische stelle hat Valerius VI, 613 f. 
vor äugen gehabt. Eben so wenig kann ich eine besondere 
ähnlichkeit zwischen II. XXII, 139 ff., Aen. XI, 721 ff., Argon. 

VIII, 32 ff. herausfinden; allerdings kommt an allen drei stel- 
len das bild der vom habicht verfolgten taube vor , aber die 
Situation ist überall eine wesentlich andere. Aus dem kreise 
des menschlichen lebens hat Valerius 22 vergleichungen, Ver- 
gil 16 entnommen. Ganz neue bilder bietet unser dichter frei- 
lich bloss zwei, das des eisvogels IV, 45 flg., und des bürger- 
krieges VI, 402 ff. , aber auch Vergil hat in dieser hinsieht 
nicht viel mehr aufzuweisen. Sehr bezeichnend für das grössere 
talent das Valerius im vergleiche mit seinem vorbilde Apollonios 
ist es, dass er, wie er überhaupt die gemüthszustände seiner 



Nr. 5. 143. Valerius Flaccus. 235 

helden weit mehr und viel lebendiger darstellt als sein Vorgän- 
ger und besonders in seiner Medea eine wahrhaft grossartige 
figur geschaffen hat, so auch gerade zur Schilderung dieser see- 
lenzustände dreimal so viel gleichnisse verwendet als Apollonios. 
Der dritte abschnitt handelt von der grammatischen form 
der comparationes , d. i. einerseits über den gebrauch der tem- 
pora und modi in denselben, andererseits über die Verwendung 
von pronomina, adverbien , conjunctionen bei der Verknüpfung 
des vergleichungssatzes mit dem hauptsatze. Diese darstellung 
lässt wohl manches zu wünschen übrig. Der verf. hat nämlich 
die ausgäbe von Thilo zu gründe gelegt, welcher bekanntlich 
streng an der Überlieferung festhält, und nach dessen texte man- 
che gebrauchsweisen von einzelnen partikeln oder Verbindungen 
derselben angenommen, welche dem gesammten sprachgebrauche, 
zum theil auch dem zusammenhange oder sinne widersprechen. 
Man muss hiebei noch bedenken, dass der Vaticanus, die ein- 
zige quelle des textes (denn von Codices hier zu sprechen ist 
ganz verkehrt), gerade in diesen kleinen wörtchen alle die feh- 
ler und Verwechslungen zeigt, wie sie gewöhnlich bei nachlässi- 
gen Schreibern vorkommen (vgl. meine Studien p. 75 ff.). So 
gibt z. b. der verf. an, dass I, 489 f. der vergleichungssatz 
durch „haud aliter cum" eingeleitet werde. Wo findet sich aber 
in der ganzen latinität eine ähnliche construction? Die auslas- 
sung von ac, mit welcher man sich etwa helfen könnte, ist 
eine blosse annähme, welche durch nichts bestätigt wird. Der 
verf. scheint zwar eine solche erklärung für möglich zu halten; 
denn er sagt später (p. 19): Iam Lucanus uno quod apud cum 
exstat exemplo „ac a omisit neque aliter Valerius , apud quem in- 
veniuntur „non secus quam' 1 et sie ubi — haud secus. Aber 
bei Lucanus 1 , 303 lesen wir ja die Verbindung non secus . . . 
quam si , in welcher doch von einer auslassung des ac keine 
rede sein kann. Unserer stelle hingegen ist nur zu helfen 
wenn man schreibt: abseidit haut aliter, saltus ... venator ceu lu 
stra fugit". Eben so wenig zulässig ist „sie ubi .... sie" IV, 507 
was der verf. ruhig hinnimmt , obwohl schon Thilo (Prolegg 
p. XXXV) es für unmöglich erklärt hat. Ich habe sicut .. 
urbes , turbine sie und in der ganz gleichen stelle IV, 661 si- 
cut .... artus , haud secus geschrieben (vgl. meine Studien p. 
78). Manche stelle hat der verf. auch etwas oberflächlich an- 



236 144. Horatius. Nr. 5. 

gesehen, z. b. I, 704, wo nach seiner angäbe haut secus cum 
den vergleichungssatz einführt , während doch haut secus mit 
infremuit, hingegen cum mit prosiluit verbunden werden muss. 
Den beschluss machen Animadversiones criticae, in welchen vier 
stellen, nämlich III, 737 ff., IV, 714ff, VI, 256 ff., VII, 560ff., aber 
ohne erfolg behandelt sind. Merkwürdig ist hiebei, dass der vf., 
welcher sich gescheut hat, eine kleine partikel zu ändern, bei diesen 
stellen zum theil sehr kühn und willkürlich vorgeht. So will 
er III, 738 f. sedet inde viis inclusaque longo pervigilant castella 
rnetu in sedet indignans incensaque longo pervigil ante cubile metu 
verändern, während doch die Überlieferung ganz heil ist. Und 
wie matt wäre dies indignans, wie verkehrt das incensa longo 
metu" } da doch die löwenmutter nach verlast ihrer jungen nichts 
mehr zu fürchten hat. Die conjectur zu IV, 715 f. litora, neo 
tantas oris Tyrrhenus et Aegon volvat aquas, geminis et desint 
Syrtibus undae ist mir unverständlich. Wenn der verf. meine 
vermuthung tenues für tantas anführt , so hätte er doch auch 
erwähnen müssen , dass ich et desint in vel desint umgeän- 
dert habe. Auch mit dem Vorschlag dies für axis VII, 560 
ist nichts geholfen ; denn axis ist, wenn man es richtig erklärt, 
durchaus nicht sinnlos (vgl. meine Studien p. 84). 

Karl Schenlcl. 

144. De interpolationibus in carminibus Horatii certa ra- 
tione diiudicandis scripsit S. Heyne mann phil. dr. 8. Bon- 
nae apud Adolphum Marcum. 1871. IV und 72 s. 

Eine tüchtige arbeit und unter den neueren Horatianis 
eine höchst erfreuliche erscheinung. S. Heynemann, ein Schü- 
ler Haupts , wie man auch ohne das ausdrückliche zeugniss p. 
17 erkennen würde, steht auf dem durch Lachmann, Meineke, 
Haupt und Lucian Müller repräsentirten Standpunkt und hat 
dabei den nicht zu unterschätzenden vorzug der Selbständigkeit 
des urtheils. Die schrift zerfällt in drei abschnitte: einleitung, 
p. 13, Übersicht der geschichte der horatianischen textkritik 
von Guiet bis L. Müller, p. 8 und kritische metbode — sit ve- 
nia verbo • — Peerlkamps, p. 13. Sodann folgt die eigentliche 
abhandlung, deren erster theil nach dem grundsatz Non pugnan' 
tia secum poeta loquitur eine reihe von stellen aus den öden 
(auf diese beschränkt sich die schrift) als interpolirt verwirft, 



Nr. 5. 145. Phaedrus. 237 

die mit ausnähme von II, 20, 17—20, III, 30, 10—12 (Peerl- 
kamp allein verdächtigte bisher v. 1 1 und 12) und der be- 
sonders ausführlich und scharfsinnig behandelten IV, 8 sämmt- 
lich bereits in den texten von Meineke, Haupt nnd L. Müller 
als unecht bezeichnet sind. Giebt der vf. somit auch nur an den 
letztgenannten stellen neues, so erwuchs ihm doch die fähigkeit 
dazu wesentlich aus dem eingehenden Studium seiner Vorgänger, 
deren methode in ihren resul taten nachgewiesen und weiter 
verfolgt zu haben ein entschiedenes verdienst ist. Nicht zu 
billigen dagegen ist die hier und da auftretende herbigkeit des 
urtheils ; behauptungen wie: Orellium — cuius totus commentarius 
minoris pretii est quam ipsi errores Peerlkampii, sind weder neu 
noch wahr. Dass die literatur in weiterem umfange benutzt 
ist, als die citate erweisen , bedarf keiner entschuldigung j in 
zwei significanten fällen muss indess die nichterwähnung Kel- 
lers und A. Kiesslings auffallen. Der zweite theil behandelt die 
fragen über die entstehungszeit und die characteristischen merk- 
male der Interpolationen, und endigt mit dem kritischen canon 
p. 70: Nego ullum locum probabiliter suspectari nisi talem, qui 
licet non posse a poeta scriptus esse non demonstretur, tarnen et ha- 
beat quiddam, in quo gravüer offendas, et ad genus illud quod de- 
lineavi amplificationum variationum interpretationum pertineat et ita 
segregari possit, ut neque lacunosum carmen relinquatur neque opus 
fiat transpositionibus. Eine Zusammenstellung der loci de interpo- 
latione suspecti bildet den schluss. Dem verf. steht eine klare 
und anschauliche darstellung zu geböte, deren reiz durch ein 
fliessendes latein erhöht wird. Die ausstattung der schritt, die 
durch marginalcompendien an Übersichtlichkeit gewinnt, macht 
der verlagshaudlung ehre. 

Th. Fritzsche. 

145. Komulus, die paraphrasen des Phädrus und die äsopi- 
sche fabel im mittelalter. Von Hermann Oesterley. Ber- 
lin, Weidmannsche buchhandlung, 1870. 1 — XXXVII und 38— 
124 s. 

„Die vorliegende arbeit hat einen doppelten zweck: erstens 
einen philologischen, die möglichste nutzbarmachung der älte- 
sten prosaauflösungeu des Phädrus für die textkritik der phä- 
drianischen fabeln; zweitens einen literärgeschichtlichen , die 



238 145. Phaedrus. ffr. 5. 

darlegung der historischen gestaltung und entfaltung sowohl des 
Romulus selbst, des einflussreichsten unter den paraphrasten 
des Phädrus, als auch der späteren ausflüsse und erweiterungen 
des Romulus, eine darlegung also von der geschichtlichen eut- 
wicklung der sogenannten äsopischen fabel im mittelalter''. Mit 
diesen worten beginnt die einleitung des oben genannten Werkes. 
Der zweite der hier angegebenen gesichtspunkte hat ein mehr 
allgemeines, literarhistorisches interesse ; es sei uns desshalb ge- 
stattet, ohne der Wichtigkeit des buches in dieser beziehung zu 
nahe treten zu wollen, uns auf ein paar bemerkungen rein phi- 
lologischen inhaltes zu beschränken. Der text der sogenannten 
paraphrasen des Romulus war bis jetzt im wesentlichen nur 
nach jüngeren Handschriften und einer im 1 7. Jahrhundert durch 
Guden gemachten und jetzt in Wolfenbüttel befindlichen ab- 
schritt des verschollenen Divionensis bekannt, welcher angeb- 
lichs aus dem .12. Jahrhundert stammte. Oesterley hat nun im 
britischen museum einen codex Burneianus des Romulus aus 
dem 10. Jahrhundert gefunden, welchen er in der weise seinem 
text zu gründe legt, dass er ihn bis auf einiges in den noten 
bemerkte buchstäblich genau abdruckt. Der Divionensis stimmt 
mit diesem text in allem wesentlichen, überdies in vielen schreib- 
und lesefehlern genau überein. Die dritte quelle des textes ist 
eine handschrift aus Weissenburg, jetzt in Wolfenbüttel als co- 
dex Gudianus, aus der bereits einiges mitgetheilt wurde von 
L. T r o s s ad Iulium Fleutelot de codice Weissenburgensi epistola. 
Hamm, 1844. Sie euthält einen sich enger an Phädrus an- 
schliessenden text, welcher nach Oesterley gradezu auf eine 
allerdings defekte und interpolirte Phädrushandschrift als mit- 
telbare quelle zurückzuführen ist; sie hat jedoch später noch 
durch correkturen und rasuren grosse änderungen erfahren. Tu 
einer appendix haben bei Oesterley die zahlreichen fabeln platz 
gefunden, welche in dem Burneianus und Divionensis nicht er- 
halten sind und fast alle sich nur in jüngeren haudschriften 
finden. 

Der gewinn für die texteskritik der im codex Remensis, 
Pithoeanus und bei Perotti erhaltenen fabeln des Phädrus ist 
uunseres erachteus ausserordentlich dürftig; Oesterley legt in 
dieser beziehung den paraphrasen viel zu grosse Wichtigkeit 
bei. In vereinzelten iällen finden wir freilich eine fast wört- 



Nr. 5. 145. Pbaedrus. 239 

liehe Wiederholung, z. b. Phaedr. 5, 9 M. app. 2 Oesterl. ; da- 
gegen auch so freie paraphrasen selbst in dem von Oesterley 
besonders hervorgehobenen Wisseburgensis, dass der unverdorben 
überlieferte text des Phädrus einen ganz anderen sinn gibt, z. 
b. Phaed. 1, 21 vergleiche man die drei letzten verse : at ille 
expirans : fort es indigne tuli mihi insultare: te, naturae dedecus, 
quod ferre cogor , certe Ms videor mori, mit nachstehender para- 
phrase bei Oesterl. 1, 15: Et ille cum gemitu suspirans sie di- 
xisse fertur: cum esset virtus mea, fuit honos fuit timor, ut omnes 
viso me fugerent et opinio ipsa terreret plures, Quos cum benevo- 
lus non laesi, quibus et auxiliator fui, ipsi malignantur mihi et quia 
sum sine viribus, nullus est honor pristinus. Da sich die para- 
phrasen in diesem weiten rahmen bewegen, befinden wir 
uns, offenbar , wenn wir dieselben bei emendationen des Phä- 
drus zu gründe legen wollen , auf einem äusserst schlüpfrigen 
boden und es ist gar nichts damit gewonnen, dass wir in ein- 
zelnen wortconstellationen des stark abweichenden textes der 
paraphrasen sehr leicht anklänge an iambische verse herausfin- 
den können. So bringt Tross a. a. o. p. 13 in der sehr freien 
paraphrase von Phädr. 1, 13 (2, 12 Oesterl.) mit leichter Um- 
stellung folgenden vers zu stände : sie et deripiunt vestrae me 
fallaciae. Die fabel ist jedoch bei Phädrus in sich durchaus 
teres atque rotunda und es würde eine ganz fehlerhafte kritik 
sein, durch gewaltige interpolationen und zum theil selbstge- 
machte verse eine Übereinstimmung zwischen dem paraphrasten 
und dem dichter herbeiführen zu wollen. Wichtiger sind un- 
streitig die paraphrasen der verlorenen fabeln. Wir lernen auf 
diese weise wenigstens den in halt vieler kennen. Was jedoch 
die form derselben betrifft, so ist im wesentlichen richtig das 
urtheil von L. Müller in seiner vorrede zu Phädrus p. vn: 
-operam vanam (die Wiederherstellung der bezeichneten fabeln) 
nee aut Phaedro aut ipsius studiosis profuturam cito damnavit ani- 
mus. Nur für ganz vereinzelte fälle kann diese behauptung 
nicht gelten, z. b. bei app. 1 Oesterley, wo der text der para- 
phrase sich von der ursprünglichen poetischen form nicht ent- 
fernt, einzelne änderungen ausgenommen , die jedoch den um- 
fang gewöhnlicher corruptelen nicht überschreiten. Fassen wir 
das gesagte zusammen, so ergiebt sich, dass von einer verwer- 
thung der paraphrasen für die kritik des Phädrus kaum die 



240 146. Sallustius. Nr. 5. 

rede sein kann, dass ferner Oesterley auf einem ganz verkehr- 
ten Standpunkt sich befindet, wenn er p. xv sagt: „bei einer 
demnächst etwa vorzunehmenden ausnutzung des damit nutzbar 
gemachten wird als gruudsatz festgehalten werden können, dass 
im grossen und ganzen der Wisseburgensis dem Burneianus und 
Divionensis als controle dient, also alles ihnen gemeinschaftli- 
che als unzweifelhaft dem Phädrus angehörend betrach- 
tet werden muss". Die Pbädrushandschriften selbst müssen also 
gegen die paraphrasen überhaupt zurücktreten! 

146. Bemerkungen über die einleitungen zu Sallust's bel- 
lum Catilinarium et Jugurthinum von Rud. Kuhn. Beilage 
zum programm des grossherzoglichen gymnasiums zu Tauber- 
bischofsheim 1868. 8. 

Obschon etwas älteren datums verdient doch diese ziem- 
lich gut geschriebene abhandlung, dass die betrachtung auf sie 
gelenkt werde; denn sie betrifft eines der schwierigsten pro- 
bleme für die interpretation des Sallustius. Ausgehend von dem 
alten und noch immer nicht ganz gelösten widerstreite der mei- 
nungen über den persönlichen und schriftstellerischen Charakter 
des autors glaubt der vf. in dem nachweise des Zusammenhan- 
ges der proömien mit den werken und der person des Sallu- 
stius einen beitrag ,,zur richtigeren und für den Schriftsteller 
günstigeren beurtheilung liefern zu können". Aber die ausfüh- 
rung dieses Vorwurfes entbehrt der durchdringenden schärfe kri- 
tischer beobachtung und lässt bei aller ausfiihrlichkeit in der 
paraphrase des einzelnen doch gerade den gesuchten nachweis 
des geistigen bandes vermissen. Der in beiden proömien do- 
minirende grundgedanke, den Sallustius seinem materiell gesinn- 
ten Zeitalter wiederholt einschärft, lässt sich in die worte fas- 
sen: der geist ist es, der lebendig macht. Diese in der erzäh- 
lung beider monographieen mehr negativ angedeutete philoso- 
phische gruudanschauung des autors ist in den einleitungen po- 
sitiv mit beziehung sowohl auf das dasein des einzelnen als auf 
die grossen Verhältnisse des Staatslebens durchgeführt und nach 
einem rhetorisch nicht tadellosen Übergänge mit der darlegung 
des individuellen Standpunktes des autors abgeschlossen. Die- 
ser schluss dient in doppelter weise einer apologetischen ten- 
denz, indem Sallustius eine historische rechtfertigung dafür giebt, 



Nr. 5. 146. Sallustius. 241 

dass und wie er geschiente zu schreiben unternommen hat. So 
weit reicht die geschichte beider proömien ; ist sie von dem 
vf. nicht deutlich genug markirt , so ist die für die vorliegende 
aufgäbe noch wichtigere Verschiedenheit derselben nicht einmal 
angedeutet. Versuchen wir es , sie in kürze zu charakterisiren. 
Die behandlung erscheint im proöraium zum Catilina objeetiver 
in den gedanken, ruhiger im ausdruck , während die einleitung 
zum Jugurtha subjeetiver gehalten ist und einen gereizteren 
ton annimmt. Die polemik bricht hier offen durch : wie in den 
anfangs Worten 1, 1 falso queritur genus humanuni, so in der per- 
sönlichen Wendung 1, 4 suam quisque eulpam auetores ad negotia 
transferunt, und insbesondere in dem bitteren satze 4, 3 atque 
ego credo fore qui, quia decrevi proeul a re publica aetatem agere, 
tanto tamque utili labori meo nomen inertiae inponant, certe quibus 
muxuma industria videtur salutare plebem et conviviis gratiam quae- 
rere. Man wird nicht irre gehen, wenn man, obgleich diese 
worte sich nur auf die möglichkeit eines missverstandnisses 
von seite andersdenkender beziehen, zwischen den Zeilen einen 
hinweis auf eine bereits wirklich eingetretene verkennung 
der bestrebungen des Sallustius herausliest. Und hierin liegt 
der Schlüssel zur auflösung der frage, warum Sallustius bei sei- 
nem ersten auftreten als historiker und schriftsteiler ein raisonni- 
rendes hors d'oeuvre als einleitung für nothwendig halten konnte, 
warum er bei seiner zweiten historischen arbeit die im ersten 
werke bereits dargelegten grundgedanken wiederholen mochte, 
endlich warum er unwillkürlich dazu kam, dieselben hier mehr 
zuzuspitzen und zu verschärfen. Man vergleiche zum beweise für 
den letzteren punkt nur die gegenüberstellung der staatsmännischen 
und schriftstellerischen thätigkeit im Catilina und die im Jugurtha : 
Cat. 3, 1 pulchrum est bene facere rei publicae: Jug. 3, 1 magi- 
stratus et imperia, postremo omnis cura verum publicarum minume 
mihi hac tempestate cupiunda videntur ; Cat. 3, 1 bene 
dicere haud ab sur dum est: Jug. 4, 1 magno usui est me- 
moria rerum gestarum. Dass mit solchen theoretischen erörte- 
rungen in einer historischen monographie das künstlerische 
mass überschritten wird , hat Sallustius selbst erkannt und in 
einer für den rhetorischen techniker nicht befriedigenden , dem 
fühlenden menschen aber vollauf genügenden weise mit den 
Philol. Anz. IV. 16 



242 147. Sallustitts; Nr. 5. 

vielsagenden Schlussworten Jug. 4, 9 entschuldigt: verum ego 
liberius altiusque processi , dum me civitatis morum piget taedetque. 
_ 

147. Sallust's bedeutung in der römischen literatur vom 
prof. Karl Stejskal. Programm des k. k. deutschen gym- 
nasiums in Olmütz. 1870. 8. 

Der verf. scheint den sinn seines dankbaren themas nicht 
verstanden zu haben. Denn nach einer sehr allgemeinen be- 
merkung über die vielen Sallustausgaben wirft er die frage auf: 
„worin liegt der grund der so vielseitigen und zahlreichen (!) be- 
schäftigung gerade mit diesem geschichtschreiber? Woher diese 
seine bedeutung in der römischen literatur?" — Als ob die 
beschäftigung der um viele Jahrhunderte später lebenden mit 
einem autor und die bedeutung desselben für seine literatur 
identisch wären! ,,Die Ursachen dieser erscheinung dürften in 
etwa folgenden gründen (!) zu suchen sein: 1. ist Sallust ein 
geistreicher, ebenso anziehender als anregender und belehrender 
Schriftsteller, . . . den, wie der vortreffliche schuhuann K. F. 
v. Nägelsbach in seiner Gymnasialpädagogik schreibt (richtiger: 
zu sagen pflegte), jeder philologe wenigstens einmal im jähre 
lesen sollte." — Also weil ein schulmanu vor zwanzig jähren 
gerathen hat, fleissig Sallust zu lesen, darum — es ist wenig- 
stens ein grund — darum sind seit vierhundert jähren so viele 
ausgaben erschienen und darum ist Sallust so bedeutend in der 
römischen literatur gewesen! ,,2. Die unsicheren nachrichten 
über die Verfasser seiner biographie(I), die Schreibart seines na- 
mens Salustius und Sallustius (!) , sein name und beiname und 
die umgekehrte folge derselben in Überschriften (!) " — So geht 
es fort : im ganzen sind es fünf gründe, die der verf. vorbringt. 
Hierauf wird die berechtigung der ,, günstigen und ungünstigen 
urtheile über Sallust" in sechs abschnitten mit derselben logik 
und der gleichen Unterscheidung des wichtigen und unwichtigen, 
wie sie aus den gegebenen proben erhellt, untersucht. Aeusse- 
rungen, wie die p. 7, dass zu Sallust's zeit „in Kom, wie von 
jeher, noch immer vorzugsweise die geschichte und bered- 
samkeit . . . gepflegt wurden", deuten auf eine originelle an- 
sieht von der entwicklung der römischen literatur , deren an- 
fange sonst wohl später angesetzt werdeu. Leider lässt sich 
aber an der auf Sallust selbst bezüglichen darstellung originali- 






Nr. 5. 148. Livius. 243 

tat nicht rühmen; vielmehr werden die vom verf. benutzten 
arbeiten über Sallust bis auf stilistische Wendungen ausgebeutet 
Dagegen sind die endlos sich fortwindenden sätze, ferner phra- 
sen wie die p. 18 von der „völligen Vertrautheit des Sallust 
und Thucydides" eigenthum des verfs. Auch die Verwechse- 
lung von Karl Friedrich und Gottfried Hermann p. 5 scheint 
nicht entlehnt zu sein. 

148. Die hauptpunkte der livianischen syntax. Für das 
bedürfniss der schule entworfen von Ludwig Kühn ast. Zweite 
mit einem überblick über die lateinische formenlehre und mit 
Sammlungen zur livianischen Stilistik uud glottographie ver- 
mehrte bearbeitung. Zweite hälfte, Berlin, W. Weber. 1872. 
p. 193—402. 8. — 1 thlr. 

Jetzt erst, nachdem das werk von Kühnast abgeschlossen 
vorliegt, lässt sich die volle bedeutung desselben ermessen. 
Das lob, welches seiner zeit in dieser Zeitschrift (bd. III, 1871, 
2, p. 84 — 90) aus vollster Überzeugung der ersten hälfte ge- 
spendet worden, verdient in gleichem, in gewisser beziehung 
noch in höherem grade die zweite. Beide theile enthalten die 
reichsten, sorgfältigsten Sammlungen und sind eine wahre fund- 
grube für lexicographie und grammatik, aber der zweite bietet 
dem in der literatur des Livius bewanderten noch viel mehr 
neues als der erste. Ich meine damit hauptsächlich die an- 
hänge, von denen der erste von p. 273—331 die liviani- 
sche Stilistik (pleonasmus , ellipse, brachylogie, asyndeton 
und polysyndeton, die construction anh xouov, zeugma, hendia- 
dys, enallage, die metapher , die specifisch rhetorischen figuren, 
Wortstellung und periodenbau), der zweite von p. 331 bis zum 
schluss die dem Livius eigenthümlichen oder von ihm zuerst 
oder mit besonderer Vorliebe angewendeten Wörter und con- 
structionen, nach Wortklassen geordnet, aufführt. Der aus- 
drücklichen erklärung des Verfassers (p. 273 anm.), dass diese 
beiden anhänge in noch geringerm masse als die voraufgehende 
syntax anspruch auf Vollständigkeit erheben könnten , hätte es 
gar nicht bedurft. Noch besitzen wir für keinen lateinischen 
Schriftsteller vollständige stilistische Sammlungen — auch Drä- 
ger' s syntax des Tacitus wird diese prätension nicht erheben, 
— : wie wäre es auch möglich eine nur annähernd vollständige 

16* 



244 148. Livius. Nr. 5. 

Zusammenstellung der stilistischen eigenthümlichkeiten gerade 
des Livius zu geben ? Ebenso wenig liegen für eine arbeit, 
die es sich zur aufgäbe gestellt die lexikalischen eigenthümlich- 
keiten des Livius zu behandeln, zur zeit noch die nöthigen 
vorarbeiten vor weder für Livius selbst noch für die Schriftstel- 
ler, mit denen es gilt ihn zu vergleichen. 

Aber es ist ja auch zu vielen zwecken Vollständigkeit der 
Sammlungen gar nicht erforderlich. Sie ist dann unerlässlich, wenn 
bestimmt formulirte sätze deducirj, und in strittigen fragen das Züng- 
lein der entscheidung auf die eine oder andere seite gezogen wer- 
den soll. Aber daraufhat es Kühnast gar nicht abgesehen, weniger, 
als es sicher manchen ungeduldigen lesern lieb sein wird, die sich 
gern durch präcis gefasste Schlussparagraphen der mühe, die 
vorausgehenden abschnitte durchzuarbeiten , überhoben sehen 
würden. Ihm kam es darauf an, die geistige eigenthümlichkeit 
des Livius, seine stilart, die kunstmittel seiner rhetorik, seinen 
Wortschatz und die art, wie er mit demselben schaltet, insbe- 
sondere den einfluss, den das Studium der griechischen literatur 
auf die ausbildung seiner Schreibweise geübt hat, durch eine 
reich gegliederte und sorgfältig distinguirende beispielsam m- 
lung zu illustriren. Nur selten zieht er selbst die endresul- 
tate (wie z. b. p. 301); meist übt er die resignation, reihen 
von beweisstellen aufzuführen — die frucht langjähriger, müh- 
samer Sammlung, — ohne dem leser vor äugen zu führen, wie 
werthvoll diese bausteine sind und was nacharbeitende forscher 
dereinst aus ihnen machen können. 

Am werthvollsten ist meines erachtens der äusserst reich- 
haltige abschnitt über die metaphern des Livius (p. 293 — 
302) und die glott ographische Zusammenstellung p. 
335 — 384, an die sich ein verzeichniss der „seltnen Wörter bei 
Livius" anschliesst, welches dem literarhistoriker und lexicogra- 
phen, der versteht zwischen den zeilen zu lesen , viel zu den- 
ken geben wird , wie nicht minder die bei gelegenheit der be- 
sprechung der metapher (p. 298 anm.) beiläufig gegebene Zu- 
sammenstellung von zumeist bildlichen ausdrücken, welche sich 
bei anderen Schriftstellern der classischeu zeit, nicht aber 
oder wenigstens nicht metaphorisch bei Livius finden. 
Derartige Zusammenstellungen sind, dafern sie anders sorgfältig 
sind, im höchsten grade instruktiv, wenn man sich auch hüten 



Nr. 5. 148. Livius. 245 

muss, sofort bestimmte satze aus denselben herleiten zu wollen. 
Jedenfalls regen sie den forscher an, causalzusammenhänge auch 
da zu suchen , wo der flüchtige betrachter nur ein spiel des 
zufalls zu sehen vermag. In diesen capiteln — um nur auf 
eines hinzuweisen — stösst der leser hier und da auf einzel- 
heiten, die den eindruck des Provinzialismus, der patavinitas, 
machen, während die syntax und Stilistik nur sehr wenige Sin- 
gularitäten aufweisen, welche nicht als nachbildungen dichteri- 
scher oder griechischer ausdrucksweise und als gemeingut der 
rhetorischen geschichtsschreibung bezeichnet werden könnten. 

Doch nun noch einige einzelheiten, damit man ersehe, dass 
ref. in dem fleissigen buche nicht bloss geblättert hat. P. 196 
stehen wohl nur aus versehen quidvis und quavis unter den all- 
gemeinen relativen, ,,die im classischen latein selten ohne ver- 
bum vorkämen", während man den hinweis auf das zuerst (?) 
bei Livius in prosa vorkommende quantuslibet vermisst. — P. 
2 00 sind die auseinandersetzungen über quisque nicht erschö- 
pfend. Zu den von Weissenborn zu 4, 58, 13 und 45, 38, 
12 angeführten stellen, wo quisque keine der üblichen stü- 
tzen hat, ist ausser 26, 44, 9 noch 24, 45 , 4 libera de quoque 
arbitria, 21, 58, 10 quisque inops und 34, 34, 7 respicienda 
cuique domestica nachzutragen, wenn auch an der letztgenannten 
stelle das voraufgehende omnes (s. Fabri - Heerwagen zu 21, 
45 , 9) dem sinne nach als stütze des distributiven prono- 
mens angesehen werden kann. Die assimilation an das vor- 
aufgehende reflexiv findet sich 3, 22, 6 suae cuique parti\ 
25, 17, 5 suae cuique genti, 24, 3, 5 sui cuiusque generis 1 ). 
Etwas anderer art ist 33 , 46, 9 suo quoque anno. Zwi- 
schen dem (voraufgehenden) relativum und dem reflexivum ist 
quisque gestellt 5 , 20, 8 ; 6 , 25, 9 ; 22, 7, 10 5 32, 19, 
9-, dem reflexivum steht es einfach nach 21, 48, 2; 28, 
22, 15; 33, 45 , 6 ; 37, 54, 19; 42, 53, 3, während es 
sonst immer (?) bei Livius die regelrechte Stellung vor demsel- 
ben einnimmt. Der grund der ungewöhnlichen Wortfolge ist 

1) Auch ohne reflexiv gewähren genus und modus dem pronomen 
quisque genügende stütze, was beiläufig erwähnt werden mag, da die 
gangbaren lehrbücher diesen fall zu übergehen pflegen. Vgl. cuius- 
que generis Nep. 17, 8; Sali. Cat. 24, 3; 28, 4; 40, 6; Caes. BC. 1, 
51, 2; 3, 63, 6; BG-. 5, 12, 5; cuiusque modi Sali. Cat. 39, 6; Jug. 
75, 4; Flor. 3, 4, 2 u. aw. 



246 148. Livius. Nr. 5. 

offenbar an allen fünf stellen ein rhetorischer, nämlich das voran- 
gehen eines betonten mehrsilbigen Substantivs. Noch sei nachge- 
tragen, dass sich quaeque als femin. pluralis 32, 16, 9; 39, 31, 
12; quosque auch 4, 56, 7 findet, während quique 42, 44, 1 und 
quisqne = quibusque 24, 16, 17 nur zweifelhafte lesarten sind. 
Den plural des Substantivs verbindet Livius mit dem singulari- 
schen quisgue, z. b. 21, 48, 2 in civitates quemque suas; desgl. 
25, 12, 2; 42, 58, 4 und 64, 2. Offenbar war es gar nicht 
absieht des Verfassers, das vorkommen dieses prouomens bei 
Livius erschöpfend zu behandeln ; das könnte auch nur in einer 
umfänglichen monographie geschehen. — P. 2 1 1 postquam c. imper- 
fecta ist im classischen latein nicht so selten, als es nach der be- 
merkung des vf. a. a. o. scheinen könnte, vgl. Cic. p. Quint. 70 
postquam poterant ; p. Rose. Com. 30 postquam explodebatur ; Caes. 
BG. 7, 87, 5; BC. 3, 58, 5 ; 3, 60, 5. — P. 2 2 7 der anwen- 
dung der zweiten person conj. präsentis für den imperativ zieht 
der verf. doch zu enge grenzen ; sogar ein an eine bestimmte 
einzelne person gerichtetes gebot oder verbot wird biswei- 
weilen in dieser weise ausgedrückt [so Cic. Off. 3, 2, 6 fac ut 
efficias neve committas; de Nat. d. 2, 74 nolitote — et mehercule 
ne experiamini quidem; ad Att. 13, 23, 3 ne existimes; ebendas. 
14, 1, 2 ne pigrere; Epp. ad fam. 9, 26, 1 vivas in literis; eben- 
das. 14, 4, 3 conßrmes, adiuves; ad Att. 1, 17, 11 eures; eben- 
das. 10, 15, 4 literas des], allgemeine aufforderungen oder 
verböte aber allerwärts häufig. Jedenfalls hat der verf. den 
letzteren fall bei seinem satze : „bei Cicero sehr selten und viel- 
leicht nur im briefstil" stillschweigend ausgeschlossen. S. über 
diesen ganzen punkt Teipel, praktische anleit. z. übersetzen 
cp. I, p. 12; II, p. 55, wo freilich irrthümlich auch einige ab- 
sichtssätze (ne putes, ne mireris u. ä.) als imperativsätze aufge- 
führt werden. — P. 2 41. Ausser BG. 6, 24, 1 hat Cäsar 
cum mit conjunktiv nach fuit tempus und gleichartigen Wendun- 
gen auch anderwärts z. b. BG. 1, 23, 1; BC. 3, 1. Vgl. 
Proksch, gebrauch der nebensätze bei Cäsar, progr. v. Bautzen 

1870, p. 24. — P. 2 43. Für die besprechung der hypothetischen 
Sätze wird bei einer zweiten aufläge zu berücksichtigen sein die 
unlängst erschienene arbeit ven Günther, die formen der hypo- 
thesis aus Livius für den schulgebrauch entwickelt, 4 Bromberg 

1871. — P. 2 44. Die bemerkung, dass quamvis ohne ver- 



Nr. 5. 148. Livius. 247 

bum bei Cicero selten sei, ist in dieser form schwerlich stich- 
haltig. Bekanntlich findet sich diese conjunktion gerade bei 
ihm äusserst häufig, gewissermassen adverbiell gebraucht, ohne 
verbum in unmittelbarem anschluss an adjectiva (Cato maj. 
4; Tusc. 3, 73; 5, 46; p. Rose. Am. 47; Off. 2, 69; 3, 19; 
Verr. 3, 224; de Orat. 2, 131; de Legg. 3, 24; Lael. 91 u. ö\), 
oder adverbia (Tusc. 1, 47; 4, 57; p. Rose. Am. 91; de Or. 
3, 101, wo quamvis und dicatur nicht zusammengehören; Verr. 
2, 134 u. ö.). Auf derselben seite war die notiz über das vor- 
kommen von quamvis mit dem conjunktiv bei Cicero bestimm- 
ter zu fassen; es steht fest de Legg. 3, 18; Tusc. 5, 85 ; Fin. 3, 
70; Orat. 183, wo überall der conjunktiv potentiell zu fassen 
ist; Off. 1, 6 hat Orelli den indikativ reeipirt; de Orat. 3, 27 
findet der conjunktiv durch das oblique Satzgefüge seine erklä- 
rung. — P. 2 4 7. Bei besprechung des von adjektiven ab- 
hängigen infinitivs war der dichtergebrauch mehr zu berücksich- 
tigen. Reiche Sammlungen hierfür enthalten die arbeiten von 
Kubier , de infinitivo ap. Roman, poetas a nominibus adjeetivis 
apto, Berol. 1861 und H. Merguet , de usu syntactico infinitivi 
latini, maxime poetico. Itegimonti, diss. inaug. 1863. 8. — P. 2 5 2. 
Auch Cicero verbindet eunetari mit dem infinitiv Tim. 3 non 
eunetandum profiteri; p. Balb. 8 euneter agere; an beiden stellen 
ist der satz (der form oder dem sinne nach) negativ. — P. 
2 6 7. Das über den gebrauch des attributiven part. perf. passivi 
zur Umschreibung eines abstrakten substantiv's gesagte (terruit 
animos extinetus ignis , transportati milites causa fuere und dgl.) 
lässt sich vervollständigen aus Lübbert's akademischer schrift 
Comment. syntaet. part. L, Giessen 1871. — P. 2 7 1. Zu 
emensus mit passivem sinn macht Kühnast die bemerkung: ,, nicht 
vor Livius". Zu erwähnen war wenigstens Mommsen's geist- 
volle, von mehreren neueren herausgebern gebilligte conjektur 
zu Caes. BC. 1, 5, 2 toto denique emenso spatio für oetavo de- 
nique mense und hinzuweisen auf den passiven gebrauch von 
dimensus BC. 2, 19, 6; 4, 17, 3; Cic. Orat. 38 und Cato 59, 
wo sogar esse dabei steht (wie de Orat. 2, 118 meditatum esse 
sich findet); auch das simplex mensus findet sich passivisch ge- 
braucht de Nat. d. 2, 69. Vgl. die reichhaltige Zusammenstel- 
lung von Tischer zu Cic. Cato §. 4. — P. 3 1 7 die Stellung 
der präposition ex hinter dem relativ war als „äusserst selten 



248 148. Livius. Nr. 5. 

zu bezeichnen; 35, 12, 10 wird sie gemildert durch den nach- 
folgenden comparativ. Vgl. eo cum maiore 33, 2, 4; 36, 36, 7 
(wo die lesart schwankt) und quam in optimo Cic. Finn. 5, 26 ; 
quam de variis, ebendas. 4, 13 ; überall liegt derselbe rhetorische 
grund zur inversion vor , der auch in den demonstrativverbin- 
düngen tarn ex nobili , Verr. 4, 96; tarn in paucis 5, 127 u. ä. 
gewirkt hat. — P. 3 19. Drei verschiednen sätzeu angehö- 
rige verba unmittelbar hinter einander hat vor Curtius verein- 
zelt schon Cicero: so de Or. 2, 112 ab Ulis causis , in quibus, 
qualis quaeque res sit, disceptatur, seiungunt. — P. 3 2 4. Bei 
der behandlung der inconcinnität konnte wohl darauf hingewie- 
sen werden, dass Sallust hierin wacker vorangegangen war; 
bei diesem ist das vermeiden paralleler syntaktischer Wendungen 
geradezu manier; er ist hierin der entschiedene Vorgänger 
des Tacitus. Die classiker dagegen opfern häufig sogar logi- 
sche und grammatische richtigkeit zu gunsten des parallelismus 
auf, wie dies denn auch Sallust, Tacitus und Livius (s. die 
ausleger zu 24, 45. 3 aliunde stet, aliunde sentiat) bisweilen 
thun. — P. 3 51. Bei mox = paullo post war auf extemplo 
— mox 40, 48, 6; jprimo — mox 33, 8, 10; ibi — mox — tum 
39, 2, 4 hinzuweisen, s. Hand. Turs. III, 657. — P. 35 8 
wird beiläufig unter Verweisung auf Weissenborn zu 32, 31. 5 
non ita ut = „so dass a gesprochen. Es sei erlaubt, bei dieser 
gelegenheit die gewöhnliche schulregel, dass ita ut = so dass 
nur statthaft sei, wenn beide worte durch quidem, tarnen u. dgl. 
getrennt oder ita sich eng an ein wort des hauptsatzes (zumal 
sed) anschliesse, in etwas zu modificiren. Ita ut einfach = 
ut steht sicher Cic. p. Marc. 12; p. Sest. 100; ad Att. 12, 
19, 2 2 ); Caes. BC. 1, 12, 1; 1, 38, 5; BC. 2, 9,1; 
3, 27, 2; Liv. 8, 7, 1 ; 8,31, 5; 9, 32, 9; 10, 29, 7; 23, 
35, 15; 27, 20, 6; 27, 22, 2; 28, 11, 13; 32, 31, 5; 39, 8, 
8 und öfter anderwärts. Vgl. auch Lepid. in Cic. Epp. 10. 
34, 1. Bei Nepos und Sallust scheint diese Verbindung nicht 
vorzukommen, dagegen findet sie sich, zum theil sehr häufig, 

2) Absichtlich übergangen sind stellen wie edixit ita ut, ad Att. 11, 
7, 2; et quidem ita, ut Finn. 3, 58; compositis rebus iüi, ut Curt. 4, 7, 
5. Selbstverständlich lässt sieh oft schwer entscheiden, ob ita zu ei- 
nem worte des hauptsatzes zu beziehen sei oder nicht. Aber an ei- 
nigen der oben angeführten stellen steht offenbar ita mit dem 
hauptsatze in keiner engeren beziehung als unser tonloses „so" in: 
„so dass". 



Nr. 5. 148. Livius. 249 

bei Varro, Vellejus , Curtius , Seneca, Columella, Justin und 
späteren. Ferner findet sich sie ut(i) in gleicher weise ge- 
braucht Cic. Brut, 302; Caes. BG. 2, 32, 4; 5, 17, 2(?); 5, 
51, 5; 5, 11, 2; BC. 2, 16, 2 ; 3, 80, 6 ; Nep. 15, 2. Phaedr. 
Append. 3, 9, 7 und adeo ut Caes. BC. 1, 80, 5; 2, 28, 1 ; 
3, 58, 3; 3, 82, 2; Epp. ad Q. fr. 1, 2, 15; Nep. 2, 1, 1; 
10, 9, 4; Liv. 2, 57, 2; 5, 13, 1; 44, 2, 12; Vell. 1, 18, 1; 
2, 55, 3; 2, 87, 2; 2, 103, 4 3 ). Ausserdem haben, was ref. 
mit ziffern beweisen kann, diese Verbindung : Celsus, Curtius (we- 
nigstens sechsmal), Justin, Tacitus, Sueton, Mela, Florus, Quin- 
tilian und andere spätere schriftsteiler. — P. 3 6 9. Ueber at enim 
geben genaueres Fabri zu 21, 18, 9; Hand Tursell. I, p. 444 
sqq.; Reissig, anm. 427. — P. 3 7 3 nee = „auch nicht 1 ' ist 
bei Cicero nicht gar selten: nee interire , suspicari Tusc. 1,71; 
Acad. post. 1, 7: nee in deo Tusc. 1, 65; sed nee in Cat. 2, 8 ; at 
nee, p. Eosc. Am. 120 u. am.. — P. 3 7 7 füge zu den bemer- 
kenswerthen construetionen hinzu animo est 29 , 36, 7 (?) und 
submittere se in aliquem statum [privatum fastigium, humilitatem) 27, 
31, 6; 38, 52, 2. — P. 383. Füge hinzu: pugnam eiere 1, 
12, 2. Zu in spe esse 35, 12, 2 konnte Caes. BC. 2, 17, 3 
magna esse in spe verglichen werden. Auf der folgenden seite 
konnte füglich die construetion volutare in animo 28, 18, 11 
und volutare animum tacitis consiliis 9, 17, 2 (?) einen platz fin- 
den, über welche die ausleger zu d. ang. st. zu vergleichen sind. 
Illucunde abii redeo; was man auch im einzelnen an Kühnast's 
arbeit mäkeln mag, jedenfalls ist es ein hülfsmittel von ganz bedeu- 
tendem werth für jeden, der sich eingehend mit lateinischer sprä- 
che beschäftigt. Dies mit dank auszusprechen, hat ref. für 
seine pflicht gehalten ; zu seiner freude hat er aus mancher 
jüngst erschienenen schrift ersehen, dass er mit seiner ansieht 
über das buch nicht allein steht. Zum schluss kann er nur 
den in der anzeige des ersten theils ausgesprochenen wünsch 
wiederholen, dass dieses werk im kreise der Schulmänner 
recht weite Verbreitung finden möge, zu deren nutz und from- 

3) Obige beispielsammlung erhebt nicht im geringsten an- 
sprach auf Vollständigkeit. Schwerlich fehlt sie ut = so dass ganz 
bei Livius, adeo ut bei Cicero in den reden und philosophischen Schrif- 
ten. Aus nachklassikern eine nubes exemplorum anzuführen erschien 
überflüssig; in den Script, hist. Aug. z. b. findet sich adeo ut und ita 
ut äusserst häufig, fast auf jeder dritten seite. 



250 149. Eutropius. Nr. 5. 

men es vom verf. (s. das vorwort) hauptsächlich bestimmt ist. 
Sie werden sich aus demselben nach vielen Seiten hin bessere 
und gründlichere belehrung holen als aus einer ganzen reihe do- 
gmatisirender sehulgrammatiken. 

149. Eutropi breviarium ab urbe condita. G-uilelmus 
Hartel recognovit. Berolini, apud Weidmannos. MDCCCLXXII. 
VIII und 84 pp. 8. 

Th. Mommsen, der zuerst aus dem Gotbanus s. IX (Ful- 
densis) n. 101 den wirklichen tite! des von Eutropius verfasse 
ten werkchens bekannt gemacht und diesen codex zugleich als 
die quelle des echten textes bezeichnet hat (Hermes I, 468), 
ist auch um Hartel's ausgäbe besonders verdient, indem er seine 
collation der genannten handschrift dem herausgeber zur Verfü- 
gung gestellt hat. Die von Hartel gerühmte genauigkeit dieser 
vergleichung kann ref. bestätigen, indem er die wenigen und 
unbedeutenden abweichungen seiner eigenen collation zum ersten 
buche mittheilt: p. 3, 5 vitae grecia. 5, 5 aeditus. 5, 12 praeter F: 
propter s. I. m. 2. 5, 13 tum s. I. m. 2. 5, 15 atque (ex adque corr.) 
earum uirgines add. in mar gine inferiore m. 2. 5, 18 tempe~ 
state ex tempestatem F. 5, 19 tricensimo addeos F: septimo s. I. m. 
2. et consecratus in marg. m. 2. 6, 3 pompilius ex pomplius. 6,6 
consuetudine ex consuetudinem. 6, 9 quadragensimo. 6, 15, mar- 
cius s. I. m. 2. 6, 16 nepus. 6, 22 qui ex quia. 6, 23 isdem. 
6, 28 tullius F: i expunctum. 6, 29 sabinus ex sanos. 7, 1 
sceleri. generi F: s s. I. m. 2. 7, 6 capitolio ex capitolo. 7, 13 
contra in marg. add. tarquinii F: v s. I. 7, 15 reliquid F: t s. 
Z. 7, 21 cepere. 7, 28 pelleretur et tarquinius in marg. in/er. 
m. 2. 8, 5 receserunt F: s s. I. 8, 15 poene c^pit. 8, 18 pre- 
staret. 8 , 20 quattuordecem. 8, 22 lucius ualerius. 8, 27 socrz. 
vindicandam ex iudicandam ut videtur. 8, 28 apellatur. 8, 33 
c^ssar. 8, 35 honore ex honorem. 9, 3 adque F: t s. 2. 9, 11 accepit 
ex acepit, 9, 12 sepe. 9, 14 uenisent F: s s. I. 9, 15 removit ex 
renovit. 9, 17 fauio lucio. 9, 21 exercitum F: u s. I. 9, 22 pre- 
lio. 9, 25 anno tarnen. 9, 27 dictator ex dictor. 10, 9 prestabant. 
10, 13 aequitum. 10, 14 deinde om. 10, 17 caepit. 10, 18 coe- 
pit. 10, 22 apud ex aput. 10, 24 laborarent ex laboroarent. 10, 
26 gravissimaeque. 10, 28 datum ex tatum. 10, 30 apellatus. 
Bedenkt man, dass Hartel res ad meram orthographiam pertinen- 



Nr. 5. 149. Eutropius. 251 

tes von seinem apparat ausgeschlossen hat nnd dass eine reihe 
der angeführten stellen nur eine bestimmtere Vorstellung über 
die art der in F eingetragenen nachbesserungen geben soll, 
so schwindet die zahl der discrepanzen zwischen der hier 
mitgetheilten und der für die ausgäbe verwertheten col- 
lation auf ein miniraum zusammen. Ausser F als dem re- 
präsentanten der echten tradition sind auch ein Bambergensis 
s. IX (B) nach Eyssenbardt's collation und ein vom herausge- 
ber selbst verglichener Monacensis s. X (A) als Vertreter des 
von Paulus (P) überarbeiteten textes für die recognition beige- 
zogen, da F von fehlem aller art, insbesondere kleineren lücken, 
entstellt ist. Geringere hülfe für die emendation gewähren die 
griechischen Übersetzungen des Paeanius aus dem ende des 
vierten Jahrhunderts und die über ein Jahrhundert jüngere nur 
in zerstreuten bruchstücken erhaltene des Capito. Von der 
conjecturalkritik hat Hartel nur mit höchster, ja übertriebener 
vorsieht gebrauch gemacht und sowohl fremde als eigene ver- 
muthungen nur selten in den text gesetzt, häufiger sie in den 
noten mitgetheilt. In neuester zeit ist fast gar nichts für die 
kritik des Eutropius veröffentlicht worden ; vereinzelte beitrage 
in Eussner's Specimen criticum ad scriptores quosdam latinos (Würz- 
burg 1868) und in den blättern f. d. bayr. gymn.- schulw. VIII, 
75 f. scheint der herausgeber übersehen zu haben. Es ist wohl 
noch nicht an der zeit auf die constituirung der einzelnen stel- 
len in der neuen ausgäbe einzugehen, da wohl erst das erschei- 
nen der abhandlung de Eutropi emendatione , welche der heraus- 
geber in aussieht gestellt hat, abzuwarten sein dürfte ; dagegen 
mögen einige Verbesserungsvorschläge hier mitgetheilt werden. 
II, 23 decrevit senatus ut a maritirnis proeliis recederetur et tantum 
sexaginta naves ad praesidium Italiae salvae essent. Das unpassende 
salvae ist aus dittographie von Italiae entstanden und muss, 
worauf auch das einfache pavg txstv bei Paeanius führt, gestri- 
chen werden. — III, 3 (Hasdrubal) vivus est captus, occisa cum 
eo duodeeim milia, capti mille quingenti. Der Widerspruch zwi- 
schen vivus captus und occisa cum eo liegt am tage; es ist zu 
transponiren : occisa duodeeim milia, capti cum eo mille quin- 
genti. — VI, 16 nulla umquam pompa triumpM similis fuit. 
Wahrscheinlich ist nach pompa ausgefallen Pomp ei. — VIII 
4 orbem terrarum aedißcans, multas inmunitates civitatibus tribuens. 



252 149. Eutropius. Nr. 5. 

Das unerträgliche orbem terrarum aedificans ist durch auswerfung 
eines buchstaben und eiuschiebung der präposition zu beseitigen: 
p er orbem terrarum aedificans multa, inmunitates civitatibus tri- 
buens , vgl. Paeanius oixodouijudroov ds avtöp navTU^ov rjjg 
oixovfisvqg noXvg tjv 6 Xöyog' nal zag noXsig dzsXsiag rjgi'ov. 
Die nachstellung des objects multa kann nicht befremden; un- 
mittelbar vorher heisst es ähnlich ditans omnes. — VIII, 6 ne 
multi cives Romani barbaris traderentur. Vielleicht ist zu lesen 
inulti. — VIII, 13 ac Pannoniis servitio liberatis Romae rur- 
sus cum Commodo . . triumfavit. Ein passender gegensatz zu 
dem vorausgehenden cum apud Carnuntum iugi triennio perseveras- 
set würde sich ergeben, wenn man läse: Romam reversus, 
vgl. IX , 1 3 ingressusque Romam nobilem triumphum . . egit. — 

VIII, 23 militarem disciplinam severissime rexit. Das ist dem 
usus des Eutropius fremd; ebenso erexit , woran man zunächst 
denken könnte. Man lese „cor rexit, wie IV, 17 militem . . 
correxit. IX, 14 disciplinae tarnen militaris . . corrector. — IX, 
9 Tarn desperatis rebus. Es ist zu lesen: iam, worauf auch 
Paeanius deutet : Ansyioaaixsvcov de Tjdtj zäv ngnt/fiaTav. — IX, 9 
quod Mogontiacum, quae adver sus eum rebellaverat . ., diripiendam 
militibus tradere noluisset. Die femininformen quae und diripiendam 
lassen , da Eutropius die form Moguntia nicht kennt, auf den 
ausfall von civitatem, das der autor so oft gebraucht, vor 
dem relativsatz schliessen. Dies bestätigt Paeanius Moyoviia- 
küv r y v n o X iv. — IX, 24 adver sum Narseum proelium inse- 
cundum habuit. Man lese proelium minus secundum, da inse- 
cundum, wie es scheint, wenigstens den historikern fremd ist. — 

IX, 27 hie (Herculius) naturae suae indulgens Diocletiano in Omni- 
bus est severioribus consiliis obsecutus. So F; Hartel schreibt et 
severioribus ; dem sinne entspricht besser in omnibus, certe seve- 
rioribus consiliis', vgl. IX, 20 proditum ab exercitu suo, quem for- 
tiorem habebat, certe desertum. Paeanius: tag ynvv aniitsoTfQag 
JtouXrjTtavov ßovXdg. — Vielleicht geht aus diesen emenda- 
tionsversuchen hervor, dass Paeanius doch weniger werthlos ist, 
als gegenwärtig angenommen zu werden scheint, und dass eine 
neue ausgäbe der metaphrasten erwünscht sein muss. Darnach 
muss man mit Spannung der abliandlnng entgegensehen, welche 
wie oben erwähnt, Hartel in aussieht gestellt hat. 

A. B. E. 



Nr. 5. 150. Griechische alterthümer. 253 

150. Karl Lugebil, zur geschichte der Staatsverfas- 
sung von Athen. Separatabdruck aus dem fünften supplement- 
band der jabrbücber für classische philologie. 8. Leipzig, 
Teubner. 1872. - 1 thlr. 

Der verf. des hier anzuzeigenden bucbes hat seinen Ver- 
diensten um die erforschung der athenischen Verfassung beson- 
ders durch die zweite der in seiner scbrift enthaltenen Unter- 
suchungen ein neues hinzugefügt. In beiden Untersuchungen 
zeigt sich Scharfsinn und grosse gründlichkeit 3 die man aller- 
dings an einzelnen stellen Weitschweifigkeit zu nennen sich ver- 
sucht fühlen möchte. Die erste Untersuchung, nur von einem 
geriugen umfange, behandelt „könig Kodros und die sogenannten 
lebenslänglichen archonten". Der verf. tritt in derselben der 
gewöhnlichen auffassung entgegen, dass mit Kodros' tode das 
königthum iu Athen abgeschafft sei, indem er nachweist, dass 
neben dieser gewöhnlichen tradition eine andre Überlieferung 
hergeht, nach welcher sich auch nach diesem zeitpuncte die 
monarchie unverändert erhielt, ja durch diese heldenthat noch 
mehr befestigt wurde. Der unterschied , welcher in der Über- 
lieferung zwischen den königen und den lebenslänglichen ar- 
chonten gemacht wird, indem die erstem unverantwortlich, die 
letztern verantwortlich genannt werden, wird wegen der Unmög- 
lichkeit einer juridischen Verantwortlichkeit bei einer lebensläng- 
lichen magistratur als unhaltbar zurückgewiesen. Der verf. 
kommt dann zu dem Schlüsse, dass die beseitigung der monar- 
chie in Athen erst von der einführung der zehnjährigen ar- 
chonten datiert werden könne. 

Die zweite untersuschung, welche den bei weitem gröss- 
ten theil des buches umfasst, führt den titel: „das archon- 
tat und die Strategie zur zeit der Perserkriege und die hi- 
storische bedeutung der beamtenerloosung" , und behandelt 
die vielfach erörterte frage über die einführung des looses 
in die athenische Verfassung. Der Verfasser giebt zunächst 
eine geschichte dieser frage von Sigonius bis auf unsere 
tage, deren entwicklung ein dreifaches Stadium durchgemacht 
hat. Sigonius nahm als Zeitpunkt für die einführung des loo- 
ses die Verfassungsänderung des Solon, Ubbo Emmius die des 
Kleistbenes, Jacob Perizonius die des Aristeides nach der schlacht 
bei Plataiai an, während Tittmann die vermittelnde ansieht auf- 



264 150. Griechische alterthümer. Nr. 5. 

stellte, die einführung habe zwischen der reform des Kleisthe- 
nes und der schlacht bei Marathon stattgefunden. Alle neuern 
bebandler dieser frage haben sich der ansieht eines dieser Vor- 
gänger angeschlossen. Da wir eine directe Überlieferung über 
die zeit der einführung selbst nicht besitzen, so beruht die 
entscheidung dieser frage im wesentlichen darauf, ob Kallima- 
chos, der polemarch der schlacht bei Marathon, als 6 ?<ji xväfi(p 
Xayoov 'd&qraicov nüXsfiäg^eHv bei Herodot (6, 109) bezeichnet 
und Aristeides, als archont des jahres 489 von Demetrios von 
Phaleron rw xvu^cp laimv (Plut. Arist. 1.) genannt, in dieser Über- 
lieferung als genügend beglaubigt erscheinen. Was zunächst die 
erloosung des polemarchen Kallimachos betrifft, so tritt der vf. der 
annähme derselben durch den nachweis entgegen, dass sich aus 
einer genauen interpretation der herodoteischen Schilderung der 
schlacht bei Marathon der polemarch als oberanführer des atti- 
schen heeres ergiebt, dass aber ein erlooster befehlshaber un- 
denkbar ist. Die hauptgründe, welche für die oberanführerschaft 
des polemarchen in der schlacht bei Marathon sprechen , sind 
folgende. Der polemarch ist als svbixaioq xptjyiöoqöoog (Her. 
6, 109), als derjenige, welcher zuletzt seine stimme abgiebt und 
bei Stimmengleichheit durch seine stimme entscheidet, der Vor- 
sitzende des kriegsraths, der als solcher aber auch selbstverständ- 
lich Oberbefehlshaber auf dem schlachtfelde gewesen sein muss. 
Die Stellung des Kallimachos auf dem rechten flügel des heeres 
in der schlacht, welche Stellung dem polemarchen bei den Athe- 
nern gesetzlich zukam (Her. 6, 111), kennzeichnet denselben 
gleichfalls als Oberbefehlshaber. Der verf. hat an zahlreichen 
beispielen nachgewiesen, wie bei den Griechen jeuer zeit der 
rechte flügel der ehrenplatz des oberanführers war. Aber auch 
Herodots eigne worte, fjysofiiivov de tovtov, weisen dem Kalli- 
machos den oberbefehl über das ganze beer zu, eine auffassung 
die gegenüber andern ansichten bei dem verf. richtig bewiesen 
erscheint. Hatte nun aber der polemarch den oberbefehl über das 
heer, so kann selbstverständlich die bei Herodot erwähnte pry- 
tanie der Strategen denselben nicht bezeichnen. Indem der 
verf. aus Plut. Cim. 8. Arist. 5 erweist, dass in der damaligen 
zeit je ein Stratege aus jeder phyle gewählt wurde, bezieht er 
mit recht die piytanie der Strategen zugleich auf die phylen 
und erkennt dieselbe in der ehrenstelluug auf dem rechteu flu- 



Nr. 5. 150. Griechische alterthümer. 255 

gel. Diese prytanie wurde von den übrigen Strategen dem 
Miltiades abgetreten, damit dieser am tage der schlacht dem po- 
lemarchen zur hand war. An die cpvltj Tcgvravsvovaa schlössen 
sich die übrigen phylen in der bekannten officiellen reibenfolge 
an, wie aus den worten : ijytnutinv 8s tovtov i^eSsxovto cög 
TjoiitfJt'irTo ai cpvlal £%6ftst>ai ullijlwv (Her. 6, 111), gegen 
Boeckh richtig erwiesen wird. Nachdem der verf. dann noch 
die Zeugnisse secundaerer natur in der Überlieferung für die er- 
wählung des Kallimachos zusammengestellt hat , kommt er zu 
dem, wie es ref. scheint, kaum anfechtbaren resultate, dass die 
worte o tw xvünm kayrnv von Herodot ohne besondere beto- 
nung nach analogie derartiger ernennungen zu seiner zeit ge- 
braucht seien. — Das zweite scheinbare zeugniss für das Vor- 
handensein der beamtenerloosung in jener zeit, nämlich das 
von Demetrios von Phaleron überlieferte erlooste archontat des 
Aristeides im jähre 489 (vergl. Plut. Arist. 5) , wird von dem 
verf. gleichfalls mit recht widerlegt. In dem zusammenhange 
seiner darstellung war es für Demetrios ganz gleichgültig, ob 
Aristeides erwählt oder erloost war und es lag demselben sehr 
nahe , nach der analogie der spätem zeit das letztere anzuneh- 
men. Dem gegenüber wird man dem Zeugnisse des Idomeneus 
von Lampsakos : y.a\ fxrjv uo^ai ys ton '/4(jifiTti8r}v 6 'löo/jgievg 
ov xvafÄtvTcv , aXV iln/nsicüv ' ' Aftr\vat<av q>7]6iv (Plut. Arist. 1.), 
in diesem falle, wenn auch sonst die glaubwürdigkeit dieses 
Schriftstellers sehr erheblichen bedenken unterliegt , seine Zu- 
stimmung nicht versagen können. Der verf. schliesst dann, 
nachdem die entgegenstehenden Zeugnisse so beseitigt sind, 
dass die beamtenerloosung erst seit der reform des Ephialtes 
eingeführt sein könne, weil erst durch diesen das archontat so 
weit seiner frühern machtfülle entkleidet worden sei, um 
eine erloosung desselben denkbar erscheinen zu lassen. Als 
zweck des looses hat der verf. gut den erkannt , dass man 
durch einführung desselben kleinliche parteiintriguen vermeiden 
wollte, um die ganze aufinerksamkeit auf die besetzung der 
höchsten ämter hinzulenken. Die zum schluss gegebene an- 
sieht des verf. von den vorkleisthenischen phylen findet in der 
Überlieferung keine stütze, kann hier aber, wegen der Schwie- 
rigkeit dieser frage s* nuQf-'oyq) nicht berücksichtigt werden. Im 
ganzen kann man nicht umhin, die angezeigte schrift als einen 



256 151. Römische geschichte. Nr. 5. 

sehr dankenswerthen beitrag zur kenntniss der athenischen Ver- 
fassungsgeschichte anzuerkennen. 

151. Karl Peter, geschichte Roms in drei bänden. — 
Dritter band: elftes bis dreizehntes buch, die geschichte der 
kaiser bis zum tode Marc Aureis. — Dritte verbesserte auf- 
läge. 8. Halle, verlag der buchhandlung des Waisenhauses. 
1871. — XXXII und 520 s. — 2 thlr. 

„Der gegenwärtige dritte band", beginnt die vorrede, ,,in 
welchem nunmehr die früher getrennt erschienenen zwei abthei- 
lungen desselben vereinigt sind , bringt die römische kaiserge- 
schichte und somit die gesammte(l) römische geschichte zum 
abschluss, so weit es sich um eine darstellung dessen handelt, 
was der eigentliche (!) römische geist gewesen ist und geleistet 
hat. Dieser(!) römische geist ist nach unserer ansieht bereits 
zu der zeit erloschen, wo das julisch-claudische kaiserhaus aus- 
stirbt. Zum völligen (!) abschluss schien es uns aber nöthig u. 
s. w." In der vorrede zu der 1867 erschienenen ersten ab- 
theilung hiess es: „der dritte band bringt, wie mir scheint, die 
eigentliche (!) römische geschichte zum abschluss" und: ,,der ur- 
sprüngliche (!) römische geist, das eigentliche römerthum ist er- 
loschen". — Eine so veränderte fassung der neuen vorrede 
war dadurch geboten, dass eine im j. 1869 erschienene zweite 
abtheilung des dritten bandes, welche die schon zum abschluss 
gebrachte geschichte Roms unerwartet fortsetzte und zum „völ- 
ligen" abschluss zu bringen bestimmt war, also ein blosser an- 
hang, als ein integrirender theil des buches auftreten sollte. Je- 
doch ist und bleibt diese Vereinigung eine rein äusserliche; ja 
sie hebt meines erachtens das einheitliche des eindruckes, wel- 
chen das dreibändige buch als ganzes machte, wieder auf. 

Wenn geschichte „Roms", wie Peter sein buch betitelt, 
etwas anderes bedeuten kann oder soll, als was man „römische" 
geschichte oder geschichte „der Römer" zu nennen pflegt, so 
kann dem Verfasser die berechtigung nicht abgesprochen wer- 
den, dieselbe mit dem untergange der römischen repuhlik als 
beendigt anzusehen, gleichviel ob er dieses „Rom" nach der 
tödtiiehen wunde von Thapsos durch den gnadenstoss von Ac- 
tium sterben oder noch langsamer verbluten lassen will. Aber 
wer hat je unter Trajan oder gar unter Marc Aurel noch ein 



Nr. 5. 151. Römische geschichte. 257 

todeszucken jenes alten Rom wahrzunehmen geglaubt und wer 
hat nicht, statt das starre äuge voll bedauern auf die letzten 
spuren der Verwesung des entseelten leichnams geheftet zu hal- 
ten, lieber den forschenden blick nach den keimen und ersten 
regungen des neuen lebens ausgesendet, welches aus einer ver- 
gangenen herrlichkeit emporblühen sollte? ,,Rom" d. h. das 
Rom, welches nach Peter (p. x) auf dem höhepunkt seiner ent- 
wickelung in der zeit der punischen kriege stand , hatte aller- 
dings nach einem leben von 800 und etlichen jähren zu sein 
gänzlich aufgehört, denn, was der Verfasser (p. i) den „ei- 
gentlichen römischen geist" oder (p. xi) „römischen Patrio- 
tismus" nennt und fp. x) als das „auf freier Selbstbestimmung 
des volkes beruhende aufgehen des individuums in dem Staate" 
definiert, war freilich damals bereits „erloschen". — Aber ein 
von diesem „eigentlichen" Römerthum zwar verschiedenes, je- 
doch immer noch ein Römerthum — ich würde es lieber 
abgeartet als „entartet" nennen — war doch nicht nur vor- 
handen, sondern fing an, sich in eigenthümlicher weise zu ent- 
wickeln und zu entfalten und ist erst nach mehrhundertjähri- 
gem wirken, nachdem es seine aufgäbe den occident zu civilisie- 
ren und der christlich - germanischen culturepoche die statte zu 
bereiten erfüllt hatte , von der weltbühne abgetreten. Sonach 
kann eine „römische" geschichte, die freilich zugleich mit dem 
abstreifen der republikanischen Staatsformen und dem erlöschen 
der alten eriunerungen mehr und mehr eine Universalgeschichte 
wird und werden muss, ihren „völligen" abschluss erst da fin- 
den, wo die morsche formhülle des längst mit neuem inhalt 
gefüllten gefässes gänzlich zusammenbricht und die römische 
culturepoche der christlich -germanischen das feld räumt, d. h. 
wo alterthum und mittelalter sich scheiden. 

Von dieser „römischen" geschichte will Peter's „geschichte 
Roms u nur den ersten grossen abschnitt , welchen er in der 
früheren vorrede des dritten bandes die „eigentliche" römische 
geschichte nannte, zur darstellung bringen. In diesem abschnitt 
bilden aber, wie der Verfasser richtig gefühlt hatte, die julisch- 
claudischen kaiser die äusserste grenze seines Stoffgebietes, und 
in solcher beziehung konnte und durfte ihr sein und wirken 
kaum anders aufgefasst und behandelt werden , als von dem 
Verfasser geschehen. Eine wesentlich hievon verschiedene be» 
Philol. Anz. iy 17 



258 151. Kömische geschichte. Nr. 5. 

deutung haben aber diese selben fürsten und diese selben 
jahrzehente , insofern mit ihnen der zweite grosse abschnitt der 
römischen geschichte beginnt. Wer eine geschichte nur der 
römischen kaiserzeit schreiben wollte, würde einer darstel- 
lung der letzten zeiten der republik (sei es seit den Gracchen 
oder seit Sulla) als einleitung nicht entbehren können, und diese 
würde neben den merkzeichen des Verfalles der alten Ordnun- 
gen namentlich und ganz besonders alle keime der künftigen 
entwickeluug und gestaltung aufzusuchen und zu beleuchten ha- 
ben ; dann aber bildet das julisch - claudische kaiserhaus nicht 
ende und abschluss einer abgelebten, sondern anfang und grund- 
stein einer werdenden zeitepoche — und eine wahrhaft histo- 
rische darstellung des achten Jahrhunderts der Stadt müsste sicher- 
lich ein anderes bild desselben vor uns aufrollen, als es Tacitus hat 
thun können, der jenen zeiten viel zu nahe stand , und als es 
Peter gethan hat. Es dürfte überhaupt noch mehr als zweifel- 
haft sein, ob die zeit zu einer umfassenden darstellung der rö- 
mischen kaisergeschichte schon gekommen sei, wenn man unter 
einer solchen mehr als die Verarbeitung und Vervollständigung 
des Tillemont'schen quellenmaterials versteht. 

Nach diesen erörterungen kann ich meine ansieht über das 
in dem vorliegenden bände gebotene in wenige worte zusam- 
menfassen. Der erste theil (buch XI. XII: das julisch -claudi- 
sche kaiserhaus) bildet einen der auffassung der geschichte der 
römischen republik, wie sie in den beiden ersten bänden ent- 
wickelt ist, entsprechenden abschluss und einem solchen er- 
scheint inhalt und behandlung angemessen. Er bringt uns den 
Vernichtungskampf zur anschauung , welchen das Cäsarenthum, 
nachdem das republikanische regiment in Rom für immer ge- 
stürzt und beseitigt war, gegen alles führte, was der neuen 
Ordnung der dinge sich nicht fügen konnte oder wollte ; wir 
sehen die letzten regungen jenes geistes, der einst die republik 
gehoben und getragen hatte, völlig erstickt. Die bekannten 
und allgemein anerkannten Vorzüge der historischen darstel- 
lungsweise des Verfassers, welche seinem buche einen platz 
in erster reihe erworben haben, finden sich hier wieder; die 
schwäche — den quellen gegenüber — konnte hier weniger ein- 
fluss üben. — Der zweite theil dagegen (buch XIII, die zeit 
von Nero's tode bis zum ende Marc Aureis umfassend) erscheint 



Nr. 5. 151. 152. Komische geschichte. 259 

mir als ein nicht nur überflüssiger, sondern die totalität des 
eindruckes störender anharig. Darstellungen einzelner Zeitab- 
schnitte der römischen kaisergeschichte haben für jetzt meines 
erachtens nur einen werth in monographischer bearbeitung, bei 
"welcher das quellenmaterial in möglichster Vollständigkeit vor- 
geführt und beleuchtet, sodann die bedeutung der gewonnenen 
ergebnisse ganz vornehmlich nach vorwärts gewürdigt wer- 
den. Keines von beiden trifft im vorliegenden falle zu. Und 
was dem ersten theile (buch XI. XII) trotz derselben mängel 
berechtigung und interesse verschafft, der unmittelbare äussere 
und innere Zusammenhang mit der katastrophe von Actium und 
dem thatsächlichen ende der republik, das fehlt dieser fortse- 
tzung so gänzlich, dass sie in der that als ein theil dieses 
buches keine bedeutung beanspruchen kann, während sie für 
sich betrachtet der Vorzüge und des werthes einer monographi- 
schen arbeit schon wegen des mangelnden details entbehren muss. 
Was das verhältniss der neuen, verbesserten aufläge zu der 
älteren betrifft, so beziehen sich die Veränderungen hauptsäch- 
lich auf feilung der darstellungsform. Vielfach sind perioden 
umgebaut, der ausdruck präcisiert , an einigen stellen der stoff 
zweckmässiger gruppiert (z. b. in der geschickte des Germani- 
cus, in den letzten paragraphen des schlusscapitels über litera- 
tur u. a.) ; die anmerkungen gekürzt oder erweitert; überall 
aber, — wie es nicht anders von der Sorgfalt des Verfassers 
zu erwarten war, — einzelresultate neuester forschungen gewis- 
senhaft verwerthet; bei der Chronologie von Seneca's Schriften 
konnte noch : de brevitate vitae im j. 49, s. Otto Hirschfeld 
Philol. 29, p. 95, hinzugefügt werden. — Die sehr wenigen 
druckfehler der ersten ausgäbe (auch im zweiten theile) sind 
berichtigt, merkwürdigerweise ist aber p. 237 noch immer (doch 
wohl nicht absichtlich) M. Claudius Silanus als der name 
von Caligula's Schwiegervater zu lesen. Einwendungen und be- 
denken in sachlicher beziehung gegen einzelnes zu erheben ist 
hier nicht der ort. St. 

152. Kritische erörterungen über den römischen Staat, von 
Dr Octavius Clason. — Rostock 1871. (3 hefte. 8. 210 
s.. — ä 12. 15. 77a sgr.). 

Die grosse bedeutung der „römischen geschichte" Theod. 

17* 



260 152. Komische altertbümer. Nr. 5. 

Mommsen's beruht nicht zum geringsten theil in einer vielfach 
neuen grundanschauung von dem boden , auf welchem — und 
den Verhältnissen, unter und aus welchen sich das politische le- 
ben Eoms entwickelte. Namentlich muss es sich dabei um We- 
sen und bedeutung von politischen Institutionen handeln, wel- 
che zu der zeit, als unsere quellen über sie berichten, in ihrer 
ursprünglichen form und geltung theils gänzlich erstorben 
waren, theils abgeschwächt und verändert in dem späteren 
Staatsorganismus eine durchaus verschiedene und darum häufig 
missverstandene Stellung einnahmen. Ob. wie lange und in- 
wieweit das patricierthum auch nach ausgleich des ständekam- 
pfes im besitz von besonderen, aus seiner früheren privilegier- 
ten Stellung herübergetragenen rechten geblieben und welches 
während des ringens der beiden stände jene Vorrechte gewesen, 
welche bedeutung das patricierthum innerhalb der gemischten 
körperschaften gehabt und bebalten habe: das sind hauptfragen, 
welche die forschung auf dem gebiete der älteren römischen 
geschichte seit Niebuhr immer wieder beschäftigt haben und 
welche Mommsen aufs neue in ihrem innern zusammenhange 
erläutert und beantwortet hat. Die bestimmtheit und lücken- 
lose consequenz dieser antwort, vermöge deren seine „geschichte" 
ein so lebensvolles, einheitliches bild der staatlichen entwicke- 
lung Roms vor uns aufrollt, verbunden mit der autorität, die 
tiefem und breitem wissen und glänzender combinationsgabe so 
gern zugestanden wird , haben der darstellung Mommsen's wie 
deren fundamentalanschauungen schnell begeisterte freunde er- 
worben — besonders, seitdem in den „römischen forschuugen" 
eine ausführliche begründung und entwickelung der in der ,, ge- 
schichte" verwendeten resultate antiquarischer Studien erschien 
und damit in ergänzung der zu einem theile schon früher in 
den „römischen tribus" gegebenen ausfiihrungen , nun das voll- 
ständige material zur erkenntuiss und prüfung des neugebote- 
nen in ganzer ausdehnung und scharfer beleuchtung vorgelegt 
wurde. 

Durch die an der spitze dieser bemerkungen genannte 
kleine schritt nun hat deren Verfasser den nicht leichten und 
schon deshalb jedenfalls dankenswerthen versuch gemacht, Momm- 
sen's theorie und beweisführung in allen theilen einer eingehen- 
den betrachtung und beleuchtung zu unterziehen, und diese 



Nr. 5. 152. Römische alterthümer, 261 

aufgäbe — wie mir scheint — sine ira et studio und mit 
dem erfolge gelöst, dass die erörterungen über die betreffenden 
fragen als abgeschlossen noch durchaus nicht erachtet werden 
dürfen. 

Die beiden ersten hefte behandeln zunächst „die Zusam- 
mensetzung der curien und ihrer comitien , das wesen der tri- 
bus und der tribusversammlungen der älteren republik, das we- 
sen und die Zusammensetzung des Senats" — den ausführun- 
gen Mommsen's schritt für schritt folgend und nicht nur deren 
resultate an und für sich und in ihren Wechselbeziehungen, son- 
dern auch die methode, durch welche sie gewonnen, scharf und 
umsichtig beleuchtend. Gegen die methode wird hauptsächlich 
der Vorwurf geltend gemacht, dass vielfach erst durch künst- 
liche Interpretation, ja durch gänzliche Verwerfung oder Verän- 
derung der literarischen oder historischen Überlieferung die fun- 
damentalsätze geschaffen werden, welche dann wieder dazu die- 
nen müssen , die glaubwürdigkeit anderer berichte zu stärken 
oder abzuschwächen. — Das gesammtergebniss dieser auf Momm- 
sen's , Forschungen" bezüglichen Untersuchungen ist : den beweis 
zu führen, dass die plebejer viel vor anfang des sechsten Jahr- 
hunderts der Stadt in die curien eingetreten sind ; dass die 
tribus vor Rullianus nur die ansässigen bürger enthielten, dass 
es seit 305 d. st. zwei verschiedene tribusversammlungen (pa- 
tricisch- plebejische tribut c o m i tien , aiif deren beschlösse der 
name plebiscita nur missbräuchlich anwendbar sei, und rein ple- 
bejische tribus co ncilien, aus deren berathungen die plebiscita 
hervorgingen) gegeben hat; dass in dem senat vor dem vierten 
Jahrhundert faktisch plebejische mitglieder zutritt erlangt und 
stets die patricier eine Corporation mit besonderen rechten in- 
nerhalb desselben gebildet haben, — alles dies überzeugend zu 
erweisen sei Mommsen nicht gelungen. 

An diese ablehnung der Mommsenschen ansichten über das 
verhältniss der plebejer zu den patriciern reiht sich dann in dem 
letzten abschnitt des zweiten heftes (p. 139 — 164) ein versuch, 
im zusammenhange „den entwickelungsgang des gesammten ple- 
bejischen Staatsrechtes zu verfolgen", in welchem — mit beson- 
derer beachtung der beiden aufsätze von J. Ptaschnik (Zeitschr. 
f. österr. gyinn. 1866 und 1870) — die oben beiläufig gewon- 
nenen resultate systematisch geordnet werden. Es ergeben sich 



262 152. Römische alterthümer. Nr. 5. 

durch die erörterung vier entwickelungsstufen der plebejischen 
rechtsverhältnisse : 1) die zeit bis zur ersten secession; 2j seit 
der errichtung des volkstribunates, 3) seit dem j. 283, wo durch 
die rogationen des Volero die plebejischen concilien die rechte 
der comitien d. h. einer Standesversammlung erhalten, 4) seit dem 
j. 305, wo die tribut comitien, an welchen nun auch die pa- 
tricier sich zu betheiligen anfingen, die befugniss zu legislatori- 
scher thätigkeit erhielten. Die gesetze von 415 und 467 seien 
dann nur eine zweimalige erneuerung des Valerisch-Horatischen 
gesetzes gewesen. Eine vermuthung über eine durch dieselben 
bewirkte competenzenerweiterung wird p. 114 aufgestellt. 

Das dritte heft endlich construiert in ,, positiver" Unter- 
suchung: „die grundlage und wurzeln jener späteren staats- 
entwickelungen", behandelt also 1) die entstehung des römischen 
Staatswesens (die vereinigten römischen urgemeinden, nun tribus, 
mit dem wahlkönig ein künstliches abbild der römischen fami- 
lie unter dem paterfamilias ; die dreissig curien bilden die 
Staatseinheit , den populus; ihre angehörigen sind die Quirites) ; 
2) das wesen des römischen königthums (die persönliche 
Übertragung und die inauguration nothwendige erfordernisse der 
legitimität; die tyrannis beginnt, nach einem verunglückten 
versuche des älteren Tarquin, mit Servius Tullius, welcher durch 
die ertheilung politischer rechte an die plebs der eigentliche 
Schöpfer eines bevorrechteten patricierthums wird). 

Diese andeutungen werden genügen , die aufmerksamkeit 
auf die hefte zu lenken, da dieselben beachtenswerte Streif- 
lichter in das dunkel jenes hypothesenwaldes werfen und die 
objectivität der betrachtung nach möglicbkeit gewahrt erscheint. 
Nur an einer stelle glaube ich eine offenbare Übereilung bemerkt 
zu haben, die zwar das resultat im ganzen nicht beeinträchtigt, 
aber durch den ziemlich scharfen ton , mit welchem Mommsen 
des irrthums geziehen wird, um so auffallender hervortritt. Es 
ist die erörterung über verhältniss, unterschied und färbe des 
calceus senatorius und patricius. Der Verfasser bemerkt ganz 
richtig, dass an den von Mommsen (Forsch, p. 255) citierten 
stellen nirgends die rothe färbe ausdrücklich erwähnt ist; nichts 
desto weniger aber wird Mommsen gegen Marquardt (Handbch. 
5, 2, 191) und gegen den verf. darin recht behalten müssen, 
dass der an jenen stellen in rede stehende senatorenschuh roth 



Nr. 5. 153. Kömische alterthümer. 263 

gewesen, wie mit Sicherheit aus Festus p. 142 hervorgeht. Da- 
mit sind nun zwar die von dem Verfasser aus seiner bemerkung 
hergeleiteten folgerungen hinfällig, jedoch hebt uns Mommsen 
auch durch seine neuesten zusätze (Staatsrecht I, p. 341) darum 
noch nicht über alle Schwierigkeiten der frage hinweg, auf wel- 
che ich an anderer stelle ausführlich zurückzukommen gedenke. 

St. 

153. Cassius Dio LTT, 20: zur frage über die leges annales 
der römischen kaiserzeit. Von Dr Octavius Clason. Bres- 
lau. 1870. 8. 40 seiten. — 10 gr. 

Nachdem Wex gezeigt hatte , dass Masson in seiner vita 
Plinii bezüglich der annalgesetze durch die anwendung der 
republikanischen Ordnung auf die kaiserzeit zu falschen resulta- 
ten habe kommen müssen, sind von ihm , dann später von Ur- 
lichs und Mommsen mehr oder weniger ausführliche erörterun- 
gen über den gegenständ veröffentlicht worden , alle aber eben 
nur zur begründung und erläuterung ihrer ansieht über die 
Chronologie einer speciellen amtslaufbahn. Auch Nipperdey 
fügte seiner grundlegenden arbeit über die leges annales der re- 
publik einen kurzen excurs über die bestimmungen der kaiser- 
zeit bei. Diesen arbeiten reiht sich die in der Überschrift be- 
zeichnete Untersuchung über die bekannte stelle Dio's an , de- 
ren ganz unzweideutiger sinn einerseits unzweifelhaft den we- 
sentlichen inhalt der kaiserlichen bestimmungen über die amts- 
altersgrenzen ausdrückt , andrerseits aber weder durch die hi- 
storisch überlieferten beispiele bestätigt zu werden noch in sei- 
nem verhältniss zur republikanischen Ordnung genügend erklär- 
bar zu sein scheint. Zum zweck der lösung dieser Widersprü- 
che, die doch eben nur scheinbare sein können, sobald man in 
Dio's worten den ausdruck einer gesetzlichen normirung aner- 
kennt, müht der verf. — wie alle seine Vorgänger — sich ver- 
gebens ab durch künstliche rechnungen nachzuweisen, wie den 
gesetzlichen forderungen in betreff der intervallfristen auch nach 
einführung der neuen altersgrenzen (25 und 30 jähre) habe ge- 
nüge geleistet werden können. Vergebens — denn das coeptus 
annus pro pleno habetur ist wohl für berechnung der altersgren- 
zen, aber nie der intervallfristen verwendet worden. — Dass 
der verf. einen offenbaren Widerspruch bei Dio in betreff von 



264 153. Römische alterthümer. Nr. 5. 

Tiberius amtslaufbahn (ihm wurde die bewerbung fünf jähre 
vor der gesetzlichen zeit — 25 j. — gestattet und doch die 
quästur schon im 19. lebensjahre gegeben) damit erklärt, Dio 
habe jenen rechtsgrundsatz „ eigenmächtig zu annus plenus pro 
coepto ponitur erweitert und verändert" und so 25 aus 24 ge- 
macht, dürfte ein keineswegs glücklicher einfall zu nennen sein. 
Ebenso verfehlt scheint es, die Zahlenangabe für das prätorische 
alter (30 jähre) für eine nicht ausdrücklich im gesetze bestimmte, 
sondern von Dio berechnete zu halten, und obenein diese grenze 
durch addition des alten biennium zum ädilicischen alter, wel- 
ches nun gar nirgends angegeben wird , gefunden zu denken. 
Verwunderlich ist ferner die ansieht, dass die curulädilität ei- 
gentlich das als mittelstation in betracht gezogene amt gewe- 
sen sei — und doch wurde nicht aedilicii , sondern tribunicii 
die bezeichnung der rangstufe! — Unter den beispielen der 
amtslaufbahnen wird ausser Tiberius , Germanicus , Agricola, 
Plinius und anderen hauptsächlich Hadrian ausführlich bespro- 
chen. Aber die ergebnisse in betreff der prätur entfernen sich 
noch weiter als Henzens nicht ausreichend gestützte bestimmung 
von der Wahrscheinlichkeit; ist doch seit vier jähren Hadrians 
consulatsjahr durch das weissenburger diplom sicher auf das j. 
108 bestimmt. [Ich glaube, dass bei Spartian die consulatsangaben 
irrthümlich an die falschen stellen gerathen sind und Hadrian 100/1 
q., 102/3 tr. pl., 105 praetor gewesen ist]. — So weit für jetzt deut- 
lichere einsieht in die annalgesetze der kaiserzeit zu gewinnen 
ist, hat dieselbe in den wesentlichsten punkten Mommsen in seinem 
„Staatsrecht" gebracht, der namentlich auf die nothwendigkeit 
der Unterscheidung zwischen der früheren befristung der inter- 
valle und den spätem fixirten altersgrenzen aufmerksam ge- 
macht hat. Mit seiner darstellung, obwohl darin noch manches 
unerledigt, einzelnes bedenklich bleibt, werden wir uns vorläufig 
begnügen müssen. Ob je vollständige klarkeit in die sacke kom- 
men kann, steht dahin, da das kaiserliche dispensatiousrecht eine 
rationelle berechnung in den meisten fällen illusorisch macht, 
sich also aus den historisch überlieferten beispielen ganz sichere 
Schlüsse auf die gesetzlichen bestimmungen nicht ziehen lassen. 

St. 



Bibliographie nr. 154—158. 265 

NEUE AUFLAGEN. 154. H. W. St oll, anthologie 
griechischer lyriker. 1. abth. Elegie und epigramme. 4. aufl. 
8. Hannover, Rümpler; 15 ngr. — 155. G. F. Puchta, 
institutionen. 3. bd. 6. aufl. besorgt von A. F. Rudorff, 
8. Leipzig, Breitkopf und Härtel ; 2 thlr. 

NEUE SCHULBUECHER. 156. Corn. Nepotis Vitae ex- 
cellentium imperatorum. In usum scholarum ed. 0. Eichert. 
16. Ed. VI. Breslau, Korn; 4 ngr.: mit Wörterbuch 8. aufl. 
12 ngr.; Wörterbuch apart 8 ngr. — 157. F. Spiess Übungs- 
buch zum übersetzen aus dem deutschen ins lateinische zu der 
lateinischen schulgrammatik von Siberti und Meiring f. d. quarta 
bearbeitet. 12. aufl. 8. Essen, Bädeker; 12 x / 2 ngr. — 158. 
A. Buttmann, kurzgefasste geographie von Alt-Griechenland. 
8. Berlin, Nicolai; 18 ngr. 

BIBLIOGRAPHIE. Von neu erschienenen büchern bemer- 
ken wir: A. Prüsker, lexikon der bedeutenderen schlachten, 
belagerungen und gefechte von den ältesten zeiten bis auf un- 
sre tage. 8. Leipzig, Luckhardt; 20 gr.; A. Franz, M. Au- 
relius Cassiodorus. Ein beitrag zur geschichte der theologi- 
schen Literatur. 8. Breslau, Aderholz-, 20 ngr. 

Verlags - bericht von H. Ebeling und C. Plahn in Berlin, 
januar — märz 1872 : kündigt erscheinende werke an , von R. 
Volkmann, die rhetorik der Griechen und Römer, 3 thlr. 28 gr., 
T. Terenti Hauton timorumenos von W. Wagner, 12 gr. u.a. 

Verzeichnisse des musikalischen Verlags von G. W. Fritzsch 
zu Leipzig gehen uns zu : wir heben daraus hervor die Schrif- 
ten von Dr. C. Fuchs, präliminarien zu einer kritik der 
tonkunst. 8. Leipzig. 1871: Virtuos und Dilettant, ideen 
über clavier- Unterricht und über reproductive kunst. 8. Eberi- 
das. 1871. Auch die gesammelten Schriften und dichtungen 
von Richard Wagner sollen hier erscheinen. 

Verzeichniss im preise ermässigter werke aus dem Verlage 
von W. Weber in Berlin: darunter Schriften von Bonitz, 
Christ, Mützel, Meineke, Panofka: aus dem verlage der Meyer'- 
schen hofbuchhandlung in Detmold, Schriften von Fr. Q. Pott, 
sonst meist veraltete Sachen. — Is. St. Groar offerit Sui- 
dae Lexicon ed. G. Bernhardy zu neun thlrn. 

Cataloge von antiquaren: bücheranzeigen von Graff und Mül- 
ler in Braunschweig; 80. lager - catalog von F. Schmitz an- 
tiquariat in Elberfeld ; antiquarische anzeigen nr. 15 von Ernst 
Wagner in Augsburg. 

KLEINE PHILOLOGISCHE ZEITUNG. Durch ein gün- 
stiges geschick ist uns eine so viel wir wissen in weitern krei- 
sen nicht bekannt gewordene tabula gratulatoria Ritschl's zu ge- 



266 Kleine philologische zeitung. Nr. 5. 

sieht gekommen und da wir hoffen, dass der vf. ihre Veröffent- 
lichung uns nicht verübeln werde, auch sicher wissen, durch 
diese unsern lesern einen dienst zu erweisen, so theilen wir sie 
hier mit : 

Q. b. f. f. f. q. s | Viro omni humanitatis laude ornatissimo| 
Alfredo Graffunde r | Pomerano nunc Berolinensi | augustis- 
simo Borussorum regi a consiliis regiminis sanetioribus | regii 
ordinis aquilae rubrae equiti | postquam per decem lustrorum 
spatium publicis commodis civitatis praedicabili [ gnavitate sin- 
gularique intellegentia pro viribus consuluit | praeter cetera au- 
tem et rem scholasticam territorii Erfordiensis prudentissimo] 
consilio raroque exemplo promovit emendavit adauxit | et libro- 
rum pari subtilitati elegantia scriptorum varietate j cum institu- 
tionis publicae artem ac diseiplinam ad certorum praeceptorum| 
salubritatem revoeavit | tum quaestiones phdosoj)bicas in acade- 
miae Erfordiensis consessibus peculiari | acumine inlustravit 
tum de philologicis litteris strenue investigata luculenterque 
enarrata Zingarorum lingua egregie meruit | laetissimi diei XIX. 
m. Martii a. MDCCCLXXII sollemnitatem ex | animo gratula- 
tur | multorumque annorum cum parem vigorem tum etiam | ma- 
jorem prosperitatem exoptat | diutinae consuetudinis suavis- 
simae memoria animique vere fraterni pietate | coniunetissi- 
mus | Fridericus Kitschi | natu Borussus Vargulanus mu- 
nerum longinquitate Halensis Vratislaviensis Bonnensis | Mueble- 
rianae potentiae tetricis consiliis extorris nunc Saxo Lipsiensis] 
honorificae pacis felicitate perfruens. 

Berlin. In der sitzung der archäologischen gesellschaft am 
9. april zeigte professor G. Wolff den neuesten rechenschaftsbe- 
richt der archäologischen kommission zu St. Petersburg vor, 
verfasst von dem grafen Stroganoff und dem wirklichen staats- 
rath Stephani , und begleitet von seebs zum theil farbigen ta- 
feln und mehreren holzschnitten. Prof. Wolff hob einige der 
gelehrten erörterungen Stepbani's hervor. — Baurath Adler be- 
handelte die Atbena Parthenos des Phidias und bereebnete die 
zeit ihrer Verfertigung auf etwa 471 — 65 v. Chr., ihre höhe 
auf 52 — 54', mit sockel auf 70 — 74', so dass sie den 64' hohen 
obersten first des Parthenon überragte. Sie werde als schlüs- 
selhalterin bezeichnet, könne aber nicht als die hüterin der pro- 
pyläen gelten, sondern als die des Poliastempels. Er zeigte 
eine in diesem jähre von der bürg Athens in das berliner mu- 
seum gekommene bronzestatuette vor , deren attribute er nach 
den naebrichten der alten ergänzt hatte. Ihre grosse beträgt 
Vioc der von ihm berechneten grosse des Originals. — Dr von 
Sallet wies ein bronzefigürchen des niederlausitzer alterthums- 
vereins vor, einen Iupiter, Dr Heydemann durchzeichnungen 
interessanter vasenbilder der Sammlung Jatta's zu Kuvo , Dr 
Graser die Zeichnung eines alten brouzeoinaments von dem vor- 



"Nr. 5. Kleine philologische zeitung. 267 

derbug eines Schiffes, des kopfes der göttin Eoma, herrn Dou- 
glas in England gehörig, und besprachen die vorlagen. — Ma- 
ler Wittich las über die maasse des Artemisions zu Ephesus. 
Hermann Grimm wies den einfluss des Appulejus und von 
1517 an auch des Philostratus auf kompositiouen Eafael's nach: 
besonders in der Vermischung von liebesgöttern mit hindern 
zeige sich nachahmung von Philostratus bildern, ebenso auf 
einigen kupfern Albrecht Dürer's, welchem vermuthlich Pirkhei- 
mer mittheilungen aus einer handschrift des Philostratus ge- 
macht habe. — Prof. Hübner, welcher in abwesenheit des 
prof. Curtius den Vorsitz führte, beklagte den 8. april zu Rom 
erfolgten tod des alterthumsforschers Dr Parthey. [S. Augsb. 
Allg. Ztg. nr. 102: auch Börsenbl. nr. 86] 

Dass die ob. heft 4, p. 223 erwähnte warnung Petzhol dt's 
in betreff der zu gründenden strassburger Stadtbibliothek das 
richtige getroffen, führt ein artikel im Börsenbl. nr. 88 aus 
und wird auch durch zeitungen bestätigt, vrgl. auch Börsenbl. 
nr. 86, Augsb. Allg. Ztg. nr. 123. 

Zur erinnerung an Friedrich Perthes ist ein lesenswerther 
aufsatz von H. Böhlau im Börsenbl. nr. 88.89 erschienen: vrgl. 
ebendas. P. Moebius in nr. 91 ; ebendas. nr. 100 F. J. From- 
mann. 

Arnold Perls zu Gleiwitz in Schlesien versendet einen 
prospect und einladung zur subscription auf eine „Zeitschrift 
für die deutschen gymnasiasten und realschüler", welche im 
verlag von Issleib und Rietschel in Gera erscheinen soll : „den 
gesinnungen der deutschen schülerweit ausdruck zu geben, eine 
geistige Verbindung in ihr herzustellen , das wird die aufgäbe 
der Zeitschrift sein", die nicht bloss die von ihr angeredeten 
„deutschen Jünglinge" brandschatzen will, sondern auch Oester- 
reich, die deutsche Schweiz, die baltischen provinzen Russlands, 
kurz „so weit die deutsche znnge klingt" in den bereich ihrer 
speculationen zu ziehen wünscht. Kann der Schwindel noch 
höher steigen? 

Der Sentinella hresciana wird aus Chiari (Lombardei) u. 4. 
april geschrieben , dass man daselbst ein meter unter der erde 
anf eine todtenstadt gestossen sei, die nach den Untersuchungen 
des professors Biondelli den Cenomanen angehöre, mithin noch 
in vorrömische zeiten hinaufreichen würde. Es wurden bis 
jetzt 17 skelette aufgefunden. 

Bei der fundamentirung zu den gebauden der aktienbraue- 
rei an der Altenburg in Cöln sind 5. april römische baureste ge- 
funden. Dieselben weisen sich als Überbleibsel eines mit Sorg- 
falt ausgeführten, umfangreichen, starken bauwerkes aus, welches 
mit einem kleinen und einem grossen thurme, sowie einem nach 
dem Rheine führenden portale versehen war und ausser einer 
reihe kleiner räumlichkeiten einen grossen , 2400 quadratfuss 



268 Kleine philologische zeitung. Nr. 5, 

fassenden saal hatte. Nach anläge und konstruktion dieses 
Werkes scheint dasselbe dem alten römischen wasserkastell an- 
zugehören. 

Stockholm. 9. april. Bei einigen im südöstlichen Norwegen 
durch den jungen norwegischen alterthumsforscher Anders Lorange 
aus Frederikshald vorgenommenen ausgrabungen sind mehrere 
gegenstände aus dem steinalter ans tageslicbt befördert worden.' 
Bei Stenkjär in der nähe von Drontheim hat man sogar einen 
sogenannten „Kjökken mödding" (häufen von küchenabfall) aus 
dem steinalter vorgefunden, was von interesse für die alter- 
thumsforscher scheint, da mau bisher so hoch im norden keine 
spuren von bewohnern aus dem steinalter gefunden hatte. 

Athen, 13. april. In einem garten zu Sparta wurde ein 
wohlerhaltener mosaikboden, wahrscheinlich aus römischer zeit 
entdeckt: die darstellnng ist der raub der Europa. 

Aus Tiflis wird berichtet, dass 20 werste von dort, am 
flusse Kur, bei dem orte Mzchet, ein grosses todtenfeld mit 
steinkastengräbern unter der leitung des naturforschers Baiern 
ausgegraben wurde. Fast jedes grab enthielt vier leichen von 
erwachsenen und zwei bis vier hindern. Als beigäbe der lei- 
chen sind thränenfläschchen aus glas und thon zu erwähnen, 
goldene ringe mit rubinen und perlen, goldene knöpfe und na- 
deln, Schmuckgegenstände aus bronze, Werkzeuge aus stahl und 
eisen. Die form der schädel sowohl, als die kunstgegenstände 
weisen auf einen semitischen stamm , welcher zwischen Assy- 
rer und Egypter zu stellen sein wird. Die alten nannten sie 
Iberier, die gräber mögen in die zeit der macedonischen könige 
gehören. Das volk scheint sehr reich gewesen und handel mit 
Indien und Egypten getrieben zu haben. Sein kult war der 
sogenannte Molochdienst. Menschen- und ganz besonders kin- 
deropfer im grossartigsten maasstabe wurden Bai und der sido- 
nischen Astarte dargebracht. Besonders häufig findet sich als 
beigäbe der leichen die stachelkeule des Mars und die knollen- 
keule des Herkules, an spangen der hammer des Hephästos, 
an den Siegelringen gemmen mit Priapus, kornähren, hase und 
esel. [Reichsanz. nr. 102, beil. 1]. 

Aus Oester reich. Durch eine Verordnung des Unterrichts- 
ministerium vom 15. april, deren Wortlaut in dem abendblatt der 
Deutschen zeitung vom 26. april zuerst veröffentlicht wurde, 
ist endlich eine reform der rigorosen - Ordnung durchgeführt wor- 
den, an deren Zustandekommen die sämmtlichen facultäten und 
die aufgeklärte öffentliche meinung seit mehr als zwanzig jähren 
unablässig gearbeitet haben. Das philosophische doctorat an 
den österreichischen Universitäten war bisher ein unicum und 
forderte Deutschland zu berechtigtem spott heraus. Wer einen 
doctor machen wollte, hatte sich drei „strengen" prüfungen 
aus geschichte, philosophie und mathematik in Verbindung mit 



Nr. 5. Kleine philologische zeitung. 269 

physik zu unterziehen, ohne rücksicht darauf, dass der betref- 
fende doctorand vielleicht keines dieser fächer während seines 
universitäts -trienniums eingehender studirt hatte. Der philo- 
loge also musste seine Wissenschaft bei seite legen und zwängte 
sich in der regel drei compendien der bezeichneten fächer so 
weit ein, dass er bei den rigorosen ungefähr dasselbe quantum 
von kenntnissen, gewöhnlich aber ein ansehnlich geringeres, als 
er drei jähre vorher bei der ablegung der maturitäts-prüfung 
für den calciil der reife haben musste, zeigen konnte. Und dass 
man nicht mehr forderte, war durchaus billig; denn die prüfen- 
den professoren mussten das ministeiium doch um die einsieht 
übertreffen, dass es bei dem heutigen umfange dieser einzelnen dis- 
ciplinen unmöglich sei, ein universelles wissen in dem bezeichneten 
umfange sich anzueignen. Aber immerhin war damit für jenen, 
der nun einmal z. b. § für eine universitäts -carriere des doctor- 
titels benöthigte, ein unersetzlicher schaden für den betrieb sei- 
nes facb.es verbunden. 

Wie konnte sich aber eine so unsinnig lächerliche, die 
Wissenschaft und ihre Vertreter herabwürdigende einrichtung so 
lange halten? Das wird nur der begreifen, der eine richtige 
Vorstellung von dem im österreichischen universitätsieben herr- 
schenden gesetz der trägheit und einen einblick in unsere spe- 
eifischen einrichtungen gewonnen hat. Die österreichischen Uni- 
versitäten (wenigstens die zwei grössten , Wien und Prag) be- 
stehen nämlich nicht, wie die der übrigen weit, aus den leh- 
renden und lernenden, den Studenten und professoren, sondern 
an ihnen hängt noch ein dritter gleichberechtigter bestandtheil, 
das bleigewicht der d oct o r en -c o 1 leg i en. Wer nämlich auf 
die angegebene weise sein doctorat bestanden und 150 gülden 
auszugeben lust hat, kann in die gesellschaft der doctoren sich 
einkaufen , kann jährlich einen decan wählen und sobald die 
reihe au ihn kommt, selbst zum decan gewählt werden, und 
hat dann als solcher sitz und stimme im professoren - collegium 
und in der obersten universitäts - behörde (consistorium) und 
das recht bei allen rigorosen zu prüfen und taxen einzustrei- 
chen. So wichtige rechte sind also an den nachvveis von kennt- 
nissen, mit denen ein gymnasiast zur noth ausreicht und an 
die Zahlung der paar gülden geknüpft. Das doctoren- collegium 
vereinigt auch thatsächlich nicht Vertreter der Wissenschaft, ja nicht 
einmal nur solche, die zur Wissenschaft in irgend einer beziehung 
stehen oder jemals in einer anderen gestanden haben als dass sie 
einige compendien disparater fächer ihrem gedächtniss einge- 
prägt. Mit rücksicht auf die doctoren - decane also , wie sie 
nun einmal ein solcher verein von mitteimässigkeiten hervor- 
zubringen vermag, mussten jene prüfungsforderungen aufrecht 
erhalten werden; denn man hätte diese prüfenden decane in 
arge Verlegenheit gebracht , wenn man ihnen zugemuthet 



270 Kleine philologische zeitung. Nr. 5. 

hätte, eineu candidaten ein stück Piaton wollen wir sagen über- 
setzen zu lassen oder selber zu übersetzen. 

Das gegenwärtige ministerium scheint den muth zu haben, 
an diesen mit dem katholischen charakter der Universität eng 
zusammenhängenden doctoren - collegien zu rütteln. Wenn das 
interesse der Universität es in diesem vorsatz nicht bestärken 
sollte, so mussten politische erwägungen diese reform gebiete- 
risch erheischen; denn die prager Universität ist wesentlich 
durch die starken czechischen majoritäten ihrer doctoren - colle- 
gien zu einem tummelplatz des nationalen radicalismus, welcher 
der deutseben Wissenschaft tod geschworen, herabgesunken. Die 
neue rigorosen- Ordnung ist ein erster schritt auf dem wege der 
reform, die endlich auch den mittelalterlichen plunder der doc- 
toren -collegien hinwegfegen wird. Es ist durch dieselbe das 
prineip der fachprüfungen aeeeptirt worden, welche wissenschaft- 
liche dilettanten als prüfungs-commissaire von selbst aus- 
schliessen. 

Die neue rigorosen -Ordnung verlangt von dem candidaten 
zunächst eine gedruckte oder nicht gedruckte dissertation aus 
einem der zum bereich der philosophischen facultät gehörigen 
fächer und zwei rigorosen, eines aus philosophie und das zweite 
aus einer der folgenden fachgruppen, zwischen denen die wähl 
freigestellt ist: 1) geschichte in Verbindung mit der griechischen 
oder lateinischen philologie , 2) classische philologie in Verbin- 
dung mit der geschichte der alten weit, 3) mathematik und phy- 
sik oder einen dieser gegenstände mit chemie oder einem zweig 
der descriptiven naturwissenschaften (zoologie , botanik, minera- 
logie). Ausserdem bietet das specielle wissenschaftliche gebiet, 
dem das thema der dissertation entnommen ist, einen bestand- 
theil der von dem candidaten abzulegenden faebgruppenprüfung. 

Im grossen und ganzen entspricht diese reform unseren wün- 
schen und nähert sich dieselbe dem an den meisten deutschen 
Universitäten herrschenden gebrauch. Aber eine speeifisch öster- 
reichische schrulle klebt ihr doch an, welche ■ — wir erwar- 
ten es — die praktische durchführung abstreifen oder unschäd- 
lich machen wird, nämlich der respect und die ganz unverhält- 
nissmässige berücksichtigung der philosophie. Jeder muss ein 
rigorosum aus philosophie machen und wird demnach ein phi- 
lologe, da philosophie in einem rigorosum für sich, philologie 
aber in Verbindung mit alter geschichte geprüft wird, eingehen- 
der aus philosophie als aus seinem speciellen fache geprüft wer- 
den können. Hierin steht die reform auf einem völlig veralte- 
ten Standpunkt. Sie nimmt an dass philosophie heutzutage 
noch die rolle spielt, die ihr nicht gebührt. Indessen ist phi- 
losophie eine im niedergang begriffene Wissenschaft, die also 
bestenfalls als ein fach neben andern, niemals aber als köni- 
gin über alle gestellt werden durfte. 



Nr. 5. Kleine philologische zeitung. 271 

Strassburg. 29. april. Heute wurde am akademiege- 
bäude in der über dem kaupteingange befindlichen cartouche 
eine marmortafel mit folgender inschrift angebracht: 

Universitatem litterariam summis auspiciis Maximiliani II 
Imperatoris Augusti in illustri civitate Argentinensi anti- 
quissima in Germania bonarum artiura sede anno MDLXVI 
constitutam et Ferdinandi II anno MDCXXI novis privile- 
giis auctam quae ab initio huius saeculi sub Academiae no- 
mine floruit Guilelmus Imperator Germaniae in integrum re- 
stituit ac renovavit MDCCCLXXII. 

Die innere einrichtung des akademiegebäudes ist vollen- 
det und die vorlesuugen, die bereits zahlreich am schwarzen 
brett angekündigt sind, werden am montag den 6. mai beginnen. 
London. 31. april. In einem sumpfe in der nahe von 
Otisville , orange County , New- York , wurden unlängst die 
Überreste eines mastodons entdeckt. Es sind nunmehr beinahe 
alle knochen ausgegraben worden, und das zusammengesetzte 
gerippe repräsentirt ein thier von 14 fuss höhe und 25 fuss 
länge. Auch ermittelte man den inhalt des magens , der aus 
sehr grossen blättern und halmen einer unbekannten grasart 
von 1 — 3 zoll breite bestand. 

Der ausbruch des Vesuv wird genau in Köln. Ztg. v. 27. 
april und danach im Eeichsanz. nr. 105 beil. 1 beschrieben. 



AUSZUEGE aus Zeitschriften: Augsburger allgemeine zeitung, beil. 
zu nr. 117: zur mythen- und legenden -literatur. — Nr. 118: die 
Universitäten Heidelberg und Strassburg. — Dr Deiters in Düren: 
dessen ernennung zum director des gymnasium scheint einen conflict 
mit dem erzbischof von Köln zu veranlassen. — Nr. 119: ausbruch 
des Vesuv. — Beil. zu nr. 119: l'k. Waiiz, anthropologie der natur- 
völker, fortgesetzt von G. Gerland: anzeige. — Nr. 120 : anzeige des 
buchs voq H. Kurz, aus den tagen der schmach : der ref. theiit aus 
„Teutsche Sprach und Weissheit. fol. Augsburg 1616" unter anderm 
den satz mit : »Deutschland ist wie ein schöner weidlicher hengst, 
der futter und alles genug hat , und fehlt im nur an einem 
guten reuter«. — Ausbruch des Vesuv. — Nr. 121: ausbruch des 
Vesuv. — Beil. zu nr. 121: zur geschichte des alterthums: macht auf- 
merksam auf Mahaffy Prolegomena of ancient history , die sich zu- 
meist auf den Orient beziehen. — Nr. 122: ausbruch des Vesuv. — 
Beil. zu 122: die römischen ausgrabungen. I. Das forum: sehr zu 
beachten. — Die confessionellen schulen Tirol's. — Nr. 123 : die 
Verwerfung des neuen züricherischen Schulgesetzes. — Zur eröff- 
nung der Universität Strassburg: auch in den vorhergehenden nurn- 
mern sind hinsichtlich dieser feier mehrfach notizen mitgetheilt. — 
Beil. zu nr. 123: pariser chronik. XII. — Ueber die quelle des Do- 
lopathos, von Herrn. Oesterley ; sie wird in der rectificirten historia 
Lucinii gefunden, über die vf. sich ausspricht. — Nr. 124: festfeier 
in Strassburg. — Prag und Strassburg. — Der Vesuv. — Beil. zu 
nr. 124: unterrichtswesen in Japan. — Nr. 125. 126. beil. zu nr. 
126: die eröffnung der Universität Strassburg. I. IL III. — Beil. zu 
nr. 124, nr. 127: zur geschichte der Universität Strassburg. I. II. — 



272 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 5. 

Deutsche kriegsliteratur. — Auss. beil. zu nr. 126: Vorlesungen Cl. 
Groth's über deutsche literatur in deutscher spräche zu Oxford. — 
Nr. 127: tschechische- gänge. — Beil. zu nr. 128. 129: Karolina 
Bauer: wir fügen hinzu, dass sie eine vortreffliche darstellerin der 
Antigone des Sophokles war. — Nr. 129: die betheiligung der El- 
sässer bei der einweihung der strassburger Universität: der artikel 
wie auch was sonst in den Zeitungen zu lesen, will nicht recht mit 
der spräche heraus. Warum denn nicht? Die Wahrheit kommt doch 
heraus : man sieht aus allen mittheilungen, wie die masse der Elsässer 
kein herz für die feier gehabt hat. — Beil. zu nr. 129. 180 : die 
strassburger festtage: enthält auch einzelne an ihnen gehaltene re- 
den. — Nr. 131: der oberkirchenrath in Berlin und das schulaufsichts- 
gesetz. — Beil. zu nr. 131: anfang der Vorlesungen, wähl des pro- 
rektor und Ordnung der Verfassung der Universität Strassburg. 

Blätter für das bayerische gymnasial Schulwesen , redigirt von W. 
Baur und Dr Friedlein, VIII. bd. München 1871. Heft 1, p. 1: die grie- 
chischen deponentia (fortsetzung). III. Media mit passiven formen und 
umgekehrt. Sechs verba mit medialer und intransitiver bedeutung von 
Scholl. — P. 16: Novae commentationes Platonicae. Scrijjsit Mar t onus 
Schanz. Wircehurgi. 1871. Sendschreiben an herrn prof. Bauer in 
München von Chr. Cron. Begrüsst die schrift als »eine höchst wich- 
tige, ohne jedoch von ihr immer befriedigtzu sein«. [S.ob. nr.3, p.113]. 

— P. 20 : Beiträge zur erklärung des platonischen Georgias im ganzen und 
einzelnen von Christian Cron. Leipzig 1870: Markhauser bestreitet in 
seiner im zweiten hefte (p. 62) beendeten anzeige unter anerkennung 
der gediegenheit des buches , dass Kallikles identisch sei mit Kritias, 
und dass die scene überallhin verlegt werden könne, nur nicht in das 
haus des Kallikles (vgl. Philol. Anzeiger III, 2, p. 69). — P. 33: 
Ovidius und sein verhältniss zu den Vorgängern und seinen gleichzei- 
tigen römischen dichtem. Von Dr Anton Zingerle. Zweites heft: 
Ovid, Ennius, Lucrez, Vergib Innsbruck 1871 : angez. von Gross. Wird 
als sorgfältige arbeit bezeichnet. — [S. ob. n. 4, p. 199.] 

Zarncke, literarisches centralblatt. 1872, nr. 1: G. Rettig, Catul- 
liana III. De epigrammatis in Gellium scriptis. 4. Bern. 1871: bil- 
ligt die polemik gegen Westphal, will aber gegen Rettig i. c. 80, 7 
Victoris als nomen proprium, nicht als appellativum gefasst und c. 
116 nicht als. schluss, sondern als anfang der gedickte gegen Gellius 
betrachtet wissen. (S. ob. nr. 1, p. 35.] — 31. C. Pamikas, beitrage 
zur byzantinischen literatur. 8. Münch. 1871: anzeige von Bu. — 

— B. Schmidt, das Volksleben der Neugriechen und das hellenische 
alterthum. 8. Lpzg. 1871: anzeige von Bu. — A. Michaelis, der Par- 
thenon. 8. Leipzig. 1871: anzeige von Bu, der abweichende ansich- 
ten ausspricht. [S. ob. n. 1, p. 50; nr. 3, p. 145.]. — A. Salinas, 
le monete delle antiche citta di Sicilia, fol. fasc. 1. Palermo. 1871: an- 
zeige von Bu. — Nr. 2: A. v. Sollet, die künstlerinschriften auf 
griechischen münzen. 8. Berlin. 1871: anzeige von Bit. — Fr. 
Reher, kunstgeschichte des alterthums. 8. Leipzig. 1871: anzeige 
von Bu: vrgl. Phil. Anz. III, nr. 6, p. 315. — - Nr. 3: G. Curtius, 
studien zur griechischen und lateinischen grammatik. 8. Bd. IV, 
heft 1. Leipzig. 1871: anzeige von C, welche sich besonders über die 
abhandluno- von C. Brugmann de Graecae linguae pnxluctioiie sup- 
pletoria ausführlicher auslässt. — ./. Schneider, neue beitrage zur al- 
ten geschichte und geographie der Rheinlande. Dritte folge. Der kreis 
Duisburg unter den Römern. 4. Düsseldorf. 1871: anzeige von Bu. — 
Der srabfund von Wald-Algesheim erläutert v. F. aus in Jl'erth: anz.v.-Bw. 



Nr. 6. Jmii 1872. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als erganzung des Püilologus 



Ernst von Leutsch. 



159. Georg Kai bei, de monumentorum aliquot Grae- 
corum carminibus. 8. Dissert. philol. Bonn 1871. 46 s. 

Die hübsche abhandlung offenbart gründliche Vorstudien 
zu einer Anthologia epigraphica , welche der Verfasser zu bear- 
beiten gedenkt. Zu mehreren lückenhaften metrischen inschrif- 
ten werden ergänzungen geboten, durch herstellung von g#' ai 
für das aus fehlerhafter ausspräche entstandene aitf i wird die 
von Longpe'rier in der Rev. arch. 1849, p. 198 und darnach 
von Welcker im Rh. Mus. VIT, p. 619 veröffentlichte Inschrift 
emendiert für das in Constantinopel gefundene von Henzen im 
Bull. arch. 1847, p. 122 bekannt gemachte epigramm wird auf 
das gleichlautende epigramm in der Anthol. Palat. V, 340 ver- 
wiesen und daran aus der geschichte der rennbahnparteien der 
grünen und blauen in Constantinopel eine erläuternde ausein- 
andersetzung geknüpft. Am interessantesten für uns ist der 
versuch an die stelle des von Karsten , Kayser , Westermann 
als unecht erkannten epigramms in der kranzrede des Demo- 
sthenes §. 289 das ächte zu setzen. Der versuch scheint ge- 
lungen. Bisher glaubte man, dass Demosthenes mit den Wor- 
ten: uxoveig, Alo"flvr[^ xui iv aüzcp rovrq) ib „/xr/ösv afxaQtdv 
iazi &sov xal nävta y.uTGQ&ovv", einen vers des vorgelesenen 
epigramms wiederhole ; Kaibel bemerkt mit recht, dass der red- 
ner sich auf einen alten sprichwörtlichen vers berufe, der für 
die Verhältnisse des redners, nicht aber für das fragliche epi- 
gramm passe. Kaibel hat nun gefunden , dass das von einem 
in der nähe des Olympieions gefundenen 'stücke pentelischen 
marmors abgeschriebene, von Pittakis in der Eph. archaiol. n. 
Philol. Anz. IV. 18 



274 159. Epigraphik. — 160. Homeros. Nr. 6. 

545 veröffentlichte fragment eines epigramms gleichlautend ist 
mit dem epigramm der Anthol. Palat. VIT, 245 : 

fi Xqops, navtolxov Qvr\xolg Tinventaxons duifxov, 

ayysXog ijpisriooiv näai yerov na&sav. 
oog ItQav acö&iv netQCüfiSvoi ' EXXd8a ^ccQav 

BOIGOZGQV xÄSlVOig &V)JGX0flEV SV 8a7I8Ö0ig, 

und hat sich von Koehler mittheilen lassen, dass der Charakter 
der schrift den jähren 350 — 300 v. Chr. angehöre. Es ist 
also die beziehung des epigramms auf die niederlage von Chä- 
ronea durchaus wahrscheinlich, da caifceiv nsigmusvoi auf eine 
niederlage hindeutet und keine andere niederlage der Athener 
— in Athen ist ja die Inschrift gefunden worden — der zeit, 
dem orte, der Stimmung der inschrift in gleicher weise entspricht. 
Dass das lemma der Anthologie iov axnov (d. i. des Gaetulikus) 
sig rovg avrovg jiaxsduiptoviovg einer solchen annähme nicht im 
wege stehe, hat Kaibel erwiesen. Die provenienz der marmor- 
inschrift, welche wir eher in der gegend des äusseren Keramei- 
kos erwarten (Paus. I, 29, 11), darf auch niemanden zwei- 
fei erregen ; denn die fälle , wo solche steine verschleppt wor- 
den sind, gehören nicht zu den Seltenheiten. Die entdeckung 
dieser beziehung ist nicht nur für die lücke der demostheni- 
schen rede sehr willkommen, sondern verleiht auch dem epi- 
gramme selbst eine eigenthümliche spräche, die unser warmes 
mitgefühl weckt. 

W. 

160. Prolegoraena ad hymnum in Venerem Homericum 
quartum scripsit K. Thiele. 8. Halis, sumptibus et typis or- 
phanotrophei. MDCCCLXXII. 81 ss. — 15 gr. 

Von den vier grösseren homerischen hymnen hat merkwürdi- 
gerweise gerade derjenige, der bei den alten der bekannteste ge- 
wesen zu sein scheint und von ihnen mit dem uamen des n^^nixcö- 
ratng ausgezeichnet wurde, bei den neueren die verhältnissmä- 
ssig geringste beachtung gefunden und so muss man es dem 
verf. dank wissen, dass er sich der aufgäbe unterzogen hat, die 
wichtigsten , diesen hymuus betreffenden fragen eingehend zu 
erörtern und, so gut es gehen wollte, zu einer art von ab- 
schluss zu bringen. 

Die schrift umfasst drei grössere capitel. Im ersten der- 



Nr. 6. 160. Homeros. 275 

selben werden die ansichten referiert, welche die gelehrten von 
Groddeck an bis auf Baumeister in betreff dieses hymnus auf- 
gestellt haben , im zweiten kommen die metrischen und stilisti- 
schen punkte zur spräche, und im dritten wird von dem Inhalt 
des gedichtes, von dem orte der entstehung und dem muth- 
masslicben Verfasser gehandelt. 

Das erste capitel bietet selbstverständlich nichts neues und 
eigenthümliches , ist aber insofern nicht ohne interesse , als es 
erkennen lässt, wie man im verlaufe der zeit zu immer gereif- 
teren urtheilen über den Ursprung und den gehalt der dichtung 
fortschritt. 

Die metrischen und stilistischen Untersuchungen , die den 
inhalt des zweiten capitels bilden, sind unter zugrundlegung der 
resultate, welche Köhn, Windisch und Hoffmann gefunden ha- 
ben, und unter anlehnung an die bewährte methode von Gr. 
Curtius mit grosser genauigkeit und umsieht geführt. Unter 
anderem wird hier der beweis geliefert, dass unser hymnus rück- 
sichtlich des gebrauchs der cäsuren , der behandlung der posi- 
tion, der Verwendung der daktylen u. dgl. m. mit den homeri- 
schen gedienten die grösste ähnlichkeit besitzt, dass er dagegen 
in behandlung des digamma, in der Verlängerung und Ver- 
kürzung der silben u. s. w. sich mehr den hesiodischen epen 
nähert. Verdient also schon aus metrischen gründen unser hymnus 
öfArjoiMoÖTazog genannt zu werden, so noch mehr aus grammati- 
schen und lexicologischen. Denn erinnert auch einiges im Wort- 
schatz und in der formbildung an Hesiod , so trägt doch das 
allermeiste homerischen Charakter. Es liegt nahe an direkte 
entlehnung aus den grossen epen zu denken ; möglich auch, 
wie hier vermuthet wird, dass der Verfasser dieses hymnus nur 
aus derselben gemeinsamen quelle der Überlieferung schöpfte. 

Im dritten capitel weist der Verfasser zunächst nach, dass 
der inhalt des hymnus in vielen punkten sich durchaus nicht 
mit echt griechischer anschauung verträgt, dass z. b. Zeus hier 
eine ungewöhnliche rolle spielt; dass aber namentlich die Venus 
wie sie hier gezeichnet ist , wenig oder gar nichts mit der ge- 
mein hat, der wir in der übrigen litteratur begegnen. Das sind 
notorische Schwierigkeiten; wie werden sie gehoben? Zumeist 
im unmittelbaren anschluss an die vortreffliche arbeit von Klau- 
sen (Aeneas und die Penaten) setzt der verf. klar auseinander, 

18* 



276 160. Homeros. Nr. 6. 

dass die Venus dieses gedientes nicht die griechische Venus, 
sondern jene troische göttermutter ist , welche sich im wesent- 
lichen von der phrygischen Kybele und der thrakischen Kotytto 
nicht unterscheidet , und dass sich mit der natur dieser magna 
mater und ihrem Sagenkreise alles vereinigen lässt, was sich in 
der dichtung befremdliches findet. 

Die physikalische exkursion , die der verf. auf p. 64 an 
diese gehaltvolle Untersuchung anschliesst , hätte er füglich un- 
terlassen können, da sie das verständniss der dichtung in nichts 
fördert und uns kaum etwas anderes als sehr problematische 
hypothesen vorführt. 

Wenn schliesslich der verf. p. 67 ff. zu dem resultate 
kommt, die trojanische sage vom Anchises habe sich im lande 
der Trojaner auch noch nach dem trojanischen kriege erhalten, 
sei dann, wie nach anderen colonien, so auch nach der pflanz- 
stadt Gergition im gebiete von Cumä mit ausgewandert, und 
hier sei unser hymnus von einem ionischen rhapsoden nicht 
lange nach abschluss des Homerepos zur zeit der Kypriendich- 
tung, also gegen ende des neunten oder anfang des achten Jahr- 
hunderts verfasst worden, so wird man diesen vermuthungen, 
da sie hinreichend begründet sind, einen hohen grad von Wahr- 
scheinlichkeit nicht absprechen können. 

Auf textkritik hat sich der verf. für diesmal absichtlich 
nicht eingelassen; die wenigen Verbesserungen, die er gelegent- 
lich in Vorschlag bringt, wie z. b. das qiaaiv v. 284, vermögen 
wir durchaus nicht als solche zu betrachten. Einige thatsäch- 
liche irrthümer sind auch mit untergelaufen. So ist falsch, 
wenn behauptet wird ai/iö^oio finde sich stets nur in der buko- 
lischen cäsur-, v. 8 unseres hymnus und Hom. 11. Ä', 553 be- 
weisen das gegentheil. 

Die spräche ist verständlich , entbehrt aber allzuoft der 
eleganz und selbst der nöthigen correetheit. Ein viermaliges 
cui resp. quibus inscriptum est, die bis zum überdruss wiederhol- 
ten Wendungen nee non, quum dicat, facere non possum quin, 
deutsch- lateinische phrasen wie contra Vossium surrexit Mat- 
thiaeus — in ludo puer iam non ignorat — ita ut optis non ha- 
beam disputatione ampliore probare — postquam iJraemisimits , re- 
vertamur — in Gordiam(l) offenderunt — ne %mo quidem tempo- 
ris puncto dubito — Carmen epicum, quorum(l) multa a Graecis 



Nr. 6. 161. 162, Aristophanes. 277 

tum confecta sunt — dies und vieles andere der art gereicht 
der abhandlung nicht gerade zur zierde. Chr. M. 

161. Der chor in der griechischen komödie vor Aristopha- 
nes. Vom Oberlehrer Dr Chr. Muff. Programm der lateini- 
schen hauptschule in Halle. 1871. 4. 40 s. 

162. Ueber den Vortrag der chorischen partieen bei Aristo- 
phanes von Chr. Muff. Halle. 1872. 8. 175 s. — 1 thlr. 10 ngr. 

Weil die geschichte des chors im gründe die geschichte 
der komödie selber sei, betrachtet die erste abhandlung, um ein 
anschauliches bild vom ersten auftreten und der ältesten Verfas- 
sung des komischen chores zu gewinnen, die entstehungsge- 
schichte der komödie in ihrem verlaufe. Neue ergebnisse dürfte 
diese betrachtung nur in der genaueren bestimmung und richti- 
geren auffassung einiger bruchstücke der älteren komiker er- 
zielt haben. Der Verfasser fasst die resultate seiner Untersu- 
chung in folgenden Worten zusammen : „der bau der komödie 
ist, schon rein änsserlich betrachtet, von dem, wie wir ihn 
bei Aristophanes finden, durchaus nicht verschieden. Es sind alle 
die chorlieder vorhanden, welche die eigentliche gliederung der 
alten komödie bedingen. Denn es finden sich spuren einer par- 
odos; von dem Vorhandensein der nagußaatg legen zahlreiche 
Überreste zeugniss ab; die vielen melischen fragmente skopti- 
schen und hymnodischen inhalts sind unbedenklich als verse 
aus verloren gegangenen aräaifAa zu betrachten, und endlich 
glauben wir auch reste einer s^odog gefunden zu haben (Cra- 
tin. fr. XXII ralta dvoh> iv IroTv r/fxiv fiöl.ig i^anovrj&r] , vgl. 
Aristoph. Nub. 1510. Thesmoph. 1227). Damit war die com- 
position der komödie vollendet; das lyrische und dramatische 
element waren in diejenige beziehung zu einander getreten, 
welche von nun an massgebend bleibt, und das ganze umfasst 
dieselben theile, welche ein regelrechtes stück zu haben pflegt". 

In der verdienstlichen schritt über den Vortrag der cbori- 
schen partieen bei Aristophanes sucht Muff die kriterien für die 
Unterscheidung des dialogischen und melischen Vortrags und die 
vertheilung der chorpartieen unter koryphaios und gesammt- 
chor festzustellen. Solche kriterien findet er in dem inhalte, 
je nachdem dieser der funktion eines Schauspielers (koryphaios) 
oder der funktion eines sängers (gesammtchor) entspreche, in 



278 162. Aristophaiies. Nr. 6. 

der nachahmung und parodie melischer partieen, im tanze, der 
nur dem gesammtchor zukomme, in charakteristischen textwor- 
ten, welche eine partie als gesang bezeichnen, endlich in den 
metra. Mit recht weist Muff abweichend von Kock Av. 1720 — 
1725 dem chore, v. 1726 — 1730 dem koryphaios zu. Dagegen 
scheint die auffassung von Eccl. 1167 ff. nicht richtig zu sein. 
Muff betrachtet nämlich das lied mit Westphal als hyporchema, 
welches der chor unter lebhaftem tanze vortrage, während 
Bergk und Meineke darin eine monodie des koryphaios er- 
blicken. Der chorführer fordert in gleicher weise den Blepyros 
wie den chor (xou ov xivei . . x«< r«u5f) zu einem kretischen 
tanze auf, während er fortfahrend das motiv des tanzes an- 
gibt (tä%a y a q snsiat xtX.). Man muss also annehmen, dass 
der chor ebenso wie Blepyros den gesang des koryphaios mit 
lebhaftem tanze begleite. — In den metra schliesst sich Muff 
zumeist den Untersuchungen und ansichten von Westphal an 
und bespricht zuerst die metra (iamben, trochäen , anapäste, 
daktylen), welche sowohl dialogisch als melisch gebraucht wer- 
den, darauf diejenigen, welche nur melischen Vortrag zulassen. 
So treffend manche bemerkungen sind , so wird doch der Ver- 
fasser selbst gern zugeben, dass diese frage, besonders soweit 
sie die Unterscheidung des melischen und melodramatischen Vor- 
trags betrifft, noch nicht zu einer durchaus befriedigenden lösung 
geführt sei. — In einem weiteren abschnitt werden die haupt- 
chorlieder der komödie behandelt. Für die parodos wird nur 
melischer Vortrag angenommen, weil sie den chor bei seinem 
einrücken in die orchestra begleitet und weil die darin ange- 
wandten metra eine durchweg melische behandlung erfahren ha- 
ben. „Die parodoi der Ritter, der Wolken, der Wespen, des 
Friedens und der Vögel sind nur vom cköre, dagegen die der 
Acharner , der Lysistrata , des Plutus und der Frösche sind 
theils vom chore, theils vom koryphaios vorgetragen". — In 
betreff der parabase tritt Muff der ansieht derjenigen bei, welche 
das xofifxdnov vom koryphaios gesungen, die anapäste und das 
nvlyoq von eben demselben melodramatisch oder monodisch 
vorgetragen , ode und antode von dem gesammten chor unter 
tanz gesungen, ebenso die epirrhematische syzygie vom ganzen 
chor gesungen und von orchestischer bewegung begleitet sein 
lassen. Ist die ansieht über das epirrhema richtig — und die 



Nr. 6. 162. Aristophanes. 279 

strophische gliederung desselben sowie die öftere Verbindung 
mit lyrischen versen scheint dafür zu sprechen — , so zeigt 
sich nur , wie unsicher der schluss von dem inhalte — man 
denke z. b. an das epirrhema der Frösche — auf die art des 
Vortrags ist. — In dem nächsten abschnitt über die theilung 
des chors kommt Muff zu demselben resultat wie Kolster und 
Richter, dass eine theilung des chors in zwei halbchöre in sel- 
tenen fällen vorgenommen sei. — Der neunte abschnitt handelt 
über die parachoregemata. Der Verfasser versteht unter aaua- 
%ogt]yTjftaza jedes aussergewöhnliche auftreten des chorpersonals 
sowie jede Vermehrung desselben zum zwecke besonderer Ver- 
wendung bald auf der bühne bald hinter der bühne bald in der 
orchestra. Nichtsdestoweniger fasst er 7TaQa%oQ)'jy>j[Aa in dem 
sinne einer ausserordentlichen leistung des choregen. Man müsste 
also annehmen, dass der begriff einer nebenauslage des choregen 
der ursprüngliche gewesen sei und dass sich aus diesem der 
begriff jeder aussergewöhnlichen Verwendung auch der ohnedies 
vorhandenen kräfte gebildet habe. Das ist aber kaum annehm- 
bar. Da die erklärung bei Poll. IV, 109 völlig unverständlich 
ist, so bleiben uns nur die namen nanaG-A^viov und 7zaQa%0QTjy?][ia 
und es empfiehlt sich vielleicht folgende erklärung. Wenn die 
regelmässigen Schauspieler oder choreuten hinter der bühne 
sprachen oder sangen, so hiess das nngaaxTJviov ; der chor der 
Frösche ist also ein TrtXQCicsxijpiov, kein naQa^ooijy^na , wie die 
scholiasten erklären , welche die begriffe verwechselten ; wenn 
dagegen zu den drei gewöhnlichen schauspielern ein vierter Schau- 
spieler gemiethet und eingeübt wurde oder zu dem chor ein ne- 
benchor kam wie der chor der frauen und mädchen in den 
Fröschen, so wurde diese extraordinaere leistung des choregen 
mit naoayoQi'iytjua bezeichnet. — Im zehnten abschnitt über das 
auftreten einzelner choreuten wendet sich Muff gegen die an- 
sieht von R. Arnoldt (scenische Untersuchungen über den chor 
bei Aristophanes, Elbing 1871), welcher eine häufige Verwen- 
dung der reihe nach sprechender choreuten annimmt. Die Wi- 
derlegung dieser modernisierenden auffassung scheint hinreichend 
geliefert zu sein. — Der Vollständigkeit halber wird in dem 
elften abschnitt über den tanz gesprochen und mit Bode eine 
seltene anwendung des kordax bei Aristophanes angenommen, 
mit Kock überhaupt die anwendung des kordax in der para- 



280 163. Lateinische poesie. Nr. 6. 

base der Frösche, wo ihn Kock noch zugesteht, verneint. Da- 
bei scheint der irrthum , dass der erste vers der antistrophe 
eine euripideische stelle parodire (p. 130), nur Schreibfehler 
zu sein, da das scholion tovto "Icotög iaiw ix &owixog •)] 
Kauscog ausdrücklich citirt wird. — Der zwölfte abschnitt 
endlich enthält eine spezielle besprechung der einzelnen stücke, 
indem die chorpartieen aller elf komödien der reihe nach auf- 
gezählt und nach den voraus angegebenen grundsätzen in be- 
zug auf Vortrag und tanzbegleitung bestimmt werden. W. 

163. Exempla poetarum e codice Vaticano edita ab Hen- 
rico Keilio. Ind. schol. aestiv. un. Hai. 4. Halae 1872. 

Nachdem aus einer pariser handschrift eine Sammlung von 
166 als prosodische beispiele im siebenten oder achten Jahrhun- 
dert zusammengestellten versen im Rhein. Museum XXVI, p. 332 
ff. edirt war, wird uns nun dieselbe Sammlung aus einer noch 
älteren Vaticanhandschrift (cod. Reg. 215) saec. VHI — IX auf 
die zabl von 272 versen vermehrt dargeboten. Am rand ist 
überall das wort, für dessen prosodie der vers gewählt ist, mit 
den quantitätszeichen versehen angegeben. Wenn dabei der 
vers Lucans VIII, 697 durch einen Schreibfehler (digna statt 
indigna) zu einem pentameter umgestaltet und in diesem nun 
die prosodische bezeichnung maüsoleä (!) angewendet wird, 
so ist dies von interesse, indem es uns eines der motive nach- 
weist , welche bei den spätem dichtem zu der Vernachlässi- 
gung der quantität führten. Die benutzten autoren sind Ver- 
gil, Horaz, Ovid, Martial, Prudentius, Priscians Periegesis, dane- 
ben noch manche andere. V. 199 — 201 stammen übrigens aus 
Anthol. lat. 448, 2. 417, 3 ; 5. Zu mehreren versen ist der 
zusatz Catal. beigefügt, und zwar zu solchen aus Martial, Iuve- 
nal, Lucan, der Anthologie und zu einem christlichen verse; 
was bedeutet er? Catalecta? oder catalecticus? — Mit recht 
nimmt H. Keil p. iv an, dass spätere grammatiker ihre dich- 
terstellen bisweilen solchen Sammlungen entnahmen , worin die 
namen der autoren zu andern versen als den ihrigen rücken 
konnten. Hierfür finde ich einen deutlichen beweis in der 
schrift de dubiis nominibus (Gramm, lat. V), deren poetische au- 
ctores im ganzen derselben art wie hier, und wo Varro mit 
Vergilius und Ovidius, dieser mit Livius und Prudentius, letzte- 



Nr. 6. 164. Valerius Flaccus. 281 

rer mit Propertius u. a. verwechselt sind. — Der Parisinus 
ist mit Keil's handschrift sehr nahe verwandt, jedoch wie mir 
scheint (cf. v. 1) nicht aus ihr abgeschrieben. Zu bedauern 
ist, dass der in der vorrede erwähnte Mico nicht vollständig 
abgedruckt ist, der seinen versen wie es scheint die richtigen 
autoren beifügt, und nach welchem v. 52 (Anthol. lat. 680) von 
Prudentius stammt. [„Unter den noch nicht nachgewiesenen stel- 
len stehn v. 1 Paulin. de vit. S. Mart. 3, 77; v. 2 Venant. 
Fortun. de vit. S. Mart. 3, 234; v. 3 Paulin. de vit. S. Mart. 
3, 95; v. 41 Paulin. de vit. S. Mart. 5, 675; v. 116 carm. de 
Aetna 321 ed. Iac: H. KeU."] A. R. 

164. Observationes Valerianae scr. Ernestus ßeuss. 
Diss. inaug. 8. Marburg, (El wert) 1871. 

Die vorliegende dissertation zerfällt in zwei theile. In dem 
ersteren handelt der verf. über den dichterischen werth der Ar- 
gonautica des Valerius unter besonderer rücksicht auf die bei- 
den Vorbilder desselben, Apollonios und Vergilius. Schon aus 
dem geringen umfange dieses theiles (23 seiten, von denen 
neun mit einer allgemeinen einleitung über die entwicklung der 
epischen poesie bei den Römern nach Ennius und eben so viele 
mit einer vergleichenden inhaltsangabe der beiden Argonautica 
des Apollonios und Valerius ausgefüllt sind, wornach für das ei- 
gentliche thema kaum fünf seiten entfallen) ergibt sich zur genüge, 
dass hier nur eine leichte skizze gegeben werden konnte, die 
sich mit dem , was Weichert und selbst Thilo (in den prolego- 
menen zu seiner ausgäbe des Valerius) erörtert haben, nicht 
messen kann. Indessen wollen wir doch gern anerkennen, dass 
die polemik des verf. gegen das urtheil von Bernhardy über 
Valerius berechtigt ist und dass sich hie und da eine gute be- 
merkung findet, z. b. über das talent des Vergil für das drama 
(p. 8). Wenn der verf. (p. 22) die diction des Valerius cha- 
rakterisirt, so musste doch hervorgehoben werden, dass derselbe 
sich nicht selten kühne und ganz eigenthümliche fügungen er- 
laubt und mitunter entschieden gegen den Sprachgebrauch ver- 
stösst (vgl. meine Studien p. 4 f.). 

In dem zweiten theile (p. 23 — 46) bespricht der verf. eine 
reihe von kritisch bedenklichen stellen, wobei er die reihen- 
folge der bücher einhält. Er schliesst sich hiebei an die an- 



282 164. Valerius Flaccus. Nr. 6. 

sichten von G. Meynke in dessen Quaestiones Valerianae (Bonn 
1865) an, welcher nicht bloss den codex des Carrion als gleich- 
berechtigt neben dem Vaticanus hinstellt , sondern auch den 
übrigen handschriften und selbst den texten alter ausgaben (wie 
der editio princeps oder Bononiensis I und der ausgäbe des Pius) 
einen kritischen werth beilegen will. Auch nimmt er gleich- 
falls nach dem vorgange von Meynke an , dass der text des 
gedichtes sehr durch Interpolationen und willkürliche Verbesse- 
rungen gelitten habe. Aber alle diese ansichten sind, wie ich 
in meinen Studien nachgewiesen zu haben glaube, entschieden 
unrichtig. Der Vaticanus ist die einzige quelle für unseren 
text, aus ihm sind alle anderen handschriften , welche sämmt- 
lich dem fünfzehnten Jahrhundert angehören, geflossen. Dies 
gilt auch von dem codex des Carrion, bei welchem übrigens 
wohl erwogen werden muss, dass eine ziemliche anzahl der von 
Carrion aus ihm angeführten lesearten rein erdichtet und blosse 
einfalle dieses Windbeutels sind. Die Bononiensis ist aus einer 
jungen handschrift geflossen und Pius hat ausser dem Vatica- 
nus nur noch zwei andere Codices aus dem fünfzehnten oder 
gar sechszehnten Jahrhunderte vor sich gehabt. Der text im 
Vaticanus ist nicht im entferntesten interpoliert oder durch will- 
kürliche besserungen entstellt, sondern leidet eben nur an den 
fehlem , wie sie sich unkundige und sorglose abschreiber zu 
schulden kommen Hessen, namentlich auslassungen von buch- 
staben, sylben und Wörtern , und Verwechslungen von solchen 
Wörtern, die sich den lauten oder schriftzügen nach ähnlich 
sind. Wer sich also bei der kritik dieses dichters nicht 
genau an die Überlieferung anschliesst, der muss in seinen 
emendationsversuchen nothwendiger weise fehlgehen. Dies gilt 
auch von dem Verfasser der vorliegenden abhandlung , dem 
es meiner ansieht nach nicht gelungen ist irgend eine stelle 
wirklich zu verbessern. Seine conjeeturen sind gewaltsam und 
willkürlich, z. b. III, 737 f., wo er für das überlieferte: non 
aliter gemitu quondam lea prolis ademptae Ter (ja dedit, sedet inde 
viis, schreiben will : non aliter gemitu quaerit lea prolis ademptae 
indicia insistitque viis, wobei überdies indicia quaerit unlatei- 
nisch ist, oder III, 133 f., wo das handschriftliche: tollitur Jiinc 
totusque ruit Tirynthius arcu Pectore certa regens adversa spicula 
fiamma , in tollitur hinc tentoque ruit Tirynthius arcu fundere 



Nr. 6. 164. Valerius Flaccus. 283 

eerta regens adversa spicula flamma, umgeändert werden soll. 
In der ganzen stelle ist nichts auffällig als pectore, das übri- 
gens, wie der verf. selbst anerkennt, in dem verse 472 eine 
bedeutsame analogie bat. Und wie seltsam würde sieb bei die- 
ser fassung regens ausnehmen? Oft verschmäht auch der 
verf. emendationen, welche einen hohen grad von Wahrschein- 
lichkeit haben, um seine eigenen vermuthungen, die nicht den 
gleicben werth haben, vorzutragen, z. b. II, 243, wo er für 
orsa feram, das ich nach Heinsius vorgeschlagen und durch 
Verweisung- auf V, 470 gestützt habe^ vota feram empfiehlt, 
welches doch sieber der Überlieferung ora feram nicht näber 
liegt und dem sinne nach unpassend ist; die stelle III, 415 
bat mit der vorliegenden keine ähnlichkeit. Und welchen 
Vorzug soll denn die conjeetur : namque ego te quocumgue 
voees seguar; agmina ferro dura metam , vor der leseart mei- 
ner ausgäbe, die theilweise auf Heinsius und Jacobs zurück- 
geht : en egomet quocumgue vocas seguar ; agmina ferro prima 
metam haben? Steht doch diese dem überlieferten et ego et 
quocumgue voces qua tegmina ferro plura metam ungleich nä- 
her ; zudem ist prima ein sehr bezeichnender ausdruck, während 
mit dura nichts anzufangen ist. Das gleiche gilt von I, 157, 
wo statt vegit nicht evehit, sondern gerit, wie schon die zweite 
hand im Monacensis bietet, zu lesen ist (vgl. meine Studien p. 
49), oder von VIII, 444, wo schon Bon. I für das sinnlose 
parentum das unzweifelhaft richtige parantem gibt , gegen wel- 
ches paventem oder morantem nicht in betracht kommen kann. 
Auch verdächtigt der verf. ohne noth ganz gesunde stellen 
und sucht sie dann in seiner weise zu verbessern. So will er 
I, 150 natosque mit Burmann in matresque und in der paralle- 
len stelle IV, 89 pectore nati in pectore amici ändern, weil er 
nicht begreift, was hier die erwähnung der kinder bedeuten 
solle. Aber man braucht nur die verse I, 255 ff. zu lesen, 
um zu fühlen, wie bedeutungsvoll jenes nati an beiden stellen 
ist. Oder sollten die anderen helden nicht das gleiche fühlen 
wie Peleus ? I, 755 schlägt er für das überlieferte flagrantes 
aras vestemque nemusque sacerdos Praecipitat vor flagrantique (was 
soll jenes quet) arae vestemque vittamque sacerdos praecipitat, weil 
er sich die construetion und nemus nicht erklären kann. Es 
war freilich sehr kühn von Valerius nemus für corona zu gebrau- 



284 165. Horatius. Nr. 6. 

chen; aber man wird dies ihm zutrauen, wenn man hört, dass 
er VI, 223 silva im sinne eines iazog „webebaum" verwendet 
hat; flagrantes aras aber ist mit dem folgenden durch ein zeugma 
verbunden. IV, 201 habe ich die ursprüngliche lesart: quem 
nee sua turba tuendo it taciti (nicht tanti) secura metus in meinen 
Studien p. 20 f. gerechtfertigt, V, 187 wird Pario (Maserius' con- 
jeetur für parvo) de marmore, woran auch Meynke anstoss nahm, 
durch die nachahmung des Claudius Marius Victor III, 138 
bestätigt (vgl. meine Studien p. 38, 98). Zweimal will der 
verf. die Überlieferung festhalten, ohne dies aber eingehend zu 
begründen, nämlich I, 156 {conanti), VII, 32 f. (parantem, frei- 
lich mit änderung von ante aperit in antevenit). Aber conanti 
ist ganz ohne sinn und an der zweiten stelle begreife ich nicht, 
wie vultus auf Iason gehen kann, während durch die besserung 
paratas, die schon in der Juntina II steht , und die beziehung 
auf Aeetes alle bedenken auch hinsichtlich ante aperit behoben 
sind. Karl SchenM. 

165. Beiträge zur kritik und zur erklärung der Horazi- 
schen satire I, 3. Von dem professor Dr Heinrich Muther, 
Programm des Casimirianums zu Coburg 1871. 35 s. 4. 

Im anschluss an Keck und Peerlkamp sucht der verf. nach- 
zuweisen, dass der etwas ungeschickte eingang der satire über 
Tigellius bis v. 23 und der erste theil der betrachtung über die 
toleranz gegen freunde (bis v. 75) in v. 24 — 42 und 72 ernst- 
lichen anstoss biete. Der nachweis ist nicht überall gelungen, 
insbesondere nicht p. 12, wo als indicieu für corruptelen in v. 38 — 
42 angeführt wird: 1) „der mit at beginnende satz — setzt vor- 
aus, dass — — ein negativer satz vorausgeht, zu dem der mit 
at einen gegensatz bildet; 2) der conjunet. imperfecti in den Wor- 
ten vettern in amicitia lässt sich nicht rechtfertigen, da zu vel- 
lem kein geeigneter conditionalsatz ergänzt werden kann". Man 
traut seinen äugen kaum bei dieser antediluvianischen gramma- 
tischen expectoration. Das praeter, conjunetivi als modus der 
nichtwirklichkeit und die Verschiebung der modalität bei den 
hülfsverbis sollten doch einem schriftsteiler über Horaz geläufig 
sein! Die worte können nur heissen: ,,ich möchte wünschen 
(vgl. opt. c. av) dass man in dem verhalten den freunden gegen- 
über sich solcher Selbsttäuschung überliesse, und dass diese so- 



Nr. 6. 166. Römische tragodie. 285 

gar für einen Vorzug gelte — allein, da dies leider nicht 
der fall ist, so ist es wenigstens unsre Schuldigkeit, die milde, 
wie sie der vater den gebrechen des sohnes gegenüber zeigt, 
auch bei der beurtheilung der freunde zu beachten". Der ne- 
gative gedanke ist somit allerdings vorhanden, und also at ganz 
in der Ordnung. Andere bedenken sind besser begründet, aber 
auch sie treten zurück , sobald man nicht den maasstab poeti- 
scher Vollkommenheit anlegt, wozu man in dieser satire am al- 
lerwenigsten berechtigt ist. Muther schlägt nun vor, 1) v. 20 zu 
schreiben imo, alii et fortasse cett. Der fragende füge selbst die ant- 
wort hinzu: o ja, du hast fehler und andere haben vielleicht 
kleinere als du (hier durfte Lehrs conjectur nicht übersehen 
werden imo aio et cett. , in der für et besser at folgte). 2) v. 
24 hinter 42 zu setzen ; 3) v. 25 — 28 seien worte des ali- 
quis von v. 19 an Horaz ; 4) v. 29 — 37 seien hinter v. 72 zu 
stellen ; 5) zwischen v. 28 und 38 seien zwei verse ausgefallen, 
in denen Horaz sagte: „ich will mich mit meinen freunden 
verständigen, wie wir es in beziehung auf unsre fehler gegen- 
seitig halten wollen"; 6) v. 41 für et isti sei zu schreiben ei si, 
v. 48 zwischen fultum male ein haud einzuschalten; 8) v. 57. 58 
Uli tardo cognomen pingui daraus gegen Bentley's berühmte re- 
stitution aus Bland, vetus (wofür sich wunderbarer weise auch 
Lucian Müllers autorität hätte anführen lassen) ; 9) v. 65 für mo- 
lestus modestus , 10) v. 76 für irae ira. Dass kein versuch 
gemacht ist, diese kleinigkeiten irgendwie palaeographisch zu 
rechtfertigen, ist — leider ! — nach bekanntem vorgange kaum 
zu verwundern ; ich muss sie alle für verfehlt halten. Bes- 
ser ist der gedanke, dass Horatius durch den aliquis zu an- 
fang nicht bloss mögliche reden seiner gegner, sondern wirkli- 
che äu^serungen eines ihm feindlich gesinnten mannes, eines 
anmassenden stoikers, aussprechen lässt und zu bedauern , dass 
der verf. anstatt seiner kritischen versuche nicht lieber seine 
ansichten aber den gedankengang der weniger unvollkommnen 
zweiten hälfte des gedichts und über die person des Alfenus 
(Alfenius ist ein ärgerlicher druckfehler) mitgetheilt hat. 

Th. Fritzsehe. 

166. Scaenicae Romanorum poesis fragmenta secundis curis 



286 166. Römische tragodie. Nr. 6. 

recensuit Otto Eibbeck. 8. Vol. I. Tragicorum fragmenta. 
Lipsiae in aedibus Teubneri. 1871. LXXIX. 1685. — 3 thlr. 

Die höchste anerkennung an der angezeigten bearbeitung 
des werthvollen buches verdient der ausserordentliche fleiss, mit 
dem zusammengetragen und verwerthet worden ist , was die 
seit dem ersten erscheinen verstrichenen zwei Jahrzehnte an 
einschläglichem materiale jeder art nur irgend mit sich gebracht 
haben. Nimmt man hierzu die selbständigen ermittelungen des 
vf. in diesem Zeiträume, so darf es nicht wunder nehmen, wenn 
sich die neue ausgäbe sehr wesentlich von der ersten unterscheidet ; 
ref. hat bei sorgfältiger vergleichung nur wenige seiten gefunden, 
die nicht mehr oder minder erhebliche änderungen theils im 
texte theils im kritischen apparate aufweisen. In zahlreichen 
fällen bezeichnen die änderungen im texte einen fortschritt, 
indem sie an die stelle des früheren richtigeres oder doch wahr- 
scheinlicheres setzen. Dass bei alle dem noch recht viel zu 
thun übrig gelassen ist, wird jedem begreiflich sein, der nur ei- 
nigermassen einsieht in die mit der kritischen behandlung die- 
ser trümmer verknüpften ausserordentlichen Schwierigkeiten hat, 
bei denen eben nur ein ganz allmähliches fortschreiten möglich 
ist. Wie weit übrigens Ribbeck selbst von selbstgenügender 
Zufriedenheit entfernt ist, geht deutlich aus dem inhaltreichen 
corollarium hervor, in dem er zu einer reihe von stellen theils 
berichtigungen theils neue vorschlage beibringt. Jedoch darf bei 
aller anerkennung des geleisteten und bei voller berücksichtigung 
der zu überwindenden Schwierigkeiten nicht verhehlt werden, 
dass es an fällen nicht fehlt, wo Ribbeck's verfahren gerade 
kein lob zu verdienen scheint. Zur begrüudung dieses urtheils 
sei es verstattet, auf einen nicht unwesentlichen punkt näher 
einzugehen. 

Dass Ritschl's von den „schwachen des marktes" allerdings 
mit einigem misstrauen aufgenommenen , von den starken gei- 
stern aber mit enthusiasmus begrüssten jüngsten entdeckungen 
über auslautendes d im alten latein von einem so hervorra- 
genden gliede der Ritschrschen schule zur praktischen anwen- 
dung gebracht werden würden, war von vornherein zu erwar- 
ten, und ist auch nicht gerade sparsam geschehen, mit wel- 
chem rechte, möge das folgende lehren. Dass Plautus die for- 
men med und ted braucht, ist jetzt ausser allem zweifei, ebenso 



Nr. 6. 166. Römische tragoedle. 287 

aber auch, dass es für das von Ritschi diesen formen entspre- 
chend angenommene sed keinen einzigen sicheren beleg giebt. 
Diese form hat Ribbeck auch nur an einer stelle auf Ritschl's 
autorität hin in den text zu setzen gewagt, Pacuv. p. 82, 39, 
mit welchem gefühle der Sicherheit ergiebt sich zur genüge aus 
der anführung dieser stelle im index : sed vel sese. Sodann ist 
sie zu einem verse desselben dichters p. 98, 17 in der anmer- 
kung vermutungsweise vorgeschlagen ; aber hier ist überhaupt 
jede änderung bei folgender messung unnöthig: 

Habet hoc sönectus in se, cum pigra est ipsa, ut spisse 

ömnia 

Videantur confieri. 
Schliesslich, wenn uns nichts entgangen ist, findet verf. diese 
form coroll. p. LI., aber ohne zwingenden grund, in einem 
sonst für die partikel gehaltenen sed bei Acc. p. 146, 81, wo 
er mit einem argen fehler zu schreiben vorschlägt: 

Sed angustitäte inclusam säxi, [situ] squälidam. 
Auch die an sich ja nicht verfänglichen formen med und 
ted hat Ribbeck nicht mit sonderlichem glücke in anwendung ge- 
bracht. Handschriftliche spuren derselben finden sich unseres 
wissens in diesen fragmenten nirgends; denn in dem Acc. p. 
142, 53, wo zumal med für das metrum ganz unnöthig ist, 
überlieferten me esse eodem hat eine solche spur [quod „meed 
eodem" interpretari possis , wie p. 137, 8 zu dem überlieferten 
me esse bemerkt wird fort, ex „meed" ortum) wohl nur der wünsch 
sehen lassen, irgend einen handschriftlichen anhält ausfindig zu 
machen, ein wünsch, der auch die bemerkung zu p. 155, 152: 
dbsque testimonio Nonii esset, „huius med invidia"' (statt huius me 
dividia) non displiceret, veranlasst zu haben scheint. Eine ge- 
wisse Wahrscheinlichkeit, insofern durch einsetzung dieser for- 
men vollständige verse gewonnen werden, haben (med) Pac. p. 
95, 150. p. 129, 395. Acc. p. 173, 283. p. 202, 515; (ted) 
Pac. p. 108, 248. Am wahrscheinlichsten ist ted im letzten 
verse, im vorletzten liegt mindestens eben so nahe me uti für 
me ut als med ut, bei den übrigen liegt ebenso wenig ein zwin- 
gender grund vor, warum sie senare sein müssen, als warum 
z. b. p. 12, 48 (ut videam Volcani öpera haec flammis fierit Flora), 
p. 28, 102. p. 57, 288. p. 71, 385. p. 107, 241. p. 194, 453 
nicht senare sein dürfen. Gar keine Wahrscheinlichkeit haben, 



288 166. Komische tragödie. Nr. 6. 

ausser dem oben berührten Acc. p. 172, 53, Naev. p. 9, 19 
(vgl. coroll. p. xi), Enn. p. 18, 26. p. 34, 142. p. 41, 192 
(vgl. d. anm.), ine. ine. p. 257, 148, der vermuthungen in den 
anmerkungen zu Acc. p. 184, 370 (wo übrigens das tete im 
texte auch schwerlich richtig ist). 372. ine. ine. p. 242, 52 zu ge- 
schweigen. Aus dem anderweitigen pronominalgebiete entsinnen 
wir uns nicht ein beispiel im texte gelesen zu haben; nur in 
der anm. zu Enn. p. 38, 174 heisst es zu der handschriftlichen 
lesart quos quis oder quo quis (is quo im texte): an: quod ist 
und zu Pac. p. 123, 364, wo die handschriften isla oder isto, 
der text istoc hat: an: istod? Ziemlich zahlreich sind dagegen 
wieder die beispiele für d im nominalgebiete , bei dreien sind 
sogar nach Ribbeck's meinung deutliche spuren in der Überlie- 
ferung enthalten: Naev. p. 9, 19 (cf. coroll. p. x) soll vel hoc 
auf velod hinweisen, das sogar vor consonantischem anlaute ste- 
hen würde, Pac. p. 119, 338 pro sua parte anf pro suad arte 
(auch hier wird die form mit d nicht vom metrum gefordert), 
Acc. p. 219, 644 novo dabunt auf novod avuneulo. Die Enn. p. 39, 
184 in den text aufgenommene conjeetur: Quam cum quis negötiosod 
ütitur negötio (für quam cum est negotium in negotio) hat er selbst 
coroll. p. xxvi fallen lassen, dafür aber ib. p. xix zu p. 20, 40 
neben ubi illa pausillo in Vorschlag gebracht ubi illa paulod, und 
p. xxi zu p. 25, 76 für das im texte stehende Aüxilio [aut] ixili 
aüt fugae freta sim jetzt: Aüxiliod exili aut [quo] fugae freta sim f 
wo sich jedoch ein trochäischer vers annehmen lässt : Aüxilio ixili 
aut fugae freta sim. — Pac. p. 106, 237 schreibt Ribbeck jetzt: 
Qua super red interfectum [tu] e"sse dixisti Hippotem; aber was 
hindert ohne, änderung der Überlieferung zu messen: qua super\ 
Re interfectum esse Hippotem dixisti — (oder qua super re \ Inter- 
fectum ss)t Nicht wahrscheinlicher sind Pac. p. 116, 315: 
Postquäm defessus perrogitantod ddvenas 
[Fuit] de gnatis, nöque quemquain invenit scium, 
und Acc. p. 146, 85: 

An malad aetate mävis male mulcdri exemplis Omnibus; 
denn dort lässt sich das nothwendige verburn substantivum 
(aber gerade die form fuit scheint bedeuklich) auch an an- 
derer stelle ergänzen und damit ohne weitere änderung eine 
genügende metrische fassung gewinnen (vgl. Bücheier in der 
anm.) ; und der zweite vers ist ein zu wenig schöner iambi- 



Nr. 6. 166. Römische tragödie. 289 

scher teframeter, als dass er dem dichter einer blossen conjec- 
tur zu liebe zugemuthet werden dürfte. Hat Accius wirklich, 
wie Ribbeck angenommen haben muss, da er die in der an- 
m erkung erwähnte messung an mala | Aetüte mavis nicht zuge- 
lassen hat, die vierfache alliteration in demselben verse beab- 
sichtigt, so ist eine zum mindesten nicht unwahrscheinlichere 
vermuthung als die Ribbeck'scke: 

'An mala aetate mavis male mulcäri[er] 

Exemplis Omnibus? 
Den ersten vers mit beibehaltung von mulcari als catalectischen cre- 
tischen tetrameter zu messen, dürfte deshalb nicht gerathen sein, 
weil die sicheren beispiele catalectisch cretischer verse bei den al- 
ten scenikern stets im vorletzten fusse einen reinen creticus, wenn 
auch mit auflösungen, haben; die vermuthung mulcarier hat von 
seiten der Überlieferung jedenfalls mehr stütze als die von adirier 
bei Enn. p.59, 306, abgesehen davon dassEnnius sicherlich nicht 
so geschrieben hat, falls er nicht hinter der von Plautus geüb- 
ten technik zurückgeblieben ist, einen bacchius auf eine dacty- 
lische wortform nicht ausgehen zu lassen. Sollte übrigens nicht 
eine solche infinitivform auch Pacuv. p. 132, 410 herzustellen 
sein : nee tuendi sdiietas capier potest. Eine gewisse Wahrschein- 
lichkeit haben hingegen Acc. p. 146, 84 Ut tarn öbstinatod 
dnimo confisüs tuo, und p. 153, 131 Aüt infandod hömine cett., 
da durch einsetzung dieser formen vollständige verse gewon- 
nen werden; aber kann, abgesehen von der auch von Rib- 
beck erkannten möglichkeit im zweiten verse hörnerne zu 
schreiben, dieser umstand die gewissheit geben, dass wie der 
eben genannte zu p. 146, 84 einfach statuirt, derartige formen 
zur zeit des Accius wenn auch nur in der tragödie noch in 
gebrauch waren? Aus dem adverbialgebiete wäre, um von Acc. 
p. 143, 62 (vgl. die anm.) abzusehen, ein urkundliches beispiel 
Pac. p. 104, 225 Quid tandem? ubi ea est? quöd reeeptast? cett., 
wenn die lesart etwas mehr Sicherheit böie und zweitens selbst 
bei der gewissheit, dass Pacuvius derartige formen zugelassen 
doch immer noch nicht ohne weiteres die anwendung derselben 
auch ohne metrischen zwang anzunehmen wäre. Ein interead 
ist angenommen Liv. p. 4, 26 Ego puerum interead aneülae cett .: 
aber die richtigkeit der von Ribbeck angenommenen metrischen 
fassung vorausgesetzt , so erregt doch in erster linie der pro- 
Philol. Anz. IV. 19 



290 167. Sallustius. Nr. 6. 

celeusmaticus ego puerum anstoss ; beseitigt man diesen z. b. durch 
die naheliegende änderung von puerum in puellum, so ist auch 
zugleich der fehlerhafte hiatus nach interea beseitigt. Ein 
praed schliesslich hat Ribbeck nur in der anm. zu Acc. p. 155, 
146 in Vorschlag zu bringen gewagt. 

Ein ähnliches verfahren, bald übermässig conservativ, bald 
ziemlich gewaltsam , Hesse sich noch in anderen beziehungen 
nachweisen; doch wird diese darlegung genügen, um obiges 
urtheil in den äugen von vorurteilsfreien nicht als ein unge- 
rechtes erscheinen zu lassen. Im einzelnen wäre noch manches 
zu bemerken; doch muss es in rücksicht auf die hier gesteck- 
ten grenzen unterbleiben. Zum schluss noch die bemerkung, 
dass die ausstattung des buches eine vorzügliche ist; druck- 
fehler entsinnt sich referent nur zwei gesehen zu haben, p. 22 
anm. zu v. 58 continuo statt contuo, p. 140 anm. zu v. 30 mali 
g. statt mali p.; viel mehr können es auf keinen fall sein. 

167. De archaismis Sallustianis. Diss. inaug. quam . . . 
defendet auetor Paulus Schulze, Berolinensis. Halis Saxo- 
nura [1871]. 33 pp. 8. 

Eine kritische Zusammenstellung und sichtung der schon 
im alterthume berufenen archaismen bei Sallust ist auch nach 
den verschiedenen von einzelnen herausgebern z. b. Gerlach 
angelegten Sammlungen ein daukenswertb.es unternehmen. Die 
ausführung dieser aufgäbe ist jedoch dem verf. der neuesten 
hierauf bezüglichen Schrift trotz des unverkennbaren fleisses 
nicht völlig gelungen. Zunächst vermisst man im einzelnen 
die allein vertrauen erweckende akribie. Trotz der durch 
wörtlichen abdruck vieler stelleu neuerer grammatiker und her- 
ausgeber herbeigeführten breite und trotz vielfacher Wiederho- 
lungen , die aus der unterlassenen Zusammenfassung des gleich- 
artigen unter einen gesichtspunkt entstanden sind, genügt die 
arbeit doch nicht einmal der ersten forderuug der Vollständig- 
keit. Um nur ein beispiel zu geben, so ist p. 77 bei der erör- 
terung der zahlreichen im plural gebrauchten abstraeta ein ein- 
faches „eic." um so weniger am platze, da gerade sehr aufal- 
lende, wie famae, luces , paecs, saevitiae fehlen; während umge- 
kehrt die anführung von gloriae nach den gegen diesen gebrauch 
erhobenen bedenken von Beruays und liergk unterbleiben oder 



Nr. 6. 167. Sallustius. 291 

wenigstens mit einem worte gerechtfertigt werden musste. Wich- 
tiger noch erscheint, um von unvollständiger aufzählung der 
belegstellen zu schweigen, die auslassung einiger unleugbaren 
archaismen in der von Schnitze gegebenen Übersicht ; man ver- 
misst hier u. a. decor und dedecor (Priscian. : apud vetustissimos), 
obsequela, sallere, turbamentum. Am wenigsten aber lässt sich die 
beschränkung auf grammatische und lexikalische archaismen und 
die nichtbeachtung der archaischen elemente in der Stilisierung 
des Sallust billigen , wofür doch bei Deltour , de Sali. Catonis 
imüatore p. 26 sqq. eine brauchbare Vorarbeit gegeben war. 
Aber auch bei dem, was der Verf. wirklieh geboten hat, zeigt 
sich dieser mangel an akribie; nicht nur die ansichten der for- 
scher über einzelne stellen sind mehrmals unbeachtet geblieben, 
auch die Überlieferung ist nicht immer gehörig beachtet, z. b. lug. 
44, 4, wo die besten hanclschriften alle (PP'BET) odor bieten, 
wird vom verf. p. 32 gerade als beleg für -os angeführt, wel- 
che form nur in geringeren handschriften und bei Fronto p. 
110 N. überliefert ist. Auch die vom verf. vorausgesetzten oder 
ausdrücklich gegebenen erklärungen treffen nicht immer das 
richtige, z. b. lug. 102, 9, welches beispiel nach der einstimmi- 
gen lesart von V und P gar nicht in die vom verf. p. 71 be- 
liebte kategorie gehört. Noch anderes weist deutlich auf den 
mangel einer durchgreifenden feile hin; ausser fehlenden oder 
unvollständigen anführungen und abgesehen von irrungen um 
einen § sind mir ungesucht folgende unrichtige citate aufge- 
fallen: p. 23 Cat. 51, 1 statt 53; lug. 38, 3 statt Cat. ; p. 40 
lug. 45, 6 statt 54; lug. 85, 2 statt 26; p. 47 lug. 92, 2 
statt 96; p. 49 lug. 37, 5 statt 27; p. 65 lug. 38, 1 statt 
10; p. 67 lug. 11 statt 111, 2; p. 71 Cat. 37, 4 statt lug.; 
p. 72 lug. 168, 3 statt 108; p. 79 lug. 7, 16 statt 6. Unan- 
genehmer sind , von den vielen druckfehlern nicht zu reden, 
zahlreiche Schreibfehler, z. b. adhibere mit nominativ p. 45 und 
mit ablativ p. 63 ; indicativ bei ut p. 46 (potest) oder cum p. 
73; falsche negation p. 52, 53 u. s. w. Am schwersten aber 
wiegen die groben Verstösse gegen die latinität im gebrauche 
der partikeln, in dem satzbau und in einzelnen unrichtigen, 
jedoch stets wiederkehrenden, Wendungen, z. b. p. 75 Quin- 
tiliano auctore Sallustium archaismum . . adhibuisse , was sich 
öfter bei teste, testibus, auctore, auctoribus, praeeunte u. s. w. wie- 

19* 



292 167. Sallustius. Nr. 6. 

derholt. Begegnen derartige Unebenheiten fast auf jeder seite, 
so fehlt es ab und zu auch nicht an sünden gegen die logik, 
z. b. p. 70 locutio . . antiquior est, quia eam haud raro a 
Plauto usurpatam esse cognovi. Ja p. 81 scheint in der eile 
sogar eine spur doppelter redaction der arbeit stehen geblieben 
zu sein. Doch genug der einzelheiten. 

Auch die auf fas s u n g Schultze's bezüglich der arebaismen 
des Sallust im ganzen unterliegt manchen bedenken. Richtig 
wird die schon von Seneca und Quintilian erkannte nothwen- 
digkeit einer Scheidung der lateinischen archaismen überhaupt 
nach bestimmten zeitperioden hervorgehoben, dann bezüglich 
Sallust's speciell eine doppelte beschränkung seines archaismus 
festgestellt : p. 7 Sallustius quidem ex antiquissimis temporibus non 
formas grammaticas , sed tantum singula vocabula nonnullaque ad 
syntaxin pertinentia repetiit ; nee vero Catonis aetatem in oratione for- 
manda et verbis cligendis transgressum esse . . arbitror; p. 10 sq.: 
Sallustius archaismos usurpavit, qui tarnen iniuria ita augebantur, ut 
cum multa, quae in optimis scriptoribus etiamnunc sunt , prisca ha- 
berentur, tum iusti graecismi in archaismis adnumerarentur. Dieser 
satz, dass man, insbesondere Gerlach (der übrigens in seiner 
ausg. 1870, p. 89 gewissermassen widerruft) in der annähme 
von archaismen zu weit gegangen ist, hat der verf. erwiesen 5 
dagegen wird jeder leser erkennen, dass der verf. seinerseits 
in der ableugnung von archaismen das ziel überschritten hat. 
Oder ist es etwas anderes, wenn er über den mangel eines 
evidenten beweises für die annähme eines archaismus klagt und 
auf grund hievon zur annähme einer Wirkung des sermo vulga- 
ris greift, ohne jedoch selbst den schein eines beweises zu lie- 
fern? Unrichtig ist auch der öfter ausgesprochene satz, dass 
Sallust omnino antiquos scriptores (p. 15. 16. 64 und sonst) nach- 
geahmt habe, sowie die ausdrückliche Scheidung zwischen ar- 
chaismus und der nachahmung des Cato (z. b. p. 79). Die 
alten Zeugnisse führen auf das gegentheil, indem sie beides zu- 
sammenfassen, vgl. Sueton. Gramm. 15 priscorum Catonis 
verborum furem; Quintil. VIII, 3, '29 verba antiqui multum furate 
Catonis. Die Würdigung dieser uud der übrigen Zeugnisse führt 
auch zur allein richtigen erklärung des archaismus bei Sal- 
lust. Weder gloriae splendorisque causa, wie der Franzose Del- 
tour wähnt, noch weil er oraüoncm aetatis suae propter ambi- 



Nr. 6. 168. Tacitus. 293 

tus corruptricem habebat, wie Laws glaubt, noch auch um admira- 
tionem antiquitatis taediumque verum praesentium auszudrücken, 
was nach Kritz und Badstübner der verf. annimmt, hat Sallust 
seiner rede das alterthümliche gepräge gegeben; vielmehr er- 
scheint der archaismus bei dem schriftsteiler als etwas sekundä- 
res. Wie zunächst die Vorliebe des autors für Thucydides das 
seinem wesen entsprechende streben nach kürze und die hin- 
neigung zu griechischen Wendungen bewirkte , so hat die be- 
wunderung des Cato, die beschäftigung mit seinen werken und 
das eindringen in den geist derselben die freude am alterthüm- 
lichen und an strengeren formen überhaupt genährt. Können 
wir trotz des geringen bestandes der erhaltenen schritten des 
Sallust und trotz der weit geringeren reste von Cato immerhin 
zahlreiche und unverkennbare berührungspunkte finden, so sind 
wir im zusammenhalte mit den alten Zeugnissen zu dem schlösse 
berechtigt, Cato als muster und meister des Sallust in seinem 
archaismus überhaupt zu betrachten. Vgl. die erörterung in 
der Zeitschr. f. d. g. w. XXV, 741. 

168. Gerber, Dr. A. , nonnulla de usu praepositionum 
apud Tacitum. Gymnasial -Programm von Glückstadt. 1871. 

Was in dieser Schrift des sonst schon in der Tacituslitera- 
tur bekannten Verfassers zu finden, gibt er selbst an: in prima 
parte de anastropha quae dicitur et de media praepositionum col- 
locatione egi, quibus pauca de variandi genere addidi quoad in 
ip&is praepositionibus conspicitur; in altera parte primurn praepositio- 
num compositiones collegi, deinde de praepositione in, tum de non- 
nullis aliis praepositionibus disserui. Zum schluss hat Gerber ei- 
nen index alphabeticus omnium particularum quae apud Tacitum 
leguntur hinzugefügt, über welche er bald genaueres veröffent- 
lichen möge, da es bei mancher partikel noch an specialforschun- 
gen mangelt. Neben gratia habe ich in dem index causa ver- 
misst, das sich mehrfach findet z. b. im Dial. 20, 13, in den 
Hist.: III, 68, 10. 70, 22. IV, 3, 5. An. 1, 13, 22. 3, 53, 
20. 4, 1, 18. 16, 14. 35, 6. 39, 16. 11, 27, 5 (in einer for- 
mel) und 27, 8. 14, 57, 20. Der zufall hat es gefügt, dass ihm 
die arbeit des ref. : De praepositionum usu apud Tacitum dissert. 
Gotting. 1869, obgleich schon im 1. hft. v. 1869 der Biblioth. 
philologica von Müldener angezeigt, und Maud: De praeposi- 



294 168. Tacitus. Nr. €. 

positionis „ad" usu Taciteo. Frankfurt 1870 (Müldener 2. heft 
1870) nicht bekannt geworden sind. Eefercnt handelte bereits 
über mehrere präpositionen , die auch Gerber hat: namentlich 
über apud und im vergleich dazu ad, coram, wie über adversus, 
contra, erga, ferner in der einleitung über propter , prope, iuxta, 
praeter, super, pone, sccundum, infra, citra, eis, circa, circum, prae, 
trans und tenus. — Es wäre gut und für Eine arbeit notwen- 
dig, dass in Ann. buch VI. nach Einer methode citirt wird, so 
dass nicht wie bei Gerber unter apud (p. 2) 6, 37 (= 6, 31) 
und hinwiederum z. b. unter ob (p. 7) 6, 39 (statt 6, 45) steht, 
an welcher letzteren stelle es jedoch nicht nullam ob invidiam 
heisst, sondern nullam ob eximiam artem. Am besten wäre es, 
wenn alle in gleicher weise verführen, und da dürfte sich die 
in den sehr verbreiteten ausgaben von Nipperdey und Dräger 
(bei Halm ist beides) befolgte Zählung am meisten empfehlen. 
Da ferner Eiae präposition manchmal mehrfach in Einem kapi- 
tel vorkommt und auch das aufsuchen besonders bei massenhaf- 
ten citaten zu viel zeit in anspruch nimmt, so wäre es prak- 
tisch, wenn, wie ich bereits oben und schon in meiner dissertation 
gethan, dem auch Maue* gefolgt ist, die Zeilenzahl angegeben 
würde und zwar nach der allgemein verbreiteten textansgabe 
von Halm. Genauigkeit und Vollständigkeit ist aber, sollen 
derartige forschungen zu endgültigen resultaten führen, unum- 
gänglich nothwendig. Wie leicht jedoch etwas übersehen wer- 
den kann, zeigt gleich die erste präposition bei Gerber: apud. 
Zu den vier unter ß angeführten beispielen kommen nämlich 
noch weitere fünf, vgl. meine diss. p. 12. Ferner steht Ann. 
1, 31, 4 nicht ripam apud Rheni, sondern regelmässig apud 
ripam Rheni. Es wäre wünschenswert!) gewesen, wenn Gerber 
bei anführung der stellen sich der von Draeger Syntax p. 76, 
§. 225 gegebenen eintheilung in die sieben klassen angeschlos- 
sen hätte. Zu coram ist zu bemerken , dass me coram Ann. 3, 
52 (muss übrigens 3, 53, 2 heissen) nicht richtig ist , denn co- 
ram ist dort adverbium. — Nr. 3 — 5 und 8 — 13 sind voll- 
ständig, vgl. Nipperd. zu Ann. 3, 64. — Bei inter vermisse ich 
Ann. 6, 41, 13 Artabanum Scythas inter eduetum und 14, 
33, 1. Ann. 2, 83, 15 veteres inter scriptorcs. Wie z. b. bei de 
hätte auch das einmalige 16, 27, 4 inter quorum aspectus et mi- 
nus herangezogen werden können. — Unter intra fehlt 13, 4, 



Nr. 6. 168. Tacitus. 295 

8 und statt 11, 20 muss es 11, 10, 14, statt 14, 40 — 4, 40, 19, 
statt 16, 7 — 16, 17, 1 heissen, wie auch unter super nicht Hist. 3, 
16, sondern 3, 19, 2 und nicht Ann. 4, 40, sondern Hist. 4, 
40, 23. — Bei tenus hätte Gerber nicht 13, 41, 15 anführen 
dürfen, giebt er doch auch selbst gleich darauf dieses beispiel 
unter hactenus an: vgl. Nipperd. und Draeger zu d. st. — Mit 
recht verwirft er (doch zuerst Wölfflin im Jahresbericht Piniol. 
XXV, p. 116) die Ritter'sche conjectur Ann. 3, 34, 5. Unter 
a und ab giebt Gerber zuerst die stellen, wo sich ab vor con- 
sonanten (Neue, Formenlehre II, p. 533) findet: bei ante literam 
,,s" fehlen Ann. 4, 20, 10 ab saevis adul. und 5, 4, 15, wie 
15, 18, 2 ab senatu. Da sonst in den kleinen schritten und 
historien vor s stets a steht und ferner die cod. CDE im Dial. 
14, 24 auch a haben , so ist wohl hier a scholasticis (Michaelis, 
Halm, Gerber schreiben ab) zu lesen. Ferner führt Gerber un- 
ter ab mit Otto, Halm Ann. 6, 54 (48), 18 «5 semet an: die 
cod. haben ac , wie verschreibungen sich mehrfach finden z. b. 
Ann. 2, 62, 11 und 6, 9, 15 steht in den cod. ad, wofür man 
„ab" sedibus und „ab" Sejano geschrieben hat. Ich glaube je- 
doch, dass Rhenanus das richtige getroffen und Nipperdey auch 
in seiner neuen Weidmann'schen textausgabe mit recht ,,a" se- 
met aufgenommen hat. Denn Tacitus hat in den bei Gerber 
und oben von mir angeführten beispielen ab nur vor den Wor- 
ten: sedeeim, senatu (doch auch „a" senatu: 3, 48, 2. 13, 2, 15 
und 10, 3. 14, 48, 9), solidis, sedibus, Suria, Sejano (nach emend., 
doch „a" 3, 16, 5), Servüio, während er stets vor dem pronomen 
se die form „a" hat (Ann. I, 13, 20. 17, 23. 4 7, 9. 3, 12, 3. 
6, 18, 5. 13, 34, 12. 14, 25, 6. 55, 7. 15, 26, 12. 55, 10. 
67, 21. 70, 4), ferner gerade „a" semet sich auch noch findet 

12, 44, 14 und 15, 45, 11, überhaupt auch in den Ann. vor s 
das gewöhnliche die form „a" ist : ausser den schon angeführten 
stellen noch 1, 67, 9. 3, 50, 7. 66, 2. 6, 3, 7. 50, 23. 12, 34, 6. 

13, 32, 2. 14, 20, 4. 59, 4. 15, 35, 2, wie vor S 1, 57, 1. 
2, 47, 10. 80, 8. 3, 66, 6. 11, 35, 13. 12, 53, 6. 13, 3, 7 = 

14, 65, 5 = 15, 45, 15. — Zu den drei stellen, wo ab vor 
L steht, ist noch Ann. 1, 53, 22 hinzuzufügen, wie unter denen 
für die anastrophe (4, 24, 2 nationibus statt primoribus) Ann. 3, 
10, 10 iudice ab uno und Ann. 4, 5, 9 initio ab Suriae nicht 
hatten vergessen werden dürfen. — Unter den beispielen in 



296 168. Tacitus. Nr. 6. 

der anm. p. 4 für a tergo, wofür bei Tacitus nie ab tergo, wie 
bei Caesar (s. Neue Formenl. p. 534, Caes. BG-. 7, 87, 4. 
BC. 3, 86, 3, doch auch „a" tergo: BC. 3, 44, 4. 93, 
6. 94, 2. B. Alex. 20, auch „a" B. Afr. 5. 40, B. Hisp. 
40), Sallust (s. Dietsch zu lug. I, 58, 4), Livius, und 
auch ähnlich nie post tergum steht, fehlt Hist. 3, 23, 12. — 
Ueber adversus vgl. meine diss. p. 39 ff. — ad ist zu ergän- 
zen nach Maue* , s. diss. p. 71 und 72, der mit recht die ver- 
schiedenen arten der anastrophe gesondert giebt; bei Maue" feh- 
len jedoch unter a) 11, 28, 6. 15, 46, 6: auch ist hier 3, 13, 
8 fälschlich angegeben, b) Ann. 4, 74, 15 quod quisque ad ne- 
gotium, c) 11, 37, 7. d) 14, 61, 17 steht ad cuius nutum. — 
Unter den stellen von cum hätte vor allem nicht Germ. 40, 11, 
multa cum veneratione fehlen dürfen, weil derartiges bekanntlieh 
in den kleineren Schriften äusserst selten ist. Quieta c. indu- 
stria steht nicht Hist. 4, 50, sondern 3, 50, 11. Zwar ist es 
richtig, was Gerber sagt: cum est unica praepositio quae in M- 
etoriarum libris frequentius hunc medium locum obtinet, doch darf von 
weniger mit dem schriftsteiler vertrauten daraus nicht geschlos- 
sen werden , dass die gewöhnliche Wortstellung nicht die übli- 
che in den Historien wäre; diese ist vielmehr die durchgehende, 
ja im ersten buche die alleinige, wie bei Sallust cum nie zwi- 
schen adjectiv und Substantiv steht. Unter den beispielen fehlt 
noch Ann. 1, 34, 14, wie auch Ann. 12, 14, 6 erwähnenswerth 
war. — Cum mit dem personalpronomen ist es bei Gerber 
(p. 6 oben) recht übel ergangen und thut hier die controle 
sehr noth : es zeigt dieser im lateinischen constante gebrauch 
der postposition auch in der entwicklung der Schriften des Ta- 
citus nichts ungewöhnliches , denn in den kleineren Schriften 
findet es sich 5mal, in den Hist. 12, in den Ann. 20mal und 
zwar (ich gebe die stellen wegen des irrthums bei Gerber) me- 
cum: Dial. 15, 12. Hist. H, 47, 14. Ann. 3, 53, 6. 13, 21, 
12. 15, 2, 3., tecum nur Dial. 10, 19., secumt Agr. 46, 10. 
Hist. 1, 12, 6. 88, 6. 3, 20, 15. 4, 17, 19. 71, 17. 76, 5. 
Ann. 2, 12, 9. 4, 12, 8. 6, 15, 13. 11, 25, 13. 12, 2, 

9. 22, 2. 13, 15, 3. 14, 23, 9. 34, 11. 35, 12. 15, 54, 
15. 16, 26, 19. 32, 2. nobiscum: G. 29, 11. Hist. 1, 15, 27. 
38, 8. 84, 21. 3, 20, 21. 4, 65, 10. Ann. 4, 55, 23. 12, 10, 

10. 18, 5. 62, 3. vobiscum nur Dial. 22, 2. — Bei dem ein- 



Nr. 6. 168. Tacitus. 297 

maligen quibuscum (Ann. 1, 25, 10) muss bemerkt werden, dass 
es sich in einem briefe findet: in diesen hat ja Tacitus man- 
ches besondere; sonst sagt er, wie auch stets Livius , Com. 
Nepos, Curtius Rufus *), cum quibus , und auch cum quo, cum 
qua. Wenn Dial. 37, 38 die emendation von Latinus Latinius 
in seiner bibliotheca profana p. 37 Rom 1677 für das hand- 
schriftliche qui richtig ist (s. auch Dryander conjecturae in 
Dial. de orat. progr. v. Halle 1851 p. 29), so würden wir für 
die erstlingsschrift des Tacitus noch ein dem relativum ange- 
hängtes cum gewinnen: vgl. Michaelis ed. (die stelle bei Halm 
ganz anders) und Sirker, Taciteische Formenlehre Berl. 1871, 
p. 43. — P. 6, z. 4 ist fälschlich Ann. 1, 25 wiederholt. — 
Für de giebt Gerber alle beispiele: es hätte nur noch Ann. 12, 

14, 16 Arsacis de gente erwähnt werden können. Ferner steht 
adverso de proelio Hist. 2, 52, 3 und quaqua de re Ann. 6, 7 
(13), 18. — - Zu ex will ich bemerken, dass in der Germ. 2, 
12 Tacitus noch e quorum nominibus sagt und auch Ann. 13, 
13, 5 ex cuius familiaribus (wie auch bei in z. b. 15, 22, 9 in 
cuius locum): dies kann, wie bei de, mit den beiden stellen aus 
den Ann. verglichen werden. Ann. 3, 1, 6 muss es vicinis e 
municipiis heissen und unter den sechs stellen für magna ex 
parte, wofür Tacitus nie ex magna parte sagt, Hist. II, 37, 16 
statt Hist. 37. — Die besprechung über die Stellung der prä- 
position in, wie über ihre bedeutung p. 10 ff. behalte ich mir 
einstweilen vor, da ich bei dieser präposition kein volles zu- 
trauen zu meinen collectaneen habe. Sehr vieles giebt Maue 
zur vergleichung mit ad. Der recenseht W(ölfflin) in Zamke's 
Liter. Centralblatt 1871, nr. 25 sagt, dass unter den Verbin- 
dungen von in mit adjectiv, die bekanntlich Tacitus mit schö- 
pferischem geiste ausgebildet, bloss in prominenti Ann. 1, 53, 
17 fehle, bei in lubrico und in publice- die stellen 6, 51, 8. 59 
(muss 15, 59, 17 heissen, für welche stelle Gerber fälschlich 

15, 19 angiebt) übergangen seien und Ann. 4, 22, 2 in prae- 
ceps statt in aneeps citirt werde. In hinsieht auf jene recen- 
sion will ich nebenbei bemerken, dass per idem tempus (Maue* p. 

1) "Wenn Kräh im Insterburger progr. 1871 „Curtius als schul- 
lectüre" th. II, p. 9 übrigens angiebt: „Cum quibus" hat Curtius 3mal, 
so hat er sich wahrscheinlich zu sehr auf die anmerkung in Mützell's 
ed. p. 559 verlassen: es steht noch VII, 6, 8. X, 2, 16 und 2, 29 au- 
sser VI, 7, 14. VII, 11, 6. VIII, 5, 9. 



298 168. Tacitus. Nr. 6. 

33) sich doch schon einmal in den Historien findet: 1, 73, 1. 
— Ob ist vollständig. — Bei per fehlt Hist. 1, 62, 16, Ann. 
15, 36, 7, wie unter den neun stellen für das beliebte tot per 
annos Ann. 14, 54, 12, wofür Tacitus, selbst wenn der nach- 
druck auf tot liegt z. b. Ann. 3, 58, 10, das regelmässige per 
tot annos noch hat: Ann. 1, 12, 13. 54, 10. 2, 27, 4. 6, 32, 
9. 12, 18, 9. 13, 50, 12. Den sieben stellen mit vorgesetzten 
numeralien stehen in den Annalen ebenso viele gegenüber, z. b. 
Ann. I, 9, 6 per Septem et triginta annos etc., einmal mit nach- 
druck hinter dem Substantiv 3, 55, 3, wie auch 3, 34, 24 per 
plures annos vgl. 6, 25, 14 = 11, 22, 7. Bei pronominen 
(Maue* p. 50) hat per stets (ausgenommen I, 23, 2 quorum per 
umeros) seine Stellung vor diesen, z. b. in vergleich mit den 
stellen bei Gerber für dies: wie Ag. 41, 1 per eos dies, so Hist. 

1, 20, 13. 88, 1. 3, 38, 1. 63, 9. 46, 1. Ann. 1, 69, 5. 14, 
21, 23. 1, 42, 7 per hos dies, 3, 44, 12 per Mos dies = 4, 
42, 1. 63, 10. 16, 2, 5. cf. 2, 24, 9. — Ann. 3, 60, 4 muss 
es Graecas per urbes heissen. — Zu post und zur anm. p. 8 
will ich bemerken, dass multos post annos Ann. 2, 52, 20 und 
14, 12, 12 steht (vgl. über Sallust, Dietsch zu lug. 41, 1 und 

11, 2), ferner dass Tacitus immer paucos post dies sagt. Vgl. 
zu Ann. 4, 8, 3 und 29, 14, wie 12, 27, 14 auch Ann. I, 17, 
22 post sedecim annos und 6, 46, 20 post iricesimum annum. — 
paucos ante dies wird Hist. 2, 76 statt Hist. 3, 76, 9 citirt. 
Neben Ann. 2, 85, 16 certam a. diem und Ann. 3, 51, 8, wo 
das zahlwort mit nachdruck nachsteht, steht Hist. 2, 95, 3 
a. illum diem. Vgl. Ann. 13, 53, 5 (Dial. 25, 4) mit 13, 58, 

2. Erwähnenswerth wäre die merkwürdige anastrophe in Ann. 

12, 69, 1 gewesen: vgl. Draeger und Nipperd. zu d. St. — 
Unter sub muss es Ann. 14, 48, 15 egregio sub principe heissen. — 
P. 8 und 9 handelt Gerber nur im allgemeinen über die varia- 
tio, weshalb ich nicht genauer darauf eingehen will : er hätte 
jedoch (Roth Agric. p. 277. Zernial genetiv p. 14) für die 
kleineren Schriften, weil Draeger „Syntax und Stil des Taci- 
tus" p. 36, §. 104 irrt, noch andere beispiele z. b. aus der 
Germania als nur c. 46 „victui herba etc. (Draeger Syntax p. 
82) bringen müssen: vgl. z. b. die 4 in meiner diss. p. 10 
oder für den Wechsel einer präposition mit einem casus (Drae- 
ger §. 105) neben G. 32, 4 apud Chattos — quam Tencteris 



Nr. 6. 168. Tacitus. 299 

G. 17, 15 non libidine, sed ob nobilitatem pluribus nuptiis ambiun- 
tur oder G. 40, 2 non per obsequium, sed proeliis et periclitando 
tuti sunt. — Die unter den drei aus Agr. c. 12, 4 angeführte 
stelle, in welcher Draeger mit unrecht das pro nobis als ver- 
dächtig anzweifelt, enthält doch gewiss keine variatio. — Eine 
bis jetzt noch wenig beobachtete variatio (fehlt auch bei Drae- 
ger Syntax p. 82), besteht darin, dass mit einem adjectiv ein 
präpositionaler ausdruck wechselt, wie bei sine 2 ): G. 35 , 8 
sine cupiditate , sine impotentia, quieti secretique nulla provocant 
bella, Hist. 3, 8, 16 incruentam et sine luctu victoriam, Hist. 4, 
58, 38 maturam et sine noxa poenitentiam ) Ann. 3, 69, 20 insidam 
Gyarum inmitem et sine cultu hominum. — Ein schlagendes bei- 
spiel für die variatio aus den Historien wäre gewesen 4, 11, 
1: Tali rerum statu, cum discordia int er patres, ira aptid victos, 
nulla in victoribus auctoritas, non leges essent, etc. 

P. 11 giebt Gerber im anschluss an in die beispiele der 
häufigen Verbindung von e und ex mit einem adject. neutr. 
gen. Diese ist in den kleineren schritten zwar noch sehr 
sporadisch (Dial. nicht, Ag. zweimal, G. einmal), aber dann 
dehnt sie sich besonders in den Historien aus (I 4mal, 86, 12 e 
publico fehlt bei Gerber; n 5mal , 97, 8 ex aequo fehlt, oder 
6mal, wenn 77, 11 ex. tuto von Haase statt tu hos bei Halm 
richtig ist, III 8mal oder 9mal , wenn Heraeus 23, 4 richtig 
„e" vacuo atque aperto vermutbete, IV 6mal), während sie hin- 
wiederum in den Annalen nicht so häufig ist, wie dies ja in 
manchen erscheinungen bei Tacitus der fall ist (I lmal, II und 
HI je 2mal, 3, 1, 9 ex alto fehlt, IV 6mal, in V lmal, in XH 
und XIV je einmal, Xni 3mal, XV 2mal, in den übrigen bü- 
chern nicht). Ich gebe diese übersieht , weil sie bei Gerber 
nicht recht deutlich hervortritt. — Bei ex propinquo fehlt Ann. 
4, 33, 23 und Ann. 2, 24 muss es revenerat heissen. — Es hät- 
ten hier auch die ausdrücke mit per und mit einem adject. sing, 
neutr. gen. erwähnt werden können, die sich, statt eines adverbs 
gebraucht, jedoch auf per oecultum (vgl. in u. ex oeculto) reduciren 
(nur in den Ann. 4, 42, 8. 71, 21. 5, 4, 13. 6, 7, 15 cum primores 
senatus infimas etiam delationes exercerent, alii propalam, multi per 

2) Oft zwar aus mangel an einem adjectiv, doch nicht immer. 
Der Wechsel namentlich mit sine häufig, besonders bei dichtem, doch 
auch andere präpositionen z. b. de bei Ovid Met. 9 , 730 naturale et 
de more malum. 



300 168. Tacitus. Nr. 6. 

occultum) vgl. weiterhin Agr. 23, 4 per inmensum = Ann. 15, 
40, 2 und namentlich zu dieser stelle Draeger. — Ann. 3, 65, 
1. 4, 62, 5 (63, 8). 11, 21, 4 = 14, 59, 8 vgl. Heraeus zu 
Hist. 3, 79, 1 und 82, 15. 16, 1,8.— Zu p. 16 anm.: für inter 
se giebt Gerber alle stellen mit ausnähme von 12, 30, 8. 44, 2. 
14, 27, 11 (und unter 5) Hist. 1, 85 st. H. 2, 85, 7. Ann. 15, 72 
ist fälschlich angeführt), wie auch für inter nos; c. 26 st. Hist. 
5, 26, 7. — Zu der präpos. ob p. 22, auf deren entwicklung 
Gerber p. 9 aufmerksam macht (Dial. nicht, Ag. 2, G. 3, Hist. 
27 (nicht 25), Ann. 138 (nicht 135) mal), will ich bemerken, 
dass mir Ann. 1, 79, 1 in ob nicht das id ipsum quod quis 
agendo assequi studet, consilii ac finis notio enthalten scheint, son- 
dern dies in der ausdrucksweise mit dem gerundivum liegt. An- 
ders sind natürlich die zwei anderen beispiele mit dem gerund, 
zu fassen: Ann. 4, 31, 11 und 11, 5, 10. Es hätte wohl ge- 
nügt zu sagen, dass an dieser stelle das von Tacitus beliebte 
ob etwa in der bedeutung des sonst gewöhnlichen ad stehe. — 
Ferner erscheint mir die erhlärung von Ann. 1, 44, 15 egui- 
dem interpretari mallem ,, gegen" die, non vero ,, wegen" der — 
zu gesucht oder vielmehr unrichtig. Ob hat gerade bei Tacitus 
grossentheils die funktion des bei ihm nur zweimaligen (vgl. 
meine diss. p. 5), bei Caesar, Cicero u. a. so häufigen causa- 
len propter oder ähnlicher ausdrücke. Ferner ist zu beachten, 
dass Tacitus mit dem gebrauche von ob in den ersten büchern 
der Annalen im vollen zuge ist (in I und III je 21, in II 24mal 
etc., in den letzten büchern lässt jedoch — eine von mehr- 
fachen erscheinungen — der gebrauch von ob sehr nach), ferner, 
dass, wenn Tacitus an dieser stelle die bedeutung ,,gegeu" im 
äuge gehabt hätte , er wohl nicht specie defendendae provinciae 
ob inminentis Suebos geschrieben, sondern eben schon der merk- 
würdigen bedeutung wegen, von welcher Gerber selbst zugiebt 
quamvis unicum (d. h. übrigens nicht allein bei Tacitus, sondern 
in der ganzen latinität) huius usus exemplum esset, sich der Wort- 
stellung sp. prov. def. ob inm. S. bedient hätte. — Mag immer- 
hin etwas alterthümliches, ein antiquus color — in den beispielen 
dafür ist Gerber etwas zu weit gegangen — in ob sein, so haben 
wir darin eben einen grund, weshalb Tacitus diese präposition 
allmählich so bevorzugt hat. Schade, dass Gerber mitten in der 
darstellung von ob abbricht. Gewiss hätte sich mancher freund 



Nr. 6. 168. Tacitus. 301 

des Tacitus gegenüber dem von Gerber mitgetheilten interessirt, 
wenn er z. b. noch erfahren hätte, dass trotz des so häufigen 
ob Tacitns das sonst so beliebte quam ob rem , quam ob causam 
und ähnliches nicht gebraucht, gewiss weil zu abgenutzt, son- 
dern, wie zuweilen auch Sallust und schon mehrfach Livius vgl. 
Kühnast, „llauptp. der liv. Synt." p. 365, dafür stets neben 
dem einmaligen easque ob res ,,zur belohnung dieser thaten" Ann. 
4, 44, 10 sagt ob quae: Ann. 2, 30, 16 ob id 2, 35, 4. 66, 9. 
3, 42, 9.-75, 9. 6, 8, 2. 9, 8. 25, 12. 13, 5, 5. 14, 60. 7. ob 
ea 2, 87, 3. 11, 25, 17. ob eaclem 4, 52, 14 ob liaec 12, 65, 
3. 13, 41, 17. 14, 64, 11 und endlich für das einmalige (2 45, 
5) non aliam ob causam, quam quia in 2 , 82, 7 neque ob aliud 
quam quia und 2, 86, 6 non ob aliud quam quod. — P. 23 
bespricht Gerber mit herbeiziehung auch anderer Schriftsteller 
propter. Für das bei Tacitus einmalige und zwar metaphorisch 
gebrauchte prope (Gerber p. 24), worüber Kühnast p. 366 „me- 
taphorisch selten, Livius zuerst", konnten zwei ganz ähnliche 
beispiele (vergl. meine diss. p, 6) aus Livius beigebracht wer- 
den. Im anschluss an prope handelt Gerber p. 25 über propius 
etc., dann über juxta und p. 26 über pone in Übereinstimmung 
mit mir p. 7. — Unter super giebt Gerber (p. 26) im ver- 
gleich mit insuper den „adverbialen" gebrauch und zeigt , dass 
in locis Tacitinis meram localem notionem in adverbio „super" inesse, 
quod nunquam in locum adverbii „insuper" i. q. noch dazu, noch oben- 
drein ccssit. Ueberzeugend scheint mir deshalb seine leichte Ver- 
besserung Hist. 2 , 34 , 9 iactls insuper ancoris statt super, 
denn der zweite erklärungsversuch als praeposition „die schiffe 
wurden über ausgeworfenen ankern (ruhend) gegen die Strö- 
mung des flusses gerichtet" ist abgesehen von dem dage- 
gen vorgebrachten doch wohl nicht ernstlich gemeint. Le- 
ber den „ präpositionaleu " gebrauch habe ich in meiner diss. 
p. 6 anm. 3 und p. 7 gehandelt und durch anführuug der 
beispiele gezeigt, quantum Tacitus paullatim pro magis vulgari 
„praeter" praepos. „super", qui usus primum invenitur apud' Li- 
vium, (vgl. jetzt dazu Kühnast p. 367) adamaverit. — Mit der er- 
klarung (p. 27) von Ann. 15, 63 vrgl. die meinige p. 51 ff. — 
Zum schluss theilt Gerber den adverbialen und präpositionalen 
gebrauch von coram mit. Unter den beispielen für den letzteren 
giebt er ausser den schon von mir (p. 36) angeführten stellen 



302 169. Seneca. Nr. 6. 

noch Ann. 4, 75, 2: doch mit unrecht, denn Cn. Domitio ist dativ 
und coram adverbium, welches — Tiber war, wie kurz vorher 
berichtet ist, nicht mehr in Rom — dem in urbe gegenübersteht. 

Greef. 

169. De L. Ann. Senecae quaestionibus naturalibus et 
epistolis diss. scr. Fr. Schul tess. 8. Bonn. 1872. 

Haase hatte sich durch auszüge des Vinceotius aus den Quaest. 
Naturales zu der vermuthung bestimmen lassen, die ursprüng- 
lichen acht bücher der schrift seien in Verwirrung gerathen, in- 
dem ein zu anfang und am ende beschädigtes exempiar in der 
mitte zerschnitten und die hälften später verkehrt zusammenge- 
fügt wurden. Die von ihm angenommene reihenfo'ge der bü- 
cher: IV b (IV, 3 — 13) V. VI. VII. I. IL IE. IV» (IV, 1. 2) 
hat sein schüler Larisch im cod. Leidensis wirklich gefunden. 

Mit recht macht Schultess hiergegen geltend: 1) die schwung- 
volle vorrede des üb. I gehört dem ganzen werke an und kann 
darum nicht in der mitte gestanden haben ; 2) die worte quam 
magnarum verum fundamenta ponam (praef. lib. III) müssen 
einem früheren als dem vorletzten buche angehören; 3) die ein- 
theilung des Stoffes (init. lib. II) und besonders die futura §. 4 
weisen diesem buche einen früheren als den drittletzten platz 
zu; und versucht auszuführen, dass die jetzige reihenfolge die 
ursprüngliche sei mit ausnähme von lib. I, welches aus versehen 
statt an die letzte stelle hinter die gesammt-voirede gekommen. 
Unter den gründen hierfür ist der schwächste, wenn aus VI, 23, 
4 und VII, 5, 3. 5 folgen soll, dass lib. VII nach lib. VI geschrie- 
ben ist, während mit gutem recht aus der handschriftlichen les- 
art dictum est (I, 15, 4) geschlossen wird, dass lib. I hinter lib. 
VII gehört. Unbeachtet geblieben sind die epiloge lib. II, V 
und VI, welche einerseits die annähme einer herausgäbe nach 
Seneca's tode (p. 25 not.) ausschliesseu , andrerseits dafür spre- 
chen, dass praef. lib. I, VII, I und II, ferner IV 8 , lV b und V 
zusammen, III und VI, jeder für sich herausgegeben sind. — 
Hinsichtlich der briefe widerlegt Schultess die bedenken, welche 
gegen die aus der schrift selbst sich ergehenden Zeitbestimmun- 
gen erhoben sind, lässt sich aber seihst durch das behagen an 
seiner conjectur ac Pompciorum tuorum conspectus (ep. 49) ver- 
führen, ep. 68 — 70 zwischen 48 und 49 zu setzen. Mehr an- 



Nr. 6. 170. Montesquieu. 303 

sprechen dürften seine vorschlage: 22, 1 quaedam non nisi prae- 
senti monstrantur ; 26, 3 düigenter excutere, quae non possim fa- 
cere, quae nolim posse, habiturus aequi, si nolim quidquid non posse 
me video; 40, 4 incompta für incomposita ; 53, 7 sopor aniraum al- 
tius rnergit, quam ut in ullo intellectu sui sit\ 61, 1 ea desii velle 
quae puer volui; Qu. N. IV praef. 10 quod consectari malles 
quam contueri. 

H. Lehmann. 

170. Considerations sur les causes de la grandeur des Ro- 
mains et de leur decadence par Montesquieu. Für den 
schulgebrauch erklärt von Dr W. Wendler, Oberlehrer am 
gymnasium zu Zwickau. 8. Leipzig, Teubner. 1871. 

Ganz gewiss bat der Verfasser einen glücklichen griff da- 
mit gethan , dass er das wegen seines gediegenen inhalts und 
seiner körnigen spräche noch immer sehr lesenswerthe werk 
Moutesquieu's zur lectüre für die oberen gymnasialklassen aus- 
gewählt und eingerichtet hat. Nach seiner vorrede will er 
,, durch herbeiziehen des lateinischen den Unterricht im franzö- 
sischen auf den höheren lehranstalten unterstützen und die- 
sen Unterricht in Verbindung bringen mit andern disciplinen". 
Ohne zweifei meint der verf. damit die geschichte und die geo- 
graphie. Beide Wissenschaften sind in den anmerkungen auch 
reichlich bedacht, oft vielleicht zu reichlich. Eine geschmack- 
volle interpretation beschränkt sich auf das, was zum verständ- 
niss des Schriftstellers förderlich ist; was darüber hinausgeht, 
ist vom übel. Die blosse erwähnung Thessaliens und der kö- 
nige von Macedonien erfordert z. b. p. 42 und 43 die aus- 
führliche beschreibung beider länder nicht im entferntesten-, 
durch die Schilderung erhält die stelle Moutesquieu's nicht die 
mindeste beleuchtung. 

Ob der verf. in den grammatischen anmerkungen immer 
seinem Vorsatz treu geblieben ist , die lateinische grammatik 
herbeizuziehen, bezweifle ich. Gerade für die gymnasiasten 
müsste die gruppirung der fälle, in welchen die französische 
grammatik dem subjonctif die einfache Verneinung ne hinzuzu- 
fügen gebietet, durch die vergleichung des lateinischen sehr 
leicht und sehr förderlich sein. Denn 1) nach den verbis ti- 
mendi braucht man im lateinischen für unser dass ne, im fran- 



304 170. Montesquieu. Nr. 6. 

zösischen (wenigstens für das affirmative zeitwort des fürchtens) 
den subjonctif mit ne; 2) nach non dubito etc. steht im latei- 
nischen quin, im französischen nach den Zeitwörtern des zwei- 
felus und bestreitens , und auch nur wenn sie verneint sind, 
ne mit dem subjonctif ; 3) nach den verbis impediencü folgt 
quominus (d. h. ein verneinender ausdruck) oder wenn sie selbst 
verneint sind, auch wohl quin; im französischen nach empeclier, 
iviter und ähnlichen regelmässig, nach dem affirmativen wie 
verneinten verbum, ne beim subjonctif; und 4) im lateinischen 
nach non multum abest gleichfalls quin, im französischen nach 
peu sen faut der subjonctif mit ne. Statt nun aber die fälle 
in dieser übersichtlichen weise zu gruppiren und auseinander- 
zuhalten, bringt der verf. durch seine bcmerkungen nur Verwir- 
rung in die sache. Er sagt p. 51 : ,,die verba douter, nier, conte- 
ster enthalten an und für sich schon eine negation, durch welche 
die befürchtungen vor dem eintreten eines ereignisses in abrede 
gestellt werden. Tritt aber eine negation hinzu, so wird durch 
dieselbe die in den verbis liegende negation aufgehoben, es 
wird also aus dem verbum des zweifelns ein verbum des be- 
hauptens und fürchtens; es ist demnach falsch zu sagen : diese 
verben werden umgekehrt construirt als die verben des fürch- 
tens ; man muss vielmehr sagen, sie werden durch hinzutretende 
negation zu einem verbum des fürchtens und müssen demge- 
mäss construirt werden". Man denke : „je ne doute pas quHl n'y 
ait un dieu u . soll nach dem Verfasser bedeuten: ,,je crains qu'il n'y 
ait un dieu" ; und nach ihm ist: „ich behaupte, dass es einen gott 
giebt" und „ich fürchte, es könnte einen gott geben" dasselbe! 
Zu solchen abenteuerlichkeiten kommt man, wenn man im bestre- 
ben allgemeine gesichtspunkte zu erfassen, ungehöriges mit ein- 
ander vermengt, und gerade die historische Sprachforschung, 
mit welcher der Verfasser sich beschäftigt hat, hätte ihn von 
solchen versehen zurückhalten müssen. Jeder gymnasiast weis9, 
dass nach nemo est qui — , nihil est quod — der conjunctiv ge- 
setzt werden muss. Die regel ist im französischen dieselbe; aber 
statt auf den Ursprung derselben aus der lateinischen ausdrucks- 
weise aufmerksam zu machen, sagt der Verfasser p. 28 zu den 
Worten il n'y avait point d'csp&rancc — qui put Völliger ä faire 
la paix: „ne — point hat die bcdeutung eines Superlativs" und 
verwirft damit auf die erst abgeleitete eigenthümlichkeit des 



Nr. 6. 170. Montesquieu. 305 

französischen, nach dem Superlativ in relativsätzen den subjonctiv 
zu gebrauchen, statt auf das ursprüngliche aus dem lateinischen 
stammende Sprachgesetz. 

Für die grammatischen regeln, welche der Verfasser in den 
anmerkungen herbeizieht, hat er im allgemeinen die besten quel- 
len benutzt, Mätzner und Holder; gleichwohl hätte manches 
deutlicher und genauer gefasst werden müssen. Wenn er p. 
12 sagt, zu den worten VEtat sembla avoir perdu Väme qui le 
faisait mouvoir: ,, mouvoir: der infinitiv hat passive, reflexive 
oder intransitive bedeutung, da „le" object der handlung ist", 
so wird weder die spracheigenthümlichkeit begriffen, noch der 
lernende in stand gesetzt , in ähnlichen fällen richtig zu schrei- 
ben. Aber freilich giebt auch keine grammatik , so viel ich 
weiss, auskunft über diesen fall. Bei reflexiven Zeitwörtern (oder 
verbes pronominaux) nämlich wird hinter faire stets se (oder das 
zurückbezügliche fürwort überhaupt) ausgelassen. Man sagt se 
taire, aber faire taire qlq. , s'asseoir , aber faire asseoir qlq. , se 
repentir, aber faire repentir qlq. etc. (man findet mehr beispiele 
in Herrig's Archiv XXI, p. 319 flg.). Diese ellipse des für- 
worts hat selbst grammatiker getäuscht. So hat Plötz in ei- 
nem französischen Schriftsteller gefunden: Cliopätre jeta une 
perle dans un vase de vinaigre et Vy fit resoudre und übersetzt 
das: „und liess sie darin auflösen", als wenn sie einem diener 
befohlen hätte, die perle aufzulösen. Er hätte übersetzen müs- 
sen „und liess sie sich darin auflösen", da resoudre hinter fit für 
se risoudre steht. Doch sagt man: faire se retourner qlq. bewir- 
ken, dass jemand sich umdreht, weil faire retourner zurückkehren 
lassen heisst. Nach der erklärung Wendler's könnte der schüler 
leicht auf die Vorstellung kommen, dass mouvoir (wie allerdings 
bisweilen das lateinische movere) auch intransitiv gebraucht wer- 
den könne. Aber man muss sagen : VEtat se meut und cela 
fuit mouvoir VEtat. Eben so unklar ist die bemerkung p. 112 
respecter ist als infin. passivi anzusehen, daher steht auch der 
ablativ des soldats. Es heisst bei Montesquieu : ils se firent re- 
specter des soldats; das passive ist nicht respecter, sondern se 
faire. Bisweilen ist die begränzung der regel nicht scharf ge- 
nug. P. 37 heisst es: „etre mit dem blossen infinitiv ist ein 
verbum der beweguug. Das präsens hat dabei die bedeutung 
eines perfects" Welcher schüler würde nicht daraus schliessen, 
Philol. Änz. IV. 20 



306 170. Montesquieu. Nr. 6. 

dass man auch das präsens von etre, das ja ausdrücklich ge- 
nannt wird, mit dem blossen infinitiv verbinden kann? und 
doch kann man zwar in den präteritis sagen: fai eti me pro- 
mener, aber niemals je suis me promener, etre se promener. — Es 
ist die gewöhnliche grammatische regel , dass meme hinter meh- 
reren Substantiven kein s bekommt: aber diese gewöhnliche 
grammatische regel ist eben nur ein nothbehelf. Besser sagt 
schon Holder, dass meme unverändert bleibt , wenn es , wie an 
der stelle Montesquieu's p. 9, eine Steigerung ausdrückt. Sonst 
ist es auch hinter zwei Substantiven veränderlich; mit einem 
von mir gemachten zusatz müsste Barthelemy an einer bekann- 
ten stelle gesagt haben : Les Romains n'ont vaincu les Grecs et les 
Gaulois que par les Grecs et les Guulois memes. Andere bemer- 
kungen, welche als allgemein gültig hingestellt werden, passen 
höchstens auf einzelne fälle und treffen gar nicht den kern der 
sache. Zwei adjectiva, sagt der Verfasser p. 5, stehen nach 
dem substantivum , wenn der ton auf dem letzteren ruht; wer 
wird in dem ausdruck une terre rousse et ferrugineuse und tau- 
tend ähnlichen das substantivum betonen ? Einzelne erklärun- 
gen sind geradezu falsch. Zu p. 55 z. b. bringt der Verfasser 
einen ganz unbegründeten unterschied von pret de und pret ä 
vor. Man höre zuerst, was das dictionnaire critique von Feraud, 
Marseille 1788 darüber sagt: On dit, dans le Dict. Gram, (wel- 
ches gleichfalls von Feraud herrührt), qu'il regit „ä" et „de": 
on le dit d'apres Vexemple de plusieurs auteurs, qui ont employi le 
second regime: mais c'est une inattention de leur part: ils ont con- 
fondu pret avec pres • — — Montesquieu dit, pret de. „II n'y 
avait point de Services que les peuples et les rois ne fussent prets 
de rendre ni de bassesse quils ne fissent pour Vobtenir (le titre 
d'allies des Romains)" . On doit dire pret a rendre — — Ce se- 
rait une faute de dire „pret de partir". Plusieurs fönt cette faute. 
Acad. Wailly. Und welchen unterschied bringt der verf. zu 
eben dieser stelle Montesquieu's heraus? Er schreibt: prets de 
= etre disposis; prets h = etre au point. Gerade umgekehrt : 
wo die älteren schrittsteiler , in folge einer Verwechslung, pret 
de gesagt haben, ist es gewöhnlich in der bedeutung von prbs 
de genommen, zu dessen Umschreibung der verf. etre sur le 
point hätte sagen müssen ; au point heisst „in dem grade". Zu 
p. 56 II n'y a qu'ä voir comme ils terminerent les guerres d'Atta- 



Nr. 6. 170. Montesquieu. 307 

lus et de Prusias, fragt der verf.: „warum nicht comment?" Das 
letztere ist für die jetzige spräche nothwendig ; comme wird in 
indirecten fragen nur in einem mit combien ähnlichen sinne, Ver- 
wunderung oder indignation ausdrückend, gebraucht, wie in 
dem von der academie angeführten satze : voyez comme il m'a 
traitel Zu aisement lässt der Verfasser p. 57 communement etc. 
vergleichen ; aber das erstere ist adverbium zu aise, das andere 
von commun; der verf. hätte lieber die adverbien von eigen- 
schaftswörtern auf e zusammenstellen sollen, wie passionnement 
etc. und hätte dann auch noch diejenigen dieser adjectiva an- 
geben können, die kein adverb bilden, wie zele etc. 

In einzelnen fällen hat der Verfasser den sinn des Schrift- 
stellers nicht recht gefasst. Auf p. 47 zu dem satze: Enfin 
les rois de Syrie tenaient la haute et la hasse Asie: mais Vexpe- 
rience a fait voir que dans ce cas, lorsque la capitale et les princi- 
pales fovces sont dans les provinces basses de V Asie , on ne peut 
pas conserver les hautes ; et que , quand le siege de Vempire est 
dans les hautes, on s'affaiblit en voidant garder les basses, bemerkt 
er: ,,nacb dem deutschen Sprachgefühl müsste que stehen, d. h. 
wir würden den gedanken consecutiv auffassen: wenn das ver- 
hältniss derart wäre, dass etc. Montesquieu aber denkt nicht 
nur an einen nur gesetzten fall, sondern an die Wirklichkeit 
und sagt: „jedesmal, wenn die hauptstadt etc. und in dem vor- 
liegenden falle war's so". Der verf. bezieht fälschlich lorsque 
auf en ce cas und übersetzt es : in diesem falle wo — . Aber 
en ce cas bezieht sich auf das vorgehende und will sagen : 
für den fall, dass der Staat sowohl das hochland als die tief- 
ebene Vorderasieus umfasst; und dazu Werden zwei Unter- 
abteilungen gemacht , welche durch lorsque und quand ein- 
geführt werden: einerseits wenn die hauptstadt im tiefland 
liegt, kann man das hochland nicht behaupten, andererseits, 
wenn sie im hochland liegt, ist das tiefland schwer zu halten. 
Hätte der verf. vor dans ce cas ein komma gesetzt, würde er 
nicht dazu gekommen sein, dans ce cas und lorsque für correla- 
tiv zu halten; auch hätte er wissen müssen, dass man wohl 
au cas que und en cas que, aber dans le cas ou, dans ce cas oü 
sagen muss. So zieht ein versehen immer das audere nach 
sich. Auf p. 54 ferner meint er, dass in dem satze: Par la 
üs recevaient rarement la guerre, mais la faisaient toujours dans 

20* 



308 170. Montesquieu. Nr. 6. 

le temps, de la maniere et avec ceux quHl leur convenait, die worte 
guHl leur convenait den relativsatz qui leur convenaient ersetzen, 
ohne gewahr zu werden, dass qitil leur convenait nicht nur auf 
avec ceux, sondern auch auf dans le temps und auf de la ma- 
niere bezug hat; durch den relativsatz würde diese beziehung 
fortfallen. Er hätte sagen sollen: die natürliche Verbindung 
welche que auf dans le temps und auf de la maniere hat, führt 
die ungewöhnliche Verbindung mit dem dritten damit verbunde- 
nen satzgliede avec ceux herbei. 

Die jetzt nicht mehr üblichen ausdrucksweisen, von welchen 
Montesquieu noch gebrauch macht, hat der Verfasser nicht an- 
gemerkt, doch hätte es wohl für den lernenden geschehen müs- 
sen. Man sagt nicht mehr donner la bataille, sondern livrer ba- 
taille, nur noch absolut donner angreifen; zu fuit p. 15 hätte 
der Verfasser wohl bemerken können, dass dies passe defini jetzt 
nicht mehr gebräuchlich ist, sondern dass man dafür s'enfuit, 
prit la fuite sagen muss. Man findet es, doch äusserst selten, 
bei Bossuet, Voltaire (Charles XII am ende des zweiten buchs); 
die neueren französischen grammatikeu lassen es ; als veraltet, 
ganz fort, obgleich es die academie noch aufführt. 

Ein hauptaugenmerk hat der Verfasser auf die etymologie 
gerichtet; es ist zu befürchten, dass er hierin für die schule zu 
viel thnt. Ganz gewiss gehört es zum französischen Unterricht, 
namentlich auf einem gymnasium, die ausdrücke dieser spräche, 
welche auf das lateinische durch leicht ersichtliche ableitung 
zurückgeführt werden können, nach ihrer abstammung zu erläu- 
tern ; auf denjenigen schulen, in welchen das mittelhochdeutsche in 
den kreis des Unterrichts hineingezogen wird, werden gewiss auch 
einzelne herleitungen aus dem gothischen oder alihochdeutschen 
mit nutzen angeführt werden können, aber überall doch immer 
nur die fälle, in welchen völlige gewissheit vorliegt. Was kann 
es helfeu, dass der Verfasser, wenn die etymologie nicht fest- 
steht oder unter den gelehrten streitig ist , sich bei den Schü- 
lern durch ein fragezeichen darnach erkundigt. So findet man 
p. 13: „blit etymologie? p. 15: javelot : mittelhochdeutsch 
gabilöt, etymologie?, Grimm aus nord. gefja, Speer, ags. lac, 
spiel" ; p. 26 : „retrancher: etym. ? Dies aus internecare (soll wohl 
heissen intersecare) = abschneiden durch einen wall von der 
übrigen gegeud"; p. 34 : „chiourme: etym.? Nach Diez aus xf- 



Nr. 6. 170. Montesquieu. 309 

levcritci, nach andern türkischen Ursprungs" etc. Ich glaube nicht, 
dass durch die übertriebene hinweisung auf die etymologie die 
fertigkeit des ausdrucks befördert wird, welche doch in den 
neueren sprachen, selbst auf dem gymuasium, die hauptsache 
bleibt. Die schüler haben wenig oder gar keinen gewinn von 
weit hergeholten ableitungen. Ich erinnere mich, dass einer 
unserer lehrer bei der lectüre der Cyropädie uns regelmässig 
die wurzeln oder Wörter des sanskrit angeführt hat , welche 
den griechischen Wörtern, die gerade bei Xenophon vorkamen, 
verwandt sind: es hat keiner von uns auch nur einen einzigen 
fall dieser art aufgefasst, geschweige denn behalten, selbst nicht 
die wenigen, welche schon damals den entschluss gefasst hat- 
ten, das sanskrit kennen zu lernen. Im besten fall werden 
solche etymologische notizen vergessen; wer sie behält, geräth 
leicht in die gefahr, das nmherwerfen mit denselben für sprach- 
kenntniss zu nehmen und sie in der Unterhaltung auszukramen, 
wie einer meiner bekannten, der dadurch eine leibhaftige in- 
carnation des Holofernes in Love's lalour's lost geworden ist 
und von dem man, wie von dem Shakspearischen Schulmeister, 
6agen möchte : he has been at a great feast of languages and has 
stolen the scraps. Ausserdem könnte den lernenden, die mehr 
auf die etymologie versessen als bemüht sind, die bedeutung der 
Wörter richtig aufzufassen, leicht ein so böser Unfall zustossen, 
wie es dem Verfasser des buches begegnet ist. Er sagt p. 6 : 

„miprisable ; von prendre: le mepris, der missgriff; von 

priser: la meprise die Verachtung". Umgekehrt, herr doctor! 

Man sieht , ich habe eine nicht unbeträchtliche reihe von 
ausstellungen an dem buche gemacht. Wer daraus den schluss 
machen wollte , dass ich es für schlecht halte , würde sich ir- 
ren. Ich habe im gegentheil die Überzeugung , dass es mit 
weglassung des ungehörigen und überflüssigen und unter Ver- 
besserung des fehlerhaften und ungenauen ein sehr brauchbares 
buch werden kann; wäre dies nicht der fall, würde ich der 
beurtheilung desselben nicht so viel zeit und räum gegönnt ha- 
ben. Es enthält schon jetzt viel nützliches und schätzenswer- 
thes : gute grammatische bemerkungen, wirklich für schüler be- 
achtenswerthe etymologien , knapp und scharf ausgedrückte Un- 
terscheidungen sinnverwandter Wörter. Wir haben wenige werke 
französischer Schriftsteller, welche in empfehlenswerther weise 



310 171. Deutsche zustände. Nr. 6. 

erklärt sind; die kunst der Interpretation moderner Schriften 
muss erst noch erlernt werden; die befolgung des Verfahrens 
und die genauigkeit der klassischen philologie allein kann den 
weg dazu bahnen. Und weil ich dieser Überzeugung bin, habe 
ich in einer sonst nur den alten sprachen gewidmeten Zeitschrift 
die ausführliche philologische besprechung eines buches, welches 
übrigens durch den iuhalt des textes auch noch in einer andern 
beziehuug zum alterthum steht, nicht für unstatthaft gehalten. 

H. J. Heller. 

171. Cheirisophos des Spartiaten reise durch Böotien. Bei 
Isarlik als griechisches manuscript aufgefunden und ins deutsche 
übersetzt von Dr Schliemaun d. j. 8. Gotha, Perthes, 1872. 
XU und 112 s. — 20 ngr. 

Unter diesem titel erschien vor wenigen wochen ein schrift- 
chen, das streng genommen seinem inhalte nach in diesen blät- 
tern nicht zur spräche gebracht werden sollte; aber doch muss 
ref. bitten, ihm aus barmherzigkeit und um gotteswillen ein 
kleines plätzchen einzuräumen und wäre es auch ein armensün- 
derwinkel. Denn wo soll er sich sonst hinwenden , um die 
schrift eines mannes anzuzeigen, dessen name zwar in ganz 
Deutschland durch seine wissenschaftlichen und poetischen lei- 
stungen wohl bekannt und geachtet ist, der aber die Untugend 
hat, sich in allen dingen ein selbständiges urtheil anzumassen, das 
eben deshalb weder in eine liberale noch reactionäre Schablone 
passt ? Soll er bei den grossen deutschen zeitungen herumbet- 
teln ? Sie haben jetzt nur zeit für die wichtigen fragen des 
reichs und dürften wenig geneigt sein sich mit den innern 
Verhältnissen des deutschen Böotiens abzugeben und namentlich 
mit seinen Schulangelegenheiten, denen die satire in erster linie 
gewidmet ist , wenngleich sie mit ihrem köstlichen humor auch 
eine anzahl anderer wichtiger fragen bespricht, die durch die 
blauweissen grenzpfähle nicht eingeschlossen sind. Die bay- 
rische liberale presse? Wird sie es wagen ein buch zu em- 
pfehlen, das mit rücksichtslosem sarkasmus das schosskind un- 
serer zeit, den Darwinismus lächerlich macht und — horribile 
dietul — in der Unverschämtheit so weit geht, mit seiner lauge 
sogar die „volksbildner" zu bespritzen? Aber die bayrischen 
gymnasialblätter werden sich doch die gelegenheit nicht entge- 






Nr. 6. 171. Deutsche zustände. 311 

hen lassen, die gymnasial - und Universitätsfrage an der band 
eines gewiss urtheilsfähigen mannes aufs neue zu beleuchten? 
Um Vergebung — hier sitzt gerade das hühnerauge! 

Diejenigen fachgenossen, welche vor einigen jähren an der 
Würzburger philologenversammlung sich betheiligt haben, wer- 
den sich erinnern, dass damals in der pädagogischen section 
die bayrischen gyrnnasialveihältnisse , namentlich der Unterricht 
im lateinischen in einer für Bayern gerade nicht schmeichelhaf- 
ten weise besprochen wurden. Die norddeutschen, oder besser 
gesagt die nichtbayrischen Schulmänner behaupteten geradezu, 
es ginge ihnen das verständniss für die bayrische auffassung 
ab. Dies hinderte jedoch nicht, dass diese specifisch bajuvari- 
sche anschauung auch heute noch in voller blüthe steht, ja 
heute vielleicht noch mehr als sonst unsere gymnasien geradezu 
beherrscht. Sie hat ihren sitz im bayrischen gymnasiallehrer- 
verein, ihr organ sind die bayrischen gymnasialblätter , denen 
wir übrigens nichts schlechtes nachsagen wollen. 

Es ist seit decennien in Bayern klage darüber erhoben wor- 
den, dass unsere gymnasien in den händen der bureaukratie sind 
und deshalb sich nicht frei entwickeln können. Die klage war 
berechtigt und ist berechtigt. Auch unser Satiriker erhebt seine 
stimme laut gegen diesen missstand. Aber thöricht wäre es zu glau- 
ben, man dürfe die Oberleitung unserer schulen nur in die häude 
von fachmännern legen, so stände alles gut. Der schaden liegt 
tiefer, und dies wieder einmal klar ausgesprochen zu haben, ist 
das verdienst des Cheirisophos , der in Chäronea gelegenheit 
hatte, einen blick in das böotische unterrichtswesen zu werfen. 
Auch früher war die Oberleitung unserer gymnasien in den hän- 
den von bureaukraten, und doch stand es besser ; einige gym- 
nasien wenigstens — nomina sunt odiosa — waren ächte bil- 
dungsanstalten ; der geist, den tüchtige, vom classischen alter- 
thum durchdrungene rectoren ihrem lehrercollegium und ihren 
anstalten einzuhauchen verstanden, durchbrach eben die schran- 
ken des bureaukratismus und bewies, dass der geist wehet, wo 
er will — wenn er nur überhaupt vorhanden ist. Hie haeret 
aqua. Der gefährlichste feind des besserwerdens für unsere gym- 
nasien sind die schulmänner selbst. Ref. weiss, was er sagt. 
Mau lobt zwar unaufhörlich, — um nur verstorbene zu nen- 
nen — männer wie Thiersch, Roth, Doederlein, Naegelsbach j 



312 171. Deutsche zustände. Nr. 6. 

aber wenn sie heute wieder auferstehen würden aus ihren grä- 
bern, sie würden mit einer stimme rufen: „wir kennen euch 
nicht. Was ihr unter bildung versteht, das zu bekämpfen ha- 
ben wir stets als unsere lebensaufgabe angesehen. Missbraucht 
unsere worte und unsere namen nicht!" 

Cheirisophos trifft in Chäronea in den händen eines Schü- 
lers die grammatik des Dr Anglandros (Englmann) , die in 
den meisten böotischen anstalten eingeführt ist. Einen besseren 
griff hätte der Satiriker gar nicht thun können, um mit einem 
ßchlage die ganze herrschende richtung zu characterisiren. Diese 
grammatik ist die incarnation der specifisch bayrischen anschau- 
ung von classischer bildung, ein conglomerat von einzelnen mit 
gleicher berechtigung neben einander gestellten regeln, aber 
kein aus einer einheitlichen auschauung herausgewachsenes sprach- 
gebäude. Nimmt man dazu eine dem entsprechende behand- 
lung des Unterrichts selbst, so wird man begreifen, dass man in 
Böotien nur darauf ausgeht, den schülern eine gewisse summe 
einzelner kenntnisse beizubringen und einige fertigkeit in ihrer 
anwendung zu erzielen. Diese utilitarische, nichts weniger als 
bildende unterrichtsweise ist es, die sich auch auf alle anderen 
fächer erstreckend mehr und mehr auf unsern gymnasien breit 
macht und ihrem gedeihen viel mehr hinderlich ist als jeder 
bureaukratische druck. 

Bei solcher auffassung ist es allerdings einerlei, ob der 
lehrer katholik oder protestant ist, und in sofern liegt eine 
gewisse berechtigung in dem bestreben die confessionelle tren- 
nung unserer gymnasien aufzuheben. Die Verschiedenheit des 
im katholicismus und protestantismus waltenden geistes kommt 
hiebei nicht mehr in betracht, weil überhaupt von keinem geist 
mehr die rede sein kann. Auch ref. sieht das ganze heil der 
Zukunft, auch der zukunft unserer gymnasien darin, dass man 
den in unserm volke vorhandenen kräften eine möglichst freie 
bewegung gestattet, aber vor einem solchen liberalismus möge 
gott unsere gymnasien in gnaden bewahren. Die folge würde 
nur die sein, wie auch unser Satiriker mit recht hervorhebt, 
dass mehr und mehr unsern protestantischen anstalten das ge- 
nommen, worauf sie bisher, ganz abgesehen von ihren leistun- 
gen im einzelnen, mit recht stolz waren, ohne dass deshalb die 
katholischen anstalten dem protestantischen einflusse geöffnet 



Nr, 6, Theses. 313 

würden. Und wenn einmal wieder, was gott verhüten wolle, 
was aber doch nicht im bereiche der Unmöglichkeit liegt, die 
ultramontane richtung oberwasser erhält, so ist dann trefflich 
vorgearbeitet, dass es im ganzen lande keine anstalt mehr gibt, 
wohin sich das freiere leben noch flüchten könnte. Aber auch 
schon für die gegen wart hat die sache ihre bedenkliche seite; 
denn auch der liberale katholieismus bleibt immer katholicis- 
mus und ist im tiefsten gründe ein gegner des protestantischen 
geistes. 

THESES quas ... in acad. Christi ana Albertina . . . 
d XIII. m. Mart. . . . publice defendet J. Claussenus Tychopo- 
litanus : 1. Quintiliani I. 0. 1, 5, 31, ubi secundum edi- 
tionem Halmianatn haec leguntur : „ Praeterea nunquam in 
eadem flexa et acuta [quoniam est in flexa et acuta]. Itaque 
neutra cludet vocem latinam : ea vero , quae sunt syllabae 
unius, erunt acuta aut flexa [ne sit aliqua vox sine acuta]", 
verba, quae uncis inclusi, delenda sunt. — 2. Quintiliani I. O. 
1, 6, 19 genuina est librorum scriptura: „Sed Augustus quo- 
que . . . emendat, quod is calidum dicere quam caldum tnalit" 
(cf. Keili adnot. in editione Halmiana II, p. 367). — 3. Se- 
necae philosophi Dialog. 2, 7, 2 „Denique validius debet esse 
quod laedit eo quod laeditur. Non est autem fortior nequitia 
virtute. [Non potest ergo laedi sapiens]. Iniuria in bonos nisi 
a maus non temptatur: bonis inter se pax est. [Mali tarn 
bouis perniciosi quam inter se.] Quodsi laedi nisi infirmior 
non potest, malus autem bono infirmior est, nee iniuria bonis 
nisi a dispari verenda est : iniuria in sapientem virum non ca- 
dit. Illud enim iam non es admonendus neminem bonum esse 
nisi sapientem." duae illae, quas a ceteris segregavi , senten- 
tiae spuriae sunt. — 4. In verbis Gellianis N. A. 4, 17, 7 
„Secunda enim littera in his verbis per duo i, non per unum 
scribenda est", illi ,,litera" vox „syllaba" erit substituenda. — 
5. Versus qui exstat in Septem Aeschylea deeimus : 

Vfiäg 8s iqt\ vvv v.a.1 Ti>v iXXsinov^ Sti 
graviter corruptus est. — 6. In verbis quae leguntur Theo- 
phrasti Charact. 22 : „aal avaazag ti\v oixiav ixxogTjaai xat rag 
xXtvag xaXXvvaf aal aa&e^öfxsvog nagaßTQsxpai rov zgCßonva, ov 
avtog qiOQeT", vox avrng post verbum auXXvvai erit transpo- 
nenda. — 7. Quintiliani I. 0. 1 , 7 , 2 in verbis ,,Ut longis 
syllabis omnibus adponere apicem ineptissimum est , ... sed 
interim necessarium etc." adverbium „ut" delendum est. — 8. 
Verba Quintilianea 1, 5, 12 „At in eadem vitii geminatione Me- 
tioeo Fufetioeo dicens Ennius" a Eitschelio immerito sollicitata 
sunt (Mus. rhen. 22, p. 600 sq.). 



314 172 — 183. Neue buchen — Bibliographie. Nr. 6. 

NEUE AUFLAGEN. 172. Sophokles. Für den schulge- 
brauch erklärt von G. Wolff. 2, thl. Electra. 8. Leipzig. 
Teubner ; 10 ngr. — 173. Novum testamentum graece. Ad 
autiq. festes denuo rec. C. Tischendorf. Ed. V11I critica 
maior. Vol. II fasc. 4. 8. Lips. Gies. et. Devrient ; 1 thlr. — 
174. E. Guhl und W. Kon er das leben der Griechen und 
Eömer. 3. aufl. 2. und 3. heft. 8. Berlin. Weidmann; ä 
10 gr. — 175. G. Bernhardy, grundriss der griechischen 
literatur. 3 bearbeit. 2. thl. 2. abth., 8. Halle; 4 thlr.-— 
176. Seh wegler, römische geschickte. 3. bd. 2. aufl. 8. 
Tübingen. Laupp; 2 thlr. — 177. A. v. Beumont, geschiebte 
der stadt Born. 8. Neue ausg. 10. 11. lief. Berlin. Decker; 
ä, 1 thlr. 



NEUE SCHULBUECHEB. 178. Freund's Schülerbi- 
bliothek, 1. abth. piäparation zu Sophokles werken. 4. heft. 
2. aufl. 16. Leipzig. Violet; 5 ngr. — 179. Dess. Schü- 
lerbibliothek, 1. abth. präparation zu Cicero's werken. 9. heft. 2. 
aufl. 16. Leipzig. Violet; 5 ngr. — 180. Dess. Schülerbi- 
bliothek, 1. abth. präparation zu Horaz werken. 7. heft. 16. 
Leipzig. Violet; 5 ngr.; desselb. 8. heft. ebendas ; 5 ngr. — 
181. L. Viel h aber, aufgaben zum übersetzen ins lateinische 
zur einübung der syntax. 8. 2. aufl. 1. heft. Casuslehre. 
Wien. Beck; 16 ngr. — 182. P. D. Ch. Hennings, ele- 
mentarbuch zur lateinischen grammatik von Ellendt-Seyffert. 
1. abth. für sexta. 2. aufl. 8. Halle. Waisenh.; 8 ngr. — 
183. M. Seyffert, Übungsbuch zum übersetzen aus dem deut- 
schen ins latein für seeunda. 10. aufl. 8. Leipzig. Holtze; 1 thl. 

BIBLIOGBAPHIE. Ueber L eipzig's buchhandel luden 
jähren 1869 und 1870 finden sich notizen und nach Weisungen 
im Börsenbl. nr. 94. 

Es ist jetzt erschienen : Deutscher universitäts- und schul- 
kalender auf die zeit vom 1. octob. 1871 bis 31. märz 1873 
von Dr E. Mushacke. 8. Berlin. Schulze 1872: es ist 
XXI Jahrg. Bd. II und III. 

Es ist erschienen: Bibliotlieca plrilologica oder geordnete 
Übersicht aller auf dem gebiete der classischen alterthnmswis- 
senschaft wie der altern und neuern Sprachwissenschaft in Deutsch- 
land und dem ausländ neu erschienenen bücher. Herausgege- 
ben von Dr W. Mulde ner. XXIV. jahrg. 2. heft. Iuli — 
december 1871. Göttingen. Vandenhöck und Buprecht. 

Die von professor B ergmann gegründeten philosophi- 
schen monatshefte sind zu einem central organ erweitert, 
welches allen richtungen zur ausspräche sich darbietet und die 
gegenwärtige entwickelung der deutschen philosophie und auch 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 315 

"die praktische seite der philosophischen bewegung so wie ihre 
eiuwnkung auf die übrigen Wissenschaften objectiv darstellen 
will. Die redaction ist durch hinzutritt des Dr. F. Ascher- 
son und S. E. Bratuschek erweitert. 

Im verlag von Otto Leuckart (Constantin Sander) in 
Leipzig soll erscheinen: Des Auicius Manlius Severinus Boetius 
fünf bücher über die musik. Aus dem lateinischen in die deut- 
sche spräche übertragen und mit besonderer berücksichtigung 
der griechischen harmunik sachlich erklärt von Oskar Paul. 
27 bogen 8; 5 thlr. 10 gr. 

Cataloge von antiauaren : 24. verzeichniss des antiquarischen 
bücherlagers von Georg Friedrich in Breslau: ausschliess- 
lich philoiogie und altdeutsch ;. auch neulateiner; Ferd. Stein- 
kopf in Stuttgart, verzeichniss einer Sammlung von biichern 
aus dem gebiete der literär- geschickte und der älteren deut- 
schen literatur. 

Bibliotheca literaria. Catalogue des livres anciens et mo- 
dernes en vente aus prix marqiuis chez J. van B aalen et 
fils, Rotterdam; Livres anciens et modernes en vente, aux prix 
marque's chez Martinus Nijhoff, k la Haye (Linguistique 
et literature Orientale ; Bibliotheca Venetiana. Supplemento II 
al catalogo d'una raccolta di libri, carte geografi che e veduta 
di Venezia e äA suo territorio vindibili presso H. E. et M. 
Münster, Venezia. 

Weigels bücherauction. 12. juni 1872. Verzeichniss der 
hauptsächlich das gebiet der kunst umfassenden bibliothek des 
zu Paris verstorbenen kunstforschers Otto Mündler: dabei 
auch noch andre Sammlungen. 

KLEINE PHILOLOGISCHE ZEITUNG. Es gehen uns 
zu: Proceedings of the third annual Session of tlie American Philolo- 
gical Association Held at New - Haven , CT., July, 1871. New- 
York: S. W. Green, Printer. 16 and 18 Jacob Street. 1872. 
34 s. Die Verhandlungen dieser americanischen philologen be- 
ginnen mit einem bericht des secretairs, der gegen 60 mitglieder 
aufzählt darunter auch eine dame, die während des jahres 1870 — 
71 beigetreten sind. Dann berichtet der Schatzmeister. Die ein- 
nahmen betrugen doli. 587,86, die ausgaben 486,26. Darauf 
folgen vortrage über sehr verschiedene dinge. Die gesellschaft 
hat nach p. 8 ihre vorzüglichste aufgäbe in erforschung america- 
nischer sprachen, doch auch alle anderen, auch die classischen 
sprachen berücksichtigt sie. Gleich der erste Vortrag p. 4 des 
professor Fisk Brewer beschäftigt sich mit dem nachweis, 
dass Grote in seiner darstellung des rückzuges der Zehntausend 
mehrfach ungenau sei. Der zweite Vortrag betrifft die spräche 
der Dakota, der dritte das passivum im englischen; dann 



316 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

sprach der prä'sident Goodwin über die Bedeutung und We- 
sen der Sprachwissenschaft, forderte professor Com fort, dass 
die kinder zunächst eine lebende spräche lernen und zwar durch 
Sprechübungen, darauf grammatisch, darauf eine zweite lebende 
spräche, darauf latein und zuletzt griechisch. Dies der erste 
tag 25. juli. 

Am 26ten folgten auf drei vortrage über englische gram- 
matik, einer über die zweite attische decünation von Allen, 
darauf zwei über americanische sprachen. Am 27. juli sucht in 
dem ersten vortrage: Strictures on the Views of August Schleicher 
respecting the nature of Language and other related subjects überschrie- 
ben, professor W. D. Whitney die bezüglichen ansuchten Schlei- 
chers zu widerlegen. Der zweite Vortrag ist von professor F. 
A. March über den Ursprung der spräche; der dritte An old 
Latin Text - Boolc vom colonel T. W. Higginson — seitdem 
erschienen in den Atlantic Essays desselben — rühmt den se- 
gensreichen einfluss des Unterrichts der kinder in den alten spra- 
chen. Namentlich werde nicht nur das wissen gemehrt, sondern 
zugleich auch der Schönheitssinn geweckt. — Der vierte Vor- 
trag behandelt die Zeichensprache. Der fünfte (Dr J. Tho- 
mas und Dr N. W. Benedict) über die ausspräche des grie- 
chischen und lateinischen, veranlasste eine lebhafte debatte. Die 
gesellschaft hat ein eigenes committee on pronounciation. Am 
abend folgten vortrage über: The Celtic Elements in French von 
professor A. H. Mixer an der Rochester University; ferner Stu- 
dies in Cymric Philology von Professor E. M. Evans of Cornell 
University, Ithaca, N. Y. Der letzte über indianische namen. 

28. 1) Ihe Chronology of some of the Events mentioned in 
Demosthenes on the Crown , by Professor W. W. Goodwin , of 
Harvard University, Cambridge, Mass. — - 2) Ueber zahlen in 
indianischen sprachen. — 3) Ueber ein lexicon einer indianer- 
sprache. — 3) An Ancient Bulgarian Poem concerning Orpheus über- 
setzt von C. F. Morse, der dreizehn jähre lang als missionär in 
Bulgarien lebte. Das gedieht ist in Moscau gedruckt 1867 durch 
S. J. Vercovich. Von der griechischen sage ist nur der name 
Orpheus genommen. — • 4) Pronounciation of the Greeh Aspirates 
von Professor A. C. Kendrick of Rochester Uuiversity , N. Y.: 
die Untersuchung bietet eine kritik der ansieht von Curtius, 
weniger ein eigenes System. — 4) M. J. B. Gr eenough of 
Harvard University sucht zu zeigen, that the „General Supposition in 
Greeh, which is expressed by the subjunetive or optative in the protasis 
and the indicative of a general truth in the apodosis, was also found 
in Latin, sei ein erbe der zeit of Indo-European unity, or, what 
practically amounts to ihe same thing if it is not really the same, 
the Urne of Graeco- Italic- Sanskrit unity. — 5) Hon. J. H. 
Trumbull: Contributions to ihe Comparative Grammar of ihe Al~ 
gonkin Languages, gestützt auf 25 Übersetzungen des Vaterunser 



Nr. 6. Kleine philologische zeltung. 31 7 

in neunzehn sprachen und dialecten desAlgonkinstammes. — 
6) Der präsident Samson gab aus mangel an zeit nur einen 
auszug aus einem vortrage über die „Families of Languages as 
developed in the Mediterranean Civilization, and their inßuence wpon 
each other. — Es folgen förmlichkeiten und beschlüsse: l)„eine com- 
mission zu ernennen, für die frage: ob es räthlich sei eine gramma- 
tik des in America gesprochenen und geschriebenen englisch abzufas- 
sen; 2) den vorstand zu ersuchen, der nächsten Versammlung 
einen genauen arbeitsplan der gesellschaft vorzulegen und über 
die abhaltung von Versammlungen der ortsvereine. Dann folgt 
das verzeichniss der 228 mitglieder ■ — darunter auch einige 
damen, — des Vorstandes und bekanntmachungen für die nächste 
Zusammenkunft 24. juli 1872. 

In der Wochenschrift „im neuen reich" nr. 3 wird über 
den oben erwähnten aufruf der Strassburger zur gründung ei- 
ner Stadtbibliothek gehandelt und darnach im Börsenbl. nr. 94. 

Stade, 28. april. In der stader feldmark ist kürzlich eine 
interessante römische münze gefunden , welche bereits zu 
verschiedenen beschreibungen und erklärungsversuchen veran- 
lassung gegeben hat. Dieselbe führt im avers einen männlichen, 
mit einem lorbeerkranze geschmückten köpf. Die Umschrift, 
von perlkranz und stab umgeben, lautet: TL CLAVDIVS. CAE- 
SAR AVG. P. M. TR. P. IMP. P. P. und lässt sich wahrschein- 
lich in folgender weise ergänzen : Tiberius Claudius Caesar Augu- 
stus. Pontifex rnaximus. Tribunicia potestate. Imperator. Pater pa- 
triae. Auf dem revers befinden sich drei behelmte krieger, de- 
ren einem eine mit der toga bekleidete figur (entweder die hoff- 
nung [S/>es] oder der kaiser) die hand reicht. — Die Umschrift, 
von perlkranz und stab umgeben, lautet: SPES AVGVSTA. 
Der revers scheint demnach die entsendung eines heeres zu ei- 
nem feldzuge, mit der ausgesprochenen hoffnung eines glückli- 
chen erfolges anzudeuten und könnte sich vielleicht auf die un- 
ter Claudius (41 — 54 nach Chr. geb.) unternommenen feldzuge 
gegen Mauritauien oder Britannien beziehen. Die münze ist 
von sehr harter bronce und hat die grosse und stärke eines 
alten ungeränderten preussischen thalers von der kleineren sorte. 
Sie ist wohlei halten und ohne ansatz von oxyd und verdankt 
ihre konserviiung dem umstände, dass sie von einer dicken und 
festen, aus sog. ortstein bestehenden kruste eingeschlossen war. 
Das stück scheint nach dem gepräge des revers eine gedäclit- 
nissmünze, nicht aber eine conrantmünze zu sein. D. Reichs- 
anz. nr. 103. 

Nach Rossi's ansieht wird im verlauf von zwei jähren die 
völlige freilegung des forum Romanum zu erwarten sein; bis 
jetzt sind die fundamente desCastor- und Pollux - tempels, der 
Ba-älica Iulia, der Phocassäule , des Saturn-, Vespasian - und 
Concordia-tempels, endlich che unterbauten des ttmpel des lulins 



318 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

Caesar zu tage gefördert. Vrgl. Augsb. Allg. Ztg. 1872, beil. 
zu nr. 147. Keichsanz. nr. 114 beil. 1. 

Näheres über den ausbruch des Vesuv giebt nach neapo- 
litanischen Zeitungen der Staatsanz. nr. 113, beil. 2. 

Zu Lucera (bei Eoggia) ist beim bau einer strssse eine 
statue der Venus von 7 palmen höhe, eine marmorvase von 
8,5 m. umfang und bruchstücke eines mosaikbodens gefunden 
worden. Die Venus hat zu den füssen einen delphin und soll 
von sehr guter arbeit sein; sie ist zerbrochen, aber sämmtliche 
stücke sind erhalten. Die vase trägt die inschrift: Divo Com- 
modo. Das munizipium lässt die ausgrabungeu fortsetzen. 

Koni. 8. mai. Bei Koccasecca in der Terra di Lavoro 
ist ein grab aus der Steinzeit eutdeckt worden. Dasselbe be- 
steht aus einer ungefähr einen meter breiten und drei meter 
langen, mit schweren steinen gedeckten gruft, in welcher ein 
skelett von ungewöhnlicher grosse, mit dem haupte nach westen 
gewendet, sich befand. Neben dem schädel stand ein roh mit 
der band gearbeitetes rothbraunes thongefäss, während rings- 
herum 22 steinerne waffeu, 18 pf'eile, 2 dolciie und 2 lauzen- 
spitzen lagen. Die waffen sind von kiesel und mit bewunde- 
rungswürdiger Sorgfalt gearbeitet. Die pfeile mit scharfer zwei- 
schneidiger spitze, Stil, griff und flügelchen, einer der dolche 
vollkommen dem bei Altamura gefundenen ähnlich, welcher im 
geologischen museum zu Neapel aufbewahrt wird. Er ist 170 
milliineter lang, am griffe 35 millimeter breit, hatte scharfe spi- 
tzen und schneiden und einen halbkreisförmigen griff. Ein rand 
vertritt die stelle des Stichblattes. Auch die beiden ianzenspitzen, 
120 mm. lang und an der stärksten stelle 27 mm. breit, sind 
von ganz vorzüglicher arbeit. D.e iustrumente sind alle mit 
absieht zerbrochen worden, als sie ms grab gelegt wurden, als 
andeutung, dass die tapfere band, welche sie führte, erlahmt war. 
Das skelett wurde leider von den arbeiiern gänzlich zerstört, 
während die übrigen gegenstände in den besitz des herrn Giunt. 
Nicolazzi gelangt sind, welcher das alter des grabes in die blü- 
hendste periode der Steinzeit, etwa 5U00 jähre vor unsere Zeit- 
rechnung, setzt. — D. Reichsanz. nr. 117 beil. 1. 

London, 25. mai. Dem soeben veröffentlichten Jahresbericht 
des British Museums zufolge sind die literarischen und wis- 
senschaftlichen Sammlungen dieser anstalt im vorigen jähre durch 
werthvolle acquisitionen bereichert worden. Die bibliothek des 
museums wurde um nicht weniger als 08,579 bände, brochuren 
und vermischte schritten verstärkt. Unter letzteren verdient er- 
wähnung eine fast vollständige Sammlung der während des 
jüngsten krieges zwischen Frankreich und Deutschland , und 
während der herrschaft der französischen Kommune veröffentlich- 
ten Journale, flugschrifteu , Proklamationen und karrikaturen. 
Das landkarten- departement erhielt u. a. 187 Photographien des 



Nr. 6. Auszüge aus Zeitschriften. 319 

Schauplatzes des letzten krieges zwischen Frankreich und Deutsch- 
land. Das manuscriptea - departenient empfing unter seinen vie- 
len acquisitionen sieben blätter der unvollständigen lateinischen 
abhandlung über die laster , illuminirt durch den „mönch von 
Hyeres" im 14. Jahrhundert ; ferner eine Sammlung von Original- 
briefen von bischof Gardiner, bischof Hooper , Martin Bucer, 
Peter Martyr, Beza und anderen mit der reformation in Eng- 
land verknüpften personeu. Während des Jahres 1871 wurden 
die Sammlungen des museums von 418,130 personen frequentirt. 

Zur Strassburger bibliothek finden sich notizen im Bör- 
senbl. nr. 103. 

Nachträgliche decorationen von buchhändlern, für im kriege 
18 70 /7i geleistete dienste verzeichnetBörsenbl. nr. 103. 106. 116.122. 

Rom. 29. mai. Der historisch-archäologische rath 
war dieser tage unter Contu's vorsitz versammelt. Unter an- 
derm behandelte er die erwerbung und Wiederherstellung der 
acten der fratres Arvales , die restauration der mosaiken der 
Palatina, mehrerer kirchen, die art die wahre patina der antiken 
metalle von der nachgemachten zu erkennen ; auch besprach 
man eine Verbesserung des Systems der bibliotheken , museen, 
der archäologischen proviozialcommissionen ; auch soll darauf 
gesehen werden , dass die erforschung der classischen alterthü- 
rner nicht zur Zerstörung etwaiger reste aus dem mittelalter 
führe (Augsb. allg. ztg. beil. zu nr. 157). 

AUSZUEGrE aus Zeitschriften: Augsburger allgemeine zeüuny, nr. 
132 : Urhchs kauft die Feoli'sehe vasensammlung für die Univer- 
sität zu Würzburg. — Beil. zu nr. 132: Übersetzung von des Apu- 
leius Cuptdo und Psyche durch Bintz. — Beil. zu nr. 136 : fran- 
zösische kriegslitteratur. IV. — Beil. zu nr. 137. 138: das franzö- 
sische untemchtswesen. I. IL — Beil. zu nr. 138: Dr Deiters 
keine persona grata. — Nr. 139: nachtrag zu der ob. nr. 120 er- 
wähnten vergleichung Deutschlands mit einem hengst. — Beil. zu 
nr. 140: Roms bevölkerungs- und wohnungsverhältnisse. — Nr. 
141 : zum ausbrach des Vesuvs. — Beil. zu nr. 142: J. H. Müller 's 
Zeitschrift für deutsche culturgeschichte. 1. heft: wird gerühmt; es 
enthält nichts philologisches. — Beil. zu nr. 143: zur archäologi- 
schen literatur: eiugehende anzeige von: / retievi dcl.e urne etrusche 
publicali a nome dad Instttuto di corrtspondenza urcheologica da Enrico 
Brunn., Vol. I. Cyclo iroico. Borne. 1870: namentlich für das epos auch 
zu beachten : s. Ph. A. III, nr. 4, p. 240. — Beil. zu nr. 144 : Cheirisophos 
des spartiaten reise durch Böotien: empfehlende anzeige dieser satire auf 
die gelehrten studienanstalten in Bayern und Deutschland: „möge jeder, 
der ein freund des humor ist und interesse für die brennenden fra- 
gen der gegenwart hegt, das büchlein selbst zur band nehmen" : vrgl. 
ob. p. 312. ■— Nr. 145: notiz über die zu Berlin gebildete „acade- 
mie der moderneu philologie". — Beil. zu nr. 146: kurze notiz über 
die eröffnung der philologen- Versammlung in Leipzig. — Beil. zu 
nr. 147: die römischen ausgrabungen (s. ob. n. 122): betreffen: 3. das 
forum : unter anderm ward entdeckt das marmorne gesims eines eh- 
rendenkmals mit der inschrift: 



320 Auszüge aus Zeitschriften. ftr. 6. 

Dominis omnium Gratiano Valentiniano et Theodosio | imperato- 
rib. aug. L. Val. Sept. Bass. v(ir) C(larissimus) praef(ee£ws) urb(*s) 
majestati(5ws) eorum dicavit: 
dieser präfect L. Valerius Septimius Bassus sei unbekannt; 4. der 
palatin ; 5. die Caracallathermen ; 6. die ausgrabungen am quirinal ; 7. 
die ausgrabungen in der umgegend: diese beschränken sich auf die 
villa Hadrians bei Tivoli und auf den hafen von Ostia. — Beil. zu 
nr. 152: die philologenversammlung in Leipzig: Zusammenstellung 
der berichte einiger Zeitungen. — Beil. zu nr. 154: Karl Ludwig 
Kayser: nekrolog, mit dem motto: ovioi ktlxpava xiav aya&iZu avdywv 
äytugtiiai, xqövog: wahre und liebevolle Schilderung des edlen men- 
schen und unermüdlichen forschers! — Nr. 155: über den Ursprung 
der Semiten. — Nr. 157: der kämpf der hochschule zu München ge- 
gen errichtung neuer lehrstühle für vaticanische dogmatik und phi- 
losopbie. — Beil. zu nr. 158: aus dem reiche des Tantalus und Krö- 
sus, von B. Stark: anzeige. — Beil. zu nr. 160: die reform des 
österreichischen Universitätswesens : bespricht die neuere Opposition der 
Universität zu Wien: vrgl. ob. nr. 5, p. 268. 

Güttingische gelehrte anzeigen, st. 5: E. Wilken, geschichte der 
geistlichen spiele in Deutschland: selbstanzeige. — St. 6: Anecdota graeca 
et graecolatina. Mittheilungen aus handschriften zur geschichte der 
griechischen Wissenschaft von Dr Val. Rose. 2. heft.8. Berlin. 1870: an- 
zeige von H. Sauppe, der über die einzelnen stücke genau referirt, am 
Schlüsse aber über III : des Aristophanes Byzantius iwv 'Aqwtot&ovs nfol 
£üW iniTo/urj, eine reihe textes -Verbesserungen vorträgt. — Nr. 7: das 
volksieben der Neugriechen und das hellenische alterthum von Bern- 
hard Schmidt. Bd. I. Leipzig. 8 : beachtenswerte anzeige von C. Wachs- 
muth. — St. 14 : Gaudeamus igitur. Eine studie von Hoffmann von 
Fallersleben. Nebst einem Sendschreiben und Carmen an denselben 
von Gustav Schwetschke. 8. Halle: anzeige von E Hissen , der von 
Schwetschke's lied: patri patriae die schlussstrophe mittheilt: 

Gaudeamus et teramus 

Salamandras maximas 

Dissipanti incultorum 

Et virorum obscurorum 

Cultum et nequitias. 
Zarncke, literarisches centralblatt : nr. 4: Ewald Schmidt, über das 
römische decemvirat. Ein beitrag zu den römischen staatsalterthü- 
mern. 8. (ohne angäbe des druckorts und jahrs): eingehende anzeige 
von L., der den ansichten des vrfs. überall widerspricht. — T. Ranke, 
August Meineke, ein lebensbild. 8. Leipzig: lobende anzeige. — W. 
S. Teuffei, Studien und Charakteristiken zur griechischen und römi- 
schen so wie zur deutschen literaturgeschichte. 8. Leipzig: anzeige 
von (), die genauer auf Plat. Symp. p. 194 B eingeht. — Nr. 5: An- 
tiphontis orationes et fragmenta ... ed. Fr. Btuss. 8. Lips. 1871: 
wird sehr gelobt: s. ob. nr. 3, p. 120. — M. Tullii Ciceronis de Le- 
gibus IL III ex rec. J. Vuhleni. 8. Berlin. 1871: anzeige von K., 
der die Wichtigkeit der ausgäbe anerkennt, aber theils findet, dass 
Vahlen olt uumögliches veitheidige, wie I, 2, 6. II, 5, 11. 17, 42 — 
an letzterer stelle nimmt ref. eine lücke an - 25, 63: theils die eig- 
nen vorschlage Vahlen's für ungenügend hält, wie 1, 4, 11: ei^ne 
ausführungen enthält die anzeige nicht. - E. Buchholz, die home- 
rischen realien. 1. bd. Welt und natur. 1. abth.: homerische kos- 
mographie uud geographie. 8. Leipzig. 1871: anzeige von W. B. 
— Th. Benfeg, lube.o und seine verwaudte. 4. Göttingen. 1871 
ablehnende anzeige von Wi. 






Nr. 7. Juli 1872. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Püilologus 



Ernst von Leutsch. 



184. Historische syntax der lateinischen spräche von Dr 
A. Dräger, director des gymnasiums zu Friedland i. M. Er- 
ster theil. Gebrauch der redetheile. 8. Leipzig. Teubner, 
1872. — 1 thlr. 

Dräger, der bekannte Verfasser der fleissig gearbeiteten 
schritt ,, über syntax und stil des Tacitus " und herausgeber 
der vortrefflichen Schulausgabe der Annalen des Tacitus wurde 
nach vorr. p. iv im anfang der fünfziger jähre gewahr, dass 
unseren lateinischen grammatiken nicht überall zu trauen sei. 
Er entschloss sich daher zunächst den Livius auszubeuten , zu 
welchem zwecke er Drakenborehs ausgäbe genau durchging; 
dann studierte er Cäsar und Sallust und excerpirte den Cicero. 
Auch das genügte ihm nicht, und er zog daher den Cornificius 
(Auetor ad Rerennium), dann nach und nach alle dichter der classi- 
schen und fast alle prosaiker und dichter der nachclassischen 
zeit in den bereich seiner Untersuchungen. Selbst die kirchen- 
schriftsteller blieben nicht unbeachtet , weshalb der verf. den 
Bunnemannschen commentar zum Lactanz studierte und etwas 
aus Tertullian und Augustin auszog. So viel über die entste- 
hung des buchs. P. vh der vorrede lässt sich Dräger speciell 
über diese I. abth. also aus: ,,die darstellung der wort formen 
und ihrer entstehung gehört allerdings nicht in die syntax, aber 
die an wendung, welche sie in verschiedenen Zeitaltern oder 
bei den einzelnen autoren gefunden haben , wüsste ich in kei- 
nem anderen abschnitte unterzubringen". Warum nannte Drä- 
ger diese I. abth. nicht „Historische formenlehre" ?, wie Neue 
sein so reichhaltiges , aber auch nur aus sporadischer leetüre 
Philol. Anz. IV. 21 



322 184. Lateinische grammatik. Nr. 7. 

hervorgegangenes buch „Formenlehre der lateinischen spräche" 
benannt hat. 

In wie weit nun obige angaben über die erstaunens- 
werthe lectüre des verf. in bezug auf die eigentliche syntax 
wahr sind, weiden die folgenden abtheilungen zeigen; für diese 
I. abth. müssen wir die Wahrheit derselben sehr in zweifei zie- 
hen. Wie wir unten zeigen werden hat Dräger für diese I. abth. 
seine notizen nur aus gelegentlichen aufzeichnungen aus den 
genannten Schriftstellern und aus dem handwörterbuche der la- 
teinischen spräche von R. Klotz, aber auch diesem nur flüchtig 
entnommen. Neue's buch ist gar nicht benutzt worden, und 
selbst Tacitus , den Dräger doch in syntaktischer und exegeti- 
scher beziehung besonders tractirt hat , ist nicht gründlich aus- 
gebeutet worden. 

Nachdem Dräger in einer einleitung (p. ix — xxn) eine kurze 
Charakteristik der einzelnen Schriftsteller in bezug auf wortfor- 
men und darstellung gegeben hat, geht er zu seiner eigentlichen 
aufgäbe über und bespricht in vier capiteln das substantivum, ad- 
iectivum, die pronomina, Zahlwörter, adverbia, das verbum. Da 
der uns zugemessene räum die prüfung des ganzen buches nicht 
zulässt, so wollen wir c. I, §. 7 (p. 9 ff.) die pluralia abstracta 
etwas genauer ansehen. 

Nach Drägers angäbe giebt es im lateinischen 3814 ab- 
stracte substantiva, wovon 2889 nur im singular, 925 auch im 
plural vorkommen. Er scheidet : a) vorclassische zeit bis Te- 
rentius incl. (mit 58 Wörtern); — b) klassische prosa, d. h. Ci- 
cero, der auctor ad Herennium, Cäsar, Varro und Sallust (mit 
383 Wörtern) ; — c) klassische dichter, nachklassische prosai- 
ker incl. Livius und nachklassische dichter (mit 484 Wörtern). 
In jeder dieser abtheilungen sind die Wörter in alphabetischer 
Ordnung verzeichnet, jedoch ohne jede genauere angäbe der 
f'undorte, während man doch in einer historischen syntax 
gerade eine solche angäbe hätte erwarten müssen, da durch die- 
selbe gleichsam die geschichte eiues jeden Wortes gegeben wird. 
Aber das schlimmste ist, dass Dräger die rechnung ohne den 
wirth gemacht hat. Es fehlen bei ihm viele Wörter aus den 
drei classen gänzlich, viele hat er unter nr. b gebracht, die un- 
ter nr. a gehören. Nach einer flüchtigen Zählung könnte ich 
gegen vierhundert fehlende pluralia abstracta nachweisen. 



Nr. 7. 184. Lateinische grammatik. 323 

Aus mangel an räum werde ich nur die aus der vorklassischen 
zeit, welche Dräger übergangen hat, vollständig aufführen und 
dann für die klassische und nachklassische nur die aus einem 
und dem andern buchstaben beibringen , damit der leser sich 
überzeuge , dass meine oben ausgesprochene meinung über die 
entstehung der angaben Drägers gegründet sei. 

a) Es fehlen aus vorklassischer zeit gänzlich: amoenitates, 
argumenta, argutiae, ariolationes, artes, auxilia, benefacta, beneficia, 
blanditiae, clades, cognationes, compressiones, colloquia, consilia, con,' 
tumeliae, corruptelae, cupidines, cupiditates, curae, damna, deleni- 
menta, deliramenta, deliciae, deportationes (Cato RR. 144, 3), de- 
sertitudlnes, doli, dolores, edictiones, exempla, exitia, facinora, fa- 
ctiones, furta, Mstoriae, ictus, illecebrae, incommoditates, iniuriae, in- 
satietates, itiones, iura, iura iuranda (Poet. vet. be : Fest. p. 133, 
29 M.), iurgia, lamentae, malefacta, malitiae, morsiunculae, pericula, 
perlecebrae, potationes, querimoniae, rictus, risiones (rissiones), rumo- 
res, scelera, Servitutes (Plaut. Pers. 418 R stabulum servitutium, 
wo aber die besten handschriften servitriciurn haben), subigitatio- 
nes, sumsiones (Cato RR. 145, 2), unctiones, victus, vitia, vota. 

b) Es gehören in die vorklassische zeit, sind aber von 
Dräger für die klassische oder nachklassische zeit aufgeführt : 
aegritudines (Plaut. Stich. 526 , wo freilich Spengel im Philolo- 
gus 28, 370 f. omni me . . . aegritudine lesen will), blandimenta, 
captiones } conditiones, consuetudines , discordiae, famae, ßagitia, flc 
tus, fortunae, gaudia, gratiae, inimicitiae, laetitiae, laudes, liquores, 
luctus, noxiae, operae, ordines (Plaut. Amphitr. 224) , sollicitudi- 
nes, sonitus (Plaut. Menaechm. 866, wo freilich Ritschi appareat 
liest; auch Cic. ad Att. 1, 14, 4, bei Dräger falsch unter nr. 
c, nachklassisch) , Status, studio, sumptus, suspiciones, tempestates, 
vadimonia , virtutes, vitae, voluptates : die belege aus Plautus und 
Terenz findet man im index zu den ausgaben in usum Delphini 
Paris. 1679 und 1675, aus fragmenten der alten tragiker und 
komiker in den indices zu den ausgaben von Ribbeck und Vah- 
len, aus dem Cato im index zur ausgäbe von H. Jordan. 

c) Es fehlen aus der klassischen zeit oder sind falsch 
aus der nachklassischen angeführt: adiumenta, admirationes 
admissurae (Varr. RR. 2, 4, 8), admixtiones , adoptiones , (Cic. 
Tusc. 1, 14, 31 ed. Sorof., Tertull. adv. nat. 2,1: an bei- 
den stellen mit Variante adoptationes) , aegrotationes , aemulationes 

21* 



324 184. Lateinische grammatik. Nr. 7. 

ambulationes , analogiae, angores , animadversiones , appellationea, 
arbitria , ardores , argumentationes , artificia , attributiones , aucu- 
pia } auguria, auspicia , calores, calumniae, cantus, celeritates, col- 
ligationes (Cic. Tim. 7, 21. Vitr. 10, 1, 2), commendationes, 
commotiones, commutationes, conatus, concitationes, confessiones, con- 
sitiones, contemplationes , contrectationes (Cic. Rep. 4, 4, §.4), con- 
troversiae } conubia, curationes, culpae, debilitates, defectiones, defen- 
siones, demonstrationes, detrimenta, devotiones, differentiae (Cic. Top. 
7, 31), dimicationes , dimissiones, dinumerationes (Cic. Rep. 3, 2, 
3) , disceptationes , discidia , discrimina , disputationes , divinationes, 
documenta, ductus aquarum (Cic. Off. 2, 4, 14) u. s.w., es fehlen 
noch über hundert Wörter. 

d) Es fehlen aus der nachklassischen zeit: abactus, abitus, 
abiectiones (Augustin. Serm. 302, nr. 3 = erniedrigungen, de- 
müthigungen) , ablaqueationes, absentiae, absolutiones , accensiones, 
accentus, acceptiones, accubitationes, accubitiones, decubitus , aeeibatio- 
nes (Cyprian. ep. 45, 2), acores, adaerationes, adhortamina (Apul. 
Flor. no. 18), adimpletiones, adinventiones, aditiones (iCt ), adiudi- 
cationes (ICt.) adiutoria, adorationes, adustiones, adversationes (Sen. 
de ira 1, 4, 3 ed. Haase), aequalitates, aequüates, aeternitates, qfflic- 
tiones, affricationes, agitationes, algores, allenimenta, alligationes, al- 
loquia, alucinationes, amictus, amplificationes Quintil. I. Or. 10, 1, 
49), annotationes, antecessus, antepassiones, aniiquitates, anxietates (Cy- 
prian. de bono patient. 12), apparationes , appetentiae, apportatio- 
nes (Vitruv. 2, 9, 16), appositiones epularum (Vulg. Eccl. 30, 8), 
arcaturae (Cassiod. Var. 3, 52), arcuationes (Frontin. aqu. II, §. 
121), ariditates, arrogation.es, articulationes (Fulgent. Contin. Virg. 
p. 154 ed. Muncker.), arurae, aspiramina , aspirationes (Lactant. 
2, 14, 10), assaturae, assequelae, assessiones, assumptiones (Lactant. 
2, 5, 31. Vulg. Thren. 2, 14), assumptus, astruetiones, augmenta, 
augmina, auraturae, auscidtatus (Fulgent. Contin. Virg. p. 142), 
aversiones, aviditates, avocamenta u. s. w. , noch über zweihun- 
dert Wörter: (die fehlenden belege zu nr. c und d stehen in 
den lexicis won Gesuer, Forcellini [besonders in der neuen aus- 
gäbe von De-Vit|, Freund, Klotz, Georges, in Nizolii lexicon 
Cic. ed. Facciolati , im Manuale latinitatis fontium iur. civil. 
Kom. ed. Dirksen., in den indices zu den ausgaben in usum 
Delphini des Tacitus und Apulejus, in Bibliorum vulg. ed. Con- 



Nr. 7. 184. Lateinische grammatik. 325 

cordantiae, beste ausgäbe Venet. 1768, und in Neue's Formen- 
lehre der lat. spräche. Bd. 1, p. 434 ff. 

Die angaben Drägers sind übrigens nicht einmal nach den 
neuesten texten rectificirt, welche überhaupt in Drägers biblio- 
thek nicht stark vertreten zu sein scheinen ; so citirt Dräger den 
Tertullianus nach der Seitenzahl der ausgäbe von Eigaltius, den 
Apulejus noch nach der von Elmenhorst. Aber auch bei Solin steht 
c. 23 extr. (ed. Mommsen) nicht mehr adauctus, sondern ad auctus 
(als zwei Wörter) , infelicitates ist bei Apul. de dogm. Plat. 2, 
10 zweifelhaft (sicher steht das wort Firmic. Math. 3 , 7. no. 
9), pestilentiae ist bei Gell. NA. 1, 2, 4 zweifelhaft, puncturae ist 
zweifelhaft, da Cels. 8, 10. no. 7 ed. Daremberg. (p. 351, 22), 
wie auch schon in früheren ausgaben, punitiones steht (das ci- 
tat Cels. 10, 9 bei Klotz-Hudemann ist falsch), suspiritus steht 
nicht mehr bei Apul. Met. 8, 13; Hildebrand und Eyssenhardt 
lesen spiritus; endlich steht violentiae nicht mehr TJlp. Dig. 1, 
18, 6 in. ; Beck und Mommsen lesen et violentia factas. 

Auch sonstige fehler, falsche citate, auslassungen und dgl. 
finden sich mehrfach im buche. So muss es p. 2, §. 2 heissen 
Cic. de Div. 2, 8, 20 (st. bl. 8, 20), p. 8, §. 6 Terent. Andr. 
5, 3, 20 (st. 30). P. 17, no. 4 hält der verf. Cic. de Sen. 
21, 78 (bei Dräger bl. 78, während er sonst nur nach buch 
und capitel citirt) tantae scientiae für nominat. pluralis (s. aber 
Nauck und andre z. st.). P. 22, §. 11, A wird directior aus Quadrig. 
ap. Gell. NA. 9, 1, 2 angeführt; aber das wort gehört dort dem 
Gellius selbst. P. 24. I, 1 lies separatius Cic. de Inv. 2, 51, 156 
(st. 2, 5. 1). P. 27, 1 war nicht blos der Superlativ von scelerate, 
sondern auch der von seleratus (s. Klotz's Handwörterbuch) an- 
zuführen. P. 28, §. 12 a. e. fehlt Superlativ von exornatus bei 
Cornif. ad Her. 4, 47, 60 (den comparativ bringt Dräger p. 29 
A a. e. aus Anthol.Lat. 1, p. 692, vs. 25 Burm.). Ebendas. durfte 
egregius nicht aus Lucr. 4, 469 angeführt werden, da Lach- 
mann und Bernays 4, 465 (467) dort aegrius lesen. Ebendas. 
muss es heissen expolitior (st. impolitior) Catull. 39, 20 und Co- 
lum. 2, 20, 6 {impolitior steht Veget. Mil. 2, 4 extr.) P. 30 
Seneca der ältere hat auch candidissimus (Suas. 6, §. 22, p. 35, 
27 ed. Burs.), exactissimus (Contr. 2, 12, 8 ed. Burs.). P. 31 
fehlt aus Plinius der comparativ von niger (HN. 37, §. 95). P. 
32 fehlt aus Plin. Ep. 8, 23, 5 der Superlativ von exactus. P. 41 



326 185. Rhetorik. Nr. 7. 

unten haben Hertz und Weissenborn Liv. 5 , 33, 1 die lesart 
8i quidquam humanorum certi est beibehalten-, die lesart scheint 
ihnen also nicht so unerhört vorgekommen zu sein, wie Drä- 
ger. P. 110 ist für vix et aegerrime die belegstelle Apul. Met. 
1, 14 extr. P. 129, no. 2 wird Quint. Declam. 556(ü) statt 
287 citirt. P. 130 ist excretus bei Virg. Georg. 3, 398 von 
excerno abzuleiten (s. Wagner z. st.). Doch der zugemessene 
räum ist schon überschritten ; ich ersuche schliesslich noch Drä- 
ger, wenn er Wörter als in den lexicis fehlend angeben will, 
doch zuvor mein Handwörterbuch einzusehen ; er wird das be- 
treffende wort (z. b. p. 42 in concavum und p. 134 potento) in 
der regel in demselben finden. Aus demselben handwörterbuche 
können Dräger und Heraus die in ihren ausgaben des Tacitus 
über das vorkommen eines wortes oder einer construction jre- 
machten angaben oft berichtigen , wie bereits prof. J. Ott in 
Eottweil in der Zeitschrift für österr. gymnasialw. 1871, p. 152 
nachgewiesen hat. 

K. E. Georges. 

185. Gustav Dzialas, Rhetorum antiquorum de figuris 
doctrina. Paris prior. (Prgr.). 4. Breslau. 1869. 27 s. 

Der verf. behandelt im anschluss an R. Volkmann's Her- 
magoras die lehre der alten von den figuren im allgemeinen 
und sodann die von den einzelnen figurae verborum, indem er 
die erörterung der figurae sententiarum , der grammatischen figu- 
ren und der tropen auf eine andre gelegenheit verspart. Die 
darstellung ist genau und sorgfältig mit wörtlicher auführung 
der in betracht kommenden stellen der rhetoren. Wer indes- 
sen es unternimmt das bei Volkmann dargelegte System der 
rhetorik in einem einzelnen punkte noch weiter auszuführen, 
müsste sich eigentlich, um mehr wirklich neues zu liefern, be- 
streben das System nicht als etwas abgeschlossenes , sondern in 
6einem werden darzustellen, also z. b. die lehre von den figuren 
bis auf ihre anfange bei Gorgias und Isokrates zurückzuverfol- 
gen und weiterhin ihren allmählich erfolgenden ausbau zu zeich- 
nen. Dies ist von seiten des vf s. nicht geschehen ; man ver- 
misst überhaupt eine genauere berücksichtigung der nicht bei 
Walz enthaltenen griechischen rhetoren, wie des Dionysios von 
Halikarnass, dessen Schriften wenn nicht viel und namentlich 



Nr. 7. 186. Homeros. 327 

nichts zusammenhängendes , so doch immer hie und da einiges 
auch für diesen gegenständ bieten. 

186. Fedde über Wortzusammensetzung im Homer. 8. 
Breslau. Elisabetbgymnasium, programm von ostern 1871. 

Im ersten capitel spricht Fedde im allgemeinen seine an- 
sieht aus über ableitung, abwandlung und Zusammen- 
setzung. Der letzte ausdruck bezeichnet nach seiner ansieht 
nicht das, was dem einen der drei bildungsprocesse der sprä- 
che, welchem dieser name beigelegt wird, besonders eigen- 
thümlich ist, sondern das ihnen allen gemeinsame. Die ablei- 
tungssuffixe dienen dazu, um die ungeforrnten wurzeln zu 
selbständigen Wörtern zu formen und die allgemeinheit der wur- 
zelvorstellungen zu individualisiren und begrifflich zu gestalten. 
Die flexion send unge n werden verwendet, um die gramma- 
tischen Wechselbeziehungen, in welche die Wörter im zusammen- 
hange des satzes zu einander treten, namentlich die congruenz 
und dependenz, auszudrücken. Die composition dagegen 
ist eine Verbindung von stoffwurzeln , also von Wörtern, welche 
sich in der spräche noch einer lautlichen und begrifflichen Selb- 
ständigkeit erfreuen. 

Im zweiten capitel wird die Verbindung von Wörtern in 
der reihenfolge behandelt , dass von der losesten bis zur feste- 
sten vorgeschritten wird, lediglich mit rücksicht auf den epi- 
schen dialekt der griechischen spräche. Diese stufen benennt der 
Verfasser: 1) Verbindung der Wörter in construktion; 
2) zusammens ehr eibung; 3) zusammenrückung; 4] z u- 
s amm enf ügung ; 5) eigentliche Zusammensetzung. 
Stufe 1 — 4 werden im programm besprochen. 

Nr. 1 wird mit wenigen Worten abgethan und hätte recht 
gut völlig wegbleiben können, da diese ganz lose und lockere 
Verbindung eben deshalb gar nicht composition genannt zu wer- 
den verdient. 

Zu nr. 2 ist zu bemerken, dass die annähme graphischer com- 
posita überhaupt eine sehr gewagte sache ist. Fedde selbst sagt 
darüber: da die accentzeichen erst von den alexandrinischen ge- 
lehrten gesetzt wurden und die graphische trennung der Wör- 
ter noch später eingeführt wurde, so haben selbst die besten 
Überlieferungen in orthographischer hinsieht nur wenig werth, 



328 186. Homeros. Nr. 7. 

namentlich bei Homer. Also bleibt die entscheidung dem sub- 
jectiven ermessen der neueren forscher überlassen. Graphische 
composita sieht der Verfasser in: aQtji xTa^svog, ßagv oteräymr, 
dal' HTapevog, öuxqv ^e'coj', iv xvipsfog, iv vaiEracov, iv i/ai6(*i- 
vog, evqv xqeCwv, evqv qs(üv , X.ÜQ11 xofiocüvreg, ndXtp nXayy&sig, 
näXiv oQfiEvog, näai (xiXovaa. Ich bin der ansieht, dass alle 
diese Verbindungen in einem worte zu schreiben seien. Jeden- 
falls aber ist kein unterschied zu machen zwischen iiv.mog und 
et? vaio/xsvog, da in beiden fällen das zweite wort eine verbal- 
form ist; gerade so gut wie man behaupten kann, dass das ad- 
jeetivum verbale aus dem bereiche des verbi, dessen weseu doch 
immer in zeitlichen hergängen begründet ist, herausgetreten sei, 
ebenso kann man letzteres für häufig vorkommende partieipia 
statuiren. — Eine ähnliche zusammenschreibung existirt nach 
Fedde's ansieht in den adverbien, welche durch zusammenrücken 
von präpositionen mit casusformen entstanden sind; und zwar 
ist ihm dies ganz sicher für: holz* avrrjariv , vnsg (xoqov, ■nar' 
axQrj&ei', im ds^ia, vnsg (aoqcc, x«z' iväna; hinsichtlich der an- 
dern auf p. 11 aufgezählten adverbia hält er es für wahr- 
scheinlich. 

3) Zusammenrückung. Das wesen derselben besteht nach 
Fedde darin , dass zwei selbständige Wörter zu einer toneinheit 
verschmolzen werden, ohne im übrigen eine andere formation 
anzunehmen, eine andere auch nur innigere logische einigung 
einzugehen , als in der parathesis. Daher zeigt sich die kraft 
der Verknüpfung bei den primitiven verbis compositis nur darin, 
das präposition und verbalform unter einen hauptton gestellt 
werden; eine wesentliche modificirung des verba'begriffs durch 
die hinzutretende präposition tritt nicht ein, ein neuer gesammt- 
begriff wird nicht geschaffen. Nächst diesen sieht Fedde zu- 
sammenrückungen in den adverbien, welche aus präpositionen 
und casusformen entstanden sind, wie ur-dtyn u. s. w. Ferner 
sind dieselben zu sehen in einer anzahl von zusammengesetz- 
ten nominibus, welche in ihrem ersten theile adverbiell gebrauchte 
präpositionen enthalten: ducpt-daavg, noXvduidaXog u.s.w. Daran 
schliessen sich die zusammengesetzten Zahlwörter und haupt- 
wörter, wie TQiq-yiXioi, im-ßovxoXog. Endlich gehören dahin 
viele nomina , in deren ersten gliedern casusformen erkannt 
werden. Zunächst werden alle hierher gehörigen Wörter in al- 



Nr. 7. 187, Alkman. 329 

phabetischer reihenfolge aufgezählt, doch lässt Fedde blos fol- 
gende als uneigentlich zusammengesetzte Wörter gelten: 'EM.qg- 
noviog , SovQi-ulsizog, öovQi-xlvrög, dovQi-xzi]T6g, xtjQeaai-cpoQi]' 
tog, Navat-ß-aog, vavai-xlettog, vavGi-nkvxög. Die übrigen p. 25. 
26 aufgezählten zusammenrückungen verweist derselbe Verfasser 
p. 27 ins gebiet der zusammenfügungen (dixag-noX-og, iix-nvQi-ßtj- 
Ttjg, Nawji-xa-a, öSot-noQ-og, odoi-noQ-iov, ov8evog-03QO-g, ITaai- 
&s'-7], nvXoi-yer-ijg , ][afxai-evt>7j-g, lOQOi-ivn-iat^ vielleicht auch 
l&ai-)'£t>-?jg, 'l&ai-fih'tjg, K'kvTai-firrj-cs-TQt], ölooi-7QO^-og, IlvXai- 
fih-rjg) und zeigt eben durch dieses schwanken und durch das 
geständnis, die grenze zwischen beiden gebieten lasse sich nicht 
immer scharf ziehen, — dass die ganze eintheilung auf etwas un- 
sicheren füssen stehe. Ferner ist zu tadeln, was Fedde p. 24 
über a.Q?i-i-cpu7og und ägy-t-cpilog sagt: ,,weil die zwei anderen 
composita ägti-i'-ftoog und 'ÄQtj-i-lvxog die annähme eines da- 
tivs nicht zuliessen, so sei auch für die zwei ersten Verbindun- 
gen i als hülfsvokal aufzufassen". In den zwei ersten Wörtern 
ist mir der dativ unzweifelbar und jede andere erklärung eine 
gesuchte; wenn auch in den zwei anderen Verbindungen das 
i sich nicht auf dieselbe weise erklären lässt, so ist darum noch 
nicht alles über einen kämm zu scheeren. 

4) Zusammenfügungen. Während die äusseren kennzeichen 
der zusammenrückung die gemeinsamkeit des tones und die fle- 
xionsendnng des ersten gliedes waren, tritt hierbei noch hinzu, 
dass das zweite glied träger einer dem compositum gemeinsamen 
endung ist, vgl. 'E/X>']g-7Tovtog und Fft-TzvQi-ßq-TrjQ. Zunächst wer- 
den zusammenfügungen aufgezählt, welche in ihrem ersten gliede 
ein adverbium , im zweiten ein verbales nomen enthalten, z. b. 
$£-ojj-o-ff, i*-on-tj , noo-[xa%-i-£-co , ifji-ßtt-ddv. Dann folgen sol- 
che, deren zweite glieder in isoiirtem gebrauche schon vorkom- 
mende nomina sind: vxpi-avlo-g, afityi-eiX-o-g, ä/.tq-rjx^g. Zu- 
letzt reihen sich an präpositionale zusammenfügungen: &■/$• 
&eo-g , iv-ala-i/AO-g, ini-yovv-i-g u. a. 

C. Härtung. 

187. Gustav Benseier, Quaestionum Alcmanicarum pars 
I. — 4. Progr. Eisenach. 1872. — 11 s. 

In dem ersten abschnitte dieser abhandlung, überschrieben 
de Alcmanis vita, indole, carminibus, werden mit anerkennenswer- 



330 188. Griechische tragoedie. Nr. 7. 

ther Sorgfalt die fragen nach Alkman's herkunft und lebenszeit 
nochmals erörtert. Der vf. spricht sich gegen Welcker's an- 
nähme dahin aus, dass Alkman nicht etwa der in Sparta geborene 
söhn eines Lyders, sondern selbst in Sardes geboren und als knabe 
nach Sparta gekommen sei: was er aus dem epigramm des 
Alexander Aetolus und aus Alkman's eignen versen (fr. 25) zu 
beweisen sucht. Allerdings sind diese beweisquellen kaum für 
die feststellung der lydischen abkunft überhaupt , viel weniger 
für solche genaueren bestimmungen zureichend. Ueber indoles 
und earmina wird kaum etwas beigebracht ; in einem 2. abschnitt 
handelt sodann der vf. de digammate et aeolismis apud Alcma- 
nem occurrentibus, in einem 3. de vocalium ei diphthongorum mu- 
tationibus in carminibus Alcmanis exMbitis. Man hätte mehr ge- 
wünscht die frage nach gebrauch oder Vermeidung speziell la- 
konischer formen mit zuhülfenahme der inschriften erörtert zu 
sehen , z. b. ob Alkman selbst a für & geschrieben , oder ob 
solche formen, die den altlakonischen inschriften fremd, erst 
durch spätere redaktion in seinen text hineingebracht seien. 
Für das von ihm behandelte hat der verf. um so weniger 
wesentlich neues beibringen können , als er die wichtigste 
quelle, das ägyptische fragment, lediglich aus Bergk's Veröffent- 
lichungen (im Philologus und in den Lyrici Graeci) kennt, wäh- 
rend doch die späteren arbeiten von Ahrens, Blass, Canini und 
andern (s. Phil. Anz. II, n. 10, p. 506) die herstellung weit 
darüber hinaus gefördert haben. 

188. E. Krause de attractionis usu in infinitivo tragi- 
corum locis collatis. 4. Breslau, programm des Friedrichsgym- 
nasiums. 1871. 

Krause liefert als nachtrag zu seiner früher erschienenen 
dissertation ,,über den gebrauch der attraction" den dritten 
theil über die anwendung derselben beim infinitiv. — Zunächst 
bespricht er die erscheinung, dass überall, wo die intinitive das- 
selbe subject haben wie das verbum finitum, die Griechen das 
Subjekt des infinitivs weglassen und die sogenannte attraction 
der prädikate anwenden, z. b. Aesch. Agam. 1613 (ich citire 
nach Dindorf): 

ah 5' üt'ÖQa tavös gifig ixen* yarayrafBiv^ 
fiövog d'' eaowjov t6v8e (iovlevaat yövov. 



Nr. 7. 188. Griechische tragoedie. 331 

Darauf werden die stellen aufgezählt, an denen diese regel nicht 
beachtet wird. Sodann wird das subjekt beim infinitiv wegge- 
lasssen , wenn es dasselbe ist wie das objekt des verbi finiti 
und das prädikat oder das zu jenem subject gehörige beiwort 
richtet sich nach eben diesem objekt, z. b. Soph. Trach. (ed. 
Dind.) 453; 

mg slsv&EQCp 

\psvSsi xalelG&ai y.ijQ fiQvgeoTiP ov xaXtj. 
Eine ausnähme hiervon bilden Soph. Phil. 348. Aesch. Sept. 
785. Eum. 34. Nun folgen die ansichten neuerer grammatiker: 
während Buttmann und Bernhardy eine berichtigung erhalten, 
wird Krügers m einung verworfen. 

Wichtiger als das erste capitel , welches nichts neues und 
wesentliches bietet, ist cap. II, in welchem diejenigen stellen 
aufgezählt werden, an denen die genitivische und dativische 
attraktion nicht beachtet ist. Im gegensatz zu Buttmann, Rost 
u. a. welche behaupten, die attraktion werde beliebig bald 
gebraucht , bald nicht , statuirt Krause , die attraktion werde 
oft deshalb vernachlässigt, weil die Griechen dieselbe für lä- 
stig befunden hätten, z. b. Soph. Trach. 468: 

aol ö' iym (jP(j«£co 
xaxov ngng aXXop slvai. 
Aehnliche stellen, in denen das prädikat im accusativ statt im 
dativ steht, sind: Aesch. Choeph. 140. Soph. Ai. 116. Phil. 
1470. Eurip. Heracl. (ed. Nauck) 477. Die beiwörter , meist 
participia, bleiben im accusativ, um das verbum finitum und 
den infinitiv zu unterscheiden : Aesch. Agam. 27. 341. 923. 
1199. 1610. Choeph. 704. 1029. Eum. 622. 804. 867. Prom. 
216.— Soph. Oed. Col. 92. El. 962. Ai. 1007. Phil. 669.— 
Eurip. Ale. 357. Iph. Taur. 907. El. 1250. Med. 290. 659. 743. 
814. 886. 1236. In allen diesen stellen, zwei ausgenommen, 
hat das verbum finitum den dativ bei sich , der genetiv steht 
nur Agam. 1199. Eurip. Iph. Taur. 907. Meiner meinung 
nach fällt die erste stelle durch die einzig berechtigte lesart 
Dindorfs: &av(id^m de as 

tiüvtov negetv TQacpsiaav xtX. 
und verliert ihre beweiskraft; an der zweiten stelle: 

oocfcav yug up8qcÖp tavTa, f<i l *xßävzai; iv%t]g, 

naigov kaßovraii, rjdopag aXXag Xaßstv, 



332 189. Euripides, Nr. 7. 

steht aocpöov avÖQüiv ian = sapientis est in einem so bestimmt 
ausgeprägten sinne, dass sie ebenfalls nicht in betracht kömmt. 

C. Härtung. 

189. Euripides Kyklops im versmasse des originales über- 
tragen, mit einer einleitung über das satyrdrama und kurzen 
erläuternden bemerkungen von Val. Hintner. 8. Progr. des 
gymnasiums zu Czernowitz. 1871. 

Die einleitung bietet nichts neues und giebt zum theile 
nur das wieder , was in der einleitung Kock's zu lesen ist. 
Die Übersetzung ist nicht ohne werth; sie schliesst sich zwar 
ziemlich an die Übertragung Kock's an, ist aber im einzelnen 
treuer und gibt manche stelle recht glücklich wieder. Einiges 
ist entschieden verfehlt, z. b. „69 Jakchos, Jakchos sing ich, 
104 schlauen schreihals, 152 heraus damit, 235 und durch dein 
äuge dann zu ziehn die eingeweid' f , u. dgl. Auch leidet die 
Übersetzung sehr an unangenehmen härten, z. b. 231 „sie wussten 
nicht, dass ich ein gott von göttern stamm" ? Endlich ist noch 
zu tadeln, dass der Verfasser, freilich nach dem vorgange Kock's, 
die derben stellen in seiner Übersetzung verkleidet hat, z. b. 
169 f. „der wein ja ist's, der alle lebensgeister weckt, der uns 
das kosen lehret, liebeslust entfacht", 180 „habt ihr nicht alle, 
mann für mann, es (das frauchen) durchgeküsst" u. dgl., wodurch 
die Sprache des satyrdrama nothwendig ihre eigenthümliche fär- 
bung verliert. Die beigegebenen anmerkungen zeigen, dass der 
Verfasser mit der euripideischen literatur ausreichend bekannt 
ist, was man gewiss anerkennen muss, wenn man bedenkt, wo 
dieses programm verfasst wurde. Unter den kritischen bemer- 
kungen verdient die zu v. 551 beachtung, welchen vers der 
verf. mit den handschriften dem Odysseus gibt, während man 
ihn jetzt allgemein nach dem vorgange Lentings dem Seilenos 
zuweist. Sonst aber sind die vorschlage des vf. verfehlt, z. b. 136 
alyag für J/o<,'(!), 566 Xnßoöv w $«V olri? olvo%6oe fi f*ot ys- 
vov. Bei dieser gelegenheit geben wir noch ein paar kleinig- 
keiten zur kritik und erklärung des Kyklops. Vs. 153 ist viel- 
leicht oapqv eine glosse zu dem ursprünglichen ar&ijv, durch 
welches alle Schwierigkeiten der stelle behoben wären. Die 
verse 480—482 erregen durch die breite des ausdrucks und 
das aus v. 478 wiederholte (pllov^ den verdacht der unechtheit. 



Nr. 7. 190. Plutarchos. 333 

Vs. 502 versteht man unter Ovgav die thüre der geliebten, es 
muss aber, wie schon Hermann erkannt hat, hier offenbar eine 
zote vorliegen. Bedenkt man, dass der chor von einem zecher 
spricht, der links seinen liebling, rechts eine üppige dirne neben 
sich hat und nun übermüthig ausruft: wer öffnet mir die thüre?, 
so kann man über den sinn von Qdqöl nicht im zweifei sein. 
Zum Überflüsse möge noch auf den gebrauch von elviivou [slae'k- 
Oeiv) verwiesen werden, der sich in Aesop. fab. 148 Halm, findet. 

190. G. Treu, de codicibus nounullis Parisinis Plutarchi 
Moralium narratio. — Progr. des gymnasium zu Jauer. 1871. 
Der Verfasser, Oberlehrer Treu, zählt zu anfang alle hand- 
schriften der pariser bibliothek auf, in welchen eine oder die 
andere der moralischen Schriften Plutarchs enthalten ist. Dann 
bespricht er die beschafienheit der handschriften, die zu der Schrift 
de profectibus in virtute enthalten sind, und theilt dieselben (no. 
1211. 1671. 1672. 1955. 1957. 2076) in zwei klassen. Von 
den fünf übrigen ist zu trennen cod. 1211 aus dem vierzehn- 
ten Jahrhundert. Derselbe enthält viele glossen und scholien 
am rand und zwischen den zeilen, deren ein grosser theil an- 
geführt wird; sie reichen bis X, 81, d. Die scholien taugen 
zwar nichts, desto mehr aber der codex; er stammt mit dem 
Tischendorfer VH in Leipzig aus einer quelle; denn beide 
stimmen ganz überein bis auf wenige fehler des abschreibers. 
Sodann werden die richtigen lesarten, welche beide allein bie- 
ten, aufgezählt. Die übrigen fünf handschriften haben nur we- 
nige ihnen eigenthümliche Varianten, die der erste Schreiber 
gegeben hat; auch sie werden namhaft gemacht. Unter ih- 
nen ist wieder eine engere Scheidung zu treffen, insofern 1671. 
1672 auf der einen seite und auf der anderen 1955. 1957. 
2076 unter einander näher verwandt sind. Nachdem darauf 
die einzelnen handschriften in betreff ihrer individualität bespro- 
chen sind, gelangt Treu zu folgendem resultat: 1211 und 
Tischendorf. Vn sind durchweg der textgestaltung zu gründe 
zu legen; die übrigen haben nur manchmal werth, um die feh- 
ler jener beiden zu beseitigen oder ihre lücken auszufüllen. Da- 
her hat Dübner unrecht, wenn er 1672 und 1671 für die besten 
handschriften erklärt; er übersieht, was Volkmann Plutarchs le- 
ben und schritten I, 101 u. s. w. schreibt, dass das corpus mo- 



334 191. Plutarchos. Nr. 7. 

ralium nicht vor dem zehnten Jahrhundert zusammengestellt 
sein könne; dass der Sammler handschriften von sehr verschie- 
denem werthe benutzt habe; dass diejenigen handschriften, wel- 
che einzelne Schriften Plutarchs enthalten, einer älteren und 
besseren recension entnommen sind. 

Ueber den apparat des Coutus, der in der pariser biblio- 
thek vorhanden ist , fällt Treu nach aufzählung der demselben 
anhaftenden fehler das urtheil, derselbe tauge nichts, weil er 
den Vorschriften der heutigen kritik sehr schlecht entspreche ; denn 
nicht über die gute einer jeden handschrift werde in demselben 
gehandelt und nicht über die Verwandtschaft der einzelnen werde 
geurtheilt, sondern Contus habe sich begnügt, möglichst viele 
Varianten zu sammeln 5 er befolge nicht einmal die gruudsätze, 
welche er selbst zu anfang seines werkes aufgestellt habe, son- 
dern biete bald die erste lesart und die correctur, bald blos die 
correctur, er unterscheide nie die handschriften und bringe man- 
ches falsche aus versehen. Nach dieser auseinandersetzung 
wird allerdings wohl kein neuer herausgeber Plutarchs auf die- 
sen apparatus zurückgreifen. C. Härtung. 

191. De Plutarchi libro, qui inscribitur „de communibus 
notitiis" commentatio. Scrips. Ed. Rasmus. (Programm des 
Friedrichs -gymnas. zu Frankfurt a/O. 1872). 

Der Verfasser dieser abhandlung als kenner des Plutarch 
schon durch frühere arbeiten bekannt {Emendationes in Plutarchi 
libro qui inscr. non posse suaviter v. s. Ep, und advers. Colot. Frank- 
fürt a/O. 1863 ; beide programme sind bei S. Calvary erschie- 
nen — ) bat eine aufgäbe übernommen und gelöst, die Volk- 
mann auf sich zu nehmen nicht den muth gehabt hat. — Seine 
abhandlung zerfällt in zwei theile; der erste beschäftigt sich 
mit dem autor der schritt de comm. notitiis (p. 1 — 12). Nach- 
dem Rasmus zunächst die titel der Schriften aufgezählt hat, 
welche Plutarch nach angäbe des cod. Florentinus (des sogenann- 
ten catalog des Lamprias) gegen die philosophie der stoiker 
geschrieben haben soll, bemerkt er, dass das buch tifqI owt]- 
&eCag ngog toiv 2itai)tov$ und neo) (xoDUf) ivvoiäv nyag toog 
JSimixove ein und dasselbe sein müssen, indem er das argument, 
mit welchem A. Schaefer bewies , dass der sogenannte catalog 
des Lamprias nicht von einem söhne des Plutarch herrühre, mit 



Nr. 7. 191. Plutarchos. 335 

recht auf diese titel anwendet. Hinsichtlich der anderen titel 
der gegen die stoa gerichteten Schriften ist alles schwankend 
und mehr als zweifelhaft, mit ausnähme der drei noch erhalte- 
nen Schriften. Von diesen sind de Stoicorum repugnantiis und 
Stoicos absurdiora quam poetas dicere als plutarchisch unbezwei- 
felt, gegen die echtheit von de comm. notitiis sind aber mehrfach 
und auch gerade von bedeutenden autoritäten zweifei erhoben 
worden, wenn es auch dabei nicht zu einer sachgemässen begrün- 
dung, sondern nur zu einem subjectiven raisonnement gekom- 
men ist. Auch Rasmus beginnt, wie alle neuern Untersuchungen 
über echtheit und unechtheit einer plutarchischen schrift mit einer 
Untersuchung des hiat. Auf grund des zu häufigen Vorkom- 
mens von hiaten hatte Benseier und ihm folgend Volkmann 
diese schrift dem Plutarch abgesprochen (bei Volkmann treten 
allerdings noch einige andere gründe hinzu). — Inzwischen sind 
mehrere neuere forschungen nicht mehr auf dem boden stehen 
geblieben, auf welchem Benseier basirte. Das urtheil über das 
wesen des hiats ist jetzt ein anderes, als früher; man nennt 
nicht mehr hiat den zusammenstoss zweier vocale am anfang 
und ende eines wortes schlechthin, sondern beschrankt ihn auf 
die fälle , wo ein langer vocal mit einem kurzen oder 
ebenfalls langen zusammentrifft. Auch ist die zahl der ausnah- 
men, in denen sich Plutarch den hiat gestattete, vermehrt und 
erweitert ; Rasmus hat das verdienst den bekannten sechs aus- 
nahmen noch eine siebente hinzugefügt zu haben : vor den for- 
men des verbi e?v«i. Und diesen fall der hiatzulässigkeit hat 
Rasmus mit einer hinreichenden anzahl von beweissteilen aus 
den Moralia gestützt; ob aber derselbe auch auf die Vitae 
ausgedehnt werden darf, ist nicht ersichtbar; mir wenigstens ist 
kein fall bekannt mit ausnähme des hiats nach [* rj , der schon 
an sich erlaubt ist. 

Dann giebt Rasmus das urtheil Benselers über die beiden 
Schriften und bespricht die hiatstellen in de notitiis. Benseier 
hatte 29 gröbere hiate in dieser schrift entdeckt; darum glaubte 
er, ein nachahmer des Plutarch habe diese schrift geschrieben; 
auf dieses urtheil stützte später Volkmann seine ansieht. Ras- 
mus untersucht nun diese hiate genau und beseitigt sie theils 
auf grund seiner neuen ausnähme telvat) theils durch Umstellung, 
theils dadurch, dass er zeigt, wie mehrere vom hiat inficirte 



336 191. Plutarchos. Nr. 7. 

stellen ausspräche oder formein der stoiker sind, theils durch grö- 
ssere interpunction oder constatirung einer lücke im texte. Ganz 
anders erscheint der text der handschrift de stoic. repugnantiis, wo in 
folge der sehr häufigen anführung von aussprächen anderer die 
zahl der hiate sehr gross ist. So z. b. finden sich in den Worten 
des Chrysippos beinahe 50 gröbere hiaten ; dagegen in Plutarch's 
eigenen Worten nur sehr wenige. Ein vergleich aber beider 
Schriften ergiebt, dass die art und weise, wie in beiden Schrif- 
ten der hiat vermieden resp. zugelassen worden sei , ganz die- 
selbe ist. Somit ist denn aus dem hiat kein argument gegen 
die autorschaft des Plutarch zu gewinnen. — Im folgenden 
wendet sich Rasmus gegen Volkmann der an dem stil und in- 
halt der schrift de comm. notitiis vielerlei auszusetzen hatte (I, p. 
210). Zunächst bespricht Easmus den Vorwurf Volkmann's, 
dass Plutarch sich einer gehässigen art von polemik gegen die 
stoiker bedient habe, die er selbst in advers. Colotem diesem zum 
Vorwurf mache. Die art der Widerlegung erscheint mir nicht 
sehr glücklich; dass die menschen oft selbst das thun, was sie an 
andern tadeln ist gewiss richtig, allein aus diesem allgemeinen 
erfahrungssatze lässt sich doch die erklärung von Plutarch's ge- 
hässiger polemik nicht herleiten; Plutarch zeigt sich in sehr 
vielen Schriften als ein sehr energischer gegner der stoa , die 
er mit allen waffen bekämpft und auch oft lächerlich zu ma- 
chen sucht ; so gehässig aber , wie hier , zeigt er sich nirgends 
gegen sie, und dieser punkt bedarf noch einer erklärung, die 
ich mich vergebens bemüht habe, zu finden. Die behauptung 
Rasmus, dass Plutarch nicht immer nach einer logischen dispo- 
sition und nach genau vorher überlegten planen seine Schriften 
angelegt und geschrieben habe, ist richtig und die meisten plutar- 
chischen Schriften liefern hierfür den beweis ; so ist es auch 
hier geschehen, wenn auch Plutarch nicht so ganz ohne plan 
verfahren ist, wie Volkmann meint; (s. p. 11). Uebrigens ist die 
Zusammengehörigkeit der gedanken und der Zusammenhang der 
einzelnen abschnitte in de comm. notitiis nicht unterbrochen. In 
dem punkte aber hat sich Volkmann geirrt, dass in de comm. no- 
titiis mehr citate anderer sind, als in de Stoic. repugnantiis ; dazu 
kommt, dass der plan beider schritten wesentlich von einander ab- 
weicht; denn in letzterer bekämpfen sich die stoiker selbst, in de 
comm. notitiis wird in der form eines dialogs auseinandergesetzt, 



Nr. 7. 191. Plutarchos. 337 

wie sehr die ansiebten der stoiker im widersprach stehen mit den 
ansiebten anderer menschen; es folgt daraus, dass , während in 
de repugnantiis Chiysipp's lehre mit Chrysipp's aussprächen ge- 
schlagen wird, in de comm. notitüs dagegen den aussprächen Chry- 
sipps andere entgegengestellt weiden, die zahl der Chrysippci- 
tate in de repugnantiis doppelt so gross, als in der andern schrift 
ist. — Ferner hatte Volkmann gerügt , dass in keiner dieser 
beiden Schriften auf die andere bezug genommen worden sei. 
Easmus sucht nun zwar de rcp. XII 1 und LV mit de comm. 
not. XXV in einklang zu bringen und eine gegenseitige bezie- 
bung auf einander darin zu finden, allein diese von Rasmus 
selbst levis mentio genannte beziehung ist für mich wirklich 
nicht da. Und es bleibt dies immer noch ein bedenklicher 
punkt, wenn man bedenkt, wie Plutarch es liebt sich auf seine 
andern Schriften zu beziehen, und hier, wo stoff und zweck 
derselbe war, konnte man allerdings eine häufigere beziehung 
erwarten. Wie es nun auch geschehen sein mag, dass diese be- 
ziehungen nicht da sind und aus. welchen nicht bekannten gründen 
Plutarch eine solche vermieden hat, ein argument gegen die 
echtheit wird sich hieraus schwerlich ableiten lassen. Uebrigens 
sind in dieser schrift sehr viele lücken und es ist nicht unmög- 
lich, dass in einigen dieser lücken gerade beziebungen der einen 
schrift auf die andere sich gefunden haben. Dass aber sonst 
zwischen beiden schritten eine Verwandtschaft sei , hat Easmus 
gezeigt; so findet sich im citiren der ausspräche der stoiker 
vollkommene Übereinstimmung; es folgt eine Zusammenstellung 
der citate der stoiker, welche sich in beiden schritten fin- 
den; die zahl in ersterer , de Stoic. repugnantiis, ist 18, in 
der zweiten 19 (p. 7 — 11). Und dieser Zusammenstellung 
schenke ich meinen ganzen beifall, da die stellen mit gro- 
ssem fleisse und philologischer genauigkeit gesammelt sind. Bei 
dieser Zusammenstellung hat vf. auch noch auf einen unterschied 
aufmerksam gemacht, der sich zwischen beiden schritten findet: 
nämlich in de notitüs sind die aussprüche der stoiker meist enger 
zusammengefasst und nicht so ausführlich angegeben, als in de 
repugnantiis. Mit recht weist Easmus dann darauf hin, dass je zwei 
stellen des Chrysipp sich in beiden schritten verbunden finden; 
ferner haben beide schritten das gemeinsame, dass zuerst die 
ethik, dann die physik zum gegenständ der Untersuchung ge- 
Philol. Anz. IV. 22 



358 191. Plutarchos. Nr. 7. 

wählt wurde, nicht also die disputation sich nicht in dem ge- 
wohnten gang der stoiker bewegte. Es wäre also auch die 
zweite frage erledigt , dass hinsichtlich des iubalts und der 
ganzen gestaltung der schrift de comm. notitiis gegen die autor- 
schaft Plutarch's eigentlich nichts spräche. Wenn es sich aber 
noch urn Stützpunkte für die autorschaft Plutarchs handelt , so 
möchte ich doch nicht übergangen wissen, was Volkmann I, p. 
210, der die ganze frage zweifelhaft lässt, wenn er auch mehr 
gegen, als für Plutarch's autorschaft spricht, angeführt hat. Für 
Plutarch spricht der umstand , dass Lamprias als unterredner 
auftritt und die in der schrift zu tage tretende grosse ge- 
lehrsamkeit des Verfassers, die es schwerlich erlaubt, in ihr das 
werk eines nachahmers zu erblicken, der seine arbeit für plu- 
tarchisch hätte ausgeben wollen. Die rein sprachliche Seite hat 
Basmus nicht behandelt: er hätte leicht nachweisen können, 
dass die von Plutarch immer und überall gebrauchte Wortver- 
bindung sich auch hier fände , dass alle partikeln , die ihm ei- 
genthümlich sind, auch in dieser schrift nicht fehlen, dass über- 
haupt die ausdrucksweise ganz plutarchisch sei. Dafür hat er 
uns mit einer grossen anzahl Verbesserungsvorschläge beschenkt, 
die den ganzen zweiten theil seiner arbeit ausmachen ; vorher giebt 
er aber eine art literaturgescbicbtlichen überblick über alle die- 
jenigen j die sich mit der emendation de comm. notitiis beschäf- 
tigt haben und spendet bei dieser gelegeuheit vor allem Mad- 
vig reiches lob. Es führt zu weit gegen 80 emendationen und 
conjecturen hier anzuführen, von denen viele allerdings das rich- 
tige getroffen zu haben scheinen , andre wie z. b. cap. IX, 2 
mit cot," 'inog tlneiv oder XI, 8 auf schwachen füssen stehen. 
Immerhin aber ist durch Piasmus arbeit unsere kenutniss der 
weise des Plutarch gefördert und dankbar müssen wir aner- 
kennen, was er geleistet hat. — Der druck ist durchaus correct. 

H. H. 

192. Andocidis orationes edidit Fr idericus B lass. Lip- 
siae in aedibus B. Gr. Teubneri. XVIII und 110 s. 8. 

Auf seine bearbeitung des Antiphon hat Blass rasch die 
vorliegende ausgäbe des Andokides folgen lassen, die mit jener 
die gleiche zweckmässige einrichtung gemein hat: hinter der 



Nr. 7. 192. Andokides. 339 

praefatio die iudicia veterum und kurze argumenta orationum, am 
ende des bandes die spärlichen fragmente und einen index no- 
minum et verum memorabüium, unter dem texte der reden selbst 
in einer gedrängten adnotatio critica eine auswabl des kritischen 
apparats , darunter die lesarten des codex Crippslanus (A) voll- 
ständig nach Bekkers und Dobsons angaben. Auf eine neue 
vergleichung dieser handschrift hat Blass leider verzieht gelei- 
stet. Allerdings war sie für unsern redner nicht so unumgäng- 
lich, wie für Antiphon und Deinarchos, da die für die kritik der 
letztem fundamentale frage nach dem verhältniss des codex 
A zum Oxoniensis ohne eine neue collation von A nicht zu 
entscheiden ist. Aber wenn Blass meint, dass im Andokides 
die lesarten der ersten band von A darum von geringerem 
werthe seien, weil die correcturen sämintlich von derselben band 
herrührten, so bedarf dies urtbeil doch einiger beschränkung. 
Eine anzahl von lesarten haben die berausgeber lediglich auf 
die autorität von A pr. in den text genommen, manche darun- 
ter zuerst Blass selbst, wie I ; 30. 114. Danach verlangt aber 
die consequenz dasselbe auch anderwärts zu thun , also I, 23 
zu schreiben ovdiva nänot'' eyco tlnötia oida statt oldivag — 
tiiiöiTuig, ebenso I, 39 herzustellen b(jmv de avtöjv ngög rijp 
otl/jiijv z« ngooeana t« Ttltlara (für iäv nXtCarcor) yiytäoxtiv. 
Für die emendation des textes sind die beitrage älterer 
und neuerer gelehrter sorgfältig herangezogen worden. Nur 
weniges mag Blass entgangen sein. Für das psephisma des 
Tisamenos war Köhler , Urkunden und Untersuchungen p. 63 
ff. zu benutzen •, die dort restituirte Schätzungsurkunde von Ol. 
88, 4 erweist nicht allein die ächtheit des decrets, sondern be- 
stätigt auch im einzelnen Sluiters ol 8txa f t orjfAtroi toftoßitai 
und widerlegt die von Blass vorgenommene (übrigens schon 
von Petitus und Taylor verlaugte) Umstellung der worte ol ntv- 
rw/.öatoi hinter /} ßovXrj. Die entscheiduugen über probabilität 
der neueren besseruugsversuche zeugen überall von besonnenem 
urtheile ; nur hier und da sind sie zu conservativ ausgefallen, 
z. b. I, 86 uou ... ntuitXtintto ntgi ozov olüv z' /) a QXV v siadysiv 
rj bfiäiv Tiüäiat Tut, wo Sluiters unentbehrliches iwa nicht ein- 
mal in der anmerkung erwähnt ist. Ueberhaupt hätte ref. ge- 
wünscht , dass Blass sich nicht auf anführung der conjeeturen 
beschränkt hätte, die ihm satis verisimües (p. x) erschienen, 

22* 



840 192. Andokides. Nr. 7. 

Je weniger zu erwarten ist, dass die reden des Andokides so- 
bald wieder einen bearbeiter finden werden, um so mehr hätte 
es sich empfohlen, die in Zeitschriften nnd programmen zerstreu- 
ten beitrage zu ihrer kritik im wesentlichen vollständig zu ver- 
zeichnen , wie dies auch in andern bänden der Teubnerscken 
Sammlung geschehen ist. — Wohl zu spröde steht Blass der an- 
nähme von interpolationen gegenüber. Die worte I, 64 u&sv 
ögucöfjEvoi lavi" 1 inoiovv inslvoi sucht er gegen die athetese des 
ref. durch eine erklärung zu halten, mit welcher wenigstens die 
überlieferte fassung der worte nicht zu vereinbaren ist. Eben 
so wenig kann ich die von mir empfohlene Streichung der worte 
ab mar sigöfistog I, 15 durch die gegenbemerkungeu in der vor- 
rede widerlegt finden. Die möglichkeit der deutung , welche 
Blass dem vorausgehenden \pT]q>toai*-evi]g rfji; ßnvX7j<,' geben will, 
ist doch durch den zusatz r/v ydg «t Toy.ouT<ug ausgeschlossen. 
Dagegen möchte ich I, 75 avimv nicht mit Blass streichen, son- 
dern nur in uvtwv ändern und dies mit der bekannten demo- 
sthenischen stelle 41, 12 schützen. 

Wir sind hiermit zu den eignen leistungen des herausge- 
bers für die emendation des textes gelangt, welche einen aner- 
kennenswerthen Scharfsinn bezeugen, wenn er auch in der auf- 
nähme seiner vermuthungen mehrfach zu rasch verfahren ist. 
Namentlich hat er die schon früher gemachte beobachtung, dass 
der text des Andokides nicht selten durch ausfall einzelner 
worte gelitten hat, noch weiter verfolgt und manchem anstosse 
auf diesem wege glücklich abgeholfen. Sehr gut ist besonders 
I, 45 durch eiufügung des nyo vor vvxiog geheilt; auch I, 56 
ist der gedanke, dass vor tha de ein dllu nnwzov pe* vpa$ 
ausgefallen sei, zwar auf den ersten blick überraschend , aber 
der sonst beliebten zusetzung von Ipiv in den vorausgeheuden 
Worten weitaus vorzuziehn. Entschieden falsch ist wohl nur 
die ergänzung I, 11 iuv \pr]q)iai]o9e ubtiav (w di>) jj-co ytXnvm 
wegen des «v, da Pythonikos die ubtiu für eine bestimmte 
person verlangt. Anderes erscheint aber wenigstens überflüssig, 
wie I, 88 nvgiat nicht nöthig ist, wenn man tiev richtig inter- 
pretirt. Von den sonstigen besseruugen des herausgebers hebe 
ich als zweifellos richtig heraus 1, 136 au 1 yaq nltiöiov^ für 
iov$ yuQ nkttöTov^i 14, 12 (itya).oit uyaßdtjv aitta für fAsyäktav 
dyuöoji »• kJik, III, 20 {iHüntt ftii /(itutza^; letztere beiden ände- 



Nr. 7. 193. Isaios. 341 

rungen stehn seit jähren am rande meines handexemplars. Ir- 
rig ist. I, 24 die änderung des überlieferten 7«/« oder raXka 
in jux«., da der artikel nicht zu entbehren ist. Und III, 31 
ist statt des in den text gehetzten lxxa.Xe.lv aviäv tov üvfxöv 
wenigstens das medium erforderlich. 

Durch die verdienstliclie leistung von Blass werden hof- 
fentlich auch andre angeregt werden, sich mit der kritik des An- 
dokides zu beschäft'gen , der noch gar manche rückstänrle ver- 
blieben sind. Ref. beschränkt sich darauf einige kleinigkeiten 
zu berühren, die sich in aller kürze erledigen lassen. Eine ganz 
verkehrte interpunktion hat man bis jetzt in dem locus classicus 
über die atimia I, 76 geduldet; es ist zu lesen: hsooig ovx r\v 
ynaxpaa&io, rolg 5' ivdsiqäi' rolg 8s fit] avanXevGai elg EXXtj— 
GTCovtnv, aXXoig 8 etg Iooviav , rolg 5' etg tijv ayooav [irj eiais- 
vai ngnarahg r\v, — I, 89 onoz* ovv idn^sv vulv wäre nach dem 
sprachgebrauche des Andokides auch wenn kein sirav&ol folgte, 
onov zu schreiben, vgl. I, 58. 86. 90. II, 1. 27. III, 2 (an- 
ders steht önnrs I, 7). — I, 41 tot 8s naTsoa tov suov rv^slv 
shnvra na} einslv ai<7ni>, nahm an avrnv schon Reiske mit recht 
anstoss; man wird dafür avtm zu setzen haben. Anderes würde 
eine ausführlichere erörterung nöthig machen , als uns hier ge- 
stattet ist. Nur das eine mag noch angedeutet sein , dass das 
oben erwähnte psephisma des Tisamenos ebenso wenig vollstän- 
dig sein kann, wie das vorausgebende des Patrokleides ; in je- 
nem ist eine lücke vor anhatov 8' av ngoads'y, in diesem vor 
nsol 8s icöv imysygafxfjievmv anzusetzen. Denn an der ächtheit 
des letztgenannten decrets wird heutzutage wohl niemand mehr 
zweifeln ; man vergleiche darüber jetzt auch R. Scholl im Her- 
mes VI, p. 21 dessen deutungen ich freilich in keiner .weise 
folgen kann. 

J. H. L. 

193. Arnold Laudahn; welchen einfluss hat Isaios auf 
die demosthenischen vormundschaftsreden ausgeübt ? Abthei- 
lung I. Die prooemien jener reden. 4. Progr. Hildesheim. 
1872. 12 s. 

Der vf. unternimmt hier, die Überlieferung über Isaios' mit- 
betheiligung bei der abfassung von Demosthenes' vormundschafts- 
reden, daneben auch die über den vierjährigen aufenthalt des 



342 194. Lucretius. Nr. 7. 

lehrers im hause des schülers nach dessen mündigkeitserklärung 
aus den reden selbst zu prüfen und zwar als falsch nachzuwei- 
sen. Er will auf dreierlei sein augenmerk richten : auf den bau 
der reden, auf die periodenbildung, endlich auf einzelne dem 
Demosthenes eigenthümliche ausdrücke, Wendungen und figuren, 
die sich etwa in diesen reden wiederfinden. Soweit nun des 
vfs. darlegung hier vorliegt , hat er offenbar sein ziel vollstän- 
dig erreicht: ausgerüstet nicht nur mit der kenntniss der ein- 
schlägigen litteratur , sondern vor allen dingen auch mit ei- 
nem feinen verständniss für rhetorische und stilistische fragen, 
legt er an den prooemien der reden mit genauer analyse dar, 
wie Demosthenes anfänglich nur nach mustern seines lehrers, 
aber in einer ihm selbst eigenthümlichen weise, die der des 
Isaios noch sehr nachsteht, und später mit voller Selbständig- 
keit und mit schon entwickelter kunst gearbeitet hat. Ausser 
den beiden prooemien der ersten reden gegen Aphobos und 
gegen Onetor wird noch drittens das der rede gegen Spudias 
zur vergleichung mit herangezogen, über welche der vf. Schä- 
fer's ansieht theilt, dass sie echt und zwar eine Jugendarbeit 
des Demosthenes sei. Möge nur die so sehr zu wünschende 
fortsetzung dieser trefflichen Untersuchungen nicht zu lauge auf 
sich warten lassen. 

194. Syntaxis Lucretianae Lineamenta. Scripsit Fr. Guil. 
Holtze. Lipsiae. 8. Otto Holtze. 1868. — 1 thlr. 4 sgr. 

Ohne zweifei war eine Lucrez - grammatik , seitdem Lach- 
mann dem grossen dichter durch seine mustergültige ausgäbe 
neue und zahlreiche Verehrer gewonnen, ein dankenswerthes 
unternehmen. Schon als beitrag zu einer künftigen grammatik 
der lateinischen dichter musste diese arbeit, wie die früheren 
desselben verf. , willkommen sein. Auf 197 seiten wird die 
syntaxis lucretiana behandelt: ein stattlicher umfang für die 
Specialgrammatik eines lateinischen dichters. Aber gerade in 
dieser ausführlichkeit liegt eine aufforderung zu untersuchen, ob 
die auswahl der gesammelten stellen — denn darin besteht die 
arbeit hauptsächlich — eine geeignete ist; ferner, ob alle für 
einen dichter wesentlichen punkte berücksichtigt sind. Auf der 
einen seite hat nun der verf. zu viel gethan; denn gerade für 
grammatisch ganz triviale und selbstverständliche dinge ist eine 



Nr. 7. 194. Lucretius. , 343 

ermüdende und überflüssige menge von stellen citirt; auf der 
andern ist sowohl in den bebandelten abschnitten der gramma- 
tik mancbes bemerkenswerte und interessante übergangen , als 
auch eine reibe von punkten unberührt geblieben, die man in 
einer syntaxis lucretiana ungern vermisst. Endlich weist die 
eintbeilung der einzelnen materien, namentlich im gebrauche der 
casus, sowie die terminologie eine reihe von eigenthümlichkeiten 
auf, die gewiss keinen allgemeinen beifall finden werden. So- 
weit der dieser besprechung angewiesene räum es gestattet, mö- 
gen beispiele und beweise für unsere behauptungen folgen. 
Welchen zweck hat es , als beispiele des plurals terrae rationes 
fortunae motus fines catervae anzuführen? (p. 2. 3). Ueberflüssig, 
weil der prosaischen syntax entsprechend , war ferner opus est 
c. nom. p. 3 mit 5 stellen, die anführung von exire (5 st.), procul 
dubio (5 st.) und extorris c. abl., loco (3 st., p. 8), hoc tempore (9 
stellen, p. 11), die abl. absoluti (24 st., p. 13), ablativ beim com- 
parativ, bei egeo privo spolio compleo abundo careo, dignus (p. 13 — 
15), beispiele für orior und fast sämmtliche des abl. instrumenti 
(p. 15 — 21), quare (p. 21): die meisten beispiele des abl. modi 
(p. 22. 23), z. b. ratione, modo und des abl. qualitatis (p. 28. 
29), namentlich mit esse verbunden. Der accusativus qualitatis 
umfasst allein fünf Seiten. Ebenso ist unter den präpositionen 
eine menge von beispielen des gewöhnlichsten Sprachgebrauchs 
angehäuft, die grammatisch ohne inteiesse sind. Dasselbe gilt 
von den übrigen abschnitten des buches mehr oder weniger. 
So werden für Jiaud (p. 165. 166) 33 stellen citirt, von denen 
20 abgedruckt sind. In einem wörterbuche zu Lucrez würde 
dies vielleicht am platze sein : für eine grammatik des dichters 
ist es bailast. Trotz dieser übermässigen ausführlicbkeit in ein- 
zelnen abschnitten ist manches übergangen, was beachtung ver- 
diente. Einige kleine nachtrage , die auf Vollständigkeit nicht 
den geringsten anspruch machen, mögen dies veranschaulichen. 
So braucht Lucrez zu ' Umschreibungen des begriffes (cp. I, 3, 
p. 1) ausser vis noch natura [acpcae I, 281), potestas (aeris III, 
287), corporis atque animi (III, 334), auctus (arboris VI, 168 
corporis II, 482. V, 1171). Die beispiele zu vis sind unvoll- 
ständig: es fehlen IV, 681. V, 28. 1286. I, 738. III, 397. Zum 
pluralis ist zu bemerken: p. 2 aeres IV, 291, coeli omnis II, 
1097, lumina = vita III, 1025, silentia, öfter sapores, II, 430, 



344 • 194. Lucretius. Nr. 7. 

aestus III, 1012, loquellae I, 39, contemptus V, 833. 1278, adi- 
pesIV, 641. — Der poefische plnral von naturgegenständen, wie 
absinthia I, 11 und sonst, habrotoni, centaurea IV, 125, von ab- 
stracten, wie ortus, von orten, gegenden, Aussen u. s. w. [aequora 
ponti, laeus, u. ä.), wie überhaupt der eigentlich dichterische ge- 
brauch dieses numerus ist nicht angegeben. — Beim nominativ 
(p. 3. 4) fehlt satis esset causa profecto 1, 241. — Zum abl. loci nach 
eintheilung des vf. fügen wir: manat uberibus lacteus umor 1,259, 
abrupti nubibus ignes II, 214: zum locativus p. 8 peeudes pin- 
gui per pabula laeta Corpora deponunt 1 , 257, speculis quaeeun- 
que apparent IV, 98. vrgl. 331. VI, 1254 casa iacebant, VI, 376 
tempestas coelo cietur: zum abl. copiae et inopiae p. 14, der unter 
der rubrik abl. medii figurirt: II, 845 quae sonitu sterila aut 
sueo ieiuna feruntur. — Der ablat. instrumenti wird als zum abl. 
qualitatis gehörig durch zahllose beispiele (allein für consto sind 
neun beispiele abgedruckt) illustrirt , und neben ihm erscheint 
der abl. prineipii und medii. Schon unter dem abl. quantitatis 
p. 4 wurde ein abl. prineipii aufgeführt und in der that möchte 
es schwer sein, anzugeben , aus welchem gründe exire finibus, 
erumpere caelo, Jundo, corpore nicht unter dieselbe kategorie fal- 
len wie p. 15 oriri alienigenis, exsistere terra, denn in beiden fäl- 
len beantwortet der ablativ die frage: von wo? — Unter dem 
abl. instrumenti ist eine anzahl von beispielen angeführt die gar 
nicht dahin gehören, z. b. reeubare corpore saneto, minitanti mur- 
mure caelum comprimere, donare mit ablativ, seminibus certis creari, 
— während creata figuris und zwei andere beispiele desselben 
verbnm unter dem abl. originis angeführt werden — , usus est 
spatio, opus est semine (vier beispiele), semine certo crescere, con- 
stare mit abl. ; praeditus, floreo, pingui corpora deponcre, coniunetus 
colore, mulier coniuneta viro u. s. w. Sogar frui wird unter die- 
sem ablativ aufgeführt. Weit bemerkenswerther ist z. b. I, 256 
novis avibus canunt silvae, und beim abl. limitationis (p. 22) : II, 
387 ignis noster hie e lignis ortu taedaque creatus (die handschrif- 
ten geben, wie VI, 909, ortus), II, 505 daedala chordis carmina, 
II, 408 bona sensibus et mala tactu, VI, 779 taetn vitanda — 
aspectu fugtenda saporeque tristia , VI, 1140 exhausit civibus ur- 
bem, IV, 12 47 admiscetur semine semen, wonach auch wohl das 
häufige admixtum rebus inane zu beurtheilen ist. — Der abl. 
modi und qualitatis p. 22 ff. bringt zwölf beispiele für hoc modo, 






Nr. 7. 194. Lucretius. 345 

oder modis und 34 ausgedruckte für ratione. — Mit dem ablativ wie 
mit dem accusativ sind eine reihe von adverbien verbunden quae 
eanclem hahent significationem. So treffen wir unter dem abl. prm- 
cipii als einer unterabtheilung des abl. qualitatis an: inde hinc 
illinc utrimque extrinsecus intrinsecus penitus aliunde deorsum seorsum, 
und unter dem abl. habitus : qua hac extra supra ultra prope 
una; unter dem der zeit: dbhinc deinde exinde und sogar extemplo ; 
ferner quando tunc tum nunc; endlich unter dem abl. modi p. 
23 ff. : ingratis alte certe conseque longe und eine reihe anderer, 
sogar ut, so dass man sich erstaunt fragt , wie diese adverbien 
in die casuslehre verschlagen worden sind. Dasselbe gilt vom 
accusativ. Doch genug über diesen punkt: das gesagte wird 
genügen , um unsere ansieht zu begründen , dass sich gegen 
die anordnung des Stoffes manches einwenden lässt. — Zum 
acc. temporis war p. 29 anzuführen: DI, 907 aetemumque 
Nulla dies nobis merorem e pectore demet, 1 , 905 ullum tem- 
pus celarier: ferner der gebrauch von aetatem = diutissime; 
auch zu p. 30 (acc. graecus) ist zu bemerken III , 568 id eo 
conclusa moventur Sensiferos motus, p. 32 wo unter dem accus, 
quantitatis plötzlich tarn auftritt, fehlt die angäbe, dass Lu- 
crez neben quanto magis — tarn magis auch sagt : quam magis 

— tanto magis VI, 460, auch magis ac magis III, 546, so wie 
minus et minus ib. 547 verdiente erwähnt zu werden. — Merk- 
würdig ist auch der accusativ beim comparativ mit auslassung 
von quam', IV, 414: digitum non altior unum. — P. 34 — 38 wo 
vieles unnöthige sich findet (z. b. 19 stellen für sequi mit accu- 
sativ) fehlt insinuo mit acc. V, 74: dbuti mit acc. V, 1033, sonst 
mit abl. II, 656. Auch VI, 1136 geben die handschriften quod 

— uti, was Lachmann in quo änderte, ob mit recht ist um so 
mehr fraglich, als bekanntlich auch Cicero diese construetion ge- 
braucht : so Ep. ad Attic. XII, 22 ne Silius quidem quidquam utitur. 

— Auch aeeido V, 608 'segetes) bemerken wir, wie ineido aures IV, 
568, wo Lambin. vermuthete aeeidit ; impendere mare, I, 326 saxum 
III, 980, wie Lucilius: quae res me imp endet, agat-ur; dann penetrare 
quasvis res IV, 197. 894, hoc increpare alicui III, 932. — Un- 
ter dem gen. qualitatis p. 46 wird eine reihe von genetiven 
citirt, die in der that einfach nur die frage wessen? beantwor- 
ten, z. b. elementa rationis, via sceleris, finis aerumnarum , natura 
animin, ähnliches. Wir fügen einiges weniger gewöhnliche hinzu : 



346 194. Lucretius. Nr. 7. 

süvae ferarum V, 201, mortis timentes VI, 1239, verborum daedalus 
IV, 549, ne poenarum solvendi tempus sit adultum V, 1224, quod 
liquimus eius IV, 372- — P. 49 würde eine vollständigere an- 
gäbe der neutra von adjectiven mit dem genetiv von Substan- 
tiven erwünscht gewesen sein. Wir. vermissen: prima virorum 
(ganz griechisch), cava calamorum, cuncta viai , munita viai, 
aliena rogorum , vitalia rerum, terrai abdita, aperta promptaque 
caeli. — Zur präposition ab p. 52 ff. ist zu bemerken, dass 
bei Lucrez der ablativ. instrumenti oft durch ab verstärkt 
wird: stellen giebt schon Farbiger in seinem index. — Bei 
cum war der gebrauch von cum primis = imprimis zu beachten: 

II, 336.849. V, 621. VI, 260; zu de, p. 57 a: 1, 413 fundo de 
pectore, cf. II, 1122. IV, 397, zu p. 59, c: II, 390. 791. 975. 
IV, 1214; de in der bedeutung: gemäss, erscheint V, 155. 
Dort geben die handschriften tenues de corpore eorum. — Ad (p. 
70—72) heisst auch: in bezug auf, für, cf. I, 750. III, 214. 
397 . — P. 74 unter contra war der pleonastische gebrauch 
zu erwähnen: I, 67. II, 1043, IV, 712. — Infra als präposition 
steht auch noch III, 274, also an zwei stellen. Zu indu p. 
100 fehlt die form endo, VI, 890; unter den pronomiuibus 
vermisst man das seltene correlativ totus: VI, 652 nee tota 
pars, homo terrai quota totius unus. Bei ut p. 146 fehlt die an- 
gäbe dass der temporale gebrauch Lucrez unbekannt ist, Lackm. 
p. 363; quamvis (p. 147) scheint der verf. nur mit dem con- 
junetiv zu kennen. Es hat bei Lucrez den indicativ II, 391. 

III, 403. IV, 426. 679, denn man wird hier nicht überall sa- 
gen können, quamvis beziehe sich nur auf ein einzelnes wort. 
Quianam (Lachra. zu I, 599) fehlt ganz. Das causale oder con- 
cessive cum mit dem indicativ (p. 141) findet sich noch — diese 
angäbe wäre nicht überflüssig gewesen — II, 29 cum tarnen — 
curant , III, 107 cum tarnen — laetamur , DI, 109. III, 146 
cum — commovet. Zu si (p. 195) ist nachtzutragen, dass in 
den conditionalsätzen der modus variirt: II, 1090 quae benc 
cognita si teneas, natura videtur ; was allerdings bei possc das ge- 
wöhnliche ist, II, 1033. — Si non mit eilipse des verbums steht 
I, 174. 203. Der modus bei si non variirt: I, 515. II, 40. 
1017. Unvollständig ist p. 119 das verzeichniss der verba 
intran^itiva, die Lucrez transitiv braucht: es fehlen consistere vi- 
tam tutam VI, 11, sc ipsum indignari III, 870, conßigere semina 



Nr. 7. 194. Lucretius. 347 

IV, 1216, induimus nos in fraudem IV, 817, mors manenda III, 
1075; vgl. decurso lumine vitae III, 1042; tempestas et tenebrae 
impensa miperne IV , 491 , conventa primordia V, 430, morte 
obita I ; 135. IV, 734. So sagt Lucilius sol oecasus. Dage- 
gen steht intransitiv sistere IV, 415. T, 1014. 1055 II, 603, 
nie transitiv; parare II, 643. V, 1269. Auch turbare ist intransitiv 
II, 126. 438. V, 504; ferner vibrare III, 657, volventia lustraY, 
931 =se volventia: endlich resolvo IV, 953. Ein passivisch ge- 
brauchtes deponens (zu p. 121) ist noch comitari hymenaeo I, 97. 
Auffallend ist übrigens die Vorliebe des dichters für die verba com- 
posita ; namentlich mit rc, oft pleonastisch mit retro oder rursus ver- 
bunden. Ich zähle deren 23. — Zum substantivirten adjectiv p. 
152 machen wir noch aufmerksam auf I, 164 cidta ae deserta, II, 
488 summa atque ima locans, transmutans dextera laevis , V, 417 
ponti profunda. — Der Infinitiv (p. 123 ff.) als subject er- 
scheint ausser den von Lachmann und dem verf. angeführten 
stellen noch II, 122 iactari — quäle sit. Unter dem infinitiv 
als object (p. 125 — 128) ist eine menge unnöthiges angehäuft 
— allein für cogo mit infin. 21 stellen! — , es fehlt dagegen 

V, 1186 ergo perfugium sibi Tiabebant omnia divis Tr ädere et illo- 
rum nutu facere omnia flecti, III , 239 nil horum quoniam recipit 
quem posse creare, VI, 69 remittis . . . putare. — Doch wir 
würden den uns gestatteten räum überschreiten, wenn wir diese 
nachtrage, was nicht schwer sein möchte, weiter fortsetzen woll- 
ten. Hätte der verf. sich auf das wesentliche beschränkt , so 
würde er räum genug übrig behalten haben , um dinge zu be- 
sprechen, die in einer dichtergrammatik nicht fehlen dürfen, z. 
b. die substantivirung der participien (e.ventum medentes volantes 
venantes u. a.), den adverbialen gebrauch des adj. g. neutrius (mu- 
tua vivere oder fungi, crebra revisere, acerba tueri, longum morari, 
rectum fern; die von participien gebildeten comparative, z. b. 
contractior V, 570, cunctantior HE, 193, distractior VI, 392, do- 
minantior III, 397. VI, 238, superantior V, 394, divisior IV, 958, 
welche übrigens auch die dissertation von Reinh. Schubert {de 
Jjucretiana verborum formatione Hai. Sax. 1865) unbeachtet lässt. 
Auf anwendung rhetorischer figuren z. b. der enallage, gen- 
tes liominum italae, I, 119 impia rationis elementa I, 81, verna 
species diei I, 10, Thessaliens concharum color II, 501, Cerbereae 
canum facies IV, 733,, Nemeaeus hiatus leonis V, 24, war zu 



348 195. Persius und Iuvenalis. Nr. 7. 

achten; desgleichen auf die anaphora: vgl. IV, 1173 etc.; ferner 
die bei Lucrez besonders beliebte anadiplosis, z. b. II, 935 vin- 
cere saepe, Vincere ; so III, 12. V, 950. VI, 528; ferner die 
gräcismen und manches andere, z. b. die sog. constructio ad in- 
tellectum (I, 351. IV, 1274. IV, 60 etc., vgl. auch I, 238—240. 
III, 184 res, — quorum): alles dies wird man vergeblich suchen. 
Wir erwähnen noch die metaphern, welche eine besondere Zu- 
sammenstellung verdient hätten (zum beispiel: arta claustra 
naturae, moenla mundi, tela diei, rnater certa rerum, vada leti, fa- 
ces coeli, adytum cordis, aestus belli, fax und fluctus irae , lampas 
solis, fretus anni, mucro = finis, navis corporis, templum linguae, 
mentis), ferner transitionen, periodenbau, und übergehen dagegen 
anderes, wofür sich räum gefunden haben würde, wenn der grund- 
satz befolgt wäre, nur das zusammenzustellen, was dem Lucrez 
eigenthümlich ist oder von der prosaischen syntax abweicht. 

Bouterwek. 

195. Demonstratur brevi disputatione, quid elocutio Iu- 
venalis a Persiana differat. Sciipsit Dr H. Wilcke. 4. Sten- 
dal. Progr. 1869. 18 s. 

Die abhandlung entspricht insofern nicht dem titel, als verf. 
wegen mangels an räum genöthigt gewesen ist, die besprechung 
der eigentlichen elocutio für eine andere gelegenheit aufzuspa- 
ren. Das geburtsjühr beider dichter und der character ihres 
Zeitalters werden zunächst festgestellt: Sueton (Nero c. 39) er- 
hält in seiner angäbe über Nero's nachsieht gegen persönliche 
angriffe trotz Tacitus' entgegenstehender bemerkung (Annal. 
XV, 67) recht. Wir können dieser ansieht nicht beistim- 
men. In c. II folgt eine vergleichung der persönlichen Verhält- 
nisse beider dichter, wobei der einfluss nachgewiesen wird, den 
ihr leben auf den ton ihrer darstellung geübt (c. II). Hieran 
schliesst sich eine besprechung ihres bildungsganges, ihrer Stel- 
lung zur philosophie und des moralischen gehaltes ihrer dich- 
tungen. Es wird ferner untersucht, welchen dichtem beide in 
einzelnen stellen gefolgt seien ; die erwähnung des Sophron 
giebt veranlassung, in diesem abschnitte die kunst der characte- 
ristischen darstellung von personen , welche beiden dichtem ei- 
gen ist, zu beleuchten (c. III). 

B. 



Nr. 7. 196. Sallustius. 349 

196. Quaestiones Sallustianae maxime ad librum Vatica- 
num 3864 spectantes scripsit A. Weinhold Lipsiensis. (Aus 
den Actae societ. Eitschl. I, 2, p. 183). 

Wenn auch Sallust mit zu den gelesensten und am mei- 
sten herausgegebenen Schriftstellern gehört, so ist doch die 
grundlage, auf welcher der text aufgebaut werden soll, noch 
immer ein gegenständ wissenschaftlicher controverse. Die kri- 
tische ausgäbe von Dietsch (1859), obwohl an sich ein ver- 
dienstliches unternehmen, zeigte, wie viel erst noch zu thun sei: 
der bailast von lesarten aus wertlosen handschriften — abge- 
sehen von den vielen Unrichtigkeiten in den angaben — er- 
schwerte die Übersicht, eine methodisch gehandhabte kritik 
wurde vermisst. Dagegen lieferte Jordan in seiner textrecognition 
(1866), die sich mit möglichster consequenz an den besten pa- 
riser codex (Sorb. 500) als an die relativ beste quelle anschliesst, 
eine ausgäbe , durch welche er sich die philologische weit zu 
dank verpflichtete. Indess erhob sich gegen die von Jordan 
eingeschlagene methode Widerspruch, zunächst von seite des ref. 
(Aarau 1867), der, gestützt auf eine genaue collation des pari- 
ser codex Sorb. 1576 zu beweisen suchte, dass dieser (PI) 
mit dem von Jordan bevorzugten (P) eng verwandt sei, ja auf 
dieselbe urhandschrift zurückgehe, und daher zur controle von P 
herbeizuziehen sei, dass er eine reihe von lesarten enthalte, die 
gegen P das richtige oder das dem richtigen näherstehende ent- 
weder allein oder mit andern biete. Jetzt wird das von Jor- 
dan befolgte verfahren durch die angeführte abhandlung Wein- 
holds von anderer operationsbasis aus angefochten. Bekannt- 
lich giebt es eine classe Sallusthandschriften, die nur excerpte 
enthält, die reden und briefe; ihr massgebender repräsentant 
ist der Vaticanus 3864 aus dem zehnten Jahrhundert, zuerst 
durch Gerlach, wie es scheint, ans licht gezogen, dann von Lin- 
ker (1855) und Dietsch (1859) bevorzugt und verwerthet. Die- 
ser handschrift (V) hat der verf. , gegenüber Jordan, welcher 
sie als die durchcorrigierte recension eines willkürlich ändernden 
redactors darstellend dem codex P nachgesetzt hat (Hermes I, 
231), deren autorität auch Dietsch (1867) preisgegeben, zu ih- 
rem rechte verholfen, und wenn irgend in solchen dingen ein 
beweis erbracht werden kann, bewiesen, dass V weit entfernt, in 
seinen eigenthümlichen lesarten die band eines bessernden rhe- 



350 196. Sallustius. Nr. 7. 

tors oder grammatikers zu verrathen, an einer stattlichen reihe 
von stellen allein das richtige bewahrt habe, und dass durch 
vergleichung des von ihm gebotenen mit der Überlieferung an- 
derer handschriften ein schluss auf die gewähr dieser gezogen 
werden könne. 

Mit recht hält sich der verf. nur kurz dabei auf, zu ver- 
werfen, was Jordan zu schnell an die vermuthung knüpfte, dass 
die allein in V überlieferten epistulae Caesarum zum Verfasser 
denselben rhetor haben , der die excerpte aus Sallust zusam- 
mengestellt habe, — um sich auf den festen boden der über- 
lieferten lesarten zu stellen und von da aus die eigenthümlich- 
keit und die gute der handschrift zu prüfen. Zuerst geht er die- 
jenigen stellen durch, die Jordan seinerseits als Zeugnisse schul- 
mässiger Umänderung vorgebracht hatte — Cat. 29, 7. (52, 1) 
52,35. lug. 14,12. 24,1.9. 31, 28. 85, 16. 29 — , und weist 
nach, dass einige allein durch V richtig überliefert sind , dass 
an andern zweifelhaft, ob die lesart von V oder von P vorzüg- 
licher, dass endlich an noch andern offenbare fehler, wie sie 
selbst die besten handschriften aufweisen , vorliegen , nirgends 
aber die willkürlich bessernde hand eines redactors zu tage 
trete. Zu den stellen der letzten gattung möchte ich auch C. 
52, 35 : intra moenia atque in sinu urbis, rechnen, im gegensatz 
zum verf. , der urbis nach V ausscheidet ; denn , wenn moenia 
im gegensatz zu sinu steht, so bedeutet es nicht urbs, für 
welche bedeutung zumal belege aus Vergil, Vitruv, Florus ihr 
bedenkliches haben, sondern — den durch die befestigung ge- 
bildeten umkreis, und kann also nicht moenium zu sinu ergänzt 
werden ; vielmehr ist ebensowohl die ergänzung vou urbis zu 
moenia gefällig und leicht, als der ausfall des wortes in V mög- 
lich, doch nicht aus absieht eines correctors, sondern aus ver- 
sehen des abschreibers : an sechs stellen hat V einzelne Wörter 
ausgelassen. 

Der zweite haupttheil beschäftigt sich mit der prüfung der 
von V allein oder zugleich mit andern mauuscripten richtig 
überlieferten stellen; die beweisführung ist überzeugend, bündig 
und erschöpfend, gestützt auf vorurt heilsfreies und gesundes 
urtheil, auf berücksichtiguug des sallustianischeu Sprachgebrauchs 
und auf vollständige benutzung der bezüglichen litteratur; man 
müsste denn etwa die erwähnuug von Gerlach's neuester arbeit 



i 



tfr. 7. 196. Sallustius. 351 

vermissen; aber einmal ist die abhandlung schon seit bald zwei 
jahren verfasst, andrerseits wäre nicht viel daraus zu holen, 
selbst nicht für die kenntniss der baseler handschrift, s. Euss- 
ner in Berl. Zeitschr. für gymn.-wes. 1871. Die stellen, wo nach 
dem verf. V allein die richtige lesart enthält, sind folgende, ab- 
gesehen von orthographischen kleinigkeiten : Cat. 20, 2. 6. 15. 
(3 3, 2). 51, 4. 9. 33. 35. 40. 5 2, 2. 18. 35 (s. oben). lug. 
10, 2. 14, 1. 3. 9. 11. 12. 18. 2 4, 3 (bis). 31,8. 10. 16. 
18. 19. 25. 85, 2. 11. 14. 23. 24. 26. 30, (bis). 31. 42; im 
verein mit andern handschriften: Cat. 2 0, 10. 16. 3 3, 1 (bis). 
51,4. 5. 15. 21. 43. 52,28. 33. 5 8, 11. 12. 13. lug. 10, 1. 
14, 11. 21. 39, 17. 28. 85, 3. 13. 17. 26. 29. 34. 40. Man 
muss dem verf. zugeben , dass er sorgfältig und sparsam bei 
der auswahl dieser über 60 stellen verfahren ist; nur in bezug 
auf I, 14, 11: regno meo nach V erhebe ich einspruch; da er- 
fordert gerade der nachdruck die Stellung meo regno mit PC. 
Ferner sind 14 stellen aus Catilina, 21 aus Iugurtha, wo der vf. 
nicht entscheiden will, ob V allein oder mit andern gegen PC die 
bessere lesart habe; es genügt ihm sie aufzuzählen; ebenso die 
40 stellen, wo V oder VC entschieden falsches bieten. In kei- 
nem fall aber findet sich eine stelle, wo die spur einer absicht- 
lichen correctur eines redactors nachgewiesen werden könnte. 
Im gegentheil vertheidigt der verf. beiläufig an drei durch con- 
jectureu heimgesuchten stellen der Historien-excerpte die autori- 
tät der lesart des V: or. Phil. 10: agitur (auch von Jordan 
gebilligt), or. Lep. 1 : in tutandis periculis, 21 : praeter victoriam; 
an der letzten nicht so , dass Kritzs' begründung seines prae- 
ter victor em widerlegt wäre. 

Ferner zieht der vf. die frage in den kreis seiner erörterun- 
gen, auf welche quelle die Varianten am rande von P, welche, 
wie schon Wölfflin gesehen, mit den V eigenthümlichen lesarten 
stimmen, zurückgehen; es wird nachgewiesen, dass sie nicht 
schon im archetypus von P und PI gestanden, denn in lezterm 
findet sich keine spur davon; sondern dass sie erst inP von zwei- 
ter band eingetragen seien, und zwar nicht aus V selbst, sondern 
aus einem demselben nahe verwandten codex. Endlich prüft der 
verf. die lesarten des nur einen theil der excerpte enthalten- 
den Berner-codex 357(53), um zu dem schluss zu kommen, dass 
er nicht aus V abgeschrieben, sondern aus einen aus demselben 



352 197. Tacitus. Nr. 1. 

archetypus mit V geflossenen handschrift, und dass er keine 
gewähr neben V beanspruchen dürfe. 

In einem epirnetrum emendationum werden vier stellen behan- 
delt, und können Cat. 33, 1 und lug. 97, 5 als durch glückliche 
benutzung geheilt erklärt werden ; der vf. liest statt plerique patriae 
(oder patria) sed ornnes'. patria sede — expertes; und statt novi- 
que et ob: veteres novique ob ea scientes belli. Ob dasselbe von 
den verinuthungen zu Cat. 20, 7 : strenui imbellesque, nobiles atque 
ignobiles und lug. 38, 10: mortis metu maturabantur, gelten darf, 
scheint zweifelhaft zu sein : gegen imbelles lässt sich dasselbe 
einwenden, was der verf. gegen Jordans boni malique mit recht 
geltend macht, es passe nicht in Catilina's anrede an seine 
genossen, mit denen er sich selbst zusanimeufasst (omnes — 
volgus sumus); man wird sich bei der lesart von V zu beruhi- 
gen haben: boni atque strenui nobiles et ignobiles; maturabantur 
endlich scheint nicht das wort, das man natürlicherweise hier 
erwartet. 

197. Cornelii Taciti Germania. Erläutert von Dr Hein- 
rich Schweizer -Siedler. 8. Halle, buchhandl. des Wai- 
senhauses 1871. — 15 ngr. 

Schweizer - Siedler gehört nicht zu den unbedingten be- 
wunderern der Germania. Er findet p. vin, dass der stil noch 
nicht vollendet ist. „Neben änigmatischer kürze in fällen wo 
wir uns sehr nach einlässlicherer darstellung sehnten, herrscht 
zuweilen überfülle des ausdruckes, welchen man umsonst aus 
vorurtheil mehrbedeutend zu machen sucht, ja, wir läugnen nicht, 
es giebt stellen in der Germania, wo das streben antithesen zu 
gestalten und rhetorischen ausdruck zu gewinnen recht unbe- 
deutende gedanken zu tage fördert". 

Dieser taclel trifft meines erachtens die unrichtige stelle. 
Sicher ist es, wir werden bei den wichtigsten dingen mit änigma- 
tischer kürze abgespeist, die zu der grösseren ausführlichkeit, 
zu den widerholuogen bei minder wichtigen dingen in Wider- 
spruch steht. Aber mit unrecht klagt Schweizer-Siedler deshalb 
den stil des Tacitus an: dieser mangel liegt in der anläge des 
Werkes. Die Germania ist nicht, wie Schweizer-Siedler p. vin 
will „ein abgeschlossenes ganze": sehr wohl hätten mehrere ca- 
pitel hinzugefügt werden können, in denen z. b. die Versammlung 



Nr. 7. 197. Tacitus. 353 

des pagus, der unterschied des princeps pagi und des princeps 
civitatis u. s. f. geschildert wäre. Auch sind die einzelnen theile 
nicht ,, innig unter sich verbunden'', sondern äusserlich. Denn 
es ist eine sehr äusserliche Verbindung, wenn ein ausdruck, der 
gebraucht ist bei der darstellung des ersten gegenständes, die 
wähl des folgenden veranlasst, es sei denn dass eine sachliche 
Ordnung die grundlage bildet. Aber diese sachliche Ordnung 
fehlt bei Tacitus, schon die inhaltsübersicht, welche Schweizer- 
Siedler p. XII, xin giebt, lehrt dies. Die Schilderung des Pri- 
vatlebens soll c. 16 beginnen bis c. 17 und c. 5 bringt gerade 
hierfür die wesentlichsten züge. Cp. 6 — 15 soll das öffentliche 
leben umfassen, aber blutrache, Stellung der sclaven, feldgemein- 
schaft steht c. 21. 25. 26. 

Dies alles lässt sich erklären , wenn man ausspricht , dass 
die Germania keine staatswissenschaftliche abhandlung ist, dass sie 
keine vollständige, keine zusammenhängende darstellung der recht- 
lichen, wirthschaftlichen, staatlichen und gesellschaftlichen zustände 
Deutschlands giebt. Tacitus besass ohne zweifei eine grosse an- 
zahl vortrefflicher einzelbeobachtungen über Deutschland, die 
neuere forschung hat das wiederholt bestätigt, vgl. Sohm frän- 
kische reichs- und gerichtsverfassung p.552 anm. 19 ende. Aber 
abgesehen von dem häuslichen leben hat er sich aus denselben 
nicht einmal selbst ein zusammenhängendes bild entworfen , ge- 
schweige denn dass wir es aus ihm gewinnen könnten. 

Tacitus ist auch in dieser schritt redner und nicht geschichts- 
forscher. Die einzelne thatsache berührt sein gemüth und den 
so erregten gefühlen ausdruck zu leihen ist ihm die vorzüglich- 
ste aufgäbe. Und dies gemüth ist krankhaft erregt, über die 
zustände Korns ist er so hoffnungslos betrübt , dass er in dem 
schlusscapitel die rohheit, ja die thierische Stumpfheit der Fin- 
nen, die auf bäumen hausen, mit den worten preist: sed beatius 
arbitrantur quam ingemere agris, illaborare domibus, suas alienasque 
fortunas spe metuque versare securi adversus homines, securi adversus 
deos rem difficillimam assecuti sunt, ut Ulis ne voto quidem opus sit. 

Dies musste gerade in einer Schulausgabe mit aller schärfe 

betont werden; denn wenn man ein werk in der schule liest, 

so ist es doch die aufgäbe des lehrers , zu sorgen , dass die 

schüler sich eine deutliche Vorstellung von dem gelesenen ma- 

Philol. Anz. IV. 23 



354 197. Tacitus. tfr. 1. 

chen und wenn die schrift keine deutlichen Vorstellungen ge- 
währt, zu zeigen wo der mangel liegt. 

Jeder lehrer aber, dessen fachstudien die Untersuchungen 
über den altdeutschen staat ferner liegen, wird sich von dem herr- 
schenden vorurtbeil als biete die Germania eine vollständige darstel- 
lung der wichtigsten lebensordnungen nur schwer losmachen. 
Und doch gestaltet sich der eine das bild des princeps, des rex, 
des adels, der wehrhaftmachung, der gefolgschaft, des ackerbaus 
u. s. w. so, der andere so. 

Die rechtlichen Verhältnisse des grundbesitzes z. b. und die 
art der bestellung behandelt Tacitus in 3V2 reihen und zwar 
im anschluss an den satz, dass wucher bei den Deutschen un- 
bekannt sei und deshalb völliger unterbleibe als wenn er ver- 
boten wäre. Diese bemerkung ist nicht so thöricht, wie sie 
scheint , sie ist ein ausdruck der klage : in Rom hilft kein ge- 
setz gegen den wucher. Aber freilich ist diese klage hier um 
so störender als niemand , der das fünfte capitel der Germania 
gelesen hatte, auf den gedauken kommen konnte, Wucherer in 
Deutschland zu suchen. Hierfür hat Tacitus platz, die Ordnung 
des grundbesitzes berührt er dagegen so kurz , dass man ihn 
nicht versteht. Ferner: c. 27 spricht von den belustigungen 
der Deutschen, erst von dem tollkühnen waffentauz , dann von 
dem tollkühnen spiel, bei dem sie zuletzt die eigene freiheit 
auf den wurf des würfeis setzen. Die erwähnung der so in 
sclaverei verfallenen führt zur Schilderung der läge der sclaven 
überhaupt und dann weiter zu der der freigelassenen. Mit ei- 
nem wort: fast alles was Tacitus von den Standesverhältnissen 
der Deutschen sagt, wird erwähnt an dieser stelle, in gelegent- 
licher bemerkung auf die das Würfelspiel geführt hatte. 

Aus der einleitung hebe ich noch hervor, dass Schweizer- 
Siedler in der übersieht der taciteischen Schriften den Dialogus 
dem Tacitus zuschreibt „weil kein anderer gleichzeitiger Schrift- 
steller zu einer so tiefsinnigen und feinen compositiou befähigt 
gewesen wäre". Das ist ein ganz unbrauchbares argumentum ex 
süentio. Ueber die lieder der Suleika würde mau vielleicht das- 
selbe gesagt haben, wenn es bezweifelt wäre, dass Goethe der 
Verfasser sei, ehe die dichterin bekauut wurde. Man begnüge 
sich zu sagen, dass man die gründe, durch welche die gegner 



Nr. 7. 197. Tacitus. 355 

dem Tacitus den dialogus absprechen, nicht für überzeugend 
halte. 

Kann ich mich so mit der einleitung nicht einverstanden 
erklären, so erkenne ich um so freudiger an , dass die ausgäbe 
selbst eine reiche fülle von belehrenden anmerkungen bietet. 
Der verf. hat sich offenbar mit dem deutschen und weiter noch 
mit dem indogermanischen alterthum eingehend beschäftigt. Am 
sichersten bewegt er sich in der sage, sitte und poesie der 
Deutschen. Für die sprachvergleichenden bemerkungen erbat 
ich mir das urtheil meines freundes Fick; den meisten erklä- 
rungen stimmt er zu, einigen nicht. Bedenklich scheint ihm z. b. 
franca von framea abzuleiten, falsch c. 23 a. 3 wo Schweizer- 
Siedler bestreitet, dass der becher sticklos genannt ward, weil 
die ältesten becher die spitzen hörner waren, s. Fick in Kuhns 
Ztschr. XX, p. 360. 

In dem streit der ansichten über den altdeutschen staat 
scheint der vf. dagegen keine selbständige Stellung gewonnen zu 
haben. Denn im c. XIII liest Schweizer-Siedler principis dignitatem 
statt dignationem und erklärt „würde des pi-inceps", während der Zu- 
sammenhang fordert, dass diese adolescentuli in das gefolge ein- 
treten. Schweizer-Siedler fühlt den Widerspruch, dass die ado- 
lescentuli das gaugericht leiten sollen und erklärt, es sei nur die 
anwartschaft auf die Stellung des princeps ertheilt — aber 1) 
sagt Tacitus das nicht, 2) ist dies mit den bewegten zuständen 
jener tage schwer vereinbar. Ist dignitas zu lesen, so ent- 
schliesse man sich zu sagen, dass Tacitus sich hier ver- 
wirrt. — Nicht glücklich scheint mir c. VIII nubiles statt nobiles. 
Die wehrhaftmachung wird irriger weise dem ritterschlag ver- 
glichen , s. meine abhaudlung : wehrhaftmachung kein ritter- 
schlag im Philol. bd. XXXI (1871), p. 490—510. 

Ganz unglücklich ist, was vf. c. 13 a. 14 aus Müllenhoff auf- 
nimmt. Asdingi, der name des vandalischen köuigsgeschiechts 
wird gleichgesetzt dem goth. Razdiggüs und soll deshalb bedeu- 
ten männer mit frauenhaar. Weil nun c. 43 bei den Nahanar- 
valen ein sacerdos muliebri ornatu erwähnt wird, so soll dies 
ein priester mit frauenhaar und deshalb aus dem geschlecht 
der Asdinge sein. Dieses spielen mit möglichkeiten richtet sich 
selbst — aber auch die erklärung Asdinge = männer mit frauen- 
haar ist bedenklich. Jord. XXII erklärt guae (Asdingorum stirpsj 

23* 



356 198. Griechische literaturgeschichte. Nr. 7. 

genus indicat bellicosissimum und Asdingi ist zugleich name des 
volks, s. Jord. c. XVI. Doch im einzelnen wird jeder an jeder 
ausgäbe manches anders wünschen — im ganzen bietet diese 
ausgäbe ein willkommenes hülfsmittel für das verständniss der 
Germania. 

Georg Kaufmann, 

198. Histoire de la litterature grecque , par Emile Bur- 
nouf, directeur de l'ecole francaise d'Athenes. 8. Paris 1859. 
2 bände, 400. 476 s. — 2 thlr. 10 gr. 

Wie schon aus dem umfange dieses werks ersichtlich, ent- 
hält dasselbe nicht etwa eiuzelforschungen über das gesammte 
ungeheure gebiet der griechischen litteratur , sondern lediglich 
eine übersichtliche, manchmal mehr, manchmal weniger ausführ- 
liche darstellung ihres entwickelungsganges, ohne allen gelehr- 
ten apparat und mehr für laien und lernende als für fachge- 
nossen geschrieben. Der vf. hat eine angenehme form der 
darstellung , einen gebildeten geschmack und geistreiche ge- 
danken in fülle; dazu kennt er den klassischen boden und seine 
denkmäler überall aus eigener anschauung und weiss diese 
kenntniss an geeigneter stelle trefflich zu verwerthen. Daher 
kann auch der philologe manche partien dieser literaturgeschichte 
mit vergnügen und mit interesse lesen; wer allerdings nicht 
blosse anregung, sondern gründliche belehrung sucht, der hat 
sich an andre, auf tiefere Studien gegründete darstellungen zu 
halten. Wiewohl Burnouf manche nichtfranzösiche und beson- 
ders auch deutsche werke kennt und benutzt, vor allem die 
litteraturgeschichte von 0. Müller, so ist doch im ganzen seine 
bekanntschaft mit der einschlägigen litteratur sehr lückenhaft und 
ungenügend; auch seine sprachlichen kenntnisse reichen nicht über- 
all zu, und es kann ihm begegnen, in dem alkmanischen fragment 
75 Bgk. eoqxE (f's'-jpe) mit ü a envoye" und aüXlttv (wegen saliret) 
mit danser zu übersetzen, wie er denn auch den namen dieses dich- 
ters '/4Xxinh>o<: schreibt und folglich Alcmane wiedergiebt. Vollends 
in metrischen Sachen theilt er ganz und gar die bekanute schwä- 
che seiner landsleute : nach seiner meinung giebt es in den me- 
lischen gedichten und in den dramatischen chören keiue proso- 
dische messung (memre prosodique) , sondern nur „rbythmen" 
(d, i. wohl zeilen von bestimmter silbeuzahl), und wo er lyri- 



Nr. 7. 198. Griechische literaturgeschichte. 357 

sehe verse in musik setzt (z. b. I, p.305), ist er im stände ein wort 
wie OiÖCnov mit zwei viertel - und einer achtelnote zu bezeich- 
nen. Dieser mangel an gründlichem Studium muss denn im 
einzelnen zahlreiche verkehrte ansichten und schiefe auffassun- 
geu zur folge haben. So stellt er sich zur homerischen frage 
so, dass er zwar die Odyssee als einheitliches kunstwerk eines 
einzelnen dichters, als xotquet, die Iliade dagegen lediglich als ag- 
gregat von liedern ansieht , welchem jede einheit ausser der 
chronologischen mangle und welches ohne nachtheil eines be- 
liebig früheren anfangs und einer beliebigen fortsetzung fähig 
sei; diese lieder aber zeigen nach ihm manchmal eine solche na- 
turwahrheit der darstellung, dass sie auf augenzeugen der troi- 
schen kämpfe zurückzugehen scheinen. Er kennt Wolf und 
erwähnt ihn; Lachmann dagegen und die ganze spätere Homer- 
forschung scheint ihm völlig fremd zu sein. 

Aehnlicb verhält es sich auch mit der grundidee des gan- 
zen werkes, der wir noch einige worte widmen müssen. Aus- 
gehend von dem angeblich empirisch festgestellten satze, dass nur 
verwandte racen auf einander dauernd einwirken könnten, leug- 
net er jede wesentliche beeinflussung der Hellenen durch Aegyp- 
ter oder Semiten, behauptet dagegen, neben dem ursprünglichen 
zusammenhange mit Persern und Indern, auch einen fortgesetz- 
ten nie unterbrochenen einfluss derselben, der nach der abtreu- 
nung der Hellenen anfänglich mehr und mehr abnimmt, bis zur 
epoche des Perikles, dann aber wiederum sich steigert und am 
ende, vermöge des mit den altarischen lehren wesentlich iden- 
tischen christenthums, die eigenthümlich hellenische bildung völ- 
lig erdrückt. Diese theorie ist a priori aufgestellt und wird nach- 
her im einzelnen nur äusserst mangelhaft begründet: die ablei- 
tung des namens Tlvd-ayogag von buddhaguru (buddhistischer mis- 
sionar) ist dem Verfasser selber zweifelhaft, und bei Piaton be- 
hauptet er kurzweg, dass derselbe in Aegypten, welches da- 
mals in den höheren ständen längst persische bildung gehabt, 
diese und nicht etwa die altägyptische kennen gelernt hätte, 
und dass kein grund sei die Überlieferung des alterthums(?) 
zu verwerfen, wonach Piaton auch Persien selber besucht. Wei- 
tere schüler des Zoroaster sind die stoiker mit ihrer lehre vom 
künstlichen feuer; dann kommen Philon, Hermes Trismegistos 
(Hermes = Krishna?), die Evangelisten und der hirt des Her- 



358 200. Römische geschichte. Nr. 7. 

mas; und am ende Gnostiker, die Neuplatoniker und Kirchen- 
väter. Der aufgäbe diese theorie zu beweisen ist Burnouf of- 
fenbar nicht gewachsen, 

B. 

199. Untersuchungen zur geschichte des kaisers L. Septi- 
mius Severus und seiner dynastie. Von Dr J. Höfner, pri- 
vatdocenten an der Universität Giessen. I. bd. 1. abtheilung. 
8. Giessen 1872. — 20 gr. 

Diese Untersuchungen sollen nach der vorrede die basis 
bilden, auf welcher der Verfasser die geschichte des Septimius 
Severus und seiner nächsten nachfolger aufzubauen gedenkt. 
Abschnitt I — V geben eine Charakteristik der quellen, abschnitt 
VI enthält eine kritische prüfung der nachrichten über das le- 
ben des Septimius Severus bis zu seiner thronbesteigung 1. juni 
193 nach Chr. 

Wenn gleich eine durch kritische erörterungen nicht unter- 
brochene darstellung wünschenswerther gewesen wäre, so geben 
doch diese ins kleinste detail eingehenden Untersuchungen an 
einigen punkten eine genauere feststellung der thatsachen und 
haben wegen der kritischen Untersuchungen über den Zusam- 
menhang und die abhängigkeit der quellen werth. 

Es sei erlaubt einige ausstellungen und wünsche mitzuthei- 
len. Bei der beurtheilung der „denkwürdigkeiten des Severus" 
hat vrf. die tendenz dieser schritt scharf genug hervorgehoben. 
Zwei Überlieferungen charakterisiren sie uns hinreichend : zu- 
nächst die nachricht, dass der kaiser in seine autobiographie 
die prodigien und Vorzeichen aufgenommen habe , welche seine 
erhebung zum kaiser voraus verkündigt, und dann die darstel- 
lung seines Verhältnisses zu den gegenkaisern Pescennius Niger 
und Clodius Albinus. Es ist bemerkenswerth, dass schon der 
Senator Cassius Dio ein von Sever mit vielem bei fall aufgenom- 
menes büchlein über diese wunderzeichen herausgegeben hatte. 
Der Senator wie der kaiser selbst konnten offenbar hierbei nur 
die absieht haben, allgemein im volke den glauben zu verbrei- 
ten, dass Severus von den göttern nach so gewaltigen katastro- 
phen als retter des kaiserreichs berufen sei. Die darstellung 
seines Verhältnisses zu den gegenkaisern, welche als undankbare, 
dann als unfähige und schlechte menschen geschildert werden, 



Nr. 7. 199. Komische geschichte, 359 

lässt deutlich die absieht durchblicken, die perfide politik gegen 
Albinus zu vertuschen, die harte und grausamkeit gegen beide 
gegner, deren familien und anhänger zu entschuldigen und zu 
rechtfertigen, endlich die energische Wandlung in seiner Stellung 
zum Senate zu begründen. Die denkwürdigkeiten sind also 
eine rechtfertigung seiner ersten regierungshandlungen. Die 
scharfe hervorhebung dieses Charakters der schrift ist für die 
kritik im einzelnen, wie für die gesammtauffassung der ersten 
regierungsjahre Sever's von wesentlicher bedeutung. 

Endlich hat der Verfasser eine für die denkwürdigkeiten 
des Severus wichtige stelle im Herodian übersehen, II, 15. 6 
ed. Becker.: rt/g /<£»• ovr o8oinogiag rovg aTuOuovg xai ra xaö' 
sxdaT)]r noXiv avTw Xsy&tvta y.ui. aijusla &sCa ngovoia dö^uvTa 
aoXXdxig qr«3-/J;«/ ; #<»£>£« ts BKaara xai nugaru^eig xal rov jcov 
attariQoa&sv nsaovtcov ugi&pov GzguTtcozäv iv tatg (iu^aig, lato- 
giag TS jroXkot avyyoaqislg x ) y.al noirjTai (tsrgcov tzXutvtsqov avi- 

STuht V , V 71 6 & S 6 I V 71010V [iE f Ol TT Ct O t] $ T 7] $ 77 Q d f (l « 7 S tu. Q 

7 o »• JZsovtjQov ßCov. Wenn auch Herodian unmittelbar dar- 
auf sagt: suoi 8s GHonog vnagysi stwv sßdofiTjKOrza nga^eig noX- 
Xäv ßaaiXscov avvtd^avTi ygriipm ag avtog olda, so ist doch 
unzweifelhaft anzunehmen, dass er die genannten Schriften und 
denkwürdigkeiten des Severus gekannt und benutzt hat und 
dass die genaue bekanntschaft mit den orientalischen Verhältnis- 
sen während des feldzuges gegen Niger nicht persönlicher er- 
fahrung, sondern eben diesen quellen zuzuschreiben ist. 

In des verf. beurtheilung des Marius Maximus gegen Mül- 
ler in Büdinger's Forschungen muss man einstimmen. Dagegen 
hätte bei der beurtheilung des Cassius Dio viel mehr, als das 
bisher geschehen, seine Stellung als parteimann in's äuge ge- 
fasst werden müssen. 

Cassius Dio hat in seiner rede, welche er den Mäcenas an 
Octavian halten lässt, die grundsätze auseinandergesetzt, welche 
ihm für das kaisertkum als die richtigen und einzig erspriess- 
lichen erschienen. Bei aller rücksichtnahme auf die faktische 
autokratie der kaiser steht er niemals an, die rechte des sena- 

1) Zu diesen ist auch wohl der sophist Antipater aus Hieropolis 
Talg ßatiilsicus imoroXcäg innny^slg (Galen. Theriac. II, p. 458) und er- 
zieher der söhne des Severus zu zählen, welcher nach Philostratus (Vit. 
sophist. II, n. 24) eine geschichte des Severus schrieb. 



360 200. Römische antiquitäten. Nr. 7. 

tes, als des legitimen Vertreters des römischen volkes mit aller 
energie zu vertheidigen. Eine aufmerksame beobachtung wird 
den strengsenatorischen Standpunkt fast überall in der beurthei- 
lung der einzelnen kaiser herausfinden. In der beurtheilung des 
Septimius Severus zeigt sich dieser Standpunkt deutlich in dem 
Wechsel der gesinnung , welchen des Sever veränderte politik 
gegen den senat hervorgerufen. Gerade die schriftstellerische 
thätigkeit Dio's, welche anfangs im interesse des neuen kaisers 
sich bewegte und sein später modifizirtes urtheil über ihn hätte 
den Verfasser dazu führen müssen, diese politische Stellung des 
historikers und Senators zu fixiren und ihren einfluss auf seine 
auffassung und darstellung zu untersuchen. 

Dr J. W. Schulte. 

200. Caroli Nipperdeii variarum observationum an- 
tiquitatis Romanae caput II. (Index scholarum aestiv. in univ. 
litt. Ienensi — , habendarum). 4. 1872. 

Wir greifen, anschliessend an die besprechung von Weinholds 
arbeit über die vaticanische Sallusthandschrift (s. ob. p. 349) aus 
Nipperdey's Observationes zunächst das heraus, was über Sallust 
handelt. Der verdiente herausgeber des Nepos und des Tacitus, 
der seit zwanzig jähren über Sallust liest, erklärt sich ebenfalls 
gegen Jordan's versuch den text Sallusts hauptsächlich nach 
Par. 500 festzustellen, und empfiehlt einen methodischen eclec- 
ticismus, in der weise, dass aus dieser und den andern an gute 
ihr gleich — oder nahekommenden büchern der familie die 
lesungen ihres archetypus hergestellt werden; als solche gute hand- 
schriften bezeichnet er den Par. 1576, den von Havercamp 
benutzten Leidensis L, den Nazarianus (oder Palatinus I) Gru- 
ters — jener von Dietsch nicht benutzt, s. krit. ausg. I, p. 10 
anm. 2, dieser wohl in Rom verborgen, vgl. Jordan im Hermes 
III, 461 mit I, 240 — , den etwas schlechtem Basler (I), fer- 
ner die vom einsiedler, wolfenbiittler (V, nach Corte) und dem 
Commelinianus gebildete gruppe. In Würdigung des Vatica- 
nus theilt der verf. Jordan's ansieht: deteriorem cum esse altera 
optima familia, sed qui complura vera solus servavent et, cum non 
ex eodem codice ortus sit atque ii, quos supra nominavi, in dissensu 
horum magnum pondus addat ei parti, quacum consentit, nisi hoc 
casui aut consilio, in quod pluribus ineidere proelive fuit tribuen- 



Nr. 7. 200. Römische antiquitäten. 361 

dum esse probabüe sit. Dies die ohne weitere beweise aufgestellte 
ansieht Nipperdey's über den werth der handschriften Sallusts. 
Im weitern vindicirt der verf. der schritt über Catilina auf 
grund der handschrift P den titel bellum Catilinae, in Überein- 
stimmung mit Quint. I. Or. III, 8, 9. Zu Cat. 10, 3 empfiehlt 
er folgende lesungen : igitur primo imperii, deinde peeuniae cupido 
crevit , eae quasi materies omnium malorum fuere, die Umstellung 
mit rücksicht auf 11, 1, die Änderung von ea , weil singularem 
non admittit fuere, neutrum pluralis attractionis lex, quae pronomen 
aut ad cupidines imperii et peeuniae aut ad materies aecomo- 
dari iubet. Die letztere wird widerlegt durch den Sallustiani- 
schen Sprachgebrauch , s. Badstiibner de Sali, dicendi genere, 
Berlin, 1863, p. 5; die erstere durch folgende auslegung : durch 
den satz 10, 3 wird bezeichnet die zeitliche folge, in der 
geldgier und herrschgier eingerissen, durch den satz 11, 1, dass 
nach dem einreissen beider (10, 6 haec primo paulatim crescere) 
die ambitio zuerst intensiver wirkte als die avaritia. Zu den 
gegen Linkers Versetzung von Cat. 28, 4 — 31, 4 nach 27, 
2 geltend gemachten gründen fügt der verf. noch einen neuen : 
gegen sie spreche, dass 27, 4 docet se praemisisse etc. nach 30, 1 
gelesen werde, wo vom publikwerden der erhebung des Manlius 
die rede ist. Ebenso wendet sich der verf. gegen Mommsen's 
(Hermes I, p. 430) von Jordan gebilligte conjeetur zu lug. 43, 1 
consides de senatus sententia statt designati, da das folgende : is 
ubi primum rnagistratum ingressus est etc. zeige, dass Sallust zwi- 
schen dem, was vor dem amtsantritt und nach demselben ge- 
schehen, unterscheide. Dieser einwand ist triftig genug; frei- 
lich wird so die annähme unabweislich , dass Sallust eine be- 
denklich verwirrte erzählung giebt, insofern die consuln in ih- 
rem amtsjahr selbst gewählt (37, 2. 44, 3) „nicht erst designati 
werden, sondern extemplo antreten" (Mommsen 1. c). Aber es 
scheint dieser irrthum mit dem andern ebenfalls von Momm- 
sen aufgedeckten und nur allzusehr beschönigten irrthum in 
Wechselbeziehung zu stehen , dass nämlich Sallust (39, 2. 4) 
den Albinus noch im jähre 645/109 als consul fortamtiren 
lässt. 

Ein anderer theil der observationes Nipperdey's giebt Zu- 
sätze zu seiner schritt, über „die leges annales der römischen, re- 
publik" in bezug auf das Staatsrecht in der kaiserzeit. Per 



362 200. Römische antiquitäten. Nr. 7. 

erste punkt betrifft die qualification für die quaestur; aus in- 
schriften und Schriftstellern , besonders Tacitus wird nachgewie- 
sen, dass für die bekleidung der quästur, abgesehen von der al- 
tersgrenze von 25 jähren, nothwendige Vorbedingung gewesen 
die bekleidung des vigintivirats oder seltener einer militäri- 
schen charge, und zwar gewöhnlich des tribunats; dass aber häufig 
genug vor der quästur sowohl vigintivirat als auch eine militäri- 
sche charge, und zwar gewöhnlich jener vor dieser, bekleidet 
worden. In bezug auf die qualification für die praetur nimmt 
der verf., wiederum ausgehend von einer anzahl inschriften, an, 
dass das Augusteische gesetz , das zur bekleidung der praetur 
die vorherige bekleidung der aedilität oder des tribunats forderte, 
unter Traian modificirt worden, in dem sinne dass diese ämter 
zu übergehen wenigstens gestattet war, wobei jedoch die zwi- 
schenfrist von einem jähr und die altersgrenze von 30 jähren 
festgehalten wurde; ferner dass das gesetz des Severus Alexan- 
der das tribunat und die aedilität nicht aufgehoben, wohl aber 
die quaestores candidati unmittelbar, nur mit einhaltung der ein- 
jährigen zwischenfrist, antwartschaft auf die praetur hatten. 
Mit diesen aufstellungen sind zu vergleichen die betreffenden 
stellen in Mommsen's Römischem Staatsrecht I, mit welchem der 
verf. in einer anmerkung auch in bezug auf andere rechte ein 
hühnchen rupft. 

Weitere bemerkungen beschäftigen sich mit Tacitus ; einige 
geben ausführungen und excurse zu des verf. ausgäbe der An- 
nalen : zu TU, 18 über die restitution von M. Antonius nameu 
in den Fasten durch Augustus ; zu TI, 41 betreffend den doppel- 
namen des C. Caelius, zu IT, 36 über die zeit der wahlcomi- 
tien; andere beziehen sich auf die kritik des Agricola: c. 42 
wird mit Hs. r, zum theil nach Lipsius, gelesen Africae ant (vel) 
Asiae, gegen Urlichs (festgruss zur Würzburg. Philologenver- 
sammlung p. 8), der die worte streichen will ; c. 24 wird prima 
nave unerklärbar gefunden, aber Madvigs (Advers. crit. I, 147) 
conjectur Sabrinam verworfen, dagegen versucht: in Clotac pro- 
xima. Endlich giebt der vf., indem er zurücknimmt, was er in 
der zweiten abhandlung de locis quibusdam -Horatii ex primo satira- 
rum, Jena 1858, p. 7 gesagt, Heindorf recht, dass I, 10, 28 nur 
zwei männer erwähnt seien, L. Pedius Poplicola und M. Mes- 
sala Corvinus, hält aber aufrecht, dass die beiden nicht brüder, 



Nr. 7. 201. Römische alterthümer. 363 

sondern v. 85 mit dem bruder des Messala L. G-ellius Popli- 
cola, consul 36 v. Chr.. gemeint sei. 



201. Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms in der 
zeit von August bis zum ausgang der Antonine. Von L. Fried- 
länder. Dritter theil. 1871. 8. XVIII und 678s.— 2 thlr. 

Der neu erschienene dritte theil , mit welchem der verf. 
„vorläufig seinen versuch , die bedeutenderen erscheinungen der 
römischen kultur in den beiden ersten Jahrhunderten der kai- 
serzeit darzustellen, beschliesst", wird den zahlreichen freunden 
des werks willkommen sein. Derselbe besteht aus sechs ab- 
schnitten, in welchen nach einander der luxus (p. 1 — 104), die 
künste (p. 105 — 270), die schöne literatur (p. 271—420), die 
religiösen zustände (421 — 540), die philosophie als erzieherin 
zur Sittlichkeit fp. 543 — 612) und der Unsterblichkeitsglaube 
(p. 615 — 652) behandelt werden. Die art der behandlung ist 
im allgemeinen bekannt. Während z. b. Marquardt im fünften 
band der Beckerschen alterthümer, worin er sich der natur der 
sache nach vielfach mit unserem verf. berührt, seinen gegen- 
ständ überall in seiner gründlichen weise dem leser vollständig 
und, wo es nöthig, mit dem nöthigen material zur eigenen be- 
urtheilung darzulegen sucht, so ist es unserm verf. mehr darum 
zu thun, eindruck auf den leser zu machen und aus seiner aus- 
gebreiteten lectüre interessante und bezeichnende züge hervor- 
zuheben und zusammenzustellen. Dies geschieht mit grosser 
sachkenntniss und gelehrsamkeit und demnach auch mit ent- 
sprechendem erfolg, wenn man sich auch öfter bei der nutzan- 
wendung der belegstellen grosser bedenken wegen ihrer beweis- 
kraft nicht enthalten kann. Als zugäbe sind zu abschn. I. II. 
III mehrere gelehrte abhandlungen anhangsweise hinzugefügt, 
z. b. über die Chronologie der epigramme Martials, der Silven 
des Statius, chronologisches zu Gellius , die ich aus der zahl 
der übrigen hervorhebe, theils weil sie vorzugsweise geeignet sind, 
das interesse des gelehrten publikums zu erregen , theils weil 
sie nicht frei sind von dem fehler, an welchem derartige Unter- 
suchungen häufig leiden, nämlich von dem fehler, dass aus un- 
sicheren, höchstens wahrscheinlichen prämissen consequenzen in 
Widerspruch mit den regeln der logik gezogen werden. 

So weit etwa stimmt der gegenwärtige dritte theil in sei- 



364 201. Römische alterthümer. Nr. 7. 

nem allgemeinen Charakter mit den beiden früheren theilen 
tiberein. Es bleibt aber noch etwas übrig , was diesen theil 
von den übrigen unterscheidet und worauf wir noch besonders 
aufmerksam machen zu müssen glauben; dies ist das hier mehr 
hervortretende tendentiöse der ausführungen des verf., nämlich 
das bestreben die einzelnen erscheinungen zur begründung all- 
gemeiner urtheile über die zustände Roms und des römi- 
schen reichs zu benutzen: ein unterschied, den der verf. selbst 
in der vorrede anzudeuten scheint, wenn er sagt , dass der In- 
halt dieses theils ,,mehr kultur- als sittengeschichtlich" sei. • Ins- 
besondere sucht er zu beweisen, dass die allgemein verbreiteten 
ansichten vom luxus der zeit unhaltbar seien , ferner stellt er 
die poesie und literatur der Römer in den beiden ersten Jahr- 
hunderten der kaiserzeit in ein sehr günstiges licht und stimmt 
endlich lebhaft in das bekannte bonmot Mommsens ein, „dass 
die römische kaiserzeit mehr geschmäht als gekannt sei". In- 
dess scheint uns der beweis für alle diese sätze wesentlichen 
bedenken zu unterliegen. Wenn aus anderen und namentlich aus 
neuern zeiten beispiele von noch grösserem luxus angeführt wer- 
den, worauf der verf. seinen beweis zu gründen sucht, so bleibt 
doch, abgesehen davon, dass eine solche vergleichung überhaupt 
nicht als rechtfertigung dienen kann, die frage übrig, ob denn 
der luxus der neueren zeit nicht auch verwerflich und gefährlich sei, 
ferner ist dabei unbeachtet gelassen, dass der luxus der kaiser- 
zeit jedenfalls für Rom, zwar nicht gegen das letzte Jahrhun- 
dert der republik , wo der luxus bereits begonnen hatte , aber 
gegen die früheren Jahrhunderte eine entartung in sich schloss 
und daher nachtheilig wirkte, und dass in Rom die Verhältnisse 
in einer menge beziehungen ganz andere waren, so dass schon 
ein geringerer grad des luxus eine verderbliche Wirkung äussern 
konnte. Einen wesentlichen unterschied bildet in dieser hin- 
sieht schon der umstand, dass den Römern der mittelstaud, 
dem heutzutage der luxus als förderer der freien arbeit und der 
bildung hauptsächlich zu gute kömmt, fast völlig fehlte. Was 
sodann die vermeintliche blüthe der poesie und literatur an- 
langt, so kann es hierfür nach unserer ansieht nicht auf ein 
gewisses interesse der kaiser und einiger hohen Mäcenate oder 
auf die lebhaftigkeit im äusseren betrieb der schriftstellerei an- 
kommen, auf die der verf. seinen beweis gründet , sondern nur 



Nr. 1. 202. 203. Orthographie. 36ä 

oder doch hauptsächlich auf die kraft, die einfachheit, den In- 
halt der literarischen productionen , und hierüber wird wohl 
kaum ein sachverständiger ein sehr günstiges urtheil fällen wol- 
len. Eben so wenig endlich scheint uns auch der beweis für 
das glück dieser zeiten im allgemeinen erbracht zu sein, wenn 
der verf. nachweist, dass damals im allgemeinen ruhe, friede 
und ein gewisser (übrigens doch mehrfach bedingter) Wohlstand 
geherrscht habe, denn dann würde etwa ein schaafstall und eine 
schaafheerde das ideal eines Staates und volkes bilden: dazu 
scheinen uns vielmehr noch manche andere dinge zu gehören, 
welche hier zu erörtern uns der räum verbietet. 

202. Die wichtigsten punkte der lateinischen rechtschrei- 
bung für schulen. Nebst einem orthographischen register. Von 
Dr Konrad Bock. 8. Berlin. Weidmannsche buchhandlung. 
1872. — 3 ngr. 

203. Hülfsbüchlein für lateinische rechtschreibung von Wil- 
helm Brambach. 8. Leipzig, druck und verlag von B. G. 
Teubner. 1872. — 5 gr. 

Der verf. von nr. 1 will nach Eitschl's und Brambachs 
Vorgang die für uns mustergültige lateinische Orthographie auf die 
Zeugnisse der römischen grammatiker, besonders des Quintilian 
basirt wissen ; die Zeugnisse der inschriften und handschriften 
haben in seinen äugen nur eine sehr untergeordnete Stellung. 

Bock stellt in in 21 §§ allgemeine regeln für die lateini- 
sche rechtschreibung auf und Iässt dann ein Wortregister folgen 
in welchem jedem worte die zahl des paragraphen, in welchem 
es aufgeführt ist, beigefügt wird. Der vf. scheint keine besondere 
orthographische Studien gemacht zu haben, sondern die 21 §§ ba- 
siren auf Brambach's schrift „die neugestaltung der lateinischen 
Orthographie", welche schrift er aber im Vorworte mit keiner 
silbe erwähnt. Wo ihn Brambach im Stiche lässt, geräth er 
zuweilen auf abwege. Er will z. b. §. 9, c, p. 9 exhodus, pe- 
rihodus schreiben ; aber die handschriften der Eccl. und Not. 
Tir. p. 196 kennen nur exoclus; und periodus schreibt Halm im 
Quintilianus, wenn auch hie und da, z. b. VIII, 3, 10 der cod. 
M perihodus hat; ebenso Keil in Plin. Ep. 6, 20, 4 (wo cod. 
M ebenso perihodus bietet); exodium, welches Bock übergeht 
ist nie in den handschriften exhodium geschrieben. Noch schlim- 



366 202. 203. Orthographie. Jfr. 7. 

meres begegnet Bock §. 19, d, p. 12, wo er behauptet Ap- 
pulus habe bessere auctorität als Apulus ; aber s. Lennep 
zu Terent. Maur. 1430, p. 94. Peiikamp und Eitter zu Hör. 
carm. III, 4, 10 (Ritter : monstra scripturae sunt Appulus, Appulia, 
Apullia) , Martini Laguna zu Lucan. 2, 608. Für Appuleius 
und Ajpuleius ist zu scheiden die classische zeit, welche wohl 
Appuleius schrieb, und die kaiserzeit, welche Apuleius vorzog; 
vgl. Hildebrand zu Apul. Opp. tom. 1, p. 1 f und Osann zu 
Apul. de orthogr. p. 14. 

Der verf. von nr. 2 (der noch im j. 1869 im Ehein. Mus. bd. 
24, p. 542 ein alphabetisch geordnetes hülfsbuch der lateinischen 
Orthographie weder für die schule noch für die Wissenschaft er- 
spriesslich findet!!!) schickt p. 1 — 20 ebenfalls allgemeine regeln 
der lateinischen rechtschreibung voraus, und zwar in drei capi- 
teln : A. über die schritt (§. 1 und 2); B. regeln, welche 
sich der lautlehre entnehmen lassen (§. 3 — 12); C. regeln, 
welche sich der fiexionslehre entnehmen lassen (§. 13 — 20). 
Dann folgt ein orthographisches wörterverzeichniss in alphabe- 
tischer reihenfolge, und zuletzt ein handweiser der lateinischen 
rechtschreibung (2 blätter) , der auch für die schüler besonders 
käuflich ist. 

Den in diesem wörterbuche aufgestellten Schreibungen kann 
im ganzen nicht die billigung versagt werden, auffallend ist es 
nur, dass Brambach sich in diesem schriftchen meist auf hand- 
schriftliche und inschriftliche Zeugnisse beruft , während er in 
seinem grösseren werke die Zeugnisse der grammatiker in den 
Vordergrund gestellt hat. Auch will es uns nicht gefallen, dass 
der verf. sich grösstentheils nur auf die angaben von Keller und Hol- 
der zum Horatius und die von Eibbeck zum Virgilius beschränkt, 
da die ausgaben dieser gelehrten in den händen deren, für die das 
schriftchen bestimmt ist, sich nicht leicht befinden dürften. Wenn 
daher Brambach z. b. caepe, nicht cepe, mit Verweisung auf 
Eibbeck und Keller, schreiben will, so steht er im geraden Wi- 
derspruche mit der Schreibung der neuesten ausgaben , indem 
in fast allen in Neue's Formenlehre 1. bd., p. 577 augeführten 
stellen cepe geschrieben wird, wie ich bereits Philol. Anz. bd. 
3, p. 266 f. bemerkt habe. Ebenso steht es mit caespes und 
cespes, s. meine bemerkungen im Philol. Anz. bd. 3, p. 267. 
Ferner empfiehlt Brambach auch jetzt noch promunturium, nicht 



Nr. 7. 202. 203. Orthographie. 56? 

Promontorium; aber s. meine bemerkung a. a. o. p. 268 und 
Ribbeck Annotatt. Corollar. p. XLI (vor der 2. ausg. der Tra- 
gic. Rom. fragm.), der sich ebenfalls für Promontorium entschei- 
det. Endlich will Brambach volaemus, nicht volemus geschrieben 
wissen , mit berufung auf Ribbeck zu Virg. Ge. 2, 88. Aber 
in den handschriften aller andern stellen mit volemus (bei Cato, 
Columella, Plinius, Cloatius bei Macrobius, Servius zu Virgil) findet 
sich keine spur dieser Schreibung, sondern überall volemum, vo- 
lema; dazu noch Grloss. Labb. : „volenti (so ! ) aolonv v&ideg anioi. 
Was ich bei der Wagnerschen schrift (Philol. Anz. bd. 3 , p. 266) 
gerügt habe, dass der verf. eine grosse anzahl Schreibungen bringe, 
die niemand gebraucht, gilt auch vielfach von Brambach's an- 
gaben. Wer schreibt actarius statt actuarius, erumna statt ae- 
rumna } alumentum statt alimentum, bassis statt basis u. dgl. ? 

Die angaben in nr. 1 stehen mit denen in nr. 2 oft in 
Widerspruch. Bock sagt z. b. p. 6 „glaeba und gleba", Brambach 
p. 39 b : „glaeba nicht gleba 1 ', aber die handschriften des Lucr., 
Cic, Liv., Ovid u. a. haben keine spur von glaeba; ebenso nir- 
gends glaebula, glaebarius, und auch Gloss. Labb. schreiben gleba 
glebula. Varr. R. R. 1, 27, 2 hat der cod. Victor ii glaeb a, der des 
Ursinus gleba. — Bock bemerkt p. 9 ,,tentare ist besser als temp- 
tare" 1 , Brambach p.62 (b) tentare und temptare (richtig! denn temptare 
steht jetzt in allen neueren texten des Lucr., Cic, Virg., Liv. 
u. a.; vgl. Wagner Orthogr. Verg. p. 475). — P. 11 will Bock 
nur unquam, nunquam gelten lassen, Brambach 49 (b) unquam 
und umquam, nunquam und numquam. Ebendas. sagt Bock „nanc- 
tus und nactus" sind gleich gut"; Brambach p.48 (a) „nactus bes- 
ser als nanctus"- : nactus haben auch Not. Tir. p, 93. — Bock 
will p. 12 illico (es steht verdruckt illicio) geschrieben wissen 
Brambach ilico (richtig nach Lachmanns theorie zu Lucr. 1, 
313; vgl. Ritschi zu Plaut. Irin. 608). Bock lässt p. 12 villi- 
cus und vilicus gelten, Brambach p.65 (a) blos vilicus (richtig nach 
Lachmann a. a. o. und den besten handschriften und inschriften). 

Auch in diesen beiden schriftchen vermisst man einzelne 
Schreibungen, die eher zur kenntniss der schüler gebracht zu 
werden verdienten, als viele der angeführten. So z. b. Boeoti und 
Boeotii, faeles oder feiest [faeles jetzt überall in der Zürcher aus- 
gäbe des Cicero von Halm und Baiter, Tuse. 5, 27, 78 p. 252, 
28; de N. D. 1, 29, 82. p. 390, 26; de Legg. 1, 11, 32. p. 



S68> 204. Lateinisches elementarbuch. Nr. 7. 

865, 14: ebenso schon Varr. E. E. 3, 11,. 3 und 3, 12, 3 

ed. Schneid.), Herculaneum, nicht Herculanum. mytilus, nicht mi- 
tylus, mitulus, mutulus u. dgl. Den nom. pluralis triumviri kann ich 
jetzt (vgl. Philol.-Anz. bd. 3, p. 268 f.) aus Not. Tir. p. 61 nach- 
weisen, wo Triumviri capitalis (so!) und Triumviri rei publica^ 
constituendae steht: das. auch Duumvir, aber nom. plur. Duoviri ca- 
pitalis (so!), was Zumpt für seine behauptung anführen könnte. 
Wie wir hören, ist auch in der pädagogischen abtheilung 
der philologenversaminlung zu Leipzig über die einfiihrung der 
neueren lateinischen Orthographie verhandelt und die verstän- 
dige ansieht ausgesprochen worden, dass das nöthige den Schü- 
lern mündlich mitzutheilen sei. Man sage etwa dem schüler, 
,,du musst nicht coelum, sondern caelum, nicht coena , sondern 
cena, nicht concio, sondern contio u. s. w. schreiben" ; die punkte 
aber, über welche selbst die männer von fach noch nicht einig 
sind (z. b. Fleckeisen convitium , susjpitio, Brambach convicium, 
susjpicio, Fleckeisen und Brambach promuntorium , Eibbeck Pro- 
montorium) übergehe man mit stillschweigen. 

K. E. G. 

204. Dr F. Bleske' s Elementarbuch der lateinischen sprä- 
che, bearbeitet von Dr Albert Müller, director des gymna- 
siums zu Ploen. 8. Hannover, Meyer 1871. 

Der Verfasser dieses mit Übungen zum übersetzen verbun- 
denen elementarbuchs schickt, um die sämmtlichen von den 
Schülern erlernten formen (aecusativ, dativ, ablativ) sogleich in 
beispielen verwenden zu können, in ganz praktischer weise den 
declinationen das präsens der vier conjugationen vorauf. Durch 
eine an den anfang des buchs gestellte und für den lehrer be- 
stimmte genetische entwicklung will der Verfasser die art und 
weise , wie er die paradigmen der dritten declination gegeben 
hat, erläutern ; er declinirt achtzehn beispiele der ganz regel- 
mässigen flexion durch; es ist zu fürchten, dass diese fülle der 
paradigmen den anfänger eher einschüchtert als aufklärt. Auch 
in der comparation muss die weitläufigere bildung der formen 
dem anfänger die sache erschweren. Früher lernte mau : an 
den casus auf i wird für den comparativ or, für den Superlativ 
ssimus gehängt; jetzt heisst es: durus, duri, dur-, dur- ior dur- 
issimue. Man unterrichtet jetzt in den schulen schon von der 



Nr. 7. 205. Geschichte der philologie. 369 

sexta an so, als ob alle scliüler einmal vorzugsweise historische 
Sprachforschung und vergleichende Sprachkunde lernen sollten 
und wollten. Dagegen sind die regeln über den ablativ auf i, 
über den gen. pluralis auf ium vereinfacht und mit recht durch 
paradigmata zur anschauung gebracht; auch in den genusregeln 
ist manches überflüssige weggelassen; einzelne von den leidigen 
versen, welche die schiiler gegen rhyfchmus und ausspräche ab- 
stumpfen müssen, kehren auch hier wieder, wenngleich etwas 
verändert, doch nicht verbessert, zurück, wie: 
Wörter, die auf e-x enden, 
Zum männlichen geschlecht sich wenden; 
Aber merke : lex und nex 
Verbleiben weiblichen geschlechts. 
Warum nicht kürzer so : 

Männlich ist, was schliesst auf ex, 
Aber weiblich lex und nex. 
Die beispiele, welche zur einübung der formen dienen, sind 
zweckentsprechend nicht hochtrabende Sentenzen, sondern ein- 
fache sätze. Und doch wird der Verfasser hier und da an 
ihnen zu ändern finden. In dem satze p. 119: orator, qui saejpe 
populum verbis suis rexerat , a populo ipse damnatus est, hat ipse 
keinen gegensatz ; sollte es ihn haben, müsste der relativsatz 
etwa heissen, qui multos damnandos curaverat. Wenn die Schü- 
ler p. 94 „0 Iunius Brutus und Tarquinius Collatinus , nicht 
■ein jähr seid ihr consuln gewesen", nach dem, was sie bisher 
gelernt haben , übersetzen : non unum annum statt ne unum qui- 
dem annum, das sie noch nicht kennen, so wird ihnen eine fal- 
sche Vorstellung entweder von der thatsache oder von dem lateini- 
schen ausdruck mitgegeben. Unter den zu lernenden Wörtern 
findet sich mehrmals „Amaryllis , name eines hirtenmädchens"; 
sollte der wohltönende name des hirtenmädchens den sextanern 
wenigstens einer grossen stadt nicht spasshaft vorkommen ? Das 
buch verdient, wegen seiner überwiegenden Vorzüge, angelegent- 
lich, empfohlen zu werden. 

205. L'hellenisme en France, lecons sur l'influence des 
eludes grecques dans le developpement de la langue et de la 
littdrature francaises, par E. Egger. Paris 1859. 2 bände, 
472 u. 498 s. 8. — 2 thlr. 15 gr, 

Piniol. Anz. IV. 24 



870 205. Geschichte der philologie. Nr. 1. 

Wie der titel besagt, ist das werk aus Vorlesungen her- 
vorgegangen, die der bekannte vf. nicht lange vorher an der 
Sorbonne gehalten ; es hat die form von legons, in ganzen 32, 
behalten, und ebenso ist der inhalt wesentlich unverändert ge- 
blieben, ausser dass die erforderlichen noten mit den citaten 
sowie einige anhänge hinzugekommen sind. Behandelt wird 
der einfluss des hellenismus auf die gallische bez. französische 
bildung von den zeiten der Massalioten an bis auf die erste re- 
volution; einiges ist kürzer, anderes ausführlicher dargestellt, 
je nachdem der Verfasser genügende vorarbeiten fand, auf die er 
verweisen konnte, oder selbst erst das material zusammenzustel- 
len und zu verarbeiten hatte. Ausser einer lebendigen und an- 
genehmen darstellung zeichnet sich das werk einerseits durch 
ausgedehnte gelehrsamkeit und bücherkenntniss, andrerseits durch 
strenge und nüchterne kritik aufs vortheilhafteste aus. Egger 
beginnt seine darstellung nicht früher, als er auf festem histori- 
schen boden steht; er bespricht in der höflichsten form, aber 
in der sache mit unbarmherziger strenge die vielfältigen be- 
hauptungen von direkt dem griechischen entstammenden de- 
menten in der französischen spräche und insbesondre in den 
provencalischen dialekten; ebenso klar und unbeeinflusst ist 
auch sein urtheil über die entwicklung der griechischen spräche, 
über das verhältniss des neugriechischen zum altgriechischen 
und über die vorzuziehende ausspräche des letzteren, über wel- 
che punkte im ersten und dritten anhange zum ersten bände ge- 
handelt wird. Das gebiet, über welches sich die darstellung sonst 
ausbreitet, ist ein sehr ausgedehntes : die litteratur in ihren sämmt- 
lichen gattungen, seit den ersten zeiten der renaissance, die 
spräche in ihren verschiedenen perioden ; in den anhängen zum 
zweiten bände kommt noch das Wiederaufleben der griechischen 
Studien im gegenwärtigen Jahrhundert nsch allen Seiten hin zur 
besprechung. Egger theilt nicht die von vielen auch in Frank- 
reich gehegte ansieht, dass das Studium des griechischen einer 
vergangenen zeit angehöre und gegenwärtig in abnähme und 
im verschwinden begriffen sei; im gegen theil glaubt er durch 
zahlen nachweisen zu können, dass vielmehr eine fortwahrende 
ausbreitung desselben stattfinde, und lebt überdies der Überzeu- 
gung, dass der werth der denkmäler des hellenischen Volkes 



Nr. 7. 206. Sammelwerke. 371 

unvergänglich sei und dass darum auch das Studium derselben 
niemals aufhören dürfe. 

206. Acta Societatis philologae Lipsiensis edidit Frideri- 
cus Ritschelius. 8. Tom. I. Lipsiae , in aedibus B. Gr. 
Teubneri. MDCCCLXXII. - XVIII und 414 s. — 2 thlr. 

Dieser in zwei heften ausgegebene band enthält abhand- 
lungen von mitgliedern der von Kitschi vor einigen jähren 
zu Leipzig gegründeten ßocietas phüologa ; in dem ersten hefte 
(1871 erschienen) steht voran die widmung des herausgebers: 

Dis manibus 
Godofredi Hermanni 
Saxonis 
C a r o 1 i E, e i s i g i 
Thuringi 
verae severaeque artis 
luminum atque custodum 
superstes pietas discipuli 
sacrum esse voluit. 

Dann folgt ein vorwort von Ritschi, in welchem er kurz das löbliche 
unternehmen durch hinweisung auf ähnliche Sammlungen, wel- 
che seit 1801 in Leipzig durch leipziger philologen veröffentlicht 
sind, rechtfertigt; darauf die abhandlungen I — >VI: dies der erste 
fasciculus, dem andere folgen sollen, si primus, id quod spera- 
raus, harum verum peritis non displicuerit. Und diese hoffnung 
hat nicht getäuscht, da das zweite heft (1872) schon da ist: 
in ihm stehen, wiederum nach einem kurzen vorwort Kitschl's, 
in dem weiter unten anzugebende nachtrage zu einigen auf- 
sätzen des ersten heftes enthalten sind, die abhandlungen VII — 
XI nebst einem index locorum. Die abhandlungen sind : 

I. Certamen quod dicitur Homeri et Hesiodi: e codice 
Florentino post Henricum Stephanum denuo eclidit Fridericus 
Nietzsche Numburgeusis (nunc Basileensis) p. 1 ; II. isigoni Ni- 
caeensis de rebus mirabilibus breviarium: e codice Vaticauo nunc 
priraum edidit Eroinus Rohde Hatnburgensis (nunc Kiloaiensis), 
p. 25, dazu vrgl. fasc. II, praef. p. vn; III. Quaestiones Ful- 
gentianae (cap. I et II): scripsit Aemilius Jungmann Thuringus 
(nunc Freibergensis), p. 43, dazu vrgl. fasc. II, praef. p. yu; 
IV. floovaeXeip: ein kritisch - etymologischer verbuch von Wil- 
helm Clemm in Giessen, p. 75; V. Satura critica: scripsit Guh 

24* 



372 206. Sammelwerke. Nr. 7. 

lelmus Röscher Gottingensis (nunc Budissinensis) p.91, vrgl. dazu 
fasc. II, praef. p. vm; VI. Emendationes Taciti qui fertur dia- 
iogi de oratoribus: scripsit Georgius Andresen Holsatus (uunc 
Berolinensis) p. 108, vrgl. dazu fasc. II, praef. p. vni; VII. 
Quaestiones Sallustianae maxiine ad librum Vaticanurn 3864 
spectantes scripsit: Alfredus Weinhold Dresdensis, p. 183; VIII. 
De incisionibus anapaesti in trimetro comico Graecorum : scripsit 
Curtius Bernhardi Lipsiensis (nunc Zittaviensis), p. 243; IX. 
Observationes criticae in Dionysii Halicarnassensis Antiquitates 
Komanas: scripsit Carolus Iacobiy Borussus Memelensis (nunc 
Dresdensis), p. 287 ; X. Die handschriften von Claudian's Raptus 
Proserpinae : von Ludwig Jeep aus Wolfenbüttel (jetzt in Leip- 
zig), p. 345; XL Miscella critica ad Aeschylurn, Euripidem, 
Mimnermum, Thucydidem, Ciceronem, Livium , Tacitum spec- 
tantia ; scripserunt Otto Sievers Brunsvicensis, Justus Sigismund 
Lipsiensis, Walterus Gilbert Dresdensis et F. ß., Carolus Brug- 
mann Mattiacus, Theodorus Forssmann Archangelopolites, Ludovi- 
cus Mendelssohn Oldenburgensis , Edmundus Lammert Tburingus 
Sondersbusanus, Theodorus Opitz Dresdensis, Ernestus Wezel Saxo 
Limbacensis, eques crucis ferreae, p. 391. 

Die einzelnen abbandlungen sollen, wie scbon bei einer 
gescbeben (s. ob. p. 349), einzeln besprocben werden ; da dazu 
die Miscella critica (nr. XI) sieb niebt eignen, beben wir zu ih- 
rer cbaracterisirung ein paar stellen beraus : Aescb. Pers. 228 

sagt Atossa: 

•zavta ö", mg icpießat, 

nävta &tJgo[a,ev &soiai toig r' ti'to&e yrjg giiloig, 

evt uv elg olxovg fxoXcofisf 
Sievers will cp&itoig statt qCXoig: allein dagegen scheint vs. 220 
davTEQot' ös XQV X°u-£ || Y Vi Tl yat cpüitcug xwadai zu sprechen; 
nicht an Darius, wie nach Schütz auch Sievers will , muss bei 
cpi'Xoig vorzugsweise gedacht werden, sondern auch an die erde, 
weshalb 1% wohl besser geschrieben würde, mit grossem an- 
fangsbuchstaben. Weiter will Sievers Choeph. 91. 92 ohne ge- 
nügende gründe streichen: denn diese ganz an ihrer stelle ste- 
henden verse schliessen die zweite masse der symmetrisch ge- 
gliederten rede ab: deshalb wiederholt vs. 92 den vs. 87 Ti'^p'cp 
— so ist wegen vs. 92 zu schreiben — %?ovc>a xtX., wie vs. 
100 Ttjg o° iau htI. den vs. 86 nofinn} y.rX. Das schwanken der 
Elektra wird so klar geschildert. Dagegen erscheint gelungen 
die von Kitschi selbst vorgetragene emendation W. Gilberts in 
Eur. Cycl. 326 nXiwv statt des überlieferten ninlov : den vs. 



Nr. 7. 206. Sammelwerke. 373 

325 dagegen durch dntrvfxsvog' iyysXwv r« yantfQ 1 vjttCav ktX. 
zu heilen dürfte kaum glücklich sein, da meines erachtens vn- 
ziog geschrieben und das mit Inezrumv verbunden werden muss: 
■yuatrjo vnria ist hier gar nicht zu denken , da eine solche 
sich doch übergeben müsste, etwas, was ein Kyklop schwerlich 
thut. Für Iv aityovti freilich weiss ich bis jetzt auch keinen 
rath. Auch E. Brugmann's behandlung von dem so schwie- 
rigen Mimn. fr. 1 scheint mir das richtige nicht zu treffen : 
er meint dem fragment durch änderung von u in oig vs. 4 auf- 
zuhelfen ; es wäre gut gewesen , hätte der verf. — was übri- 
gens auch sämmtlichen Verfassern der miscellen ans herz zu 
legen — eine Übersetzung beigefügt : er würde sonder zweifei 
dann selbst das ungefüge der von ihm geschaffenen rede be- 
merkt haben. Aber er konnte überhaupt deshalb zu keinem 
befriedigenden resultat gelangen, weil er trotz meiner mahnung 
in Piniol. XIX, p. 664 dies fr. 1 für ein in sich abgeschlosse- 
nes gedieht hält: es fehlt in ihm doch jede gliederung, au- 
sser vs. 5 jede andeutung neuer theile. Meines erachtens sind 
vs. 1. 2 als ein für sich bestehendes fragment anzusehen und 
also vom folgenden ganz zu trennen: denn, wie Plutarch. de 
virt. mor. c. 6, Apost. XVI, 61c darthun , standen diese verse 
in Anthologien allein-, ferner wie das fehlen der vss. 3 — 10 bei 
Trincavellus zeigt, stand in alten handschriften des Stobäus 
vor vs. 3 rov ainov ; endlich geben vs. 1. 2 auch für sich einen 
sinn. Damit haben wir eine ganz neue basis für die behandlung 
von vs. 4 gewonnen: er muss nämlich eng mit vs. 3 zusam- 
menhängen-, da nun AB n "\ßr\g av&ea, Arsenius aber Viol. X, 
11 (nach meiner Zählung) i]ßrjg eiv av&si geben, so ist Sauppe's 
uv yßt]? ap&si das richtige; darin aber geht auch Sauppe mit den 
andern fehl, dass er mit vs. 4 den anfang von vs. 5 avdQciaiv 
qds yvvai^lv verbindet: denn da diese Verbindung mit dem vo- 
rigen nie einen vernünftigen sinn giebt, so folgt, dass hier verse 
ausgefallen, die 1) die lieblichkeit der blüthenreichen Jugendzeit 
schilderten, darauf 2) ausführten, wie das alter der männer wie 
frauen nichts wünschenswerthes enthielte , vrgl. fr. 2, 9. fr. 3 : 
dazu Theogn. 1009 ov yar> avqßäv A)g ntXsrui ngog &EK>r, und 
dürfte auch ib. vs. 1066 sq. auf solchen sinn sich beziehen und 
darnach herzustellen sein: darauf folgte dann die uns erhaltene 



374 Theses. Nr. 7. 

klage über das alter, wodurch denn in dem ganzen ein anklang 
an fr. II erreicht wird. 

Dock ich muss kier abbrecken: nur einer kurzen, trocknen 
anzeige kalber blickte ich in die miscellen und — gerathe so- 
fort ins disputiren und recensiren : doch wohl ein beweis , wie 
viel des anregenden und guten hier geboten wird. Daher möge 
in aller kürze der freude über*diese Zeugnisse von Ritsckl's 
auch in Leipzig wieder so glänzend sick bewährender lehrerthä- 
tigkeit ausdruck gegeben werden : jetzt, wo der erspriesslicken 
Wirksamkeit des classischen philologen an der Universität durch 
reglements und examina und zeitströmungen grössere Schwierig- 
keiten als je entgegensteken, muss ein solches wirken, wie es 
kier hervortritt, um so höher geschätzt, um so lauter aner- 
kannt werden : möge es also Eitschl'n gegönnt sein, noch lange 
trotz aller kleinlicken und mit nichts viel lärm machenden geg- 
ner und neider seine für die wahre philologie so segensreiche 
thätigkeit rüstig und mit bestem erfolg fortzusetzen. 

E. v. L. 

THESES quas consensu et auctoritate amplissitni philoso- 
phorum ordinis in . . universitate Friderica Guilelma . . 
d. XVI m. Marti MDCCCLXXII publice defendet auctor Sa- 
muelis Herrlich: 1. in Tac. dial. de Orat. c. 19 legendum 
est : nam quatenus antiquorum admiratores nunc velut terminum 
antiquitatis constituere eumque Cassium S everum faciunt 
quem et q. s. ; 2. Ps. Xenoph.d. r. p. Ath. I, §. 5 scribendum 
est: svi rovrotg röov av&Qnncov : 3. ibid. II, §.3 verba sie 
transponencla sunt: al fxsv fimgal 8ia df.og aoyovTca, al 8? [if- 
yälai navv 8ia xqsiccv: 4. apud Spart. Vit. Getae c. 2 scriben- 
dum est : ex formulario forensi. 

— quas . . in universitate Gryphiswaldensi . . d. 
XXVI m. Aprilis a. MDCCCLXXII publice defendet Paulus 
Giese: 1. Mart. Ep. XIV, 114 sie legendum esse censeo: 

hanc tibi Cumanae rubieundam pulvere terrae 
Municipem misit casta Sibylla suam. 
2. Liber XII epigrarnmatum a. 102 p. Chr. n. editus est; 3. 
Tac. Dial. de Orat. c. 10 scribendum est: ut si in Grraecia na- 
tus esses, ubi ludicras quoque artis exercere honestum est, ac tibi 
Nicostrati robur ac vires du dedissent, non paterer immanes istos et 
ad pugnam natos laecrtos levitate iaculi aut disci vancscere : 
iactu enim vocabulum ex dittographia ortum delendum est. 

— quas amplissimi philosophorum Marbur gens iura or- 
dinis auctoritate . . <1. XIV m. Maii MDCCCLXXII publice 



Nr. 7. 207—218. Neue bticher. — Bibliographie. 376 

defendet Adolphus Steubing: 1. vs. Terentianus Eun. III, 
5, 12 hac ratione sanandus esse videtur : 

Ad. Quid taces? Ch. o festus dies huius hominis! a 

amice, salve: 
Nemöst quem' cett. ; 
3. genetivus singnlaris substantivorum secundae declinationis 
in ius et zum terminatorum antecedente consonanti etiam e scri- 
bendi usu temporum imperatorum simplici litera i exarandus 
est; 5. Hör. Epist. 1, 5, 9 verbis eras nato Caesare festus Dat 
veniam somnumque dies, non C. Iulii Caesaris sed Caesaris Au- 
gusti diem natalem designari existimo ; 7. locum Mecleae euri- 
pideae vss. 1386 — 88 Nauckio iure suspectum (cf. Eur. Stud. 
1, p. 138) ita emendari posse iudico, ut vs. 1387 secludatur. 

NEUE AUFLAGEN. 207. Platon's auserwählte Schriften. 
Erklärt von C h. Cron und J. Deuschle 1. thl. 5. aufl. 8. 
Leipzig. Teubner; 9 gr. — 208. Taciti historiarum libri qui 
supersunt. Schulausgabe von C. Heraus 1. bd. 2. aufl. 8. 
Leipzig. Teubner; 15 ngr. — 209. M. Tullii Ciceronis Cato 
maior de senectute. Für den schulgebrauch erklärt von G. 
La hm eye r. 3 aufl. 8. Leipzig. Teubner; 5 ngr. — 210. 
A. F. St en zier, elementarbueh der Sanscrit- spräche. Gram- 
matik, text, Wörterbuch. 2. aufl. 8. Breslau. Melzer ; 1 thlr. 

NEUE SCHULBUECHER. 211. G. Böhme, aufgaben 
zum übersetzen ins griechische. 4. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 
24 ngr. — 212. II. Warschauer, die syntax der lateini- 
schen spräche. 8. Jena. Frommann; 12 ngr. — 213. M. 
Seyffert, scholae latinae. Beiträge zu einer methodischen 
praxis der lateinischen stil - und compositionsübungen. 2. thl. 
die chrie. 3. aufl. 8. Leipzig. Holtze; 1 thlr. 10 gr. — 
214. E. Dorschel, lateinisches Übungsbuch für die untern 
classen der gymnasien und realschulen. 1. cursus. Für sexta. 8. 
Jena. Frommann; 8 ngr. — 215. H. Warschauer, mate- 
rialien zur einübung der lateinischen syntax. 8. Jena. From- 
mann; 18 ngr. — 216. M. Meiring, Übungsbuch zur latei- 
nischen grammatik für die unteren classen der gymnasien, real- 
und bürgerschulen. 1. abth. 8. Bonn. Cohen und söhn; 10 
ngr. — 217. F. Wyss, leitfaden der Stilistik. 3. aufl. 8. 
Bonn. Dalp.; 5 ngr. — 218. F. A. Heinichen, deutsch-la- 
teinisches Schulwörterbuch. 2. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 1 
rthlr. 18 ngr. 



BIBLIOGRAPHIE. Nach Börsenbl. nr.132 ist der Verfasser 
der broschüre: „Hartmann's philosophie des unbewussten. Ein 
schmerzensschrei des gesunden menschenverstandes von J. C. 



376 Bibliographie. Nr. 7. 

Fischer". Lpzg. Wiegand, ein buchhändler dieses namens 
in Wien. 

Verlag von L. Heimann in Berlin, Wilhelmstr. 84: Hi- 
storisch-politische bibliothek ,,oder Sammlung von hauptwerken 
aus dem gebiete der geschichte und politik alter und neuer 
zeit; in wöchentlichen heften zu 5 sp.: darunter: Grützma- 
cher über die erste dekade des Titus Livius; Winckelmann 
geschichte der kunst des alterthums nebst einer auswahl seiner 
kleinem Schriften. Mit biographie und einleitung versehen von 
Dr J. Lessing. 6 hefte, 1 thlr. — Philosophische biblio- 
thek oder Sammlung der hauptwerke der philosophie alter und 
neuer zeit. Unter mitwirkung von namhaften gelehrten heraus- 
gegeben , beziehungsweise übersetzt , erläutert und mit lebens- 
beschreibungen versehen von J. H. von Kirch mann: wö- 
chentlich ein heft zu 5 sgr. : darunter Aristoteles Poetik, über- 
setzt von Ueberweg, Metaphysik übersetzt von J. H. v. 
Kirchmann, drei bücher über die Seele von demselben; 
Plato's staat. 

Rom. Die J. Sp ithö ver'sche buchhandlung (W. Haass) 
fährt der Ungunst der zeit ungeachtet mit anerkennenswerthem 
eifer fort, dem literarischen verkehr zwischen Italien und Deutsch- 
land durch den verlag gediegener werke ehre zu machen. Das 
bezeugen von neuem zwei so eben von ihr veröffentlichte opera 
postuma von Angel o Mai, deren inhalt wir hier kurz anfüh- 
ren: Novae patrum bibliothecac ab Angel o card. Maio editae 
tomus octavus a. J. Cossa monacho Basiliano absolutus, continens 
in parte I: S. Theo d ori Studitae epistolas et fragmenta , in 
parte II: Georgii Metochitae diaconi historiae dogmaticae li- 
brum I et II, in parte III: SS. Simeonum Stylitarum ser- 
mones et S. Isaaci Syri epistolam , das ganze ein quartband 
von 664 s. Das zweite werk giebt auf 268 s. zwei ausführ- 
liche nachtrage: 1) Appendix ad opera edita ab Angelo Maio S. 
R. E. presbytero cardinali continens quaedam scriptorum veterum 
poetica, historica, philologica e codd. collecta (O r estis fabida ab 
Enoch Asculano reperta, de Dracontio poeta meritum, epimetrum 
de epitome Valerii Maxim i et Auli Gellii, Blossii Aemilii 
Dracontii V. C. raptus Helenae, ad Draco ntii poema de 
laudibus Dei collatio cod. Vaticani h855, de Chalcidii commento 
in Horatii carmen, de Dr acone normannico monitum, Draco 
normannicus, carmina varia , Petronius Arbiter de antiquis di- 
ctionibus, Imagontes de vetustis vocahdis , Viceconitum Esten- 
lisque familiae veteris affinitatis diuturnae amicitiae ac muftä prae- 
sidii memoria Georgii Merulae , S. Gregorii Papae VII vita 
Onuphrio Panv inio auctore , historia Brittonum edita ab ana- 
choreta Marco ciusdem gentis episcopo, Virgilius gr ammati- 
cus de octo partibus orationis, eiusdcm epitomae Vergilii ; 2) 
Appendix altera ad opera edita ab Ang. Maio S. R. E. presbytero 



Nr. 7. Kleine philologische zeitung. 377 

cardinali continens loh. Scoti Er igen ae expositiones super hie- 
rachias caelestes sancti Dionysii. — [Augsb. Allg. Zeit. beil. zu 
nr. 161]. 

Mittheilungen der verlagshandlungB. G. T eubner in Leip- 
zig 1872, nr. 2 : enthält in ihrer ersten abtheilung notizen über 
künftig erscheinende werke folgendes : über die spräche der 
Etrusker von W. C o r s s e n : genaue angäbe des inhalts mit 
dem schlusswort: ., diese Untersuchungen haben zu dem ergeb- 
niss geführt , dass das etruskische eine rein italische spräche 
ist , durch innige blutsverwandtschaft verbunden mit dem latei- 
nischen, umbrischen und oskischen , so regelmässig und sinn- 
reich in lautgestaltung und formenbildung wie jede der ver- 
wandten sprachen". — Untersuchungen über das System Platon's 
von Dr D. Peip ers. 1. abth.: die platonische erkenntnisstheo- 
rie : Inhaltsangabe vom vrf. : diese 1. abth. beschäftigt sich vor- 
zugsweise mit dem Theätet. — Demosthenis de corona oratio. In 
usum scholarum ed. J. H. Lipsius: ist darauf berechnet acade- 
mischen Vorlesungen zur grundla?e zu dienen. — Anthologia 
latina epigraphica ed. Fr. Buecheler : als probe sind Pro- 
gramme des vfs u. a. zu betrachten (s. Philol. Anz. II, nr. 1, 
p. 18). — Die conjunction quorn etymologisch und syntak- 
tisch untersucht von Dr G. Autenrieth. 

Bibliorum sacrorum graecus codex Vaticanus. T. III cora- 
plectens libros psalmorum , proverbiorum, ecclesiastae . cantici, 
lob, Sapientiae Salomonis et Sirach. gr. fol. Eom. ; 40 thlr. : 
bei Brockhaus Sort. in Leipzig zu haben. 

Cataloge von antiquaren: verzeichniss nr. 149 des antiqua- 
rischen lagers von H. Härtung in Leipzig, „vermischte Schrif- 
ten" enthaltend; Lang und Ein sie' s buchhandlung in Wien, 
antiquarischer catalog nr. 7, philosophie und theologie ; Ren- 
tel, buchhandlung in Potsdam, antiquarischer catalog nr. 22, 
theologie und philosophie; schweizerisches antiquariat in 
Zürich, nr. 42, Sprachwissenschaft. 

KLEINF PHILOLOGISCHE ZEITUNG. „Zur erinne- 
rung an Dr Ludwig Schweiger": eine A. E. unterzeichnete 
kurze biographie des am 23. april in Göttingen verstorbenen 
bibliothekars und professors in Petzholdts anzeiger für bi- 
bliographie heft 6. 1872. 

Heinrich Lämmert buchhändler in Rio de Janeiro 
wurde von dem grossherzog von Baden in anerkennung seiner 
Verdienste um die Sammlungen für die verwundeten in dem 
deutsch -französischen kriege mit dem erinnerungskreuz von 
1870 und 1871 decorirt. [Börse nbl. nr. 140.] 

Coblenz. Zu Acron. Im Philol. Anz. 1872, 3 (p. 127) 
wird von mir berichtet, ich hätte als äusserste zeitgrenze für 



378 Kleine philologische zeitung. Nr. 7. 

Acron saec. IV.— IX aufgestellt. Ich habe diese ungefähre 
Zeitbestimmung in ermangelung einer bestimmteren für den ano- 
nymus der sogenannten Vita II angenommen, indem ich mich 
hauptsächlich darauf stützte, dass sie jedenfalls jünger als Acron 
sein müsse, und ausführte, dass mir die annähme KelJer'Sj diese 
Vita rühre sammt dem grössten theil unserer acronischen scho- 
lien von Fabius Placiades Fulgentius her, nicht stichhaltig er- 
scheine. Ich ging dabei von der annähme aus, dass Hele- 
nius Acron in die zeit des Iulius Eomanus (um 200 p. Chr.) 
gehöre und wahrscheinlich wenig älter als Pomponius Porpby- 
rion sei (p. 12 : Verumtamen Acronem saeculi tertii p. dir. n. 
mitio vel altero extremo fuisse non modo Schottmuellero ferocius re- 
pugnare meum non est , sed Porphyrione Acronem paulo superiorem 
fuisse probabile mihi videtur). Die uns erhaltene recension der 
scholien aber setzte ich p. 7 in's IX. oder X. Jahrhundert. — 
[E. Schiveikert]. 

In der sitzung der philosophisch-historischen classe der kaiser- 
lichen academie zu Wien am 15. mai a. c. wird über den inhalt 
der von Dr Ad. Horawitz eingesendeten abhandlung: ,,des 
Beatus Rhenanus literarische thätigkeit in den jäh- 
ren 1508 — 1531", folgendes mitgetheilt: die literarische thätig- 
keit des Beatus Rhenanus ist in eingehender, zusammenhängender 
darstellung noch nicht besprochen. So ansprechend auch die kurze 
abhandlung ,J. Mähly's (Alsatia 1856—57) ist, so erschöpft sie doch 
den stoff bei weitem nicht. In dem vorliegenden aufsatze sollteu 
vorerst eine genaue bibliographische aufzählung der werke des Rhe- 
nanus von 1508 — 1531, sowie eine besprechung der verschiedenen aus- 
gaben und kurze Charakteristik des werthes jener Schriften gegeben 
werden. Es ist die vornehmlich philologische periode des Rhenanus, 
die hier besprochen wird, jene epoche, in der er als herausgeber von 
classikern und kirchenvätern thätig ist. Hie und da konnten bisher 
gar nicht besprochene kleinere Schriften des rastlos fleissigen mannes 
beschrieben und charakterisirt werden. In diesem Zeitraum und in 
den kreis dieser abhandlung gehört die ausgäbe der Epistolae prö- 
verbiales des Faustus Andrelinus (1508) , die- abfassung der Vita J. 
Geileri (1510) , die edition einiger tendenziöser Sammelwerke (1510, 
1511), darauf folgten die ausgaben des Ludus L. Annaei Scnecae de 
morte Claudii , des Synesius de. laudibus caluitii (1515),, des Curtius 
Rufus (1518), Maximus Tyrius (1519), der Formulae familiarium Col- 
loquiorum des Erasmus (1519), der Panegyriker (1520), des Tertullia- 
nus (1521 und 1528), des Vellejus (1522), der Autores Historiae ec- 
clesiasticae (1523) und die Plinius-Emendationen (1526). Alle diese 
werke finden eine kurze besprechung ; zum Schlüsse wird die eigen- 
thümliche philologische methode des Rhenanus in den äussersten um- 
rissen dargestellt. 

Ferner legte in derselben sitzung prof. C o n z e mit einigen 
erläuternden worten über den stand des Unternehmens die erste 
kupfertafel der mit Unterstützung der kaiserlichen akademie vor- 
bereiteten und für die denkschriften bestimmten publication : 
, römische bildwerke einheimischen fundorts in 
O esterreich" vor. — Zugleich überreichte derselbe für die 



ftr. 7. Kleine philologische zeitung. 379 

Sitzungsberichte einen aufsatz ,,über griechische grabre- 
liefs", der sich kritisch mit einem grabrelief in der Bibliotheca 
civica zu Triest und einem andern im Museo lapidario zu Ve- 
rona beschäftigt; den besondern anlass hierzu geben die mit 
beiden reliefs vorgenommenen fälschungen. Bei dem relief 
in Triest lassen sich diese fälschungen sehr bestimmt durch 
eine von Fourmont herrührende Zeichnung erweisen. Diese ist 
vor der jetzt mit dem relief vorgenommenen Umgestaltung ge- 
macht und ist, so sehr sie gegen Fourmonts treue in der wie- 
dergäbe eines bildwerkes zeugniss ablegt, werthvoll nach zwei 
Seiten hin, indem sie die später gefälschten theile noch nicht 
zeigt und dieselben somit verurtheilt, die an sich sonst anstös- 
sige inschrift dagegen als schon zu Fourmonts zeit vorhanden 
und so wahrscheinlich als echt sichert. — Bei dem veroneser 
grabsteine war schon früher der versuch gemacht ein in einer ge- 
fälschten beischrift irrthümlich auf den Eros Uranios bezogenes 
figürchen vielmehr als eine Sirene und damit zugleich die in- 
schrift um so deutlicher für gefälscht zu erklären. Den zwei- 
feln Stephani's gegenüber kann diese erklärung jetzt durch her- 
beiziehung eines griechischen grabsteins in Wiltonhouse bei Sa- 
lisbury und eines andern in der Calvert'schen Sammlung an 
den Dardanellen ganz festgestellt werden. 

In der Sitzung derselben classe vom 29. mai a. c. berich- 
tete Dr Kenner über zwei abhandlungen , deren erste den ti- 
tel „über eine griechische inschrift aus Erythrae", 
die zweite den titel „über die römische reichsstrasse 
von Virunum nach Ovilaba und über die ausgra- 
bungen von Win d i s ch- Garsten in b er ö s t err eich 

führt. Die erste abhandlung betrifft eine in dem alten Erythrae in 
Ionien gefundene raarniorstele mit griechischer inschrift, welche das 
kaiserliche münz- und antiken -cabinet durch die Vermittlung des 
contreadmirals ritter von Millosich im letzten herbste zu erwerben 
gelegenheit erhielt. Sie stammt aus dem ersten drittel des zweiten 
Jahrhunderts vor Chr. und enthält den volksbeschluss einer gemeinde, 
deren name zwar nicht genannt wird, aber aus veschiedenen krite- 
rien des denkmals selbst und aus einer andern schon bekannten de-- 
lischen inschrift mit grosser Wahrscheinlichkeit sich ergänzen lässt ; 
es war Mytilene auf Lesbos. Wohl wegen zeitweiliger schärfung 
des parteihaders, an welchem die einheimischen richter betheiligt 
sein mochten, ersuchten die Mytilenaeer die befreundete stadt der 
Erythraeer um aushülfe ; diese sandte einen gerichtshof bestehend aus 
zwei richtern und zwei unterbeamten. Am ende ihrer verdienstlichen 
thätigkeit wurden sie , sowie die stadt der Erythraeer selbst , durch 
unsern volksbeschluss mit verschiedenen auszeichnungen bedacht, be- 
lobungen, goldenen kränzen und mit dem officiellen mahl im pryta- 
neion; ausserdem erhielten die Strategen den auftrag, für die beiden 
richter auf Verleihung des bürgerrechts und des rechtes der gast- 
freundschaft anzustragen. Die antrage über diese punkte, die ihnen 
entsprechenden beschlüsse selbst mit der angäbe der motive und die 
ausführungsbestimmungen bilden die drei theile , in welche die in- 
schrift zerfällt. Es mangelt nicht an parallelen aus den griechischen 



£80 Kleine philologische zeitung. Nr. 7. 

inseln und den städten an der Westküste von Kleinasien; sie sind al- 
lerdings nicht zahlreich, lassen aber an der ähnlichen Stilisierung 
doch erkennen, dass sich ungeachtet der Verschiedenheit der orte eine 
gewisse gleichförniigkeit der behandlung solcher fälle gebildet habe, 
die letzteren also ziemlich häufig eingetreten sein müssen. Daher 
bietet auch die stele von Erythrae im einzelnen wenig neues dar. 
Es lässt sich aus ihr folgern, dass Mytilene eine der attischen sehr 
ähnliche Verfassung gehabt habe, was auch an sich wahrscheinlich 
ist, da es durch lange zeit, wenn gleich unter wechselnden Schick- 
salen ein wichtiges mitglied des attischen seebundes war. Statt der 
sonst üblichen auszeichnung von porträtstatuen an die fremden rich- 
ter wird hier die politie und proxenie verliehen. Auch eine ganz 
neue amtsperson taucht hier auf, der dikastogog , welcher als unter- 
ster beamter dem fremden gerichtshof beigegeben ist. Wie aus den 
motiven der beschlüsse gefolgert werden kann, hatte er die Obliegen- 
heiten eines sachverständigen zu erfüllen, um die richter in die nö- 
thige kenntniss über persönliche und tbatsächliche Verhältnisse in 
den strittigen dingen einzuführen und ihnen die fällung gerechter 
urtheile möglich zu machen. In sprachlicher beziehung ist die ver- 
mengung ionischer und aeolischer formen bemerkenswerth. Der 
entwurf der inschrift war im aeolischen dialecte abgefasst, die stele 
aber in Erythrae selbst von einem ionischen Steinmetz gearbeitet, auf 
dessen rechnung die meisten ionismen kommen mögen. 

Die zweite abhandlung bildet den ersten theil einer Untersuchung 
über die römische reichsstrasse von Virunum nach Ovilaba und über 
die ausgrabungen von Windisch -Garsten in Ober-Oesterreich. Kaum 
bei einem andern anlasse gehen die meinungen über die richtung 
der Strasse und die bestimmung der einzelnen orte so weit auseinan- 
der als bezüglich dieser route, für welche im Itinerarium Antouini 
bis auf die höhe des Pirn ganz andere Stationen genannt werden, als 
in der Peutinger'schen tafel; selbst da, wo in beiden die gleichen 
Stationen erscheinen (vom Pirn bis Wels) , sind die distanzangaben 
verschieden. Im wesentlichen dreht sich der streit um zwei punkte, 
ob die beiden quellen denselben oder theilweise verchiedene strassen- 
züge im äuge haben, dann ob der Rottenmanner- Tauern direct über- 
setzt oder im thale der Mur und des Paltenbaches umgangen worden 
sei. Nachdem aus keltischen Ortsnamen nachgewiesen ist, dass schon 
in vorrömischer zeit sowohl über den Pirn als den Tauern ein uralter 
Verkehrsweg geführt habe , wird das eigenthümliche verhältniss des 
Itinerars und der Tabula bezüglich dieser route einer eingehenden 
kritik unterzogen. Ihre ergebnisse laufen darauf hinaus , dass beide 
•quellen dieselbe Strasse darstellen und diese den Rottenmanner-Tauern 
direct übersetzt habe. Dabei lassen sich die spuren einer gründli- 
chen Umgestaltung erkennen , welcher die route zur zeit Alexander's 
Severus' unterzogen wurde. Die ältere, nur auf den dienst der staats- 
couriere berechnete eintheilung der tagreisen, die manche auffallende 
Ungleichheiten und Unbequemlichkeiten — die dritte und vierte nacht- 
herberge entfielen auf die höhe des Tauern und des Pirn — mit sich 
brachte , wurde späterhin zum vortheile des zahlreicher gewordenen 
reisepublicums abgeändert, indem die tagreisen gleichförmiger einge- 
teilt und die herbergen sämmtlich in die thäler verlegt wurden. 
Damit war eine Verschiebung der neuen Stationen um durchschnitt- 
lich fünf millia pussmim gegen die alten verbunden, welche sich aus 
der vergleichung der distanzangaben beider quellen mit völliger Si- 
cherheit nachweisen lässt. Der umstand, dass bei dieser Verschiebung 
die neuen Stationen südwärts vom Pirn auf andere Ortschaften entfie- 
len, als früherhin , während sie nordwärts desselben mit den alten 



jfr. 7. Kleine philologische zeitung. 381 

Ortsnamen erschienen, ist ein beweis, dass dort die römisch norischen 
ansiedlungen viel dichter neben einander standen , als hier , wo nur 
einzelne über lange Wegstrecken ausgedehnte Keltendörfer lagen; es 
lässt sich nachweisen, dass die heutige Ortschaft Klaus, welche zwei 
stunden weges lang sich hinzieht, genau mit den grenzen des alten 
Tutatio zusammenfällt. Nach den also gewonnenen anhalten wird 
eine neue bestimmung der orte versucht und zum Schlüsse die länge 
der ganzen und halben tagereisen Dach anderwärtigen parallelen be- 
stimmt, um eine neue grundlage für die bemessung der durchschnitt- 
lichen fahrgeschvvindigkeit der römischen post zu gewinnen. Sie 
stellt sich als eine im vergleich mit unseren heutigen begriffen ge- 
ringe heraus, indem — besondere fälle ausgenommen — bei einer 
täglichen fahrzeit von nur sechs stunden , im besten falle d. h. bei 
günstigem terrain, ein weg von 15 bis 1772 stunden länge, bei un- 
günstigem terrain von 6 bis 10 stunden zurückgelegt wurde. 

In Bergmann's Philosoph. Monatsheft. VIII, 1 findet sich 
ein aufsatz von E. B rat us ch eck Adolph Trendelenburg's 
Jugendgeschichte. 

8. juni ward in Dresden im japanischen palais ein denk- 
mal für J. J. Winckelmann im beisein mehrer minister ent- 
hüllt: es besteht aus einem von Brossmann modellirten , in 
bronze gegossenen reliefportrait, was auf einer platte von sächsi- 
schem serpentinstein eingesetzt und im treppenhaus zur öffent- 
lichen bibliothek eingefügt ist. Genaueres giebt Augsb. Allg. 
Ztg. beil. zu nr. 164. 

Stade, 20. mai. Der hiesige verein für geschiente und 
alterthümer erhielt im verflossenen winter die mittheilung, dass 
in der nähe von Nincop bei Neufelde im Altenlande bei 
gelegenheit des dort in ausführung begriffenen chausseebaues 
Pfahlbauten aufgefunden seien. Die eingezogenen erkundi- 
gungen haben folgendes ergeben: in der nähe von Nincop zieht 
sich in einer breite von ca. 100 bis 200° östlich, d. h. rechts- 
seitig von der erte und parallel zu dieser eine sumpfige niede- 
rung hin, welche sich von der Geest bis zur Elbe erstreckt und 
vermuthlich ein zugeschlemmter ertearm ist. In der niederung 
befindet sich eine in der marsch sehr vereinzelt dastehende er- 
scheinung, nämlich eine aus reinem körnigen geestsande beste- 
hende anhöbe, die bei einer stärke von 6 fuss etwa 2 morgen 
fläche hat. Unter dieser sandbedeckung sind nun bei jenen 
erdarbeiten spuren eines alten pfähl baues aufgefunden , dessen 
Überreste , so weit sie sich in dem feuchten und moorigen Un- 
tergründe befanden, sich wohl erhalten zeigten. In der nähe 
dieser pfähireste, namentlich in der mit sand bedeckten rnoor- 
schicht, hat man ausserdem noch Scherben, gebrannte ziegel, 
knochen,' zum theil in versteinertem zustand etc., gefunden. 

Aargau. Das ,, Tagblatt" berichtet über interessante ent- 
deckungen, die kürzlich wieder bei den erdarbeiten auf dem 
kurhausplatze von den Baden gemacht wurden. So grub man 
in den letzten tagen eine römische topfbrennerei aus. Der 



882" Kleine philologische zeitung. Nr. f. 

töpferofen hat eine länge von 6 bis 7' und ist eben so breit 
und etwa 6 bis 7' hoch. Er ist aus ziegelstücken aufgemauert, 
mit einem grösseren gewölbe von etwa 3' höhe und 2' linien 
breite, von welchem rechtswinklig horizontal nach jeder der 
beiden Seiten hin je 3 züge auslaufen von 3 bis 4" weite und 
2' höhe. Die züge, sowie die innere wand des gewölbes sind 
meist noch mit lehm ausgestrichen. Dass es nicht eine ge- 
wöhnliche ziegelbrennerei war, beweisen die kleinen dimensionen 
der anläge, während für eine töpferei in der nähe befindliche 
häufen von grösseren und kleineren scherben zeugen. Ziemlich 
häufig sind auch grössere, zwei mass haltende becken , in der 
form unserer milchbecken, zu finden. Wie die gefundenen Über- 
reste zeigen, wurden geschirre gemacht aus gewöhnlichem lehm 
und aus feinem thon. Der hals einer aufgefundenen amphore 
mass 3 x /2" durchmessen 

Regensburg, 9. juni. Die erdarbeiten, welche aus ver- 
anlassung der bauten der ostbahn und Donauthalbahn in unmit- 
telbarer nähe der Stadt vorgenommen werden, fördern bestän- 
dig eine erhebliche zahl von römischen gr abstatten zu 
tage. Die Sammlungen des hiesigen historischen Vereins, der 
dieselben überwacht, haben daher erhebliche Vermehrungen , na- 
mentlich an aschenurnen der verschiedenartigsten gestalt , thrä- 
nenfläschchen, grablämpchen von der einfachsten bis zur kunst- 
reichsten form erhalten; besonders bemerkenswerth ist die auf- 
findung kleiner glöckchen von eisen oder bronze. Die partien, 
welche gegenwärtig zur aufdeckung gelangen, bergen die gräber 
aus dem ende des 2. Jahrhunderts, wie man nach den aufge- 
fundenen münzen, welche den kaisern aus jener zeit angehören, 
schliessen darf. Als ein interessantes resultat ergiebt sich aus 
den beobachteten ausgrabungen die Überzeugung, dass das ver- 
brennen der leichen zu gleicher zeit mit dem beerdigen dersel- 
ben in gebrauch war ; freilich war die erstere art die bei wei- 
tem häufigere, so dass man ungefähr 25 brandstätten begegnet, 
ehe man eine unverbrannte leiche findet. Noch verdient bemerkt 
zu werden , dass an mehreren stellen quaderkonstruktionen zu 
tage gefördert wurden, welche offenbar als unterbau für monu- 
mente dienten, von denen manche reste, wie z. b. der wohler- 
haltene köpf eines greifen, zum Vorschein kamen. 

Aus Athen, 8. juni, schreibt man: ein interessanter ar- 
chäologischer fund wurde vor einigen tagen hier bei Hagia 
Trias gemacht, nämlich eine säule mit inschriften , welche ihrer 
läge nach die glänze zwischen dem äussern und innern Kera- 
meikos bildete. In der nähe wurden die fundameute eines 
grossen thores, höchst wahrscheinlich des dipylon , an den tag 
gelegt. Die hiesige archäologische gesellschaft, welche die aus- 
grabungen leitet, wird darüber eine dissertation veröffentlichen. 

Der kämpf des Staats mit der katholischen kirche nimmt, 



Nr. f. Kleine philologische zeitung. 383 

wie es scheint, immer grössere dimensionen an, greift daher 
natürlich auch tief in die Verhältnisse der schule und das we- 
gen der Wissenschaft ein. Um zu zeigen, wie in Oesterreich 
als einem katholischen lande der kämpf geführt wird , machen 
wir auf den bei uns wohl weniger bekannten, in Wien erschei- 
nenden „Sonn- und Fei er tags- C ouri er " aufmerksam : er 
hat z. b. in nr. 27 vom 20. mai einen die ,,aussöhnung mit 
Rom" überschriebenen artikel, in dem es unter anderm heisst : 
„mit dem ultramontanismus giebt es nur einen einzigen modus 
vivendi, und dieser ist: strenge aufrechthaltung der gesetze ohne 
Schonung der würden oder titel, und Währung der staatsautori- 
tät gegenüber der clericalen anmaasung: jeder andre weg führt 
unvermeidlich zur demüthigung des Staats, zur Verletzung der Ver- 
fassung, zur reaction". In derselben nummer ferner, dann in nr. 
29. 31, ist von einem katholischen geistlichen unter dem titel: 
„die bischöfe und ihr Wirkungskreis" die jetzige Stellung der 
bischöfe einer strengen kritik — anch mit rücksicht auf die 
schule , auf den Unterricht in alumnaten und knabensemina- 
ren — unterzogen-, endlich in nr. 30 ,,das verhältniss zwischen 
kirche und staat" besprochen, dabei die prunksucht bei pro- 
cessionen u. dergl. getadelt, der verfall der katholischen kirche 
überhaupt geschildert und abhülfe verlangt: ,,mit dem populär 
gewordenen schlagworte „trennung des Staates von der kirche" 
ist blutwenig gesagt , zu seiner durchfuhrung wenig geholfen, 
wenn dieser trennung nicht radicale reformen vorangehen. So 
müsste vor allem andern den bischöfen jede art von staatsrecht- 
licher autorität entzogen werden : die priester müssen privat- 
und nicht amtspersonen sein" .... „Eine weitere consequenz 
wäre, dass die guter der kirche nicht mehr den bischöfen zur 
freien Verfügung überlassen, sondern dass dieselben ihren eigent- 
lichen eigenthümern, den kirckeugemeinden, zurückgegeben wer- 
den" .... „Wollen wir auf kirchlichem gebiete etwas wahr- 
haft erspriessliches schaffen, dann müssen wir die autonomie 
der katholischen kirchengemeinde auf unsre fahne 
schreiben. Die gemeinde muss ihre priester frei wählen und 
absetzen können, sie muss das kirchengut verwalten und über 
ihr geistiges wohl und wehe berathen und beschliessen können. 
Dann brauchen wir keine ausnahmsgesetze gegen die Jesuiten, 
dann werden wir würdige priester finden, welche nur des erlö- 
senden wortes harren, um wahre, ehrliche und freie führer und 
berather ihrer gemeinden sein zu können". Dies um diese den 
extremen auch nicht fremde richtung zu charakterisiren : sie 
trifft auch mit Rüge zusammen: s. unt. nr. 8. 

Augsburger Allgemeine Zeitung nr. 161 : zum confhct zwischen 
der münchener Universität und dem kultusniiDisterium : betrifft in- 
fallibilistische professoren. — Nr. 162: Fr. Arnold Brockhaus: refe- 
rat über dessen biograpkie, — Beil. zu nr. 164: Römergräber bei 



384 Auszuge aus Zeitschriften. Nr. 7. 

Regensburg: s. ob. p. 382. — Nr. 165: Zusammenkunft der profes- 
soren aus Freiburg, Heidelberg und Strassburg in Baden-Baden. — 
Beil. zu nr. 166. 167: sonst und jetzt. Klar und wahr: anzeige von 
A. F. Quenstedt's populären vortragen über geologie. — Zur inschrif- 
tenfälschung in Jerusalem: kurze inittheilung von Socin. — Beil. 
zu nr. 168: „was wir von Frankreich lernen können"? anzeige einer 
broschüre dieses titeis von Sybel. — Nr. 169: die erzthüren von St. 
Paul und die Platon-herme von Tivoli: aufsatz von F. Piper, der 
auf die jetzt verschollene Herme aufmerksam macht. — Ausserord. 
beil. zu nr. 171: gründung einer neuen gesellschaft in Paris, Associa- 
tion fr an^aise pour l'avancement des sciences. — Beil. zu nr. 172: zeit- 
betrachtungen. — Ausserord. beil. zu nr. 172 : kurze notiz über Mordt- 
mann's studien über die geschichte Armeniens. — Nr. 173 : aus Ae- 
gypten ; vorzugsweise den process des marquis de Bassano betreuend. 
— Der neue etat für die Universität Bonn. — Beil. zu nr. 174: 
über nationale erziehung : anzeige der vom Verfasser der „briefe über 
berliner erziehung" unter diesem titel veröffentlichten schrift. — Nr. 
175: Ringseis contra Döllinger. — Nr. 176: zur characteristik der 
Jesuiten und ihres Stifters. — Beil. zu nr. 177: Robert Prutz f. — 
Beil. zu nr. 179 : Graf Montalembert über die Jesuiten — Münche- 
ner kunst. — Nr. 180: die ausweisung der Jesuiten und ihre 
gründe. — Denkmal des ministers vom Stein in Nassau. — Nr. 
181. 182: schule und kirche in Preussen. I. IL — Beil. zu nr. 
181: die serailsbibliothek und Kritobulos, von Tischendorf: erzäh- 
lung von der auffindung des werkes eines sonst nicht bekannten mön- 
ches aus Inibros, Kritobulos, welches die geschichte der eroberung 
Konstantinopels durcb Mahomed II enthält. — Beil. zu 184: nach 
dem griechischen Orient: von B. Stark. I. Vom Rhein zur Donau: 
beschreibung der reise von Heidelberg nach Wien. 

Nachrichten von der königl. gesellschaft der wiss. zu Göttingen: nr. 
1 : Th. Benfey, die sanskritische femininalendung km (vermittelst 
tkni) für tni von einem masculinoneutralem tna = dem griechischen 
tvo oder cJVo. 

Preussische Jahrbücher von H. v, Treitschke und W. Wehrenpfen- 
nig, bd. XXIX, heft 4: E. Fritze, zur reform des frühern Schulwesens, 
p. 396. — E. Üonze , vom berliner museum, p. 506: kurze anzeige 
von C. Friederichs Berlins antike bildwerke, bd. 2, Düsseldorf, 1871: 
C. Bötticher , erklärendes verzeichniss der abgüsse antiker werke. 
Berlin. 1871: Friederichs wird gelobt, nur die bitterkeit gegen Ger- 
hard getadelt, dagegen Bötticher's buch stark getadelt, erstens we- 
gen der anordnung des Stoffs, die im berliner museum ausgeführt ist, 
dann dass er seine ansichten überall und unmässig in den Vorder- 
grund gestellt , endlich , dass diese sehr häufig verfehlt seien : in der 
ganzen anzeige kann man animosität gegen Bötticher nicht verken- 
nen. Es ist das zu beklagen: grade von solchen catalogen gilt das 
naaw udtlv %alknöv. [Es wird Bötticher's buch im Anzeiger noch 
besprochen werden]. 

Z arncke, literarisches centralblatt , nr. 6: 31. Heinze , die lebre 
vom logos in der griechischen philosophie. 8. Oldenburg: sehr em- 
pfehlende anzeige von K. — Nr. 7: Pseudo-Callisthenes. Nach der 
leidener handschrift herausgegeben von H. Mensel. 8. Leipzig. Teub- 
ner ; anzeige. — W. Christ , werth der überlieferten kolonietrie in 
den griechischen dramen. 8. München: lobende anzeige. 



Nr. 8. August 1873. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Philologus 



Ernst von Leutsch. 



219. Sammlung der parallelstellen zum ersten buche der 
Odyssee. Aus dem nachgelassenen manuscripte des „Parallel- 
Homer" von Job.. Ernst Ellendt herausgegeben durch Georg 
Ellen dt. Progr. des königl. Friedrichs - collegiums. 4. Kö- 
nigsberg in Pr. 1871. 

Die absieht des herausgebers den im manuscript vollstän- 
dig vorhandenen Parallel-Homer seines vaters im ganzen her- 
auszugeben ist an der Schwierigkeit einen Verleger zu finden 
gescheitert, da die nicht unbedeutenden kosten der typographi- 
schen herstellung abschrecken, ein bedeutender gewinn aber bei 
diesem unternehmen wohl nicht in aussieht steht. Auch ein 
durch I. Bekker's Vermittlung gemachter versuch von der berliner 
academie eine beihülfe zu den druckkosten zu erlangen hatte 
keinen erfolg. Unter diesen umständen blieb nichts übrig, als 
einzeln mit der publication vorzugehen: und so liegt denn hier 
zunächst das erste buch der Odyssee vor, nach demselben prin- 
cip bearbeitet, welches der Verfasser selbst bei dem elften buch 
der Ilias (Joh. Ernst Ellendt drei homerische abhandlungen. 
Leipzig. 1864. p. 53 ff.) in anwendung gebracht hatte-, vorbe- 
reitet für den druck sind ausserdem A und r, sowie ?/. 

Wie sehr es nun zu bedauern ist, wenn dies mühsame 
werk langjähriger arbeit, wie es wohl nur deutscher fleiss und 
deutsche ausdauer zu stände bringen konnte, durch Ungunst der 
Verhältnisse zu einer stückweise erfolgenden publication verur- 
theilt ist, wird jeder empfinden, der darauf einen näheren, prü- 
fenden blick wirft. Der Verfasser hat sich nämlich nicht darauf 
beschränkt die halben und ganzen verse, die ganz oder fast 
gleichlautend sind , die Wiederholung derselben Wendungen und 
Philol. Anz. IV. 25 



386 219. Homeros. NV. Ö. 

formein oder umgekehrt das alleinstehen und die eigenartigkeit 
des ausdrucks zu verzeichnen, sondern er hat seine anfmerk- 
samkeit auch auf die Stellung der wort- und ausdrucksweise 
innerhalb des verses, auf die rhythmischen anklänge, die ety- 
mologischen formen, die syntaktischen constructionen , partikeln 
u. s. w. gerichtet und überall das gleichartige, wie das verschie- 
denartige verzeichnet. Von diesen Zusammenstellungen ver- 
sprach sich der verf. „eine nicht unwesentliche Unterstützung 
zur klärung, wenn auch nicht lösung der schwebenden fragen 
sowohl über die allmähliche gestaltung der beiden epopoeen, 
wie sie uns jetzt vorliegen, als über das fremdartige , das sie 
enthalten" : und gewiss ist nur auf solchem wege für die erör- 
terung dieser fragen eine feste grundlage zu gewinnen, die vor 
der Willkür subjectiven beliebens bewahren und zu annähernd 
sicheren resultaten führen kann. Aber auch abgesehen von die- 
sem dem Verfasser bei seiner arbeit vorschwebenden ziel wird 
das verständniss des dichters selbst durch solche Untersuchun- 
gen, wenn sie vollständig vorliegen, im einzelnen bedeutend 
gefördert werden können. Denn wie in gleicher weise vielleicht 
bei keinem andern Schriftsteller, bedarf es für das verständniss 
der homerischen gedichte der genauesten vergleichung des dich- 
ters mit sich selbst und vielfach giebt erst die Zusammenstel- 
lung des ähnlichen, abweichenden oder auch völlig verschiede- 
nen den einzelnen stellen ihr rechtes licht. Dass aber die für 
diese zwecke nothwendige Sorgfalt und genauigkeit die arbeit 
auszeichnet, lässt sich von vornherein von der auch sonst be- 
währten akribie des Verfassers erwarten : absolute Vollständig- 
keit in den angaben zu verlangen wäre bei einer solchen arbeit 
nicht gerechtfertigt , und so wird trotz der Sorgfalt des Verfas- 
sers immer noch eine nicht ganz unbedeutende nachlese von 
parallelen gehalten werden können. So habe ich bei der durch- 
sieht des ersten buches folgendes bemerkt , was nachgetragen 
werden kann : v. 4 der versanfang no).Xa ö' eye = 1 541 ; 
v. 11 werden für das erste hemistich mehr parallelen angege- 
ben von Ameis im anhang zur stelle; v. 83 fehlt v. 239; v. 
115 zum versschluss ß 351; v. 122 ß 269; v. 146 zum ver- 
schluss <5 216; v. 149 8 218; v. 150 7 67; /* 308. 303. 7*480. 
B 432. *F57; v. 170 zum ersten hemistich >/ 238; zu v. 179 
giebt mehr Ameis im anhang zu £ 192; v. 296 kann zu ovde 



Nr. 8. 220. Antiphon. 387 

zi as %qtj hinzugefügt werden T 133., vgl. i 118. T 67. — 
Möge es dem herausgeber vergönnt sein, bald mehr nachfolgen 
zu lassen. 

C. Hentse. 

220. Arnold Hug, de arte critica in Antiphontis oratio- 
nibus factitanda. 4. Universitätsprogr. Zürich. 1872. 26 s. 

In der vorliegenden Schrift wird die oft behandelte frage 
nach dem gegenseitigen verhältniss und dem relativen werthe 
der handschriften des Antiphon von neuem einer besprechung 
unterzogen, und zwar tritt der vf. dem ref. gegenüber , welcher 
mit Mätzner den Oxoniensis bevorzugt , auf die seite Sauppe's, 
der diesen für willkürlich interpolirt und den Crippsianus A für 
den sichereren führer erklärt hat. Zunächst ist es nun dem 
vf. sehr zu danken, dass er durch einen früheren schüler, B. 
Sigg, den Crippsianus an ort und stelle vollständig neu hat 
vergleichen lassen, von welcher collation ein grosser theil in die- 
ser schrift mitgetheilt wird. Hug zeigt nun zuerst mit hinläng- 
licher evidenz, dass der zweite corrector des Crippsianus (A 2 ) 
nicht nach conjektur, sondern nach einer ihm vorliegenden 
handschrift emendirt hat, welche zu der familie ß (codd. BLZM) 
gehörte; zu dieser familie zählt sich folglich auch A 2 . Sodann 
aber behauptet er, dass die familie ß einen selbständigen werth 
neben A und N besitze — beweis sei die anzahl von ihr allein 
gebotener trefflicher lesarten — und stellt das stemma der hand- 
schriften so auf, dass von einer urhandschrift x einerseits das 
original von N und A (a), andrerseits das der familie ß (ß) sich 
herleitet ; zwischen a und N steht eine handschrift n, in der 
die angebliche Interpolation stattgefunden. Nun ist eine Selb- 
ständigkeit der klasse ß allerdings zuzugeben, ein selbständiger 
werth aber nur in äusserst geringem maasse, indem hier wirk- 
lich interpolation gewaltet hat. Was heisst denn eigentlich in- 
terpolation? Doch wohl hewusste freie änderung einer ver- 
derbten stelle, wodurch ein täuschender schein von unverderbt- 
heit hervorgebracht wird. So etwas hat in ß an zahlreichen 
stellen stattgefunden; dagegen was beim Oxoniensis interpola- 
tion genannt wird , ist von ganz andrer art und theils einfache 
verderbniss, theils nicht auf conjektur sondern auf handschrift- 
liche gewähr zurückzuführen. Hug zählt p. 19 f. die intet - 

25* 



388 220. Antiphon. Nr. 8. 

polationen des Oxoniensis auf; darunter befindet sich 2 a 
7 nu&[öT7]6ep aus na&i'atTjaiv (A und ß) — ist das ein do- 
ctus grammaticus, der so etwas schreibt? 1 , 3 an?i\i](i[i4Mp 
statt äaeilsifupiivcp (A), wogegen ß und A 2 das richtige cn.no- 
XeleiiApevq) bieten: ist hier interpolation, so ist das die les- 
art von ß, während in N lediglich die verderbniss um ein klei- 
nes weiter gegangen. Ganz ähnlich 2 a hypotb. reo loycp tqj 
TiQog MixCrtjv richtig A, Mvx/jvqv N, quod nomen grammatico 
notum erat, sagt Hug. Eichtiger librario , denn den kann ich 
nicht grammaticus nennen, der hier den namen einer Stadt hin- 
einbringt und unmittelbar vorher die leichte änderung von Av- 
Gi'q> in Avala (so auch A corr. 1 , A jpr. wie N) unterlässt. Und 
dieser selbe mann soll willkürlich die Wortfolge an zahlreichen 
stellen mit richtigem und feinem gefühl geändert, er soll 2/6 
ayäva statt xivbvvov , 2 y 2 nQoidövrsg statt iSövTsg willkürlich 
geschrieben haben, wo jeder schein eines zu bessernden ver- 
derbnisses fehlte. Ebenso 4Ö2 tolv o<y§a\\ioh statt zotg ocp&oü- 
fiois , während er unmittelbar darauf zoig caafv stehen Hess. 
Eef. hat an allen diesen stellen die lesart des Oxoniensis auf- 
genommen, an der letztern um so mehr, weil auch sonst tcocpa)ft(6 
oft, Too ocze dagegen seines wissens nirgends vorkommt; diesem 
Sprachgebrauch gemäss kann wohl Antiphon geschrieben, aber 
nimmer ein grammatiker gewöhnlicher art geändert haben. Hug 
seinerseits hält es für unglaublich, dass die lesart von ß in 5, «, 46 
i^eltjTat für e^slaiiai, oder die hinzufügung von dwa^ifimr 5, «, 
3 auf conjektur zurückgehe: besserungen, die spräche und sinn 
forderten, und die jeder grammaticus machen konnte. Ich muss 
nach wie vor meine ansieht dahin aussprechen, dass für die ab- 
weichenden lesarten in N die annähme einer auf conjektur und 
Willkür beruhenden interpolation keine zureichende erklärung 
ist, und dass dafür eine handschriftliche grundlage dagewesen 
sein muss. Wenn ich nun im Ehein. Museum XXVII, p. 92 ff. 
diese in beigeschriebeneu lesarten der urhandschrift suchte , so 
ist Hug, wiewohl er die existeuz von Varianten in derselben 
anerkennt, dadurch nicht befriedigt, indem sich nach seiner 
meinuug in A dann noch mehr spuren der doppelten lesart fin- 
den müssteu. Mir kommt wenig darauf an, wo diese lesarten 
gestanden haben , ob in « (wo sie nach der anfertigung von 
A eingetragen sein konnten , so dass der spätere Schreiber von 



Nr. 8. 220. Antiphon. 389 

N sie benutzte, der von A nicht) oder in n, der von Hug nach 
Scholl zwischen a und N eingeschalteten handschrift, an deren 
existenz ich übrigens zweifle : da x und a und n unbekannte 
grossen sind, so lässt sich am ende nichts so bestimmtes dar- 
über wissen. Aber nach der innern beschaffenheit der lesar- 
ten des Oxoniensis muss ich daran festhalten, dass sie nicht auf 
Willkür und conjektur beruhen können, und darnach ihre werth- 
schätzung für die kritik. Vor allem müssen wir, nach meiner 
auffassung, unbeschränktes misstrauen hegen wider die interpo- 
lirte klasse ß, und ich bedaure nur, in meiner ausgäbe hierin 
lange nicht weit genug gegangen zu sein. Z. bsp. 3 5 9 ha- 
ben a und A 2 o 8s xa&aobg 7?jg ah lag iäv diacp&ag^ , aber 
A pr. (Sigg) und N geben 6 5« xa&aQog rrjg alziag og 8s sav 
qi&agrj : aus dem og 8s wird n8s einzuschieben sein, während 
allerdings Siayüaoy beibehalten werden muss. 3 y 6 ff. hält 
Hug das von mir im Rhein. Mus. a. o. nach A pr. und N herge- 
stellte für unannehmbar und hält sich lieber an die lesarten 
von ß. Aber der interpolator, der sonst alles recht hübsch um- 
gestaltet hat, wird überführt an dem fiällov 8s sacov ovrs sßa- 
Xsv ovrs am'xTsive, wo seine Herstellung eine durchaus ungenü- 
gende ist. Hingegen die fassung in A pr. und N hat nur das 
eine, was eben Hug gegen sie einnimmt, dass sie mehr so- 
phistisch als logisch ist ; aber ist das ein grund dagegeu , hier 
bei diesen tetralogien? Vorher (§. 5) hat der Sprecher gesagt, 
dass er mit mehr recht auf absichtlichen mord klagen als der 
gegner die that ganz leugnen könne. Jetzt aber sagt er, dass 
der mord nicht absichtlich geschehen sei , aber doch eher die- 
ses als, wie jener behauptet, gar nicht. Das stimmt doch zu- 
sammen, und wenn er nun fortfährt, dass die that ebensogut 
(oi'x rjnnov) absichtlich als unabsichtlich sei, so ist das zwar 
keine folge aus dem vorigen, sondern ein sprung, aber als sol- 
cher innerhalb dieses ganzen recht wohl zu begreifen. 

Wenn ich übrigens auch in der cardinalfrage, der nach 
der autorität von N, und ebenso betreffs der relativen werth- 
schätzung von ß die ansieht von Hug nicht theilen kann, so 
darf doch dies die sonstige anerkennung der höchst sorgfältig 
gearbeiteten und bedeutende resultate bietenden schrift nicht im 
geringsten schmälern. 

F. Blass. 



390 221. Plautus. Nr. 8. 

221. Collationen des codex vetus Camerarii (B, biblioth. 
Vatic. cod. Palat. 1615) und des codex Ursinianus (D, Vatic. 
3870) zur Aulularia desPlautus. "Von Aug. 0. Fr. Lorenz. 
Berlin. 1872 (programm des kölnischen gymnasiums). 20 s. 4. 

Zu den mannigfachen Verdiensten, die sich Lorenz um kritik 
und erklärung des Plautus erworben, hat er mit der oben ange- 
gebenen Veröffentlichung ein ganz besonders dankenswerthes hin- 
zugefügt; denn nunmehr besitzen wir für eines der plautinischen 
stücke mehr und zwar für eines der interessantesten die voll- 
ständige critische grundlage. Die collationen machen durchaus 
den eindruck der höchsten Zuverlässigkeit und lassen nur in 
höchst seltenen und unwesentlichen fällen zweifei übrig : so II, 

2, 21 über die lesart von D, ob diese handschrift wirklich, wie 
bei Gronov (nach dessen ausgäbe sind die collationen angefer- 
tigt) nach Gruter's schlechter vermuthung steht, qui sibi und nicht 
vielmehr wie die übrigen qui iubi oder quin ibi giebt, ferner ob 
IV, 7, 7 in BD wirklich wie bei Gronov caussa steht ; von III, 

3, 6 giebt Ritschl bei Reifferscheid Sueton. Kell. p. 508 an, dass 
Ba Hern perii, Bb Temperi hat, Lorenz bemerkt nur, dass das T 
von zweiter hand, das übrige vielleicht schon von erster hand sei. 
Dass p. 7 z. 1 nach legibus ein si ausgefallen, lehrt z. 5 ; III, 6, 
24, wo als lesart von Ba uellemi angegeben ist mit der bemer- 
kung, dass durch ein übergeschriebenes gi daraus uel legioni 
gemacht sei, darf man wohl aus dieser bemerkung folgern, dass 
uellemi verdruckt ist aus uelleoni, wie Pareus und Schwarzmann 
angeben und auch die anderen handschriften haben ; II, 2, 
57 ist uumquam wohl auch nur druckfehler für numquam, wie 
deren ausser einigen falschen oder ausgelassenen zahlen noch 
II, 2, 64 in der lesart von D, II, 5, 7 und IV, 5, 1 in der 
von B vorzuliegen scheinen. 

Abgesehen von dem speciellen ertrage für die Aulularia, 
deren text durch die Vervollständigung und die berichtigung 
der früheren angaben über den Vetus und der hier zum ersten 
male mitgetheilten collation des Decurtatus immerhin an einer 
ziemlichen anzahl von stellen festgestellt wird — so ist jetzt 
durch das gemeinsame zeugniss von BD jeder zweifei an der 
Wortfolge tibi me II, 1, 31, an der liuic nuptum II, 3, 4 (s. IV, 
10, 13 apud me te) beseitigt; III, 2, 10 wird künftig nach BD zu 
schreiben sein aequom me erat (Brix vermuthete schon me ae- 



Nr. 8. 221. Plautus. 391 

quom erat) ; IV, 1 5 sin dormitet , IV, 1,8 eo impellere, IV, 7, 
11 em (schon von Brix vermuthet), IV, 9, 8 quid est quod ri- 
detis, nach Bb und D wohl III, 6, 13 de senatu sevocas: in B 
ausgefallene Wörter werden durch D ergänzt: so ausser dem schon 
von Ritschi mitgetheilten nunc I, 1 ; 5 in I, 1, 16 (t Äbscede etiam- 
nunc, etiam nunc, etiam , [etiam] ohe) , II, 2, 74 (te nach ego), 
II, 5, 16 (andern nach facj: andrerseits ist wohl II, 2, 73 mit 
D das in B auch nur von zweiter hand vor me übergeschriebene 
tu ganz zu tilgen (tImpero[que] auctörque sum, ut me cett.), wie 
auch II, 1, 41 das mit Festus übereinstimmende fortuito derselben 
handschrift das fortuitu des Vetus ziemlich zweifelhaft macht. Aber 
abgesehen 7on dergleichen lässt sich mit hülfe dieser collationen 
nunmehr eine wichtige frage entscheiden, in welchem Verhältnisse 
nämlich die handschriften der acht ersten stücke zu einander ste- 
hen. Denn nach den sonstigen erfahrungen darf man anneh- 
men, dass das aus einem stücke sich ergebende resultat auch für 
die andern geltung hat. Ritschl's übertriebene Vorstellung von 
dem werthe der von ihm mit J bezeichneten handschrift des 
britischen museums (proll. p. xxxvn. xli) hat Wagner in seiner 
ausgäbe der Aulularia, Cambridge 1866, p. ix sq., widerlegt; 
doch scheint auch er noch eine zu günstige meinung von die- 
ser handschrift zu haben. Eine vergleichung derselben mit den 
von Pareus ausser dem Vetus benutzten handscbriften ergiebt 
in so vielen und so gravirenden fällen eine so fatale Überein- 
stimmung, dass man sie nothwendig auf ein und dieselbe quelle 
zurückführen muss ; folgende belege von einer grossen zahl wer- 
den genügen: III, 2, 12 lassen sie alle ganz aus, desgleichen II, 
1, 19 te, IV, 9, 14 das con von concustodivi, I, 2, 6 geben BD 
quispiam — sisi quispiam «7, si quispiam Pall., II, 8, 11 ventri 
cordique — cordi ventrique , II, 2, 61 quod dem — quidem, II, 
4, 7 diuidi — diuium J, di uum Pall., DI, 5, 10 poscamus 
que ad aravin (poscarn usque ad ravim) — poscamus ad ar- 
ram J, aram Pall., III, 2, 37 medico — medio, EU, 5, 15 
namque — neque, IV, 8, 1 Picis — Vites J, dites Pall. An- 
drerseits zeigt J mit D dem Vetus gegenüber in zahlreichen 
punkten eine auffallende Übereinstimmung; eo lassen sie II, 1, 
33. DI, 1, 6 ganz aus, I, 2, 34 das est nach prope, II, 5, 13 
in vor principio, II, 8, 2 me, geben sie falsch II, 2, 45 uti (ut), 
DU, 5, 34 lanarius (linarius), 46 dicuntur (ducuntur), ELI, 6, 6 mi- 



392 221. Plautus. Nr. 8. 

nerunt D, meminerunt J [meminerint), 24 obseguium (ofooramm), 30 laterna 

i 
(lantema), IV, 1, 9 inductur D, inducitur J (induetur BJ, IV, 5, 4 <se- 
cre* D, ferret J (feret), IV, 10, 65 impulsum (impulsu), II, 1, 36 
haben sie beide tibi dare frater , nur dass in D durch punkte 
die in B überlieferte Wortstellung tibi frater dote angezeigt wird. 
Da sich an allen diesen stellen die Übereinstimmung füglich 
nicht auf einen blossen zufall zurückführen lässt, an eine ablei- 
tung aber aus D zu denken neben anderen gründen der um- 
stand nicht zulässt, das J ausser anderen, aber durchweg leich- 
teren versehen in D eine reihe von auslassungen mit dieser 
handschrift nicht theilt (est prol. 4. III, 2, 9. IV, 2, 14; ei 
prol. 13; exl, 1,5; meas I, 2, 20; ut 11,2, 6; ego II, 3, 7. II, 
4, 9; mihi III, 6, 36; atque etiam IV, 2, 7; i IV, 7. 16; ni IV, 
10, 12; es IV, 10, 38), so muss man wohl annehmen, dass'D 
und J sammt den verwandten handschriften einer gemeinsamen 
quelle entstammen , und es wäre daher das von Ritschi proll. 
p. xxxvn aufgestellte stemma in diesem theile in folgender 
weise zu berichtigen: 8 

D ' * J cum reliquis octo priorum fere 
omnibus. 
Gegen diese annähme würden nur solche fälle sprechen, 
wo J mit ß in offenbaren fehlem D gegenüber übereinstimmte. 
Entscheidende fälle dieser art finden sich aber nicht. Wenn 
I, 2, 34, wo numquam das richtige ist, D nüquam statt nusquam 
BJ bietet, so kann hier derselbe fall vorliegen wie z. b. Trin. 
1068. Merc. 364, wo B charmide, solü , Merc. 822, wo C alu- 
mnü, für cliarmides, solus, alumnus bieten; wenn III, 6, 1 statt edi 
in D di, in Ba di audivi, in J audivi steht, so zeigt das 
von Bb über audivi geschriebene id est , dass audivi in dem 
archetypus übergeschrieben war, dasselbe war auch in £ der 
fall, der abschreiber des Vaticanus liess es einfach weg, während 
es in J an die stelle des unverständlichen di gesetzt wurde, 
wie II, 1, 2 die in BD über das unverständliche haec gesetzte 
Variante hoc in J statt jenes einfach in den text gesetzt ist ; 
wenn schliesslich III, 6, 18 D gerynaces, BJ gerronaces haben, 
in B aber das zweite r aus y corrigirt ist, so erklärt sich dies 
daraus, dass in £ wie in 5 eine doppelte lesart stand, die eine 



Nr. 8. 222. Plautus. 393 

ging in D, die andere in die handschriftenklasse über, zu der J 
gehört, ein Vorgang, wie er m, 6, 12 klar zu tage liegt, wo 
B die lesarten e senatu und de senatu bietet, D die letztere , J 
aber die erstere. Es hat demnach die von J reprasentirte 
handschriftenklasse dem gemeinsamen Zeugnisse von BD gegen- 
über gar keinen werth (wo sie allein das richtige bietet wie 
gar nicht selten , ist dies also als blosse conjectur anzusehen), 
wohl aber in der Übereinstimmung mit B oder D ; in letzterem 
falle wird dadurch die lesart von £ festgestellt, in ersterem wie 
bei der Übereinstimmung von D mit B die des gemeinsamen 
archetypus 8, so dass also auch an sich statthafte Varianten 
von D, wie Aul. II, 1,12 das wegen des metrums (zwei catalecti- 
sche iambische dimetri) ganz erwünschte occultatum neben occul- 
tum BJ, höchstens als conjectur gelten können. Wo aber die 
controlle von D fehlt, können die von B abweichenden lesarten 
der interpolirten klasse im allgemeinen als für sich allein keine 
gewähr bietend nicht in betracht kommen. 

222. De retractatis fabulis Plautinis. Dissertatio quam scripsit 
LeopoldReinhardt.8.Gryphisvald. 1872. 35 s. (doctordissert.). 
Einer unserer aus dem kriege zurückgekehrten helden (re- 
dux per raedios Tiostes /actus sagt er in der vita) bietet uns hier 
als erstlingsprobe seiner Studien theile einer grösseren arbeit, 
deren rest nächstens bei Weidmann erscheinen soll. Im ersten 
abschnitte behandelt er im anschluss an Dziatzko (Rhein. Mus. 
XXVI, p. 421 folgg.) den Mercatorprolog und gelangt dabei zu 
dem ergebnisse, dass der echte prolog vorliege in den versen 1 — 
2, 7—9, 106—110, dass w. 3-6, 10 — 11, 40—54, 61—105 
nach Plautus tode von einem dominus gregis bei gelegenheit ei- 
ner neuen aufführung hinzugefügt sind , von einem anderen in- 
terpolator ungefähr um 700 d. st. vv. 12 — 17, 18 — 39 und 55 — 
60 schliesslich zu einer zeit, wo die stücke nur noch gelesen, 
nicht mehr aufgeführt wurden, und zwar vielleicht von verschie- 
denen interpolatoren, vv. 18 — 39 wohl erst im frontonianischen 
Zeitalter. Von 106 — 110 ist es gar nicht anders denkbar, als 
dass sie dem ursprünglichen prologe angehören, dasselbe ist von 
1 — 2, 7 — 9 kaum zu bezweifeln, ebensowenig als von 5 — 6, 
12 — 39 ; dass sie unplautinisch sind. Dass aber diese zehn verse 
den ganzen ursprünglichen prolog bilden, ist schwer zu glauben: 



394 222. Plautus. Nr. 8. 

nicht nur lässt die ausdrucksweise von vs. 2 et argumentum et meos 
amores eloquar eine ausführlichere erzählung erwarten , es fehlt 
auch zum mindesten zwischen v. 9 (Ibi amare occepi forma exi- 
mia mulier em) und 106 Quid verhis opus est? emi eam atque ad- 
vexi heri , eine das emi begründende notiz. Dies spricht schon 
von vornherein wenig für die annähme, dass die v. 106 voran- 
gehende erzählung, in der das amores in v. 2 und das emi in 
v. 106 zur genüge gerechtfertigt werden, ganz und gar auszu- 
scheiden sei. Aber auch die von dem verf. beigebrachten 
gründe sind nicht der art , dass sie von der unechtheit der 
ganzen partie 10 — 11. 40 — 105 überzeugen können, wo- 
mit nicht geleugnet werden soll, dass sich im einzelnen man- 
che verdächtigen spuren finden. So zeigen nicht nur v. 61 — 
63 mit Terenz And. 51. Haut. 110 Verwandtschaft, sondern 
die ganze stelle 46 folgg. mit Haut. 102 flgg. Dagegen er- 
scheint die athetisirung von 3 — 6 wohl begründet. 

Im zweiten capitel de compositione Truculenti erweist 
Verfasser die erste scene des Stückes als den ursprünglichen 
prolog. Dagegen können wir den für die unechtheit von n, 
1, 5 — 13 und IH, 2, 14 — 15 versuchten nachweis nicht für 
erbracht halten. An letzterer stelle bezieht der verf. ganz 
willkürlich die worte: postquam in urbem crebro commeo , auf die 
begegnung mit Astapliium in II , 2, wodurch dann allerdings 
eine unzuträglichkeit entsteht. Wie die worte aber dastehen, 
bedeuten sie einfach : seit ich häufiger zur Stadt komme. Ge- 
rade mit diesen versen wird die Sinnesänderung des früheren 
Truculentus motivirt — der natürlich der handlung des Stückes 
als vorangegangen zu denkende häufigere besuch der stadt hat 
seine trucidentia erschüttert und die erwähnte begegnung mit 
Astapliium ihr den letzten stoss gegeben — , und zwar für eine 
solche nebenperson, wie sie Stratullax ist, trotzdem er die titel- 
rolle spielt, in ganz ausreichender weise. Damit fällt auch die 
auf den nach ausscheidung dieser verse eintretenden mangel 
an motivirung für die Umwandlung des Tructdentits gegründete 
behauptung, dass ganze scenen ausgefallen seien, in denen nach 
der jedes sicheren anhaltes entbehrenden vermuthung des verf. 
auch von Diniarchus Verhältnisse zu Callicles tochter ausführli- 
cher die rede gewesen wäre. 

Im dritten capitel de Epidico sind die verse I, 1, 44 — 47 



Nr. 8. 223. Ovidius. 395 

richtig als Interpolation erkannt und die V, 2, 54 von anderen 
erst hineingetragenen Schwierigkeiten durch verständige Inter- 
pretation beseitigt. Auch für II, 2, 109 ist der richtige weg 
gefunden, nur befriedigt die vorgeschlagene emendation nicht 
vollständig: Ego conveniam hunc atque adducam ad illum quoiast 
fidicina (Ego illum conveniam atque adducam huc ad te , quoiast 
fidicina der Vet., vielleicht: Ego illum conveniam atque adducam 
hunc ad eum, quoiast fidicina , so dass mit illum und eum der 
leno, mit hunc Apoecides gemeint ist). Ueber die behandlung der 
schwierigen stelle III, 2, 28 — 30 bescheiden wir uns vorläufig 
eines urtheiles , da verf. eine genauere erörterung noch in aus- 
sieht stellt. Die von der nicht minder schwierigen stelle III, 
2, 33 — 34 gegebene erklärung beseitigt noch keineswegs alle 
bedenken. Während bei dem Epidicus an eine contamination 
nach dem von K. Müller und dem verf. gegebenen nachweise 
nicht zu denken ist, wird eine solche zum Schlüsse für den 
Poenulus in klarer weise dargelegt. 

Sollen wir schliesslich ein zusammenfassendes urtheil über 
die arbeit geben, so müssen wir dieselbe trotz mancher ausstel- 
lungen als eine ganz tüchtige leistung bezeichnen, die wohl ge- 
eignet ist, uns das recht baldige erscheinen des restes wünschen 
zu lassen. 

223. P. Ovidii Nasonis Metamorphoses. Auswahl für schu- 
len .... von Dr Johannes Siebeiis . . . . Zweites heft, 
buch X — XV und das mythologisch - geographische register ent- 
haltend. Sechste aufläge, besorgt von Dr Friedrich Polle . . 
. . Leipzig. B. G. Teubner. 1871. IUI und 212 s. 8. 15 
gr. — Dess. erstes heft. Siebente aufläge. 1871. XVIIII und 
186 s. 

Nachdem bereits vor geraumer zeit (bd. III, heft 5, nr. 113, 
p. 254 — 57) die sechste aufläge des ersten heftes besprochen 
worden und nicht nur die am Schlüsse der besprechung 2 ) aus- 

1) Darin sind ausser einigen von selbst in die äugen fallenden 
kleinigkeiten noch mehrere versehen zu berichtigen und einige stel- 
len gestalten sich nach der neuen aufläge anders. Es muss heissen: 

P. 254, z. 6 v. u. statt XX . . . XVI 

» 255 » 3 » 117 ... 17, ebend. statt 341 .. . 336 

» > > 15 » 162 ... 157 

» » » 10 ▼. ti. fehlt nach ist: vgl. 2, 45; statt 15 .... 2 



396 223. Ovidius. Nr. 8. 

gesprochene erwartung in erfüllung gegangen, sondern auch fast 
gleichzeitig mit dem zweiten hefte schon eine neue aufläge des 
ersten erschienen ist, dürfte es jetzt, nach beseitigung der drin- 
gendsten abhaltungen, immer noch nicht zu spat sein , das in 
aussieht gestellte abschliessende urtheil folgen zu lassen. Die- 
ser Verpflichtung wäre ich um so lieber viel früher nachgekom- 
men, eine je dringendere aufforderung dazu ich selbst mir aus 
den anerkennenden worten des herausgebers im vorwort zu 
der letzteren (p. HU. a. e.) nehmen zu müssen glaubte. 

Auch in diesem hefte hat fast jede seite mehrfache spuren 
von der bessernden hand des herausgebers aufzuweisen. Nach 
Vollendung des ganzen muss sich dem unbefangenen beurtheiler 
beim vergleiche mit der ursprünglichen arbeit noch lebhafter als 
zuvor die Überzeugung aufdrängen, dass die Umarbeitung Polle's 
auf selbständigen philologischen Studien und auf gereifter päda- 
gogischer erfahrung beruht. Unter den stellen des zweiten hef- 
tes, die entschieden durch die anmerkungen gewonnen oder 
erst durch Polle ihre richtige erklärung gefunden haben, hebe 
ich folgende hervor: 27, 5 Chaonis. 7. 20. 25. 100. 121. 28, 
14. 30. 47. 62 Umtos. 29, 9. 47. 62. 30, 23. 44. 69 (nach 
Bentl.). 81 (zusatz). 88. 103 haustae. 31, 15. 18. 32, 1 und 6 
(zusätze). 54. 68 (mit ansprechender eigner conjeetur). 78. 80. 91. 
100 und 116 (zusätze). 33, 3 (nach Bentley, Verkürzung). 109. 
114. 123 und 128 (zusätze). 187. 206. 242. 34, 13 (wird aber 
überflüssig , wenn man mit dem herausgeber, Jahrb. für phil. 
101, p. 210 die beiden vorhergehenden verse für unecht er- 
klärt, eine plausible athetese, ob aber nothwendig?). 35, 6 (durch 
blosse Verweisung). 36, 16. 30 (zusatz). 77. 80 (wo jedoch noch 
auf 1, 52 pondere terrae zu achten ist). 106. 37, 12. 42 und 
51. 91. 99 (zusätze; der letzte dem sinne nach richtig). 147. 

P. 255 z. 9 v. u. statt 26 .... 25 

» 256 » 3 » 112 .. . 9. 21; vor 228 fehlt 226 

» » » 3— 6 ist in der 7. aufl. befolgt. 

» » » 16 statt 39 . . . 93. 

» » » 18 » quom . . . quem. 

» » » 14 v. u. statt 163 .. . 148 (Sieb. 155) 

» 257 » 1 beseitigt durch die, von mir nicht gebilligte auf- 
nähme der lesart feretis nach Bentley, vgl. vorr. 
p. III, z. 10 v. u. 

» » » 2 statt 29 ... 20. 

» » » 8 kommt ebenfalls durch änderung in der 7. aufl. 
in wegfall. 



Nr. Ö. 223. Ovidms. 397 

167. 171. 176. 185. 191. 290. 304 saxo. 327 (Verkürzung). 370 
(wo die ziffer fehlt und statt Polydamanta — e steht). 38, 28. 
33. 43 (rückkehr zur richtigen lesart Oileos). 46. 99. 177 (zusatz). 
200. a. e. 203. 205. 249. 281. 283 (nach Bentley). 302 und 
325 anm. 1 a. e. 331 (fehlt — ) 339. 367 (nach Bentley). 372. 
416. 423. 439 (conjectur; warum quoad nicht ein wort?). 39, 
50 f. 107. 125 (nach Bentley). 154. 40, 13. 32. 41, 65. 69. 

72 (nach Bentley). 42, 28. 53. 69 a. e. 102. 43, 47 (was zu 
38, 174 f. zu vergleichen war). 44, 14 f. 98. 45, 2 f. 33 (bis 
auf tantum). 53 f. 70. 88. 46, 16, 36 und 38 a. e. (zusätze). 52. 

73 (war kürzer zu fassen). 77 ff. 101 f. 47, 24. 32. 66. 
anm. 2. 103. 210. 242—245. 303 (zusatz). 358 (wesentliche 
Verkürzung). 48, 46. 49, 65 (zusatz). 87. 97 anm. 2. 122 (zu- 
satz). 50, 14. 78 anm. 2. 106 (zusatz). 116. Nur wenige stel- 
len dürften zu finden sein, wo das neue nicht als ein entschie- 
dener fortschritt zu bezeichnen wäre. So scheint mir die er- 
klärung auch in der neuen fassung noch nicht das rich- 
tige getroffen zu haben 26, 13, wo Taenaria porta ein ab- 
lat. instrumenti ist , wie Siebeiis will, nicht loci, wie es Polle 
auffasst. 38, 311 ist zwar eine neue zweckmässige note hin- 
zugekommen, welche sich mehr auf das verhältniss dieses ver- 
ses zum folgenden bezieht (Adspicite en), allein Siebeiis' bemer» 
kung durfte modificiert und mit berichtigter Verweisung auf v. 58 
fictis — verbis wegen des Zusammenhangs nicht ganz beseitigt 
werden. Nicht nöthig hingegen finde ich die neuen anmerkungen 
zu 27, 74. 39, 66, die alten , theilweise umgeänderten zu 33, 
14. 38, 235 (wo vielmehr das in zu erklären wäre). 39, 11, 
während hingegen das et v. 75 einer erklärung bedurfte, also 
auch in das letzte register kommen musste ; sogar falsch in 
betreff der Metamorphosen die zu 41, 1 vor Sperrt, eingescho- 
bene bemerkung, vgl. Siebeiis 1 Wörterbuch zu den Metamorpho- 
sen unter tarnen (21 stellen). Diesen andeutungen füge ich 
noch einige ausführlichere bemerkungen über einzelne punkte 
im texte oder in den anmerkungen hei, in denen ich mich mit 
dem verfahren des verdienten herausgebers, meist weil oder in- 
soweit er den spuren seines Vorgängers folgt, nicht einverstan- 
den erklären kann, vorzugsweise aus dem 37. und 38. stück 
(Xu. XIII). Zu 26, 18 anm. frage ich 1): auf welcher aucto- 
rität beruht die Schreibweise reccidimus , wie 13, 67 recciditt 



398 223. Ovidius. Nr. 8. 

doch auf keiner anderen als der falschen relligio: vgl. Luc. Mül- 
ler de re metr. VI, p. 361 f. So sehr dieselbe beim perfectum 
26, 88 (X, 180) zu billigen ist, wiewobl auch da Merkel nach 
den handschriften das einfache c hat , so wenig sollte sie an 
den beiden anderen stellen (praesens) gegen die handschriften 
eingeführt werden, trotz Neue, der Formenl. II, p. 365 sogar 
an der richtigkeit des perfects reccidit zu zweifeln scheint; — 2) 
wird daselbst mit recht auf eine Cicerostelle verwiesen , dass 
dieselbe aber p. 125 zu 47, 240 wieder ausgeschrieben ist, 
kann nicht gebilligt werden. — Ebenso ist in der kurzen an- 
merkung zu 26, 21 des guten zu viel gethan: es wäre nur 
zu verweisen gewesen auf 11, 155 crinitos draconibus und dort 
wieder auf 11, 84. 124, so dass die drei stellen IUI, 699. 741. 
771 mit jener (X, 21) zusammengehalten einander zur erklä- 
rung dienten. - — 37, 19 anm. enthält, trotzdem dass sie der 
gewöhnlichen terminologie entspricht, eine ungenaue erkläruug 
oder wenigstens die Versuchung zur falschen auffassuug der 
worte domito • — ■ Cycno (Merkel Cygno) ; es wird dem schüler die 
möglichkeit gelassen zu verstehen: den sieg, den Achilles davon 
getragen, nachdem er den Cycnus überwunden hatte, während doch 
der ablativ den näheren umstand augiebt, die erklärung, worin 
der sieg bestanden habe: der sieg, der in der Überwältigung 
des Cycnus bestand. Würde man etwa den abl. causae caeso 
genitore 11, 321 (V, 145) schlechtweg abl. absolutus nennen dürfen, 
ohne befürchten zu müssen, den schüler geradezu zum falschen 
verständniss desselben zu nöthigen? — Wie überflüssig die anmer- 
kung zu 37, 21 ist, geht schon aus der fassung hervor: wiesollte es 
auch als etwas besonderes hingestellt zu werden verdienen, dass z. 
b. miserabilis II, 329 mit luctu — aegro, placabilis X, 399 mit sacris, 
BjpectabilisYI, 166 mit intexto — auro und VII, 705 mit roseo — 
ore verbunden ist , oder wer möchte wohl an den negativen 
ausdrücken (mit abl. causae) nullaque domabüe flamma Villi, 
253, non habitabilis aestu 1 , 49, caput insuperabile bello XII, 
613 (während dasselbe adjectiv XV, 807 absolut steht), nullis sa- 
nabilis lierbis I, 523 (absolut Eemed. Amor. 101: s. Ep. ex Pont. II, 
2, 59. — ebd. 61 narrabilis) ansloss nehmen? — lauter gleichar- 
tige ablative, trotz der Verschiedenheit der deutschen Überse- 
tzung — ganz zu geschweigen davon, dass die mehrzahl dieser 
zahlreichen, namentlich von Ovid (vgl. Ziugerle, Ovid. I, p. 14 



Kr. Ö. 223. Övidmö. 399 

f.) mit Vorliebe gebrauchten, zum grossen tlieile von ihm neugeschaf- 
fenen classe von adjectiven auf übilis (und die wenigen auf ebilis) 
— denn nur diese kann der herausgeber gemeint haben — eine 
so selbständige, absolute geltung haben , dass sie einen ablativ 
gar nicht bei sich haben können, wie admirabilis VI, 14, 
agitabilis I, 75, dubitabilis XIII, 21, das nicht verbale, doch 
analog gebildete exitiabilis VI, 25 f. VIII, 425, habitabilis affir- 
mativ VIII, 624. XV, 830, iaculabilis VII, 680, lacrimabilis II, 
796. VIII, 44, lamentabilis VIII, 262, memorabilis IUI, 416 (mit 
abl. loci). 615. VI, 12. X, 608. XIIII, 225, das auch sonst 
sehr gewöhnliche mirabilis II II, 271. 747. VIII, 199. (hingegen 
mit ablativ III, 424, wegen der antithese — Hör. Ep. I, 6, 23 
mit dativ der person — }, das schon genannte miserabilis III, 
396. 495, V, 118 (trotz casu, was zum ganzen praedicat ge- 
hört). VI, 90. 582. 665. VIII, 782. XIIH, 751, memorabilis V, 
588 (nur noch Hör. A. P. 206 vorkommend) , optabilis Villi, 
759, sonabilis und resonabilis (activ) VHII , 784. III, 358. [flebi- 
lis VII, 518. XI, 52 f. dreimal XHI, 620. XIII, 748); dazu, 
ausser den schon genannten, die negativen ausdrücke in — ■ ama- 
bilis IUI, 477. XIIII, 590 (= inamoenus X, 15), in-consola- 
bilis V, 426, nee - dubitabilis I, 223 (das Vergilische inelucta- 
bilis , das sogar Velleius braucht, fehlt bei Ovidius), in- und 
non- evitabilis IH , 301. VI, 234, in - excusabilis VII, 511, non- 
und in - exorabilis , letzteres in prosa sehr gewöhnlich, II, 546, 
V, 244, im -medicabilis I, 190. II, 825. X, 189, in-nabilis 
I, 16, dem vorhergehenden instäbilis zu liebe erfunden, (statt 
des sogar in prosa vorkommenden innumerabilis braucht Ovid 
[trotz immedicabilis\ mit andern dichtem aus rhythmischen grün- 
den innumerus; hingegen steht es als zweite hälfte des Asclepia- 
deus minor Hör. Carm. IH, 30, 4, dafür I, 28, 1 im dactyli- 
schen rhy thmus [Alemanische strophe] numero . . carens, zu ver- 
gleichen mit den Ovidischen Umschreibungen Met. II, 762. IH, 
226. VH, 851. VHn, 331. XIIH, 132. XV, 130. 531), im- 
placabilis (neben implacatus VIII, 845.) HH , 452, in-delebilis 
XV, 876, nur ovidisch, noch Ep. ex Pont. II, 8, 25. — Während es 
also vollkommen zu billigen ist, dass jenem ablativ im letzten re- 
gister s. v. adiectiva die letzte stelle gelassen worden ist, müsste 
einerseits vor demselben, eben wegen der zu 37, 21 aus nr. 34 ange- 
führten stelle, der dativ der person erwähn* sein, andrerseits in den 



40Ö 223. Ovidius. Nr. 8. 

anmerkungen zu 37, 21 (wo das ungenaue citat expugnabüis statt 
(nee) -inexpugnabilis sich von der ersten Siebelis'schen ausgäbe bis 
jetzt fortgepflanzt hat) das Siebelissche „ist — gewöhnlicher" un- 
bedingt beseitigt werden. Genau genommen aber gehörte die 
ganze anmerkung, wenn sie ihrem wesen nach bleiben sollte, 
schon zu 34, 19, oder richtiger in das erste heft unter nr. 25, 
wo drei einschlägige stellen kurz nach einander vorkommen, 
nämlich v. 154 das oben erwähnte nullaque domabile flamm a, 
v. 156 eunetisque meum laetabile factum | Dis fore confido, v. 163 
quodeunque fu.it populabile flamm ae. Da also schon dort unge- 
fähr folgende regel hätte aufgenommen werden sollen: „die 
verbaladiectiva auf — dbilis können einen ablativ der sache 
oder einen dativ der person bei sich haben, selten einen 
dativ der sache (personification)" , wäre es an der fraglichen 
stelle sehr wohl nöthig gewesen auf 11, 240 und 42 ; 125. (V, 
67. XIII, 857) zu verweisen als die einzigen stellen, wo das- 
selbe penetrabilis activisch steht , vielleicht auch auf die not- 
wendige beschränkung dieser adjeetiva auf den vierten und fünf- 
ten versfuss, welche zugleich den grund für die häufigkeit ihrer 
anwendung bei Ovid abgiebt. Doch habe ich der anmerkung, 
wie sie einmal lautet, noch folgendes hinzuzufügen: 1) 12,211. 
(V, 486) steht inexpugnabilis absolut, ohne dativ ; 2) unmittelbar 
nach der oben unter miserabilis erwähnten stelle, 23, 59 (VIII, 783) 
regiert dasselbe eben erst absolut und affirmativ gebrauchte ad- 
iectiv, negativ gebraucht, um des Wortspiels willen zugleich den 
dativ der person und den ablativ der sache: si non J liu 
suis esset nulli miserabilis actis; 3) die beiden einzigen mir 
bekannten stellen aus Ovid für den dativ der sache (beidemal 
affirmativ) sind die schon erwähnte Met. Villi, 262, wo dem 
populabile flamm ae das negative nulla — flamm a v. 253 gegen- 
übersteht, und Remed. Am. 135 Ergo ubi visus eris nostrae me- 
dicabilis arti (wo es kaum zulässig erscheint den dativ von vi- 
den abhängig zu denken) = mihi medico, verglichen mit ib. v. 123 
nee adhuc traetabilis arte und Ep. ex Pont. I, 3, 25 nulla medi- 
cäbili8 arte — interessante analogien, welche, die Vollständigkeit 
meiner Sammlung, sowie die bestätigung meiner lesarten durch 
Riese's forschungen vorausgesetzt, den dativ der person bei 
diesen Ovidischen nachbildungen auf die negative ausdrucks- 
weise beschränken, die der sache von derselben ausschliessen. 



Nr. 8. 223. Ovidius. 401 

— Wenn zu 37, 28 auf die Wiederholung von lucina 3, 175 
verwiesen wird, so ist dabei der wesentliche unterschied zwi- 
schen beiden stellen aus den äugen gelassen: wegen des Chias- 
mus war vielmehr auf 3, 78 una domus — domus una, 142 f. 
vehit unda — unda vehit , oder wegen des die chiastische Wie- 
derholung herbeiführenden relativsatzes auf das musterbeispiel 
(wo ebenfalls nur auf bucina verwiesen ist) 11, 302 f. Donylas 
cett. zu verweisen, wo zu dem dreifachen chiasmus aus metri- 
schen gründen noch die Verwandlung des Superlativs in den 
positiv (deterrimus — Dives) und der gebrauch von agri mit 
verschiedener quantität hinzutritt; gewiss ist jedes davon einer an- 
merkung werth. — Zu 37 ', 34 wäre statt der langen Siebelis'schen 
anmerkung doch eine erwähnung des eigentlichen Verhältnisses 
zwischen certamen und pugna am platze gewesen, zumal da, ab- 
gesehen von anderen ähnlichen ausdrücken, in ipso certamine pugnae 
sogar bei Livius XXXVI, 19, 12 vorkommt, und das wesentliche 
bei ersterem, ursprünglich das streben, die entscheidung herbei- 
zuführen, in solchen Zusammenstellungen (vgl. Weissenborn ebd. 
XXIII, 45, 7) die „anstrengung" ist. — 37, 37 passt die 
Übersetzung von fugit „entfällt" nicht in den Zusammenhang: 
es müsste heissen: „ist — entfallen", oder um das lateinische 
tempus beizubehalten : „ich entsinne mich nicht mehr" (gegensatz 
meniini v. 38). — Ferner kann ich mich nicht von der rich- 
tigkeit der gewöhnlichen , althergebrachten erklärung von 38, 
51 Surgit ad hos überzeugen, nach der dies dem schüler als 
eine brachylogie für surgit, ut ad hos dicat, loquatur erscheinen 
müsste — letzteres ohne zusatz nicht einmal in der poesie zu- 
lässig (Verg. AeD. 9, 5 Ad quos sie — locutast, Ovid. Ep. ex Pont. 
IUI, 6, 10 pro me ] Numeri ad Augustum supplice voce logui). 
Auch das mit recht herbeigezogene homerische analogon widerspricht 
dem. Natürlich ist der sinn beider ausdrücke : er stand vor ihnen 
auf. Da man sagt dicere, loqui, contionari, verba facere apud — 
hat surgere folgerichtig ad zu beanspruchen: dasselbe verhält- 
niss wie zwischen esse und venire. — Wie in fictis 38, 58 der 
begriff „schlau" (so auch Gross) mit liegen soll, sehe ich nicht 
ein. Dass nun das reden dem kämpfen, der zungenkampf 
dem faustkampf entgegengesetzt wird, geht, wie auch die an- 
merkung zu v. 59 ausdrücklich andeutet, aus dem satze selbst 
Tutius — manu (wo Gross statt des ausrufungszeichens die an- 
Philol. Anz. iy. 26 



402 223. Ovidius. Nr. g. 

merkung: „Sarkasmus!" hat) wie aus dem folgenden, v. 59 — 
61, hervor*, warum aber die zu erwartenden worte des Ulixes 
ficta genannt, d. h. als aufschneiderei bezeichnet werden, aus v. 
63 f. sua (nämlich facta) quae sine teste gerit; vgl. 85 ff. furore 
— ficto, commenta (106 f.), 115 non — finge auch 24, 31 f. 55 — 
58. — 38, 174 f. (unter 173 a. e.) kann ich exspectato — 
sono (vgl. 47, 74 f.) ebensowenig wie 48, 6 venturis fatis als 
dativ fassen ; es ist derselbe ablativ, der bekannt ist aus proelio 
lacessere, tergeminis tollere honoribus u. ä , und neben dem das 
haec in verba 4, 313 ebensowohl bestehen kann wie neben diesen 
ausdrücken ad pugnam provocare, evehere in und ad summum 
fastigium, promovere ad maiores honores cett. — 38, 246 wäre 
es nicht überflüssig gewesen eine anmerkung über Plena — vi- 
ris hinzuzufügen, wiewohl nicht alle einschlägigen stellen in der 
auswahl vorkommen. Während nämlich plenus elfmal in den 
Metamorphosen den genetiv der sache regiert (darunter plena 
patris d. i. seminis paterni = gravida ex patre X, 469), hängen 
ausser unserer stelle nur zweimal personen im ablativ da- 
von ab, VIII, 358. Villi, 195, an den drei übrigen stellen 
drückt der ablativ der sache, der sich zum theil auch durch 
metrische rücksichten erklären lässt, die bewirkende Ursache aus : 
VI, 509. VIII, 273 (die Übersetzung von Siebelis-Polle „reich an" 
ist deshalb nicht zu verwerfen). Villi, 694. Die in Klotz hand- 
wörterbuch mit verzeichnete stelle XV, 176 gehört nicht hier- 
her: ventis ist dativ. — 47, 424 ist ,, erprobt" gewiss nicht 
der richtige ausdruck für nota, da notum aliquid habeo doch 
nichts anderes heissen kann als notum mihi est aliquid. 

Das erste verzeichniss : „abweichungen" musste sich nach 
dem bedeutenden fortschritt in der gestaltung des textes, worin 
jedoch Polle, wie sich muthmasslich durch Kiese's ausgäbe her- 
ausstellen wird, namentlich in betreff der aufnähme der schla- 
genden aber nicht nothwendigen Bentleyschen conjecturen eher 
zu viel als zu wenig gethan hat , bedeutend reichhaltiger ge- 
stalten als es ursprünglich war: es ist noch einmal so umfang- 
reich geworden. Während es aber nur zu billigen ist, dass er 
42, 101 mit Heinsius capraeque statt caperque schreibt, muss 
es befremden, dass er dem sinne zu liebe, trotz seiner 
richtigen anmerkung zu den st. p. 95. p. 152 die vermuthung 
ausspricht, es sei lepores capreaeque zu schreiben. Dass 



Nr. 8. 223. Ovidius. 403 

dies ein völlig unovidischer rhythmus ist, wird weder durch 
VII, 130 (16, 125) sunt nata \ viris simul \ arma, noch durch 
den eigennamen Ganymedes XI, 756 (34, 8) widerlegt. Ueber- 
gangen ist in diesem verzeichniss 6, 93, wo mir jedoch schon der 
Stellung wegen irnae beizubehalten zu sein scheint; 7, 135 (vgl. 
vorw. p. in) , mir sehr bedenklich trotz des schönen gegen- 
satzes vultu-ore (die änderung in v. 134 bedingt übrigens den 
wegfall der anm. zu 135); 25, 1, aber auch diese änderung, ad- 
monuit, ist rhythmisch unzulässig, und domuit verstösst durch- 
aus nicht gegen den sinn und Zusammenhang: perdiderat v. 5. 
ist nur eine Steigerung desselben. 

In dem schon ursprünglich sehr sorgfältig gearbeiteten zweiten, 
„mythologisch geographischen register" ist in folge neuer lesar- 
ten nur ein neuer artikel hinzugekommen, Athamanes, hingegen 
fordert die lesart der 7. aufl. des 1. heftes 11, 84 Lampetide 
(s. vorw. p. in) noch einen neuen. Das dritte register ist 
in folge des bedeutend vermehrten anmerkungsstoffes wesent- 
lich bereichert ; neue , sehr dankenswerthe artikel sind z. b. 
personification (auch im mythologischen register öfters statt 
„gott" gesetzt), Systole, versaccent, witzworte u. s. w. Während 
darin p. 195, nur mit einem druckfehler (155) richtig auf 16, 
150 verwiesen ist mit den worten, auctor als femininum, ist an 
der citirten stelle, h. I, p. 124 a. e., immer noch die anmer- 
kung zu finden: „auctor auf ein femininum zu beziehen ist unge- 
wöhnlich". Das „ungewöhnlich" würde nicht einmal richtig 
sein, wenn es sich um ein abstractum beliebigen geschlechts 
handelte; vgl. ausser den grammatiken, in denen das wort mit 
recht als commune aufgeführt wird, das ziemlich vollständige 
quellenverzeichniss bei Klotz unter (auctrix und) auctor 3, b, 
(darunter fünf beispiele aus prosaikern) und aus Metam, VIII, 108 
meritorum auctore relicta, besonders aber die characteristische stelle 
Fast. VI, 709 Sum tarnen inventrix auctorque ego carminis huius, 

Druckfehler sind mir ausser den schon erwähnten noch 
folgende aufgefallen: p. 51 anm. zu 37, 143 z. 4 v. u. ad- 
versus st. adversum; p. 78 anm. zu 38, 371 steht das anfüh- 
rungszeichen immer noch an der falschen stelle; p. 83 anm. zu 
39, 64 steht 4 6 st. 64; p. 95 anm. zu 42, 90 (wo „beziehe auf" 
durch „denke hinzu" zu ersetzen wäre) ist das citat 16,131 falsch. 

Da das feststehende maass in dieser anzeige einmal über- 

26* 



404 224. Ovidius. Nr. 8". 

schritten ist, füge ich noch einige vorschlage zu kürzungen und 
besserungen für den anfang der gewiss bald erscheinenden 8. 
aufl. des 1. heftes hinzu. Ich wünschte, dass die drei anmer- 
kungen zu 1, 25. 40 und 3, 11 in eine zusammengezogen wür- 
den (mit zweimaliger Verweisung auf 1,25); dass p. 14 anm. zu 
3, 40 bedeutend verkürzt, zu 51 auf 1, 78 verwiesen, zu 53 
beseitigt, zu 3, 94 in fatis richtig erklärt würde; zu 103 der 
schluss wegfiele, zu 108 verkürzt, 116 anders erklärt („macht"), 
zu 118 (.itrarpoga, statt der germanisirten form geschrieben, zu 142 
verkürzt wegen v. 78, zu 204 anders gefasst („einzigen — manemus" 
Widerspruch), zu 207 verkürzt und auf 52 verwiesen würde. 

Möge der tüchtige herausgeber aus allen meinen bemer- 
kungen den wünsch herauslesen, dass seine sorgfältige und von 
grosser liebe zur sache zeugende arbeit immer brauchbarer und 
vollkommener werde. B. D. 

224. Ottonis Kreussleri Observationes in Ovidii Fa- 
stos. 4. Programm von Bautzen, ostern 1872. 

Der vf. vermuthet zu Ov. Fast. I, 49 richtig nee toti, ob- 
wohl die andern formen auf -e bei Ovid (fide, die) nicht dative 
sondern genetive sind ; I, 53 nonus, gegen das ovidische Sprach- 
gefühl (dasselbe gilt für sein geminum Amor. I, 8, 16); I, 331 
nam pecus, und schliesst diesen vers an 326 an, was richtig 
ist , jedoch in andrer weise geschehen muss als er es will ; I, 
637 wird Candida zu Concordia 639 bezogen, was die Vorstel- 
lung verbietet; 639 prospiciens ; 640 nunc\ ut (läge nicht nam 
näher?); II, 854 nee (so schon H. A. Koch in Symbola phil. 
Bonn.) ; III, 594 a votis (so derselbe) ; III, 105 Hyadas, quis; III, 
693 castae (quare Haupt im Herrn. I, 259); IV, 866 rite professa- 
rum (falsch); V, 661 restituistis ; nach VI, 662 sei ein distichon 
ausgefallen. Die zu I, 41 f. vorgeschlagene interpunktion ist in 
Merkels kleinerer ausgäbe schon befolgt. Zu beachten ist, was 
p. 3 f. über die Quantität der adjeetiva auf -inus und über die 
folgerungen, welche sich über die quantität einiger worte aus ih- 
rem nichtvorkommen bei dichtem ziehen lassen, bemerkt wird. 

A. R. 

225. Catonis philosophi liber post Jos. Scaligerum vulgo 
dictus Dionysii Catonis disticha de moribus ad filium ad fidem 



Nr. 8. 225. Cato. 405 

vetustissimorum librorum manuscriptorum atque impressorum 
recensuit Ferdinandus Hauthal. 8. Berolini , sumptibus 
Calvarii sociorum 1870. — 1 tblr. 

Es ist ein eigenthümliches gefühl , welches einen bei der 
lectüre dieses buches ergreift. Fühlt man sich doch ganz in 
das achtzehnte Jahrhundert zurückversetzt ; so wenig entspricht 
diese ausgäbe den anforderungen, welche man gegenwärtig an 
die kritische bearbeitung eines autors stellt. Schon die ziem- 
lich umfangreiche einleitung (38 pp.) mahnt uns in ihrer anord- 
nung an eine praefatio der alten zeit, wie man sie z. b. in den 
Poetae latini minores von Wernsdorf lesen kann. Der verf. zählt 
zuerst die handschriften auf, welche er für seine ausgäbe ver- 
glichen hat, allerdings eine ganz stattliche zahl (12 pariser, 
3 in Oxford und Cambridge, eine in Bern), aber er gliedert 
sie nicht nach familien, erörtert nicht ihren werth , sucht nicht 
festzustellen, welche von ihnen eigentlich als grundlage des tex- 
tes zu gelten haben. Man begreift nicht, wozu die vergleichung 
von sechs pariser handschriften aus dem zwölften bis vierzehn- 
ten Jahrhundert unternommen wurde, da sie doch gegenüber den 
alten handschriften des neunten und zehnten Jahrhunderts ] ) kei- 
nen werth haben. Und warum wurden denn nicht andere, schon 
längst verglichene Codices in dieser vorrede erwähnt, vor allen 
der sehr beachtenswerthe Turicensis C. 78, dessen text im deut- 
schen Cato von Zarncke p. 174 ff. abgedruckt ist. In dieser hand- 
schrift hat sich allein II, 3 in der ursprünglichen fassung : an 
dii sint caelumque regant , ne quaere doceri, erhalten, während 
sonst überall die christliche Umformung : mitte arcana dei caelum- 
que inquirere quidsit, eingedrungen ist, die auch im Turicensis vor- 
ansteht 2 ). — Nach den handschriften bespricht Hauthal in ganz 

1) Uebrigens scheint Hauthal das alter der pariser Codices zum 
theile etwas überschätzt zu haben; denn von den beiden Codices 2772 
und 8319, die Hauthal ins zehnte Jahrhundert setzt, schreibt Riese 
den ersteren dem 10. oder 11., den letzteren dem 11. Jahrhundert zu. 

2) Von den fünf versen, welche der Tur. irn zweiten buche mehr hat, 
liest man das distichon nach v. 8: Laetandum est vita, nullius morte 
dolendum: cur etenim doleas a quo dolor ipse rccessit , sowie den vers 
nach 13: dulcis enim labor est cum fructu ferre laborem in den Monosticha 
(Anth. lat. ed. Riese n. 716), die auch in einigen handschriften den ti- 
tel Proverbia Catonis philosophi führen. Da sie aber begreiflicher 
weise dort später eingeschoben sind , so scheint allerdings der Tur. 
uns den Cato vollständiger überliefert zu haben als die anderen Co- 
dices. Ausser den genannten drei versen giebt er unmittelbar nach 



406 225. Cato. Nr. 8. 

unnötliiger breite die alten ausgaben des Cato, die doch für die 
kritik g-anz werthlos sind, und giebt dann ganz nach alter weise 
varia de istis libellis testimonia, Die fragen dagegen nach dem 
Verfasser der schrift, nach der zeit ihrer entstehung, ihrer spä- 
teren Überarbeitung behandelt er ganz oberflächlich oder geht 
auf sie gar nicht ein. Weil der Parisiensis 8320 die aufschrift 
Catonis Cordub. hat, so nimmt verf. einen Spanier Cato als 
Verfasser an, ohne zu bedenken, dass Cordubensis nur der will- 
kürliche zusatz eines Schreibers ist, der diesen von dem berühm- 
ten Seneca Cordubensis entlehnte. Es hat dies aber ebensowe- 
nig zu bedeuten als der beisatz philosoplii in einigen handschrif- 
ten. Die aufschrift Cato erklärt sich vielmehr einfach so. Da 
das gedieht nach dem citate in der epistula des Vindicianus comes 
archiatrorum vor 378 n. Chr. entstanden sein muss , so darf 
man annehmen, dass schon im vierten Jahrhunderte eine spruch- 
sammluug Sententiae Catonis, wie ähnliche unter dem namen des 
Seneca und Varro, vorhanden war. Aus derselben stammen 
möglicher weise die 56 prosaischen Sentenzen am eingange des 
ersten buches. Auf grundlage einer solchen Spruchsammlung 
und der tradition von den längst verschollenen praeeepta ad 
filium des M. Porcius Cato so wie dessen carmen de moribus 
verfasste nun wahrscheinlich irgend ein rhetor das vorliegende 
buch, das er Cato betitelte. Es ist bezeichnend für die armse- 
lige bildung der zeit, dass dasselbe , wie aus jenem citate bei 
Vindicianus erhellt, eine ungemein rasche Verbreitung fand und 
sogar für ein werk des alten Cato gehalten wurde. Was die 
angebliche aufschrift in dem codex des Bosius : Dionysii Catonis 
disticha de moribus ad filium, anbetrifft, so legt ihr Hauthal mit 
recht keinen werth bei; doch irrt er wohl, wenn er sie für 
eine erdichtung hält. Kann ja doch, wie Haupt vermuthet hat, 
jenes Dionysii davon herrühren, dass der Cato einmal in einer 

jenem verse dulcis enim etc. das distichon Quod scieris esse tibi opus 
(lies opus esse tibi), dimittere noli; oblatum auxilium stultum est dimit- 
tere cuiquam. Dazu kommen noch aus den Monosticha der vers Quod 
nocet interdum, si prodest, ferre inemento , der mit jenem dulcis enim 
etc. ein paar bildet und dann noch das distichon Cum vitu alterius sa- 
tis acri lumine cernas nee tua prospicias , fis verus {vero Bücheier) cri- 
minc caecus. Uebrigens sei noch bemerkt, dass die aufschrift jener 
Monosticha im Vindobonensis 281 : Versus Piatonis de ijrceo in latinum 
translati von n. 490 jenem hymnus des Tiberianus herrührt, was Riese 
übersehen hat (vgl. Zeitschrift für österr. gymn. 1864, p. 716). 



Nr. 8. 225. Cato. 407 

handschrift mit der periegese des Dionysius verbunden war; 
ad filium aber konnte ein Schreiber leicht aus dem fili carissime 
des prologus entnehmen 3 ). Das gedieht ist, wie sich aus vie- 
len stellen entnehmen lässt, noch im heidnischen sinne abge- 
fasst, lässt aber hie und da, wie das in jener zeit vielfach der 
fall ist, die einwirkung des christenthums auf das heidenthum 
erkennen, z. b. I, v. 1, IV, v. 75. 

Was nun die textesrecension in dieser ausgäbe betrifft , so 
ist die vergleichung der ältesten pariser Codices allerdings dan- 
kenswerth, obwohl sie für die herstellung des stark verderbten 
textes nur sehr wenig bieten. Ob diese vergleichung eine ge- 
naue ist, kann rec. nicht sagen. Man ist gegen Hauthals col- 
lationen misstrauisch geworden, seitdem man erfahren , wie gar 
ungenau er den Monacensis für die scholien des Horaz vergli- 
chen hat (W. Meyer, beitrage zur kritik des Porphyrion. Mün- 
chen. 1870). Darf man nach der collation des Par. 2772 für 
das Epitaphium Vitalis mimi (Praef. p. vu) , die auch Riese 
Anth. lat. II, 193 gibt, einen schluss ziehen, so wäre diesmal wenig- 
stens Hauthal genauer verfahren. Aber die art, wie der text 
des Cato kritisch behandelt ist, kann eben so wenig als in der 
ausgäbe der scholien befriedigen. So finden wir gleich im Pro- 
logus die ganz verkehrte manier , die Hauthal so oft in dem 
texte der scholien angewendet, zwei verschiedene lesarten neben 
einander aufzunehmen, wie [errori] opinioni, oder Wörter, die in 
einigen handschriften fehlen, ohne entscheidung, ob sie als echt 
zu betrachten sind oder nicht, mittelst klammern in den text 
zu setzen, wie plurimos [homines]. Dazu kommt, dass er sich 
blindlings an die handschriften anschliesst und ihre lesarten 
auch da festhält, wo dieselben rein sinnlos sind und dafür schon 
in den älteren ausgaben richtige emendationen vorliegen, z. b. 
IV, v. 62 quod (st. qua), 64 cui (st. quo), 71 quae sunt (st. quae- 
sita) u. dgl. Was aber Hauthal selbst an conjeeturen vor- 

3) Wenn sich im Tur. und den Par. 2772 und 8319 unmittelbar 
nach dem Cato das epitaphium Vitalis mimi und zwar im Par. 2772 
mit dem beisatze ßlii Catonis findet , so darf man daraus , wie Hau- 
thal mit recht bemerkt, durchaus nicht auf irgend eine beziehung zwi- 
schen beiden gedichten schliessen. Ein Schreiber hat in einem co- 
dex ein leeres blatt mit jenem epitaphium ausgefüllt und der bei- 
satz Catonis ßlii erklärt sich wiederum ganz einfach aus dem ßli ca- 
rissime. Es hätte daher Riese in der Überschrift diese worte tilgen 
oder doch in klammern setzen sollen. 



408 225. Cato. Nr. 8. 

schlägt, ist sämmtlich verfehlt, oft geradezu verkehrt. Man 
möge nur die textesrecension des Epitaphium Vitalis, wie sie 
Hauthal p. vu gibt, mit dem texte in der Anth. latina von Riese 
oder auch in der von Meyer vergleichen und man wird sich 
über die akrisie , die uns hier entgegentritt, geradezu verwun- 
dern müssen. So hält er v. 13 die lesart tragica quoque verba 
placebant fest, obwohl schon Pithoeus richtig tragica quoque voce 
placebam verbessert hat; v. 18 nimmt er für das überlieferte 
vultus se magis ense (hse, isse) meos seine ganz verkehrte con- 
jectur vultus se maris isse suos auf, während man doch schon 
bei Meyer das richtige vultu se magis esse meo liest ; v. 21 hat 
er für das verderbte videbantur, das allerdings noch nicht emen- 
dirt ist , das ganz unverständliche ridebant in den text gesetzt. 
Und da sagt er noch: hoc epitaphium , quod multis vitiis macula- 
tum singulari cura emendavi. 

Der britische commentar ist allerdings fleissig gearbeitet, 
indem alle ansichten der früheren herausgeber in denselben zu- 
sammengetragen sind, aber er hat andererseits dadurch an Über- 
sichtlichkeit verloren. Auch bleibt es fraglich, ob all die er- 
klärungen eines Erasmus und anderer hier nochmals abgedruckt 
zu werden verdienten. Wenn Hauthal die griechischen Über- 
setzungen des Planudes und Scaliger anführte, so hätte er doch 
bei dem einen die fehler der abschreiber, bei dem anderen die 
druckfehler der offlcina Raphelengiana verbessern können. Denn 
dass diese verse in so jämmerlicher gestalt vorliegen, ist nicht 
die schuld der Übersetzer. 

Zum Schlüsse noch einige beitrage zur emendation des, 
wie schon oben bemerkt wurde , stark verderbten textes. I, v. 
10 cur culpas st. cum culpiant, v. 73 Servorum cidpa; v. 79 f. 
wahrscheinlich mit Versetzung der beiden ersten vershälften also zu 
schreiben: Cum fueris felix, notis haud parcas amicis, dapsüis in- 
terdum, semper tibi proximus esto, II, v. 16 at tempore; v. 95 In- 
dignos noli successus, III, v. 9 wahrscheinlich qua vitae, v. 15 f. 
Quae tibi fors dederit tabulis suprema notato: at eadem serva, ne sis 
quem fama loquatur, IV, v. 7 f. vielleicht Dilige denarium, sed parce, 
despice fenus, quod nemo sanctus nee honestus captat habere, wobei 
übrigens denarium nicht etwa als molossus sondern als choriambuB 
mit willkürlicher Verkürzung der zweiten silbe gelesen werden 



Nr. 8. 226. Cicero. 409 

muss, v. 71 Exerce studio qnamvis perceperis artem, v. 56 wohl 
amicum. 

226. Hugo Weber, Coniectmae Tullianae. Programm- 
abbaadlung des gymnasium zu Weimar. 1871. 13 s. 4. 

Vorstehende abhandlung bringt ausser einem kurzen latei- 
nischen briefe C'aroli Reisigii ad C. F. Heinrichium de loco quodam 
(10, 21) orationis pro Scauro — eine reihe von emendationsver- 
suchen Webers zu Livius und Cicero 'besonders Philipp. 1, 2 
und 3 und Tusculanen) und daneben auch conjecturen eines 
Anonymus zu Cic. Tusc. 1. 

Was die Weberschen vorschlage betrifft, so werden freilich 
schwerlich viele derselben auf allgemeinere Zustimmung rechnen 
dürfen. So wird z. b. Philipp. 1, 13, 31 gewiss nicht vestri animi für 
veterani zu schreiben sein ; schon die Wortstellung spricht dagegen, 
und der sinn verlangt vielmehr ein wort gleich dem Ernestischen 
senatus. — 1, 14, 35 scheint von Weber, welcher nee iueundus für 
das handschriftliche nee unetus vorschlägt , die doch schon von 
Halm halb und halb gebilligte emendation von P. R Müller (Philol. 
1858, XII, p. 315) nee munitus nicht beachtet zu sein, welche ent- 
schieden den Vorzug verdient vor dem Ostermannschen nee ul- 
lus (= von irgend einem werthe : ebendas. 1859, XIV, p. 331). 
— 2, 22, 55 soll mit Umstellung des genetivs belli geschrieben 
werden: Ut Helena Troianis belli, sie iste huic rei publicae causa 
pestis atque exitii fuit. Hierdurch würde aber der ausdruck bel- 
lum in einen gegensatz zu pestis -atque exitium hineingedrängt 
werden, welcher nicht sachgemäss ist. — Wenn 3, 5, 12 tum 
vero intolerabilius est geändert würde, so würde der lebhafte 
gegensatz, welcher zwischen den beiden begriffen misera und 
intolerabilis obwaltet, zu einem bloss graduellen unterschiede ab- 
geschwächt. Vielleicht ist zu bessern: tum vero res intolera